Aiguilles du Diable

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Pierre Vittoz, Yaounde ( Kamerun )

Die Himmelsleitern Der Schnee knirscht unter unseren Schritten. Eben wateten wir noch am Fusse der Aiguille du Midi durch Pulverschnee und Windharschplatten. Doch je weiter wir über die ersten Hänge der Vallée Blanche absteigen, desto leichter wird der Marsch. Die Leuchtflecke der Lampen meiner zwei Begleiter tanzen in der Nacht über die Glet-scherwellen. Ich stolpere ihnen nach; denn ich achte nicht auf meine Füsse; man erkennt nämlich in der Dunkelheit eine Bergwand, von Couloirs zerrissen, beherrscht von einem Bündel wahnwitzig-kühner Felsnadeln. Sehe ich sie oder ahne ich sie nur vor den Sternen, die Corne du Diable, die Pointe Chaubert, die Médiane, die Carmen und die Isolée? Wie oft habe ich sie bewundert, wenn ich mit den Ski hier vorbeikam, oder von anderen Gipfeln aus, oder sogar ohne sie zu sehen, bloss in der Erinnerung... Und ich versuche in der Nacht ihr Geheimnis zu durchdringen: Werden wir sie heute besteigen können?

Gestern früh, kaum hatten wir die Augen geöffnet, überlegten wir das gleiche:

« Hast du den Schnee gesehen auf den Gipfeln? Man könnte meinen, wir seien im Winter! » « Mit den Aiguilles du Diable ist es nichts diese Woche. » Einen Augenblick später telephonierte Michel Gardiol:

« Also, gehen wir? » « Ja, hast du denn nicht bemerkt... » « Das Wetter ist fabelhaft! » « Ach, du weisst doch, dass ich meinen Woh-nungswechsel vorbereite. Ich rufe dich am Mittag wieder an. » Ich bin nicht gern der Zauderer und Bremsklotz einer Gruppe: Am Nachmittag führte uns der Weg nach Chamonix und die Seilbahn zur Aiguille du Midi. Aber dort musste Michel den Schnee eben doch sehen. Er lag überall, klebte, mit Eiszapfen und Reifblumen, an allen Felsen. Man versank darin bis zu den Knien. In der Cosmi-

« Die Aiguilles du Diable? Nicht ohne Biwak. Und auch dann noch... » Und wir hatten unsere Rucksäcke gerade leicht gemacht, um Zeit zu gewinnen! Es blieb uns nichts übrig, als ein anderes Ziel zu wählen, wo uns der Schnee weniger behindern würde. Aber heimlich beschlossen wir, hartnäckig oder trotzig, es dennoch zu versuchen. Und nun sind wir unterwegs und sehen uns die Sache an. Wir trotten unter der Pointe Adolphe Rey und dem Grand Capucin durch und betreten mit langen Schritten die Combe Maudite; so umschreiten wir das Massiv.

Überall ragen die Granitwände und -spitzen empor. Wieso nur Namen wie Diable ( Teufel ) und Maudit ( verfluchtDas ist doch vielmehr ein Paradies!

Die Lampen lassen einen Bergschrund und einen weiten, weissen Hang erahnen. Ich habe kaum Zeit, mich anzuseilen; Michel und Optai sind schon zwanzig Meter höher. Sind sie einfach Die Aiguille Médiane. Abseilmanöver bei der Carmen-Scharte 2Blick von der Scharte der Isolée auf den Glacier du Géant 3Überschreitung der Aiguilles du Diable. Blick zum Massiv der Aiguille Verte 4Der Bergschrund des Tacul Photos Jean-Claude Notz, Meyrin ( GE ) flink oder so ungeduldig, wie ich bin? Das Eis wechselt mit hartem Schnee ab, die Steigeisen greifen gut, und wir kommen so schnell aufwärts wie der erwachende Morgen. Dieser Hang entspräche einer nahrhaften Grundmahlzeit für einen mageren Tag; aber der Morgen kündigt sich so prachtvoll an, dass er bloss ein Happen ist, der Appetit macht. Immer einem Eisband entlang durchqueren wir Felswinkel, meistern einen schwarzen Abgrund, winden uns durch eine letzte Bastion der Nacht, klimmen in einem engen Couloir hoch und erreichen den schmalen, verschneiten Grat des Col du Diable gleichzeitig mit der Sonne.

Strahlender Morgen. Gegen Sonnenaufgang hin breitet sich die Arena des Mer de Glace aus, eingefasst von den Säulenreihen der Grandes Jorasses, der Aiguille Verte und der Aiguilles de Chamonix. Auf der gegenüberliegenden Seite bestrahlt die Sonne die massige Flanke des Mont Blanc, die erdrückend wirken würde, wenn nicht ihr Weiss sie geheimnisvoll schwebend erscheinen liesse; ganz winzig sehen wir zwei Seilschaften über das Firnviereck der Brenva steigen. Direkt über uns, am höchsten Punkt des von Felsblöcken übersäten Hanges, setzen die zwei ersten der fünf Obelisken dem Grat und unseren Hoffnungen ein Ziel mit ihren langen, senkrechten Felsstirnen.

In der Scharte zwischen der Corne du Diable und der Pointe Chaubert versuche ich, den Rücken gegen die eine und die Füsse gegen die andere gestemmt, meine Steigeisen auszuziehen, ohne meine Sohlen nass zu machen. Vergebliche Mühe: Der Schnee dringt überall ein; er verstopft die Ritzen, türmt sich auf den Simsen, heftet sich an die Griffe, tüpfelt das körnige Relief des Granits und klebt auf den glatten Platten. Die Corne du Diable kann leicht umgangen werden. Wir haben sie wirklich auch schon rundum betrachtet, und da ich weiss, dass uns die Schneelage unheimlich Zeit kosten wird, möchte ich sie auslassen. Aber Michel drängt darauf. Also los! Um so mehr, als wir vielleicht bald schon aufgeben müssen und sie doch immerhin ein Viertausender ist!

Es ist eine Nadel von zwanzig Meter Höhe. Aber sie erfordert von meinen beiden Vorklette-rern doch eigentliche Kniffe und entlockt ihnen ausgiebige Kommentare. Als sich das Seil endlich strafft, lerne auch ich ihre Mühen kennen auf diesen nach Norden ausgesetzten Platten. Nach einem ersten Riss hat das Eis die beiden zu einem spektakulären Umweg in die Ostflanke genötigt: Im morgendlichen Sonnenglanz, der einen schwindelig macht, wenn man aus dem Schatten heraustritt, haben sie eine Wand durchquert, die direkt auf den Gletscher abfällt, wo wir vor drei Stunden waren, siebenhundert Meter tiefer. Und da erhebt sich unser Glockentürmchen zu Rang und Höhe, wie meine Träume sie den Aiguilles du Diable immer schon einräumten, diesen Prinzessinnen am höchsten Fürstenhofe der Alpen.

.'Den Zugang zur Pointe Chaubert verwehrt eine ganz schwierige Platte. Michel kämpft mit dem Schnee. Bald schiebt er ihn weg, bald stampft er ihn fest, und so klettert er sachte der Platte entlang, dann über einen senkrechten Aufschwung und einen nadelscharfen Grat. So im vollen Sonnenlicht ist die Kletterei herrlich. Geschmeidig und ohne Krampf geht es über festen Fels. Wundervoll luftig spielt sich 's ab, auf einer der ausgesetztesten Kanten, die es gibt, wie auf dem Seil eines Akrobaten, fern über dem schimmernden Amphitheater.

« Das ist schon etwas anderes als Charmoz-Grépon! » Dort waren wir vor zehn Tagen. Optai hatte zuviel erwartet. Enttäuscht wegen einiger wackeliger Steine und zu breiter Terrassen, war er dem alten Mummery fast böse, dass er jene kleine Traverse so berühmt gemacht hatte. Wieder ein von einer Jugend, die die Hörner noch nicht abgestossen hat, zerstörter Mythos... Sein Lächeln zeigt, dass der Unersättliche heute nicht hungrig bleiben wird.

Befürchtungen bedrängen mich, und ich beobachte jede Bewegung meiner Kameraden. Wie machen sie es? In den 25 Jahren unserer Freund- In der Breitlauihorn-Nordwand Photo Pierre Sala, Delémont schaft bin ich noch nie mit Michel geklettert. Und Optai - sein Helm kann seine Lausbubenlocken nicht verdecken. So beobachte ich sie mit Sorge; denn auf dem Gipfel der Pointe Chaubert werden wir uns entscheiden müssen, ob wir es aufgeben — oder dann eine äusserst gewagte Partie spielen und zu Ende führen wollen, d.h. bis zum Mont Blanc du Tacul. Die Traverse ist noch nie im umgekehrten Sinn gemacht worden, und wir wollen nicht gerade heute neue Varianten ausprobieren an diesen von Eis glänzenden Nadeln. Und bei dem Terrain hängt nun vieles ab von der Sicherheit und dem Willen jedes einzelnen. Offensichtlich sind meine zwei Kollegen in guter Verfassung, trotz der aussergewöhnlichen Umstände des Tages. Aber werden sie fünfzehn Stunden, achtzehn Stunden durchhalten?

Von der Spitze der Chaubert aus bezwingen wir eine sechzig Meter tiefe Scharte. Gegenüber, so nahe, dass wir das kleinste Detail genau unterscheiden können, erhebt sich eine Reihe geweiss-ter Säulen höher als wir, bis zu einer schneege-säumten Terrasse, wo die Felsklötze stehen, die den Gipfel der Pointe Médiane bilden. Hinter der Médiane erkennt man eine noch engere Scharte und die vereisten Felsköpfe der Pointe Carmen. Die Isolée wird durch die beiden verdeckt, aber man sieht die lange, weisse Krete, die schliesslich zum Tacul führt.

« Es ist wie im tiefsten Winter... » « Und es geht noch lange! Was machen wir? » « Die Médiane hat Eis, aber nicht sehr viel Schnee in der Verschneidung. Das schaffen wir. » « Die verschneite Wand der Carmen scheint kurz. Das muss gehen. » « Es ist schön... Es ist schön... Man muss es versuchen. » Auf halber Höhe der Nordflanke der Chaubert finden wir uns auf einem schmalen Sims, Beine und Arme im pulverigen Schnee versenkt, alle drei mit Seilschlingen an einen einzigen Haken gebunden. Das Bergseil, das uns auf dieser sibirischen Hühnerstange abgesetzt hat, schwingt zu unseren Häupten.

« Ziehen wir es nach, oder steigen wir zurück? » Ich habe die Frage gestellt, um mein Gewissen zu beruhigen; aber die Sache ist klar: Eine solche Kombination von Steilheit und Weisse ist zu selten, als dass wir sie verschmähen könnten. Darüber sind wir uns alle drei einig.

Vom Grund der Scharte aus geht der Aufstieg schrecklich langsam, durch kleine Wände, wo es Indianerlist braucht, um sein eigenes Gleichgewicht und das des Schnees zu wahren. Man könnte es eine Hochzeitstorte nennen, ein aufgestelltes Stück Kuchen, dessen Creme ebenso bröckelig wie appetitlich ist. Dann richtet sich der Fels in grossen, senkrechten Platten auf. Michel beweist uns seine Gewandtheit in einer schwierigen Verschneidung, in einer exponierten Traverse und in einem Riss. Ungeteiltes Vergnügen! Ich vergesse darüber meine Bedenken; denn ich ahne, dass uns der Schnee nicht aufhalten, sondern den Tag nur reicher und schöner machen wird. Das Wetter ist herrlich, und unser Unternehmungsgeist ist noch nicht aufgebraucht.

Doch da stehe ich nun schon einige Zeit unbeweglich,während meineKameradenfünfzehn Meter weiter oben hinter einer Kante verschwunden sind, welche die Nordflanke der Pointe Médiane verbirgt. Das Seil wird nicht mehr nachgezogen. Was ist los? Sollte es eine Mausefalle sein? Jetzt schon! Könnten wir uns durch einen Pendelzug nach links befreien? Ich höre nur ein wirres und enttäuschtes Zwiegespräch, dann eine ängstliche Stimme: « Papa, versuch du es hier! » Es muss ein besonders tief zugeschneiter Durchgang sein...

Nervös und ungeduldig stosse ich zu den andern am Beginn eines schmalen Gesimses, dessen Schwierigkeit tatsächlich überhaupt nicht am Fels liegt: Eis, Schnee, kein einziger Griff links, gähnende Leere rechts. Es ist ganz einfach, so einfach wie die Fläche eines Obelisken! Was tun, rasch und richtig? Statt einer Säuberung mit dem Pickel suggeriert mir die Stelle den Gleitschritt einer Seiltänzerin, so sehr bin ich von dem Abgrund, in den meine Augen tauchen, befangen.

Nach dem Sims bietet dieser bewundernswert gebaute Turm eine senkrechte Treppe bis zum sonnigen Balkon seiner obersten Etage.

In der Cosmique-Hütte hat man uns einen Tip gegeben: Das einzige, was man sich merken müsse, sei:«Fenster links, um den Stein rechts herum! » Auf der Terrasse der Médiane verlieren diese Worte das Sibyllinische. Die drei Blöcke aus rotem Granit, aus denen der Gipfel besteht, bilden zwei Nischen in einer Wolkenkratzerfassade. Ob man sich in die eine oder in die andere neigt, man erkennt den Fuss der Wand nicht und muss das Seil blindlings durch das linke Fenster werfen. Meine zwei Kameraden gleiten rechts neben einem vorspringenden Block vorbei und verschwinden im Leeren.

« Es ist gut... ut... ut... Kein Problem... em... em. » Nein; aber wie ich im Seil sitze: was für ein Schwindelgefühl! Ich überwinde zwei Abgründe auf einmal. Das eine endlose Couloir flieht weg zur Vallée Blanche, das andere tut einen kühnen Sprung bis zur Combe Maudite. Am obersten Punkt der beiden Rutschbahnen, dreissig Meter direkt unter mir, kauern mein Freund und mein Sohn auf einer Eisklinge, die auf der einen Seite an der Wand, an der ich hänge, auf der anderen Seite am Fels der Carmen klebt.

Überwältigt von den Steilwänden und der unendlichen Weite, steige ich vorsichtig zum Eissteg ab. Wir tauschen Blicke, die von Freude überquellen: Das ist der Berg, wie wir ihn lieben... Die Eisklinge ist fünf Meter lang und zehn Zentimeter breit. Wir werden sie rittlings hinter uns bringen müssen. Aber der Platz ist so schön, so ausserordentlich, dass er ein Bravourstück verdient: Wir überschreiten ihn aufrecht, mit dem Pickel balancierend.

Es bleibt die Pointe Carmen. Senkrechte, von einem Eispanzer bedeckte Risse führen in einen schroffen Trichter voll Schnee ohne den mindesten Halt; trotz mehreren Haken und Schlingen brauche ich eine halbe Stunde Anstrengung und eine Minute Todesangst, um die erste Seillänge zu bewältigen. Wie ich mich endlich beim Überqueren eines mit Eismehl gefüllten Lochs erhole, ahne ich, dass das Schwerste überstanden ist und dass wir nicht steckenbleiben würden. Ich verschnaufe etwas und gewahre zu meinem Trost, dass die andern sich genau wie ich mit der senkrechten Eisbahn abmühen müssen. Hätten auch wir, wie Lambert bei der ersten Winterbegehung, eine Tyrolienne vom Gipfel der Médiane aus installieren sollen?

Diese Nadel ist ebenso luftig wie die anderen. Sie bietet jedoch eine Terrasse, die leicht wäre, wenn ich nicht bis zu den Oberschenkeln einsänke. Man befreit sich davon und erholt sich auf Felsschuppen, die aus dem leichten Pulver ragen. Dann führen uns unsere Paradiesesleitern direkt in den Himmel hinein, in einem Gewirr von Granitwänden und Schneehalden, wo Gesteinskri-stalle und Schneekristalle glitzern, vergängliche und ewig bestehende, die zusammen die wunderbarste Krete bilden und vereint in der Sonne glänzen... Trotz soviel Schnee, der nicht etwa schmilzt oder sich ballt, ist die Temperatur mild. Wir klettern mit blossen Händen, und die Wartezeiten bei den Ablösungen sind erholsame Momente, in denen man die Flucht der Wände bewundern oder von einem Grat träumen kann, der niemals endet.

Die Sonne ist über den Mittag hinaus. Sie beginnt sich zu neigen, als uns ein letzter Klimmzug über einen Granitpfeiler auf den Gipfel der Carmen bringt. Das ist das letzte Hindernis, und von jetzt an sind wir sicher, dass wir überstehen werden. Denn die fünfte Nadel, die Isolée, erhebt sich neben der Krete und versperrt sie nicht. Wir gönnen uns fünf Minuten Ruhe und eine Handvoll Weinbeeren, bevor wir in die letzte Scharte tauchen. Karg sind die Worte, aber Lächeln ergänzt sie: « Wir werden nicht biwakieren... » - « Luftige Kletterei; der Schnee macht sie doppelt schön. » - « Eine Wundertour! » Michel findet die Haken, welche drei Abseillängen erlauben, einen nach dem anderen. Meine Kameraden auf dem Grund der Scharte gleichen mit ihren in einem Meter Pulverschnee eingesunkenen Beinen zwei Steissläufern. Jetzt, wo die Ungewissheit vorüber ist, mache ich die Seillängen mit einer Behutsamkeit, die an Unbeholfenheit grenzt und mir den Rat einträgt, ich solle einen JO-Kurs mitmachen. Als ich jedoch meine Ratgeber einhole, werden sie wieder höflich und wollen mir den Vortritt lassen; denn der Schnee häuft sich unglaublich. Der Wind hat ihn aus den Couloirs heraufgeblasen, und hier füllt er die Nischen und Höhlen eines etwa vierzig Meter langen Blockgrates. Ich pflüge in das gewichtlose Mehl eine Furche, mit dem Pickelgriff, den Vorderarmen, dem Knie stossend. Ich liebe den Schnee, und ich dränge mich mit Vergnügen durch dieses ungreifbare Element! Ich freue mich, mit seinen unbeständigen Kristallen zu spielen und einen Weg in seine Weisse zu bahnen, indem ich ihn bald herauswühle, um den darunter liegenden Fels zu fassen, bald trotz seiner Unsicherheit als Lehne benütze. Es ist ein Spiel mit Geduld und Gleichgewicht, zugleich subtil und primitiv, bei dem man das Gefühl wiedergewinnt, das Affen wohl haben müssen, um die Tragfähigkeit schwacher Zweige abzuschätzen, die sie als Feder für ihre Schwünge benützen.

Ein Blick auf die Uhr, ein zweiter auf die verschneite Wand der Isolée, und wortlos entsagen wir diesem fünften Turm, um vor dem Einnachten noch zum Mont Blanc du Tacul zu steigen. Der Schnee ist kaum weniger tief, aber die Krete verwandelt sich in einen leichten Rücken. Die Spannung legt sich; doch der Tag ist so schön, dass wir noch immer in einer Hochstimmung aus Sonne, Bewegung und Tiefblicken schweben, die keiner Müdigkeit Raum lässt. Einige Dunstschleier hüllen uns in Kühle und Unwirklichkeit; dann geht der Aufstieg weiter, abwechslungsreich, befreit.

Hinter einem grossen Block erwartet mich die letzte verschneite Felsplatte der Wanderung. Statt vorsichtig abzusteigen, verführt mich die Stimmung des Augenblicks zu einer Rutschpartie; ich reite auf der pulverigen Masse zu Tal und springe mit einem Lendenschwung ab, während der Schnee in langen Fällen zur Combe Maudite hinabstürzt.

Ein stürmischer Wind empfängt uns auf der Kuppe des Mont Blanc du Tacul. In langen Wogen laufen die Eiskristalle über den Schnee, wie wenn gewaltige Finger den Berg streichelten, den die Sonne vom Horizont her in Ocker und Rosa taucht. Jetzt kann das schlechte Wetter, das uns gnädig noch einen schönen Tag gelassen hat, mit der Nacht herankommen. Unser Traum ist erfüllt. Uns bleibt jetzt nur noch der Abstieg mit gleichmässigen Schritten im Zickzack um die Eistürme, wobei wir mit dem Seil jene Routine-bewegungen ausführen, die unsere Kameradschaft und Harmonie beweisen, und uns erlaben am letzten Schimmer eines strahlenden Tages.

Übersetzung W. Derungs

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