Angst und Furcht als subjektive Gefahrenmomente im Bergsteigen

Es ist eine bekannte Tatsache, dass der Mensch, der naturgeschichtliche Homo sapiens recens und philosophische Homo faber, seinen Möglichkeiten lebt. Wir wissen über ihn aber noch etwas Weiteres: dass er diesen Grundsatz, seinen Möglichkeiten zu leben, immer dann irgendwie durchbricht, wenn er auf Widerstände stösst. In diesem Fall nämlich sucht er sich seine Möglichkeiten zu erzwingen.

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In einer solchen Situation findet sich letztlich jeder, der, aus der relativen Friedlichkeit des arbeitsreichen Alltags kommend, auf seinen Wanderwegen den gewachsenen Widerständen in der Natur begegnet, den architektonisch grandiosen Kalk- oder Urgesteinsformationen, und in dem durch diese Begegnung das Verlangen erwacht, den menschlichen Möglichkeiten innerhalb der strukturierten Gestalt der Berge nachzuspüren.

Der Versuch zur Lösung der architektonischen Aufgaben und Probleme der Bergwelt ist jedoch ein wahrhaft prometheischer Versuch. Das normale Empfinden beim Anblick der abweisenden Fluchten, der Steilwände und der überhängenden Sperrgürtel in ihnen, der schroffen Türme und der ausgesetzten Grate ist durchaus das Empfinden der Lebenswidrigkeit dieser Architekturen und darüber hinaus das Empfinden der Abschreckung. Und in der Verfolgung seiner Absichten kann sich der Mensch über dieses erste Gefühl der inneren Abwehr nur dann erfolgreich hinwegsetzen, wenn eine starke innere Kettung an Vorbilder in dieser Richtung und eine ausgeprägte Gestalttendenz bei dem Betreffenden besteht ( auf deren Grund wir hier nicht näher eingehen können ).

Diese innere Situation aber ist vorwiegend beim jungen Menschen vorhanden, bei dem ausserdem noch keine Erfahrung in bezug auf die Lebensangst und das damit verbundene intensive Sicherheitsstreben aus dem Daseinskampf heraus besteht.

Die Zuwendung zum Bergsteigen wird demnach auf dieser Ebene, über alles Forschen nach Ursachen und Gründen hinaus, zum einfachen Rechenexempel: Gestalttendenz und Bindung an Vorbilder müssen für die Gefühlswaage ein schwereres Gewicht haben als die innere Abwehr. Denn nur in dieser Weise wird die Überwindung des inneren Widerstandes und die Hinwendung zum .Bergsteigen verstehbar.

Nun darf man aber nicht annehmen, dass Hand in Hand mit der Entscheidung der Persönlichkeit, sich den Widrigkeiten der schroffen Architekturen zu stellen und Bergsteiger zu werden, eine gleiche Entscheidung zur Einstellung auf diese neue Gegebenheit auch von dem Organismus dieser Persönlichkeit selbst gefällt wird. Und gerade hier zeichnet sich wie nirgendwo der Unterschied ab, der zwischen Persönlichkeit des Menschen, welche die Entscheidungen der grossen Linie für das Individuum Mensch trifft, und zwischen dem Organismus Mensch, der auf das Funktionieren und auf die Erhaltung seiner selbst in der Umwelt abgestimmt ist, besteht. Das Empfinden einer inneren Abwehr gegen Gegebenheiten, welche dem Individuum nicht zuträglich erscheinen, ist identisch mit einer Regung der Lebensschutzinstinkte, jener elementaren Triebe der Hinwendung zu natürlichen Lebensbedingungen und der Erhaltung des Lebens.

Gegen diese Lebensschutzinstinkte verstösst die Entscheidung der Persönlichkeit, sich dem Bergsteigen zuzuwenden, durchaus. In der Folge hat es ein jeder, der sich in den extremeren Bergsteigerbetrieb hineinbegibt, immer wieder in entscheidender und bemerkbarer, die bergsteigerische Situation beeinflussender Weise mit Äusserungen der Lebensschutz- Die Alpen - 1956 - Les Alpes22 instinkte in direkter oder auch maskierter Form zu tun. Er hat so lange damit zu tun, bis Gewöhnung und bergsteigerische Routine das innere Gleichgewicht des Individuums wieder herstellen, das durch die Unstimmigkeit der Persönlichkeitsstrebung mit der Reaktion des Organismus auf die neue Situation mehrminder empfindlich gestört wurde.

Wenn wir das, was wir bisher ausgeführt haben, in einen Satz zusammenfassen wollen, so können wir sagen, dass das Bergsteigen für jeden, der sich ihm neu zuwendet, eine psychische Belastung darstellt, die, fügen wir hinzu, je nach psychischer Konstitution mehr oder weniger ausgeprägt sein wird. Der Ausdruck dieser psychischen Belastung wieder sind die Phänomene der Angst und der Furcht in ihren verschiedenen Abstimmungen und Schattierungen in der breiten Erlebniskomponente rund um den bergsteigerischen Betrieb.

Nun sind aber Angst und Furcht Begriffe, die wahllos füreinander in der Umgangssprache gebraucht werden - eine Verballung, die selbst bis in Abhandlungen der heutigen Psychologie durch alte eingefahrene Vorstellungen mitgeschleppt wird. Es ist jedoch zwischen Angst und Furcht zu unterscheiden, sowohl qualitativ wie auch quantitativ. Furcht hat nie jenen Grad der Intensität des Gefühls aufzuweisen wie Angst, die über die Übererregung bis in die lähmende Inaktivität des Organismus hinein führen kann und hier die Stufen Angsterregung, schlotternde Angst und lähmende Angst durchschreitet. Physiologisch stimmt die hier feine Unterscheidung des Volksmundes in bezug auf die Angststufen völlig mit der Funktion des nervösen Systems überein, bei dem bekanntlich die Erregung, wenn sie überstark wird, zur endlichen Erschöpfung der Nerven und damit zur vorübergehenden Lähmung führt.

Nun liegen aber die Dinge bei allen Gegebenheiten, welche die grossen Automatismen des funktionierenden Organismus treffen, komplizierter als man fürs erste annehmen würde. Unser Organismus ist in seiner vegetativen Funktion, d.h. in seiner Steuerung, zweipolig und wird durch ein weiteres zweipoliges System ( der hormonellen Steuerung ) in dieser Funktion unterstützt, wobei beide Systeme eng ineinandergreifen. Das Wesen dieser Steuerung ist, dass der eine Pol in Richtung Leistungssteigerung funktioniert, der andere in Richtung Leistungsdrosselung. Diese beiden Funktionen heissen die sympathische bzw. die parasympathische Funktion. Wenn wir nun erstens wissen, dass die sympathische Innervation des Organismus auf Leistungssteigerung und Kraftverausgabung ausgerichtet ist, die parasympathische Innervation aber auf Leistungsdrosselung und Krafteinsparung, Schonung des Organismus; und wenn wir zweitens überlegen, dass das vegetative Nervensystem ( d. i. der Sympathicus und der Parasympathicus als Gegenspieler ) nicht irgendwie funktioniert, sondern organismuserhaltende Aufgaben hat, die sich von der Ernährung über die Schlaf-Wachfunktionen bis in das Milieu- und Situationsgleichgewicht hinein erstrecken; und wenn wir drittens beachten, dass die innere Abwehr, die man beim Anblick der existenzwidrigen Strukturen der Steilwände als beginnender Bergsteiger empfindet, allein aus jener Situation entspringt, in der die Auseinandersetzung des Ich mit diesen ich-feindlichen Architekturen aktuelle Vorstellung wird - dann ist es uns klar, dass sich gerade in dieser Situation bei jedem, der mit dem Bergsteigen nicht zur Gänze vertraut ist, die bewahrende Funktion des Organismus rühren wird, dass die Funktionen des Organismus parasympathisch geschaltet ablaufen werden, dass der parasympathische Impuls im Vordergrund stehen wird.

Dieser biologischen Forderung, dass sich vor bedrohlichen Situationen ( also im Bergsteigen vor der Auseinandersetzung mit Wänden, bei denen man innerlich nicht restlos gewiss ist, ob man die Aufgabe auch überlegen meistern würde ) in erster Linie die parasympathische Funktion des Organismus zu regen beginnt, entsprechen durchaus die Beobachtungen, die man zuweilen bei mehr oder weniger Berggewohnten, wenn sie vor entscheiden- den Aufgaben stehen, machen kann. Man sieht dann die Erscheinungen der Situationsfurcht, wie sie auch vor anderen entscheidenden Situationen des Lebens auftreten. Der Komplex dieser Erscheinungen ist wohl allen Bergsteigern sehr bekannt: es tritt regere Darmtätigkeit auf ( ein Reflex in der Biologie, der der Selbsterhaltung dient ), es findet sich mit Regelmässigkeit eine Nahrungsabneigung bis zur Nahrungsunverträglichkeit, ein Engegefühl in der Brust, das sich durch zeitweilig vertiefte Atemzüge zu kompensieren sucht; weiter eine schlechte Durchblutung der Muskulatur, die sich in Spannungsgefühl und Schweregefühl der Beine beim Anstieg zur Wand äussert. Durch die stärkere Durchblutung der Hautgefässe kommt es zum Wärmeverlust und zum Frösteln. Dem kommt noch die meist kühle Morgentemperatur entgegen, so dass Bergsteiger diese Erscheinungen für gewöhnlich auf die geringe Aussentemperatur zurückführen. ( Dem steht aber entgegen, dass bei viel tieferer Aussentemperatur beim Skifahren der Anstieg am frühen Morgen nie von solchen Symptomen begleitet ist wie im Sommer beim Bergsteigen. ) Der ganze Mensch findet sich in einem gewissen gepressten Erregungszustand, physiologisch in einem parasympathisch geschalteten und sympathisch zum Teil kompensierten Spannungszustand, bei dem die parasympathische Depression immer wieder durch die reaktive sympathische Schaltung auszugleichen versucht wird, so dass man sagen kann, das vegetative Gleichgewicht ist in Unstimmigkeit.

Zu den Erscheinungen der Erregung des Vegetativums in dieser Erwartungssituation gehört auch die irrtümlich als « Unart » junger Bergsteiger ausgelegte erregte Stimmung, die sich in Johlen und Schreien äussert, sowie andere laute Derbheiten, die sich bei näherem Hinsehen fast immer als Entlastungsreaktionen von Erregungszuständen vor oder nach seelischen Belastungen ( d. i. schwierigeren bergsteigerischen Unternehmungen ) herausstellen. Diese drastische derb-heitererregte Stimmung junger Bergsteiger in der Situation vor der Aufgabe ist psychologisch sehr verständlich. Es handelt sich hier um nichts anderes als um eine Reaktion des Organismus auf widrige Umweltsbedingungen, wie sie bis tief in die Tierreihe zu verfolgen ist. Bei Fischen ( um nur ein plastisches Beispiel zu bringen ) z.B. ist die « Milieu-reaktion » besonders deutlich: in einer Zone von chemisch verunreinigtem Wasser - also in existenzwidrigem Milieu - kommt es zur motorischen Erregung, zum Bewegungssturm, der über forcierte Probierbewegungen den Organismus schliesslich in eine Zone reinen Wassers bringt, worauf der Bewegungssturm abebbt. Auch beim jungen Bergsteiger ist es nichts anderes: die ganze bergsteigerische Atmosphäre vor psychisch belastenden Aufgaben ist existenzwidriges Milieu, die Erregung ist daher physiologisch und im Prinzip motorische Erregung. Die motorischen Entladungen führen zwar den Organismus nicht aus der widrigen Zone heraus, weil das Grosshirn über Vorstellungen vom eigenen Ich hier zur Zeit noch die Oberhand über den Organismus hat, aber diese Entladungen sind dessen ungeachtet nichtsdestoweniger stammesgeschichtliche Reaktionen und als solche kaum als bergsteigerische Unarten hinzustellen. Es ist auch in dieser Richtung bezeichnend, wie schnell oft gerade bei den jüngsten Bergsteigern polternde Einsatzfreudigkeit in spontane Umkehr und Verzicht auf das Unternehmen ohne langes Überlegen und Erwägen umschlägt. Diese Erscheinungen, an sich nicht ohne weiteres verständlich, sind aus der Kenntnis des biologischen Sinnes der motorischen Erregung in Situationen belastender Unternehmungen durchaus verstehbar: der durch Tendenzen des Grossgehirnes in seiner Zielsetzung gehinderte Fluchtreflex bricht bei der ersten logischen Begründung der Widrigkeit des Unternehmens, also bei Infragestellung des Grosshirnkomplexes, als das, was er an sich ist, durch.

Wir kennen genug Beispiele in dieser Beziehung: so das Umdrehen einer von Haus aus innerlich unsicheren Seilschaft ohne viel Aufhebens, wenn einer der Beteiligten bemerkt, dass es für diese Tour eigentlich schon sehr spät sei - oder das schon fast an unbewusste Absicht ( eine Contradictio in adjectogrenzende Vertrödeln des Anstieges, so dass es dann beim Einstieg schliesslich für die Tour schon endgültig zu spät ist; oder die manchmal zu hörenden frappierenden Bemerkungen in der Hütte, wenn beim Aufwachen Schlechtwetter bemerkt wird, die fast schon klingen wie « Gottseidank es regnet! ». Oder Begründungen für ein Umkehren, weil die Seilschaft glaubte, dass das Wetter nicht halten würde. Die allermeisten dieser Gründe für Abbruch der Tour stellen sich für den genaueren Beobachter als kategorische Imperative des Organismus ( d. i. des vegetativen Nervensystems ) heraus, die sich hier gegen die Willensimpulse des tendenziösen und diktatorischen Grosshirns erfolgreich durchgesetzt haben.

Wenn man sich nun gedrängt sieht, diese biologisch sinnvollen Äusserungen des Vege-tativums entsprechend ihrem Zustandekommen aus der Situation der psychischen Belastung, hier durch Empfinden der Existenzwidrigkeit der vorgenommenen Aufgabe, als komplexe Erscheinungen der Furcht zweckmässig zu erkennen, so sind sie doch in dieser Form noch keineswegs als Momente subjektiver Gefährdung anzusprechen. Erst die extremen Spitzen dieser an sich physiologischen Zustände können eine Gefährdung des Bergsteigers anbahnen.

Was nun das Phänomen der Furcht betrifft bzw. sein motorisches Äquivalent, die Maske der lärmenden und johlenden Erregung, oder auch nur die hochgradige innere Spannung bei äusserer Ruhe und Beherrschtheit, die sich in ihrem motorischen Ursprung nur verrät durch grobe Bewegungsimpulse und Verlust der Feindosierung der Bewegungen, so haben wir im Moment des sogenannten « Sich-Freikletterns » in den ersten Seillängen das entsprechende motorische Manifest beim Klettern selbst. Mit dem Begriff des Sich-Freikletterns wird bekanntlich das Phänomen des Gehens mit starker innerer Anspannung in den ersten paar Seillängen in einer Wand belegt, einer Phase der Durchsteigung, die nach verschieden langer Zeit des Abklingens schliesslich dem zielstrebigen Klettern mit feindosierten Bewegungen in vollster Konzentration auf die Aufgabe Platz macht.

Dieses sogenannte Sich-Freiklettern birgt mancherlei subjektive Gefahrenmomente für den Bergsteiger in sich. Es erhellt ohne weiteres aus der Art der Bewegung im Fels, die durch die Hast der überschiessenden Bewegungen, durch das Fahrige, Automatisierte, unkontrolliert Reflexmässige markiert ist, dass in einem solchen Zustand der Bergsteiger objektiven Gefahrenmomenten, wie Brüchigkeit, plötzlichem Seilzug durch schlecht ablaufendes oder klemmendes Seil und sonstigen Tücken des Geländes, unvorsichtigen Belastungen von Graspolstern usw., in erhöhtem Masse ausgeliefert ist. Auch gibt diese Art des Steigens vermehrt Anlass zu sogenannten Verhauern und Verkeilungen in die Situationen technischer Ausweglosigkeit. Schliesslich aber ist in dieser psychischen Lage auch der Umschlag vom aggressiven Aufwärtsdrängen zur plötzlichen Rückzugstendenz im Bereiche der Möglichkeit. In einem solchen Fall gestaltet sich dann der Rückzug aus der Wand mangels innerer Sicherheit oft sehr schwierig, umständlich und zeitraubend, und die Fälle, in denen sich Bergsteiger über die erste Phase der Aggression bei der ersten ernstlichen Schwierigkeit sofort leerliefen und sich in einem psychischen Zusammensacken nicht einmal mehr zur Aktivität eines Rückzuges aufraffen konnten, sondern lieber aus der Wand herausholen liessen, sind nicht gar zu selten.

Ein ganz anderes Kapitel als die Furcht in ihrem Ausdruck der motorischen Erregung stellt die Angst im Bergsteigen dar. Grundsätzlich muss festgehalten werden, dass die Angst im Gegensatz zur Furcht ein Affekt ist. Wohl ist auch die Furcht vegetative Erscheinung, aber diese vegetative Erregung erreicht niemals den Grad eines Affektes. Ist die Furcht eine Äusserung des Organismus neben anderen Bewusstseinsinhalten, so ist die Angst ein Zustand vom Charakter des Ausschliesslichen. Anders ausgedrückt: der Mensch hat Furcht; was aber die Angst betrifft, so hat nicht der ganze Mensch sie, sondern sie hat den ganzen Men- sehen. Angst ist sozusagen ein ichloser Zustand, während Furcht immer noch von der Persönlichkeit des Menschen kontrolliert und beeinflusst ist. Dementsprechend kann es sich in der Situation der Angst niemals ereignen, dass der Betreffende äussert, er hätte Angst. Fällt eine solche Entscheidung, dann handelt es sich um Furcht, nicht aber um Angst. Denn diese ist elementares Ereignis, das mit Bewusstseinseinengung einhergeht, d.h. in dem die psychischen Abläufe ohne bestimmende Mitwirkung des Denkapparates vor sich gehen. Angstzustände aber sind gerade im Bergsteigen - obwohl man fürs erste versucht sein mag, die Angst im Bergsteigen bei flüchtiger Überprüfung seiner Erfahrungen glatt abzuleugnen -ein ziemlich häufiges Ereignis, da Erscheinungen darunter fallen, deren Zusammenhang mit Angst nicht unbedingt erkennbar ist.

Eine dieser Erscheinungen von Angst im Bergsteigen ist ein Vorgang beim Klettern in Wänden, der recht oft direkt oder indirekt zur Beobachtung gelangt und folgendermassen charakterisiert ist: bei schwierigen Kletterstellen wird der ruhige Rhythmus des harmonischen Höhersteigens unterbrochen, es kommt zum Zögern, zu wiederholten Ansätzen, die richtige Bewegungslösung für die betreffende Stelle zu finden, die immer wieder rückläufig werden durch wiederholtes Zurücksteigen zum letzten sicheren Stand. Es besteht also bei mangelndem Impuls zur Rasanz der Bewältigung die Tendenz, sich durch wiederholte Probierbewegungen den Bewegungsschlüssel nach beiden Seiten hin ( also hinauf und hinunter ) herauszuarbeiten. Dieses Zögern aber bringt den Bergsteiger zugleich in eine auf das « Wieder-zu-rück » abgestimmte psychische Reaktionslage, die sich jedoch in der entscheidenden Phase der Bewältigung dieser Stelle, nämlich dann, wenn aus dem richtigen Ansatz heraus in einem Zug weitergegangen werden müsste, als der Finalität des Ganzen abträglich erweist. Es tritt in diesem Fall immer wieder der Umstand in Erscheinung, dass in der sich kritisch zuspitzenden Situation, in der die psychische Einstellung der kräftigen Strebung zum Weitergehen rationale Forderung wäre, Impulse des « Wieder-zurück » mit rationalen Entschlüssen zum « Jetzt-hinauf !» in bunter Folge und blitzartig in der Situation wechseln. Diese wechselnden Impulse in der kritischen Situation der Exposition des Individuums müssen aber notwendig zur Erkenntnis der Labilität der Sicherheit führen und bringen ebenso notwendig das Kritische der Lage zu Bewusstsein, das einer Augenblicksentscheidung bedarf. Der situative Ablauf der Bewältigung der schwierigen Stelle ist mithin an jenem Punkt angelangt, wo, in einer ungünstigen Stellung, das Hinauf und das Hinunter in gleicher Weise problematisch ist. Eine solche Situation im Bergsteigen ist ein Zustand der absoluten Exposition des Individuums. Verständlich führt diese Erkenntnis absoluter Exposition zu panikartiger Gesamtstimmung des Organismus und diese zum Einsetzen von Primitivreaktionen unter Ausschaltung des bewussten Denkens: es kommt auch hier zum Bewegungssturm, der über eine Vielzahl von Probierbewegungen dem Individuum aus der kritischen Situation heraushelfen soll. Das, was sich dann auf diese Weise aufwärts bewegt, ist kein Bergsteiger im Sinne der erlernten Ausübung, sondern ein Organismus wie jeder andere in Primitivreaktionen, wie sie jedes Lebewesen, das sich in Gefahr befindet, zeigt. Wir können diese Primitivreaktionen oft im Bergsteigen der minder Erfahrenen und minder Berggewohnten beobachten, und sie werden einem klar als das, was sie an sich sind, wenn wir die Art und Weise sehen, wie diese Leute eine bergsteigerische Situation plötzlich beenden: mitten aus dem Herumzaudern setzt nach einer Pause des Verharrens in zunehmender innerer Spannung plötzlich eine rasante Tendenz zur Beendung der Situation ein, ein Haschen und Tappen nach Griffen, ein Scharren nach Tritten, der ganze Organismus ist mit einem Mal in Bewegung, die Hände langen nach allem, was ihnen unter die Finger kommt, und unter den unmöglichsten Stellungen, mit Armen, Beinen und Knien arbeitend, kämpft sich das Individuum höher. Im Bergsteigerjargon wird diese Art des Höherkommens als « Hinaufraufen » bezeichnet - ein Ausdruck, der sprachlich-bildlich die psychische Situation wie den optischen Eindruck vollkommen trifft: es sieht aus wie ein Raufen und ist auch psychisch ein Raufen, nämlich ein Aggressionsaffekt. Was dann schliesslich oben am Standplatz ankommt, ist kein Bergsteiger, sondern ein vor Anstrengung und Erregung zitternder, schweissbedeckter und schweratmen-der Organismus Mensch, bei dem die Erregung erst wieder abklingt, wenn er am bombensiche-ren Standhaken eingehängt hat und die Seilschlingen zum Nachkommen des Zweiten einholt.

Dass in diesen Situationen so wenig passiert, muss uns eigentlich wie ein Wunder erscheinen. Es ist aber keines, da der vom Nebendenken befreite Organismus in der Primitiv-reaktion des Bewegungssturmes frei von allen störenden Nebenimpulsen und nur vollständig erfüllt ist von der biologischen Zweckmässigkeit der Einstellung auf das « Heraus aus dieser Situation um jeden Preis ». Dazu kommt noch, dass es sich bei diesen Leuten fast durchwegs um Bergsteiger handelt, die Wege im Fels gehen, die bereits von anderen vorher beschritten wurden, somit also technisch möglich sind - und wo eine Möglichkeit im Fels ist, da erfüllt der Bewegungssturm mit seinem Überschuss an Probierbewegungen durchaus seinen biologischen Sinn, d.h., er wird erfolgreich aus der Situation herausführen, wenn ihm die Wand-strukturen entgegenkommen.

Jedoch haben wir auch hier wieder ein subjektives Gefahrenmoment, das in seiner Reichweite vollständig erfassbar ist. Es liegt auf der Hand, dass die Probierbewegungen nicht immer zum Ziele führen müssen, und zwar dann nicht, wenn die Felsstruktur keine Ansatzpunkte mehr bietet, wenn die Sache - wie es bei den sogenannten Verhauern der Fall sein kann -klettertechnisch nicht mehr lösbar ist. Ein anderes Gefahrenmoment, das auch hier offenbar in Betracht kommt, ist die erhöhte Möglichkeit des Abrutschens vom Tritt, des Ausbrechens von Tritten und Griffen u. ä. m. Denn der in höchster motorischer Aktivität befindliche Organismus stellt bei allen halbwegs sicher erscheinenden Halten keine sonderlichen Untersuchungen oder Belastungsproben an. Dadurch können sich selbstverständlich Stürze in die Tiefe durch sich lösendes Material ergeben. Die Möglichkeit des Abrutschens und damit ebenfalls des Sturzes wird aus der Art der Bewältigung der Kletterstelle durchaus verstehbar: ist der Organismus fast ausschliesslich nur motorisch aktiv, so müssen Fehlbelastungen und technisch unrichtige Auswertungen der Haltepunkte in solchen Fällen direkt erwartet werden.

Angst und Furcht können aber noch in einer ganz anderen Art als durch blosses un-reines Gehen mit all den erwähnten Nachteilen für die Sicherheit eine Gefährdung des Bergsteigers verursachen. Sicherlich ist es nur von Vorteil, wenn der Bergsteiger in einer gewissen Erwartungsspannung an die Objekte herangeht, denn überschätzte Dinge sind immer leichter zu lösen als jene, die man unterschätzt. Aber es kann, wenn einmal ein Angstzustand in einer Wand mit voller Stärke erlebt wurde, sich ein unheilvoller Kreis entwickeln: die Furcht vor dem Angstzustand in einer Wand, die unfehlbar die Angst in der exponierten Situation erneut auslöst. Solche Dinge kann man Bergsteigern schwerlich verstehbar machen, weil man diese Zustände erst verstehen kann, wenn man sie selber erlebt hat oder wenn man sie bei jemandem anderen miterlebte. Hier soll über dieses Phänomen im Bergsteigen nur so viel gesagt werden, dass es mit Sicherheit bei Bergsteigern vorkommt. Dass wir darüber wenig wissen, liegt nicht daran, dass die erwähnte Erscheinung der Furcht vor dem Angstzustand an ausgesetzten Stellen und Angstzustände in der Wand selbst so selten sind, sondern allein daran, dass von den Bergsteigern darüber geschwiegen wird, dass es Erscheinungen sind, mit denen jeder Betroffene selbst fertig zu werden trachtet. Wir können aber ermessen, dass es ein persönlichkeitszerstörender Komplex ist, wenn ein Bergsteiger, der bislang fraglos seiner Tätigkeit in den Bergen nachging, plötzlich von Angstzuständen in der Wand serien- weise befallen wird. In den Versuchen und in der Art und Weise, wie eine an sich starke Berg-steigerpersönlichkeit solchen Zuständen zu begegnen beginnt, wird nur für den Hellsichtigen die ganze Dramatik des Ringens der Persönlichkeit um ihr bedrohtes Niveau und die ganze Tragik eines Einzelschicksales im Bergsteigen offenbar. Unsere Tragik aber ist es, dass wir den anderen wohl verstehen und seinen inneren Kampf sehen, ihm jedoch nicht helfen können. Denn nirgendwo kann man einer solchen ablehnenden Haltung begegnen, als bei dem Versuch, sich in den Kampf um einen Niveauverlust, den der Betroffene ja nicht einmal vor sich selbst zugibt, einzumengen. In dieser höchsten Zuspitzung gewinnt Angst und Furcht das Prädikat der höchsten subjektiven Gefahr im Bergsteigen, da die Furcht vor der Angst in einer Kettenreaktion den Bergsteiger in eine Spirale zur endlichen Katastrophe hineintreibt. Hier erweist es sich wahrlich als ungeistig, auf dem Standpunkt zu verharren, dass man mit Willenskraft diese Zustände überwinden könnte. Das reine Gegenteil ist in Wahrheit der Fall: je mehr man sich mit erlebten Angstzuständen und der Furcht vor diesen gedanklich auseinandersetzt, je mehr man also an diesen Komplex denkt, um so eher fällt er einem dann bei jeder Situation ein, welche die Möglichkeit eines Angsterlebnisses nur irgendwie zulässt. Aus diesem andeutungsmässigen Hinweis auf den Fragenkomplex von Angst und Furcht im Bergsteigen kann man ersehen, dass sich hier ein Thema aufrollt, das bergsteigerisch eine gewisse Bedeutung hat. Zwar begegnen wir in der alpinen Literatur den Begriffen der Angst und Furcht mehrfach, jedoch in einer Art der Anschauung und thematischen Entwicklung, die undiskutabel ist. So unvereinbar mit der kraftvollen Tätigkeit des Bergsteigens Angst und Furcht äusserlich betrachtet auch sein mag und so verschwindend der Anteil am Gesamtkomplex des Bergsteigens auch geschätzt werden mag, so würde doch - das ist unsere Überzeugung ( die wir auf Beobachtung einiger Fälle stützenbei einer psychoanalytischen Untersuchung von Bergsteigern, bei denen auffällt, dass sie nicht mehr so im Bergsteigen drinnen stehen wie früher, mehr von dem Komplex von Furcht und Angst ans Tageslicht treten, als wir uns vorstellen mögen.

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