Zur Frage des alten Passes zwischen Grindelwald und Wallis

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A. Waber ( Section Bern ).

Von Nach einer bekannten Tradition soll einst ein directer gangbarer Paß zwischen Grindelwald und Fieschim Oberwallis bestanden haben. Der Paßweg begann auf der Bernerseite bei der Nellenbalm, am Ende des unteren Grindelwaldgletschers, wo einst eine Kapelle der heiligen Petronella stand, und endete bei einer andern Petronellakapelle oberhalb Titerten an der Zunge des Fieschergletschers. Er soll leicht gangbar gewesen sein, so leicht, daß ihn im Jahr 1211 Berthold V. von Zubringen nach seiner Niederlage bei Ulrichen zum Rückzug in 's Oberland benutzen konnte. Die Grindelwaldner überschritten den Paß, der sogar einen Saumweg gehabt haben soll, auf der Reise in 's Fiescherbad, das vor einigen Jahrhunderten durch einen Bergsturz verschüttet wurde, die Walliser auf der Wallfahrt zur heiligen Petronella in der Nellenbalm. Nach der Reformation, von der Mitte bis gegen das Ende des 16. Jahrhunderts gingen die protestantischen Walliser auf diesem Wege nach Grindelwald zur Trauung und trugen auch ihre Kinder zur Taufe hinüber. Später sei dann der Paß durch einen großen Vorstoß der Gletscher vereist und unwegsam geworden, so daß drei Grindelwaldner, die 1712, im Toggenburger Krieg, den alten Paß zur Flucht aus dem Wallis benutzen wollten, den Uebergang nur mit äußerster Mühe und Gefahr erzwingen konnten. An welcher Stelle der Paßweg den Kamm des Gebirges überschritten habe, sagt uns die Tradition nicht.

Aufgezeichnet wurde diese Ueberlieferung erst 150 Jahre nach der Verödung des Passes. Die Grindelwalder Chroniken, die Herr Pfarrer Straßer publicirt hatJ ), wissen davon nichts, und die älteren Kartographen, Topographen und Chronisten der Schweiz, deren Werke vom Ende des 15. bis zum Anfang des 17. Jahrhunderts erschienen sind, also zu einer Zeit, in der der Weg von Grindelwald nach Piesch offen und stark frequentirt gewesen sein soll, kennen — oder nennen wenigstens — den Paß nicht.

Konrad Tür st's Landtafel der Schweiz ( 1495—97 ), Tschudi's Schweizerkarten ( 1538 und 1560 ), Sebastian Münster's Karte der Eidgenossenschaft ( 1544 ) nennen von den Pässen zwischen Bern und Wallis nur die Grimsel und die Gemmi; jedoch kennt Münster 2 ) außerdem den Lötschberg und den Sanetsch 8 ), und Johannes Stumpf ( 1545 ) fügt diesen vier Pässen als fünften den Kawyl bei4 ).

Dieselben fünf Pässe nennen auch der Zürcher Josias Simler ( 1574)5 ) und der Berner Stadtarzt Thomas Schöpf ( 1577)6 ). Schöpf, der im Oberland sehr gut Bescheid weiß, kennt auch eine Petronellenkapelle bei Grindelwald, am Fuße des Mettenberges; Rebmann ( 1605 und 1620)7Der Gletschermann, Familienblatt für die Gemeinde Grindelwald, herausgegeben von G. Straßer, Jahrg. 1890, Nr. 41—47, pag. 165 u. ff. ( Grindelwald und Bern 1890 ).

2Sebastian Münster: Cosmographia universalis, Lib. III, de Germania, pag. 333.

3 ) Karte des Wallis 1. c. bei pag 331. ( Basel 1544. ) 4 ) Johannes Stumpf: Gemeiner löblicher Eydgnosschaft Stetten, Landen und Völckeren Chronikwirdiger taaten Beschreybung. ( Zürich 1548. ) Stumpf, der das Wallis „ von oberist biß zuo undrist aus durchwandlet ", drückt sich über die Pässe zwischen Bern und Wallis sehr bestimmt ans. Er schreibt: ( Vom Land Wallis, pag. 319. ) „ Auff Mittnacht hat das Land Walliss dise päss und straassen: Erstlich ze oberist von Gestilen steigt man über die rauhen Grimßlen zum Ursprung der Aar in das Hafolithal. Hinder Raron aus dem Lötschthal gadt ein gfarlicher paß über den Lötschenberg in Gastrun auff Bern und durch das Frutingerthal. Auf disem Lötschenberg verdärbend vil menschen die im schnee verfallend, dann er ist für anders unwägsam und grausam ze wandeln. Von Leuck durch das Baderthal über die wilde Gämmi intz Frutingenthal- Von Syder über den Rawin in 's Sibenthal. Von Sitten gadt ein pasß über den Berg Sanetsch in das Sanenthal. "

5 ) Josias Simler: Vallesise descriptio, pag. 12, 20, 21, 25 ( Zürich 1574 ).

" ) Thomas Schöpf: Inclytse Bernatum Urbis cum omni ditionis suse agro et provinciis delineatio chorographica ( Basel und Straßburg 1578 ), mit 2 Bänden Text ( Manuscript des Berner Staatsarchivs von 1577 ).

7 ) Hans Rudolf Rebmann: Ein Lustig und Ernsthafft Gastmahl und Gespräch zweyer Bergen ( Bern 1605 ), 2. Ausgabe „ vermehret und verbessert durch seinen Sohn Valentin Rebmann " ( Bern 1620 ). Die Aufzählung der Pässe, für die jedenfalls Stumpfs Chronik als Quelle gedient hat, findet sich pag. 327 der Ausgabe von 1620, die Erwähnung der Petronellakapelle, pag. 487.

„ An diesem Berg bey Petronell Darvor ein Wallfart und Capell Im Babstumb auffgerichtet war, Ein großer Gletscher hanget dar, Hat gantz bedeckt dasselbig ort... "

verlegt dieselbe an den Fuß des Eigers, also wohl zur Nellenbalm, und weiß, daß dieselbe ein Wallfahrtsort war; aber weder Schöpf noch Rebmann erwähnen den Paß, der von dieser Petronella zu der andern am Fieschergletscher geführt haben soll.

Daß die späteren Schweizer- und Bernerkarten von Gyger ( 1634 ), Piep ( 1638 ), Matth. Merian ( 1642 und 1655 ), Zollinger ( 1684 ), Muoss ( 1698 ), Scheuchzer ( 1712 ) u. s. w. den Paß von Grindelwald in 's Wallis nicht verzeichnen, hat nichts Auffallendes, da derselbe zu ihrer Zeit schon nicht mehr existirt haben soll.

Die erste gedruckte Notiz über den Wallispaß 1 ) von Grindelwald linden wir bei Altmann1751 ), wo sie noch recht vorsichtig lautet: „ nach der allgemeinen Annahme soll ehemals ein Weg aus dem Grindelwald über diesen Eisberg ( se. Fieschergrat ) in das Wallis-Land gewesen seyn; wir wollen diesem Vorgeben nicht wiedersprechen, es kan gar wohl sein, daß man ehemals über diesen Eisberg in das benachbarte Wallis-Land hinübergegangen, weil bekannt, daß an verschiedenen Orten Wege über die Eisberge gehen. Es kan auch gar wohl seyn, daß an ebendem Ort das Eis und Schnee sich so vermehret, daß der ehemalige Weg unbrauchbar worden " ). An einer andern Stelle 3 präcisirt Altmann die Lage des Passes „ zwischen dem Fieschhorn und dem Eiger ", erwähnt einen Uebergang von 1712 von Grindelwald nach dem Wallis und meldet, daß am mittleren Mettenberg, also auf der rechten Seite des Gletschers, Ueberreste der Petronellakapelle vorhanden seien4 ).

Ueber Türst vergl. Jahrb. des S.A.C., XVIII, Prof. G. Meyer v. Knonau: die älteste schweizerische Landkarte, pag. 328 u. fl.; über Stumpf, Jahrb. XIX, derselbe: eine Schweizerreise eines Gelehrten im 16. Jahrhundert, pag. 417 u. ff.: über Rebmann, Jahrb. XXVI, Prof. Graf: einige bernische Pioniere der Alpenkunde, pag. 319 u. ff.

Grüner ( 1700spricht sich schon bestimmter aus:man weiß, daß dieses Bergthal ( sc. der untere Grindelwaldgletscher ) ehemals ein offener und großer Paß gewesen, dessen sich die Grindelwalder nach dem... Fiescherbad in Wallis, die Walliser aber zu einer Wallfahrt nach der heil. Petronella in Grindelwald bedient haben.Von der Petronellakapelle hat er keine Spur entdecken können, und läßt er an einer andern, weit weniger zuversichtlich lautenden Stelle dahingestellt, wo die Kapelle gestanden habe und ob sie wirklich, wie es die Tradition haben will, vom Eise zugedeckt worden sei2 ). Dagegen kennt er den Uebergang von 1712 aus dem Wallis nach Grindelwald und erzählt, wie die drei Flüchtlinge ohne große Beschwerde bis zu oberst auf die Berge gelangt seien, auf der Grindelwaldseite dann aber pures Eis getroffen hätten und genöthigt gewesen wären, Tritt für Tritt mit dem Beile der Eiswand abzugewinnen und Tag und Nacht zu arbeiten, bis sie endlich das Thal erreichten 3 ).

Nach Altmann und Grüner, die nun bereits als Autoritäten gelten, mehren sich die Erwähnungen des Passes; wir finden solche bei Herrliberger ( 1774 ), Zurlauben ( 1780 ), Coxe ( 1781 ), bei Besson und bei Storr ( 1786 ), Bourrit ( 1787 ), Meiners ( 1788 ) u. s. w. Aber nur Wenige bringen Neues: Zurlauben 4 ) berichtet, daß die Petronellengloeke aus der Kapelle in die Pfarrkirche von Grindelwald gebracht worden sei. Bei MeinersB ) wird der erste Zweifel an der Glaubwürdigkeit der Tradition laut: „ Ein sehr unterrichteter Freund ( vielleicht J. S. Wyttenbach ?) schreibt mir, daß dieser Paß eine bloße Ueberlieferung sei, die weiter keinen Grund habe. " Ebel ( 1804 und 1820)6 ) erwähnt an zwei Stellen Spuren des alten Paßweges im Fiescherthal, das eine Mal vorsichtig: „ wovon noch Spuren übrig seyn sollen "; das andere Mal bestimmt: „ man sieht dort im Vieschthale sogar noch Eeste des ehemaligen Weges nach Grindelwald und das Vieschthal ist jetzt gleichfalls fast ganz mit Eis gefüllt ".

pag. 483 ) zu thun geneigt scheint, ist denn doch sehr gewagt. Man müßte in dem Falle dann gerade drei annehmen, da Grüner noch einen dritten Ort, im Dorfe, weit vom Gletscher, erwähnt.

Am ausführlichsten finden wir die Tradition bei Joh. Rud. Wyß, dem Jüngeren ( 1817, behandelt.

Wyß weiß, daß 1561 eine Hochzeit und 1578 eine Kindstaufe über den Wallispaß nach Grindelwald gekommen sind, daß vor 1595 reformirte Walliser nach Grindelwald kamen, um sich einsegnen zu lassen, und daß es in Grindelwald mehrere Geschlechter gibt, die ursprünglich im Wallis zu Hause waren, was sich „ nach dermaliger Vergletscherung des Gebirges nur sehr gezwungen erklären ließe ". Er findet auch, allerdings nur mit Hülfe der Tradition und mit viel gutem Willen, den Schutt der Petronellenkapelle in der Nellenbalm, glaubt von dem alten vorbeigehenden Wege ganz deutliche Spuren zu sehen und berichtet, es sei zu Fiesch noch eine zweite Petronellenglocke vorhanden, die von den Wallisern nach der Reformation hinübergeschafft worden sei, was sich über Grimsel oder Gemmi schwerlich hätte bewerkstelligen lassen.

Nach Bridel ( 1820 ) 2 ) soll der Paßweg von den letzten Weilern des Fiescherthals über den Aletschgletscher und die Abstürze des Mont St. Antoine ( Antönienberg)3 ), also wohl zum Mönchjoch gegangen sein.

1Wyss: Reise in das Berner Oberland, II, pag. 660 u. ff. ( Bern 1817 ).

2Bridel: Essai statistique sur le Canton du Valais, pag. 92 ( Zürich 1820 ).

3Was Bridel unter Mont St. Antoine versteht, ist nicht zu ermitteln. Nach Stumpf ( 1. c, pag. 343 ) ist der Antönienberg ein hoher Berg oberhalb Betten und Goppisberg bei Morel. Simler schreibt ( I. c, pag. 14 ): „ supra Morgiam ( Morel ) ad Rhodanum prata sunt et pascua amoena atque non paucae domus, similiter in vicino monte Bitta et alii viculi occurrunt et supra hos altissimus mons ab Antonio nomen habet. " Rebmann ( 1. c, pag. 330 ) sagt:

Antönienberg hat Gütter, Wiesen, Von denen viel glitt brunnen fließen.

Man könnte daraus schließen, unter Antönienberg sei die Kette des Eggischhorns zu verstehen. Bei späteren Autoren, so bei Altmann ( 1. c, pag. 139 ) und Grüner ( 1. c. 42 ) ist aber der Antönienberg ein Hochgipfel und Walser's Karte ( Vallesia, Homann'scher Atlas, Nürnberg 1769 ) setzt ihn ungefähr dahin, wo das Aletschhorn stehen sollte. Später verschwindet der Berg aus den Karten; schon die Weiß'sche „ Carte d' une partie très interessante de la Suisse ", 1796, kennt ihn nicht mehr; einzig die Wörl'sche Karte der Schweiz ( Freiburg i./B. 1831-35 ) nennt in ihren Blatt Locarno den Bergsporn bei Greich unterhalb der Riederalp zwischen dem Dorfgraben von Morel und dem Tiefenbach Antoniusberg. Ein guter Kenner des Wallis, Herr Raphael Ritz in Sitten, schreibt mir dagegen: „ Mit dem Namen St. Antoniberg wird eine kleine Kapelle bezeichnet, die im Walde unterhalb Beialp liegt und dem hl. Antonius dem Eremiten gewidmet ist.... Die Form Antonien kommt im Walliser Dialekt nicht vor. " Es hält bei diesen sich widersprechenden Angaben schwer, sich eine feste Meinung zu bilden; das aber geht aus denselben sicher hervor, daß Studer's Annahme ( Jahrb. XV, pag. 507 ), es seien unter dem Mont Saint Antoine Bridel's die Märjelenalp oder die Schafweiden am westlichen Fuß der Walliser Fiescherhörner zu verstehen, nicht stichhaltig ist.

Kasthofer ( 1822 ) wiederholt eine Notiz Grnner's ( 1. c. III, p. 150 ) über den heißen Sommer und den tiefen Gletscherstand des Jahres 1540 und fügt hinzu, daß auf dieses Minimum im Jahr 1600 ein Maximum des Gletscherstandes gefolgt sei. Wahrscheinlich sei die Petronellenkapelle von Grindelwald im Anfang des 17. Jahrhunderts von dem vorrückenden Gletscher bedeckt worden.J ) Rohrdorf ( 1828 ), der die Übergangsstelle am jetzigen Mönchjoch sucht und findet, meldet, daß nach Aussage der Einheimischen der Wallispaß einen Saumweg gehabt habe. 2 ) Hugi ( 1830)8 ) befaßt sich, wie Wyß, sehr eingehend mit der Frage und bringt allerlei Neues: Es soll auch im Wallis am Fieschergletscher oberhalb Titerten eine Petronellenkapelle bestanden haben, die ebenfalls vom Gletscher zerstört worden sei. Die Stelle dieser Kapelle ist ihm von einem Aelpler gewiesen worden. Von dieser Kapelle, nicht von derjenigen von Grindelwald, stammt die Walliserpetronellenglocke, die aber schon zu seiner Zeit nicht mehr vorhanden war. Es soll übrigens noch andere Petronellenkapellen geben, so am Rhonegletscher und im Tirol, und zwar immer an wilden Bergpässen. Als die muthmaßliche Stelle des Joches bezeichnet er den Grat zwischen den beiden Walchenhörnern4 ), wohin man vom Zäsenberg leicht gelangen könne. Daß der Paßweg weiter westlich den Fieschergrat überschritten und zum Aletschgletscher geführt haben könnte, bestreitet er, da ein solcher Weg nicht zur Kapelle bei Titerten geführt hätte. Aus dem vermeintlichen Datum der Petronellenglocke 1044 5 ) und dem angeblichen Uebergang Berthold's von Zähringen 1211 schließt er, daß der Paßweg mindestens 6 Jahrhunderte üblich gewesen sei.

Hugi ist aber später ganz anderer Ansicht geworden. Nachdem er selbst das Hochgebirge von Grindelwald genauer studirt und im Jahr 1832 den uebergang über den Wallispaß vergeblich versucht hatte, kam er zu der Ueberzeugung, daß „ ein geregelter Uebergang und sogar ein Saumweg " über den Fieschergrat zu den „ Hirngespinnsten " gehöre. Die von ihm erwähnte Wegspur am Fieschergletscher rühre von einem alten Wege her, der nur zu den obersten, jetzt vergletscherten Alpen geführt habe. Bei einer „ früheren tiefen Gletscherperiode " möchte allerdings der Uebergang leichter gewesen sein, aber auch „ wenn wir alle diese Eisgebilde wegdenken, treten uns die Gebirgsgebilde in solcher Schroffheit und Wildheit entgegen, daß wohl ein Emporklimmen, aber kein üblicher Weg, wie er, ohne daß man ein Beispiel anführen kann, behauptet wird, möglich gewesen wäre".1 ) Venetz ( 1833)2 ) erwähnt Spuren des Paßweges, aber ohne nähere Ortsbezeichnung als „ du cote du Valais ", und berichtet, daß zur Zeit, als das Wallis französisch war ( 1810-14 ), Schmuggler den Uebergang ohne Erfolg versucht haben.

Wörl ( 1835)3 ) bezeichnet, ohne Namen und mit um circa 150 m zu niedriger Quote, ungefähr das jetzige Fiescherjoch als „ bis 1605 gangbarer Paß ".

Agassiz, Desor 4 ) und ihre Genossen haben 1839 auf dem Wege von Mörel zum Märjelensee am Ostrande des Aletschgletschers deutliche Spuren eines längst verlassenen, trocken gemauerten Weges bemerkt, der sich stellenweise unter den Gletscher verlor; nach Aussage des Führers hatten früher die Leute von Naters und Umgegend diesen Weg eingeschlagen, um den Paßweg von Fiesch nach Grindelwald zu gewinnen, dessen sich die reformirten Walliser bedienen mußten, um ihren Gottesdienst im Berner Oberlande feiern zu können.5 ) 1 ) Hugi: Ueber das Wesen der Gletscher, pag. 45-49 ( Stuttgart und Tübingen 1842 ).

Venetz: „ Mémoires sur les variations de la temperature dans les Alpes de la Suisse ", in den Denkschriften der Schweiz. Gesellschaft für die gesammten Naturwissenschaften I, 2. Abth., p. 8 u. ff. ( Zürich 1833 ).

G. Studer ( 1850)x ) stellt das ganze Material über den Wallispaß von Altmann und Grüner bis zu Agassiz und Desor, soweit es ihm bekannt war, zusammen und spricht sich, wie auch im Jahr 1869, in ziemlich skeptischer Weise aas, wovon später die Rede sein wird.

Auch A.J.ahn ( 1850 und 1857)2 ) erwähnt die Tradition, ohne wesentlich Neues beizubringen, als die Vermuthung, die heil. Petronella von Grindelwald sei an die Stelle einer heidnischen Berggottheit getreten, da nach dem ( angeblichen ) Datum der Glocke ( 1044 ) ihr Cultus in Grindelwald fast um 100 Jahre älter sei, als die Stiftung des Klosters Interlaken.

Während Jahn die Tradition als glaubwürdig annimmt, tritt ein gewiegter Bergkenner und Bergsteiger, der sowohl mit dem Hochgebirge, wie mit den Sagen, Chroniken und Kirchenbüchern Grindelwalds genau vertraut ist, Herr Pfarrer Gerwer 8 ) ( 1865, damals in Grindelwald, jetzt in Thun ), dieser Annahme entgegen, soweit sie sich wenigstens auf historische Zeit bezieht.

Ein späterer Pfarrer zu Grindelwald, Herr Bay ( 1877 ), bestätigt das Vorkommen von Walliser-Taufen und Trauungen ( von 1557 — 1595 ) in den Kirchenbüchern von Grindelwald, sowie das Fortleben der Tradition im Munde der Thalleute.4 ) Das ist, abgesehen von Erwähnungen, die einfach Wiederholungen früherer Notizen sind, das mir bekannte litterarische Material über den Grindelwald-Wallis-Paß vor Gottlieb Studer's Abhandlung über denselben im Jahrbuch XV unseres Clubs. Nur Meiners, Hugi in seiner zweiten Schrift, G. Studer in seinen Schriften von 1850 und 1869 und Pfarrer Gerwer setzen Zweifel in die Glaubwürdigkeit der Tradition, die Andern acceptiren sie als thatsächlich begründet.

Wenn wir aber genau zusehen, so finden wir bei ihnen allen eigentlich keine Beweise für die Existenz des Passes, sondern nur Behauptungen, die um so zuversichtlicher und umständlicher lauten, je weiter sie von der Zeit entfernt sind, in der der Paß begangen worden sein soll. Was der handle sich um einen Schmugglerpi'ad über das Oberaarjoch in 's Hasle aus der Zeit des französischen Departement du Simplon.

* ) Studer: Das Panorama von Bern, p. 214—17 ( Bern 1850 ).

Derselbe: Ueber Eis und Schnee I, p. 175 ( Bern 1869 ).

3 ) Jahn: Der Kanton Bern deutschen Theils, historisch - topographisch beschrieben, p. 324 ( Bern und Zürich 1856 ).

Derselbe: Chronik des Kantons Bern'alten Theils, p. 416—21 ( Bern und Zürich 1857 ).

Erste als möglich annimmt, ist dem Zweiten schon wahrscheinlich, und dem Dritten, der Beide als Autoritäten citirt, Thatsache. Die ganze Beweisführung ist ein ziemlich luftiger Bau von Sagen, Hypothesen und Schlüssen, die einander gegenseitig stützen sollen, und wäre wohl schon in sich zusammengebrochen, wenn ihm nicht die Autorität eines hochverdienten Gebirgsforschers, unseres unvergeßlichen Gottlieb Studer, Halt und Stütze gewährte.

Studer ist, wie oben angedeutet, nicht immer der Ansicht gewesen, die er im Jahrbuch XV verficht. Er brachte in früheren Jahren solchen Sagen nicht so viel Vertrauen entgegen. So erklärt er die Angaben über die hypothetischen Pässe der Strubelegg und des Geltengletschers für durchaus unglaubwürdig 1 ); von dem Grindelwald-Wallis-Passe sagt er im „ Panorama von Bern ": „ Alle diese Thatsachen beweisen, daß in älterer Zeit die Verbindung mit Wallis und Grindelwald leichter und häufiger gewesen; dennoch ist es kaum glaublich, daß je ein offener, regelmäßiger Verkehr stattgefunden hat, wenn man bedenkt, daß immerhin ein begletscherter Gebirgskamm zu übersteigen war, der an seinen niedersten Punkten eine Höhe von wenigstens 11,000'behauptet. " Und noch 1869 in „ lieber Eis und Schnee " sagt er: „ Ob wirklich ein solcher Paß existirt habe und wo die Stelle des Uebergangs gewesen sein mag, ist immerhin noch unausgemittelt.... Einzelne zu jener Zeit ( se. 1550-1600 ) und aus besonderer Veranlassung gemachte Uebergänge zwischen Grindelwald und Viesch berechtigen indessen noch nicht zur Annahme eines frequentirten Passes. "

Im Jahre 1879 unterzog nun Studer die Frage des Wallispasses auf 's Neue einer eingehenden Prüfung und gelangte dabei, im Gegensatz zu seiner 1850 und 1869 geäußerten Ansicht, zu dem Resultat, die Tradition eines offenen Paßweges über den Fieschergrat sei thatsächlich begründet. Diese Meinungsänderung ist um so auffallender, als in dem Jahrzehnt zwischen dem Erscheinen von „ Ueber Eis und Schnee " und der Veröffentlichung seiner späteren Untersuchung kein neues Material zu Gunsten der Tradition zum Vorschein gekommen war, als die summarischen Notizen Pfarrer Bay's aus den Kirchenbüchern von Grindelwald.

Studer hat, wie erwähnt, seine Abhandlung „ Der alte Gletscherpaß zwischen Wallis und Grindelwald " im Jahrbuch XV ( Bern 1880 ) veröffentlicht, und es ist deshalb nicht nöthig, seine Argumentation hier im Einzelnen zu wiederholen. Neues hat er nicht beigebracht, wohl aber hat er das ihm bekannte Material sorgfältig gesammelt, geordnet und theilweise gesichtet, das von vornherein Unglaubwürdige, wie den ZähringerzugStuder, Ulrich, Weilenmann und Zeller: Berg- und Gletscherfahrten in den Hochalpen der Schweiz, II, p. 1-33 ( Zürich 1863 ).

von 1211, das Datum 1044 der Petronellenglocke, ja auch die Tradition eines Saumweges, ausgeschieden. Seiner Meinung nach steht es aber außer Zweifel, es habe vor Zeiten, wahrscheinlich von Anfang des 15. bis Ende des 16. Jahrhunderts, ein offener Paß zwischen Grindelwald und Wallis über den Fieschergrat bestanden, in Form eines „ möglichst durchgehenden, sichtbar erstellten Fußsteiges ", der den Kamm des Gebirges bei dem jetzigen Mönchjoch ( 3630 m ) überschritt, über den Jungfraufirn und den Aletschgletscher zum Märjelensee führte und von diesem über die Stockalp die Petronellakapelle am Fieschergletscher erreichte.

Die ganze Argumentation ist mit der Studer eigenen Gewissenhaftigkeit und Sachkenntniß geführt und müßte überzeugen, wenn die Basis, auf der sie sich aufbaut, eine sichere wäre und wenn uns nicht heute ein Material zur Beurtheilung der Frage vorläge, das unser verehrter Altmeister theils nur unvollständig kannte, weil es damals schwer zugänglich war, theils nicht kennen konnte, weil es erst seither erschienen ist.

Das Fundament seiner Beweisführung bildet nämlich die, wie er selbst gesteht, kühne Annahme, „ daß die gegenwärtig fast in ihrer ganzen Ausdehnung vergletscherten Hochthäler damals ( d.h. im 15. und 16. Jahrhundert ) noch weit hinauf fruchtbaren Boden und mit Vieh bezogene Alpen besaßen, daß daher die Wegstrecke über das eigentliche Gletschergebiet zwischen Grindelwald und Wallis kürzer war, als jetzt..., daß selbst die Abhänge des Vieschergrats damals vielleicht noch manche „ abere " Stelle zeigten, die das Begehen desselben erleichterte und daß der zerklüftete Grindelwald-Vieschergletscher zu jener Zeit vielleicht nur aus einem Hochfirn bestand, der die Erklimmung oder den Abstieg ohne Schwierigkeit gestattete ".

Die Hauptstütze für die aus dieser Annahme gefolgerte Möglichkeit und Wahrscheinlichkeit der Existenz eines directen, gangbaren Paßweges sind die Eintragungen von Walliser-Taufen und -Trauungen in den Kirchenbüchern von Grindelwald und das Vorkommen von Walliser-Geschlechtern in Grindelwald. Alles Andere ist Beiwerk, das zur Bekräftigung der Hauptbeweisführung dienen kann, aber unzureichend ist, für sich allein die Glaubwürdigkeit der Tradition zu begründen.

Es ist ein Verdienst des Gletscherpfarrers von Grindelwald, unseres Vicepräsidenten des S.A.C., Herrn G. Straßer, daß er die Walliser-notizen aus den Kirchenbüchern seiner Gemeinde, die quasi als urkundlicher Beweis für die Existenz des Paßweges gelten, durch Drucklegung in seinem „ Familienblatt für die Gemeinde Grindelwald " weiteren Kreisen leicht zugänglich gemacht hat.1 ) Hätte Studer diese Tauf- und Trauungseintragungen so vor sich gehabt, wie wir sie jetzt aus Straßers AuszügenGletschermanu. Nr. 29—81, p. 117—120 ( Grindelwald und Bern 1889 ).

kennen, chronologisch geordnet, mit den genauen Monats- und Tagesdaten und im Wortlaut, so hätte er wohl denselben keine große Beweiskraft für die Existenz eines offenen Paßweges über den Fieschergrat beigemessen; und hätte er ferner schon die Arbeiten von Forel, Richter, Penk und Anderen über die periodischen Schwankungen der Gletscher benutzen können, sowie Brückner's Studien über Klimaschwankungen, die allerdings nur indirect dasselbe Thema berühren, so wäre er kaum zu der Annahme eines 150-200jährigen Gletschertiefstandes gekommen, auf der seine Argumentation hauptsächlich beruht.

Studer's Autorität in Sachen der alpinen Topographie, insbesondere derjenigen der Berneralpen, war und ist so groß, daß seine Beweisführung im Allgemeinen wenig Widerspruch fand. Es fehlte aber doch nicht an Solchen, die sich nicht überzeugen ließen. Vielen war überhaupt die Annahme eines so idyllischen Zustandes der Berneralpen vor circa 400 Jahren zu kühn; Andere, namentlich Solche, die den Fieschergrat aus eigener Erfahrung kannten, konnten sich nicht vorstellen, daauch günstigste Umstände angenommen — je ein regelmäßiger offener Paßweg über diesen gigantischen Gletscherwall geführt haben solle, dessen niedrigste Gratstelle 3560 m über dem Meere, 2600 m über der Lütschine bei Grindelwald liegt. Das Alpine Journal machte darauf aufmersam, daß weder Stumpf noch Simler den Paß erwähnen, der doch gerade zu ihrer Zeit am häufigsten begangen worden sein soll. Eine eingehende Widerlegung der Studer'schen Argumentation wurde aber erst 1890 von Prof. Dr. E. Richter in Graz unternommen, den die Studien zu seiner « Geschichte der Schwankungen der Alpengletscher » veranlaßt hatten, die Tradition des Grindelwald-Wallispasses und die darauf bezügliche Litteratur zu untersuchen.J ) Diese Untersuchung macht nur einen Theil, aber einen sehr wichtigen, der höchst interessanten Arbeit aus. Richter benutzt dasselbe Material. wie Studer, vervollständigt es durch die Ergebnisse neuer Klima- und Gletscherstudien und gelangt zu dem entgegengesetzten Resultat. Er weist nach, daß die Basis der Studer'schen Beweisführung, die Annahme eines lang anhaltenden, außergewöhnlich tiefen Gletscherstandes im 15. und 16. Jahrhundert schlecht begründet ist, und daß diese Annahme, auch wenn sie erwiesen wäre, nicht genügen würde, die Existenz eines offenen Paßweges über den Fieschergrat wahrscheinlich zu machen. Ich werde weiter unten, namentlich bei der Zusammenstellung der klimatischen Argumente für und wider, von den Gründen Richter's vielfach Gebrauch machen.

. ' ) Zeitschrift des 1. & Or. A. V., Jahrgang 1891, Band XXII, p. 1 n. ff. ( Wien 1891 ).

Das « Oberländische Volksblatt », das, wie es sich für ein in Interlaken erscheinendes Blatt geziemt, alpinen Fragen große Aufmerksamkeit schenkt, hat dann in den Nummern 141—143 des Jahrgangs 1891 mit Erlaubniß des Verfassers den Abschnitt VI der Richter'schen Abhandlung „ Die ungangbar gewordenen Pässe ", soweit sich derselbe auf den Grindel-wald-Wallispaß bezieht, abgedruckt und damit einer lebhaften Discussion ( Nr. 191, Jahrgang 1891, Nr. 2, 5, 8 und 18, Jahrgang 1892 ) gerufen, in der einerseits an der Existenz eines Verkehrsweges festgehalten, aber zugegeben wird, daß von einem Saumweg oder einem gebahnten Weg überhaupt keine Rede sein könne, anderseits die Wahrscheinlichkeit eines früher besseren Klima's und eines tiefen Gletscherstandes mit mancherlei Beispielen belegt wird. Neues förderte diese Discussion wenig zu Tage, bis in Nr. 8, 1892, von Seite eines bestens bekannten Kenners der schweizerischen Kirchengeschichte auf ein Document aufmerksam gemacht wurde, das einen kirchlichen Verkehr zwischen Wallis und Bern außer Zweifel setzt und namentlich beweist, daß die Kinder reformirter Walliser hie und da in die protestantischen Kirchen des Bernbiets zur Taufe getragen wurden.

Es ist das ein Schreiben ( von 1593 ) der reformirten Walliser an die Vertreter der Kirchen von Zürich, Bern und Basel, mit der Anfrage, ob sie es den Wallisern nicht gestatten dürften, ihre Kinder ohne Untreue gegen ihren Glauben nach katholischem Ritus taufen zu lassen. Motivirt ist dies Gesuch durch die großen Schwierigkeiten, die sich dem Taufgang über die Berge entgegenstellten: „ Erstlich die Kinder us dem Land ze tragen ze toffen mag nit füglich geschächen, dann unser land mit hochen bärgen umgeben, welche vom ingangs Octobers bis im usgang Mejens gewönlich verschlossen ". Wenn aber, so schließt unser Gewährsmann, die Bergpässe während der Wintermonate verschlossen sind, so setzt dies offenbar voraus, daß sie vom Juni bis September offen stehen und wirklich benutzt werden können. .„Die Verlegenheit, in der sich die Leute fanden, bezog sich nur auf die Winterszeit, wobei man sich erinnern muß, daß die Taufe damals allgemein schon in den ersten Tagen, zum Wenigsten innerhalb einer Woche vollzogen worden ist und eine Verschiebung auf die günstigere Jahreszeit als undenkbar galt. "

In Verbindung mit den Notizen der Grindelwalder-Kirchenbücher und mit der Tradition scheint dieses Schreiben allerdings für die Existenz eines directen Passes zwischen Grindelwald und Wallis zu sprechen, da nicht abzusehen ist, warum ohne einen solchen die Täuflinge gerade nach Grindelwald gebracht worden wären, da doch Meiringen, Lauterbrunnen, Frutigen, Lenk und Gsteig ( bei Saanen ) viel näher gelegen hätten.

In Nr. 18 habe ich dann nach genauer Durchsicht der Straßer-schen Auszüge aus den Kirchenregistern die Ansicht vertreten und begründet, daß weder das Walliserschreiben von 1593, noch die Walliser- taufen und -Trauungen in Grindelwald von 1550-1600 die Existenz des Wallispasses beweisen oder auch nur wahrscheinlich machen, indem die Wallisernotizen, wenn man nicht nur die Jahreszahlen, sondern auch die Monats- und Tagesdaten berücksichtigt, ein ganz anderes Licht auf die Frage werfen.

So weit die Litteratur über den Paß, die mir zu Gebote stand. Für die Beschaffenheit des Gebirges, über welches der Weg geführt haben soll, verweise ich diejenigen, die den Fieschergrat nicht aus eigener Anschauung kennen, auf die Excursionscarte des S.A.C. für 1885187 und auf die photographischen Aufnahmen J. Beck's und V. Sella's von der Strahlegg, vom Mettenberg und Zäsenberg aus; ferner auf die topographischen Schilderungen E. v. Fellenberg's und G. Studer's in den Jahrbüchern des S.A.C., III und XV, auf den Bericht Pfarrer Gerwer's im Jahrbuch III, Ed. Häberlin's im Jahrbuch VIII, M. v. Dechy's ( Agassizjoch ) im Band IX, Dr. H. Dübi's im Band XXIV, sowie auf E. v. Fellenberg's „ Ersteigung des kleinen Fiescherhorns " im „ Hochgebirge von Grindelwald " und auf die Berichte Leslie Stephen's und Anderer im Alpene Journal. Sowohl die Karte, wie die Ansichten und die Schilderungen zeigen, daß der Fieschergrat vom Mönch bis zum Finsteraarhorn eine der mächtigsten Bergmauern der Schweiz bildet, die, im Durchschnitt 3750 m hoch, nirgends über 4049 m ansteigt und nirgends unter 3560 m sinkt und nach Norden furchtbar steil mit gletschergepanzerten Wänden zum unteren Grindelwaldgletscher abstürzt 1 ), eine Bergmauer, von der Studer selbst sagt ( Jahrbuch des S.A.C., Bd. XV, pag. 496 ), der Verstand sträube sich dagegen, anzunehmen, es habe einst ein gebrauchter Paß da hinüber geführt!

Stellen wir nun, um uns ein Urtheil in dieser vielerörterten Frage zu bilden, die Argumente pro et contra übersichtlich zusammen, indem wir sie in drei Kategorien theilen: I. Klimatische Gründe. II. Historische Gründe. III. Gründe, die aus der Tradition selbst geschöpft sind.

I. Klimatische Grunde.

Die Beweisführung G. Studer's für die Existenz eines Paßweges beruht, wie wir oben gesehen, auf der Annahme eines sehr tiefen Gletscherstandes und somit eines milderen Klima's im 15. und 16. Jahrhundert. Für diesen Tiefstand wird Folgendes angeführt:

Im Jahr 1540 war der Sommer sehr heiß. Altmann sagt, „ es seien nicht nur alle Gletscher geschmolzen, sondern auch viele Eisberge von Schnee gänzlich entdecket und entblößet worden".Grüner nimmt nur theilweises Verschwinden der Grindelwaldgletsher an und Kasthofer beschränkt dasselbe auf den Theil der Gletscher, „ soweit sie sich zwischen den nördlichen Abhängen des Wetterhorns, des Mettenbergs und des Eigers in das bewohnte Thal ergossen ", also auf die Gletscherzunge. Die Chronik von Grindelwalderwähnt den heißen Sommer von 1540, der nach Brügger3 ) überhaupt schlechtweg der heiße Sommer genannt wurde, aber ohne von dem Schwinden der Gletscher etwas zu sagen. Nach Brückner's Tabellen über Weinernten und kalte Winter fällt derselbe in das Ende einer warmen, trockenen Periode. An der Thatsache eines Gletscherrückganges um diese Zeit ist somit nicht zu zweifeln.

Im unteren Grindelwaldgletscher ( und ebenso im Gauligletscher ) sind Stämme von Nadelhölzern ( Lärchen nach Grüner, Arven nach Wyß ) gefunden worden, während jetzt in der Umgebung der Gletscher kein Wald mehr vorkommt.

Eine „ vor einigen hundert Jahren ( wann ?) abgefaßte Schrift der Berggemeinden Grindel und Scheidegg"4 ) gibt Ortsbezeichnungen an ( Stieregg, Ochsenläger etc. ), die entschieden darauf hinweisen, daß einst im Gletscherberg, wo jetzt kaum Schafe und Ziegen hingelangen, Rindvieh gesommert wurde.

Eine Reihe von Pässen, in der Schweiz u.a. Col de Fenetre, Col d' Herens, Col de Collon, Lötsehenberg, Monte Moro und Antrona-Paß, die jetzt vergletschert und dadurch unwegsam geworden sind, wurden im Mittelalter viel begangen und besaßen sogar Saumwege.

Dagegen ist zu bemerken: Eine Klimaverschlechterung unseres Landes seit dem 15. oder IG. Jahrhundert ist nicht nachzuweisen. Brügger's Naturchronik zählt allerdings im 15. und 16. Jahrhundert viele heiße Sommer und gute Jahre auf, aber ebenso viele schlechte Jahre mit nassen kühlen Sommern, langen und schneereichen Wintern. Im 15. Jahrhundert fror der Zürichsee zu in den Jahren 1407, 1435, 1443, 1491 2 ( 3 Mal in einem Winter ); im 16. meldet uns die Naturchronik „ Seegfrörne " in den Jahren 1514, 1563 ( theilweise ), 1565 und 1571, wo sogar der Comersee überfror.

Weder Venetz noch Kasthofer behaupten, das Klima sei im Mittelalter wärmer gewesen als jetzt; Jener nimmt unregelmäßige Schwankungen an, Dieser bezeichnet nicht eine Klimaverschlechterung als Ursache der Verwilderung der Alpen, sondern die frevelhafte Entwaldung.Aber auch im Allgemeinen ist eine Klimaverschlechterung und eine wesentliche Veränderung des Gletscherstandes seit dem 15. oder 16. Jahrhundert nicht erwiesen. „ Die jüngsten sehr gründlichen Bearbeitungen haben ergeben, daß für eine Aenderung des Klimas von Europa in historischer Zeit irgend ein Beweis nicht vorliegt. Die Grenzen der Cultur-pflanzen in Italien sind heute genau dieselben wie vor zweitausend Jahren. Und da sollte sich in den benachbarten Alpen das Klima so geändert haben, daß Pässe, wie die genannten ( Col du Géant, Mönchjoch ), noch vor wenigen Jahrhunderten als Kirchwege für Täuflinge und Meßbesucher gedient haben könnenRichter. ) „ Es liegt keine einzige wirklich gut beglaubigte Nachricht vor, welche uns nöthigen würde, anzunehmen, daß in historischer Zeit, vor dem 16. Jahrhundert, die Alpengletscher dauernd kleiner gewesen seien als jetzt, vielmehr dürfte jene Volksmeinung vornehmlich durch die Erinnerung an die regelmäßigen Gletscherschwankungen und die dadurch hervorgebrachten Veränderungen der Wegsamkeit beeinflußt sein. " ( Ders. ) Periodische Schwankungen des Klima's und des Gletscherstandes ( in Perioden von 20-45, durchschnittlich 35 Jahren ) sind allerdings nachgewiesen; sie genügen aber nicht, einen so außerordentlichen Tiefstand, wie ihn Studer annimmt, wahrscheinlich zu machen. Die Wärmeperiode, der das Jahr 1540 angehört, hat unzweifelhaft auf die Zunge des Grindelwaldgletschers stark eingewirkt, aber weit weniger auf die Firne und Gletscher am Nordabfall des Fieschergrats, das obere Eismeer und den Grindelwald-Fischerfirn; denn nach Altmann und Grüner sollen die Gletscher wenige Jahre nachher vollständig wieder ersetzt gewesen sein, was unmöglich wäre, wenn ihre Firnreservoire stark angegriffen worden wären. Nehmen wir also auch an, der untere Gletscher sei um 1540 bis zum Fuße des Zäsenbergs zurückgegangen, so wäre doch immer noch die vergletscherte, circa 2000 Meter hohe Fieseherwand zu überwinden, der Uebergang also nicht wesentlich leichter gewesen. Ein solch'außer-ordentlicher Rückgang um fast 4 Kilometer vom jetzigen Gletscherende ist aber höchst unwahrscheinlich; die Chronik verzeichnet ihn nicht und die Schwankungen des unteren Gletschers hatten, wenigstens in den letztenDa Kasthofer's Preisschrift über Klimaveränderungen ( in den erwähnten „ Bemerkungen auf einer Alpenreise über den Susten " etc. ) immer noch als Beweis für eine Verschlechterung des Klimas der Berner Alpen seit dem Mittelalter gilt, so verweise ich ausdrücklich auf seine Thesen 1. c. pag. 344-346, die keinen Zweifel über seine Ansichten übrig lassen.

drei Jahrhunderten einen viel kleineren Spielraum: die Spitze des unteren Gletschers liegt jetzt, nach einem starken Rückgang, nur'/« Kilometer hinter dem Scheitel der Moräne von 1602, wo der Gletscher sein Maximum der letzten Jahrhunderte erreichte J ).

Die Nachrichten von den im Gletscher gefundenen Nadelholzstämmen sind unbestimmt; es ist weder die Zeit des Fundes angegeben, noch die genaue Fundstelle. Aber auch wenn wir sie als richtig anerkennen wollten, so bewiesen sie doch nichts für eine wesentliche Klimaänderung. Daß viele Alpen in historischer Zeit verwildert und viele einst bewaldete Hänge kahl geworden sind, ist eine bekannte Thatsache; die andere, ebenso sichere Thatsache, daß alte Gletscherböden wieder bewachsen sind, ist weniger augenfällig, da sich die Umwandlung viel langsamer vollzieht ( Richter ) und insbesondere ein einmal kahl gelegter Steilhang sich ohne künstliche Aufforstung nicht wieder bewaldet. Von vielen jetzt waldlosen Gegenden ist es bekannt, daß ihr Wald nicht durch Verschlechterung des Klima's zerstört worden ist, sondern durch die Hand des Menschen, die den Lawinen und Rufen den Weg gebahnt hat. Die jetzige Waldgrenze liegt bei Grindelwald auf der Schattenseite bei 1800 und steigt auf der Sonnenseite bis zu 2000 Meter an. Es ist also wohl denkbar, daß z.B. an den Hängen der Stieregg und der Bänisegg bei 1650—1800 Meter früher noch Wald gestanden hat und daß vielleicht durch dessen Zerstörung die einstigen Rinderalpen ( Ochsenläger u. s. w. ) zu Schafalpen verwildert sind. Zur Erklärung anderer Erscheinungen, die etwa als Beweise einer Klimaverschlechterung angeführt werden, wie Verspätung der Einten gegenüber alten Bauernregeln und Ausbleiben einzelner Früchte ( Kirschen ), genügen der Zeitunterschied zwischen dem bei uns erst im Jahr 1700 eingeführten Gregorianischen und dem Julianischen Kalender, sowie die periodischen Klimaschwankungen.

Mit den verlorenen Pässen ist es eine eigene Sache: bald werden sie angeführt, um einen früheren Tiefstand der Gletscher und ein besseres Klima zu beweisen; bald wieder nimmt man diese zu Hülfe, um die Existenz der Pässe zu erhärten. Die Pässe, die Studer anführt, sind unter sich nicht gleichwerthig. Nur der Col d' Herens ( 3480 m ) kann zur Vergleichung mit dem hypothetischen Wallispaß von Grindelwald herangezogen werden und auch dieser nur bedingungsweise; denn er ist immerhin 150 Meter niedriger als das Mönchjoch und hat weit bessere Steiguugs-verhältnisse. Die Tradition von dem gangbaren Passe über den Col d' Herens weist manche Aehnlichkeiten mit derjenigen des Wallispasses auf, Spuren eines gepflasterten Weges, Processionen, die den Paß benutzt haben sollen,Chronik von Grindelwald, Gletschermann, pag. 167. Anno 1600, „ Der auser Gletscher yst gangen bis an burgbiihl under den Schopf und ein Handwurf weit vom Schissellauwengraben. "

Zermatter Namen in Documenten von Evolena etc. I ). Ich trete darauf nicht ein; selbst wenn es erwiesen wäre, daß die Procession von Zermatt nach Sitten über den Col gegangen wäre, so läge darin kein Beweis für frühere bessere Gangbarkeit und geringere Vergletscherung, denn wie Richter hervorhebt, brauchte die Procession nur aus dem Pfarrer und acht Männern zu bestehen, die am Ende den Col d' Hérens gerade so gut überschreiten konnten, wie ihn jetzt Touristen und Führer passiren. Die Frage der Gangbarkeit will übrigens bei jedem Passe besonders untersucht sein. Ein Paßweg über den Col d' Hérens wäre noch kein Beweis für die Existenz eines solchen über den Fieschergrat.

Von den andern Pässen ist der Col de Collon 3130 Meter, der Monte Moro 2862 Meter, der Antronapaß 2844 Meter, der Col de Fenetre 2783 Meter und der Lötschenberg nur 2695 Meter hoch; daß sie Paß-steige, sogar Saumwege besaßen und früher viel mehr begangen waren als jetzt, ist sicher; schon Stumpf und Simler nennen den Antrun und den Mons Martis ( Monte Moro ). Diese Paßwege über 2700-3100 Meter hohe Joche beweisen aber nichts für den Bestand eines solchen über den 3600 Meter hohen Fieschergrat, der jedenfalls im Mittelalter nicht niedriger war, als heute. Wenn ihre Wege verfallen, so kommt das davon her, daß sie nicht mehr unterhalten werden, seit der Verkehr bequemere Wege eingeschlagen hat. Periodische Gletscherschwankungen haben jedenfalls da und dort zur Verödung des Passes wesentlich beigetragen, nicht aber eine allgemeine und constante Klimaverschlechterung und Zunahme der Vergletscherung. Die Paßwege über Monte Moro, Antrona und Lötschenberg berühren auch jetzt den Gletscher nur auf kurzer Strecke, und von dem Lötschenberg können wir direct nachweisen, daß er im Mittelalter so gut vergletschert war, wie heute: nach dem Gefechte am Lötschenpaß im Raron-Handel zwischen Bern und Wallis ( 1419 ) bivouakirten die Berner vom 9. auf den 10. August auf dem Gletscher: „ Also zoch man uf den gletscher und lag man da die Nacht. Und also heiße der tag gewesen waz also bitter kalt waz die nacht und wart großer frost gelitten von kelt und ungewitter " 2 ). Auch der alte Name der Paßhöhe „ Gandegg " weist sicher auf die Existenz eines Gletschers hin.

Die periodischen Klima- und Getscherschwankungen reichen auch hier aus, Veränderungen der Gangbarkeit zu erklären, ohne daß man genöthigt wäre, außerordentliche Veränderungen des Klima's und des Gletscherstandes anzunehmen. Perioden höherer Ordnung, sowohl für Klimaschwankungen wie für Gletscherschwankungen, sind allerdings auch a ) Vgl. Coolidge: Swiss travel and Swiss Guide books, pag. 252/3 ( London 1889 ).

* ) Justinger: Berner Chronik, herausg. v. G. Studer, pag. 267 ( Bern 1871 ). Vgl. auch Meyer v. Knonau: Geschichtliches über das Lötschenthal. Jahrb. des S.A.C., XX, pag. 16.

in post-glacialer Zeit nicht unmöglich; aber die Beobachtungsreihen sind noch zu kurz, um sichere Schlüsse zu gestatten. Den Beginn unserer jetzigen Periode müßten wir jedenfalls in die graue Vorzeit versetzen, als es noch kein Grindelwald und keine Petronellakapelle gab.

II. Historische Gründe.

Die historischen Gründe für die Glaubwürdigkeit der Tradition sind: das Schreiben der reformirten Walliser von 1593; die Walliser-Trauungen und -Taufen in den Kirchenbüchern von Grindelwald 1550 bis 1600 und die Walliser-Geschlechtsnamen, die in Grindelwald vorkommen.

Das Walliserschreiben von 1593 lautet allgemein; alle Pässe zwischen Bern und Wallis, von der Grimsel bis zum Sanetsch, sind „ von ingangs Octobers bis im usgang Meyens gemeinlich verschlossen ". Der hypothetische Wallispaß von Grindelwald würde nur insofern eine Ausnahme machen, als er bei seiner Höhe von circa 3600™ nicht nur 8, sondern 9—10 Monate des Jahres „ verschlossen " gewesen wäre. Das Walliserschreiben ist also ein Beweis dafür, daß nach der Reformation zwischen den Protestanten des Wallis und den bernischen Kirchen ein regelmäßiger Verkehr zu Cultuszwecken bestanden hat, nicht aber dafür, daß dieser Verkehr vorzugsweise nach Grindelwald geführt und den Weg über den Fieschergrat eingeschlagen habe.

Die Auszüge Pfarrer Straßer's aus den Kirchenregistern von Grindelwald habe ich mir, was bis dahin nicht geschehen zu sein scheint, besonders auf ihre Monats- und Tagesdaten genau angesehen. Von 1557 bis 1626 enthalten sie 19 Tauf- und 24 Trauungseintragungen, bei denen die Eltern resp. Brautleute ausdrücklich als aus dem Wallis stammend angegeben sind oder wenigstens unzweifelhafte Wallisernamen, wie Brabant ( Bra-wandt ) und Imseng tragen. Ich eliminire von diesen, um ganz sicher zu gehen, die Trauungen vom 13. August 1616 und vom 18. December 1626, sowie die Taufen vom August 1605 ( zwei ), vom 28. Januar 1616 und vom 28. Dec. 1621, da diese in eine Zeit fallen, wo auch nach Studer der Paß des Gletscherhochstandes wegen nicht mehr gangbar war.

Von den übrigen 15 Taufen fallen 6 außer Betracht, weil nur die Mutter als aus dem Wallis gebürtig bezeichnet ist, der Vater also in Grindelwald ansäßig oder, wie bei derjenigen vom 6. December 1560, ein „ frömbder Geselle " war. Es bleiben also 9 eigentliche Wallisertaufen, und von diesen fallen fünf in die Monate November bis Februar, also in die Zeit, in der die Pässe sämmtlich „ verschlossen " waren. Von den 22 Wallisertrauungen vor 1602 fallen gar 17 in die Zeit „ vom ingangs Octobers bis im usgang Meyens ". Im tiefen Winter hat man aber keinenfalls, auch wenn der Weg noch so gut war, Täuflinge über den Fiescher- grat getragen, und auch Hochzeitspaare werden kaum zu der Zeit, „ wo die Pässe gemeinlich verschlossen " waren, gerade den höchsten zu ihrem Kirchgang ausgewählt haben. Tauf- und Trauungseintragungen weisen deshalb nicht auf einen directen Paßweg zwischen Grindelwald und Wallis hin, sondern auf eine in Grindelwald ansäßige Wallisercolonie.

Studer nimmt ebenfalls eine solche Colonie an, glaubt aber, für ihre Einwanderung zwei Perioden unterscheiden zu sollen: eine Zeit der religiösen Verfolgungen, denen sich die Reformirten durch heimliche Flucht auf dem kürzesten Wege über die Gletscher entzogen hatten, „ so lange der Paß praktikabel war ", und eine Periode ungestörter Auswanderung aus dem Wallis mit Hab und Gut nach dem Beschlüsse des Landraths von 1603 ( richtiger 1604 ), der die Protestanten zur Auswanderung zwang, aber ihnen gestattete, ihr Vermögen mitzunehmen. Für diese zweite Periode, in der der alte Paß nicht mehr offen und kein Grund zu heimlicher Flucht mehr vorhanden war, gibt Studer den Umweg über die niedrigeren Pässe zu.

Diese Annahme stimmt mit den Thatsachen durchaus nicht überein. In keinem Gebiet der Schweiz waren die Confessionen im 16. Jahrhundert so wenig scharf geschieden wie im Wallis. Seit dem Landrathsbeschlusse von 1551 herrschte gegenseitige Duldung und die beiden Confessionen lebten wenigstens bis zum Eintritt des Wallis in den Borromäischen Bund 1586 in leidlichem Einvernehmen; ja das Schreiben von 1593 beweist, daß auch 1593 das Verhältniß noch kein gespanntes war. Der Landrathsbeschluß von 1604 bezeichnete eine Verschlimmerung der Lage, nicht eine Besserung, indem er die Reformirten zur Auswanderung zwang. ' ) Ein Grund zur Flucht war deshalb vor 1604 noch weniger vorhanden, als nachher. Wer auswandern wollte, konnte es in aller Ruhe thun und sein bewegliches Eigenthum mitnehmen; nicht einmal ihren Grundbesitz mußten die Auswanderer aufgeben. Eine solche Auswanderung hat sich aber gewiß ebenso wenig über den Fieschergrat vollzogen, wie ein halbes Jahrtausend früher die Walliserauswanderung nach Gressonay über das Felikjoch oder das Lysjoch, sondern sie hat den Umweg über die leichteren, niedrigen Pässe nicht gescheut.

Daß Grindelwald eine Wallisercolonie hatte, obwohl es keinen directen Paßweg nach dem Wallis besaß, kann nicht überraschen, denn die Expansivkraft der Walliser ist bekannt; sie haben nicht bloß die Oberstufen der nächstgelegenen Berner- und Piemonteserthäler Kandersteg, Lauterbrunnen, Gressonay, Alagna, Macugnaga u. s. w. besiedelt, sondern sind bis nach Graubünden und dem Vorarlberg gewandert, und noch im Jahre 1510 beschweren sich die Thuner darüber, daß sich eineVergl. Theologische Zeitschrift aus der Schweiz, herausgeg. von F. Meili, V. Blösch: Das Ende der Reformation im Wallis, p. 1—20 und 73—87.

Menge Walliser bei ihnen niederließen und die Gemeindegüter benutzten, ohne der Stadt etwas dafür zu entrichten. J )

III. Gründe aus der Tradition.

Die ans der Tradition selbst geschöpften Argumente für ihre Glaubwürdigkeit sind von geringem Gewicht und fallen dahin, wenn dieselbe nicht durch andere Gründe erwiesen wird. Es gehören dahin die behauptete Existenz zweier Petronellenkapellen ( Grindelwald und Fiesch ), die Uebereinstimmung der Tradition in Grindelwald und Wallis; die Wegspuren, bei denen die Tradition, wenn nicht die Mutter, so doch die Amme der Beobachtung gewesen zu sein scheint; endlich der Uebergang von 1712.

Von den beiden Petronellenkapellen ist nur diejenige von Grindelwald sicher, und auch von dieser wissen wir nicht, wo sie gestanden hat. Grüner und Wyß wissen von der andern Kapelle am Fieschergletscher nichts; der Erste, der sie, neben andern Petronellenkapellen am Rhonegletscher und im Tirol, erwähnt, ist Hugi, und der hat davon nichts gesehen, als „ den Gipfel einer Felswand, an deren Fuß sie gestanden sein soll " ( Alpenreise, p. 107 ). Wäre aber ihre Existenz auch erwiesen, so wäre damit noch nicht die Wallfahrt von einer Kapelle zur andern und der Paßweg über den Fieschergrat erwiesen.

Das übereinstimmende Vorkommen der Tradition in Grindelwald und im Wallis beweist an sich nichts für die Glaubwürdigkeit derselben. Solche Sagen von verlorenen Pässen und „ verlorenen Bergen " sind im ganzen Alpengebiete häufig und werden oft in weit von einander entfernten Gegenden in derselben Form und mit denselben Wendungen und Namen erzählt2 ), was auf Uebertragung der Tradition oder auf Localisirung einer alten allgemeinen Sage an verschiedenen Orten schließen läßt. Die Tradition von Fiesch und Naters kann ganz wohl aus dem Oberlande in 's Wallis übertragen worden sein, wenn sie nicht etwa vom Col d' Herens herübergenommen wurde.

Wegspuren werden angeführt bei der Nellenbalm ( Wyß ), am Fieschergletscher ( Ebel und Hugi ) und am Aletschgletscher ( Agassiz und Desor ).

Wyß glaubt, solche gesehen zu haben, Ebel und Hugi sprechen vom Hörensagen; wirklich beobachtet haben solche Spuren nur Agassiz und seine Gefährten. Die Wegnachrichten sind also mit Ausnahme der letzten schlecht beglaubigt. Nehmen wir sie aber auch als erwiesen an, so können die Wege ganz gut zu höheren, jetzt verwilderten Alpen geführt haben, wie es Hugi ( 1842 ) für den Weg im Fiescherthal und Richter für die Wege bei der Nellenbalm und am Aletschgletscher annehmen. Alle diese Wegspuren, angebliche oder wirkliche, sind zu weit unten, als daß man schließen müßte, sie hätten zu einem Paß über den Fieschergrat geführt.

Auch über den Uebergang von 1712 lauten die Nachrichten unsicher und widersprechen sich. Die Grindelwalder Chronik weiß davon nichts, obwohl sie des Toggenburgerkriegs gedenkt. Der bernische „ Stucklieutenant und Geometra ", Samuel Bodmer, der 1701-10 die Märchen des Kantons Bern vermaß und den Text zu seinen Aufnahmen 1716 niederschrieb, erwähnt diesen Uebergang ebenfalls nicht, wohl aber einen solchen in demselben Jahre 1712 von Lötschen nach Lauterbrunnen ( über die Wetterlücke oder den Petersgrat).1 ) Die Berichte Altmann's und Gruner's widersprechen sich hinsichtlich der Richtung des Uebergangs; immerhin macht Gruner's Version den Eindruck, wahr zu sein. Wenn wir aber auch annehmen, dieser Uebergang habe wirklich stattgefunden — und den Krystallisationspunkt der Tradition gebildet — so gilt doch von ihm das oben citirte Wort Studer's in „ Ueber Eis und Schnee ": Einzelne Uebergänge aus besonderer Veranlassung berechtigen noch nicht zur Annahme eines frequentirten Passes. Wir sind am Ende der Gegenüberstellung der Argumente für und wider angelangt. Die Gründe, die für die Wahrheit der Tradition angeführt werden, haben sich sämmtlich als nicht stichhaltig oder unzureichend herausgestellt. Ein absoluter Beweis für die Unrichtigkeit der Sage ist indeß auch nicht erbracht worden. Ein solcher läßt sich aber wohl überhaupt nicht führen. Für die Existenz eines Passes sollte man absolute Beweise, unzweideutige Urkunden oder Zeugnisse von Zeitgenossen beibringen können; sie sind aber, wie wir gesehen haben, bis jetzt nicht erbracht; der Beweis gegen die Existenz kann immer nur ein Indicienbeweis sein. Er ist aber in diesem Falle so stark, daß esSamuel Bodmer: Marchbuch, p. 120. Manuscript des Berner Staatsarchivs nebst 3 Bänden Zeichnungen. Nach dem Text hätte der Uebergang über die Sefi-Furgge ( Sennen ) stattgefunden; die Zeichnung, Bd. II, Blatt 246/47, läßt aber keinen Zweifel darüber, daß Bodmer damit einen Paß über die Wasserscheide und Landesgrenze im Hintergrund des Lauterbrunnenthals gemeint hat. Ueber Bodmer vgl. Jahrbuch XXVI. Prof. Graf: 1. c. p. 319 u. ff.

eines ganz unzweifelhaften directen Beweises bedürfte, um ihn zu entkräften. So lange dieser nicht beigebracht ist, kann man aus dem vorhandenen Material meiner Ansicht nach kein anderes Facit. ziehen, als dieses:

Die Beschaffenheit des Fieschergrates, wie sie jetzt ist, läßt die Annahme eines gangbaren Weges, sei es ein Saumweg oder auch nur ein sichtbar erstellter Fußsteig, durchaus nicht zu.

Die Annahme, diese Beschaffenheit sei in historischer Zeit je eine wesentlich andere gewesen, ist nicht erwiesen und aus klimatischen Gründen nicht wahrscheinlich.

Von den zeitgenössischen Autoren, welche die Pässe zwischen Bern und Wallis erwähnen, wird der Wallispaß nicht genannt.

Die Kirchenbücher von Grindelwald und das Schreiben der Walliser von 1593 sprechen nicht für die Existenz des Passes, sondern für diejenige einer angesessenen Walliser Colonie.

Es bleibt also nichts übrig als die Tradition allein, die ohne ihre Stützen sich nicht aufrecht halten kann.

Sollen wir sie deshalb ganz verwerfen? Ich glaube nein. In den meisten Traditionen, die als poetische Volksgeschichte neben der urkund liehen Geschichte einherlaufen, steckt ein wahrer Kern, und der ist hier meiner Ansicht nach ein wirkliches, wenn auch nicht direct erweisbarea Begebniß: eine Ueberschreitung des Fieschergrates, sei es am Mönchjoch, Fiescherjoch oder Agassizjoch, durch Walliser oder Grindelwaldner. Ob dieser Uebergang 1712 stattgefunden habe, oder in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts, oder vielleicht noch früher, ob es nur einer oder vielleicht einige gewesen sind, bleibe dahingestellt. Den Uebergang selbst aber dürfen wir nicht nur als möglich, sondern als wahrscheinlich annehmen, denn daß der Fischergrat begangen werden kann? wissen wir seit Rohrdorfs Expedition von 1828 über das Mönchjoch und dem von Hugi ( Wesen der Gletscher pag. 47 ) erwähnten Uebergang einiger Grindelwaldner über den Walchengrat 1829.

Alles Andere ist ausschmückende Zuthat, hinzugedichtet von der stets geschäftigen Volkspoesie oder ausgeklügelt von Commentatoren, welche die Ueberlieferung für wahr hielten, aber wohl einsahen, daß sie der Unterstützung bedürfe, um als erwiesen gelten zu können.

Am Kerne halten wir fest; die Tradition aber von einem offenen frequentirten Paß über den Fieschergrat, sei es nun ein Saumweg oder bloß ein „ sichtlich erstellter " Fußsteig, verweisen wir in das Gebiet der bekannten Sagen von einem besseren Zeitalter, jener guten goldenen Zeit, die nie gewesen ist, weil sie nie Gegenwart, sondern stets die gute alte Zeit war — so lange der Menschen Geschlechter auf Erden wandeln.

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