Aiguille de Rochefort

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Rochefort-Grat mit Aiguille de Rochefort ( 4001 m ) 2Der Rochefort-Grat im Morgenlicht. Aiguille de Rochefort und links der Felsaufbau des Dame de Rochefort ( 4015 m ) zwischen Zivilisationslärm und Naturstille mächtig gesteigert hat. Es handelt sich um etwas anderes, durchaus Neues. Noch um die Jahrhundertwende war das Verhältnis innerhalb der Herrschaft der Geräusche nicht selten dem heutigen entgegengesetzt: in den Bergen vernahm der Wanderer Stimmen, die eindringlicher waren, als was er zu Hause zu hören bekam. Ein tosender Fluss oder Bach oder Wasserfall liess ihn in den ersten Nächten kaum den Schlaf finden, das Krachen und Knallen in einem Gletscher mochten ihn aus der Ruhe schrecken, und er mochte bei einer Rast auffahren, wenn ein Steinschlag niederprasselte oder eine Laui donnerte. Der gellende Schrei der Bergvögel, das Heulen des Talwindes, das im Echo der Felswände verstärkte Donnergepolter waren ungewohnt. Die Bergstimmen, die den Wanderer empfingen, wirkten kräftig, vielleicht lästig. Heute tauscht er Lärm mit Lärm, ohne dass er vorerst um diesen Tausch weiss. Damit setzen die eigentümlichen neuen Erlebnisse ein: wir fassen die Laute der Natur nicht mehr als Naturlaute auf, sondern wir glauben unwillkürlich in ihnen die gewohnten Lärmquellen der Technik zu vernehmen. Wir antworten daher auch nicht mit einem Lauschen, sondern wir stehen still, wenden uns um oder treten beiseite, wie die Gefahren des Verkehrs es uns gelehrt haben. Rauscht es unerwartet bei einer Wegbiegung, dann vermuten wir, ein Schnellzug brause vorüber. Bimmelt es aus der Ferne, dann denken wir an das Klingeln einer sich senkenden Bahnschranke. Schall und Knall eines Motors, das Schüttern und Poltern, das ein Lastwagen aussendet, das Summen elektrischer Anlagen, der grollende Donner eines Flugzeuges — diese Geräusche haben wir zuvörderst im Ohr, und erst nachträglich übersetzen wir das Vernommene in den wirklichen Sachverhalt. So unlöslich sind wir an die Technik und ihre Stimmen gebunden. Man ist versucht, ein Wort Mörikes abzuwandeln und auszurufen: « Technik, ja du bist 's! Dich hab'ich vernommen! »

Aiguille de Rochefort

( Mont-Blanc-Massiv )

August Granwehr, Kreuzungen Am Eingang ins Val Ferret liegt Entrèves, die erste Ortschaft, welche man von Chamonix aus nach dem Mont-Blanc-Tunnel erreicht.

Meine Begleiterin und ich sind heute mittag, den 26.Juli 1971, nach einer igstündigen, strapaziösen Grandes-Jorasses-Tour von der gleichnamigen Hütte in dieses Tal abgestiegen. Südlich Plampincieux erfrischen wir uns am rauschenden Bergbach, der La Doire. Bei strahlendem Sonnenschein lassen sich hier, in der sonnigen, stillen Talschaft, zwischen Lärchen unsere mit Schneewasser durchtränkten Sachen in kurzer Zeit trocknen. Gestärkt und ausgeruht verlassen wir gegen 17 Uhr unser Ruheplätzchen und fahren mit unserem Auto auf den Parkplatz der Seilbahn in Entrèves ( 1370 m ). In kurzer Zeit bringt uns diese Bahn in zwei Sektionen mit einer Schar Bergsteiger fast bis zum Rifugio Torino ( 3371 m ). Im ersten Moment scheint der Fahrpreis von etwa sFr. 18. ganz respektabel; wenn man aber die überwundene Höhe von 2000 Meter bedenkt, ist man gerne bereit, den Geldbeutel um diesen Betrag zu erleichtern.

Von der Bergstation aus gibt es zwei Möglichkeiten, zum Rifugio Torino zu gelangen: einmal über eine langweilige steile Stiege in einem Tunnel - ein empfehlenswerter Weg bei schlechtem Wetter — oder auf gutangelegtem Aussichtsweg in etwa 10 Minuten im Freien. Vor uns erhebt sich ein grosser Hotelbau mit guten Unterkunftsmöglichkeiten. Uns beiden teilt der Empfangschef einen ruhigen Raum mit sechs Stahlbetten zu. Nach entbehrungsreichen Tagen geniessen wir es, uns sowohl das Nachtessen als auch das Frühstück von einem Kellner servieren zu lassen.

Da wir die Hütte zeitig erreicht haben, bleibt uns genügend Zeit zum Schauen. Nach einer halbstündigen Wanderung mache ich den idea- Aiguille du Géant ( 4013 m ); auf dem Gipfel die Weisse Madonna 4Aiguille du Géant; rechts der Rochefort-Grat Photos August Granwehr, Kreuzungen len Platz für Sonnenuntergangs-Aufnahmen in der Nähe der Pit Flambeau aus. Von hier ist der Blick frei zum Mont Blanc, zur Aiguille du Midi und ostwärts gegen die Aiguille du Géant. Blick und Gedanken suchen den Aufstiegsweg für die morgige Tour. Feuchtkalter Nebel treibt uns jedoch, ohne dass wir den Sonnenuntergang und die verglühenden Berggipfel gesehen haben, zur Hütte zurück und damit frühzeitig ins Bett.

Um 5 Uhr - nach italienischer Zeit - verlassen wir unser Hotel. Im Gebiet des Mont Blanc glitzern einzelne Sterne. Marlies schreitet hinter mir; es geht nordwärts in einer ausgetretenen Spur, ohne deren Hilfe wir den Kompass zu Hilfe nehmen müssten. Das Taschenlampenlicht geistert durchs undurchsichtige Grau des Nebels, der erst in der Morgendämmerung langsam aufreisst und einzelne Felskonturen sichtbar werden lässt. Im leicht gefrorenen Schnee wird es steiler. Wir schnallen die Steigeisen fest und lassen sie bis ans Ende der Tour an unseren Füssen. Vor uns steigt eine erste Gruppe in den Fels ein; eine Gruppe Österreicher überholt uns, schwenkt nach links zu den am tiefsten bis zum Schnee reichenden Felsen. Wir steigen gemeinsam ein steiles Firnfeld hinan auf ausgetretenen Stufen; meine Begleiterin folgt am kurzen Seil direkt nach. Es geht zügig vorwärts. Auf dem Nordgrat angelangt, geht 's in allgemeiner Richtung Süd über Schnee und Fels. Die Steigeisen klirren auf dem Urgestein, sind aber ideal in diesem gemischten Gelände. Es ist möglich, grösstenteils gemeinsam vorwärts zu kommen, mit Ausnahme einiger kurzer heikler Stellen. Ein Pyramidenturm von vielleicht 50 Meter muss rechts umgangen werden. Vor uns erhebt sich jetzt der wuchtige Felsklotz der Aiguille du Géant ( 4013 m ) über dem letzten steilen Schneefeld. Der riesige Felsobelisk kann in luftiger Kletterei am einfachsten über die Südwestkante bestiegen werden. Fixe Seile an exponierten Stellen erleichtern die Besteigung wesentlich - Kletterzeit etwa anderthalb Stunden oder auch etwas mehr, wenn mehrere auf- und absteigende Gruppen in der Wand zügiges Klettern verun- möglichen. Eine erste Gruppe betritt den Grat rechts des Géant, dessen Kante in der aufgehenden Sonne glitzert. Marlies lässt die Filmkamera surren; ich meinerseits beschäftige mich mit meinen zwei schweren 6 X 6-Kameras, um Gottes herrliche Natur in Farbe und in Schwarzweiss festzuhalten. Auf dem abschüssigen Grat schauen mich zwei Frauenaugen fragend an. Wohin geht es nun? Auf dem luftigen, wohl schönsten Grat in unsern geliebten Alpen wollen wir versuchen, photographierend und filmend bis zur Aiguille de Rochefort zu gelangen. Der Weg zwischen Himmel und Erde führt, sich zuerst leicht senkend, südwärts, um dann Richtung Ost zu schwenken. Hunderte von Metern schaut das Auge beidseits des Grates in die schwindelnde Tiefe, während sich in der Ferne Berg an Berg reiht - ein herrliches Panorama. Äusserst vorsichtig, glücklicherweise auf ausgetretener Spur, kommen wir ordentlich voran. Vier Seilschaften befinden sich, gut verteilt, auf dem Grat und bieten uns Gelegenheit, Mensch und Berg als Einheit auf die Platte zu bannen. Am teilweise extrem steilen Firnhang muss der Bergkamerad durch das am eingerammten Pickel geschlungene Seil gut gesichert werden. Die grosse, nach Norden hängende Wächte ist bereits stark angerissen. Ein Gruseln überläuft mich, wenn ich daran denke, was geschähe, wenn sie jetzt brechen würde...

Nach einigen Gratkuppen erreichen wir wohlbehalten den Gipfel der Aiguille de Rochefort mit ihren 4001 Metern. Zur Zeit sind wir zu viert am Gipfel, und abwechslungsweise setzen wir uns auf die zwei kleinen Felsköpfe, damit auch ja ein jeder die Viertausender-Höhengrenze erreicht. Marlies feiert heute die Besteigung ihres zweiten Viertausenders - sicher ein Grund zur Freude. Wir sind unserem Schöpfer dankbar für diese glückliche Stunde und geniessen die grossartige Fernsicht zwischen Himmel und Erde.

Von unserem Gipfelpunkt aus gehen zwei grosse Grate weiter: nach Norden der Grat über den Mont Mallet und Périades-Kamm zur Aiguille du Tacul; nach Osten der Grat über den Dôme de Rochefort zu den Grandes Jorasses - auf dem letztgenannten Grat sind die bereits früher erwähnten Österreicher und eine Gruppe des SAC Bodan unterwegs. Den Bodanesen verging die Lust am steilen, teils brüchigen Felsaufwurf zum Dôme de Rochefort, weil die unvorsichtig Vorankletternden Steine lösten. Mein ursprünglicher Plan war, die eben beschriebene Begehung des Rochefort-Grates von der Grandes-Jorasses-Hütte aus vorzunehmen. Diese hochalpine, schwierige und recht strenge Tour fiel ins Wasser, da wir wegen schlechten Wetters einen zusätzlichen Tag in der Hütte festsassen und der Hüttenwirt noch nicht anwesend war. Die verriegelte Küche erlaubte nur kaltes Essen. Unsere Spiritus-kocherdosen mussten wir als Notvorrat auf bewah-ren.Durch Schaden wird man klug und schleppt in Zukunft auf Hochtouren den Gaskocher mit Ersatzpatrone wieder mit.

Auf dem Rückweg lasse ich die zuverlässige Seilgefährtin vorangehen. Der Rochefort-Grat ist immer noch hart gefroren; kein Windstoss gefährdet den seiltänzerischen Gang. Am Géant sind drei Kletterkünstler in der Südwand; auf dem Normalaufstieg und auf dem Gipfel befinden sich weitere Alpinisten. Am Fuss der Felspyramide ist der Schnee weich, teilweise liegt unter dem Schnee hartes Eis; aber bald sind die gefährlichen Meter gemeistert. Auf der West- und Nordseite liegt Schatten, und wir können sorglos zügig absteigen. Auf den weiten Schneeflächen des Gegenanstieges zum Rifugio Torino tummelt sich eine Schar unermüdlicher Skifahrer. Zwei Skilifte sind im Betrieb. Ich möchte nicht tauschen! Der Sinn des Bergsteigens und des Bergwanderns liegt im Erleben der Natur fern jedem Schablo-nenhaften. Den Weg suchen, einen Gipfel erkämpfen, die herrliche Bergwelt bei besinnlicher Rast geniessen: all das treibt mich immer wieder in meine Berge. In der Höhe westlich vor uns fährt die Gondelbahn. Drei und drei der Kabinen schweben, mit je zwei Personen besetzt, über die weiten Schnee- und Gletscherfelder hinüber zur Aiguille du Midi ( 3842 m ). Von dort bringen zwei Seilbahnen in zwei Sektionen die Gäste nach Chamonix hinunter.

Wir selber müssen mit der Seilbahn auf die italienische Seite abfahren, um mit dem Wagen nach Chamonix zu gelangen.

Den herrlichen Tag beschliesst ein heftiges Gewitter in der französischen Bergmetropole. Hagel prasselt auf das Dach unseres Peugeot. Schuhtief fliesst Wasser auf den Strassen. Droben am Berg werden Menschen in Schrecken versetzt, die Seilbahn Chamonix-Aiguille du Midi wird vom Blitz getroffen — Menschen in der bergwärts fahrenden Kabine müssen ihr Leben lassen.

UNSERE MARSCHZEITEN Rifugio Torino bis zu den ersten Felsen i>/4Std. Rifugio Torino bis an den Fuss des Géant 3Std. Rifugio Torino bis auf die Aiguille de Rochefort 4Std. Rückweg Std. 4 Std.

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