Alpenmauerläufer

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Von Willy Zeller.

Sonntagabend am fünften Kreuzberg. Ein letzter Jauchzer der talwärts Schreitenden echot in den jähen Wänden, dann sind wir allein. Doch wie wir uns im Zwielicht den blankgescheuerten Grat emportasten, gaukelt im Abendwind ein wundersamer Schmetterling herzu, wirft sich in toller Volte an die lotrechte Wand und entfaltet zuckend die seltsamen Flügel. Da glühen aus dem Silbergrau blutende Strähnen, und gespenstisch leuchten die milchigen Tropfen auf des Mauerläufers fahlen Schwingen. Reglos staunen wir. Leise kommt der Vogel näher, hält sekundenlang inne, wo wir nichts als schliff- glatte Felsen ahnen, huscht auf uns zu und geistert so nahe, dass wir die Lichter über den feingeschwungenen Schnabel tanzen sehen. Doch wie jetzt der Gratwind das Seil in bebende Schwingung bringt, schrickt der Märchenvogel zusammen, überschlägt sich in frevlem Spiel, wirbelt fernab und versinkt in nachtblauer Dämmerung, während ein unwirklich hoher Ruf die Einsamkeit durchzittert. Da ist es uns, die Berge seien nie so leichenstill gewesen.

Am Mürtschenstock. Verbissen duckt sich der zerhackte Grat, setzt wieder und wieder an und prescht in wildem Satz in den enzian dunkeln Vor-sommerhimmel. Da und dort gafft ein mürber Griff aus der Wand, will ausbrechen und es den hunderttausend andern gleichtun, die dort unten in knochenbleichen Schuttfächern liegen. Schwelende Hitze loht um die Zacken. Tropf — tropf — tropf rinnt es über unsere fiebernden Stirnen. In unwirklicher Tiefe ein smaragdgrünes Wasser. Der Spanneggsee. Jetzt die gequälten Glieder in seinem Nixenwasser kühlen dürfen! Da taumeln zwei Vögel vor unseren Blick, umwirbein sich in weichem Getändel, tänzeln wie Kreisel durch die Zitterluft, suchen und finden sich in nimmermüdem Spiel, werfen sich in tollem Sturz an die Fluh, spinnen sich in insektenhafter Gewandtheit daran empor, tauchen den Ebenholzschnabel in das vergilbende Flechtenpolster und lassen sich durch unser Dasein nicht stören. Zu selten finden sich Wesen von unserer lachhaft plumpen Art hier ein. Der Mauerläufer aber ist auf Minne-fahrt. Und wie die Erkorene sich ihm jetzt zu eigen gibt, perlen wesenlos hohe Rufe durch die Einöde. O Lied des Lebens, wie vieltausendfach ist deine Melodie!

Sonntag in der Aareschlucht. Die Musterschau von Farben und Gestalten schiebt sich den Wänden nach. Rufe, Gekicher, polterndes Gelächter, verschlungen vom murrenden Gebrodel des Flusses. Feldstecher, Photos, Kino-apparate in prahlender Tätigkeit. Von der Rampe locken übermütig sprühende Backfischkleider. Die Besitzerinnen anvertrauen dem Schluchtwind Schoko-ladehüllen, zerknüllte Ansichtskarten, Sandwichpapier und wollen sich tot-lachen, wenn er gutlaunig Possen treibt damit. Aber keiner achtet der zwei Wirbelkobolde, die jetzt um die Wände tanzen. Aus dem Nichts sind sie hergeweht, huschen mit zuckendem Flügelschlag über polierte Felsflanken, halten inne, senken wieder und wieder den langen Schnabel in die Risse, die lichtscheue Kerfe bergen. Dann taumeln sie rücklings, geistern über die toten Flanken, suchen sich im Wirbeltanz und fliehen erschreckt ins Bodenlose. Doch wie jetzt einer der Vögel im Lichtfleck hängt, den ein verirrter Sonnenstrahl auf die Felswand malt, da funkeln Rubinen durch die Öde. Jetzt zuckt er zusammen, überschlägt sich und gaukelt in irrem Flug in die schaurige Tiefe.

Y Milde Septembersonne liegt über dem Gafiertal. Vor den Bergen hängt Silbertüll an blitzenden Agraffen. Ein reifer Schein umspielt die Alpen. Der Saumweg folgt dem Bach. Dem flegelhaften Übermut der Vorsommerzeit ist er entwachsen. In ruhiger Selbstverständlichkeit verströmt er seine Zeit. Über den stumpfgrün bemoosten Block dort drüben huscht eine Maus. Oder ist 's ein Vogel? Da glüht es auf, rot wie Feuerschein. Der Mauerläufer huscht der Kante nach, lässt sein Seidenwams mit Wasserstaub überpudern, hüpft empor, plustert sich zum behäbigen Federball, bleibt minutenlang unbeweglich. Schon geistert er von neuem hin und her, bis er zu jenem sandigen Seiten-gerinsel kommt, in das er sich platt wie ein Lappen fallen lässt. Und schon hockt er breit, ganz wider seine angeborene Art, auf einem rostfarbenen Splitter, schüttelt ein Sprühregelein aus seinem Balg, kümmert sich weiss Gott keinen Deut um die Gepflogenheiten seiner Art und verträumt in wohliger Siesta die nächsten Minuten. Und dann — als hätte er ganz aus der Art geschlagen — straft er alle Ornithologenwerke Lügen, die da von seiner « reinen Felsenvogelart » berichten: in sentimentalem Schaukelflug schwingt er sich auf den Dürrast einer Tanne, räkelt sich gemütlich im Sonnenglast, fächert die Flügel zu voller Breite und beginnt umständlich mit der Toilette. Doch wie jetzt der Schatten einer vorüberstrolchenden Krähe die Tanne trifft, wird er spindeldürr, erstarrt, lässt sich lotrecht fallen und ist verschwunden.

Trag schleicht der Novembertag. Bleiche Nebelschwaden fingern um die fröstelnden Bäume. Tropfen platschen jetzt und jetzt auf faules Laub. Dann fahren hechelnde Windstösse durch die Äste und bäumen sich schnaubend am verwetterten Kirchturm. Gequält ächzt die Wetterfahne. Nun peitschen wilde Regenfluten die Steine, fahle Blätter klatschen in die Fensternischen und mit ihnen ein schiefergrauer Fetzen, der sekundenlang hängen bleibt, jetzt um die Turmkante huscht und über die rissigen Blöcke zuckt. Da flackert es brandrot aus den düsteren Schwingen, grell schimmern die drei, vier grossen weissen Tropfen auf den Flügelspitzen. Doch wenn der Vogel ruht, um die karge Mahlzeit aus den Fugen zu spiessen, verschwimmt sein Kleid in der regengrauen Mauer. Bis unter die ungefügen Dachbalken geht die huschende Jagd, dann wirbelt der Mauerläufer in wilder Hast hernieder, wirft sich an den Fuss des Glockenturmes — und abermals beginnt die rastlose Suche. Schon taumelt er um die Kante, wird Spielball roher Gewalten und ist verschwunden. Lautlos sucht der kleine Vogel seinen Weg, einsam, fern seiner Bergheimat, die unter dem bleichen Leichentuch in Schlaf gesunken. Staunend sieht heute der Wärter des Landvogteischlosses den fremden Märchenvogel, kopfschüttelnd bemerkt ihn morgen der Glöckner am Münsterturm. Aber wenn die weissen Flocken auch im Lande draussen tanzen, hängt der Mauerläufer an der Jura-fluh, wo die Nebelnixen, milder gesinnt, nicht jede Ritze glashart überspinnen. Und doch — nicht jeder sieht seine Berge wieder.

Die Alpen — 1940 — Les Alpes.15 ALPENMAUERLÄUFER.

Kennt ihr die Sage vom Mauerläufer?

Vor Zeiten lebte in einem fernen Bergtal ein rechtschaffener Säumer, dessen harte Arbeit ihn zwang, Tage und Wochen von seinem Hof und seinem schönen Weibe sich zu trennen. Doch als des Säumers greiser Schaffner, der lang den Hof betreut, schwach und gebrechlich wurde, nahm das leichtfertige Weib einen fremden Jüngling in Dienst. Und es geschah, dass sie in sündiger Liebe zueinander entbrannten. Als dies dem alten Knechte kund ward, warnte er mit ernstem Wort seine Herrin und ihren Buhlen. Und sie taten zer-knirschten Herzens vor ihm Busse und flehten ihn an, zu schweigen. Doch ihr Herz war stärker als sie, und sie strauchelten abermals. Da das der treue Schaffner sah, ergrimmte er, trat zu ihnen, verfluchte sie und sprach: « So ihr denn nicht voneinander lassen wollt, sei eure Schande meinem Herren kund! » Aber sie flehten ihn abermals reuig an und schwuren, die Sünde zu meiden. Und er glaubte ihnen. Als nun die Frau dem alten Knechte sein Nachtmahl aus Bergkirschen bereitete, trat der Versucher hinter sie. Und sie mischte Tollkirschen drein. Der Greis ass; da zerriss loderndes Feuer seine Gedärme, und er streckte sich stöhnend auf seine Lagerstatt. Doch das Weib fürchtete, er möchte wieder genesen, und sie gestand ihrem Buhlen ihre Not. Ihn aber ergriff der Geist des Bösen — er ging hin und erstach den treuen Knecht. Da strömte des Alten Blut über sein graues Gewand, und der Berglilienstrauss am Fenster erschauerte und liess drei schneeige Blüten auf den Leichnam sinken. Die beiden Mörder aber ergriff das Entsetzen, und sie wurden eins, zu fliehen. Doch wie sie den Fuss auf die Schwelle setzten, krochen fahle Wolken um die Berge. Und da sie in wilder Hetze über den schmalen Schluchtweg hasteten, zuckten grelle Blitze durch den Sturm, dass des Säumers Weib jäh zusammenschrak, taumelte und im Sturz den Gefährten seiner Schuld mit sich riss. Ein gurgelnder Schrei — und das gellende Hohngelächter des Bösen. Nie fand man ihre Leichen.

Wenn du durch pflanzenlose Felseinöde wanderst, mag es dir geschehen, dass du hoch von kahler Wand einen wimmernden Ruf vernimmst. Und stehst du still und spähst, so erblickst du alsbald einen kleinen, grauen Vogel, der einsam in den toten Wänden hängt. Doch, öffnet er zuckend seine Flügel, so glüht es blutrot auf, und grosse weisse Male schimmern durch die Öde. Die Älpler sagen, die grauen Vögel seien die Geister des treulosen Weibes und seines Buhlen, in Ewigkeit verdammt, das Kleid des Erschlagenen, das Zeichen seines Blutes zu tragen, Gottes Gewächse zu meiden, die sie so sündig missbraucht, ruhelos von Tal zu Tal zu schweifen. Und nimmer werden sie des Lebens froh.

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