Arête Vierge

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JVon Walter Kalt

Mit 1 Bild ( 62Luzern ) Als Arête Vierge wird das erste Teilstück des Verbindungsgrates bezeichnet, der vom Tête à Pierre Crept zuerst in südlicher, dann in südwestlicher Richtung den Glacier Plan-Névé umschliesst und im Gipfel des Grand Muveran endet.

Er wird gewöhnlich vom Pacheu aus zum Tête à Pierre Crept begangen.

L' Avare. Schwer klopft die Hand Xavs über meinen Torso, wie zu einer ärztlichen Diagnose. Es ist sein erster, unnützer Kraftaufwand dieses Tages, denn der Schlaf, dem ich daraufhin entsteige, war weder tief noch sanft, ich musste ihn der Nacht in mehreren Raten abkämpfen.

Wir schleichen uns also sachte über das Stroh zu unsern Schuhen und Säcken, fahren in der Dunkelheit mit den Schuhriemen viermal durch denselben Haken, machen schliesslich irgendwo einen Latsch und steigen über die Leitersprossen hinunter in die Küche des Hirten. Hier zählen wir uns nochmals genau ab, gestern waren wir unser drei — es klappt — alles beieinander.

Die Alpbrunnen sind seit Wochen eingetrocknet, wir können uns also den Schlaf nicht aus den Schädeln waschen. Wie dösige Fliegen hocken wir um den Tisch herum, bis uns die Frau des Hirten den Kaffee vom Herd reicht. Meine gewohnte morgendliche Essgier will sich nicht recht einstellen, Bruder Xav und unser Herr nagen ebenfalls ziemlich freudlos an ihren Brotstücken. Da sich weitere erwachte Touristen durch die Küchentür wälzen, trinken wir den Kaffee eilig zu Ende, greifen nach unsern Säcken, sagen der Wirtin auf Wiedersehen am Nachmittag und beginnen dann die Weide hinaufzustolpern.

Über der Steilstufe des Herberuet erreichen wir das Becken des Plan-Névé-Gletscherchens. Vier unserer Tischgenossen folgen uns ziemlich forsch, und wie wir die Vermutung tauschen, dass sie uns wohl zu überholen beabsichtigten, bestätigt unser Herr, am abendlichen Nachtisch die Äusserung « on les dépassera » gehört zu haben.

Nun, sehen wir einmal ganz von der Möglichkeit ab, ihnen keinen respektablen Eindruck gemacht zu haben, so ist es doch etwas verfrüht, wenn man sich schon in der Hütte zu einem Urteil über die Tüchtigkeit wildfremder a Steisser » hinreissen lässt. Mit dieser kleinen Überlegung hatten wir die Moräne erstiegen, die losen Blöcke, die das Eis dieses Jahr freigegeben hatte, übersprungen und den Gletscherrand erreicht. Es ist die erste, spürbare Kälte, die uns hier nach diesem Tropensommer überfällt. Hier lassen wir unsern Air-Dress tragenden Verfolgern gegenüber die erste Katze aus dem Sack springen, deutlicher eigentlich die Krallen, die wir unsichtbar darin verborgen hatten. ( Die Katze machen wir selber. ) Dann steigen wir zwei krallenbewehrten Schlaumeier als Vorspann den Firn hinauf, während wir unsern Herrn ohne Eisen hinter uns herschleppen.

Xav ist durch seine letzte Begegnung mit dem zwar nur kurzen, aber in blankem Zustand doch heiklen Gletscher gewitzigt, da er unlängst mit einem englischen Herrn dort abstieg und die Stufen in « Brienzer Schnitzerei » mit dem Sackmesser herstellen musste.

Die Alpen - 1948 - Les Alpes19 Auf diese Weise also steigen wir flott gegen die Felsen des Pacheu, übersteigen dort leicht die Randkluft und erreichen nun das grosse, ausgeprägte Couloir, das sich, mit viel losem Schutt gefüllt, in den Col zwischen dem Pacheu und der Arête Vierge schräg hinaufzieht. Kurz unter dem Grat mündet es in eine Sekundärrippe. Durch ein horizontales Band erreichen wir durch einen ausgesprochenen Gemsenpass die Grathöhe und kurz darauf den ersten Gratturm. Hier lassen wir uns zum ersten Halt nieder und haben nun Musse, schadenfroh auf unsere Verfolger hinabzublicken, die sich unter uns ernsthaft mit den Schwierigkeiten eines harten Firnanstiegs befassen, ohne sich offenbar darauf vorbereitet zu haben.

Hier auf dem Grat grüsst uns die warme Morgensonne, und im weiten Rund des Horizonts steigen die Zinnen, Grate und Gipfel des Mont Blanc, der Walliser und Berner Alpen in den warmen Äther des vorgerückten Morgens. Wir schultern unsere Säcke und setzen den Weg in den Kletterschuhen fort. Xav hat sich die Gewichtszulage in seinem Sack erspart, er trägt seine Vibramschuhe. Der Abstieg in die folgende Scharte führt durch ein kleines Couloir mit schlechtem Gestein, wie es die ersten drei Grattürme verschwenderisch aufweisen.

Wie ich mich als Letzter über den dritten Turm hinaufschleiche, beobachte ich Xav, wie er bösartig Dinge über die Wand hinabschleudert, die ich schliesslich als Seilschlingen erkennen kann. Es waren die verwitterten Abseilschlingen für einen kleinen, senkrechten Absturz in eine neue Scharte. Er teilt mein Bedauern, hier nicht abseilen zu können, absolut nicht, er scheint vielmehr eine ganz spezielle Vorliebe für freies Abwärtsklettern zu haben. Dann schickt er mich als Ersten voraus. Der Fels wird kompakter und das Klettern schon beinahe zum Genuss. Eine wenig geneigte Platte, die den Sockel zum vierten Turm bildet, wird gequert, und dann zwängen wir uns durch eine kleine, überdachte Scharte in die in prächtigem Plattenpanzer abstürzende Ostwand, die wir aber erst durch einen kleinen Abstieg in einem etwas perfiden Riss vollends gewinnen. Die Lage wird nun etwas exponierter. Über eine von der Wand abgesprengte Platte erreichen wir im Reitsitz den nördlichen Fuss des Turms. Wir haben uns ordentlich warmgeklettert und werden nun in die schattseitige Wand des fünften Turms gedrängt. Die Passage ist ähnlich gebaut wie die raffinierten Vitrinen der Mustermesse, nach hinten abrutschendes Plafond — kurzes Stück Rückwand —, nach vorn abrutschende Plattform, Neigungswinkel 40 Grad. Das Glas, durch welches uns das Publikum betrachten könnte, fehlt glücklicherweise, wir passieren nicht mit vorzüglichen Figuren. Am Ende der Vitrine steckt ein Zelthering. Wir müssen über die abrutschende Plattform und die darunter befindliche Wandpartie abseilen.

Nach einem scharfen Sattel erklimmen wir einen recht bedrohlich und abweisend erscheinenden Grataufschwung. Mit den Händen erweist er sich bedeutend greifbarer als mit den Augen, hingegen wird der Grat zusehends schärfer und exponierter. Über unbedeutende Gratbuckel erreichen wir den Fuss des grossen Steilaufschwungs, der in zwei mächtigen, durch einen schmalen Kaminschacht getrennten Platten aufsteigt.

Wir halten zu einer kurzen Rast, während welcher unsere Früchte-schachtel nochmals zirkuliert, und nach der unvermeidlichen Zigarette steigt Xav in die Löwengrube. Er steigt heute zum sechstenmal über den Grat, und er scheint sich auch schon ziemlich auszukennen, wo die haltbaren und die unsicheren Griffe sind; manchmal hält er sich auch dort, wo gar keine sind, aber das haben wir ihm noch nicht abgucken können. Um den Einstieg zu gewinnen, muss er etwas links in die Wand hinausqueren. Dann spreizt er sich in einer meterbreiten Rinne, die unter ihm in die westliche Wand abstürzt, an sehr problematischen Griffen in dem sich nach oben verengenden Kännel hinauf. Er zwängt sich nun so weit in den Schacht hinein, dass wir für eine Weile nichts mehr von ihm zu Gesicht bekommen, hingegen registrieren unsere Ohren ganz deutlich die akustischen Begleiterscheinungen angestrengter Stemmarbeit. ( Wenn er nur den Schacht nicht breiter drückt. ) Dann tastet sich die rechte Fußsohle auf einen ausgeprägten Tritt über dem senkrechten Teil des rechten Plattenkammes. Nach zwei Metern leichterem Fels steht er auf einer kleinen Kanzel und kann die Säcke nachhissen. Dann steigt er vollends zum Sicherungshaken hinauf, wo der Aufschwung endet. Das Dreissigmeterseil ist ausgelaufen. Jetzt knüpfe ich die Taille unseres Herrn an das Seilende, der die nasse Rinne mit erwähnenswerter Geschicklichkeit hinaufsteigt. Dort, wo sie sich zum Schacht verengt, beginnt er eine ganz ungewöhnliche Sprache zu führen, die feuchten, glitschigen Felsen im Grunde des Kamins verhalten sich seinen Gummisohlen gegenüber sehr feindlich, und er muss das erstemal die Seilhilfe in Anspruch nehmen. Auf der Plattform balanciert er sich den Rucksack um und steigt zu Xav auf, während ich nervös unten in der Scharte herumstelze und den Seilwurf erwarte. Xav flucht fürchterlich in die stille Bergwelt hinaus, als das Seil auch nach dem vierten Wurf als elender Spaghettihaufen an der Kanzel hängenbleibt. Im fünften, einwandfreien Wurf pfeift es in die Scharte, und ich kann mich endlich weiterbewegen.

Über dem Kopf des Aufschwungs beginnt der Grat anzusteigen, lebhaft von Absätzen unterbrochen, und seine Schärfe und beidseitige Steilheit lässt nun gar keinen Wunsch mehr übrig.

Die Ostwand fällt in kaum gegliederter Platte dreihundert Meter in den Schuttkragen des Tita-Neire-Gletscherchens, das ziemlich erschöpft in seiner Mulde liegt. Westwärts stürzt die Schattenwand in wenig solidem Fels sehr steil in einen hohen Gürtel von Bändern, die, etwas weniger stark geneigt, gegen die Weiden von L' Avare abfallen. Ein sehr kantiger Rücken führt uns gegen eine prachtvoll exponierte Gratstufe, die als scharfe Klinge die Ostwand überhängt. Mehrere Seillängen gelingt es uns kaum einen Moment, aufrecht zu gehen; der Gratkamm ist wie ein Brotmesser. Dann wird er durch einen ziemlich lose geschichteten Turm unterbrochen, der zu grosser Vorsicht zwingt. Die Fortsetzung bringt uns schliesslich zu einem letzten, kleinen Hindernis, einem brusthohen Überhang. Ein Piano ohne Pedal. Wir spielen ausschliesslich mit den Händen.

Die Schwierigkeiten nehmen ab, der Hunger zu. Über leichtere, mit losem Geschiebe übersäte Rücken erreichen wir den Gipfel des Tête à Pierre Crept. Es ist Mittag vorbei.

iw :* ' ,'Drüben am Cabotz sind Leute im Abstieg. Unser Herr hat sie entdeckt. Dann Xav. Er verweist auf die Platten, die wir einmal zusammen überkletterten. Ich sehe ganz angestrengt hinüber. Dabei entdecke ich drei verschiedene Stellen in den Felsen, die möglicherweise als Partie gelten könnten. Später, als ich den Proviantsack schon über meinen Knien fühle, gucke ich nochmals hinüber, sie sind alle drei in derselben Stellung wie zuvor, während die wirkliche Partie bereits unter den Platten gegen den Grat quert. Dann zerre ich etwas verblödet das Brot aus dem Sack heraus und die Wurst, das sind für den Moment die einzig greifbaren und interessanten Realitäten. Nachher wird man wieder mit mir reden können.

Zwei Stunden später, wie wir den Moränenwall des Paneyrossaz übersteigen und zurückschauen auf den Gipfel des Crept, sind die Air-Dress-Träger noch nicht zu erblicken.

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