Unsere subalpinen Nachbarn

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Dr. H. Christ ( Section Basel ).

Von Wir können lange suchen in Nah und Fern, diesseits und jenseits der Alpen, ehe wir ein Exkursions-feld finden von dem Reichthum an allem Großen und Schönen, wie ihn unser altes, liebes Basel bietet. Lassen Sie mich, in der letzten Sitzung dieses Jahres, wo die Heimat uns doppelt anzieht, im Gesichtskreis der Heimat bleiben und Sie in ein Gebiet führen, das uns reichlich für den Mangel hoher Spitzen entschädigt, wenn wir uns mit gehöriger Wärme um seine Schätze bewerben: in die Vogesen und den Schwarzwald.

Welchem von uns schlägt nicht das Herz, wenn er in der Fremde an die herrlichen, blauen Gebirgslinien denkt, die sich, zu Kuppeln und Domen von edelster Anni. Vortrag, gehalten in der Altjahrssitznng 1883 des Basler S.A.C.

Zeichnung aufsteigend, in seine früliesten Jugenderinnerungen mischen und ihm für sein Leben den Inbegriff und Maßstab landschaftlicher Schönheit lieferten! Und wahrlich, einen sehr hohen Maßstab, denn einen schönern Hintergrund hat keine Landschaft, als die tiefdunkle Masse des Schwarzwaldes, wie sie ausklingt und abfällt in der reinen Glockenform des Blauen, mit dem herrlichen Schatten seiner Mittel-falte, und Poetischeres gibt es nichts, als die mächtige Wellenlinie der Vogesen, wie sie in weitester Ferne über der dunstigen Rheinebene schwebt, indeß bis in den Sommer ihre Schneefelder in mattem Glänze zu uns herüber winken.

Das Rheinthal, eine breite, lichthelle Stromfurche, trennt die beiden Gebirge, aber schon aus der Ferne vermuthen wir an den völlig gleichartigen Umrissen und Farben, daß sie beide wohl im Grunde Eines sind und nur allmälig im Laufe der Weltjahre durchsetzt wurden vom Rinnsal des Stromes. Wir Basler sind Jurassier; uns ist der gelbe und weiße, geschichtete Jura geläufig, mit seinen gebänderten Kalkbänken, die lang und träge hinlaufen, bis sie nur gelegentlich einmal schroff und senkrecht abgebrochen sind, um jenseits der Lücke sich genau in den gleichen Bänken wieder fortzusetzen. Uns ist der Buchenwald vertraut mit seinem dürren Boden, die Abhänge, welche mit stechendem Gesträuch über scharfkantigen Steintrümmern bewachsen sind, und wo die Sonne blendet. Die Töne unserer Landschaft gehören sämmtlich einer hellen Scala an, in Saftgrün und Gelb, in Weiß und hellem Roth.

Wie anders ist es drüben! Geschwungene Linien voll Majestät und Grazie; der große Rhythmus des Urgebirges mit seinen dunkeln Farben dunkle, glitzernde Forellenbäche, Felsen und Abhänge in den tiefsten, sattesten Farben von braun und dunkelroth; sandiges, wasserhaltendes Erdreich, die Blöcke von tiefem Moos und mannshohen Farrenkräutern überwachsen. Massen goldgelben Ginsters und die stolzen Stäbe des purpurnen Fingerhuts, und überall das Glitzern und Flimmern der Glimmerblättchen bis in den Staub der Straße und bis auf die Blätter der Pflanzen, das Anzeichen eines reichen, edeln Gesteines: des crystallinischen Urgebirges. Selten wird es dem Beobachter so gut, solche Contraste so nahe zu haben, und wenn man sich vertieft in die Einzelheiten, so wird man gewahr, daß sich die Contraste nur noch mehr verschärfen; hier am Rande des Jura auf warmem, trockenem Kalk steht der Buchs und die Flaumeiche der Mittelmeerzone; dort auf dem kalten Rücken der granitischen Vogesen der Quellen-steinbrech und die Luzula des hohen Nordens oder der Gotthardsee'n.

Wohlan, erlauben Sie mir, Sie durch dieses prachtvolle, uralte Hochland zu geleiten, um Ihnen in raschen Ueberblick das Besondere vorzuführen, das uns jene Berge im Norden unseres Panoramas bieten: Vogesen, Schwarzwald und ihr seltsames Schooßkind: Kaiserstuhl.

Als eine gewaltige Gneismasse mit breiten granitischen Durchbrüchen stellt sich das Hochland der Vogesen und des Schwarzwaldes dar; ein ganz selbststän- diges, ovales Gebirgssystem erster Ordnung, dessen Längenaxe von Norden nach Süden geht. Aber schon in sehr früher Zeit, schon zur Zeit der untern Steinkohlenformation ist dieses Massengebirge getrennt worden durch die später immer mehr erweiterte Spalte, durch welche jetzt der Rhein fließt; kein Erosions- oder Auswaschungsthal, sondern eine uralte Theilungsspalte des Gebirg«. In der östlichen Hälfte, dem Schwarzwalde, herrscht der Gneis, das schiefrige und hie und da selbst geschichtete Gestein, vor; in den Vogesen spielt der aus der Tiefe aufgebrochene massige Granit eine größere Rolle. Aber beide Gebirge haben ihren Steilabfall nach dem Rheinthal, nach der alten Spalte hin; beide flachen sich allmälig gegen ihren Außenrand ab. Die Vogesen gehen in allmäligem Abhang in das Triasplateau von Lothringen, der Schwarzwald in das Triasplateau Schwabens über. Gneis und Granit, hüben im Wasgau und drüben im Breisgau, sind stark zerklüftet und zerrüttet; das Wasser hat überall Zugang in große Tiefe und kommt, namentlich am badischen Rande des Schwarzwaldes, gewärmt als Therme aus dem Innern der Erde wieder herauf. Sie kennen Alle die Quellen von Baden-Baden.

Um und zwischen diesen Centralstock legt sich mm in Menge eine alte Geröllbildung, die an vielen Orten zu festem Porphyr zusammengebacken ist: die sogenannte Grauwacke. Sie sieht aus wie eine vielfarbige Nagelfluh, deren Bestandtheil aber meist zerflossen, in einander geschmolzen und mit einer Menge wohl später gebildeter kleiner Crystalle durchsetzt sind. Es ist ohne allen Zweifel zertrümmertes, zer-mahlenes, aber wieder zusammengekittetes Urgebirg. „ Keine andere Ablagerung ", sagt Sandberger, „ beweist schlagender, daß Schwarzwald und Vogesen nur Theile eines großen Urgebirgs sind, denn der Grauwackenzug erscheint Müllheim gegenüber bei Thann im Elsaß wieder und setzt tief in die Vogesen hinein fort. " In der That bestehen geradezu die höchsten Vogesengipfel aus diesem Trümmergestein der Grauwacke: der Ballon 1426 m, der Röthenbach, der Storkenkopf, während die schönste Gruppe, die des Hoheneck, 1366 m, aus Granit besteht. Im Schwarzwald gehören die dominirenden Höhen alle der Gneismasse an: Feldberg 1500 m, Belchen 1410 m, Blauen 1164™.

Es folgt ein Mantel mächtiger rother und grünlich sich verfärbender Sandsteine, zusammengesetzt aus Quarzsand mit Thon-Bindemittel, große Quarzmassen in sich schließend. Das ist der ältere Vogesensand-stein, der besonders im linksrheinischen Gebiet sich ausbreitet, und der jüngere, bunte Sandstein, der schon zur Trias zählt, zu jenem Trio von Muschelkalk, Keuper und buntem Sandstein, das den weiten Rand, die Basis der beiden Gebirge bildet, aus welchen sie aufsteigen, und den wir schon bei Grenzach berühren.

Nur in schwachen Fetzen klebt hie und da am Eingang eines Thales noch eine oder die andere Schicht von Jurakalk am äußern Saume an den Seiten des Rheinthals: so der schöne Corallenfels von Ist ein und die Oolithhügel bei Ruffach.

Dies ist in ganz groben Zügen die Geologie der Gebirge; sie sind ein uraltes Festland, ganz wie Scandinavien, und mit allem Recht könnte man sie einen südlich vorgeschobenen Vorposten der norwegischen Fjelde nennen.

Mit den Alpen haben sie nicht das Geringste gemein: der kalkige Jura schiebt sich aus dem Süden her als Riegel zwischen beide Systeme hinein und kehrt durch ganz Württemberg und Franken dem Schwarzwald seinen steilen, fluhreichen Absturz zu.

Vom Rheinthal steigen nun zahlreich und nur wenige Stunden lang die Querthäler gegen das wellenförmige, weite Hochplateau der beiden Ge-birgsgeschwister an; etwas offener in den Vogesen, etwas schmäler im Schwarzwald, und besonders schön, schluchtenartig und voll tiefer Felsenklammen auf der gegen die Schweiz gekehrten Südseite des Schwarzwaldes, wo wir im Wehr- und Albthal wahre Muster von Granitschluchten bewundern, deren Bruchflächen so frisch scheinen, als hätte erst gestern die Gebirgsmasse die Zerreißung erlitten. Und dennoch gebührt den der Morgensonne offenen Vogesenthälern, trotz ihres trägeren Reliefs, der Preis. Denn die Vegetation ist weit mächtiger und südlicher, als in den engern, kühlem Schwarzwald-thälern. Das Münsterthal bietet um Münster und bis Sulzeren, ja bis hinein zum Schmelzwasen Gruppen der zahmen Kastanien- und Nußbaum-gestalten, fast so schön, wie bei Interlaken und Montreux. Und auch der Wein der Vogesenseite ist um eine ganze Zone dem Wein des Markgrafen- landes an Milde und Balsam, wenn auch nicht an Aroma voraus. Auch nährt der Vogesensaum eine Anzahl von Pflanzen und Insecten, die uns geradezu in die insubrische Zone, die Gegend von Lyon oder in 's Wallis versetzen, ich nenne nur den Blasenstrauch, den Micropus und die Heterogynis pennella.

Ueber dieser warmen Thalregion breitet sich in den Vogesen sofort, ohne viel Laubwald, ein schwarzer, dichter Gürtel von Weißtannen aus; die Rothtanne ist hier vergleichsweise selten. Drüben im Schwarzwalde herrscht die Rothtanne in zum Theil wahrhaft prachtvollen, mastgleichen Hoch-stämmen. Die Schwarzwaldrothtanne ist um ein gut Theil gestreckter, schlanker, regelmäßiger, als die der Alpen, bringt es freilich nie zu dem dichten und feinen Gefüge schmaler Jahrringe, welches der alpinen Tanne ihren Werth als Stoff zu musikalischen Instrumenten verleiht.

Ueber der Weißtanne, wo schon bei 1100 und 1200 m die Baumvegetation kümmerlich wird, überrascht uns nun auf dem Rücken der Vogesen noch eine dichte, aber seltsame Buschvegetation; es sind Zwergbestände von Buchen, strauchartig, nur 10 bis 12 Fuß hoch, aber auf 's Engste verfilzt und einen undurchdringlichen Schirm gegen den entsetzlichen Wind und die Gewitter dieser unwirthlichen Zone bildend. Wie manch'liebes Mal haben mir diese trefflichen Buchenmassen Schutz gewährt gegen rasch heranbrausende Hagelwetter, oder haben dem vom Wind erschöpften Wanderer oder der erschreckten Heerde Rast und Sicherheit geboten! Denn die Vo- gesen empfangen die Winde und Niederschläge des Oceans aus erster Hand, sie sind das erste Gebirg, das der Weststurm, besonders der Nordwest antrifft, und gewaltig ist der Anprall. Man begreift, wie die Buche, die sich so sehr der Feuchtigkeit freut, doch von dem ewigen Ansturm, unter der wüthenden Peitsche des Orkans gezwungen wird, zu kriechen und sich mit den Aesten auf dem Boden zu verankern.

Drüben im Schwarzwald sieht 's an der Baumgrenze ganz anders aus. Da stehen vereinzelt, wie in den Alpen, Wettertannen und Wetterbuchen, denn auch hier steigt die Buche hoch und man kann an den Felshörnern des Belchen bei 1200™, kernhafte, einsame Bäume sehen, knorrig und dick, aber niedrig, mit eingekürzter, vom Sturme wie beschnittener Krone, dicht behängt mit weißlichen Usneen, wie die Arven unserer Hochalpen. Dann aber besitzt der Schwarzwald einen Baum, der die Hochmoore seiner großen Plateaux am Kniebis, am Kaltenbrunn, auf den Hornisgrinden malerisch bekleidet und sich schon in unserer nächsten Nähe, auf dem Torfstich von Jungholz, einzeln einfindet. Es ist die Bergföhre, die Latsche oder das Krummholz unserer Hochalpen, in einer etwas größeren Form als die, welche das Kalkgeröll unserer Alpen befestigt, und durchaus jener Form nahe kommend, die in den Hochmooren der norddeutschen Gebirge sich findet. Diese Bergföhren geben dem Schwarzwaldmoore einen herrlichen, tiefen, waldigen Farbenton.

Im Juni schwebt über diesen dunkeln Farben der lichtgelbe, liebliche Falter: Colias Palseno, der lappländischen und hochalpinen Fauna angehörig.

Wir sind allmälig zur alpinen Region, zu den Rücken und Gipfeln aufgestiegen. Denken Sie nicht klein, meine werthen Clubgenossen, von dieser Alpenregion, weil sie nicht die gewaltigen Neigungswinkel, die himmelstürmenden Abstürze hat, wie unsere Centralalpen, sondern weil sich wellenförmig, aber mit doch sehr ausgeprägtem Abfall nach außen, die Hochrücken und Flächen hinziehen. Denn in allem Andern haben diese Höhen Natur und Art der Hochalp in vollstem Maß. Es sind die gleichen strengen Farben, derselbe unterbrochene Rasen, untermischt mit strammen, breitblättrigen, schön blühenden Alpenpflanzen, dieselben kahlen Felsenplatten. Und an einzelnen, privilegirten Stellen fehlen auch die Abstürze, ja die Hörner unserer Finsteraarhorngruppe, wenn auch im Kleinen, nicht. Da, wo die Gruppe des Hoheneck in 's Münsterthal abfällt, sind die Abstürze steil, zum Theil senkrecht und über 200 m hoch, von Terrasse zu Terrasse gemessen. In mehreren Einbuchtungen fällt so das Gebirg in tiefschattige Kessel, deren jeder — es sind ihrer mehr als fünf — einen runden, trichterartigen Alpensee enthält, in den man herniederblickt aus schauriger Höhe, und die Riffe, welche diese Kessel: Wormspel, Fischbädle etc., trennen, werfen sich, namentlich an den c Spitzen Köpfen », zu den schönsten Nadeln auf, die aus über einander geworfenen Riesenblöcken gebaut sind, ganz wie die höchsten Gräte, die unsere Gletscherregion zieren.

Auch hier in den Vogesen ist die tausendjährige Arbeit der Gletscher mit Händen zu greifen. Jene kleinen Trichtersee'n sind alle ohne Ausnahme von bedeutenden Moränen gestaut; die aufgepflanzten Blöcke, Moutons der französischen Lothringer, sind zu Tausenden überall vorhanden, ganz so windschief und unmöglich hingeklinstelt, wie dies unsere lebenden Gletscher zu Stande bringen, und tief in den Thälern, an der Schlucht und bei Sitlzeren zeigen sich ganz gewaltige Stirnmoränen des alten Münsterthalgletschers.

Drüben im Schwarzwald ist dasselbe Phänomen, ein colossaler Steilabsturz in prächtigen Wänden und drunten ein zirkelrunder See mit seinem Moränenwall, dieser freilich schwächer angedeutet, im See-buck und Feldsee zu bewundern, nur daß hier der schönste, tiefste Tannenforst hereindringt zum See und ihn mit einem reizenden Schattenkranz umgibt.

Nicht nur Relief und Physiognomie dieser Höhen, auch die Pflanzenwelt ist eine recht alpine von allerhöchstem Interesse. Wir haben schon gesehen, daß der Jura unsere Gebirge von den Alpen absperrt. In der That ist ihre Alpenflora auch nur zum kleinern Theil den schweizerischen Alpen entlehnt. Bei der genauen Untersuchung dieser Flora fand ich vielmehr, daß das nordische Element eher vorherrscht und daeine Thatsache von großer Tragweite — ein namhafter Strahl gerade der eigenthümlichsten Arten der herrschenden Windrichtung entsprechend aus Westen stammt; aus dem pyrenäischen Gebiet, wobei die Auvergne als Brücke dienen mochte. Denn jene reizende Androsace, die den Gipfel des Belchen von Sulz ziert, die Angelica, die Jasione und mehrere Hieracien sind Pflanzen der pyrenäischen Flora und nicht weiter nach Osten vorgedrungen, als in die Vogesen. Der Schwarzwald ist schon ärmer an diesen westlichen Pflanzen; es fehlt ihm die Androsace und die Angelica, dagegen ist ein Hieracium ( prœruptorum Godr. ), das Mulgedium Plumieri und die Jasione in einzelnen, seltenen Exemplaren doch hinüber gedrungen, und es hat der Schwarzwald einzelne echte Alpenpflanzen schließlich doch zu erwerben gewußt, die den Vogesen nicht zukamen: so die Alpenerle, die gelbe Primel ( P. Auricula ), die Soldanella und das kleine Gnaphalium supinum, und mit diesen auch den Apollo, der den Vogesen fehlt. Seltsam ist es, daß die weiße Alpenanemone, welche in den Vogesen im Juni ganze Gebiete weiß färbt, nicht hinüber gelangt ist zu den doch höhern Rücken des Schwarzwaldes. Ich glaube constatirt zu haben, daß auch diese Anemone ( alpina L. ) nicht die alpine, sondern eher die centralfranzösische Form der Art darstellt.

Mehr noch, als diese Einzelheiten, werden Sie die Hochmoore anziehen, die sich in weiter Ausdehnung, hie und da in flache Wasserbecken übergehend, auf den Rücken beider Gebirge finden. Jenes wunderbare Torfmoos ( Sphagnum ) entfaltet hier seine Oekonomie in großartigster Weise. In seinen Tausenden von Polstern, welche sich zu einem riesigen Gesammt-polster zusammenschließen, bildet es den vollkommensten Schwamm, den die Natur bietet, empfängt, hält und filtrirt die Wassermengen, die vom Himmel niederfallen, und bringt so Ansammlungen des reinsten, crystallenen Wassers zu Stande, von denen jede, auch die leiseste Tendenz zur Fäulniß ferne bleibt. Das Sphagnum ist die vollkommenste Desinfectionsmaschine, die es gibt, und bereits hat sich auch die Chirurgie seiner bemächtigt und wendet es als das vorzüglichste Verbandmittel großer Wunden an. Seine Polster wachsen mit großer Energie nach oben; die untern Lagen sterben rasch ab und bilden bald jene compacte, absolut reine, tiefbraune Schicht, die schließlich als Torf ausgebeutet wird. In diesen Mooren glänzen nun die zierlichsten, vorwiegend nordischen Blüthen in Menge; zarte Steinbreche, die Montia der Quellen, die reizende Oxycoccos, zierliche Epilobien und die purpurgewim-perten Fleischfresser: die Drosera; drüber wiegen sich die silbernen Bälle des scandinavischen Wollgrases. Es ist ein unvergleichliches Landschaftsbild. Steigen wir nun von dem Kamm der Vogesen hinab gegen Lothringen, so tauchen wir rasch in eine der schönsten Waldregionen, die Mitteleuropa bietet. Es sind Wälder eigentlich großen Styls, welche hier die sanften, weithin fliehenden Gehänge bekleiden, und Buchen, wie sie hier bei 800 m Höhe am Retournemer stehen, sehen Sie so bald nicht wieder. Eine ganze Kette von See'n, die im Gérarmer ( 64üm ) stattliche Größe erreichen, füllt hier das Thal der Vologne aus, umgeben von Wald-mooren, die an die des nördlichsten Deutschlands und Schwedens mahnen. Die Wasserspiegel sind am Rande belebt mit einer Menge der schönsten Wasserpflanzen: die edle Calla palustris, die nordische kleine Seerose ( Nuphar pumilum ), die Scheuchzeria und auf dem seichten Grund die zwei Isoëtes, nebst der Subularia aquatica- Aber auch am Außenrande des Schwarzwaldes sind ganz ähnliche See'n, die, in die Länge gezogen, der Thalrichtung folgen: der Schluchsee und Titisee, mit einer ähnlichen Vegetation nördlicher Schwimmpflanzen.

Gedenken wir nun noch des ungeheuren Fernblicks, welchen die Höhepunkte dieser Gebirge uns eröffnen. Der Blauen gestattet einen Einblick in unser Basler Weichbild bis auf die mehr als zahlreichen Brücken der Stadt hinab. Vom Feldberg oder Belchen erscheint hoch über dem blauen Jura die Alpenkette vom Mont Blanc bis zum Allgäu in unvergleichlichem Glanz, und wenn auch kleiner, dafür in einer einheitlichen, höchst belehrenden Gruppirung ihrer Glieder, und nirgends lassen sich Sonnenuntergänge und Farbentöne schauen, wie auf diesen Höhen. Rundum taucht der Blick, über die schwarzblauen Rücken der Berge hin, hinab und hinaus in das Rheinthal von Basel bis Speyer, in die schwäbische Ebene, von den Kegeln des Hegau und dem langen nördlichen Jura: der schwäbischen Alp, begrenzt, und von der Vogesenhöhe in das helle, hügelige Lothringen, in die Thäler der Mosel, der Mörthe, der Maas und der obern Saône, wo eine endlose Parklandschaft bis zum warmen Rebgelände am Außenrande des Plateau sich ausdehnt, uns fern und unbekannt.

Der beste Standpunkt, um einen letzten Ueberblick der herrlichen Bergwelt zu gewinnen, die uns heute beschäftigt, ist die Höhe des Kaiserstuhl, der sich genau in der Mitte des großen Reinthals einsam, unmotivirt, überraschend erhebt. Er bildet ein ganz kleines System für sich, einen flachen Kegel von rundlichem Umriß, dessen Westrand den Rhein berührt. Aus einem Kranze von gelbem Löß steigt er sanft, aber plötzlich, auf. Durch dieses Lößband führen 10 bis 12 m tiefe Hohlwege bis zum Fels des kleinen Berges selbst. Es ist derselbe Löß, von dem schon bei uns am Bruderholz ein so mächtiges Lager ansteht; eine fein zerriebene Masse, deren Bestandtheil nur chemisch nachweisbar sind, und in welcher, seltsam genug, dennoch eine Menge von Landschnecken mit unversehrten, zerbrechlichen Schalen stecken. Erst Richthofen hat im fernen westlichen China den Ursprung dieser Ablagerung erkannt; sie verdankt weder dem Wasser noch den Gletschern, sondern einer anscheinend weit schwachem Oewalt, dem Winde allein, ihren Ursprung. In einer langen, trockenen Periode, die auf jene der großen Oletscher folgte, hat lediglich der Wind aus dem Bereiche der Alpen diese feinen Staubtheile zusammengeweht und sie am Rande des Rheinthals .angelegt, was auch allein die Erhaltung zarter Schneckenschalen in der dichten Masse erklärt.

Der Leib des Kaiserstuhls selbst zeigt nun sofort, daß er nichts ist, als ein in später Zeit erfolgter vulkanischer Ausbruch, der es nicht zu einem Krater, nur zu einem bald erkalteten conischen Stock von Lava gebracht hat. Denn Lava, erkaltete Lava ist in der That das Gestein, das uns hier in charak- teristischer Gestalt, schwarz, schwer, mit glasigen Luftblasen und gewundenen Spalfen, entgegentritt, in denen die mannigfaltigsten Crystalle der vulkanischen Gebirge schimmern. Dieser Diorit oder alte Lava bildet das Entzücken der Mineralogen, mit all' dem Arragonit, Olivin, Leucit, Hyalit und wie die reizenden Gesteine alle heißen, die sich fast ganz gleich in der neuen Lava des Vesuv und Aetna wiederfinden. Die Höhe des Kegels, die Neun Linden, 580 m übersteigt die Culturregion nicht. Die Pflanzenwelt dieses kleinen Massivs ist eine warme, südliche und bietet, außer der allgemeinen Flora des Rheinthals, mehrere Besonderheiten, die in weitestem Umkreis nur hier sich finden ( Seseli Hippomarathrum, Alsine setacea ). Der äußerst fruchtbare Boden, den die Zersetzung des vulkanischen Tuffs bildet, bietet den Pflanzen der Kalk- und der Kieselgebirge gleich günstige Unterlage dar, daher die Fülle der Arten, unter denen besonders sämmtliche, auch die auserlesensten Orchideen unserer Gegend, durch massenhaftes Auftreten sich bemerklich machen.

Das Unvergleichliche aber ist beim Kaiserstuhl die Aussicht, die seinen hohen Namen mehr als rechtfertigt. Die Steilseiten beider Gebirge, der Vogesen und des Schwarzwaldes, liegen mit allen Thälern und Höhen vor uns aufgeschlossen; dieser majestätische Gebirgskranz, hinfließend in den herrlichsten Wellenlinien, umrahmt die cisalpine Lombardei: jenes einzige Rheinland von Basel bis Straßburg, um welches schon seit einem Jahrtausend die Culturvölker rangen, dessen Besitz ihnen mit dem 28 Blut ganzer Stämme, ganzer Generationen nicht zu theuer erkauft schien.

Im Süden zieht leise und fern der Jura von Montbéliard bis Basel die Grenze, im Norden der Vogesenarm, aus dunkelrothem Vogesensandstein gebildet, der vom Jägerthal gegen Weissenburg streicht.

Und nun all' die Städte, Städtchen, Dörfer und Gehöfte, die zu Tausenden als eine Perlenschnur den Saum der Gebirge umziehen. Hier zeigen zahllose, stolze Thürme, daß wir im Herzen der germanischen Cultur, im Lande der gothischen Münster stehen, und auf allen Höhen blicken die Ruinen der Ritterburgen gebrochen, in elegischer Wehmuth auf das blühende Leben der Thäler nieder. Welch'unsäglich herrliches Land! Und wie glücklich sind wir Schweizer, daß wir neidlos und in gleicher Sympathie, unberührt von den furchtbaren Kämpfen um Macht und Besitz, ungekränkt von nationaler Eifersucht, den hochbegabten Menschen beider Gebirge die Hand reichen dürfen!

Welch'originelle, kräftige Volksindividualitäten! Der Breisgauer und Schwarzwälder ist um eine Culturepoche dem Bergbewohner des Wasgau voraus. Im Elsaß hält sich die Weltindustrie in den Thälern und ist lediglich Sache des Stadtbürgers, auf den Rücken des Gebirgs und schon im Weinland ist davon keine Spur mehr; uralte bäuerliche Sitte, dem Fremden und Neuen abhold, hält den Winzer wie den Sennen der Alphütten in ihrem Bann. Wie anders drüben im Schwarzwald! Wo in den hohen Vogesen nur eine sehr primitive Milchwirthschaft herrscht, die sich in der Bereitung kleiner Käse seit Jahrhunderten bethätigt, ist auf dem hohen Plateau des Schwarzwaldes die große Industrie des Holzes, der Uhren, der Spindel bis auf die obersten Rücken gedrungen. Der Schwarzwälder ist gänzlich und — darf man es sagenfast allzu sehr auf der Höhe der modernsten Cultur, und schon spitzt sich auch sein'Deutsch zum schulmäßigen Ausdruck zu. In den Vogesen lebt heute noch in Zähigkeit das rauhe, uns so unendlich anheimelnde Idiom der alemannischen Urzeit ungebrochen, und in Sitte und Sage und Glauben stehen wir mitten im farbenreichen, romantischen, rohen Mittelalter. Zum Beleg theile ich ein Bekenntniß meines sei. Freundes Kirschleger, des besten Kenners des Wasgau, aus dem Jahr 1858 mit:

„ Ces vallées font partie de la France depuis deux siècles, et à peine remarque-t-on dans ces races germaniques une pâle lueur de la civilisation française, une légère trace de l' influence gauloise ou romane. "

Und doch, ist etwa dieses Volk mit fliegenden Fahnen, mit Begeisterung zum deutschen Reiche zurückgekehrt, als in den Gewitterstürmen von 1870 auf die zweihundertjährige Eroberung die Vergeltung folgte? Mit nichten! Diese Bergleute wechseln ihre Ueberzeugungen nicht wie ein verbrauchtes Kleid. Es braucht Generationen, um ihre Sympathien zu gewinnen, denn ungefärbte Treue ist das Erbtheil des Wasgauers, sie fragt nicht nach Gründen und wägt nicht den Vortheil, sondern findet im Beharren ihren Stolz und ihren Lohn. Es ist für uns Schweizer eine Ehre, solche Nachbarn zu haben; mögen ihnen die Prüfungen und Stürme, die schon wieder am Horizonte grollen, gnädig erspart sein, und wenn nicht, so wissen wir: sie werden sie mit Ehren bestehen!

Es wäre mir eine Freude, wenn es mir sollte'gelungen sein, Ihnen, den Männern der großen Höhen, ein zwar niedriges, aber doch in jedem Belang ebenbürtiges Nachbargebiet etwas näher gebracht zu haben, das mit dem Opfer zweier Tage leicht besucht werden kann, und das mich wenigstens nie anders als neu gestärkt, gehoben und bereichert aus seinem bestrickenden Banne entlassen hat.

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