Andreas Ryffs Gotthardreise im Jahre 1587

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Von Albert Bruckner.

Bei der fundamentalen Bedeutung, die dem Gotthardpass als wichtigste, weil direkteste Alpenüberquerung in der Nord-Südrichtung seit Jahrhunderten zukommt, ist es eigenartig, dass erst das 18. Jahrhundert eine umfangreichere Literatur über diesen Pass aufweist. Freilich sind es wenig erspriessliche Schilderungen. Die paar überdurchschnittlichen, geistreichen, in der Beobachtung sicheren und trefflichen Skizzen und Reminiszenzen wiegen die Masse der langweiligen, ewig kopierenden, sich wiederholenden und wie oft platten Reiseberichte jener Zeit voll auf.

Aus älterer Zeit ist nur eine bescheidene, ja wirklich eine höchst bescheidene Zahl von « Gotthardreisen » erhalten. Einiges mag noch handschriftlich in unsern oder ausländischen Bibliotheken begraben sein und auf die Herausgabe harren. Möglicherweise — gross wird der Bestand keineswegs sein. Und allzuviele Raritäten und Kuriositäten werden sich darunter auch nicht finden.

Das bisher Bekannte ist so herzlich wenig, dass es sich, abgesehen von den geographisch-topographischen Werken, die ich ausschalte, mit wenigen Namen für das 16. und 17. Jahrhundert, jenes ganz kärglich, dieses etwas reichlicher, an den Fingern herzählen lässt.

Zwei Reiseschilderungen umrahmen das 16. Jahrhundert ( mit dem 17. werde ich mich nicht auseinandersetzen ): es sind einmal die Notizen Konrad Pellikans 1 ), die sich auf dessen Gotthardfahrt zu Beginn des Jahrhunderts beziehen, sodann der bisher nicht publizierte, ob seiner Singularität wertvolle Reisebericht des Andreas Ryff.

Pellikan berichtet, wie er mit seinen Gefährten das schöne Tal Uri betreten, zwischen sehr schrecklichen Bergen — inter horridissimos montes —, und sie gegen Abend nach Wassen gelangt seien, wo sie übernachteten. Früh weitersteigend, seien sie, auch wieder in horrendis montanis, in die sehr schöne Ebene von Urseren gelangt, zu einigen Dörfern, nämlich Urselen ( Andermatt ) und Hospenthal. Hier hätten sie zu Mittag gegessen und seien dann mit grosser Mühe, multo labore, auf die Höhe des Berges gestiegen, auf der öffentlichen Strasse, auf beiden Seiten von höheren Bergen überragt. Endlich habe man die Kapelle und den Spital auf dem Gotthard erreicht. Nach einiger Zeit, in grosser und ungewohnter Kälte, habe er den Abstieg begonnen 2 ).

Dieser so knappen, die schauerliche Seite der Bergnatur herausstreichenden Skizze steht die Schilderung Andreas Ryffs gegenüber. Sie ist eine denkbar wertvolle frühe Aufzeichnung, eine der ältesten überhaupt, die wir in der Schweiz vom Gotthard besitzen, und interessant genug, einem grösseren Leserpublikum bekannt zu werden.

Schon früher hat Daniel Fechter die interessante, durch die vielen Einzelheiten reizvolle Darstellung einer Gemmiüberwanderung des gleichen Autors veröffentlicht und die eigenartige Skizze dieses Passes beigegeben 1 ). Leider fehlt ein solch originelles Bildchen für die Gotthardreise. Das Stück selbst entnehme ich dem Reissbiechlin des genannten Mannes, das sich als Kuriosität auf der Universitätsbibliothek Basel befindet und bei dem ansprechenden Erzählerton, den wichtigen Nachrichten und dem hohen Alter dieser Reiseschilderungen jedenfalls einmal ganz veröffentlicht werden sollte.

Der Verfasser, Andreas Ryff, entstammt einer damals noch jungen Basler Familie 2 ). Sein Grossvater, gleichen Namens, war noch in Thann in den Vogesen tätig gewesen, Sohn eines Bauern Nikolaus Ryff, aber dann als Schaffner der stattlichen Güter des Klosters Wettingen nach Riehen bei Basel gezogen.

1550 geboren, heiratete Andreas Ryff 1574 die Witwe des einflussreichen Seidenhändlers Andreas ImHoff, Margret Brunner. 1569 sehen wir ihn die Zunftberechtigung zu Schlüssel, 1570 jene zu Webern erneuern. Im Jahre 1596 trat er in die vornehme Zunft der Hausgenossen oder zum Bären ein. Als Mitglied der Safranzunft amtete er 1591 bis zu seinem am 18. August 1603 eingetretenen Tode als Ratsherr, bekleidete ferner 1592-1598 das Amt des Oberschützenmeisters. Als Grosskaufmann, insbesondere aber als Staatsmann hat Andreas Ryff Bedeutendes geleistet. Bekannt ist seine erfolgreiche Vermittlertätigkeit im sogenannten Rappenkrieg auf der Landschaft Basel 1594. An manchen Tagsatzungen ist er der Bote der Stadt, an den Friedensverhandlungen von Saint-Julien in den Streitigkeiten zwischen Genf und dem Herzog von Savoyen vom Jahre 1603 ist er beteiligt.

Es ist von Seltenheit für jene Zeit, dass ein Politiker und Handelsmann Rechenschaft ablegt über seine zahlreichen Reisen für Politik und Geschäft. Ein Glücksfall im allgemeinen, wenn nur schon einzelne Reste solcher Schilderungen vorliegen. Bei Andreas Ryff, der überhaupt öfter zur Feder gegriffen hat und uns neben einer Darstellung des Rappenkrieges u.a. auch einen sehr wertvollen Aufriss der Basler Verfassung hinterlassen hat, sind wir nun in dem seltenen Fall, dass der Autor von seiner frühesten Fahrt an, es handelte sich um einen Abstecher nach Genf in die erste Fremde, seine vielen multo labore ad verticem montis, secundum publicum iter, utrinque montibus altioribus surrectis, tandem pervenimus ad capellatn et hospitium Sancti Gothardi. Ibi aliquamdiu in magnis et inconsuetis frigoribus consistentes, montem descendere coepimus

Reisen skizziert und manche wichtige Einzelheit über Reisekunst, Städte in Europa usw. gibt. Wir finden ihn in Frankfurt, in Köln so gut wie in Mailand, Florenz, Venedig usw., und es ist von hohem Interesse, das klare Urteil, die gute Beobachtungsgabe, das Interesse an Kunst, namentlich Architektur, an Militär, an statistischen Zahlen über Volksmassen usw. festzustellen. Im ganzen kein unbedeutendes Zeugnis einer an Erfahrung und Wissen reichen Persönlichkeit.

Nun zu unserer Gotthardreise!

Seine erste Fahrt über dieses Gebirge trat Andreas Ryff am 1. Mai 1587 an, später ist er wiederholt diesen Weg gezogen.

Über Liestal, Sissach, Bückten, den Hauenstein, Trimbach, Olten, Aarburg, Zofingen, Sursee, Sempach, Rothenburg gelangte er nach Luzern.

Zuo Lutzern sind wir uff den See gesessen und bis gen Flielen des Urner Lands Schifflende gefahren und demnach vollentz bis gen Altorff oder Ury geritten, ist von Lutzern dohin 4 Mylen.

Von Ury aus rith man dz Thalglend auf bis zuem Stäg 1 ). Do ist ein Herberg. Demnach focht man an algemach die Reuche des Schellenebergs anreiten. Hat schmale auch bergauf und ab rauche Strassen neben dem wild rauschenden Wasser der Ryss hinauf, do es etliche böse Wassergräben vom Birg herab hat, so Winters und Frielings Zeiten gar sorglich zuo reisen sind wegen der herabfallenden Schneelouwinen. Bis gen Wassen, ist ein Derffle und Ausspan uff einer Höche, zuo wellichem ein stutziger Stalden hinauf gehet, ist von Ury oder Altorff dohin 2½ Mylen.

Von Wassen zeicht man gen Gestene 2 ). Do ist auch noch ein alter Thurn, darinen etwas Adels sein Wohnung gehapt hat 3 ).

Von Gestenum zeucht man dan die Schellenen oder den Schellene Berg vollens auf, do an etlichen Orten gewelbte Brücken über die Ryss gond, dz man hinniber und wider heriber muoss. Do rauschet und tobet dz Wasser so grausam, dz es einen, der solches nie gesechen, erschreckt, bis dz man schier gar uff die Schellenen hinauf kompt. Do ist ein gäher, stutziger, hocher Stalden durchaus mit Steinen besetzt von einer gewelbten Brücken hinauf, bis an ein Eck oder scharpfen Ranck des Felsens. Do kompt man stracks unversechens zuo des Teiffels Brücken, al Ponto Dilfernno genant. Dz ist ein solliche Brücken, die hoch ob dem Wasser mit einem eintzigen Bogen oder Gwelb von einem Felsen in den anderen gebauwen ist. Zur rechten Hand rouschet und rumplet dz Wasser, die Ryss, einem hoch über die Felsen herab entgegen. Grad under der Brücken fait es wider tief über ein Felsen hinab und ist die Brücken über 5 oder 6 Schuoch nit breit. Dasselbig Ort ist ganz herumb mit hochen Felsen eng umbgeben und stypt dz Wasser so seer do selbsten von wegen des hochen und wilden Vals, dz es einem Rauch oder Danff oder Nabel gleich sieht. Und diewyl dann dis Ort eng und rings herumb mit hochen glatten Felsen umbringet und die Wasser also rouschen und stieben, so haben die Landleut Infernno, die Hell, und die Brücken El Ponto Dilferno, die Hellbrucken oder des Teuffelsbrucken, gênent. Keiner ist so manlich, ders nie gesechen, wan er so ilents unversechens umb dz Eck des Felsens darzuo kompt und über dise hoche, schmale Brücken muoss, der nit erschrecke und sich dorab nit etwas entsetze, sonderlich diewyl keine Länen oder Nebenwend doran sind, wie man ouch keine do machen kan, disser Ursachen: Dz Landvolck muoss doselbsten all ir Bouw- und Brenholtz die Schellenen uff und über dise Brücken schleiffen, was sy in der Wilde Ursseren und Hoschpital brouchen wellen, dan sonst do nienen kein Holtz vorhanden ist. Und wan sy mit einem Boum oder Holtz uff die Brücken komen, so miessen sy dz Holtz uff der Brücken strags von Mittag gegen Nidergang der Sonen, also ganz ins Krytz wenden und kören, von wegen der krumen Stross. Und ist änderst kein Mittel do, dz also man diser Ursach halben keine Länen oder Wend an der Brücken haben kan. Sobald man nun über dise Brücken und ein wenig den Felsen aufkompt, so hat man die Schellene überstigen und ist man in der schönen und fuossebnen grasreichen Wilde Ursseren und gleich beim Dorff Ursellen x ) und ½ Stund Fuosswegs davon zuo Hoschpitaal2 ), ein Dorf und Schloss an des Gotthartsberg Fuosslen, dohin 2 Mylen.

Demnach zeucht man gleich von Hoschpitaal im Dorf den Sant Gotharts-berg an, ist anfangs doselbsten ein zimlichen Stich hinauf, gar stotzig und gäch, demnoch bald wider ein Stuck Felds eben und dan widerumb bergauf, bis dz man gar hinauf kompt zuo dem Klösterle oder Spital und Herberg, l½ Mylen.

Wan man nun gar hinauf kompt uff den Gothart, do ligen 3 kleine See oder Simpf in einem Dryangel nahe bei einander und in der Mitte zwischen den dry Seen ist ein guoter Brunnquellen zuo aller obrist uff dem Gebirg. Der ein See zur linken Hand hat kein Ausgang, aus dem nechsten gegen Deutschland lauft dz Wasser, die Ryss, so den Lutzerner See filt, aus dem dritten Seelin gegen Italien entspringt dz Wasser, der Tesyn, so den Langensee bey Luggaris 3 ) filt.

Gleich an disem See stott der Spitaal oder Herberg und Sant Gotharts-kirchlin darbey, strags hinder dem Kirchlin facht man wider an abstygen gegen dem Lyffener Thaal 4 ) zuo.

Hier schaltet nun Andreas Ryff einige Bemerkungen über die Grosse des Gotthards ein, die man ähnlich bis tief ins 18. Jahrhundert immer wieder antrifft. Es ist überflüssig, diese üblichen Notizen über den Gotthard, « den höchsten Berg in ganz Europa », zu bringen, die sich nicht auf eigene Anschauung, sondern allein auf die « alten römischen und anderen Historischreiberen » stützt. Rein historiographisch gesehen, ist es interessant, dass auch Ryff die allgemeine Anschauung teilt1 ).

Vom Spitaal uff dem Gothart, so fährt er weiter, stigt man strags hinab dem Lyfnerthaal zuo. Ist gäch hinab, auch Winters- und Frielingszeiten sorglich der Schnelouwinen halben ze wandlen. Unden am Berg im Lyffner-thaal ligt dz Dorf Ergentz 2 ). Dohin ist 1 Myl.

Demnach dz Thal am Tesin ab gen Pfeid 3 ), ein feiner Flecken, firbass gen Irnnis 4 ). Aldo steht gmeiner Eidtgnossen der XII Orten gross Geschitz, so sy den Franzosen abgwonnen hand... 2 Myl.

Demnach zeicht man von Irnnis aus hinab zuom Klösterle, also heissens die Deitschen. Do ist ein Frouwenklösterlin gestanden, richtig in einem Wasser Winkelmess 5 ). Der Tesin lauft strags durchs Tal hinab und ein ander kompt uff der linken Syten von Mittag her uss dem Polentzer Taal6 ). Do zeucht man über dieselbig Brücken, dan 1 Myl.

Verners zeucht man dem Tesin noch dz Tal richtig ab, gen Sant Kri-schonen 7 ). Demnach über die gwelbte Brücken des Wassers der Möüss 8 ), so aus dem Galanckertaal9 ) kompt, gen Bellentz. Dohin ist vom Klösterle 2 Mylen.

Die Statt Bellentz ligt im Taal an dem Tesyn zwischen zweyen Bergen, uff wellichen Bergen 3 Schlösser ligen. Uf der linken Hand 2, nenen sy Ury und Schwytz, uff der rechten Hand 1, das nenen sy Underwalden, sind mit Burgvögten besetzt, ist ein guoter Pass. Gehören Statt und Schlösser den III Lenderen Ury, Schwytz und Underwalden zuo.

Von Bellentz aus zeucht man gegen dem Langensee oder Luggarner See bis in dz nechste Dorf bey Magesyn x ), so ein Port oder Schifflende des Langensees ist.

Doselbsten stygt man gleich den Berg, genant Monte Canal 2 ) oder Mont Känel an, dz ist ein hocher, gäher und böser Berg. Kompt man in ein Dorf, dz heisst zu der Dyren Myle, bald gen Louwys 3 ). Dahin ist von Bellentz 3 Mylen.

Louwys ist ein gwaltiger, mechtig wol erbouwner Flecken am Louwiser See gelegen. Ein Landtvogty der XII Orten der Eidtgnoschaft. Doselbsten sitzt man auf den See und vahrt bis gen Gudlack und von dannen gen Mendrys, 2 Mylen.

Mendrys ist auch ein gwaltiger, wol erbouwner Flecken und ein Landvogtei der XII Orten der Eidtgnosschaft. Diss ist die ausserist Hörlikeit der Eidtgnossen, grentzt an dz Herzogthuom Meilandt.

Von Mendryss gen Koum 4 ) in die Stat, welliche Statt am Koumer See ligt. Ist woll erbouwen, zimlich gross, mit langen Vorstätten. Gehört zum Hertzogthuomb Meilandt. Dohin 2 Myl.

Von Koum gen Barlesinen, ein schöner Flecken und Ausspaan, dohin 2½ Mylen. Firbass gen Meilandt in die Statt, dohin ist 3 Mylen.

Summa von Basel gen Meilandt ist guoter deutscher Mylen 38 in 40 Stunden5 ).

Andreas Ryff hat die Reise über den Gotthard gelegentlich auch als Ehrengesandter an die Jahrrechnungstagung übers Gebirg wiederholt. Damals, 1593, benötigte er 7 Tage für die Strecke Basel—Lugano, wobei die Strecke Basel—Hospenthal in 4, Hospenthal—Giornico in 1 und der Rest in 2 Tagen abgeritten wurde.

1 ) Jedenfalls Magadino.

2 ) Der Monte Ceneri.

3 ) Lowys, Lauis, der alte Name für Lugano.

4Corno. Gudlack ist Capolago an der Südspitze des Luganersees. 6 ) Die Distanz von Basel bis Luzern beträgt 9V2 Meilen.

Schlussbemerkung. Die Reiseerzählung findet sich im erwähnten Reissbiechlin fol. 33-40. Die Orthographie habe ich vereinfacht, d.h. die vielen Dehnungs-h wie in ahn ( an ), gehn ( en ) usw., die Doppelkonsonanten, da wo sie heute überflüssig sind, wie in auff, dorff usw., sowie h nach t wie in orth u. ä. möglichst gleichförmig ausgemerzt, a und o sind häufig paläographisch nicht zu unterscheiden, man kann also rauschen und rouschen etc., demnoch oder demnach lesen. Eigennamen wurden in der Schreibweise des Autors übernommen.

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