Zweimal Jochpass

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Mit 1 Bild ( 70Basel> In einer Zeit, wo man Wände vom 8. bis 10. Schwierigkeitsgrad erstürmt und, sagen wir, unschuldige Berge erobert, erscheint es fast als ein gewagtes Unterfangen, von der Begehung des Jochpasses zu reden, ja sogar zu schreiben. Doch sei 's gewagt!

Zweimal habe ich diesen Weg beschritten; aber zwischen den beiden Begehungen liegt - da die Menschen heute 100 Jahre alt werden - ein halbes Menschenalter, also nach Adam Riese 50 Jahre.

Erstmals habe ich den Jochpass kennengelernt als junges Mitglied eines Männerchors anlässlich seiner Sängerreise. Mit zweispännigen Breaks fuhr der Verein nach Melchthal und stieg im Schein der Nachmittagssonne die steilen Kehren von der Stöckalp zur Frutt hinan. Die verschiedenen Stärkungs- und Erfrischungsschöppchen, die nicht nur die trocken-gesungenen Kehlen schmieren, sondern vielmehr noch den wohlbeleibten, meist bergungewohnten Sängern den nötigen Elan verschaffen sollten, taten ihre Wirkung. Schweisstriefend und ausgepumpt zog die abgekämpfte Schar im Hotel Frutt ein.

Im Nachtquartier wurde reichlich getankt und der Treibstoff mehr als ersetzt. Ob dieser Überschuss an energiespendender Feuchtigkeit der Grund gewesen ist, dass am sonnenklaren Sonntagmorgen mehrere der Sänger verstohlen, fast verschämt ihr Sacktuch, die Nase nur streifend, zu den Augenwinkeln führten, als die schwellenden Akkorde des Liedes « Das ist der Tag des Herrn » über der verträumten Alp verklangen? Vielleicht, ja sicher hat der einzig schöne Sonntagmorgen inmitten der wie stumme Hörer dastehenden Berge derart auf die andächtigen Sänger gewirkt, dass sie sich vergebens wehrten, von ihrem eigenen Chor ergriffen zu werden. Im Sonnengold strahlte die Kuppe des Titlis. So nah schien der Berg und so verlockend zugleich, dass es mir gelang, drei jüngere Sänger zu einer Besteigung zu überreden. Der ketzerische Plan musste geheim gehalten werden. Im Hotel Trübsee, wo wieder genächtigt und erneut getankt wurde, verliessen wir « Ketzer » bald das frohe Singen und Gläserklingen. Ein eben anwesender Führer aus dem Unterland wurde engagiert, und die Sesshaftesten durften kaum eingeschlafen sein, als wir auf leisen Sohlen mit dem Führer zu fünft den Aufstieg begannen. Ausgezeichnete Verhältnisse brachten uns in kürzester Zeit zum Gipfel.

Um den Abstieg etwas zu beschleunigen, schlug ich an einer harmlosen Stelle vor, abzurutschen. Meine Begleiter waren entschieden dafür, der am Schluss der Partie gehende Führer ebenso entschieden dagegen. 4: 1 lautete das Ergebnis der freien Abstimmung, und als gute Demokraten der Majorität folgend begannen wir abzufahren. Die in Opposition sich befindende Minderheit suchte ihrer Meinung Geltung zu verschaffen. Der kleine, schmächtige Mann setzte alle Kraft ein, um durch Seilzug die Fahrt zu stoppen. Als er das Unvermögen seines Vorhabens einsah, stapfte er im Eiltempo hinter seinen übermütig jauchzenden « Herren » drein. Doch bald lag die widerspenstige Minderheit auf dem Bauch und rutschte protestierend mit. Damit hatten wir nicht gerechnet, noch viel weniger mit seinem steifrandigen « Nidwaldner Huit », der mit ziemlicher Geschwindigkeit an uns vorbei-flitzte. Bald bekam er wegen der ungünstigen Lagerung seines Schwerpunktes Schlagseite, und in einem eleganten Bogen, der jedem Kunstläufer auf der Eisbahn Ehre gemacht hätte, beendete er seine tolle Fahrt. Wie ein dunkelverbrämtes Auge, hilfesuchend zum Himmel blickend, blieb er in einer abseits vom Trasse gelegenen Mulde liegen. Mit einem Blick, der Steine erweicht hätte, wenn es solche dort gegeben, bejammerte der « obdachlose » Führer Die Alpen - 1956 - Les Alpes10 seinen « Huit ». Sein entblösstes, « glaziales » Haupt wetteiferte in Form und Glanz mit der hoch über uns thronenden Kuppe des Titlis. Das Problem des « uifi»-Holens des Ausreissers war bald gelöst. Ich band mich vom Seil los, stieg zum Hut ab und brachte ihn dem Besitzer, der ihn mit vielem Dank entgegennahm. Seine Rührung über den Wiederbesitz seines Hutes war derart herzlich, dass in mir, dem Urheber des Zwischenfalles, Gewissensbisse wach wurden, und da das Gelände flacher wurde, durfte ich schon versprechen, nicht mehr abzurutschen.

Unsere Erwartung, den Verein vor seinem Start nach Engelberg noch auf Trübsee zu treffen, ging nicht in Erfüllung. Erst in Engelberg feierten wir ein ziemlich ungefreutes Wiedersehen. Denn gerade wir vier sollten schuld sein, dass das Lied, mit dem die vielen Hotelgäste bedacht worden waren, nicht nach Wunsch des Dirigenten geklungen haben soll. Der nach Landsknechtart getragene Schnurrbart des Trägers des Taktstockes, « weinerlich » betaut, zeigte fünf Minuten vor halb acht, als sein Besitzer uns die Leviten las. Doch unsere Freude an der wohlgelungenen Besteigung erlitt dadurch keine Einbusse. Im Gegenteil: das Bewusstsein, dass wir als gute Sänger eingeschätzt wurden, steigerte sie zum Übermut. Jahre verstrichen; Kriege haben die Welt geschändet und ihre Ordnung in ein Chaos verwandelt. Von den ketzerischen Sängern ist nur der Schreibende noch am Leben. Sein Haar, soweit es noch vorhanden, ist weiss geworden, und in sein Gesicht haben Alter und Schicksalsschläge Furchen gelegt. Aber unverändert geblieben ist die Freude an unseren Bergen und die Begeisterung für die Errungenschaften, die der SAC in bald 100jähriger Tätigkeit erreicht hat. Wohl hat er sich mit vielen ihm widerstrebenden Neuerungen im Bergsteigen abfinden müssen. Aber die rollenden Räder des Zeitgeschehens glätten die Unebenheiten in den Ansichten, und für die Stürmer wird wohl auch die Zeit kommen, wo sie in stiller Bescheidenheit an ihre tollen Fahrten denken und sie vielleicht verurteilen...

Die zweite Begehung des Jochpasses erfolgte von Engelberg aus und war weniger anstrengend. Von der sicheren Kabine der Trübsee-Schwebebahn aus erschienen mir die vielen Zickzacks des Pfaffenwandweges weniger steil als nach dem Abstieg vom Titlis. Da das Fahrseil bei meiner Fahrt geschmiert wurde, rollte die Kabine im Schneckentempo von Gerschnialp nach Trübsee. So hatte ich Musse, mich umzuschauen. Ausguck links und Ausguck rechts standen mir als dem einzigen Passagier zur Verfügung. Ein einziger Fussgänger stapfte die Serpentinen der Pf äffen wand hinan, und von meinem « erhabenen » Standpunkt aus wusste ich nicht, ob ich ihn bedauern oder beneiden sollte. Immerhin muss ich bekennen, dass ich das Gefühl einer leichten Beschämung nicht los wurde. Doch niemand war da, der meine innere Regung hätte wahrnehmen können; denn der mitfahrende Bahnangestellte war ständig im Kontakt mit dem im Gestänge der Kabine hangenden Schmierer. So konnte ich am Hotel Trübsee vorbeitraben, als hätte ich die Pfaffenwand zu Fuss erstiegen. Es war ein herrliches Gefühl, rollende Steine und weiche Rasenpolster unter den Fussen zu spüren, und je mehr ich mich der Station des Jochpass-Sesselliftes näherte, um so leichter wurde mir der Entschluss, zu Fuss die Passhöhe zu erreichen, obwohl ich zu ermässigten Kosten hätte fahren können. Auf Schritt und Tritt versuchten Plakate, welche die Benützung der Sesselibahn aufs wärmste empfahlen, vergebens meinen Plan zu ändern. Aus-sichtsreich soll die Fahrt sein! Hatte ich 100 Schritte daneben nicht dieselbe Fernsicht? Und wenn mir eine Stelle des Weges ganz besonders gefiel, konnte ich sie als Fussgänger geniessen, solange ich wollte. Der Sesselfahrer verkauft für Fr. 2.50 seinen eigenen Willen und wird zum Sklaven der Technik. Bequem sollen die Sitze sein. Sofern das freie Schleh-kern der Beine als Bequemlichkeit betrachtet wird, stimmt die Reklame. Als Fussgänger hatte ich es noch bequemer: ein Rasenpolster neben einem plätschernden Bächlein als Sitz, ein Rasenpolster als fester Schemel und einen bemoosten Stein als Rückenlehne. Ist das nicht auch bequem? In kaum einer Viertelstunde erreicht der Sesselfahrer die Passhöhe. Als Fussgänger bin ich an keine Zeit gebunden. Ich bestimme sie selbst, unabhängig von einem künstlichen Mechanismus.

Diese Gedanken waren meine Begleiter, als ich, den vielen Kehren des Weges folgend, gegen die Passhöhe anstieg. Die Abkürzungen, auf die ich als jung versessen war, liess ich unbenutzt. In gleichmässigem Tempo schritt ich fürbas, und nicht der Sorge Qualen, wie es in der « Bürgschaft » von Schiller heisst, trieben mich, sondern die Freude an der immer mehr sich weitenden Bergwelt. Ein scharfer, kalter Herbstwind strich über die Passlücke und trieb die kaltbeinigen Sesselfahrer ins Jochwirtshaus. Ich aber suchte und fand hinter einem Felsblock ein sonniges, windgeschütztes Plätzchen. Der Wind pfiff über mir hin und orgelte in den Felsen des Ochsenhorns. Aus seinem Sausen und Brausen glaubte ich die Melodie des alten Schweizerliedes « Wo Berge sich erheben » zu hören, und in mir fing es an zu klingen und zu singen:

Da droben wohnt der Friede, Wo die Lawine kracht.

Der Fels hat als Ägide Die Hütte überdacht.

Meine Gedanken flogen zurück in die schwere Zeit der Mobilisation vor dem Ausbruch des 1. Weltkrieges. Das Kriegsgeschrei vom Tale hatte mich in den Bergen erreicht, und mit schwerem Herzen war ich mit Berglern zu Tal geschritten, um den Eispickel mit dem Gewehr vertauschend dem Ruf des Vaterlandes zu folgen. Es war ein Abstieg in eine ungewisse Zukunft. Doch heute steht unsere Heimat als unversehrtes Kleinod da, und je mehr ich sann, um so mehr musste ich der göttlichen Vorsehung danken für das uns beschiedene Glück. Die umliegenden Berge schienen sich zu recken, als wollten sie mahnend fragen: Sind wir das Opfer, das du als Soldat hast bringen müssen, nicht wert gewesen? Hast du dazumal vergebens auf deine geplanten Bergtouren verzichtet? Ein dankbarer Blick nach den sonnenvergoldeten Gipfeln und Firnen war meine stumme Antwort, und in sie hinein flocht ich den innigen Wunsch, dass der ersehnte Weltfrieden bald kommen möchte. Lange sass ich und liess meinen Gedanken freien Lauf. Da - ein Schuss und noch einer - Gemsjäger gingen ihrem Leben vernichtenden Weidwerk nach. Eine tote Gemse, die auf sonnigem Grasband geäst hatte, ein totes Murmeltier, das, ehe es seinen langen Winterschlaf im dunkeln Bau beginnen musste, sich von der Sonne hatte durchwärmen lassen, trugen die blutbefleckten Nimrode als Beute zu Tal. Die Sonne, der Inbegriff des Lebens, war den beiden Tieren zum Verhängnis geworden. Sie haben die Sonne gesucht; sie haben sie gefunden, und in ihrem Glanz mussten sie ihr Leben lassen. Wiederum schaute ich zu den Bergen hinauf, und es schien mir, als trauerten sie mit mir um die beiden toten Kreaturen.

Ratternd kamen und gingen die Sessel des Liftes mit ihren beinschlenkernden Insassen. Hier wie dort ist es der Mensch, der die makellose Schöpfung mit seiner Tücke und seiner Intelligenz zu verschandeln bestrebt ist.

Mit sinkender Sonne stieg der Herbstnebel an den Bergflanken empor und hüllte die eben noch sonnige Landschaft in sein graues Tuch. Ein Leichentuch schien es mir zu sein, und der einsetzende Regenschauer kam mir vor wie Tränen einer trauernden Welt. So freudig ich emporgestiegen war, so wehmütig trat ich den Rückweg an. Doch bevor ich das Tal erreicht hatte, brach die Abendsonne durch das Nebelgrau, und in fast unwirklichem Glanz und aus unendlicher Höhe strahlte die Kuppe des Titlis. Es war ein wie eine Vision anmutender Abschluss eines schönen Tages. Er erinnerte mich an das Lied auf der Frutt bei meiner ersten Begehung des Jochpasses, und aus dem sich immer mehr lichtenden Nebelschleier schien es zu klingen:

Der Himmel nah und fern, Er ist so klar, so feierlich, So ganz, als wollt'er öffnen sich. Das ist der Tag des Herrn.

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