100 Jahre «Hotel SAC» im Maderanertal 1864-1964 | Club Alpin Suisse CAS
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100 Jahre «Hotel SAC» im Maderanertal 1864-1964

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VON PATER FINTAN AMSTAD, ALTDORF, URI

Eine Plauderei mit historischen Erinnerungen Mit Genugtuung haben die Freunde des Maderanertales in der engeren und weiteren Heimat die Nachricht aufgenommen, dass das Hotel Alpenclub im Sommer 1964 seine Tore wieder geöffnet hat. Ein Zufall will, dass gerade vor 100 Jahren, anno 1864, im Maderanertal das erste Hotel gebaut wurde. Die einzigartige Schönheit des Tales hatte in den vierziger und fünfziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts zahlreiche Touristen angelockt. Was aber dem Maderanertal damals noch fehlte, das waren die passenden Unterkunftsmöglichkeiten. Wohl hatte Kaplan Albin Furger von Bristen in seinem Kaplanenhäuschen schon immer Touristen aufgenommen, und als die Gemeinde das jetzige Pfarrhaus baute, konnte dort eine grössere Zahl von Gästen Unterkunft finden und von Bristen aus ihre Erkundigungsfahrten ins Tal machen. Furger scheint ein guter und besorgter Wirt gewesen zu sein, der auch als Bergsteiger und Jäger weit bekannt war. Er sammelte fleissig Mineralien, die er an seine Gäste zu billigem Preis abgab. Diese schätzten aber vielleicht noch mehr den 14 Die Alpen- 1964- Les Alpes209 feurigen Italiener, den er ihnen anbot, und gelegentlich servierte er ihnen sogar eine schmackhafte Forelle aus seinen eigenen Fischweihern drunten am Kärstelenbach. Wollte man aber von Bristen aus einen der hohen Berge besteigen, dann blieb nichts anderes übrig, als das Übernachten in einer der höchstgelegenen Alphütten in Kauf zu nehmen, die, wie heute, so schon damals höchst primitiv aussahen. Für das Gebiet des Hüfigletschers kam als Nachtquartier die halb zerfallene Hütte auf dem Hüfiälpeli in Betracht. Dasselbe wurde bis gegen 1850 noch mit einigen Kühen befahren; als es aber immer mehr mit Steinen überrieselt wurde, weidete man es nicht mehr ab. Die verschiedenen Hüfiklubhütten weiter oben gegen den Gletscher hin wurden erst später erbaut.

Der Bericht eines F. Fininger aus Basel, offenbar Mitglied der dortigen Sektion des Alpenclubs, gibt ein anschauliches Bild dieser Schwierigkeiten. Fininger bestieg im Sommer 1863 das Grosse Scheerhorn und im Juni 1865 das Kleine und veröffentlichte dann im ersten und dritten Band des Jahrbuchs des Schweizer Alpenclubs seine Erlebnisse. Wir lassen dieselben hier folgen, soweit sie den Aufstieg betreffen und Aufschluss über den Bau des Hotels im Maderanertale geben.

« Samstags, den 11. August 1863, befand ich mich im „ Weissen Kreuz " in Amsteg, durch die grosse Dienstfertigkeit der Frau Wirtin wohl versehen mit Speise und Trank für die projektierte Besteigung des Scheerhorns. Als Führer waren Jos.Mar.Tresch von Silenen und Ambrosius Zgraggen von Amsteg engagiert. Ersterer ist einer der besten Gemsjäger des Kts.Uri... Weil uns voraussichtlich im Hüfiälpeli ein kaltes und hartes Nachtlager erwartete, so wurde unser Proviant auf 8 Flaschen „ Italiener ", 1 Flasche Kirschwasser, auf Zucker, Schaf braten, Brot, Butter, Kaffeepulver, Pfeffer und Salz, Cigarren, anderthalb Dutzend Eier ( ein vorzügliches Nahrungsmittel auf Alpenreisen ) gesteigert und dazu Wolldecken mitgenommen. Zum Transport dieser Fracht half uns bis zum Nachtquartier Sebastian Zgraggen als Träger mit.

Nachmittags 3 Uhr brachen wir von Amsteg auf. Wir hatten bis zum Nachtquartier im Hüfiälpeli einen Marsch von 5 Stunden zu machen und durchaus keine Aussicht auf gutes Wetter, indem der Himmel fortwährend düster und bedeckt blieb. In Bristen, dem ersten und einzigen Dorfe des Maderanertales, ca. 40 Minuten von Amsteg entfernt, besuchte ich meinen Freund und ehemaligen Reisegefährten über den Schlossberggletscher, Hrn. Kaplan Furger. Ich hoffte, ihn als Reisegefährten für diese Partie gewinnen zu können, allein seine Amtsgeschäfte erlaubten ihm nicht, sich von Hause zu entfernen. Nachdem wir bei ihm eine gute Flasche „ Italiener " getrunken hatten, ging 's ernstlich vorwärts, abwechselnd am rechten und linken Ufer des Kärstelenbaches, der sich in jugendlicher Ungebundenheit von Fels zu Fels stürzt, um sich bei Amsteg mit der ernsten Reuss zu vereinigen. Über den „ Lungenstutz ", eine ziemlich steile Felshalde, kamen wir, an den Alpen Stäfeli, Griesern, Balmenwald, letztere der Sommerwohnsitz des Führers Gedeon Tresch, bei dem wir eine Pfanne zum Kochen des Kaffees entlehnten- dann vorbei bei den Alpen Niederkäsern, Waldibalm und Guffern, überschritten den Stäuber, den Ausfluss des Brunnigletschers, bewunderten dessen prächtigen Wasserfall und kamen abends 8 Uhr in unserem Nachtquartier an, als die Dunkelheit bereits angebrochen war. Hier suchten wir uns so gut als möglich einzurichten. Die zerfallene, seit drei Jahren nicht mehr bewohnte Steinhütte bot uns immerhin ein ordentliches, wenn auch ungemein luftiges Unterkommen: Das Dach war zur Hälfte abgedeckt und musste daher ausgebessert werden. Glücklicherweise fanden wir Bretter genug, um uns gegen den Regen, der in mehr als notwendiger Quantität fiel, von oben zu schützen. Der Eingang der Hütte konnte jedoch, da kein Material mehr zur Verfügung stand, nicht geschlossen werden. Bei einem lustigen Feuer verzehrten wir unser Nachtessen, machten noch unsere Vorbereitungen für den folgenden Tag und begaben uns sodann zur Ruhe, die beiden Führer und ich im Hintergrund der Hütte, der Träger, welcher bei uns keinen Platz mehr fand, beim Eingang in der Nähe des Feuers. Von einem ordentlichen Schlaf konnte keine Rede sein; wir wurden zwar nicht, wie ich es sonst in den bewohnten Sennhütten jedesmal erlebte, von Ungeziefer geplagt, allein das Lager war doch ausserordentlich hart, ohne irgendeine Unterlage von Heu oder dergleichen, und zudem blies fortwährend ein kalter Wind durch die Fugen, der mich nötigte, von Zeit zu Zeit meine erstarrten Glieder an dem guterhaltenen Feuer zu wärmen. Endlich rückte nach einer langen Nacht der Morgen an. Sebastian hatte seine Pflicht getan und servierte um 3 Uhr einen köstlichen schwarzen Kaffee, den wir uns, mit einer gehörigen Portion Kirschwasser vermischt, wohl schmecken liessen und eine tüchtige Menge Butterbrote dazu verzehrten. Munter reisten wir um 4 Uhr 7 Minuten vom Hüfiälpeli ab, das Wetter schien gut zu werden... Um Y210 Uhr hatten wir dann das Glück, uns auf der höchsten Spitze zum Gelingen unserer Expedition zu gratulieren. » Im Steinmandli fanden die drei Touristen eine Flasche mit einem Zettel, den der erste Bergsteiger des Scheerhorns geschrieben hatte: « Dienstag, den 9.August 1842, mittags 11 Uhr: Mit der Hilfe Gottes hat der Schreiber dieses, Georg Hofmann an der Eisengasse in Basel, unter der Begleitung des Hrn. Jost Gysier, Präsident und Rosenwirth in Unterschächen, und Peter Leonz Imholz, zwei wackeren und vertrauten Bergsteigern, zum ersten Mal die Spitze des Scheerhorns erreicht. Gott geb, dass wir die Gefahren der Rückreise glücklich überstehen mögen. » Zwei Jahre später, im Juni 1865, hatte derselbe F. Fininger vor, das Kleine Scheerhorn zu besteigen. Auch diesmal traf er in Amsteg auf schlechtes Wetter und hatte bereits das Fuhrwerk zur Rückreise nach Flüelen bestellt, als die beiden bekannten Führer in sein Zimmer traten, « vollständig aufgeputzt zum Tanze auf dem Gletscher und mit fröhlichen Gesichtern gutes Wetter finden folgenden Tag verheissend ». Nachdem sie bei Kaplan Furger in Bristen auf das Wohl des Scheerhorns einige Flaschen geleert hatten, brach man auf und landete am Abend im neuen Gasthofe « Zum schweizerischen Alpenclub » auf der Balmenegg. Fininger schreibt: « Wie sich doch die Zeiten ändern! Welcher Unterschied zwischen dem unwirtlichen Hüfiälpeli, das aber doch manchem Reisenden als willkommenes Nachtlager gedient, und dem für diese Gegend grossartigen, allen Bedürfnissen entsprechenden Gasthofe, anstatt der Steinplatten auf dem Hüfiälpeli ein elegantes Zimmer mit weichem Bett! » Wie war es zu diesen Veränderungen gekommen? Es scheint, dass um die Mitte des vorigen Jahrhunderts besonders Basler Touristen, die Gründer der späteren Sektion des Schweizer Alpenclubs, sich für die Erschliessung des Maderanertales einsetzten. Das Tal erschien ihnen als ein wahres Naturwunder. Schon der Weg von Amsteg nach Bristen bot viel des Interessanten. Der Kärstelenbach, der das ganze Tal durchfliesst, braust aus einer engen, bewaldeten Schlucht wild hervor, um dann sein milchweisses Wasser in die Reuss zu ergiessen. Hinten im Tale ergiessen sich Wasserfälle gleich Silberfäden über die südlichen und nördlichen Terrassen herab und vereinigen ihr Wasser mit dem Kärstelenbach. Der Brunni- und der Etzlibach bilden zugleich grossartige Wasserfälle. Und wie bezeichnend sind die Namen der kleineren Fälle! Da gibt es einen Seidenbach, einen Milchbach, einen Fadenbach, einen Lämmerbach, einen Stäuber und viele andere.Vom Maderanertale führen Übergänge nach Disentis, Sedrun, Linthal und nach Unterschächen. Und dann die wertvollen Mineralien! Überall wird Bergkristall gefunden, und bei der Windgällenhütte sogar einer, der eine ganz besondere Ausbildung hat, bekannt unter dem Namen « Windgällenhabitus ». Dann die wertvollen Rauchtopase, Morione, die schönen Adulare, Amiante, Brookite, Anatase und viele andere. Eine Eigentümlichkeit ist der auf der Kleinen Windgälle vorkommende, zuerst von Dr. Karl Franz Lusser entdeckte rote Porphyr. Den Namen erhielt das Tal von Peter Madran, der schon im 16. Jahrhundert das im Windgällengebiet anstehende Eisenerz verhüttete. Eine Eisenmassel vom dortigen Bergwerk wie auch einige aus Urner Eisen hergestellte Geräte werden heute noch im historischen Museum in Altdorf gezeigt. Was aber die ersten Pioniere immer wieder ins Maderaner- tal lockte, das war die Fauna und Flora des Tales. In nicht manchem Hochtale der Schweiz findet man die gleiche Fülle von herrlichen und seltenen Alpenpflanzen. Auch der Anblick der zahlreichen Gemsrudel, der munteren Murmeltierlein, der Alpendohlen begeisterte sie. Offenbar waren die Jäger damals noch nicht so treffsicher wie die heutigen! Hie und da sahen sie einen Adler in hohen Lüften seine Kreise ziehen.

Schon 1852 hatte ein bekannter Basler Bergsteiger, der durch seine alpinen Leistungen und Schriften bekannte und oben als Erstbesteiger des Scheerhorns erwähnte Georg Hofmann, auf zwei Blättern ein Panorama der Nord- und Südseite des Tales gezeichnet, welche dann bei der Eröffnung des Kurhauses zusammen mit einem « Führer in das Maderanertal und seine nächsten Umgebungen » im Drucke erschienen und noch heute wertvoll sind.

Diese Basler Alpinisten waren es nun, die den unternehmungslustigen Wirt vom Hotel Kreuz in Amsteg, den Bauherrn Albin Indergand-Burkhard, bewegen konnten, auf der Balmenegg einen Gasthof zu bauen. Wenn man die damaligen, sehr primitiven Pfade vor Augen hat, die von Amsteg ins Tal führten, versteht man, dass es viel Mut brauchte, an ein so kostspieliges Unternehmen heranzugehen. Die Basler waren es auch, die dem Wirte zu verschiedenen Malen billiges Geld vermitteln konnten mit der löblichen Nebenabsicht, durch den Bau des Hotels auch ärmeren Alpenbewohnern Gelegenheit zu Verdienst zu geben. Ersteller des Hotels war der Schwager von Indergand, Baumeister Blaser von Schwyz. Die meisten Arbeiten konnten 1864 unter Dach gebracht werden, so dass im Sommer 1865 die erste Saison ihren Anfang nehmen konnte. Als Reklame wurde bei Bodmer eine hübsche Lithographie ( 35 X 26 cm ) bestellt, die das neue Hotel mit zu Fuss und auf Lasttieren ankommenden Gästen zeigt und in Fettdruck die Unterschrift hat: « Hotel und Pension zum schweizerischen Alpenclub im Maderanertal, cant. Ury A. Indergand, zum Kreutz in Amsteg, Propriétaire ». Das Hotel hätte anfänglich « Zum Balmenwald » heissen sollen; offenbar zur Erinnerung an die Initianten desselben wurde es dann aber « Hotel zum schweizerischen Alpenclub » getauft, ohne dass damit eine Abhängigkeit oder Verpflichtung gegenüber dem Alpenclub entstanden wäre.

Das erste Jahr verzeichnete einen Besuch von ca. 150 Schweizern, 30 Engländern, 30 Deutschen und 10 Franzosen, zusammen ca. 220-250 Personen.

Schon in den nächsten Jahren nennt das Fremdenbuch nicht nur Namen von jungen Urner Herren und Damen ( einer der ersten war der spätere Landammann Gustav Muheim ), sondern bald stellten sich Gäste aus aller Welt ein; wir finden Namen von berühmten Staatsmännern, Musikern, Dichtern, Künstlern, Diplomaten und Schriftstellern. Im Maderanertal war der Komponist Jon. Brahms, der Musiker Anton Rubinstein, der Philosoph Nietzsche, der Schriftsteller Gerhart Hauptmann, der Feldmarschall Hindenburg, « eingeschrieben als Gardeleutnant », der Heerführer Ludendorff, der Kunstmaler Cuno Amiet, der Genfer Maler Albert Gos und in neuester Zeit Kardinal Frings von Köln, zu Gast.

Zu den berühmten Gästen könnte man noch hinzufügen: den Porträtmaler Ad. Müller-Uri aus New York; den Historiker Gerold Meyer von Knonau; den berühmten amerikanischen Gewehr-fabrikanten Peabody; den deutschen Aussenminister Curti us, den englischen Feldmarschall Roberts; den Geologen Albert Heim; den Südpolfahrer Ellsworth; den Schriftsteller Ernst Zahn, zusammen mit dem Komponisten Hans Huber. Auch der Dichter Mörike muss im Maderanertal gewesen sein, denn 1882 veröffentlichte eine Schweizer Zeitung ein langes Gedicht von ihm, in welchem er das Maderanertal, seine Schönheit und Romantik verherrlicht und auch den freundlichen Wirtsleuten ein Kränzchen flicht. Auch W. Bruce, der Himalaya-Bergsteiger, war nach dem Fremdenbuch Gast im Maderanertal, sowie alt Bu ndeskanzler Adenauer.

Das nicht sehr geräumige Hotel mit 19 Zimmern, 32 Betten und einem Speisesaal genügte bald den Ansprüchen nicht mehr, weshalb man nach einigen Jahren zu Neubauten schritt. Zuerst wurde ein grösserer Bau, die Dépendance, errichtet, dem wiederum ein Neubau, die « Villa », folgte. Im Winter 1880 brannte das zuerst errichtete Gebäude gänzlich nieder, wurde aber ungefähr in den gleichen Massen wieder aufgebaut. In der Zwischenzeit behalf man sich mit den übrigen Häusern. Der viereckige Hof hinter dem Hotel wurde durch einen sonderbaren, an eine Kapelle erinnernden Bau abgeschlossen, der die Wäscherei, Glätterei und Bäckerei enthält. Im Jahre 1888 erbaute man auf dem Hügel hinter dem Hotel die schmucke Kapelle, in welcher, neben dem katholischen, bis zum ersten Weltkrieg auch der anglikanische Gottesdienst stattfand. Nach 1900 wurden die Bauten noch um eine Halle vermehrt, die dem Tagesaufenthalt der Gäste dient und wo in früheren Jahren bei feierlichen Anlässen sogar Bälle veranstaltet wurden. Das Klavier, das die Begleitmusik für solche Anlässe übernahm, war jedenfalls schon in den Anfangszeiten huckepack auf die Balmenegg befördert worden, und als ihm nach vielen Jahren der Atem ausging, fand es Platz unter der Kegelbahn, die als geschlossener Raum bei schlechtem Wetter die kegelfreudigen Gäste aufnimmt und gelegentlich als Massenquartier für Touristen und Schulen dient. Mit der Zeit kamen noch kleinere Bauten dazu, ein Postbüro, Lagerhäuser für Vorräte, während der Schweinestall in gemessener Entfernung vom Hotel seinen Platz fand.

Der Erbauer, Albin Indergand, war als Regierungsrat und kantonaler Bauherr sowie als Hotelier des beim damaligen regen Gotthardverkehr sehr besuchten « Weissen Kreuzes » in Amsteg so stark in Anspruch genommen, dass er den Betrieb seines neuen Kurhauses nicht selber übernahm. Das tat sein aus Amerika heimgekehrter Bruder Franz, der bis in die neunziger Jahre sich mit seiner Frau alljährlich zur Saison ins Tal begab. Nach ihm wirtete bis nach dem Weltkrieg ein Vetter der Familie. Weil dieser und seine Frau der fremden Sprachen nicht mächtig waren, besorgte den Verkehr mit den vielen fremdsprachigen Gästen eine Tochter des Erbauers, die sich in Deutschland verheiratet hatte, sich jedoch jeden Sommer im Maderanertal einstellte.

Das Wirken dieser in ihrem Fach tüchtigen Wirte fiel noch in die Zeit vor dem ersten Weltkrieg. Da gab es noch keine Dienstbotenfrage, jahrelang hatte man dieselben Angestellten, und zum Herbeischaffen der vielen Dinge, die ein so grosser Betrieb benötigt, fanden sich in Bristen und Amsteg immer willige, starke Träger. Es gab Gäste, die dreissig und mehr Jahre das Maderanertal aufsuchten, darunter ganze Familien, die sich dort im Sommer für einige Wochen heimisch fühlten. Diese aus aller Welt herbeigeströmten Menschen betrachteten sich in der Abgeschlossenheit des Maderanertales als grosse Familie. An unfreundlichen Tagen wurde gespielt, gekegelt, getanzt, sogar kleine Theaterstücke und Konzerte wurden gelegentlich aufgeführt. Bei Sonnenschein boten die harzduftenden Wälder, die abwechslungsreichen Spaziergänge in der Umgebung angenehme Erholung. Auf dem kleinen Butzlisee, der freilich bei trockenem Wetter an Wassermangel leidet, konnte man sich sogar am Kahnfahren erfreuen, und in neuerer Zeit diente derselbe hie und da sogar als « Strandbad ».

Selbstverständlich trachteten besonders die jüngeren Gäste, an ihrer Spitze die Engländer und Basler, danach, während ihres Ferienaufenthaltes einen oder mehrere der über 3000 Meter hohen Berge, die wie ein prächtiger Kranz das Maderanertal umgeben, zu besteigen. Da sind das Grosse und das Kleine Scheerhorn, der als leichte Klettertour gerühmte Düssistock, der Oberalpstock, die beiden Windgällen, der Ruchen und in der weiteren Umgebung der Tödi und die Clariden, welche die Bergfreunde anziehen. Ihnen stand besonders in früheren Zeiten eine ganze Kompanie von Führern und Trägern zu Diensten, die meistens ihre Sommerwohnungen in der nächsten Umgebung des Hotels hatten. Da lebten die Bergführergenerationen des weissen, schwarzen, roten, grünen und schönen Tresch und im Schachen drunten diejenigen der Zgraggen. Der Beruf vererbte sich jeweilen vom Vater auf den Sohn. Bei günstigem Wetter warteten diese Führer auf ihrem angestammten Plätzchen vor der Glätterei auf Kunden, besprachen das Wetter und gaben den Berglustigen gute Ratschläge.

Ein Ereignis für Gäste und umwohnende Alpenbewohner war jeweilen der Sonntagsgottesdienst in der Kapelle. Lange Zeit wurde derselbe besorgt vom alten Kaplan Furger von Bristen, der sich von seinem Kaplan- und Wirteberuf ins Privatleben zurückgezogen hatte, um dann während der Saison den leichten Posten eines Kurkaplans zu übernehmen. Ihm folgte für längere Zeit der bekannte Historiker, Spitalpfarrer Josef Müller von Altdorf, der bei den Bergbauern zugleich Material für seine drei dicken Bände: « Sagen aus Uri » sammelte. Auch die Benediktiner von Einsiedeln und später diejenigen vom Kollegium in Altdorf übernahmen nicht ungern das Amt des Hotelkaplans im Maderanertal, wo man unbeschwerte Stunden verleben und in der herrlichen Natur sich ergehen konnte.

Selbst ein Kurarzt amtete früher im Hotel, da man sonst bis zur Ankunft eines Arztes stunden-, ja tagelang hätte warten müssen. Seine Kunden waren meistens die Kinder, aber es konnte auch Bergunfälle geben, wo seine Gegenwart willkommen war. Als dann die Zugangsverhältnisse besser wurden, ersetzte man den Arzt durch eine Krankenschwester, und als der Jeep das Hotel erreichen konnte, wurde auch diese verabschiedet.

Diese « gute alte Zeit », wo man im Maderanertal sich bei Kerzenlicht und Petrollampen glücklich fühlte, mittags 12 Uhr und abends um 7 Uhr auf das Glockenzeichen zur « Table d' hote » war- tete, um sich dann an den langen Tischen des Speisesaals an den reichen Mahlzeiten gütlich zu tun, erhielt einen mächtigen Riss durch den Ausbruch des ersten Weltkrieges. Fluchtartig verliessen anfangs August 1914 die Gäste das Hotel, um noch einen letzten Zug für die Heimreise zu finden.

Nach dem Krieg war eine neue Zeit angebrochen, nicht nur für die Welt, sondern auch für das Maderanertal. Die Menschen waren anspruchsvoller geworden. Es mag als ein Glück bezeichnet werden, dass um diese Zeit zwei junge, tüchtige Wirte, die Brüder Landammann und Ständerat Josef Indergand und vor und nach ihm Albin Indergand-Rüfenacht, beide Grosssöhne des Erbauers, das Hotel SAC übernahmen. Schon während des Krieges hatte die Korporation Uri ( d.h. die Allmend-bürgergemeinde Silenen, zu der das Maderanertal gehört ) den neuen Weg auf der linken Seite des Kärstelenbaches gebaut, so dass nun der mühselige « Lungenstutz » abgeschnitten werden konnte. Auch die Bristenerstrasse, die anfänglich nur bis zum « St. Antoni » führte, wurde bis Bristen ausgebaut, und nun konnten die Gäste mit dem « Wägeli » bis Bristen und darüber hinaus befördert werden. Der Postbini, der früher seine Lasten mit Hilfe von zwei Maultieren befördert hatte, erhielt mit der Zeit ein zweirädriges Wägelchen mit Gummirädern, mit welchem er bis zum Hotel fahren konnte, und sein Nachfolger erlebte es sogar, dass er Gäste und Waren im Jeep auf die Balmenegg brachte.

Im Kurhaus wurde das elektrische Licht eingerichtet. Der alte Giltsteinofen im Speisesaal musste elektrischen Heizkörpern weichen, mit denen auch die übrigen Räumlichkeiten versehen wurden. Die schönen messingenen Kerzenstöcke in den Zimmern wurden in elegante elektrische Lampen umgewandelt. In allen Gängen des Hotels läuft heute warmes und kaltes Wasser. Die langen Tische des Speisesaales wurden durch kleine ersetzt, wodurch auch der Einzelservice bedingt wurde, und die Zeiten für die Mahlzeiten wurden grosszügig verlängert. Der Hof hinter dem Hotel erhielt einen Kiesbelag, was ganz und gar nicht selbstverständlich ist, indem der Kies in mühseliger Arbeit vom Kärstelenbach heraufgezogen und mehrmals gesiebt werden musste, bis er das feine Korn erreicht hatte, das auch dünne Damensohlen nicht drückt. Vor der Halle wurden Tische mit bunten Sonnen- schirmen aufgestellt, wo nun die Gäste gerne ihren Kaffee trinken und wo auch Mahlzeiten eingenommen werden. Selbst die Espressomaschine singt im Restaurant ihr eintöniges Lied.

Im Hof wurde um den neuen Brunnen ein kleiner Alpengarten angelegt, wie auch mit Geschick die verschiedenen Räume wohnlich und heimelig gestaltet wurden. 1000 Kleinigkeiten, die den Aufenthalt angenehm gestalten.

Viele Pläne vereitelte dann freilich der zweite Weltkrieg, der frühzeitige Tod von Landammann Indergand und die lange Krankheit seines Bruders Albin, der als letzter der Hotelierdynastie der Indergand 1962 starb.

Nun hat wieder ein währschafter Silener das Hotel übernommen, um es - nach nötiger « Überholung » - als das alte, gute Bergsteiger-Gasthaus und Ferienhaus weiterzuführen, abseits der Autostrasse, dafür ein ruhiger Ort fürs Verweilen.

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