Alphubel-Ostwand

Remarque : Cet article est disponible dans une langue uniquement. Auparavant, les bulletins annuels n'étaient pas traduits.

Mit 1 Bild ( 37Von Klaus Schaefer

Osterbummel ins Wallis oder die Wahrheit über eine Erstbegehung1 ( Frankfurt a. M. ) Es war Mittwoch vor Ostern, 1949. Das Telephon läutete: « Hier Jutta. Ich wollte Dir nur schöne Ostern wünschen. Ich fahre morgen ins Wallis. Mit dem Velo. Ja, allein. Wie bitte? Ob Du mitkommen sollst? Sollst wäre übertrieben - sagen wir: Du darfst! Ich warte morgen um 8 Uhr vor dem Bahnhof in Thun. Aber nur eine Viertelstunde! Ciao! » Ich durfte also. Mit dem Velo ins Wallis - im Tale herumradeln, wo rings die Viertausender locken - das kam natürlich nicht im Ernst in Frage, aber ich musste es diplomatisch anfangen, Jutta in die Berge zu locken. Skihosen, Bergstiefel, Anorak, Pickel - alles in doppelter Auflage, dazu meine Ski, Seil und übrige Ausrüstung - alles war rasch im Auto untergebracht und demonstrativ obenauf noch ein ad hoc ausgeliehenes Velo. So startete ich am Gründonnerstag kurz vor 7 Uhr, voller Gedanken darüber, ob ich noch innerhalb des akademischen Viertels in Thun eintreffen würde und wie ein weiteres Velo und eine ausgewachsene junge Dame in dem kleinen Olympia zu verstauen wäre.

Hinter Langenthal schob sich ein schwarzer Schatten in meine Gedanken. Ein Schatten, der die drohende, rasende, überdimensionale Wirklichkeit eines Eisenbahnzuges annahm, der auf unerklärliche Weise unmittelbar vor mir die Strasse kreuzte. Die tiefstehende Sonne musste mich völlig geblendet haben. Bevor ich begriff, was geschah, tänzelte der Wagen erst rechts, dann links auf zwei Rädern, schleuderte sich quer, das Velo fuhr mir ins Genick - und dann stand der brave Opel, offenbar von mir selbst gebremst, auf dem einen Geleise, während auf dem anderen die letzten Wagen unmittelbar neben mir vorbeidonnerten - Passagiere reckten die Hälse aus den Fenstern und gestikulierten. Mich starrte ein grünbleiches Gesicht aus dem Rückspiegel an, und ich war fast zur Bewusstlosigkeit vor Schreck erstarrt, als die Stimme eines Bahnbeamten in Berner Mundart zu mir drang: « Heit Ihr denn ds Blinkliecht nid gachtet »... nein, ich hatte nicht, aber die logische Frage weckte mich auf, ich schaltete, gab Gas und war 8.14 Uhr in Thun.

Es war eine Kleinigkeit, Jutta davon zu überzeugen, dass man bis Kandersteg das Velo meist stossen muss, so dass ein Auto bis dort in Kauf genommen werden kann. Schwieriger war es, eine Tour über die Gemmi in dieser Jahreszeit als besonders verlockend zu schildern. Bis Kandersteg war aber auch dies gelungen. Wir liessen das Auto dort bei Freunden, schickten die Velos nach Leukerbad voraus, liehen ein zweites Paar Ski für Jutta, die ganz entzückend in meiner alten Skihose aussah - und stiegen auf nach Schwarenbach!

Jetzt endlich konnte ich aufatmen - Velo und Auto waren ausser Reichweite, und jeder Schritt brachte uns weg von der Zivilisation und hin zu den Bergen. Unsere Säcke und die Ski vertrauten wir dem Seilbähnchen auf den Stock an -1949 gab es noch keine komfortable Seilbahn, die jedermann zum Stock hinaufschaffte. Erfrischend war der Waldaufstieg auf aperem Weg - es war ein aussergewöhnlich schneearmes Jahr. Darauf setzte ich auch meine Hoffnung, dass der Abstieg von der Gemmi wie im Sommer möglich sei.

Vom Stock aus waren die Ski aber nützlich, und wir wanderten geruhsam in den Abend hinein, im beruhigenden Gefühl, dass uns der telephonisch verständigte Hüttenwart auf Schwarenbach, mit dem ich zu den « unmöglichsten » Jahreszeiten schon manche einsame Stunde verplaudert hatte, auch im Ostertrubel ein gutes Plätzchen reservieren würde. Längst 1 Siehe « Die Alpen », März 1952, S. 56.

Die Alpen - 1954 - Les Alpes8 war der Mond aufgestiegen, und fahl leuchtete die Alteisflanke herüber - leicht gruselig wurde uns bei dem Gedanken, dass sie schon mit Ski befahren wurde...

Der Hüttenwart enttäuschte uns nicht, und das Lager war so gut, dass wir uns nach Aufbruch der Wildstrubelstürmer noch reichlich Zeit liessen, bis wir schliesslich gegen 7 Uhr unseren Weg zur Gemmi fortsetzten. Eisiger Harsch noch im blassen Morgen, der bald wieder einem wolkenlosen Tag mit tiefblauem Himmel über dem Wallis wich. Nur wer an einem solchen Tag selbst schon auf der Gemmi gestanden hat, kann sich den überwältigenden Eindruck der Walliser Kette richtig vorstellen. Jutta, die nicht nur zum erstenmal hier oben stand, sondern überhaupt ihre erste ernsthafte Bergtour unternahm, war vielleicht noch stärker beeindruckt als ich und stimmte begeistert meinem Vorschlag zu, einen der gleissenden Viertausender zu besteigen. In Gedanken wählte ich als einen der leichtesten den Alphubel, der sich hinter seinen grösseren Nachbarn der Mischabelgruppe versteckte.

Tief unter uns lag Leukerbad - der Abstieg bot noch einige Überraschungen. Entgegen meinen optimistischen Erwartungen fanden wir im oberen Teil der Gemmiwand nur kurze apere Wegstücke, meist aber steile Firnfelder, auf denen der Abstieg, mit den Ski auf der Schulter, für Jutta eine ernste Schule war. Sie entpuppte sich jedoch als Naturtalent, und mit fleissigem Gebrauch des Pickels gingen wir auch ohne Seil völlig sicher. Das einzig Unangenehme war die brütende Hitze wie an einem Hochsommertag - kaum hatten wir die letzten Schneeflecken hinter uns und erreichten in raschem Abstieg auf dem Sommerweg die flacheren Hänge oberhalb Leukerbad, da flogen schon die Ski und Rucksäcke auf den Boden, und wir gönnten uns eine ausgiebige Rast im Bikinikostüm - so degeneriert der Bergsteiger, wenn er sich auf Velotouren einlässt!

In Leukerbad vertauschten wir die Ski mit den Stahlrössern, der Gedanke an Skifahren schien in der sommerlichen Hitze geradezu absurd - die Rücksendung nach Kandersteg reduzierte ausserdem die Leihgebühr! Ein warmes Fussbad in der Leuker Therme verlieh uns neue Kräfte, und übermütig rollten wir in den Walliser Frühling. Tausendmal tat ich insgeheim Abbitte wegen allem, was ich - auch nur insgeheim - gegen das Velofahren einzuwenden gehabt hatte. Noch nach vier Jahren spüre ich den beglückenden Blustduft und zähle den Gegensatz zwischen der nächtlichen Skifahrt, dem heiklen Abstieg und dem sorglosen Dahinrollen durch den blühenden Frühling zu meinen schönsten Erinnerungen.

Vor Visp überholte uns - die trainierte Velofahrerin mit Längen voraus - ein prachtvoller Cadillac mit einem ebenso prachtvollen einsamen Herrn darin - anhalten und Jutta samt Velo zu einer Fahrt auf den Simplon einladen, war rasch geschehen. Auch als ich kam, wurde das Gesicht gewahrt und die Einladung aufrechterhalten. Doch um nichts in der Welt hätte ich das Velo mit dem Auto vertauschen wollen - nur Jutta ist heute noch überzeugt, die Chance ihres Lebens verpasst zu haben. Vielleicht meldet sich der Herr mit dem Cadillac noch...

So kamen wir an diesem Abend statt auf den Simplon nur bis Stalden. Am anderen Morgen, Ostersamstag, wurden die Velos wieder der Bahn anvertraut, und die Expedition ging nach Zermatt.

Das Matterhorn in der Ostersonne - oft habe ich es seitdem wiedergesehen - doch jener erste Bück, bevor der Zug Zermatt erreicht, bleibt unvergessen. Nichts waren die unzähligen Postkarten gegen die Wirklichkeit.

In Zermatt wurde die Ausrüstung vervollständigt, insbesondere die alte Skihose geflickt und ein ungeheurer Vorrat von Orangen und Toblerone eingekauft - wieder eine neue Erfahrung für mich, dass man tagelang sozusagen ausschliesslich von diesen Produkten leben und welche Mengen ein Wesen des zarten Geschlechtes davon verschlingen kann...

Auf dem Wege nach Zmutt spiegelte ich sehnsüchtig zum Hörnligrat - alles wie im Sommer. Doch schien es mir nicht ratsam, als erste Tour mit Jutta eine « Winterbegehung » des Matterhorns vorzunehmen. Verschiedene Partien haben sich die aussergewöhnlich günstigen Verhältnisse an Ostern 1949 zunutze gemacht.

Wir kehrten zu unseren Velos zurück und konnten unsere Fahrkunst auf dem Weg nach Täsch beweisen. Dort wurden die Velos eingestellt. Endlich waren wir nicht mehr Osterbumm-ler, sondern nahmen den Weg zur Täschalp tüchtig unter die Beine. Rasch hatten wir die Waldzone durchstiegen, und nach kurzer Rast auf der verlassenen Alp führte uns der völlig apere Weg zur neuen Täschhütte, wo wir den Hüttenwart - wohl den Bruder von Kaspar Moser - und noch vier Alpinisten antrafen. Eine wundervolle Ruhe nach dem Trubel auf Schwarenbach und in Zermatt.

Trotz der guten Matratzen wurde am Ostersonntag um 5 Uhr aufgebrochen, und in gleich-massigem Steigen über die Moräne war bald der Weinberggletscher und damit der erste Schnee erreicht. Die anderen vier suchten etwas am Rande des Gletschers- ihre Ski! Jetzt erst wurde uns klar, dass vernünftige Menschen um diese Jahreszeit mit Ski ins Wallis gehen! Wir vermissten sie aber vorläufig nicht und erreichten vor den Skifahrern um halb 8 Uhr das Alphubeljoch.

Auf der üblichen Route traversierten wir den Feegletscher bis zu der Stelle, wo eine Felsrippe die Ostwand durchzieht und zum Gipfel zu führen scheint, der aber tatsächlich weiter zurückliegt und daher von hier nicht gesehen werden kann. Verlockend zog diese Felsrippe aus dem blauen Himmel fast bis zur Randkluft herunter, unter der wir standen. In meinem Übermut sagte ich zu Jutta: « Wenn ich allein wäre, ginge ich gerade hier hinauf! »Und sie darauf prompt: « Ich bin einverstanden » - wobei sie natürlich noch weniger als ich wusste, womit sie einverstanden war. Ich erinnerte mich an Juttas ruhige Sicherheit beim Gemmi-abstieg und ihr unermüdliches Tempo beim Hüttenaufstieg. Also gut, angepackt!

Die Randkluft war rasch überwunden, und nach zwei Seillängen hartem Firn, in dem nur einige Standstufen geschlagen wurden, erreichten wir die schwach ausgeprägte Felsrippe. Das Gestein ist abwärtsgeschichtet, bietet aber keine besonderen Schwierigkeiten. Die ersten Seillängen stiegen wir gleichzeitig, bis wir auf vereiste Felsen stiessen. Nun wurde es wesentlich schwieriger. Meine Tricouni griffen zwar gut, aber der Gedanke an meine alten Skischuhe an den Fussen der Seilgefährtin war wenig ermutigend. Sie fühlte sich jedoch völlig sicher, das war die Hauptsache, und wir stiegen ziemlich rasch weiter. Nach einigen Seillängen erkannte ich meinen Irrtum: die Felsrippe verläuft in der Gipfelwand, die in blankem, grünem Eis über uns schimmerte. Eine Umkehr über die vereisten Felsen schien nicht ratsam - ausserdem kam mir zum erstenmal die Idee, dass hier vielleicht im Winter noch niemand vor uns durchgestiegen sei - dies gab den schönsten AuftriebSpäter wurde von Max Oechslin festgestellt, dass die Ostwand hier überhaupt erstmals durchstiegen wurde. ) Wenn jetzt eine Bergfee erschienen wäre und mir einen Wunsch freigegeben hätte, nicht einen Augenblick hätte ich gezögert: meine schönen, scharfen Eckensteiner! Aber leider erschien keine Bergfee, und die Steigeisen lagen wohlversorgt in Wildegg. Dafür liess sich die Fee am anderen Seilende vernehmen, ob 's nicht bald weiterginge. Es ging weiter - in einer langen, langen Stufenleiter, an die 400 Stufen mögen es gewesen sein - in zähem, grünem Eis. Nach jeder Seillänge eine Standstufe wie eine Badewanne, denn ich durfte auf eine einwandfreie Sicherung nicht verzichten. Ich hatte den besseren Teil erwählt, mir wurde warm bei der Arbeit, während meine Zweite brav in den Standstufen warten und den Eisregen über sich ergehen lassen musste. Sie fror gründlich, denn die Morgensonne hatte unsere Wand verlassen - vier Stunden waren vergangen, bis wir unter diesen Verhältnissen das Gipfelplateau erreichten, hart erkämpfte 400 m Wandhöhe. Längst waren die Skifahrer, auch einige von Saas-Fee aufgestiegene Osterpartien, die uns einige Zeit verwundert beobachtet hatten, wieder im Tal - und wir konnten allein, nun wieder in der lieben, warmen Sonne, ein ganz besonderes Gipfelglück geniessen.

Ungehemmt konnten die Augen ringsum im wolkenlosen Himmel Berge, Berge und nochmals Berge erschauen. Manche der Gipfel waren mir schon damals gute Bekannte, andere kannte ich nur dem Namen nach - wieder andere galt es aus der Karte zu identifizieren. Viele von ihnen habe ich seither bestiegen, doch bleibt der Alphubel als mein erster Viertausender und durch die aussergewöhnlichen Umstände immer mein spezieller Freund.

Schliesslich mussten wir den Rückweg antreten. In grossen Sätzen sprangen wir in der tief ausgetretenen Spur des Normalweges zum Feegletscher hinab - zum erstenmal vermissten wir nun unsere Ski. Ein mühevolles, unsicheres Waten war es, stundenlang, fast länger als im Aufstieg, das uns am Nachmittag über den aufgeweichten Gletscher zurückführte. Aber was waren diese Strapazen im Vergleich zum Glücksgefühl über unsere gelungene Tour!

Der Hüttenwart schickte sich gerade an, ins Tal abzusteigen, als wir die Täschhütte erreichten. Ich fragte etwas verwundert, ob er sich denn über unser langes Ausbleiben keine Sorge gemacht habe. Er lachte nur, er kenne seine Leute und hätte schon gewusst, dass wir wieder heil zurückkämen.

Wobei ich bis heute nicht weiss, ob dies ein Kompliment für unsere Bergtüchtigkeit sein sollte oder ob er gemeint hat, dass wir den ganzen Tag in der Sonne gelegen haben... Damit überliess er uns die Hütte als Alleinherrscher.

Am Ostermontag führte uns der Weg über Täsch-Stalden-Goppenstein wieder zurück, und mit einem Abstecher ins Lötschental fand diese abwechslungsreiche Osterfahrt ihren harmonischen Abschluss.

Feedback