Anton Schürmanns Reise auf den Oberalpstock im Jahre 1875

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Mit 3 Bildern ( 30-32Von Hu9° NÜnMst ( Luzern ) Als die Sektion Pilatus vor neun Jahrzehnten, 1864, gegründet wurde, wählte sie zu ihrem ersten Vorsitzenden Anton Schürmann, Stadtschreiber von Luzern, der schon 1863 dem SAC beigetreten war. Er hinterliess ein reichhaltiges Handschriftenwerk, das von scharfer Beobachtungsgabe zeugt. In den Jahrbüchern des SAC finden sich aber nur zwei seiner Arbeiten, in Band V Galenstock und Fibbia, in Band XIII Piz Ufiern ( Medels ). Nach einer grössern Besteigung pflegte er rund 200 Seiten zu schreiben, derart gründlich hatte er sich für die Reise vorbereitet, derart eingehend berichtete er von seinen Erlebnissen und Auswertungen. Es war ihm leider nie gegönnt, einen Viertausender zu ersteigen. Er musste sich mit kürzern Fahrten begnügen; denn Ferien gab es damals keine, nur einen widerwillig gewährten Urlaub von drei Tagen. Nach dem Besuch der Grossen Windgälle im Jahre 1876 schrieb er verärgert: « Ich werde schwerlich einmal mit Musse eine Bergreise machen können. Wenn man in 3-4 Tagen, mag das Wetter sein wie es will, in einem Sommer allen Urlaub zusammenfassen muss, so reicht ein Menschenalter nicht hin, das Schöne zu sehen und Kenntnisse darüber zu sammeln. Und doch ist dieser Theil des Zweckes der Bergreisen, neben der Erholung und dem Genuss: das Streben nach Belehrung aus eigener Anschauung der wichtigere. » So kam es, dass Schürmann fast ausschliesslich Gipfel der Innerschweiz aufsuchte: Urirotstock 1855 und 1864, Pianura 1859, Kleine Windgälle 1860, Bristenstock 1861, Sixmadun 1862, Spannortjoch-Judsfad 1863, Titlis 1867, Pizzo Centrale 1869, Kammlistock 1871, Scherhorn 1872, Fleckistock 1881. Ganz besonders hatte es ihm das Maderanertal angetan: « Die Gipfel um das Maderanerthal haben eine merkwürdige Anziehungskraft für mich. Ich habe keine Ruhe, bis ich alle erstiegen. » Er nächtigte dreimal ( 1859, 1871, 1872 ) in der Sennhütte auf dem Hüfiälpli, der Vorläuferin des ersten Klubhüttchens am Hüfigletscher. Über ein Dutzend Zeichenbücher legen beredtes Zeugnis ab von seiner Liebe zur Alpenwelt. Seine Beschreibungen mögen heute weitschweifig wirken. Kürzen wir aber da und dort, so ersteht dennoch ein anschauliches Bild jener Zeit, da man noch mit Thermometer, Gesichtsschleier und Hübeliuhr ( mit erhöhten Ziffern ) durchs Gebirge wanderte.

Schürmann sammelte alles, was irgendwie mit den Bergen und der Heimat zusammenhing, sogar seine eigene Haut: « Meinem Exemplar der gedruckten Reisebeschreibung von der Hüfigletschertour 1859 ist eine .Reliquie'beigefügt: das Wort ,Hüfi'hergestellt mit Fetzchen meiner eigenen Gesichtshaut, die sich bei der Wanderung über den Gletscher abgelöst hatten. » Irgendwie war er ein Sonderling, gestand er doch aufrichtig: « Ich fühlte es Jahre lang an mir selbst, dass ich allmälig menschenscheu und verbittert geworden. » Aber er blieb der grundgütige Mensch, dessen Herz zeit seines Lebens für die Berge schlug: « Vor mir liegen in diesem Augenblick die Skizzenbücher, die geologische Karte, die mich jeweilen begleitet, die Mineralien, gesammelt von Bristen bis Bernetsmatt, und ich bade mich in den Erinnerungen. Es sind Sonnenblicke aus den schönen Stunden des Lebens, sorgfältig aufbewahrt für die letzten oder doch für trübe Tage. » Von der strengen Auffassung des Bergsteigens wich er nie ab, trotzdem er wegen seiner überspitzten Forderungen schon früh auf Widerstand gestossen war. Hier ein Beispiel: « Ich hatte einmal in einer Versammlung der Sektion Pilatus angeregt, es sollten vor jeder Sektionstour Referenten bestellt werden, deren Aufgabe es wäre, jeder auf dem ihm zugewiesenen Gebiet, auf das Merkwürdige aufmerksam zu machen, namentlich auf Geologisches, auf Pflanzen, auf Nomenklatur und Sprachliches, auf historische Begebenheiten, auf Sagen, auf kunsthistorische Architektur, selbst der Alphütten. Ja, da kam ich bös an! .Gelehrtes Zeug ', sagte Josef Röthelin. .Dafür hat man Bücher ', meinte Prof. Zähringer. .Wir wollen ausruhen vom Lehren und Studiren, gerade deshalb gehen wir auf die Berge ', entgegneten andere. Und ich wurde totgeschwiegen. » Schürmann fühlte sich unverstanden, vor allem von Prof. Zähringer, so dass er sich leider schon von 1870 an vom Vereinsleben zurückzog. Benötigte man ihn aber für Vorträge, willfahrte er freudig, sogar noch 1904 im Alter von 72 Jahren.

Trotz gewisser Eigenheiten sind solche Gestalten wie Schürmann wegweisend. Sie sind wie ein Mahnmal, das den Bergsteiger vor dem Abgleiten warnen möchte, warnen vor Einseitigkeit und Verflachung. Das Bergsteigen war ihm nie blosse Technik und nie blosser Genuss. Nun wollen wir ihn auf der Reise zum Oberalpstock im Jahre 1875 begleiten. Nach dem Fehlschlag wegen Schlechtwetters auf die Grosse Windgälle stiegen Schürmann und sein Freund Xaver Schöpfer mit den Führern Josef Tresch dem Roten und Josef Zgraggen ( Sohn des Ambros, 22jährig ) über Bernetsmatt und Alp Gnof zum Hotel SAC ins Maderanertal ab. Anderntags wählte Schöpfer mit J. Tresch das Scherhorn, Schürmann jedoch mit Zgraggen den Oberalpstock. So kam jeder « Herr » auf einen ihm unbekannten Gipfel, und die Führer waren mit dieser Lösung einverstanden.

« Um zwei Uhr ans Fenster getreten, freute uns der Anblick des gestirnten Himmels. Gemeinschaftliches Frühstück. Um drei Uhr Abreise. Nachdem die Abrede getroffen worden, uns von den Gipfeln aus zu grüssen, schieden wir von Schüpfer. Es war noch finstere Nacht. Uns Schloss sich ein anderer Führer an mit Prof. Wirz aus Zürich, was mir angenehm war, da er heute nicht lehren, sondern wie ich schauen und lernen wollte. Jeder Partie ging der Führer mit der Fackel voran, zunächst einen steilen Waldweg hinunter, dann über den brausenden Kerstelenbach zur Hüttengruppe Gufferen und einer Berghalde entlang hinauf zur Frutt. Auch dieser Name dürfte rhätischer Abstammung sein wie jener des Düssistocks ( Dispetüss ), Kerstelenbachs, der Alp Gnof ( Alp Nov ). Diese sprachlichen Denkmale sind wahrscheinlich die ältesten in jener Gegend und zeugen von einem andern Stamm, der sie gegeben. Und dieser Urstamm wäre es wohl werth, dass man alles sammelte, was von ihm bis auf unsere Zeiten gekommen ist.

Die Fackel wurde gelöscht. Die Dämmerung war angebrochen. Die Führer erzählten Erlebnisse von ihren Bergreisen, gaben auf alles befriedigende Antworten und machten so den Aufstieg recht angenehm. 1872 war ich mit Schöpfer in strömendem Regen vom Strimthal hier vorbeigewandert. Wie ganz anders sah heute das Brunnithal aus! Ein prächtiger Morgen brach an. Die Alpenrosen glitzerten in reichem Thau, Herdenglocken ertönten von einer grossen Sente auf Waltersfirn, und dazwischen donnerte der Brunnibach seinen Brummbass. Bei der Brunnialp durchsetzt ein Felsband das ganze Thal. Oben steht man ungeahnt und plötzlich vor dem Brunnigletscher, einem der schönsten, die ich seit 1849 betreten. Vor ihm befindet sich eine grasige Ebene, ein Beweis, dass er sich schon lang zurückgezogen. Wir hielten einen Augenblick Rast, dann trennten wir uns. Mein Reisegefährte hatte Fusseisen bei sich und benutzte daher den direkten Aufstieg am Westbord des Gletschers.

Ich dagegen schlug mich .links in die Büsche'und stieg über Moränenschutt hinan, dann über den Gletscher, bis er mir zu glatt wurde wir vorzogen, längs dem Stotziggrat aufwärts zu laviren. Dabei hatte man hinlänglich Zeit, die Gesteinsarten zu bestimmen, meistens Gneis und Glimmerschiefer, auch weisse Granite mit grossen Feldspatkristallen, Alpinit oder Protogin. Auf Urnerbüel ( Cavardiraslücke. N. ) wurde der übliche Halt gemacht. Ich will Ambros Zgraggen zulieb obigen Ausdruck gebrauchen; denn es drückt ihn ein wenig, wenn man den alten Namen Bündnerbüel verwendet. Aber irgendeine nähere Verwandtschaft zwischen den beidseitigen Thalbewohnern muss vorhanden sein. Darauf deuten die Urner Geschlechtsnamen Püntener, Lorez, Gamma und die Sitte, aus dem Maderanerthal an die Kirchweihfeste und Märkte nach Dissentis über den Brunnipass zu gehen. Bei einem solchen Anlass fiel vor etwa 30 Jahren ein Mädchen in eine Gletscherspalte, wurde aber von Begleitern gerettet.

Dass Urnerbüel diesen Sommer schon besucht worden, bewiesen Bruchstücke von Flaschen, Eierschalen, Pomeranzenrinden, Kerzenfutterale und Geflügelknochen, die schwerlich von einem Lämmergeier herstammten. Vom Urnerbüel aus ist der Anblick des Brunnigletschers sehr schön. Er breitet sich fächerförmig aus. Alle Gipfel in morgenfrischen Duft gehüllt und blauer Himmel darüber. Prof. Wirz schickte sich eben an, jenseits des Gletschers eine äusserst steile Schneezunge hinaufzuziehen, die ihm jedenfalls 1V2 Stunden Arbeit geben wird. Wir banden uns ans Seil, weil Zgraggen den Weg, abkürzend, quer über den obersten Abhang des Gletscherbruches nahm. Ich war damit zufrieden; denn ich kam an den grossen Zerklüftungen vorbei. Eine Strecke weit machte Zgraggen vom Eispickel Gebrauch. Das Eis war blasig und knisterte beim festen Auftreten. Das anschliessende Firnfeld blieb noch eben und gefroren. Zgraggen liess sich als Führer gut an, obwohl ihm des Vaters Kenntnisse und Erfahrungen noch abgingen. Es war mir angenehm, gerade mit ihm den Aufstieg zu machen und an ihm eine Eigenschaft wahrzunehmen, welche leider so vielen Führern mangelt: Er zeigte sich ungemein lernbegierig. Die Berge der Urner- und Glarnergruppe kannte er; hingegen die Bündneralpen, die allmälig auftauchten und mir durch ihre Grossartigkeit imponirten, kannte er nur zum Theil.

Die Schneehänge wurden nun wellenförmig und weich. Herr Wirz und sein Führer erschienen eine Halbstunde über uns am dunkelblauen westlichen Horizont, obwohl wir tüchtig marschirt und vom Urnerbüel bis zum Gipfel nur zwei kurze Halte gemacht hatten, um einen Schluck Wein zu nehmen, zu verschnaufen und zu schauen. Prof. Wirz bereitete uns um 10 Uhr auf dem Oberalpstock, 3330 m, einen freundlichen Empfang. Ein Becher auf das Wohl des lieben schönen Schweizerlandes, von dem ein gutes Stück wie eine Reliefkarte ausgebreitet lag. Es war windstill und Frühlingswärme. Wenn ich auch kein Zeichner bin und all meine Skizzen nur persönlichen Werth haben, so machte ich mich doch sofort daran, wenigstens einen Theil der Aussicht festzuhalten. Dann durchging ich mit den Führern die Namen der Gipfel und bedauerte, dass die Hülfsmittel nicht zu Gebote stunden, die Berge gleich am Himmel anzuschreiben. Der erste Ausblick mit dem Fernrohr galt natürlich dem Scheerhorn, dessen Felswände uns stolz gegenüberstanden. Nicht lange ging 's, da krabbelten die zwei Mann wie Fliegen über den schmalen Grat hinauf, und die verabredeten Zeichen, ein Rock am Bergstock und ,Lord' Xaveris Frauenshawl, flogen in den Lüften. Wir hatten uns erkannt. Es war jedenfalls der erste gegenseitige Gruss von solcher Höhe, den wir gewechselt. Und es mag nicht oft vorkommen, dass dies von andern geschieht. » Von der achtzehnseitigen Schilderung der Rundsicht wollen wir nur diese Zeilen auswählen:

« Wenn man diese Burschen da drüben sieht, Bristenstock, Fellistock, Schattigwichel, Piz Giuf, Mutsch, Six Madun bis zur Punta nera, so blicken alle derart spitzig, kahl, steil, felsig und unzugänglich drein, dass man sich bald an Menschen erinnert, welche einem auf einer Seite gute Worte geben und über den Rücken hinab einen - Basiliskenkamm tragen.

Wir deponirten unsere Namen in der Flasche und traten um 1 Uhr den Rückweg an. .Deine Uhr ist abgelaufen, fort musst du! ' hätte Zgraggen sagen können. Aber es ist mir lieber, wenn er den Weg über tückische Schneebrücken weiss, als wenn er den .Teil' auswendig wüsste. Wir nahmen das Seil wieder zur Hand, und rasch ging es die langen Schneehalden, bald auf dem Stocke reitend, bald auf dem Firn sitzend, jauchzend hinunter. Schneebrillen und Schleier waren heute zu gebrauchen; denn der Glast strahlte einem unter dem tiefblauen Himmel mit doppelter Kraft ins Auge. Um 2% Uhr standen wir wieder auf Urnerbüel und leerten zusammen die letzte Flasche. Mir that es in der Seele weh, schon heim-gehen zu müssen. Noch einen Jodler sandte ich zum Schwarzflüehli, das mitten aus dem Gletscherhang heraussteigt und in vollem Echo die Töne zurückgibt. Dann zogen wir den Gletscher hinab. Bis jetzt hatte ich mich über meine Gesellschaft nicht zu beklagen. Hier aber war mir das Heimpressiren unangenehm. Ich bin 's gewohnt, solche Tage wie eine Lebensessenz mit Bewusstsein sekundenweise bis zum Erlöschen der Tageshelle zu geniessen. Mich verlangt ja nicht nach den Fleischtöpfen Ägyptens an der Table d' hôte. Wäre ich allein gewesen, hätte ich gezeichnet, mehr als es geschehen, und botanische Notizen gemacht. Wegen der Eile sah ich mich umsonst nach Gletscherflöhen um. Dagegen verweilten wir einige Minuten bei einer Gletschermühle. Dann erreichten wir den Brunniboden, eine Wildalpe, auf der etwa 14 Tage die Kühe von Waltersfirn Weide finden. Soeben erschien der Senn mit dem Käskessel und einigem anderm Geschirr auf dem Räf, um die Alpe zu beziehen, auf der morgen das Vieh aufgetrieben werden soll. Er stellte die schwere Bürde ab, um sein kurzes Pfeifchen zu rauchen.

Am Ausgang des Thales, über den Hütten von Frutt, schaute ich vergeblich nach Schöpfer und Tresch aus. Wir jauchzten und glaubten, sie mit dem Fernrohr beim Hüfialpli entdeckt zu haben. Ich schickte noch einen Jodler ins Thal, worauf sich Prof. Wirz verwundert umkehrte und mich vorwurfsvoll fragte: ,Ja, warum haben Sie denn heute so wenig gejodelt mit Ihrer weitumfassenden Stimme.Weil ich meinen Blasbalg sonstwie zu brauchen hatteDie letzte Viertelstunde, fast im Galopp zurückgelegt, setzte meinen Oberschenkeln und Waden stark zu, und es war mir angenehm, auf samtenen Alpenrosenstauden zu spaziren und nach kurzem Aufstieg Einzug im Hotel Maderanerthal zu halten. Zwar wurden keine Böller gelöst, wie es in Grindelwald Sitte ist, wenn die Schreckhorn-und Wetterhornbesteiger glücklich heimkehren. Weder Blechmusik noch Alphorn empfing uns, nur der freundliche Gruss der Wirthsleute und einiger Kurgäste.

Nach einer halben Stunde rückte Freund Schöpfer mit seinem .rothen'Tresch wohlbehalten an, freudestrahlend bis in die Gamaschenknöpfe und in den Zipfel des Shawls seiner lieben Ehehälfte. Es war ein herzliches Wiedersehen und des Erzählens und Jubeln kein Ende. Wir konnten zu unsern Führern sagen wie Napoleon nach der Schlacht bei Austerlitz: .Soldaten, ich bin mit euch zufrieden! ' Sie nahmen 's aber lieber in bar und hatten recht. Bei einer Flasche Wein wurden die Führer ausbezahlt und ihnen Zeugnisse ausgestellt. Dann entliessen wir sie mit voller Zufriedenheit und mit dem Wunsche, einander nächstes Jahr wieder zu begegnen.

Der folgende Morgen, 31. Juli 1875, war beneidenswerth schön, aber die Berge schienen nicht dauerhaft vergoldet. Die Herde der himmlischen Schäflein war nicht mehr so harmlos; gegen Abend dürften sie etwas lauter blöken. Wir reisten um 7 Uhr thalauswärts. Der Gang durchs Maderanerthal war ein prächtiger Bummel. Wie ganz anders, freudiger, ist doch die Stimmung, wenn man den Erfolg hinter sich hat, als wenn, wie schon manchmal, Nebel und Regen eine Gebirgspartie, auf die man sich das ganze Jahr lang gefreut hat, elendiglich zugrunde richten. Selbst Schöpfer, der Techniker, stieg zum Geständnis herab, es stecke irgend etwas in den Menschen, das mit noch so viel Dividenden nicht befriedigt werden könne: das innerste Ich, das an der grossen Schöpfung desto mehr Freude hat, je mehr es sich als dazugehörig erkannt.

In den Bächen fahndeten wir nach Kristallen, und auf Griessernalp fragte ich Milch-beilen nach, dem .Rechnungsbuch'der alten Sennen, welche in Ermangelung Schreib-kunst den Viehnutzen mit dem Messer auf ein Kerbholz schnitten. Ich hatte 1872 auf Waltersfirnalp einen vierkantigen Holzstab erhalten, der leider verloren ging. Doch besitze ich die Copie: elf Namen der Vieheigenthümer und den von Kaplan Furger, Bristen, erklärten Nutzen. Auch Ambros Zgraggen verschaffte mir ein Milchbeil. Es sieht neu aus, ohne Milchglanz, ist also nicht gebraucht worden. Von einer Hüttenthür auf Griessern schrieb ich eine andere Art Milchrechnung ab:

morgens abends IIIIV

XXIIIo

VIIIo

XVIo

Uli im

IIIIXI

XV

XXI

XXIV

Uli

Hier ist morgens und abends aufgezeichnet, wieviel ein Melker von den Kühen eines Besitzers herausgemolken hat. Da sind die Jahrhunderte spurlos vorbeigegangen. Mit den gleichen Lettern, welche die alten Rhätier, Rhätoromanen aus Etrurien, nach den Alpen gebracht, rechnet der Küher heute noch.

Am Lungenstutz kam eben eine Karawane reitender Fremder entgegen und machte Halt. Während ich am Hügelbord sass, mit einem Auge zeichnete und mit dem andern mit Wohlgefallen die flinke Reiterin betrachtete, der von einem Mädchen Erdbeeren gereicht wurde, hatte Xaveri Schüpfer bereits ein Gespräch mit dem Führer angebunden, das interessant zu werden versprach. Er fragte den Rosselenker: .Aber was mieched ihr jetz, wenn ech e so ne Dame mitsamt em Ross i Bach fieli,Mer gingid 's oi go ozoige! Me fund sie denk chüim mehVon Rettungsversuchen sagte er nichts.

Um 101/2 Uhr erreichten wir Bristen, wo an der .Douane, im Schatten der Hollunder-staude, mit Kaplan Furger eine Friedenspfeife geraucht und aus den Händen der von Glück strahlenden, sonnig lächelnden Jungfrau Köchin der wohlverdiente Lorbeerkranz für unsere Leistungen entgegengenommen wurde. Im Stübchen der alten Kaplanei und im Kämmerlein, wo ich 1860, nach der Besteigung der Kleinen Windgälle, meinen müden Beinen zur Ruhe verholfen, da war ich wie daheim. Der Seifensteinofen, das Büffet, ein Ge- mälde von Bristen, von einem Maler zum Andenken geschenkt, die Stiege mit der Felswand auf einer Seite, das war alles noch wie vor zwanzig Jahren. Nichts hatte sich geändert, die Berge, der Kaplan und der Stadtschreiber nicht. ,He da, alter Freund', meinte er, ,ich sehe zwar, dass du mit deinen Kühen bald um einen Stafel abwärts fahren musst, weil 's dir auf die Berge schneit ( alpinbildlich: er wies auf meine grauen Haare neben den Ohren ), aber wir bleiben doch Freunde; vielleicht spaziren wir noch einmal zusammen auf dem Sinai oder Tabor,Sehr wohl, Herr Kirchenfürst! Sofern Sie für den Eintritt in das betreffende Reich die Pässe besorgen.,O warum nicht, wenn auch mein Nachfolger die Schlüssel zur Porta coeli ( Überschrift an der Kapelle in Bristen. N. ) verwaltet. Für deinen Eintritt will ich trotzdem sorgen.,Sehr verbunden! ' Natürlich wurde noch die Mineraliensammlung des Kaplans wieder durchgangen und der Scolezit vom Crispalt bewundert ( ein kugeliger Kern, besetzt mit nadeiförmigen Kristallen, aussehend wie ein Igel ). Fehlt nur der Glaskasten; aber das wäre schon ein Zweifel in die Ehrlichkeit seiner Besucher. ,Zu mir kommen keine Scheunen; sie wissen schon, dass bei einem Uernerkaplan nichts zu stehlen ist ', fügte er hinzu. Der Herr Kaplan ist eine bekannte Persönlichkeit und wurde schon von so manchem Wanderer erwähnt, ja beschrieben. Bei ihm übernachteten Prof. Heim, Prof. Arnold Escher, Prof. Rütimeyer, Prof. Osenbrüggen, und alle lobten den jovialen Gastwirth und sein zuvorkommendes Benehmen. Osenbrüggen erzählt von ihm, er sei auch auf die Gemsjagd gegangen, natürlich als geborener Bristener, und das sei ihm vom Bischof, weil kanonisch verboten, scharf gerügt worden. Nach einem gemütlichen Stündchen boten wir unserm gastfreundlichen alten Wirth ( t 1890. N. ) die Hand, und hinab ging 's, der staubigen Gotthardstrasse und dem aus Formen, Stunden, Geld und Rücksichten zusammengeleimten Leben entgegen.

Vom Gotthard kam die Post. Ein Engländer, ganz weiss vom Strassenstaub, liess sich während des Pferdewechsels vom Portier bürsten. Der hatte schon die Hand offen für das Trinkgeld. Als der Wagen abfahren wollte, liess er den erst halbseitig gebürsteten Engländer einsteigen. Dieser erinnerte uns in seinem dunkelfarbigen Rock an einen Standesweibel aus Basel oder Appenzell, halb weiss, halb schwarz. Fort ging 's nun durch Uranien dem Lacus magnus zu. Den 14 Nothhelfern in der Kapelle zu Silinen machen wir ein andermal Besuch; warum haben sie uns nicht auf die Windgälle verholfen. Um 3 Uhr war Flüelen erreicht, als ein Gewitter heranstürmte, ein so sintflutartiger Regen herunterrauschte und der Donner gewaltig krachte, als wären wir unter dem Aequator. Ein Fremder bemerkte: .Aber sagen S'mal, da rejnet es ja nischt, da schmeisst 's runterNach dem gestrigen Tag schätzten wir uns glücklich und wurden so stolz, dass Schüpfer sagte: .Thüend sie acht nid au mit alle Glogge Kite i de Hofchile z'Luzern wie zur Zyt, wo d'Jerusalemreisende hei cho send? Z'Flüele hend sie emol afig - g'schosse! ' »

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