Alaska

Remarque : Cet article est disponible dans une langue uniquement. Auparavant, les bulletins annuels n'étaient pas traduits.

t Der Mount Huntington, vom Südgrat des Southeast Spur aus gesehen. Er gilt als schönster Berg Alaskas 2Südansicht des Mount McKinley ( 6125 m ). Links vom Hauptgipfel, in Wolken gehüllt, P.ujoo 3Don Sheldons Hütte am Ruth Amphitheatre; in der Ebene die Landestelle des Flugzeuges und Nebel, in der überfüllten Hütte oder auf verregneten Touren, ja auch dann behalten die Bergtage für uns ihren inneren Gewinn. Individuell ist für den Menschen jegliches Erleben. Jeder trägt dafür seinen eigenen Massstab in der Brust. Was sein Herz empfinden mag, bedeutet für ihn alles. Was er in die Berge trägt, bringt er, oft mit reichlichen Zinsen, ins Tal zurück. Alles Glück auf den Bergen ist unser eigenes Glück, aller Trost der Berge ist unser eigener Trost.

Wären die Massstäbe absolut, so gebührte den Sestogradisten allein das Wort, und wir andern hätten nur an einer bescheidenen Tafel gesessen. Taten, die unsere Herzen höher schlagen liessen, mögen bei den Modernen, die bis zu den Zähnen bewaffnet ausziehen, um neue schwere Varianten auf unsere Gipfel zu suchen, wohl kaum mehr als ein nachsichtiges Lächeln erwecken. Für uns aus der Zeit des « klassischen » Bergsteigens behält unser Tun doch wohl seinen vollen Wert. Es war und ist der Born unserer Freude. Dabei anerkennen wir aber auch neidlos die Leistungen der Jugend, vorausgesetzt immerhin, dass die Taten dem Gehabe auch wirklich entsprechen. Jedenfalls fühlen wir uns mit unseren jungen Kameraden - obwohl uns das Eisengeklimper bisweilen etwas stören mag - freundschaftlich verbunden, sei es nun ideell oder auch nur als sachlich Mitin-teressierte. Die Hand ist verheilt, der Berg lockt von neuem. Noch ist es nicht Zeit zum Resignieren. Wir sitzen auf herbstlicher Bergmatte, wo das kurze Gras einen Teppich bildet, und halten Rast. Herdengeläute tönt von der Alp herauf, Wolken ziehen auf an fernen, blauen Bergen. Ist sie nicht grossartig, unsere Bergheimat? Liegt in ihr nicht dieselbe Harmonie, der gleiche Trost wie im Dichterwort! Hölderlin, der empfindsamste unter den deutschen Poeten, sagte es beim Anblick der « glänzenden, ewigen Gebirge » so:

Wenn der Gott der Macht einen Thron hat auf der Erde, so ist es über diesen herrlichen Gipfeln.

Alaska

GIPFEL AM MOUNT MCKINLEY Chlaus Lötscher, Lit tau Beängstigend nahe flitzte die Cessna an den Felswänden vorbei, drehte scharf ab und sauste erneut zum West-Fork-Ruth-Gletscher hinunter. Ich lehnte zum Fenster hinaus, ein Paket in den Händen. Kalt pfiff der Wind. « Okeeey » schrie Don Sheldon, der Pilot, riss die Maschine in die Tiefe, während ich das Paket hinunterschleuderte, wo es, sich mehrmals überschlagend, nahe bei dem andern Ballast auf dem Gletscher liegenblieb. Sheldon zog die Maschine wieder in die Höhe, drehte vor dem Mount Huntington ab und flog ruhig hinunter zum Ruth Amphitheatre, wo mein Freund Heinz Allemann auf uns wartete. Die Cessna holperte durch den Schnee und kam nahe bei Heinz zum Stehen. Wir vereinbarten mit dem Piloten, dass er uns am 4. August wieder hinausfliegen würde.

Während die Motorengeräusche in der Ferne verstummten, seilten wir beide uns an, schulterten die schweren Rucksäcke und marschierten mit Schneeschuhen an der kleinen Hütte, welche Don Sheldon hier erbaut hatte, vorbei zum West-Fork-Ruth-Gletscher, wo unser Material lag und wo wir unser Basislager errichten wollten. Für zwanzig Tage würden wir nun allein in diesem fremden Gebirge klettern, ohne jede Verbindung mit der Umwelt.

Nach viereinhalbstündigem Marsch erreichten wir die Abwurfstelle. Die einzelnen Pakete lagen nicht weit voneinander entfernt, die Konservenbüchsen verbogen, das Salz ausgekippt; sonst war alles intakt. Unser Einzug ins Gebirge hatte geklappt.

Das schöne Viermannzelt stellten wir an diesem Abend nur provisorisch auf; der folgende Tag sollte für diese Arbeit reserviert bleiben.

Unser Basislager war herrlich gelegen: in einem kleinen Gletscherkessel, von gewaltigen 4Am Southeast-Spur-Südgrat. Im Hintergrund der Südgrat des Mount McKinley 5Das Basislager am West-Fork-Ruth-Gletscher mit Ausläufern des Mount Huntington 6Der Mount Drum ( 12010 Fuss ). Wrangell Mountains 1Biwak am Copper River; im Hintergrund der Mount Drum Photos Chlaus Lötscher, Littau Felswänden abgeriegelt, und auf der einen Seite ragte der schönste Berg Alaskas zum Himmel, der Mount Huntington, von dessen vereister Nordwand tagsüber Eislawinen herunterfegten. Links und rechts aber lagen unsere bergsteigerischen Ziele. Da war der Südgrat des Southeast Spur, dessen erste Begehung wir planten, und der namenlose schöne Gipfel P. 11300, den wir « Iltis » nannten - auf englisch « Mount Pole-cat ». Seine Erstbesteigung war auch unser erstes Ziel.

Schneefall, dichte Nebelschleier und starker Wind waren die erste böse Überraschung am zweiten Morgen im Gebirge. Es war der 19.Juli 1968. Wir wollten früh zum Gipfel aufbrechen. Unsere wohlgezielten, jedoch nicht sonderlich wohlklingenden Wörter schienen das Unwetter zu beeindrucken, denn gegen 9 Uhr hellte es auf, und Heinz und ich konnten losziehen. Am nächsten Tag schon hofften wir zurück zu sein, denn wir schätzten unsern Weg nicht allzu schwierig ein, und die Mitternachtssonne würde uns erlauben, auch nachts zu klettern. Doch wir sollten uns bitter getäuscht haben!

Gegen 1 o Uhr stiegen wir zum Südwestgrat auf, erst über ein steiles Firnfeld, dann über lose Blöcke. Nach zwei Stunden Aufstieg wurde der Grat schwieriger. Türme stellten sich in den Weg, Platten versperrten ihn. Einmal konnten wir diese umgehen, ein anderes Mal mussten wir sie überklettern; aber immer mehr Seillängen verlangten Sicherung. Der Grat war viel länger, als wir von unten angenommen hatten.

Der Nachmittag verstrich in Windeseile, und wir hatten das Gefühl, kaum an Höhe gewonnen zu haben, obwohl wir nahezu pausenlos geklettert waren. Es begann bereits zu dämmern -der Gipfel hüllte sich in Nebel. Jetzt wurde der Grat sogar sehr ausgesetzt; auf beiden Seiten stürzten finstere Eisrinnen fast senkrecht in die Tiefe; doch unentwegt stiegen wir im fahlen Licht der Mitternachtssonne weiter. Heinz erreichte nach einem heiklen Plattenquergang eine Abseilstelle, legte eine Schlinge über einen Felszacken, fädelte das Seil ein und verschwand bald in der Tiefe, wo er auf einem kleinen Firngrätchen landete. Ich stieg nach, legte das Seil um und pendelte weit hinaus über ein grässliches Couloir. Die Ausgesetztheit jagte mir einen kalten Schauer über den Rücken. Heinz überkletterte den folgenden Plattenaufschwung, und nach einigen Blöcken stemmte sich uns eine dreissig Meter hohe Wand entgegen. Da es unmöglich schien, den Gipfel am gleichen Tag noch zu erreichen, entschlossen wir uns, hier zu biwakieren.

Während ich im Eis einen Sitzplatz heraus-hackte, richtete sich Heinz hinter einer Felsplatte ein. Als er die Daunenkleider aus dem Rucksack zog, polterte ein dunkler Gegenstand die Wand hinunter: die Taschenapotheke! Angeseilt und an Haken befestigt, verbrachten wir die Nacht, welche wegen der aufgezogenen Wolkendecke finsterer wurde als erhofft.

Am folgenden Morgen gab es nur noch wenig Felskletterei; ein Firngrat zog sich vor uns hin, auf der einen Seite stark überwachtet, auf der andern steil abfallend, mit waagrechten, büsser-eisähnlichen Zapfen, welche meistens abgeschlagen werden mussten, damit wir einigermassen sicher vorwärts kamen. Stundenlang kämpften wird uns dem Grat entlang, fortwährend sichernd, immer ausgesetzt, nass vom matschigen Firn, in dem kaum eine genügende Sicherung möglich war. Nebel umwogte gespenstisch den Gipfel - und oft auch uns.

Am Mittag erreichten wir die Stelle, wo der Grat sich in der Gipfelwand auflöst, und querten in ein leichtes Couloir nach rechts hinüber. Blankeis! Und Eile schien geboten, denn das Wetter verschlechterte sich zusehends. Auf den Frontzacken, mit einer Eisschraube und dem Pickelspitz in den Händen tastete ich mich eine Seillänge hinauf zu einem Felsblock. Heinz zog nach. Die Wand wurde steiler, der Firn weicher. Dreissig Zentimeter mussten wir heraushacken, um eine Eisschraube einzudrehen. Es begann zu schneien... 3Uhr nachmittags. Über einem Felsblock schlugen wir Sitzplätze heraus und warteten die Nacht ab; wenn es kälter würde, müssten die Eisverhältnisse besser werden. Wie aber würde der Abstieg über den Südgrat sein? Unsere Nerven waren aufs äusserste gespannt. g Uhr abends: Es hatte zu schneien aufgehört; stahlblaues Licht leuchtete am Himmel. Unsere Rechnung ging auf: Das Eis war härter geworden, und ohne Stufen zu schlagen, stiegen wir Seillänge um Seillänge die Eiswand hinauf. Dreissig Minuten nach Mitternacht, am 2i.Juli, standen wir beide auf dem Gipfel. Ein blutroter Streifen leuchtete am Horizont. Nun endlich konnten wir uns ein wenig entspannen; doch ein unbekannter Abstieg lag noch vor uns.

Der rote Streifen am Horizont wurde breiter und heller, und nach eineinhalb Stunden Gipfelrast ging 's an den Abstieg. Diesmal stimmte unsere Prognose; er war bedeutend kürzer und leichter. Meistens konnten wir gemeinsam absteigen, zweimal musste abgeseilt werden, und am frühen Nachmittag standen wir wieder auf dem Ruth-Gletscher unten.

Der Aufstieg zum Zelt bereitete unsern müden Beinen allerdings Mühe; verschwitzt und durstig seilten wir uns abends um 5 Uhr los.

Am 23.Juli erkundeten wir die uns noch unbekannte Seite des Southeast-Spur-Südgrates. Starke Überwächtungen, grosse Steilheit und die Länge liessen uns etwas skeptisch werden; dennoch wollten wir es versuchen. Der Trick vom guten Firn in der Nacht gab uns Hoffnung und Auftrieb.

Am Mittag des 24.Juli stiegen wir in den Grat ein. Den untern, felsigen Teil wollten wir noch bei Tageslicht übersteigen, um dann während der Nacht im Firn weiterzugehen. Wir stiegen auf bis P. 10370, welchen wir um Mitternacht erreichen. Der Grat wird hier wild und schwierig, die Firnverhältnisse waren miserabel. Der Rückzug wurde unumgänglich, denn leichtsinnig wollten wir trotz allem nicht werden. Ein wunderschöner Sonnenaufgang erhellte unsere missmutigen Mienen - schweres Gewölk am Abend verfinsterte sie aufs neue.

Da wir in diesem Gebiet keine weiteren Besteigungsmöglichkeiten mehr sahen, entschlossen wir uns, das Basislager abzubrechen und alles Material zur kleinen Hütte hinunterzuzü-geln. Zwei Tage waren dazu erforderlich, während es andauernd schneite und dicker Nebel über den Gletscher schlich. Am 28.Juli wurde in der gemütlichen Hütte Heinz'zweiund-zwanzigster Geburtstag gebührend gefeiert.

Schneefall, Nebel und Sturmwinde zwangen uns, in der Hütte zu bleiben, doch waren wir jederzeit bereit aufzubrechen, um den einen oder andern unbestiegenen Gipfel am Ruth Amphitheatre anzugreifen. Dies waren aber nicht mehr so grosse und schöne Gipfel wie z.B. der « Iltis », doch schienen einige von ihnen eine Kleinausgabe der Mischabelkette zu sein. Allzu gerne hätten wir diese noch überschritten.

Am Abend des 30.Juli lichteten sich endlich die Wolken. Wir konnten nicht mehr länger warten. Gut ausgeruht würden wir die Nacht durchsteigen können, und mehr als zwei bis drei Tage würden wir für die Überschreitung dieser Gipfel nicht brauchen.

Nach viereinhalbstündigem Marsch übers Amphitheatre standen wir am Fuss des ersten Gipfels. Es hatte bereits wieder zu schneien begonnen und wurde finster. Wir stiegen noch ein Stück weit den Gletscherabbruch hinauf, kehrten schliesslich um und biwakierten am Fuss des Berges.

Nasser Schnee fiel die ganze Nacht, und erst am späten Vormittag entschlossen wir uns, trotzdem aufzusteigen, um wenigstens noch einen Gipfel zu erreichen. Nass vom Schwitzen und nass vom Schnee wühlten wir uns den Abbruch und den Gletscher hinauf zu einem Sattel, von dem aus wir links und rechts einen unbestiegenen Gipfel hatten, doch konnten wir keinen sehen, denn Schneetreiben und dichter Nebel verdeckten jede Sicht und verunmöglichten es, heute noch P.9090 zu erreichen.

Völlig durchnässt und schlotternd vor Kälte, verbrachten wir die folgende Nacht in unserm kleinen Zelt. Die Füsse waren wie Eiszapfen, und ans Schlafen dachte keiner, weil 's einfach unmöglich war. Eine unendlich lange Nacht... Obschon am folgenden Tag dichter Nebel herrschte, wollten wir wenigstens noch einen Gipfel besteigen; es war schliesslich der i.Au-gust. So brachen wir früh zum Gipfel P.9090 auf, den wir in eineinhalb Stunden über einen teilweise überwächteten Firngrat erreichten. Der Nebel raubte allerdings jegliche Sicht, und es war bitter kalt, so dass wir auf die sonst übliche Gipfelrast verzichteten, zum Biwak zurückstiegen, zusammenräumten und durch den matschigen Schnee hinunter zum Ruth Amphitheatre wateten. Bei Einbruch der Dämmerung tauchte unsere kleine Hütte auf.

Zwei Tage später, am 3. August, schien end- lieh die Sonne wieder. Früh schon waren Heinz und ich unterwegs zu P.8o to, einem kleinen unbestiegenen Felsturm, wo wir eine schöne Felskletterei erhofften. Sorgfältig balancierend, kletterten wir vorerst einen langen Gletscherabbruch hinauf und erreichten einen herrlichen Gletscherkessel, von dem aus sich ein grossartiger Blick zum Mooses Tooth bot.

Auf die schöne Felsturnerei hofften wir allerdings vergeblich, denn der Fels war mehlig und brüchig, wenn auch nicht schwierig. Am Mittag errichteten wir auf dem Turm ein Steinmannli, betrachteten noch einmal all die Berge rund um uns, von denen viele noch unbestiegen sind. Für uns aber hiess es Abschied nehmen, denn morgen schon würde uns Don Sheldon zurückfliegen.

Der Abstieg war harmlos; gemütlich schlenderten wir in der warmen Nachmittagssonne den Gletscher hinunter - bis ich plötzlich zehn Meter tiefer in einer Gletscherspalte landete. Schmerzen am Gesäss waren die einzigen unangenehmen Folgen, so dass ich, sonst unverletzt, mit Steigklemmen am Seil wieder hochklettern und etwas zitterig hinter Heinz in die Hütte zurücksteigen konnte.

Am folgenden Tag warteten wir vergeblich auf Don Sheldon, sonnten uns vor der Hütte und stellten bald einmal fest, dass es ja Sonntag war und Sheldon heute wohl gar nicht fliegen würde.

Das Wetter begann sich am Montagmorgen schon wieder zu verschlechtern, als um g Uhr Motorenlärm ertönte. Alles Material lag schon am Landeplatz bereit, so dass es gleich in die Cessna verladen werden konnte. Der immer muntere Don Sheldon knipste noch, mit weit-gespreitzten Beinen über einem kleinen Riss im Gletscher stehend, ein Bild von uns, dann setzten wir uns in die Maschine und starteten. Nach einer weiten Abschiedsschleife über dem Amphitheatre flogen wir den langen Ruth-Gletscher hinunter und entlang dem wilden Suscitna River zurück nach Talkeetna. Die grü- nen Wälder und Wiesen boten einen herrlichen Anblick nach drei Wochen Schnee, Eis und Fels... und erst jetzt wurde uns bewusst, dass wir diese bunte Welt fast ein wenig vermisst hatten.

WIR BESUCHEN KOTZEBUE - ESKIMOS FISCHEN Heinz Allemann, Malters Kotzebue liegt nördlich des Polarkreises - ein Eskimodorf. Jetzt treibt kein Eis in der Beringsee; es ist Sommer. Wir sind froh, dass der Wind die lästigen Moskitos vertreibt.

Es leben auch Weisse hier. Sie haben ein Hotel gebracht, auch den Flugplatz und Coca-Cola und Kaugummi. Den engen Hosen der Kotze-buaner sagen wir Blue Jeans.

Das Dorf liegt etwa zehn Meter vom Meer entfernt. Der längliche Sandstreifen, zum Ufer gleichmässig abfallend, bildet die Abgrenzung zwischen den Häusern und dem seichten Wasser; er gehört den Fischern. Keiner der Männer trägt die alte Kleidung aus Fell und Pelz; Gummistiefel sind praktischer, auch Pellerinen aus Kunstfasern.

Jedes Dorf besteht aus Häusern, hier sind es armselige, selbstgebaute Hütten aus Holz, Blech und Dachpappe. Für Kotzebuaner ist Trinkwasser eine Kostbarkeit. Eine Frau reicht uns davon, ein knappes Lächeln im Gesicht, mehr ein Seufzer als Geborgenheit. Diese Frau lebt im Zelt und hat mehrere Kinder - wie Bill Penn. Bill Penn ist nicht Fischer. Er arbeitet im Dorf als Vorarbeiter. Wenn zwei Personen mehr im niedrigen Zelt sitzen, ist kein Platz mehr frei. Penn lebt ja nicht allein in seinem weisslichen Zelt mit der stoffe-nen, halbhohen Türe. Im Innern sind Vorräte für den Winter aufgestapelt: Reis, Kaffee, Zucker, Suppe. Auch sind vier Kinder da und seine Frau. Doch bietet Bill Fremden Kaffee an und kaltes Hühnchen, Zigaretten. Und die vier Kleinen liegen unter derselben Decke, auf einer Matratze.

« Bill Penn's Home » steht über dem Eingang geschrieben. Im Taschenwörterbuch wird « Home » mit « Heim, Haus, Heimat, häuslich » übersetzt. Alaska gehört nicht mehr den Eskimos.

Wir bringen Schneefahrzeuge mit Benzinmo-toren. Wir nehmen den Hunden die Schlitten. Abends heulen die Hunde immer. Mittags liegen sie in der Sonne, über ihnen hängen an Balken Salme: Nahrung für den Winter. Nehmen wir den Fischern auch die alte Frau weg? Sie kniet im Sand am Wasser. Mit zittriger Hand, doch mit verblüffend sichern Bewegungen schneidet die Alte einen Salm auf, bereitet ihn vor zum Trocknen. Ihr farbiges Tuch bedeckt den Kopf mit dem zerfurchten Gesicht - ein Gesicht, das an den Alaskawinter und Fischgeruch erinnert.

Die matte Sonne berührt fast das Wasser. Ein rötlicher Schein führt über das seichte Meer zum Ufer, io Uhr abends. Es wird gejagt, das heisst Salm und Kaviar für kerzenbeleuchtete Tische in Tokio. Seit 6 Uhr legen die Fischer die Netze, prüfen in regelmässigen Abständen den Inhalt -Salme. Nur noch wenige Boote sind am Ufer, wo tagsüber Kinder spielen, die sich gerne photographieren lassen. Selten unterbrechen die Motoren die Stille des Abends; schon sind die kleinen Silhouetten wieder verschwunden.

Am andern Morgen: Der Fang wird verkauft. Vielleicht zehn, vielleicht zwölf Fische. Die Frau, die uns Wasser gegeben hat, steht auch am Tisch im Fischschuppen. Alles riecht nach Fisch. Fische werden zerlegt von den flinken Händen der Eski-mofrauen, ohne Lächeln im Gesicht. Alltag. Und wieder reinigen die Fischer ihre Boote und flicken ihre Netze. Die Frauen tragen ihre Kinder am Rücken und kaufen im Selbstbedienungsladen ein. Und immer wieder Flugzeuge am hellen Himmel, Düsenmaschinen, Wasserflugzeuge.Wir sind in Alaska.

IOI STRESS AM MOUNT DRUM Chlaus Lötscher, Littau « Der Mount Drum ist ein herrlicher Berg erst einmal bestiegen, und den Südwestgrat kann ich euch bestens empfehlen », so riet uns Bradford Washburn, als wir ihn in Boston besuchten. Also haben mein Freund Heinz Allemann und ich uns diesen Berg in den Kopf gesetzt, und auf der langen Reise quer durch Kanada und über den Alas-ka-Highway wurde die Durchführung unseres Planes zur beschlossenen Sache, und zwar schon bevor wir am McKinley-Gebirge kletterten und die Eskimos an der Beringsee besuchten. Dadurch wurde es aber Ende August, bis wir schliesslich zum Mount Drum aufbrachen. Dass das Abenteuer sich vor und nach der Besteigung zuspitzen würde, konnten wir noch nicht ahnen, als wir mit riesigen Rucksäcken nach Copper City fuhren, um etwas südlich davon vom Highway in den Urwald zu verschwinden. Um Geld zu sparen, wollten wir zu Fuss zum Berg marschieren und auf das Flugzeug verzichten. Die grosse Frage aber war, wie wir wohl den reissenden Copper River würden überqueren können.

Die Sonne versank bereits am Horizont, als wir uns endlich mit Karte und Kompass durch dichten Wald und durch Sümpfe zum Copper River durchgeschlagen hatten. Kaum waren die letzten Moskitos im kleinen Biwakzelt getötet, schliefen wir ein. Morgen würde es sich entscheiden, ob wir den Fluss überqueren können oder ob wir den mühsamen Weg zurück wieder unter die Füsse nehmen müssen.

Die Kleider packten wir in den Rucksack, und in Badehosen wateten wir durch den ersten Flussarm. Das Wasser reichte bis über die Knie, riss und zerrte, doch es gelang uns, eine Schotterbank zu erreichen. Wie weiter? Vor uns stürzte das Wasser wild mit unheimlicher Geschwindigkeit vorbei. Wir versuchten eine Holzstange auf den Grund zu stossen. Die tobende Flut riss sie weg. Also - retour! Auf dem Rückweg durch den Sei- tenarm des Flusses verlor ich den Halt; Heinz konnte mich aber an der Hand fassen, während ich umherfauchte. Nur unter grosser Anstrengung erreichten wir das Ufer. Das hätte ein böses Ende nehmen können! Was blieb uns anderes übrig, als ein Flugzeug zu « chartern »?

Während dicke Wolken um den Gipfel schwebten, flog uns ein Buschpilot mit der Cessna zu einer kleinen Waldlichtung am Rand der Tundra. Jäger hatten auf dieser Wiese eine geräumige Blockhütte erstellt. Wir verabredeten mit dem Piloten, er solle uns hier am kommenden Montag wieder abholen — heute war Dienstag.

Ohne Zeit zu verlieren, marschierten wir los, zuerst im Wald, der mit mannshohen Gebüschen durchsetzt war, dann aufwärts über die friedliche Tundra. Weidende Karibu-Herden schienen uns kaum zu beachten. Nach drei Stunden erreichten wir die erste Gletscherzunge, wo die Steigeisen angeschnallt wurden.Schauerlich war derAnblick eines halbverwesten Elchkadavers, eingeklemmt am obern Rand einer Gletscherspalte. Da der Gletscher immer zerklüfteter wurde, seilten wir uns nun an und stiegen weiter aufwärts zur ersten Kuppe des Südwestgrates.

Ein bissiger Wind fegte über den Grat hinweg, und als wir das Zelt im blanken Eise verankerten, ballten sich die Wolken zusammen, und ein eisiger Schneesturm brach los. Kurzerhand beschlossen wir, zusammenzupacken und die Nacht unten in der Tundra zu verbringen. Noch während wir den Gletscher hinabstürmten, begann es zu regnen. An einem kleinen See erstellten wir das Zelt, in dem wir die nächsten viereinhalb Tage und Nächte verbringen sollten, denn es regnete ununterbrochen, Tag und Nacht, Nacht und Tag. Das Warten wurde zur Nervenprobe. Um mehr trockenen Platz zu gewinnen, spannten wir einen Regenschutz vor den Zelteingang; so konnte wenigstens der eine im Zelt, der andere unter dem Notdach sitzen.

Sonntag! DieLebensmittel waren knapp geworden. Die letzte Zigarette wurde für den Gipfel gespart. Auf morgen hatten wir uns mit dem Pilo- ten verabredet; den Gipfel aber wollten wir unbedingt besteigen. Was für eine Enttäuschung wäre es für uns, von Alaska wegzureisen, ohne den Mount Drum bestiegen und doch solche Mühe aufgewendet zu haben! Noch ein Tag blieb uns, dann mussten wir zurück, wenn wir nicht als vermisst gelten wollten.

Am Nachmittag endlich lichteten sich die Wolken, die Sonne leuchtete wieder. Nichts hielt uns zurück. Keuchend eilten wir den neuverschneiten Gletscher hinauf. Der Elchkadaver war von Tieren zerrissen worden. Frische Spuren im Neuschnee verrieten, dass auch Bären sich daran gütlich getan hatten. Bei einbrechender Dunkelheit errichteten wir hier zum zweitenmal das Zelt.

Zum Morgenessen musste sich jeder mit einer Büchse Sardinen, drei Zwiebacks und einer Tasse Tee begnügen.

Der Aufstieg brachte keine besondern technischen Schwierigkeiten, doch der tiefe Neuschnee zehrte an den Kräften. Heinz, trotz der vergangenen Tage bei guter Kondition, spurte unentwegt; ich selbst vermochte ihn nur selten abzulösen. Die verschneite Südwand glitzerte in der Sonne, und hinter dem breiten Rücken des Mount Wrangell flimmerte der mächtige Mount Blackburn.

Je näher wir dem Gipfel kamen, um so dichter umgaben uns wieder die Wolken; der Wind begann heftiger und immer eisiger über den Grat zu wehen, und langsam kroch die Kälte in unsere Kleider und Schuhe. Die Sicht verringerte sich auf wenige Meter. Wir glaubten uns schon auf dem Gipfel, als der Nebel kurz aufbrach und vor uns das letzte Gratstück aufragte.Völlig ausgepumpt mühten wir uns dieses letzte Stück hinauf. Aus der Gipfelfreude wurde nichts. Ein kurzer Händedruck. Auf den Rucksäcken sitzend, assen wir eine halbgefrorene Orange, rauchten die letzte Zigarette, während die halb steifgefrorenen Füsse fürchterlich schmerzten. Bald brachen wir wieder auf, denn wir mussten, wenn irgendwie möglich, noch zur Hütte hinunter. Heute sollte uns das Flugzeug ja abholen! Auf den Gletschern der Nordwestflanke, durch die wir den Abstieg wählten, lag der Schnee noch tiefer. Ich ging voraus und sank bis zum Bauch ein. Einen Gletscherabbruch überwanden wir durch weite Sprünge in den Tiefschnee hinunter. Abends um 5 Uhr konnten wir uns am Ende des Gletschers losseilen.

Und nun so schnell wie möglich hinunter zur Jagdhütte! Die Aussichten, das Flugzeug noch zu treffen, waren zwar klein; doch ich begann zu eilen, Hügel hinauf, Hügel hinunter. Als Orientierungspunkt diente mir eine kleine Erhebung in der Ebene, in deren Nähe die Hütte stand. Endlich erreichte ich den Klawasi River, an dessen Ufer wir aufgestiegen waren, oder vielmehr glaubte ich, es sei jener Fluss! Heinz war inzwischen hinter den Hügeln verschwunden. Meine Beine wurden schwer; doch ich holte aus ihnen heraus, was sie hergaben. Da, plötzlich, tauchte weiter links eine zweite, gleiche Erhebung auf. Unsicherheit befiel mich. War ich noch richtig? Es war so schwer, zwischen den vielen Hügeln den Überblick zu behalten. Alle sahen sich so ähnlich. Ich blickte zum Mount Drum zurück. Nun war ich sicher: Beim Hügel links musste die Hütte liegen. Heinz schien wie vom Erdboden verschluckt; sicher war er schon früher nach links abgebogen. Dabei trug er Karte und Kompass auf sich! Eine halbe Stunde, schätzte ich, würde genügen, um den Klawasi River zu erreichen; dann war es bis zur Hütte nur noch ein Katzensprung. Doch knietiefes, zähes Gebüsch stellte sich mir in den Weg. Mal für Mal stürzte ich vornüber in versteckte Löcher. An einem kleinen Weiher schlürfte ich bäuchlings Wasser. Er-schreckte Karibus rannten davon. Zwei Stunden waren verstrichen, Dunkelheit breitete sich über das öde, einsame Land. Heinz war sicher schon in der Hütte. Wie würde er lachen, wenn ich, der « Stürmer », als letzter ankäme! Ich versuchte einen Weg durch das Gebüsch zu finden, konnte aber bei der unheimlichen Dunkelheit keinen Durchschlupf finden. Zurück zum Fluss. Im harten Steinbett schlüpfte ich in die Zelthülle; aber die Kälte kroch mit hinein, in die nassen Kleider.

Wenigstens gelang es mir, die Sardinenbüchse mit einer Eisschraube zu öffnen, eine kleine Schachtel Weinbeeren bildeten das Dessert. Unendlich langsam krochen die Stunden dahin; mit Turnübungen versuchte ich die Kälte abzuwehren; es nützte nichts: Hunger - Kälte - Müdigkeit.

Sobald es die erste Morgendämmerung erlaubte, brach ich auf- drei Minuten später stand ich vor der Hütte. Heinz war nicht da! Zwei Jäger erwachten und fragten mich nach meinem Gefährten. Ich meinte kleinlaut, er werde wohl bald kommen. Doch der Tag verstrich, und Heinz erschien nicht. Den Piloten schickte ich zurück mit dem Bescheid, er solle morgen wiederkommen.

Am folgenden Tag weckte mich der Lärm des Flugzeugs. Ich war verzweifelt. Sollte ich ohne Heinz zurückfliegen? Doch der Pilot Jack Wilson lachte: « Heinz erwartet dich bereits auf dem Flugplatz! » Und wirklich: als wir landeten, stand Heinz vor dem Hangar. Ich eilte auf ihn zu, überglücklich.

Er erzählte mir sein Abenteuer: « Ich marschierte hinunter bis zu jenem Hügel, und da ich die Hütte in der Dunkelheit nicht finden konnte, verbrachte ich die Nacht auf einem Baum - aus Angst vor den Tieren. Als ich die Bouillon, welche ich im Rucksack fand, kochen wollte, fand ich kein einziges trockenes Streichholz mehr. Also ass ich sie mit kaltem Wasser. Am nächsten Morgen suchte ich bis Mittag die Hütte. Als ich sie nicht finden konnte, schleppte ich mich zum nördlichen Jagdcamp, wo das Funkgerät ist, von welchem der Pilot uns erzählt hat. Auf dem Weg begegnete ich einem Bären und später drei Wölfen, welche ich, auf einem Baum sitzend, vorbeiziehen liess. Beim Jagdcamp fand ich Jäger, und mit dem einen konnte ich am gleichen Abend noch hinausfliegen. Ich machte mir grosse Sorgen um dich. » - Und dann kam der Abschied von dem grossen, einsamen Land. Die Blätter der grenzenlosen Wälder färbten sich rasch: Herbst. Wir aber fuhren gen Süden: SanFranzisco-Texas-Mississippi...

Feedback