Auf der Guggiroute zur Jungfrau

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Mit 1 Bild ( 83Von Willy Furter

( Zürich ) Ein rauher Westwind treibt Regen und Schneegeriesel gegen die Guggihütte. Schwarz hängt das dichte Regengewölk über dem Unterland. Und jetzt fängt es im Tal unten wieder zu brodeln an, und gespenstisch schleicht es von neuem über Berglehnen, Fels und Gletscherbrüche. Wieder ist es, als schwebe unsere Hütte in dem undurchdringlichen Grau. Wir sind wieder allein... Huschte es nicht eben wie ein Schemen am Fenster vorbei? Piepend meldet sich wieder die schwarze Dohle. Gemächlich trippelt sie über das nasse Gestein, pickt hier und dort etwas auf. Ein wenig trübsinnig schauen wir aus dem abenddunkeln Hüttenraum durch das Fenster. Bücher, Hefte und Karten, die wir uns heruntergeholt, liegen wieder geordnet auf dem Wandbrett... Seit zwei Tagen warten wir drei — Konrad, Willy und ich — vergeblich auf gutes Wetter. Immer wieder wurden die vorübergehenden Aufhellungen durch nasses Gewölk, Nebel, Regen und Schnee verwischt. Und vorgestern mussten wir nach nächtlicher Irrfahrt durch die Flanke gegen den Guggigletscher drüben im Kühlaueneneisbruch kehrtmachen: schlechtes Wetter! Dumpf geistert jetzt wieder das Grollen einer Eislawine durch den Nebel zu uns herüber... Nochmals wird — unverbesserliche Optimistender Wecker auf frühe Tagwache gestellt...

Wolkenloser, sternenübersäter Mitternachtshimmel!... Es dauert ein paar Augenblicke, bis wir alle drei uns von dem fast Unglaublichen über- zeugt haben... Tagwache um Mitternacht — während tief unten auf der Kleinen Scheidegg eben das letzte Licht des alten Tages verlöscht...

Der nasse Fels knirscht unter den schweren Schuhen, während wir durch die enge, dunkle Schlucht oberhalb der Hütte in die Tiefe steigen. Vorsichtig suchen die Laternen die paar Markierungen, die über Stufen, Platten und Schuttbänder auf den Guggigletscher leiten. Unnahbar und undurchdringlich wuchtet drüben der Kühlaueneneisbruch gegen den Nachthimmel. Silbernes Mondlicht verschenkt sich jetzt den höchsten Schnee- und Eiszinnen — und dunkler, unheimlicher stehen die Wände und Grate schattenhalb. Schwarz gähnen die Eisschründe.

Über die leicht gefrorene Schneeschicht haben wir den Gletscher zum Eisbruch hinüber gequert, haben das verschneite Eistrümmerfeld überschritten und steigen jetzt in einer aufschiessenden Rinne durch das Labyrinth. Scharf krallen sich die Steigeisen in das Eis. Nun fällt das Mondlicht auch zu uns in den abschüssigen Eishang; aber schon vermischt es sich im ersten Morgengrauen mit dem Licht des anbrechenden Tages.

Wohl zwei Drittel des Abbruches liegen unter uns. Trotzig und kalt sperrt jetzt ein an die dreissig Meter hoher wulstiger Aufschwung den Weiterweg. Ein überhängender Schneekamm bildet gleich einem wuchtigen Fries den oberen Abschluss. Ob durch diesen sich der weitere Aufstieg öffnet? Wie es weiter oben über den höhnenden Eisschründen aussehen mag?

Beharrlich hat Konrad sich auf das erste schmale, abschüssige Gesimse hinaufgepickelt. Hier sichere ich sein weiteres Vordringen über die kalte Eiswand... Wie lange stehe ich schon auf dieser schmalen Kante — und wie lange halten meine kalten, steifen Finger schon das Sicherungsseil? « Loslassen... » « Straff... » Mich dünkt, noch nie seien alle Sinne so auf jede leise Bewegung des Seiles gerichtet gewesen. Gläsern prasseln unter den Pickelschlägen die Eisstücke in die Tiefe... Jetzt steht Konrad unter dem überhängenden Schneekamm. Scharf fährt der Eishaken in das freigelegte blanke Eis. Scharf hallen die Hammerschläge durch den Eissturz. Der Karabiner klinkt ein. Schnee prasselt auf uns herab... In raschen Zügen wird jetzt von oben das Seil eingeholt. Die Lücke im Firnkamm steht frei gegen den blauen Himmel. Der Weiterweg steht offen!

Im gefrorenen Firn queren wir in tiefen Stufen über den Schründen die obersten zerklüfteten Hänge des Abbruches. Aus eisigen Untiefen — so scheint es mir — steigen wir auf das sonnenüberflutete Firnplateau. Göttliches Sonnenlicht! Herrliche Bergwelt!

Eben schicken wir uns an, in die Felsen, die auf die Höhen des Schneehorns leiten, einzusteigen, als unter Zischen ein über faustgrosser Stein hart neben uns in die Schneedecke schwirrt. Verdutzt schauen wir uns einen Augenblick an, wenden unsere Blicke misstrauisch hinauf gegen die Felsflanke, die uns so eindringlich zum Weitergehen mahnt; denn die Sonne lässt das während der Nacht zu Eis erstarrte Schmelzwasser bereits wieder rinnen. Nach anregender, teilweise recht steiler Kletterei erreichen wir gegen 9 Uhr das Hochplateau des Schneehorns.

Ganz unvermittelt steht nun hinter den Firnfeldern über uns die scharfe Kante des Kleinen Silberhorns, die uns in äusserster Steilheit, aber mit unvergleichlichen Tiefblicken durch knietiefen Neuschnee höhenwärts weist. Über Eiger und Mönch hinter uns haben sich prächtige weisse Wolken gebildet und die einzigartige Szenerie ins Phantastische gesteigert. Auch drunten über den schwindelnden Tiefen des Lauterbrunnentales und der Kleinen Scheidegg treiben wilde, sonnendurchflutete Wolken...

Nach mühsamem Queren des Firnplateaus hinter dem Silberhorn haben wir auf einer kurzen, steilen Eisstufenleiter das Silbergrätchen erreicht und überklettern jetzt den felsigen, beidseitig scharf abfallenden Kamm. Unter dem grauer und grauer werdenden Himmel hat auf einmal ein kalter Wind eingesetzt, und aus dem Westen zieht das grollende Rollen eines Gewitters. Alles an uns fängt unheimlich zu knistern an. Haare, Hände, Pickel — alles scheint energiegeladen. Wir erlebten das auch schon in den Bergen: es ist das Elmsfeuer! Noch ein Stück klettern wir so über den ausgesetzten Grat und steigen dann kurz auf die Westseite ab. Hier im Windschatten ist die Atmosphäre ruhiger. Ferner und ferner rollt der Donner, und bald klettern wir wieder über den Felskamm dem Hochfirn entgegen. Undurchdringlicher Nebel hat sich auf Firn und Fels gesenkt. Es schneit, und der beissende Wind treibt die wirbelnden Flocken bergwärts. Wir bleiben stehen und treten, um der Kälte zu wehren, wohl gegen eine halbe Stunde die gleichen Tritte im Schnee. Nach und nach lassen sich die Gletscherschründe wieder erkennen — langsam weicht der Nebel. Und im weiteren Aufstieg über den Hochfirn vermag sogar die Sonne wieder durchzudringen.

Über steile Felsstufen haben wir den Gipfelgrat erklettert und stehen gegen 5 Uhr abends auf dem Gipfel der Jungfrau, 4167 m. Lichter und lichter ist der Nebelschleier geworden und gibt den Blick auf all die Täler, Gletscher und mit Neuschnee überhauchten Gipfel frei.

Gipfelrast — Feierstunde für Auge und Seele! Was kann besser die Grösse der Schöpfung offenbaren als unsere Berge?

Wieder hat sich auf den Aletschfirn ein grauer zarter Schleier gelegt, über den die Abendsonne — wie mit Pastellfarben hingehaucht — einen Regenbogen zaubert und zugleich unsere Schatten gespenstisch unter den schillernden Bogen auf die Nebeldecke hinauswirft...

Alle Spuren über die Flanke gegen den Rottalsattel sind verweht. Eine harschige Schneeschicht, die bei jedem Tritt einbricht, überzieht den ganzen Hang. Schritt um Schritt steigen wir talwärts. Eine tiefe, unregelmässige, gefrorene Spur leitet vom Rottalsattel durch die Firnhänge hinunter auf den Gletscher und gegen das Jungfraujoch.

Eben erreichen wir das Jochplateau, als die Sonne gleich einer purpurn gleissenden Feuerscheibe fern über den Tälern hinter den kulissenhaften Silhouetten der Berge versinkt. Stumm schauen wir ins Weite. O schöner Tag — o schöne Welt — o ewigschöne Berge!

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