Alpine Unglücksfälle 1891

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Von den Unglücksfällen mit tödtlichem Ausgang, welche Touristen und Führern im Sommer des letzten Jahres zugestoßen sind, fallen 10 auf die Hochregion über 2400™, 14 auf das Voralpengebiet, zum Theil auf bekannte Touristenberge, oder in 's Thal.

Im eigentlichen Hochgebirge sind folgende Unglücksfälle vorgekommen:

1 ) 29. Juni. Roccia Melone ( Grajische Alpen ). Leopoldo Lanza aus Turin wollte mit dem Träger Sebast. Dollino den in der Eegel ganz unschwierigen Gipfel auf dem üblichen Wege von der Casa d' Asti ans besteigen, glitt dicht unter der Spitze auf einem schneebedeckten Eishang aus und stürzte 500 m tief über die Wand hinab, an deren Fuß er todt aufgehoben wurde. R.M. ' ) Nr. 6.

231. Juli. Morteratschgletscher. J. Weber-Imhof, Präsident der Section Winterthur des S.A.C., hatte mit den Führern Schocher und Schnitzler den Piz Bernina auf dem Wege über den Pizzo Bianco und die Scharte bestiegen und war trotz Neuschnee glücklich zur Bovalhütte abgestiegen. Um 9 Uhr Abends verließ die Partie die Hütte; Weber befand sich zwischen den beiden Führern, die mit Laternen versehen waren. Nach halbstündigem Marsche that Weber einen Mißtritt, stürzte über ein vier Meter hohes Wändchen ab und erlitt einen doppelten Schädelbruch, an dem er nächsten Tags im Restaurant Morteratsch starb. Der S.A.C. hat in ihm eines seiner tüchtigsten Mitglieder, einen edlen begeisterten Alpenfreund und ausgezeichneten Bergsteiger verloren. S.A.Z. Nr. 17.

3 ) 13. August. Triglav ( Julische Alpen ). Landrichter F. Holst aus Berlin stieg am 13. August allein von Mojstrana zur Deschmannshütte auf und wurde seither nicht mehr gesehen, bis am 4. September seine Leiche auf dem Steige in das Vratathal gefunden wurde. Holst war schlecht ausgerüstet, der Gegend unkundig. Als Todesursache muß, da ein Absturz ausgeschlossen ist, Herzschlag in Folge von Ueberanstrengung vermuthet werden. Mitth. Nr. 18.

413. August. Becca di Mezzodi ( Dolomiten ). Wilhelm Behr von Hamburg wollte diesen unschwierigen Gipfel von Cortina d' Ampezzo aus allein besteigen. Da er Abends nicht zurückkam, ging der Führer Barbaria auf die Suche und fand ihn am folgenden Morgen todt auf der Nordwestseite des Gipfels am Fuße einer sehr steilen Wand, bei deren Ersteigung der Verunglückte abgestürzt war. Mitth. Nr. 16 und 17.

5 ) 19. August. Hochkönig ( Salzburger Alpen ). Der Wiener Tourist Edgar Krikl war am 19. allein von Mitterberg auf den Hochkönig gestiegen und seither verschollen, bis seine Leiche am 8. September an den Gehängen des Hochseilers gefunden wurde. Der Verunglückte hatte wahrscheinlich im Nebel den Weg verloren und den Tod durch Erfrieren, vielleicht auch durch einen Herzschlag gefunden. Mitth. Nr. 17.

621. August. Montblanc. Herr Hermann Rothe aus Magdeburg mit dem Führer M. Simond und einem Träger, und Graf G. de Faverney mit zwei Führern und einem Träger, beabsichtigten zusammen denR.M.. = Riviata mensile, C.A.I. S.A.Z. = Schweizer Alpenzeitung. Mitth. = Mittheilungen des D. u. Oe. A. V. Oe. A. Z. = Oesterreiohische Alpenzeitung. Oe. T. Z. = Oesterreichische Touristenzeitung.

Montblanc zu besteigen, brachen am 20. August von den Grands Mulets auf und wurden vom Umwetter gezwungen, in der Cabane des Bosses zu übernachten. Da der Sturm auch am andern Morgen nicht nachließ, traten sie den Rückweg an, begleitet von den Arbeitern der Hütte, die Proviant in Chamonix holen wollten. Die ganze Gesellschaft, 11 Personen, ging in einer Colonne zusammengeseilt! Auf dem steilen Abstieg zum Petit Plateau wurde sie von einer Lawine überrascht, die fünf Männer in einen Schrund warf. Graf Faverney, der Führer Comte und ein Träger wurden lebend herausgezogen, Rothe und Simond erst nach einigen Tagen todt, da eine zweite Lawine weitere Rettungsversuche an demselben Tage unmöglich machte. R.M. Nr. 9. Mitth. Nr. 17.

7 ) 24. August. Mont Chtif bei Courmajeur. Der 18jährige Maurizio Petigaz von Courmajeur ging am 24. allein von Hause fort, um, wie er sagte, einen Spaziergang zu machen. Als er Abends nicht heimkehrte, wurde er gesucht. Am 25. fand man seine Karte auf dem Gipfel des Mont Chetif ( 2838™ ) und am 26. seine Leiche im Val Veni. R.M. Nr. 9.

8August Mont Cenis-Gruppe, vielleicht Roccia Melone. Ende August passirte der italienische Genieoberst Cav. F. Zucchi das Hospiz des Mont Cenis, wo er sich einschrieb, und wurde seither nicht mehr gesehen. Er soll beabsichtigt haben, allein eine Besteigung, vielleicht die der Roccia Melone, zu machen. Einen Führer mitzunehmen, weigerte er sich unter Hinweis auf die Karte: „ Ecco la mia guidaR.M.. Nr. 9.

9 ) 2. September. Montblanc. Dr. Jacottet aus Neuenburg, der sich als Arzt bei der Expedition Imfeid zu den Vorbereitungsarbeiten für das planirte Montblanc-Observatorium befand, machte am 2. September mit Ingenieur Imfeid von der Cabane des Bosses aus die Besteigung des Gipfels, erkrankte in die Hütte zurückgekehrt an Lungenentzündung und starb noch in derselben Nacht. S.A.Z. Nr. 20.

1020. September. Glärnisch. Fünf Angehörige von Meßbuden-besitzern stiegen am 20. September unter Leitung eines jungen Burschen und eines Knaben von Schwanden auf die obere Guppenalp, wo einer derselben mit den beiden Begleitern zurückblieb. Die vier Andern setzten ihren Weg gegen den Glärnisch fort. Zwei derselben kamen am 21. Morgens nach furchtbaren Strapazen glücklich wieder in Schwanden an, die beiden Letzten aber, Kronstein und Petenkofer, waren durch Absturz verunglückt; Kronstein wurde am 22., Petenkofer am 26. September gefunden. S.A.Z. Nr. 21.

Bei den Fällen 2 und 9 ist das Bergsteigen nicht die Ursache, sondern nur die Veranlassung des tödtlichen Ausgangs. Der Unglücksfall am Morteratsch trat nach glücklich beendigter Besteigung unterhalb der Hütte auf gangbarem Pfade ein. Die Besteigung des Piz Bernina steht mit demselben nur insofern in causalem Zusammenhang, als sie den Rückweg von Boval bis in die Nacht verzögerte und vielleicht durch die Ermüdung, die sie herbeiführen mußte, die Sicherheit des Trittes verminderte.

Auch der Tod Dr. Jacottet's auf dem Montblanc ist nur bedingungsweise den Unglücksfällen beim Bergsteigen zuzurechnen. An Pneumonie kann man in der Ebene gerade so gut sterben, wie auf dem höchsten Berge Europa's; aber allerdings haben die Höhenlage und die Bergkrankheit auf die Entstehung und den Verlauf der Krankheit wahrscheinlich wesentlichen Einfluß ausgeübt.

Von den Unglücksfällen in den Voralpen fallen diejenigen hier außer Betracht, die sich an leichten Bergen und Pässen auf gebahntem Pfade in Folge eines Mißtritts an kritischer Stelle ereignet haben, ferner die Umfalle beim Edelweißsuchen, sowie diejenigen, über welche nur ungenügende Nachrichten vorliegen. Es gehören dahin die Todesfälle Clair-mont im Walchernthal ( Steiermark ), Gehrig am „ Heiteren Tannli " ( Pilatus ), Signer an der Ebenalp ( Säntis ), Hofstettler am Niesen, Prof. Reismann am Morgenberghorn ( bei Interlaken ), Secundarlehrer Müller am Aaregletscher, C. Obermeier am Hinteren Sonnwendjoch ( Nordtiroler Alpen, westlich von Kufstein ), Ch. Lane am Bärenpfad ( bei St. Beatenberg ) und A. Müller auf der Höfats ( bei Oberstdorf, Algäuer Alpen ).

Die anderen Unglücksfälle in den Vor- und Mittelalpen sind:

4. Juni. Untersberg ( bei Salzburg ). Der Coadjutor La Oense hatte mit einem Freunde den Hochthron bestiegen; beim Abstieg nach Schallenberg verließen die Beiden den gebahnten Pfad, um einen directeren Weg zu suchen; La Cense stürzte ab und blieb todt. Mitth. Nr. 11.

9. Juni. Mooserscharte ( bei Hinter-Riß, Bairische Alpen ). Zdenko Spallek, stud. med., in Innsbruck, am 9. Juni noch in der Hinter-Riß gesehen und seither verschollen, wurde am 5. August am Fuße einer hohen Wand unterhalb der Mooserscharte todt aufgefunden. Oe. T. Z. Nr. 14 und 17.

25. Juni. Pilatus. Dr. Kalkstein aus Berlin bestieg von Alpnach-stad allein den Pilatus und wurde seither vermißt, bis er am 27. Juli todt in einer Felskluft gefunden wurde. Wahrscheinlich hatte er den Weg verloren und war an einer schwierigen Stelle abgestürzt. 8. A. Z. Nr. 17. Oe. T. Z. Nr. 17.

17. Juli. Salto della Bell' Alda ( bei der Sacra di San Michele unweit Ohiusa ). Mario Andreis, Centralcassier des C. A. L, ein ganz tüchtiger Bergsteiger, wollte mit einem andern, ebenso tüchtigen, C. Fiorio, die Felsen unterhalb der Abtei San Michele erklettern. Dieselben, zum Theil Gletscherschliffe, erwiesen sich als sehr schwierig; die Touristen waren ohne Seil, nur Andreis besaß einen Stock. Fiorio mahnte wiederholt zur Umkehr; Andreis kletterte aber weiter, bis er von einem fallenden Steine getroffen Über die Felswand hinunterstürzte und auf der Stelle todt blieb. R.M. Nr. 7.

7. August. Hintere Scharwand ( Gosau, Dachsteingruppe ). Die beiden Wiener Oberrealschüler Kraus und Krager wollten ohne Führer von Filz-moos über die Hochalm und das Steigel in die Gosau gehen und verloren bei der hinteren Scharwand über dem vorderen Gosausee den richtigen Pfad. Kraus stürzte ab und blieb auf der Stelle todt, während es Krager nach unsäglichen Strapazen gelang, am 9. August die Gosau zu erreichen. Oe. T. Z. Nr. 16. Mitth. Nr. 16.

Von den 10 Unglücksfällen in den Hochalpen, die Fälle 2 und 9 mitgerechnet, fallen vier auf geführte Expeditionen, sechs auf Führerlose oder Alleingänger. Von den fünf in Betracht fallenden Katastrophen in den Voralpen kommen drei auf führerlose, aber in Gesellschaft ausgeführte Touren, zwei auf Alleingänger, wobei allerdings zu bemerken ist, daß weder für den Untersberg noch für den Pilatus in der Regel ein Führer nothwendig ist, und daß bei einem Probestück persönlicher Bravour, wie die Erkletterung des Salto della Bell' Alda eines zu sein scheint, ein Führer aus einleuchtenden Gründen nicht mitgenommen werden konnte.

Alle diese 15 Fälle zusammen haben 17 Menschen ( 16 Touristen, 1 Führer ) das Leben gekostet. Fünf Todesfälle kommen auf die vier Expeditionen, die mit Führern unternommen wurden, sechs auf die fünf Touren, die ohne Führer, aber in Gesellschaft gemacht wurden, sechs auf die Alleingänger. Das Resultat ist also sowohl für die Führerlosen, wie insbesondere für die Alleingänger ein ungemein ungünstiges. Selbst wenn wir die Fälle 2 und 9 mitrechnen, kommen nur 30 °/o der Todesfälle auf geführte Partien, 70 % dagegen auf führerlose, und zwar je 35 °/o auf jede der beiden Kategorien derselben.

Den Schluß aus dieser Zusammenstellung mag jeder Clubist selbst ziehen. Die persönliche Ansicht des Verfassers in dieser Angelegenheit ist an dieser Stelle zu oft und zu deutlich ( am ausführlichsten im Jahrbuch XXIV, pag. 404'5 ) ausgesprochen worden, als daß es nothwendig wäre, sie zu wiederholen.A. Wäber ( Section Bern ).

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