Sonniges Gedenken an die Schächentaler Windgällen

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( Langenthal ) Über den Wundern der Ferne vergiss nie die herrliche Natur, die silbernen Gebirg? deines Vaterlandes.

Gottfried Keller ) Erstarrt unter Frost war die Erde, und seit Stunden schon hatte die Nacht ihren Mantel über Niederungen und Bergwelt geworfen. Der Schächen!?ach, der uns entgegenhüpfte, liess sein munteres Lied erklingen. Donnernd oder gedämpft, je nach seinem Gefälle. Am aufgehellten Nachthimmel prangten wie funkelnde Diamanten die Girlanden der urewigen Sternbilder. Pickelhart gefroren die Klausenstrasse. Monoton die Schritte der zwei einsamen Berggänger. Ab und zu blitzte ein Funken vom kräftig genagelten Schuhwerk.

Dies war im November 1918 - wenige Tage nach Beendigung des Ersten Weltkrieges. Die Verkehrsverbindungen spielten sehr schlecht. Demzufolge traf ich mit Freund Heinrich, dem Initianten dieser in meinem Gedächtnis nur wenig verblassten Tour, nach samstagabendlichem Arbeitsschluss und endlos scheinender Bahnfahrt erst zu später Stunde im Hauptort Uris ein. Nur ein unaufhaltsames Gehen konnte in uns genügend Körperwärme erhalten. Von Bürglen weg Stille und Finsternis vor den Wohnhäusern und Gaden, nur da und dort spärliches Licht hinter Gardinen. 2 Uhr morgens fand in Urigen dieser 171-Kilometermarsch sein Ende. Ungefragt kuschelten wir uns in einem Stalle in den HeuhaufenJNebenan im Verschlag schnaubten Kühe und Kälber. Die warme Stalluft jedoch gab uns eine angenehme Geborgenheit.

Die Nacht dämmerte in einen klaren, schönen, aber äusserst kalten Morgen hinein. Voll Erwartung nahmen wir beim aufgeflammten Tageslichte dei Weiterweg unter die Füsse. Über die reifgeschmückten, steilen Weidhänge und vorbei an den! verlassenen Hütten der Mettenen-alp und des Mettener Butzlis kamen wir an den Fuss des Berges. Mächtig türmte er sich im winterlichen Gewände vor uns auf. Verschneit waren die ausgedehnten Geröll- und Schutthalden der Südflanke, in dünne Eismäntel gehüllt Stein upd Fels. Dennoch stiessen wir bis zum Kleinälplertor ( 2448 m ) vor, jenem markanten Felseinschnitt im Aufschwünge des Nordwestgrates. Dort, wie übrigens schon im Aufstieg, ward uns der Mühen Lohn: eine Sicht klar wie Kristall, ost- und südwärts in die Fels- und Firnbastibnen der Glarner und Urner, gen Westen und Norden über die mannigfach modellierten Rücken der weissgetünkten Vorberge hinweg, weit ins Land hinaus.

Aber die beissende Kälte setzte uns merklich zu. Derart ungünstige Verhältnisse vermochten nun doch dem jugendlichen Tatendrange einen Dämpfer aufzusetzen. Den Gipfel selbst anzugehen, verbot uns ganz entschieden die Vorsicht. Ungern stiegen wir ins Schächental zurück. Gottes schöne Natur entfachte aber von neuem die Wanderlust. Wiederum schritten wir eine beträchtliche Strecke der Paßstrasse ab, talaus zur Station Altdorf zurück.

Gar oft flogen in der Folge von nahen und entfernteren Punkten die Gedanken zu dieser die rechte Schächentalseite beherrschenden Kalksteinburg. Der Berg hielt mich irgendwie in seinem Banne; er schien mich zu rufen. 1947 war es so weit, und zum ersten Male stand ich am Gipfelsteinmann der Windgällen.

Schusters Rappen wurden diesmal bis Spiringen geschont, denn der Kurswagen der PTT rollte uns auf bequemste Weise in das prächtig an den Sonnenhang gebaute Bergdorf. Während im Mittelland draussen vielerorts eine grosse Dürre ihre knochigen Finger in die Heimaterde verkrallt hielt, schritt ich mit einigen Kameraden an herrlich grünen, vollsaftigen Bergmatten vorüber. Auf der Mettenenalp erlebten wir zusammen mit den Älplern beim kümmerlichen Schein der Petrollampe einen überaus gemütvollen Abendhöck. Die Silhouetten der ringsum aufstrebenden Grate und Hochgipfel, überdacht vom silbernen Riesenband der Milchstrasse, boten ein märchenhaftes Bild grosser Ruhe. Eine Weile noch hörten wir vom primitiven Lager aus bei Kuhglockengebimmel, Muhen und Plätschern im Stalle, begleitet vom Rauschen des Alpbrunnens, die « Kleine Nachtmusik » in einer extra, nichtsdestoweniger heimeligen Vertonung.

Das Gipfelziel, welches wir über die schuttreiche Südseite und über die Südostkante erklommen hatten, vermittelte uns im Lichte des recht milden Herbsttages einen ganz vollen Kratten imponierender Eindrücke. Ja » in der Tat, man bekommt immer etwas zu betrachten und zu belauschen in der lichten Höhenwelt! So streift den Seligschauenden dann und wann ein Hauch, wenn auch ein winziger nur, des Ewiggöttlichen. Nicht bloss die grandiose Rundschau beeindruckte uns tief, nein, schönheitsdurstige Augen können sich auch an den kleinsten Dingen erquicken. Für Momente bestaunten wir zwei Zitronenfalter, die mit ihren von den Sonnenstrahlen völlig durchleuchteten Flügeln, graziösen Ballerinen vergleichbar, in der Strömung der Gipfelluft umherflatterten. Und nicht minder weckten mit dem Gestein verwachsene, wundersam blühende Moospflänzchen unser stilles Entzücken.

Alte Liebe soll nicht rosten, sagt man, und so erlebte ich 1954 zum dritten Male denselben Berg. Dazu hatte ich die Freude, nicht nur die Klubtour führen, sondern vor allem einer Schar Kameraden die Schönheiten der Schächentaler Landschaft offenbaren zu dürfen. Wenn sich einzelne Gefährten an den rutschenden Steinriesenen im Anstieg über die Bänder zur Schulter auch weidlich ärgerten - ein Schritt obsi, ein halber Schritt nidsi -, so war dafür der Genuss an der anregenden Kletterei von der Schulter bis zum Gipfel um so grösser. Wie sieben Jahre zuvor, war die Aussicht äusserst beglückend, voll Weite und Klarheit. Schwere, über die Kämme der Maderanertalberge lagernde Föhnwolken zauberten an diesem strahlenden Septembertage eine jener Stimmungen hervor, die nicht nur momentan die Seele entflammen, sondern darin recht lange weiter zu glimmen vermögen.

Dreimal Schächentaler Windgällen - drei kleine Perlen! Bestimmt jedoch werden auch sie ihren Schimmer in meinem mit mancherlei Bergerlebnissen geflochtenen Lebenskranze beibehalten.

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