Ueber Nebelbilder

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Von

Prof. Albert Heim.

In den beiden vorletzten Jahrbüchern des S.A.C. finden sich Notizen von Herrn Prof. Dr. A. Baltzer über das « Brockengespenst ». Es wird unter diesem Namen diejenige Erscheinung verstanden, welche man in den Alpen und anderwärts Nebelbilder heisst. Es ist wohl ein sonderbarer Zufall, dass Herr Dr. Baltzer, der so viel in den Alpen herumsteigt, diese Erscheinung nach seinen Mittheilungen erst wenige Male beobachtet hat und desshalb für selten hält.

Die ächten Nebelbilder, so wie sie Herr Dr. Baltzer auf dem Dossenhorn gesehen hat und beschreibt, sind sehr häufig. Ich und Andere haben deren schon einige Male im Herbst auf dem Uetliberg und dem Zürichberg gesehen. Auf dem Gipfel der grossen Mythe beobachtete ich während der Aufnahme des Panorama's im Jahre 1866 und 1867 oft an einem Tage die Erscheinung wohl 20 bis 30 Mal. Dessgleichen auf dem Säntis, auf dem Glärnisch, auf dem Ochsenstock bei Richisau, auf dem Pizzo Centrale, an den Brigelser- hörnern, auf dem Scheerhorn, am Kistenpass, selbst in ausgezeichneter Weise und lange andauernd im September 1876 an einem Morgen von der Strasse bei den untersten Häusern von Pontresina aus, da der Nebel bloss im Thalgrund lag. Ich habe keine Statistik der beobachteten Nebelbilder notirt, weil mir die Erscheinung im Gebirge viel gewöhnlicher und häufiger vorkam, als der Kegenbogen, aber ich schätze, dass ich sie wenigstens schon einige hundert Male gesehen habe.. In den Jahren, in welchen ich fast während des ganzen Sommers im Gebirge herumstieg, habe ich unvergleichlich viel häufiger Nebelbilder als Kegenbogen gesehen.

Das Nebelbild besteht zunächst aus einem Schatten des Beobachters auf einer Wolke ( Nebel ), und ferner aus einem oder mehreren farbigen Ringen, von denen der hauptsächlichste ein Eegenbogen ist, nicht in Regentropfen, sondern in Nebelbläschen durch farbige Lichtbrechung erzeugt. Die Nebelbilder treten nach meiner Erfahrung ohne Ausnahme immer ein, wenn der Beobachter zwischen eine Nebelmasse und die Sonne zu stehen kommt, der Art, dass sein Schatten auf die weisse Wolke fällt. Sie sind desshalb in denjenigen Eegionen am häufigsten, wo man « zwischen den Wolken » steht. Man beobachtet sie dort oben sehr oft, wenn um Mittagszeit bei sonnigem, hellem Wetter die kleinen, " weissen « Schönwölken » in rundliche, scharf umgrenzte Formen geballt um die Gipfel schweben. Bald schwebt die Wolke frei, dann steht das Bild frei in der Luft, häufiger streicht der Nebel am Berge hin, dann baut sich das Nebelbild über den Umrissen des von oben gesehenen Abhanges auf, wie auf unserer Tafel III, Fig. 3. In den tieferen Regionen hingegen, im Hügelland, von Kirchthürmen oder von den Mastkörben der Schiffe auf den Meeren der kälteren Zonen sieht man Nebelbilder am häufigsten im Herbst, in der Zeit gleich nach Sonnenaufgang, da auf den Tiefen dicke Nebelschichten ruhen, in welche unser Schatten fallen kann. Wenn die Nebel von einer Luftströmung getrieben werden, ist oft nur für wenige Sekunden die erforderliche Constellation von Sonne, Beobachter und Nebel erreicht, so dass das Nebelbild kaum entstanden und erblickt schon wieder verschwindet. Auf den Gipfeln des Hochgebirges bei schwebenden balligen Wolken ist ein Anhalten der Erscheinung von mehreren Minuten schon aussergewöhnlich viel, wohl aber entsteht sie oft rasch auf 's Neue und kann sich in einer einzigen Stunde 10 bis 20 Mal wiederholen. Die Nebelbilder auf dem ruhigeren schichtförmigen Herbstnebel sind viel andauernder. Sie können sogar fast einen ganzen Tag unverändert bleiben. Sie werden aber seltener gesehen, weil hier die Bedingung, dass der Beobachter auf ganz freiem Standpunkte oder an der Kante eines Berges, welche eben von der Sonne tangirt wird, frei über den Nebel hervorragt, so dass sein Schatten nicht vor ihn zu seinen Füssen auf den Boden, sondern in den Nebel hinausfällt, viel weniger häufig erfüllt wird.

Das Nebelbild ist in seinem einen Theil, dem Schatten des Beobachters, eine objective Erscheinung. Weil die Nebelwand nicht eine Fläche ist, welche in einem Schlage alles Licht und allen Schatten auf- fängt, dringt der Schatten in der Richtung der Sonnenstrahlen und in der Umrissform des Beobachters von dessen Körper aus tief in die Wolke hinein, was eine sehr sonderbare Perspective ergibt. Je dichter die Wolke, desto schwärzer ist der Schatten, und desto schärfer sind seine Umrisse. Jeder Finger, den wir ausstrecken, wirft seinen schwarzen, je tiefer desto schärfer werdenden Schatten tief in die blendend weisse Wolke hinein. Unseren eigenen Kopf sehen wir stets nur in natürlicher Grösse im Schatten, weil unser Blick ganz in den durch ihn in der Wolke entstandenen Schattencylinder fällt, und letzterer somit ganz verkürzt erscheint. Bei dem Schatten eines ausgestreckten Gliedes aber sehen wir die Tiefe des Schattens, wir sehen seinen Weg von der Oberfläche der Wolke weit in dieselbe hinein, und dadurch erscheint der Schatten unglaublich verlängert. Im Ganzen sehen wir dadurch unseren Kopf und Brusttheil im Schatten auf dem Nebel in natürlicher Grösse, die Gliedmassen aber perspectivisch, nach vornen und nach der Tiefe verlängert. Noch niemals ist mir bei einem etwas länger andauernden Nebelbild der ganze Schatten riesengross erschienen, wohl aber bei rasch vorübergehenden. Es beruht dies offenbar auf einer Ueberraschung des Auges, das ihn beobachtete und unwillkürlich in zu grosse Entfernung versetzte. Wenn die Nebelwand etwas ferne von uns liegt, ist die Umgrenzung des Schattens ziemlich scharf. Viel komischer, gespenstischer wird der Eindruck, wenn die Nebelwand bis an wenige Meter an den Beobachter herantritt, oder ihn gar berührt. Je näher die Wolke tritt, desto verschiedener gross erscheinen durch perspectivische Täuschung die Schatten auf der Oberfläche und den verschieden tief in der Wolke liegenden Nebelschichten, so dass der scheinbar fernste, kleinste Schatten einen schwarzen Kern bildet, welcher tief in den weniger dunkeln grauen, scheinbar viel grösseren, in Wirklichkeit aber bloss näheren Halbschatten der näheren Nebelschichten liegt. Der Nebelbildschatten besteht eigentlich aus einer unendlich grossen Zahl von Schatten auf unendlich vielen verschieden tief in der Wolke drinnen liegen- den Nebelschichten, die den Schatten als ebensoviele Bildflächen auffangen.

Die scheinbare Grösse der Schatten, die 1 oder 2 oder 3, 4, 5, 6, 7, 8 etc. Meter tief in der Wolke liegen, nimmt in die Tiefe hinein ab im Verhältniss, welches durch eine Zahlenreihe wie 1k, Ve, 1h, 1ls, 1I », 1ko, Vu, x/i2 angegeben wird. Nach einer solchen Reihe sind die Schattenumrisse in verschiedener Tiefe in der Wolke drinn steckend construirt, wie wir sie in Taf. Ill, Fig. 2 dargestellt haben.* ) In Wirklichkeit sehen wir diese Umrisse nicht, da ihrer noch unendlich viele zwischenliegende vorhanden sind, wir sehen nur die in Taf. Ill, Fig. 3 dargestellte Schattirung, welche durch das theilweise sich Decken und dadurch Verstärken der Einzelschatten entsteht.

* ) Ist t die Tiefe des Schattens in der Wolke, C die Entfernung der Wolkenoberfläche vom Beobachter, b die wirkliche Grösse des Beobachters, so ist die scheinbare Grösse des Schattens in jener Tiefe in der Wolke, wenn das Auge auf die Wolkenoberfläche accommodii-t igt, _ c-b ~ C + t Alle Einzelschatten liegen hintereinander. Die Schatten, die hinter derjenigen Entfernung liegen, auf welche meine Augen accomraodirt sind, erscheinen mir kleiner, diejenigen, die näher liegen, viel grösser als normal.

Ein länglicher Gegenstand ( ein Glied, ein Stock etc ), der radial zum Auge des Beobachters steht, wird im Nebelbildschatten stark ausgeprägt, weil die. Sehlinie, die nach dem tiefsten Theile dieses Schattenkörpers in die Wolke hinein gerichtet ist, grösstenteils in den Schattenkörper fällt, und in diesem Falle für unser Auge die in verschiedener Tiefe in der Wolke liegenden Schatten sich decken ( vergi, das Bild ). Von den verschieden tief in der Wolke liegenden Schatten eines nicht radial zum Auge gerichteten länglichen Gegenstandes hingegen decken sich für das Auge des Beobachters nur einzelne; die Sehlinie schneidet den Schattenkörper schief; vor und hinter demselben sehen wir unbeschatteten Nebel. Solche Theile des Schattens erscheinen desshalb ganz schwach ausgeprägt. Durch das Vorherrschen der Radialschatten erhält das ganze Nebelbild einen strahligen Typus, dessen Mittelpunkt stets der Schatten des Kopfes des Beobachters ist.

Ein zweiter Beobachter, der in einiger Entfernung vom ersten steht, sieht den Schatten des ersten in der Wolke nur undeutlich, weil vor den beschatteten und hinter den beschatteten Nebelbläschen für ihn beleuchtete Nebelbläschen der Wolke liegen. Je mehr sich der zweite Beobachter dem ersten nähert, in umso spitzerem Winkel schneiden sich der Blick des zweiten und der Schatten des ersten, um so mehr durch den Körper des ersten beschattete Nebelbläschen liegen auf der nach dem Schatten des ersten gerichteten Blicklinie des zweiten, und um so deutlicher wird dadurch dem zweiten auch der Schatten de » ersten.

Man bemerkt die Schatten anderer Personen, die in einiger Entfernung stehen, oft nur, wenn sich dieselben bewegen, und in ruhendem Zustande nur, wenn sie ganz nahe getreten sind.

Herr Professor Rambert erzählte uns, dass unter ihm und seinen Begleitern, als dieselben zum ersten Mal ein Nebelbild sahen, ein komischer Streit entstand, weil Jeder behauptete, das, was man dort im Nebel unten sehe, sei sein Schatten, bis die gegenseitige Annäherung darüber aufklärte, dass Jeder nur seinen eigenen Schatten, aber nicht den des Andern deutlich sieht; ein schönes Experiment krönte diese Erkenntniss: Die vier Mann stellten sich alle dicht hintereinander und streckten in verschiedenen Richtungen ihre Arme aus, wodurch nun Jeder auf dem Nebel den Schatten eines Mannes mit vier Paar ausserordentlich langen Armen sah.

Die Erscheinung, welche der Schatten anderer Personen bietet, wird indessen sehr modificirt durch die Entfernung der Nebelwand. Je weiter von den Beobachtern die Nebelwand liegt, auf welche ihr Schatten fällt, um so eher können wir auch den Schatten der neben uns Stehenden sehen » Wenn die Entfernung des Nebels über etwa 100 Schritte beträgt, sehen wir manchmal auf einen Blick den Schatten des ganzen Berggipfels und der ganzen Gesellschaft auf der Wolke.

Je näher der Nebel tritt, um so mehr sehen wir blos noch unseren eigenen Schatten, und wenn der Nebel ganz an uns heranwogt, sehen wir den Schatten unserer eigenen Glieder, z.B. einer etwas ausgestreckten Hand nur noch, wenn sie sich bewegt, oder gar nicht mehr, sondern zuletzt nur noch den Schatten unseres Kopfes — und endlich hüllt uns selbst der Nebel ein, Schatten und Licht verschmelzen fast plötzlich im Nebelgrau — um so plötzlicher, je dichter der uns einhüllende Nebel ist. Der Schatten im Nebelbild wird also um so umfassender, je weiter entfernt von den Schatten werfenden Körpern die Nebelwand liegt, er wird für den Beobachter um so enger begrenzt, je näher an ihn heran der Nebel tritt.

Die Farbenringe der Nebelbilder sind eine subjective Erscheinung. Ob nur ein Beobachter oder ihrer viele seien, sieht doch Jeder nur seine eigenen Farbenringe, deren Mittelpunkt der Schatten seines Auges ist. Je dichter der Nebel einerseits, je glänzender der Sonnenschein andererseits ist, desto glänzender sind die Farbenringe.

Die Beobachtungen über die Farbenringe sind nicht genügend abgeklärt. Sicher beobachtet und vielfach wieder controlirt sind folgende Erscheinungen:

Zunächst um den Schatten des Kopfes des Beobachters sieht man mehrere, gewöhnlich drei, schwache an die « Höfe » erinnernde Farbenringe, welche roth aussen, grünlich bis violett innen haben. Der Winkel, welchen der Sehstrahl nach diesen Ringen mit der Richtung der Sonnenstrahlen bildet, beträgt nach Bou-guet 3°, 5V20 und 81/2 °. Ksemtz hat beobachtet, dass wenn der Nebel, der ein Nebelbild erzeugte, sich „ weiter bewegt, so dass er zwischen den Beobachter und die Sonne zu stehen kommt, nun Farbenringe ( Hofe ) um die Sonne entstehen, welche genau die gleichen Radien haben, wie die innern Farbenringe, die der gleiche Nebel im Nebelbild erzeugt. Bei verschiedenen Nebeln sind die Ringe etwas verschieden weit je nach der durchschnittlichen Grösse der Nebelbläschen. Diese innern Farbenringe sind oft sehr schwach, oft theilweise durch den Schatten selbst verdeckt. Sie entstehen ähnlich wie die Hofe durch Beugung der Lichtstrahlen. Die vordersten Bläschen beugen die Lichtstrahlen und beleuchten die hinteren mit gebeugtem, also farbigem Licht; diese letzteren hinteren Nebelbläschen ihrerseits reflectiren Licht nach uns, und dieses reflectirte Licht wird an den vorderen Nebelbläschen, bevor es uns erreicht, ebenfalls gebeugt. Nun folgt ein viel weiterer und meist kräftigerer Farbenring. Der Winkel einer Sehlinie nach demselben mit den Sonnenstrahlen beträgt 33 bis 41Bouguet, Scoresby ). Dieser Ring erscheint bei schwachen Nebelbildern blos glänzend weisslich, bei stärkeren farbig, doch schwach, etwa wie ein Mondregenbogen. Meistens sieht man nur roth aussen, grün innen, seltener unterscheidet man, wie beim Regenbogen, die sämmtlichen Farben; niemals erlangen dieselben den Glanz der Regenbogenfarben. Stets ist die Reihenfolge der Farben dieses Ringes die gleiche wie beim Regenbogen. Diesen Ring habe ich bei allen Nebelbildern beobachtet, und sehr oft ist er der einzige Farbkreis. " Wenn wir in der Zukunft kurzweg vom Farbenring sprechen, meinen wir stets diesen intensivsten Ring. Da wo er an den Schatten tritt, setzt er selbstverständlich wie die engeren Farbringe aus. Sehr selten wird das Nebelbild so intensiv, dass ausserhalb dieses Ringes noch ein fünfter schwacher weisslicher Ring entsteht, der nun dem äussern zweiten Regenbogen entspricht. Scoresby hat diesen äussern Nebel-bildring beobachtet, ich selbst habe noch niemals das Vergnügen gehabt, ihn zu sehen. Die Reihenfolge der Farben bei diesem äussersten Ringe konnte bisher nicht deutlich gesehen werden.

Die physikalische Bedingung, an welche das Entstehen der sämmtlichen Farbenringe gebunden ist, besteht in gleichförmiger Grösse der Nebelbläschen, oder wenigstens im Vorherrschen einer bestimmten Grösse derselben. Der Winkel, unter welchem dem Auge der Radius der verschiedenen Lichtkreise erscheint, ändert sich etwas mit Grösse und Dicke der Nebelbläschen. Bei dem Farbenring eines bestimmten Nebelbildes auf einer bestimmten Wolke ist der Winkel constant, welcher von der Axe, die durch die Sonne und unser Auge geht, mit dem Lichtstrahl gebildet wird, der von einer bestimmten Farbe des Ringes in unser Auge geht. Leider sind diese Winkel noch nicht genügend oft gemessen worden. Je ferner die Nebelwand, desto grösser wird dadurch der Ring auf derselben, je näher sie steht, desto enger wird er. Wenn unser Schatten auf eine weit abliegende Wolke geworfen wird, wird der Ring oft so gross, dass er einen weiten Rahmen um die Schatten einer ganzen Gesellschaft bilden kann. Je näher die Nebelwand tritt, um so enger wird der Farbenring, während der Kern unseres Schattens in seiner Grösse sich nicht ändert, da die Strahlen der Sonne so viel als parallel sind. Stets den Schatten vom Kopf des Beobachters im Centrum wird er so eng, dass er nur noch ein Schattenbrustbild umrahmt, und der Schatten unserer Beine ausserhalb des Far-benringes liegt. Wogt der Nebel dicht an uns heran, so verengt sich der Ring zum blossen farbigen Glorienschein um den Kopfschatten herum, während die engern hofartigen Ringe schon verschwunden sind, und hüllt endlich der Nebel uns selbst ein, so verschwindet er oft fast plötzlich; andere Male, wahrscheinlich nur, wenn tiefer in der Wolke noch eine dichtere Nebelschicht folgt, sehen wir wieder in der Wolke drinn, in deren äusseren Schichten wir stehen, einen, freilich sehr schwachen, matteren, grösseren weisslichen Ring. Auch dieses Verhalten ist dem Regenbogen ganz analog: Wir sehen den Regenbogen am deutlichsten, wenn wir noch nicht selbst im Regen stehen, er wird für uns schwächer, wenn sich auch über uns Regen ergiesst, so dass schon in unserem Rücken ein Theil der Sonnenstrahlen von den Regentropfen aufgefangen und für den vor uns liegenden Regen unwirksam gemacht wird. Die Farben des Nebelbildkreises liegen stets in ein und derselben Kegelfläche, deren Spitze in unserem Auge sich befindet. Die Grösse des Kreises wechselt mit der Entfernung der Nebelwand, in deren sonnenbeschienenen äussersten Schichten er am intensivsten entsteht. Der Farbenring bildet sich lange nicht so tief in die Wolke hinein, wie der Schatten dringt; er erscheint dem entsprechend gewöhnlich näher als der Schatten. Je dichter der Nebel, desto weniger bedeutend sind die Tiefenunterschiede der sämmtlichen Erscheinungen eines Nebelbildes, denn nun ist die Bildfläche des Ganzen durch eine dünnere Schicht Nebel vertheilt, als wenn derselbe dünn ist, wodurch die Projectionen tiefer in die Wolke eindringen.

Man sieht die glänzendsten Nebelbilder dann, wenn der Nebel den Beobachter selbst nicht im Geringsten erreicht, wenn in dessen nächster Umgebung und besonders gegen die Sonne hin die Luft möglichst rein und klar ist. Der Hauptfarbenring der Nebelbilder gehört nicht zu den Höfen, er ist nicht durch Beugung des Lichtes entstanden, wie die schwächeren engeren, sondern er gehört zum Regenbogen und entsteht durch Brechung und innere Reflexion in den Nebelbläschen.

Besonderer Hervorhebung werth scheinen mir noch zwei Nebelbilder, von welchen ich das eine auf der Rigi, das andere auf der grossen Mythe beobachtet habe. Der Nebel lag in beiden Fällen damals tief unten über den Seen und auf den Thalboden, wohl 1000 Meter unter dem Beobachtungspunkte. Einige Zeit nach Sonnenaufgang sah ich den Schatten des ganzen grossen Berggipfels, auf welchem ich mich befand, auf dem Nebelmeer und einen weiten Farbenring von über 1000 m Radius um den Schatten herum. Der Schatten des Gipfelpunktes bildete den Mittelpunkt des Farbenkreises, der dort unten auf dem Nebel etwa ein Kilometer Radius zu haben schien. Meinen eigenen Schatten konnte ich wegen seiner Kleinheit auf diese Distanz nicht unterscheiden; er 27 fiel mit demjenigen des Berggipfels zusammen. Der letztere schien scharf begrenzt, weil die Tiefe, in welche er in den Nebel eindrang, verschwindend klein war im Verhältniss zur Entfernung — er war wie der Schatten auf einer undurchsichtigen weissen Bildfläche. Wenn ich an der Kante des Mythengipfels ein Stück weit hinunterkletterte, konnte ich deutlich wahrnehmen, dass nun der King sich verschob und der Schatten derjenigen Stelle an der Bergkante, an welcher ich mich befand, den Mittelpunkt des weiten Farbenkreises bildete. Es ist dies nur das Extrem der Erscheinung, welches bei grosser Entfernung der Nebelwand eintreten muss.

Das Nebelbild verschiebt sich mit dem Beobachter. Wenn bei einem Nebelbild bei naher Wolke der Beobachter hin und her geht, entsteht dadurch eine sehr komische Wirkung.

Wir haben den Schatten und die Farbenringe zunächst einzeln betrachtet, fassen wir noch ihr Zusammenwirken in 's Auge:

Je entfernter die Nebelwand, desto weiter der Farbenring, desto kleiner der scheinbare Maassstab für den Schatten und desto mehr umliegende Gegenstände kann der Beobachter im Schatten sehen, desto umfassender ist das Schattenbild, das von dem Farbenring umrahmt wird. Je näher die Nebelwand, desto näher erscheint das ganze Nebelbild, desto enger wird der Farbenring, desto beschränkter das Schattenbild, bis es zuletzt sich nur noch auf den Kopf des Beobachters mit umgebendem Lichtkranz einschränkt, und alles erlischt, sobald der Nebel den Beobachter selbst einhüllt. Nach ungefährer Schätzung vermag bei etwa 10 Meter Entfernung der Nebelwand der Farbenring eben noch den ganzen Schatten des Beobachters zu umrahmen. Weil der Nebel meistens vom Winde getrieben bald ferner bald näher wogt, verändert sich Ausdehnung, Entfernung und scheinbare Grösse des Schattens und die Weite des Farbringes beständig, oft schneller, als das Auge den verschiedenen Entfernungen sich zu accommodiren vermag. Die Grössen-täuschungen werden dadurch viel auffallender und die ganze Erscheinung gewinnt ein rasches, traumhaftes, verwandelndes Leben.

Im Ganzen war der Eindruck, welchen Nebelbilder auf mich und meine jeweiligen Begleiter machten, stets ein heiterer, freundlicher, manchmal ein komischer, niemals aber ein unheimlicher. Es braucht eine schon von frühester Jugend durch Ammenmärchen zur Wucherung gebrachte Phantasie und eine auf Fabeln und Geistergeschichten viel erpichtere Natur, um das freundliche Nebelbild ein « Gespenst » zu nennen. Auf dem Ochsenstock bei Richisau beobachteten wir einst ein Nebelbild, das ào intensiv war, dass ein kleiner Hund, den wir mit uns hatten, darüber in grosse Verwunderung gerieth und zuletzt seinen ab- und zu-wogenden Schatten heftig anbellte.

Leider war ich bis jetzt meistens nicht mit Instrumenten versehen, welche eine sofortige rasche Messung der Winkel, Distanzen etc. ermöglichte.

Die Nebelbilder versagen nach meiner Erfahrung niemals, wenn die Sonne hell scheint, während auf der entgegengesetzten Seite eine Nebelwand sich findet, auf welche unser Schatten fallen kann. Gewöhnlich kann man schon im Voraus, wenn die Nebel umherstreichen, den Moment kommen sehen, da ein Nebelbild eintreten wird, und sich darauf vorbereiten. Ich hatte die meisten der von mir beobachteten Nebelbilder eine oder zwei Minuten, oft aber nur wenige Sekunden vorher erwartet und meinen Begleitern angekündigt. Wenn wirklich die genannte erwartete Constellation zwischen Beobachter, Sonne und Nebel eintrat, wurde die Erwartung niemals getäuscht. Es geht aus dieser Erfahrung hervor, dass jede Wolke stets eine grosse Menge gleichförmiger Wasserbläschen ( oder Kügelchen ?) enthält, wenn auch dieselben bei verschiedenen Wolken von verschiedener Grösse und Dicke sein mögen. Nebelbilder kommen zu allen Tageszeiten und bei allen Stellungen der Sonne vor, die einzige Bedingung ihrer Entstehung bleibt stets, dass unser Schatten in den Nebel falle.

Es ist auffallend, dass trotz der Häufigkeit die Nebelbilder doch gewöhnlich unbeachtet bleiben. Selbst unter den Führern und Jägern gibt es viele, welche die Erscheinung niemals beobachtet haben. Eine durch mich im Winter 1877/78 in der Section Uto veranstaltete Zählung ergab, dass kaum ein Dritttheil der Anwesenden schon Nebelbilder gesehen hatten. Wohl aber habe ich bereits in Erfahrung gebracht, dass im vergangenen Sommer mehrere der Mitglieder durch absichtliches Aufsuchen der nöthigen Constellation oder dadurch, dass sie überhaupt auf die Erscheinung aufmerksam waren, dieselbe auch trefflich zu beobachten Gelegenheit gefunden haben.

Ein Versuch, vom Gipfel des Ochsenstockes Nebelbilder stereoscopisch zu photographiren, ist leider durch plötzlichen " Witterungswechsel vereitelt worden, nachdem vor Ankunft des Photographen die Witterung so blieb, dass jede Stunde Nebelbilder entstehen mussten und an einem dieser Tage von uns auch in grosser Zahl gesehen worden waren. Immer strichen die kleinen silberweissen Wölkchen an der Schattenseite des sonnenbeschienenen Gipfels in die Höhe.Vielleicht gelingt dies doch'einmal. Der Photograph selbst hat natürlich ebenfalls unverwandt neben dem Apparate zu stehen, denn sein Schatten und der Schatten des Apparates werden im Nebelbild erscheinen.

Und endlich, Clubgenossen, möge Euch manches schöne Nebelbild mit sonst unliebsamen Nebeln versöhnen!

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