Als die Berge noch «neu» waren

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noch « neu » waren...

Zur Hundertjahrfeier von Orny

Edmond Pidoux, Lausanne

Im Februar 1876, einige Monate vor seiner Erstbesteigung des Tour Noir, lieferte Emile Javelle dem Echo des Alpes einen Artikel mit der bescheidenen Überschrift Das Massiv des Trient. Er hatte die Absicht, den welschen Clubmitgliedern dieses beinahe unberührte Gebiet vorzustellen und sie einzuladen, seine Schönheit zu entdecken.

Sechs Jahre vorher hatte er im Alter von 23 Jahren zum 15. Mal das Matterhorn bestiegen. Im Sommer darauf glückten ihm nacheinander das Weisshorn, die Überschreitung des Zinal-Rot-horns und die Dent d' Hérens. Er wurde in der öffentlichen Meinung zu einem jener Verrückten, die für nichts und wieder nichts, aus reiner Ruhmsucht, ihr vom Schöpfer geschenktes Leben in den Bergen aufs Spiel setzten.

Beim Lesen seiner Souvenirs d' un alpiniste entdeckt man etwas ganz anderes: die Begeisterung und Bescheidenheit eines Mannes, der durchdrungen ist vom Eifer eines Propheten und der Empfindsamkeit eines Künstlers, aber einer Empfindsamkeit, verbunden mit sehr welscher, ja sogar waadtländerischer Schwärmerei, obwohl Javelle Franzose war. Auf dem Gipfel des Tour Noir packt ihn « ...ein einzigartiges, herzergreifendes Gefühl, das ihn bis ins Innerste seiner Seele trifft, das Gefühl, als zufällig aus der Menge herausgegriffenes Wesen an diesem wilden Ort der erste Mensch zu sein. Da fühlt man in sich eine religiöse Kraft: es scheint etwas Heiliges in dem Augenblick zu geschehen, in dem sich die Verbindung von Erde und Mensch vollzieht. » Als Javelle den Artikel für das Echo schrieb, hatte er schon fünf Jahre lang das Trient-Massiv durchstreift. « Ohne Führer und Träger habe ich ihm an die zwanzig Besuche abgestattet und jedesmal versucht, einen neuen Weg ausfindig zu machen. » Doch ist die Route, auf welcher er zum erstenmal ins Innere dieser Berge eindrang, recht eigenartig. Er wählte den Weg zum oberen Plateau des Trient, indem er durch den riesigen Gletscherbruch, einen der höchsten der Alpen, aufstieg. Noch eigenartiger war die Jahreszeit, in welcher er von der Forclazhütte aus aufbrach. Es war Winter, und zwar derjenige von 1871/72, einer der kältesten und schneereichsten. Javelle dachte, und damit hatte er recht, die Spalten seien dann fest verstopft und die Mitte des Gletschers vor Lawinen geschützt.

Im Dezember 1871 endete ein erster Versuch in einem Schneestrum. Zwei Monate später misslang ein anderer auf 2000 Meter Höhe wegen des Sturmes und der eisigen Kälte. Am 30. März 1872 gelangte Javelle mit seinem Freund Paul Rouget endlich auf das Plateau des Trient, dann auf den Gipfel der noch jungfräulichen Pointe d' Orny. Muss man erwähnen, dass die Besteigung zu Fuss erfolgte? Das erste Paar Ski wurde den Diablerets-Clüblern erst zwanzig Jahre später von Professor Taverney nach einer Schweden-reise vorgeführt.

Die physische Widerstandskraft Javelles und seiner Gefährten erstaunt uns, doch war das zu jener Zeit nichts so Seltenes. Und überdies beflügelte sie die Begeisterung: « Wir hatten uns so brennend gewünscht, da hinauf zu gelangen, und wir waren so stolz, allein und mitten im Winter unser Ziel erreicht zu haben, dass wir in diesem Augenblick überhaupt keine Lust gehabt hätten, den Fuss auf den Mount Everest zu setzen '; und den Mont Blanc inmitten eines Trupps von Führern und Trägern zu besteigen wäre uns lächerlich erschienen. » Die beiden Männer verbrachten auf der Spitze des Orny « drei köstliche Stunden » in der Betrachtung des wunderbaren Schneeplateaus, « umringt von einem Kreis goldener Felsnadeln » und so harmonisch in seiner himmlischen Abgeschiedenheit, dass es « der Gipfel der Alpen, die Krone der Welt zu sein schien ».

Der Abstieg erfolgte « bei sibirischer Kälte; in unseren Barten hingen Eiszapfen, und die Pickel waren so mit Reif überkrustet, dass sie den dicken verzierten Kerzen in den katholischen Kirchen glichen ».

Javelle sagt nicht, ob er noch am gleichen Abend nach Martigny und an den Genfersee zurückkehrte, aber es ist sehr wohl möglich, ja sogar wahrscheinlich.

An jenem Tage hatte er die lange, im Echo ausführlich beschriebene Serie der Erschliessungen eröffnet mit der Erstbesteigung des Nordgipfels der Aiguilles du Tour und mit neuen Routen zur Orny-Spitze über die Arpette-Seite. Aber der Artikel von 1876 setzte keinen Schlusspunkt, da Javelle wenige Monate später den Portalet und den Tour Noir bezwang, die beide noch unberührt 1 Merken wir uns die Erwähnung des Mount Everest. Man träumte schon vor hundert Jahren von ihm!

Beim Lesen dieser hundert Jahre alten Berichte wird einem bewusst, was die Eroberung der Alpen durch unsere Väter bedeutete. Man muss sich schon in die Täler des Himalaya begeben, um heute ein ähnliches Abenteuer erleben zu können. Bei der Beschreibung des Fenêtre de Saleine stellt Javelle fest, dass der nach Praz-de-Fort führende Weg mitten durch die von glatten Wänden umgebenen Eistürme so schwierig war, dass mehr als eine ausgezeichnet geführte Seilschaft nach einem harten Klettertag dort die Nacht verbrachte.Vor dem Anbringen der « Kettenpassage » auf dem Hüttenweg war das hochgelegene Gletschertal praktisch unerreichbar. Nun, sobald ein Hindernis überwunden ist, vergisst man es und richtet seine ganze Aufmerksamkeit schon auf das nächste. So geht die unerbittliche Abnützung der Berge nicht auf Kosten der Unbilden des Wetters oder der Ausfeilung durch die Gletscher, sondern auf Kosten des Menschen, der sich die Welt in seiner Rolle als Eroberer zu seinen Zwecken einrichtet, um ihrer nachher überdrüssig zu werden. Ein Beispiel? In einigen Jahren wird sich niemand mehr an die berühmte Lage der The Noire, zwischen Châtelard und Trient, erinnern. In den Geschichten aus alten Zeiten gibt es zahlreiche Beschreibungen von der schwindelerregenden Felspassage. Heute gleicht die breite, kaum ansteigende Strasse irgendeiner Fahrbahn, auf der man im vierten Gang dahinrollt und das Radio andreht, um nicht einzuschlafen.

Ohne Zahl sind die Orte, die so verändert, sprich « zerstört » worden sind. Nur mit lebhafter Vorstellungskraft kann man die Jugend unserer Täler wiederfinden: die ungeheuren Riegel, die sie aufjedem Absatz abschlössen, die wenigen unsicheren Brücken, die gewundenen Maultier-pfade, die Bauern an der Arbeit auf den kleinsten Stücklein Erde. Dabei entdeckt man eine Veränderung der Dinge, die unsere Väter nicht ahnen konnten: jedes Jahr wird die Höhe stärker bevölkert, selbst die Gletscher sind nicht vor Einfällen sicher, während das bebaute Berggebiet verödet. Da besteht die Arbeit heute nur noch aus dem Ab- brennen des Grases. Man kauft verlassene Dörfer « en bloc » auf und verkauft sie wieder als Zweitwohnungen, die während drei Vierteln des Jahres leerstehen. Die Berge haben einen ganz neuen Wert bekommen mit dem Akzent auf Freizeitbeschäftigung, Sonnenbaden, Schlittenfahren, dolce far niente. Jahreszeiten, Landschaft, Schönheit, Profit richten sich nach diesen Kriterien...

Und doch ist immer das gleiche menschliche Genie am Werk, wo es auch sei und welche Mittel ihm zur Verfügung stehen. Als Javelle am 30. März 1871 die Forclaz verliess, fand er den Weg zum Gletscher schon gebahnt von den Arbeitern, die das Eis abbauten, wie sie es später in Saleine taten. Und überall zeigen uns die alten Karten Sägereien, Schmieden, Minen, ein Gasthaus wie beim Pierre Avoioderam Mountet. Zwanzig Jahre vor der Besteigung des Tour Noir hatte man das Projekt eines Eisenbahntunnels zwischen der Schweiz und Italien durch die Combe de Menouve entworfen und sogar mit den Bohrungen angefangen. Die Spuren sind heute noch sichtbar2.

Wenn wir diese Vergangenheit nicht kennen, laufen wir Gefahr, uns ein beschränktes und oft anmassendes Bild des Menschen und auch von uns selbst zu machen. Emile Javelle zu vergessen wäre für die welschen Alpenclübler Verrat und Undankbarkeit. Er und kein anderer hat uns dieses unvergleichliche Gut vererbt: den schweizerischen Teil der Mont-Blanc-Kette. Welch herrliche Jugend der Männer seiner Generation, welche Begeisterung für die Berge, die sie in ihrer ganzen Unberührtheit entdeckten. Und ich möchte, dass man über eine einfache Tatsache nachdenken und sich von ihr begeistern lassen würde: Emile Javelle war 1874/75 Präsident der Sektion Diablerets. Er war damals 27 Jahre alt.

Aber leider sollte seine glänzende Karriere kaum sieben Jahre nach seiner Besteigung des Tour Noir abbrechen. Zwei Jahre lang trotzte er der Krankheit. In Zinal, dann in Saas Fee ging er 2 Siehe Paul Pcrrin: Unbekannte Geschichte eines Alpentunnels. Die Alpen, 1961.

noch in die Berge, anstatt die verordnete Liegekur zu machen. Im Alter von knapp 36 Jahren raffte ihn der Tod dahin.

Der Block seines Biwaks am Fusse des Tour Noir trägt seinen Namen, ebenso die schönste der Aiguilles Dorées, die er übrigens nie bestiegen hat, schliesslich in grossen Lettern ein Felsbrocken in Orny sowie eine Bronzetafel an der Mauer der neuen ( und dritten ) Hütte, die im Sommer 1977 eingeweiht wird. Aber Javelle wünschte eine andere Form der Erinnerung. In seinen Souvenirs d' un alpiniste beschreibt er die auf dem Gipfel des Tour Noir erlebten Augenblicke und ruft aus: « Meine Brüder, die ihr hierherkommt, auch ich habe mit lebendiger Seele gesehen, was ihr seht; auch mein Herz hat vor Erregung geklopft, als ich die geheimnisvolle Schönheit betrachtete... Oh! während ihr im Lichte steht, sprecht meinen Namen, lasst mich einen Augenblick in euren Gedanken auferstehen! » Der Stil der Souvenirs, sein lyrischer Ausdruck, wird von manchen als ganz veraltete Naivität beurteilt. Aber ich bin sicher, dass ihn unsere Enkel anders einschätzen werden. Mit der Zeit wird « alter Kram » zu wertvollem antikem Gut. Die Jugend findet heute Geschmack am Nostalgischen. Auch ich gebe mich diesem hin, wenn ich Javelle wieder lese, als Auftakt zu den neusten Geschehnissen in den Trient-Bergen.

Er selbst kündete diese in seinem Artikel an. « Die Erforschung des Massivs », schreibt er, « wird von diesem Jahre an leichter werden, indem ohne Zweifel der Bau einer guten Hütte, welche die Sektion Diablerets neben der Kapelle von Orny erstellt, vollendet wird. » Hütte und Kapelle, Seite an Seite, bedeutete das Nebeneinander einer weiten Zukunft und der fernen Vergangenheit. Louis Seylaz schreibt: « In uralten Zeiten führten die Leute von Entremont in Trok-kenpenoden eine Prozession nach Orny hinauf um Regen zu erbitten. Es gab da auf der Moräne am See eine ländliche Betkapelle, wo der Priester die Messe zelebrierte.Vor einigen Jahren hat man ihre Überreste noch feststellen können*. Diese Unternehmungen waren nicht immer 1 Ebenfalls 1977.

erbaulich; auf der Rückkehr war der Zug manchmal nur noch ein aufgelöstes Trüpplein, wovon die einen hinkten, die anderen schwankten oder umfielen. Im Jahre 1884 schlugen die Pilger nach der Erledigung ihrer Andacht und dem Ablass ihrer Sünden alsbald eine neue Seite ihres Sündenregisters auf, indem sie das Gepäck und den Proviant eines in der Hütte weilenden Touristen raubten*. » Welch unterschiedliche Motive hatten doch die Erbauer und die Besucher der beiden Gebäulichkeiten! Warum eine Kapelle, so weit entfernt von der Welt, für die sich die Bergbauern lebhaft interessierten? War es die Einlösung eines Gelübdes, das Zeichen einer übertriebenen Frömmigkeit? Oder wollte ein bekümmerter Priester mit der zur Höhe proportionalen Strafe seine Schäflein geissein? Vielleicht ging man da hinauf, um den Bösen Geist auszutreiben oder die Seelen der Toten in einer Quatembernacht zu bannen. Wer weiss, ob man nicht zu einem heidnischen Heiligtum hinaufstieg wie auf den Grossen St. Bernhard?

Die Kapelle an diesem Ort lädt zum Träumen ein, während daneben die Unterkunft für eine Art neuer Religion ersteht...

Die von Javelle angekündigte Hütte wurde aus Stein an den Felsen gebaut und mit einem Dach aus einem einzigen Stück versehen, um Wind und Lawinen weniger Angriffsfläche zu bieten. Sie mass 9,50 X 3,50 Meter. Um das Mobiliar vor Diebstahl oder Brand zu schützen, wählte man es aus Eisen und befestigte es in den Mauern. So einfach die Hütte auch war, wurde sie von den Zeitgenossen doch verglichen mit einem Palast aus Tausendundeiner Nacht, mit allem Komfort eingerichtet, dazu angetan, den höchsten Ansprüchen zu genügen ».

Aber kaum fünfzehn Jahre später empfindet man das Bedürfnis nach einer neuen Hütte. 1894 wurde der Plan Wirklichkeit, und man weihte das Holzhäuschen ein als prächtiges kleines Hotel mit einem in der Geschichte des Alpen-Clubs noch nie,dagewe-senen Komfort ». Es zog viel Volk an und verwan- 4 Louis Seylaz, Sektion Diablerets 1863-1963. Ich entnehme mehr als eine Stelle der Broschüre zur Hundertjahrfeier, die wir einem Mann verdanken, der für uns wie ein zweiter Javelle war.

delte sich ziemlich rasch in eine Art Dépendance der Hotels von Champex. Ihre Gäste machten es sich zur Pflicht, nach Orny zu pilgern, zum grossen Ärger der Alpinisten, die gern geschlafen hätten. Nach sieben Jahren wurde das Gedränge unerträglich, und man musste ans Vergrössern denken.

Doch man entschied sich anders. Man zog es vor, eine neue Hütte zu bauen, anderthalb Stunden weiter oben, auf dem vom Orny-Gipfel abfallenden Vorsprung, auf dem Pass gleichen Namens. Man dachte, der Gletscher, über den man hinaufsteigen müsse, werde die Hotelgäste abhalten... Weit gefehlt! Die Hütte Julien Dupuis, nach einem ersten grosszügigen Spender benannt, hatte zu grosse Anziehungskraft: die unvergleichliche Aussicht auf das weite Schneefeld, das von Goldnadeln umgeben war, wie Javelle sagte. Indem man die Laien zurückhalten wollte, hatte man sie ins Allerheiligste geführt. Nun musste man von Generation zu Generation vergrössern, verschieben, wieder vergrössern, übereinander-schichten, wie die antiken versunkenen Städte. Wer schaut heute noch das Mauerviereck an, wo die alte « Dupuis » stand? Wer wird morgen das ansehen, was noch für einige Zeit die « alte Orny » aufrecht hält? Die neue und dritte, im Jahre des Herrn 1977 eingeweihte Hütte hat an Höhe und Entfernung noch gewonnen, sie steht an einem noch grösseren und wilderen Bergsee. Doch ich will nichts sagen über die Pracht und den Komfort der neuen Hütten, aus Angst, man würde in zehn oder zwanzig Jahren darüber lächeln, wenn ein drehbares Panorama-Restaurant die Pointe d' Orny krönen wird...

Ich habe « unser » Massiv 1926, im Alter von 18 Jahren entdeckt. Seit einigen Jahren war ich in der Schweiz, nach einer in Belgien verbrachten Kindheit und dem langen Unterbruch durch den Ersten Weltkrieg, der mein Geburtsland in nost-algische Ferne rückte. Doch kannte ich viele Abbildungen aus der bei Larousse erschienenen grossen « Illustrierten Schweiz » von Albert Dauzat. Ihre Bilder zusammen mit den Erinnerungen an einen Ausflug von Moléson zum Chamossaire hatten genügt, um mich in die Berge verliebt zu machen.

In die Heimat zurückgekehrt, bescherten uns meine Eltern den Luxus von Ferien mit leerem Geldbeutel, das heisst Aufenthalt in bescheidenen Hütten in Morgins, Ormonts und im Val d' Hérémence. Und so entdeckte ich die « richtigen » Berge, indem ich von der alten Dixhütte über den Fuss des Cheilon und den Pas de Chèvres nach Arolla und dann nach Bertol wanderte und am gleichen Abend im Heu eines Weilers bei Satarma schlief. Ich habe an anderer Steller von der Wirkung dieser Entdeckung berichtet, von der Bezauberung, welche die Berge auf mich ausübten, noch verstärkt durch die Lektüre von Javelle, Whymper, Mummery, Guido Rey, Blanchet, Charles Gos und der vollständigen Sammlung des Echo, die ich von einem alten Clubmitglied geerbt hatte.

Auf die Gefahr hin, mich zu wiederholen, spreche ich von dem Geschenk, das mir damals Aimé Baechtold, mein Lateinlehrer am Collège de Lausanne, gemacht hat. Er ist es, der mich in das Gebiet des Trient einführte. Als ausgezeichneter Alpinist machte er oft Klettertouren mit Louis Seylaz. Er war Chef der Bergführer, als das Zentralkomitee seinen Sitz in Lausanne hatte.

Wir schätzten den Lateinlehrer sehr, doch für den Alpinisten war meine Bewunderung grenzenlos. Baechtold war in meinen Augen genau so, wie ich werden wollte. Ich wollte ihm in allem gleichen, in der Kleidung, in seiner Art zu gehen, seinem Stil und seiner Ernährung; ich wollte mir seine Neigungen und Abneigungen und einige seiner Spässe aneignen.

Eines Tages lud er eine Kameradin und mich zu einer Tour auf den Trient, die Javelle und den Chardonnet ein. Ich hatte kaum von der Existenz dieser Berge gehört. Meine Erfahrung beschränkte sich auf die Überquerung des Pas de Chèvres und des Bertol-Gletschers. Aber ich war 5 Eine Lehre, Die Alpen, 1961.

viel in Grashängen, Steinen und Schneefeldern umhergestreift und auf alle von den Gipfeln heruntergestürzten Felsblöcke geklettert, die in Reichweite meiner Hände und Füsse lagen. Das ist keine schlechte Schule, aber die Begeisterung und eine natürliche, von unseren Vorfahren, den Affen, überkommene Begabung erklären die Sache auch. Mit einem Wort: die Besteigung der Javelle bleibt mir von allen Bergtouren, die ich gemacht habe, am lebhaftesten in Erinnerung. Ich kann sie Schritt um Schritt, Griff um Griff wieder erleben, wenn ich will, die fast schmerzhafte Heftigkeit meiner Freude, ja sogar meines Stolzes wieder fühlen, denn Baechtold hatte mich dieses Berges und vieler anderer als würdig befunden.

Ich bin mit dem Granit verwandt, nicht mit irgendeinem, sondern mit demjenigen vom Mont Blanc. Ich fühle mich in vollkommenem Einklang mit dem kristallinen Sand der fast weissen Moränen oder mit den bronzenen Platten der Aiguilles. Jede Windung, Verschneidung oder Leiste, Wand oder Felsplatte findet in mir ihr Echo. Entspringt das dem Bedürfnis nach ausgeglichenem und machtvollem, hartem und einfachem Wesen oder nur der Erinnerung an den Ort, der Zeugemeiner Ankunft in der Bergwelt gewesen ist?

An jenem Abend hatten wir wegen des schlechten Wetters keine Aussicht, den Chardonnet zu « machen ». Der Sturm rüttelte bis zum Morgen an den Holzwänden der Dupuishütte und hämmerte an die Blechverkleidung wie die Trommel des Teufels. Die Hüttenkabine, die nur von den langen, in den Felsen verankerten Zugeisen festgehalten wurde, schaukelte in der Drift, und bei jedem Stoss verschob sie sich um einige Zentimeter. Ich liess mich in diesem Nest mit der Wollust eines Seemannes hin- und herwiegen.

Am Morgen waren unsere Schuhe, die wir unter dem mit meiner Pelerine abgedichteten Fenster gelassen hatten, mit Schnee bedeckt. Es blieb uns nichts anderes übrig, als zum Rückzug zu blasen.

17 Ein Bild aus dem letzten Jahrhundert: willkommene Rast auf dem Weg von Saleinaz. Lebensmittel und Seile haben im Korb des vom strengen Aufstieg ordentlich mitgenommenen Trägers Platz gefunden. Malerisch der blumenbe-steckte Hut der Dame mit dem Eispickel 18 Glacier d' Orny und Portalet ( 3344 m ). Rechts: die erste Orny-Hütte an der Stelle Emile Javelles von i8j6. Links: zweite Orny-Hütte, Baujahr i83 Da Verwandte von Baechtold in Praz-de-Fort in den Ferien waren, führte er uns in diese Richtung, durch die Schlucht zum Fusse der Felstürme von Portalet. Später hat die Sektion Diablerets in der Wand mit dem schlüpfrigen Gras auf dem Moränen-Zement und dem unebenen Felsen einen ausgezeichneten Weg für den Bau der Trienthütte aushauen lassen. Als wir mit Baechtold dort waren, gab es nur eine kaum markierte, überaus steile Spur. Mit 15 oder 20 Zentimeter Neuschnee war es richtig gefährlich. Wir stiegen einzeln ab, Baechtold hatte die Spitze seines Pickels fest verankert und passte scharf auf. Jeden Augenblick verlor meine Kameradin den Halt. Er fing sie auf und stellte sie auf den Boden... Ich selbst hielt gut durch. Kein einziger Schnitzer! Daneben schien mir eine Zehn in Latein ( ich hatte kaum je mehr als eine Sechs ) eine lächerliche Leistung.

Diesen Weg benützten damals die Träger, die Orny und Dupuis mit Holz versorgten. Es waren zwei, aber ich erinnere mich besonders an den kleineren, der so kläglich und rührend war bei seiner primitiven Arbeit, eine rote Ameise, die ihre zu grosse Last von einer Stelle zur andern trug, wo sich die Holzkloben anhäuften. Ich sehe sein bär-tiges Gesicht, seine gefurchte Stirne, sein ungewa-schenes Hemd. Man grüsste sich als alte Bekannte ( wie oft bin ich da hinauf- und hinuntergegangen !). Er nahm eine Dörrfrucht oder etwas Schokolade an. Wir erzählten ihm von unseren neusten alpinen Eroberungen, und er freute sich darüber. Mehr als einmal haben wir, ohne dass er es merkte, einen seiner Holzkloben von einer Stelle zur andern getragen. In der Hütte ass er eine Suppe, ein wenig Brot und Käse oder an den Tagen des Überflusses ein Stück Speck. Dann ging er wieder an die Arbeit. Das war das Los der Einheimischen, und die Bretter unserer alten Hütten hätten von einem Leben des Schweisses und der Leiden erzählen können, bevor sie im Ofen der neuen verbrannt wurden. Louis Seylaz hat als Zeuge « einen sehr kläglichen Eindruck von der Ankunft der Kolonne von Trägern und Trägerinnen gewonnen, als 19 Im Sommer i893 wurde Orny II etwas unterhalb Orny I ( rechts oben im Hintergrund ) gebaut 20 Auf dem Glacier d' Orny kurz vor dem Jahr igoo. Hinten: Portalet 21 Alte Dupuis-Hütte, erbaut 1906 und 1934 durch die Trient-Hütte ersetzt. Rechts: die Aiguille de la Bague Archiv-Photos der Sektion Diablerels 22 } Orny III ( etwa 2831 mEinweihung im August igjj Photos Yves Metzker, Lausanne, im Herbst 1976 sie gebückt und keuchend ihre Last von Brettern und Balken - für den Bau der Dupuishütte - heraufschleppten ».

Man lächelt heute über den Preis, den früher eine Hütte kostete ( 8000 Fr. für die « neue Orny » ) oder über das, was man dort zahlte: i Franken für das Lager, 50 Rappen für das Holz, to oder 15 Rappen Trinkgeld für den Hüttenwart, vergisst aber, das in den reellen Wert umzusetzen, in Lohnfranken von heute. Die Übernachtung auf einem schlechten Laubsack in einem von Küche und Menschen riechenden Gemeinschaftsraum kostete vergleichsweise to heutige Franken, das Holz 5, und was würde man heutzutage von einem solchen Aufenthalt für 15 oder 16 Franken halten?

Und was würde man sagen zum Preis des Proviants? Wenn man Glück hatte, konnte man mit to oder 12 Franken ( heutiger Wert ) auskommen. Brot, Käse und Speck waren das Übliche, mit Tee und Kakao und drei oder vier verschiedenen Suppen, die ständig kochten und deren immer gleicher Geruch den Mauern, Decken, Kleidern und dem Atem der Schläfer anhaftete. Sind wir uns als verwöhnte Kinder unserer Zeit bewusst, welches Glück wir haben, dass wir uns mit unzähligen leicht löslichen, kraftspendenden, leichten, schmackhaften Gerichten in Form von Pulver, Tafeln, Tabletten, Pasten und Würfeln verproviantieren können?

Ich habe mehr als dreissig Nächte in der alten Dupuis verbracht, und ich weiss nicht, wie oft ich in Orny gewesen bin, wo wir wegen des grösseren Komforts und des kürzeren Weges gern anhielten. Denn aus Sparsamkeit begannen wir den Aufstieg in Valettes oder höchstens in Orsières.

Die spartanischen Verhältnisse, weit davon entfernt, uns abzuschrecken, schienen uns allein dieser Berge würdig. Wir verachteten überflüssige Hygiene und fanden es lächerlich, sich in der Hütte zu waschen oder zu rasieren. Wie lachten wir, als wir einmal in der Dupuis einen dicken Deutschen in einem leinenen Schlafsack aus den Decken auftauchen sahen. Wozu sich in der Hütte ausziehen und mit einem Leintuch plagen!

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I 25 26 24 Val Bondasca: Pizzo Cengalo ( 33JO m ): itinerario della 26 Sdora Da/ora ( ji6gm ): nuova via. Punta Piada ( 3238 m ) parete nord, e Pizzo Badile ( 3308 m ): nuova via dellae Ago di Sdora ( 3205 m ) parete est 27 Alla capanna Sdora ( 2117 m ) 25 Pizzi Gemelli ( 3262 m ): nuova via e itinerario della crestaPhoms: Renata Pool NNO.

0 = bivacchi Mit Fardien, dem Hüttenwart, lachten wir Tränen, aber wir teilten auch seine Wut, als er eine Dame dabei überraschte, wie sie einen Kamm in den Wasserkessel tauchte, um ihren Liebling zu frisieren.

Ach! die Hüttenwarte der heroischen Zeit! Maurice Joris besass von seinem Beruf als Lehrer eine Ruhe und lächelnde Autorität, die aus seiner Hütte in Orny so etwas wie ein Pensionat machten. Ganz anders die Dupuishütte! Dort oben herrschte Léon Farquet, gedrungen, breit, schwarz wie ein Räuberhauptmann. Mit dem Bé-ret sehiefaufdem Kopf, mit zusammengepressten Zähnen unter einem kohlschwarzen Schnurrbart, sprach er, sogar in der Wut, so undeutlich wie ein Rabe, der Angst hat, seinen Käse aus dem Schnabel fallen zu lassen. Nach fünf oder sechs Besuchen konnten wir ihn verstehen. Wir plauderten über gemachte oder noch zu machende Touren, aber noch häufiger über die Gäste, alle die Spielarten, welche die menschliche Rasse hervorbringt und die wegen ihrer Müdigkeit, der Höhe oder des Mangels an Komfort ihren Uberdruss oder ihre Angst offen zeigten. Die sympathischsten machten sich kaum bemerkbar, sie sassen für sich allein in einer Ecke oder draussen auf einem Stein, um sich nichts von ihrem Glück entgehen zu lassen.

Die Enge der Hütte drängte uns auf seltsame Weise aneinander. Das erschöpfte Mädchen lehnte sich an den frisch aussehenden Bergsteiger, der Staatsrat stiess mit dem Schlosser an, die alte Engländerin stellte ihren Kragen hoch, um sich von der sich schminkenden Französin abzuschirmen, während der Deutsche in seine Hose schlüpfte. Was uns betrifft, so legten wir uns nie auf die Strohsäcke, bevor wir das Geschirr abgewaschen hatten.

Man müsste noch von den Führern sprechen, diesen Königen der Berge, den Herren von Orny, Trient, Saleine und anderen Orten; von Biselx, Duay, Crettex, Onésime, Jules, Maurice und seinem Schlingel von Sohn, Nestor, der gerade in meinem Alter war. Wer könnte den berühmten Maurice vergessen, mit seiner mächtigen, vier- schrötigen Gestalt und seinem riesigen Mundwerk, das am Abend die lustigsten Geschichten von sich gab! Dieser legendäre, doch recht lebendige Herkules hätte uns in seiner Hand wie Nüsse knacken können; statt dessen gab er uns einige gute Tips für eine Tour, über eine Passage, die er am gleichen Tag ins Eis gehauen hatte und die uns erwartete. Es gab überhaupt keinen Berufs-neid bei den Professionellen. Sie wussten, dass man sie bewunderte, dass man über sie sprach, und nichts macht einen doch grossmütiger als befriedigte Eigenliebe.

Von allen Führer- und Hüttenwartgeschichten waren einige wirklich passiert, zum Beispiel diejenige vonJoris, den ein Halunke mit zwei Schüssen in den Nacken niederstreckte, als er mit dem Rezept des Hauses floh, oder die von Crettex, der sich über den mit einem Regenschirm bewaffneten Deutschen lustig machte. Als der Führer den Schirm vor der Hütte stehen sah, trug er ihn auf den Petit Clocher de Planereuse und steckte ihn offen auf die Spitze. Dann schwor er dem guten Mann, der Wind habe es getan. Wenn es auch einige Ausschmückungen in dieser Geschichte gibt, so habe ich doch den Griff auf dem Gipfel oben gefunden. Davon habe ich einen Messing-ring noch lange als Andenken behalten.

Was für wunderbare Touren haben wir gemacht! Zum Trient, Saleine, l' A Neuve! Alle Aiguilles, Pointes und Clochers kamen dran. In heutiger Sicht waren allerdings unsere beiden « Ersten » auf den Grand Clocher du Portalet und in die Südwand der Varappe bescheidene Unternehmen. Wir waren es viel weniger. Doch alles ist relativ, und viel lieber als der immer zweifelhafte und in Frage gestellte Ruhm war uns das Glück, das wir dabei fanden und dessen Erinnerung unser Leben reich macht, das Glück und vielleicht auch ein gewisses Verständnis. Wir haben gesehen, wie sich der « Fortschritt » unserer Berge bemächtigte: Technik, Gummisohlen, Nylonseile, Daunenjacken und der ganze Haushalt-kram, ohne den heute sogar ein Anfänger nicht mehr losziehen kann. An manchen Tagen wim- melt es auf der Javelle wie auf einem Affenfelsen. Fünfzig Spaziergänger ergehen sich miteinander ohne Seil auf dem Trient-Plateau, und in der Nordwand des Chardonnet hangen sie wie Trauben. Darüber rattert der Helikopter, der seine Ladung von Lebensmitteln und Touristen an der Hüttentüre absetzen wird. Man spricht im Ernst von einer Seilbahn auf die Pointe d' Orny. Ich sage euch, es ist der Mensch, der die Berge ab-nützt, der sie glatt und eben und jeden Tag leichter macht...

Der Mensch macht sie auch anspruchsvoller, gerade durch die Bequemlichkeiten, die wir uns geleistet haben und die ich wie jeder andere akzeptiere, halb aus Trägheit, halb aus Genussucht und halb aus Resignation. Je mehr sich die Berge abnützen, um so mehr Phantasie, Liebe, Beobachtungsgabe verlangen sie von uns, wenn wir ihnen noch einen Sinn, vielleicht einen neuen, geben wollen.

Wir haben die Berge entdeckt, erforscht, bezwungen, jetzt müssen wir sie eigentlich, jeder auf seine Weise, neu « erfinden ». Von allen Unternehmungen ist das die schwierigste, und ich bezweifle, dass wir diesen höchsten Grad des Alpinismus erreichen können. Wenn wieder ein Javelle geboren würde, könnte er uns sicher diese Berge ganz neu schenken, die Berge, die wir zu besitzen glauben und auf denen wir es so schwer haben, das « Einswerden von Erde und Mensch » in ihrer ganzen Ursprünglichkeit zu finden.

Übersetzung E. Busenhart

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