Auf seltenen Pfaden im Berner Oberland

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Die hier geschilderten vier Aufstiege in den Berneralpen gehören zu meinen schönsten Bergerlebnissen. Nur selten hört man von diesen reden. Viele kennen sie überhaupt nicht, und die einschlägige Literatur ist sehr spärlich. Und doch führen sie zum Teil auf Gipfel, welche sich eines regen Besuches erfreuen und die jeder Bergsteiger kennt. Aber es gilt in den Bergen eben auch das Gesetz der Mode. Wie viele Dutzende von Alpinisten pilgern Sommer für Sommer vom Hohtürli auf die Weisse Frau! Wie mancher nur, weil eben die « Weisse » zu den bevorzugten Modebergen gehört. Der am Wege liegende Blümlisalpstock wird nicht beachtet; jahrelang bleibt er unbesucht. Und doch bietet er des Interessanten und Abwechslungsreichen viel mehr als seine höhern Nachbarn.

Im Grunde ist dem ja recht so. Man findet doch wenigstens noch Orte, wo man sicher ist, nicht mindestens ein halbes Dutzend Partien anzutreffen. Es liegt mir daher auch durchaus ferne, für diese Aufstiege Propaganda machen zu wollen, und ich weiss auch genau, dass sie nie zu Modeturen werden. Vielleicht wird aber der eine oder andere, der gerne abseits vom grossen Strome wandelt, auf ein für ihn neues Problem aufmerksam gemacht.

Bevor ich mit meiner Schilderung beginne, möchte ich noch kurz auf eine Frage eintreten, welche schon oft zu Diskussionen Anlass gegeben hat. Auf alle diese vier Berge führen leichtere Anstiege. Ich weiss, dass viele die Tendenz, schwierige Aufstiege auszusuchen, verwerfen. Ich glaube zu Unrecht, denn wir sind heute nun doch so weit, dass auch dem Bergsteiger sein freies Betätigungsrecht zugebilligt wird. Der eine freut sich an Passwanderungen und begnügt sich mit einfachen Anstiegen. Ein anderer aber hat Freude an schöner Kletterei und scharfen Eisgräten. Und es hat gar keinen Sinn, dass diese beiden Richtungen sich befeinden, sie können sehr wohl nebeneinander bestehen und mit gutem Willen einander verstehen.

Morgenhorn-Ostgrat.

Eines Samstagmorgens wanderte ich mit einem Kameraden die Klus hinauf dem Gasterntal zu. Heiss brannte dort oben die Sonne, und gern setzten wir uns in Seiden zu einem kühlen Trunk nieder. Mein Kamerad trug neue Schuhe und einen noch nie gebrauchten, blitzblanken Pickel. Die Schuhe machten ihm bald das Leben sauer und erleichterten ihm den ohnehin sehr mühseligen Aufstieg zum Gletscher nicht eben. Der schöne neue Pickel aber wies am nächsten Abend manche Schramme auf.

Angeseilt betraten wir den Kanderfirn, und in gutem Schritte strebten wir der Mutthornhütte zu. Ein erfrischendes Lüftchen war an Stelle der drückenden Hitze im Gasterntal getreten. Allmählich tauchte das Morgenhorn auf, und sein Ostgrat, der uns mit seinen vielen Zacken und Zinnen mächtig packte, versprach manche Überraschung für den morgigen Aufstieg. Im Laufe des Nachmittags langten wir in der Mutthornhütte an und begrüssten den mir von frühern Fahrten her bekannten Hüttenwart Gertsch. Es waren wenig Gäste anwesend, und so konnten wir denn in aller Musse ein etwas verspätetes Mittagsmahl einnehmen. Das folgende Schläfchen dehnte sich bis abends 7 Uhr aus, und neu gestärkt und erfrischt erhoben wir uns, um noch schnell einen Blick nach dem Wetter zu tun. Unterdessen hatte sich die Hütte gefüllt, und kaum vermochte sie, alle Leute zu fassen. Das Gedränge war so gross, dass wir Mühe hatten, ein Plätzchen zum Abendessen zu finden, und froh waren, uns zur Ruhe legen zu können.

Des andern Morgens verliessen wir die Hütte um 4 Uhr beim Scheine unseres Laternchens. Der Schnee war hart gefroren. Raschen Schrittes umgingen wir das Mutthorn und strebten, einige Schrunde umgehend und überspringend, dem Ostgrat des Morgenhorns zu. Am Fuss des Südabfalls der Blümlisalp hielten wir an und musterten besorgten Blickes den Himmel. Von Westen zogen schwarze Wolken streifen heran, und tiefes Morgenrot verkündete Wetterumschlag. Wir mussten uns entscheiden. Obschon mir die Wetteraussichten nicht sonderlich günstig erschienen, konnte ich mich doch nicht zur Umkehr entschliessen. Schon zu lange hatte mir das Morgenhorn keine Ruhe gelassen, und nun, so nahe am Ziel meiner Wünsche, wollte ich wenigstens einen Versuch wagen. Das viel gebrauchte und schon oft verhängnisvoll gewordene « umkehren können wir ja dann immer noch » half uns über die letzten Bedenken hinweg. Wir schnallten die Steigeisen an, löschten die Laterne und erstiegen den steilen Firnhang. Wieder nahmen wir einige Schrunde, umgingen die ganz grossen und erreichten eine flachere Schneemulde.

Als wir am Fuss der Felsen anlangten, war es halbsechs geworden. Der Weiterweg musste durch ein Couloir führen, welches, wie mir bekannt war, als steinschlagsicher gilt. Direkt ob uns durchfurchte eine Rinne die Wand, und der Schluss lag nahe, diese als den richtigen Einstieg anzusehen.

Über einen steilen Lawinenkegel und einen leicht zu bewältigenden Bergschrund betraten wir die Rinne. Schon unten auf dem Lawinenkegel waren mir die vielen herumliegenden Steine aufgefallen. Die Kratzer an den Wänden deuteten bestimmt auf Steinschlag, und ein schwarzer Strich im Schnee bezeichnete die Bahn der fallenden Steine.

Glücklicherweise blieben wir von Steinschlag verschont und hatten diesen Umstand lediglich dem frühzeitigen Aufbruch zu verdanken. Der Schnee wich bald schwarzem, sehr hartem Eis, und die zutage tretenden Felsen waren verglast und boten keinen Halt. In dem engen Schlund fand sich fast kein Platz zum Stufenschlagen. Die Steigeisen leisteten die besten Dienste, und endlich gelang es, nach rechts hinüberquerend, gute Felsen zu erreichen. Das Couloir weitete sich jetzt und bestand ganz aus Fels. Eine Steilstufe, welche es sperrte, erstiegen wir links und gelangten auf eine Kanzel, von welcher wir endlich, uns nach rechts wendend, die Rinne verlassen konnten.

Es war 630, als wir den Ostgrat erreichten. Der Tiefblick ins Gamchi übernahm uns schier. Dort unten lag noch alles im Ungewissen Schein der Morgendämmerung. Aber wie sah erst der sich vor uns aufbäumende Grat aus? Mächtig türmten sich die Zacken und Zinnen in wilder Kühnheit auf, links und rechts jäh zur Tiefe schiessend. Meine Erwartungen hatten sich nicht getäuscht. Ohne lange zu zögern, packten wir frisch den Schneegrat vor uns an. Die Steigeisen griffen gut im hart gefrorenen Schnee. Bald erreichten wir Felsen, und die Kletterei begann.

Der nun folgenden Einzelheiten erinnere ich mich nicht mehr genau. Wohl haben sich mir einzelne Bilder und besonders eindrucksvolle Stellen tief eingeprägt, aber eine zusammenhängende Beschreibung könnte ich nicht mehr geben. Der Gesamteindruck dagegen ist nachhaltig stark und bleibend.

Die Kletterei über die ersten Zacken brachte uns gleich ins Feuer. Plötzlich standen wir vor einem senkrechten Grataufschwung und suchten gespannt rechts und links nach dem Weiterweg. Aber an eine Umgehung war nicht zu denken. An kleinen Griffen und Tritten arbeitete ich mich empor, ein letzter Klimmzug, und ich stand oben. Aber unser Gipfel lag noch in weiter Ferne, und mancher Zacken und Schneegrat lag dazwischen. Wieder folgte Turm auf Turm, Schneegräte wechselten mit Platten, und unversehens standen wir vor einer neuen, nahezu senkrechten Graterhebung, zu welcher ein Schneekamm den Zugang vermittelte. Wir hatten uns bis jetzt kaum Zeit zum Verschnaufen gegönnt, verspürten nun aber doch das anhaltende Klettern, und der Magen begann zu brummen. Aber die Frage nach dem Weiterweg beschäftigte uns weit mehr als die Sorge um das leibliche Wohl. Der vor uns drohende Zacken sah « giftig » genug aus, und ein Ausweichen nach der Seite war aussichtslos. Bei näherm Zusehen fanden sich kleine Griffe und Tritte, und in prächtiger Kletterei wurde die Zinne erstiegen. Damit standen wir auf dem ersten der grossen Zacken und erblickten, zwar noch in ziemlicher Entfernung, wenn auch nicht den Gipfel so doch wenigstens den Vorgipfel. Eine Platte führte zu einer Lücke hinunter, dann stiessen wir auf Schnee, welcher uns an den Fuss neuer Felsen brachte. Direkter Aufstieg war da ausgeschlossen, die Wand fiel senkrecht und überhängend ab. Rechts war ein Durchkommen ebenfalls ausgeschlossen, und so mussten wir uns links eine Umgehung suchen.

Ein schmales Band, zuerst aus Schnee, dann aus Fels bestehend, leitete nach links in die Wand hinaus. Der Schnee war ganz weich und drohte jeden Augenblick abzurutschen. Bald hörte das Felsband auf, wir stiegen 1 m ab, um ein tiefer gelegenes Band zu erreichen. Dieses führte an den Fuss einer Rinne, welche nicht allzusteil hinaufzog, doch gefährlich war wegen der vielen losen Steine. Mittendrin sperrte ein grosser Block. Als ich denselben anpackte, gab er sogleich nach und drohte, mit mir zu fallen. Zum Glück hatte ich einigermassen festen Stand und konnte den Stein halten. Rechts fand ich eine enge Spalte zum Durchschlüpfen, und gleich darauf erreichte ich den obern Ausgang der Rinne. Es folgte nun ein etwas heikler Quergang durch eine Steilrinne und über eine Felsrippe, worauf einige Klimmzüge auf einen sichelförmigen Sattel führten. Hier war der gegebene Ort zum Rasten. Wir hatten jetzt gewonnenes Spiel und wussten den Gipfel nicht mehr allzuweit entfernt. Bis hierher hatte stets ein Bann der Ungewissheit auf uns gelastet. Nicht dass wir am endlichen Erfolg gezweifelt hätten. Aber der Gedanke an die Möglichkeit des Eintrittes unvorhergesehener Schwierig- keiten, schlechter Verhältnisse, in unserm Fall auch noch schlechten Wetters, liess sich nicht so ohne weiteres abschütteln. Und doch bietet gerade das Gefühl der Ungewissheit einen besondern Reiz und lässt das Erlebnis viel stärker werden.

Durch einen steilen, engen Kamin, welcher schlechte Schichtung aufwies, stiegen wir auf den Kamm des zweiten grossen Turmes. Dann wurde der Grat, welcher aus einer Reihe wilder Zacken besteht und ein ganz phantastisches Aussehen zeigt, weiter verfolgt. Vor uns erhob sich der letzte grosse Gendarm, welcher zugleich Vorgipfel ist. Ein Schneehang führte auf seinen höchsten Punkt. Leider befand sich der Schnee hier in sehr schlechtem Zustand und veranlasste uns, so schnell wie möglich die Felsen linker Hand zu gewinnen. Die Steigung nahm zu, und in scharfem Anstieg in Fels und Schnee erklommen wir den Vorgipfel.

Vor uns winkt der Gipfel, zu demein ganz unnahbar aussehender Schneegrat führt. Beim Anblick dieses Grates sinkt das Hoffnungsbarometer meines Begleiters um ein Beträchtliches. Doch seine Zuversicht kehrt zurück, als er sieht, wie sicher mit Hilfe der Steigeisen die Begehung verläuft. Grosse Gwächten hangen gegen Süden aus. Die Gamchiflanke, auf welcher wir sorgsam Schritt für Schritt treten, zeichnet sich durch äusserste Steilheit aus. Zwei schneeige Graterhebungen betreten wir nacheinander, dann nähern wir uns Felsen, und die Steilheit nimmt etwas ab. Bald darauf stehen wir beim Signal, und um 11 Uhr gewinnen wir den schneeigen Gipfel des Morgenhorns, 3629 m.

Unsere Belohnung war nicht schöne Aussicht und ausgiebige Gipfelrast, denn erstens lag der grösste Teil der umliegenden Gipfel hinter Wolken verborgen und zum andern wehte ein kalter Wind, welcher uns bald vertrieb. Ein Schluck « Bätzi » ist in solcher Lage nie zu verachten und kann nur von übereifrigen Alkoholgegnern verworfen werden. Wir gehörten nicht zu diesen, sondern waren vielmehr der Meinung, dass massiger Genuss dieses Getränkes nur von Gutem sein könnte. Dies war tatsächlich auch der Fall, und nach einem Blick zur Weissen Frau hinüber traten wir neugestärkt den Abstieg auf dem gewöhnlichen Weg an. Unten auf dem Gletscher schwenkten wir in die grosse Spur ein und betraten 130 Uhr die Hohtürlihütte. Allerlei Volk lag auf den apern Felsen herum, Männlein und Weiblein sonnten sich. Uns schien es, als beträten wir ein alpines Luft-, Licht- und Sonnenbad.

Ohne Eile stiegen wir im Laufe des Nachmittags nach Kandersteg ab und verfehlten nicht, unsern grossen Durst in ausgiebiger Weise zu löschen.

Büttlassen-Südwand.

An einem prächtigen Oktobertage bummelten wir zu zweit im Schweisse unseres Angesichts das Kiental hinauf. Zum Glück hatte die Sonne bald ein Einsehen und verbarg sich hinter einem Bergrücken. Unser Wandern gestaltete sich zur Lust, und unversehens standen wir auf der Griesalp.

Schmal wird jetzt der Pfad und führt über Weiden und durch Wald. Hinten im Gamchi erreicht uns bereits die Dämmerung, und als wir auf Gletscherhöhe angelangt sind, liegt tief im Tal schwarze Nacht. Längst ist die Sonne untergegangen, prächtig hebt sich die feine Silhouette der Niesenkette vom goldroten Abendhimmel ab. Wir stehen und staunen, werfen auch ab und zu einen Blick zum Morgenhorn und zu den Roten Zähnen hinauf und stolpern dann weiter über die Moräne. Eine ganz andere Landschaft umfängt uns hier oben, aus dem Herbst sind wir mit einem Male in den Winter versetzt. Hoch liegt der Schnee, und vom Weg ist nichts mehr zu sehen. Auch zu uns herauf ist allmählich die dunkle Nacht gekrochen. Plötzlich leuchtet der Gipfel des Morgenhorns auf, vom hellen Mondlicht getroffen. Tiefer und tiefer greift das fahle Licht des Mondes und erhellt die Geheimnisse des mächtigen Gletscherkessels. Wir bekommen den Mond nicht zu Gesicht, aber ein wunderbarer Sternenhimmel wölbt sich über uns.

Als wir die Gspaltenhornhütte betraten, freuten wir uns, die einzigen Gäste zu sein. Bevor wir uns zur Ruhe legten, traten wir nochmals in die wunderbare Mondnacht hinaus. Die Menschen sind zu bemitleiden, welche nicht verstehen, warum wir in die Berge steigen, und die glauben, uns reize nur das Abenteuer. Könnten diese einen Blick tun in solche Zaubernacht, sie würden eines Bessern belehrt werden.

Andern Tags standen wir um halbneun in der Büttlassenlücke. Das Wetter sah gut aus, und tatendurstig musterten wir die sogenannten « Hirtleni », die wohlbekannten, charakteristischen Gratzacken, welche vom Tale aus gut sichtbar sind und vom Volksmund den eigenartigen Namen erhalten haben. Ein schneidend kalter Wind vertrieb uns bald von der Lücke. Nachdem wir uns durch das Seil verbunden hatten, stiegen wir kurz nach rechts auf Schnee ab und betraten eine schmale Schneekante zwischen zwei Schrunden sehr zweifelhaften Aussehens. Tiefer Neuschnee bedeckte Gletscher und Felsen. Glücklich begingen wir die wackelige Brücke und gelangten über tief verschneite Felsen auf den Grat. Das erste « Hirtli » war umgangen, und vor uns erhob sich das zweite. In ganz interessanter Kletterei erstiegen wir ein Wändchen, und wie ich auf der Gratkante nach einem Griff suchte, fühlte ich nichts als kalten Schnee. Beide Hände tief im Pulver verankert, gelang der Klimmzug, und wir standen auf dem zweiten Gratturm.

Nach kurzem Abstieg nach links erreichen wir ein Felsenfenster. Ganz überrascht betrachten wir dieses unerwartete Gebilde, schlüpfen durch und steigen jenseits auf ein Felsband ab. Ein kurzer Anstieg bringt uns wieder auf den Grat zwischen Turm drei und vier. Die Kletterei ist bis jetzt wirklich interessant gewesen, und wir befinden uns in bester Stimmung. Der Wind hat nachgelassen, und das Sonnenlicht ist unterdessen so stark geworden, dass die Felsen warm werden. Zweimal noch benutzen wir die linke Flanke zu kurzem Abstieg und steigen durch Rinnen wieder auf den Grat zurück. Auf diese Weise umgehen wir die beiden nächsten « Hirtleni ». 1115 Uhr stehen wir auf einem kleinen Sattel. Rechts über uns erhebt sich der letzte Zacken, und dahinter türmt sich eine von zwei Rinnen durchfurchte Wand auf. Eine dieser Rinnen ist schon zum Aufstieg benutzt worden. Mit Rücksicht auf die kurzen Oktobertage und die bereits sehr vorgeschrittene Zeit verzichten wir auf Tollheiten und entscheiden uns für die Schneerinne. Der bisherige Anstieg hatte uns viel länger in Anspruch genommen, als wir gerechnet hatten.

Allerdings verloren wir viel Zeit mit Wegsuchen, und der viele Neuschnee hatte auch nicht zur Beschleunigung beigetragen.

Von unserm Sattel links zu einem Schuttband absteigend, gelangen wir zu den Einstiegsfelsen in die grosse Rinne. Wir sind nach Angaben im « Führer » auf schwere Kletterei gefasst und mustern gespannt die vor uns liegenden Felsen. Von einer kleinen Felsterrasse aus hangle ich an einer Platte um die Ecke herum und erreiche ein ganz schmales Felsleistchen, welches sich nach einigen Metern zum Band erweitert. Die « schwere » Stelle liegt hinter mir, und ich bin etwas enttäuscht. Jetzt befinden wir uns in dem bereits erwähnten grossen Schneecouloir, welches recht steil und anfangs enge vor uns hinaufzieht und unten in senkrechter Wand abbricht. In dem weichen Schnee steigen wir eine Seillänge empor, bis hartes Eis und zunehmende Steilheit uns in die links ( im Sinne des Aufstieges ) begrenzenden Felsen drängen. Die Kletterei ist recht unangenehm, nirgends findet sich ein richtiger Halt, die Griffe und Tritte sind klein und ausgerundet, nach unten abfallend. Es ist eigentlich kein Klettern, sondern mehr ein Kriechen unter möglichst grosser Ausnutzung der Körperreibung. Auf Fels und dann in tiefem, weichem Schnee queren wir wieder gegen die Rinne zu, was um so misslicher ist, als der schlechte Schnee auf stark geneigten Platten liegt.

Gegen 1 Uhr erreichen wir den obern Ausgang der Rinne und stehen somit, ein breites Schuttband gewinnend, am Fuss der eigentlichen Gipfelwand. Hier schalten wir eine viertelstündige Rast ein. Das lange Steigen hat uns ermüdet, und der Magen fordert sein Recht. Eifrig suchen wir nach der Fortsetzung der Rinne und dem darin eingeklemmten Block, sind aber nicht recht im klaren, wo diese Dinger sich befinden. Links steigt eine enge Schneerinne auf, deren obern Lauf wir indessen nicht verfolgen können. Die Felsen auf dieser Seite sind tief verschneit. Vom Schuttband, auf welchem wir stehen, ziehen zwei enge Risse aufwärts, welche sich auf einer höher gelegenen Stufe vereinigen müssen. Rechts von uns können wir die Beschaffenheit der Wand nicht überblicken und denken auch gar nicht daran, dort den Aufstieg zu versuchen. Zu unserm Nachteil, denn dort wären wir mühelos zum Gipfel gelangt.

Wir wenden uns, nach misslungenem Versuch, den Gipfel direkt vom Schuttband aus zu ersteigen, der links hinaufziehenden Schneerinne zu. Erst steigen wir in gutem Schnee rasch höher, bis die Rinne nach drei Seillängen steiler und vereist wird. Ruedi verankert sich in einer Felsecke, und ich steige am linken Couloirrande empor. Plötzlich bietet mir ein Felsblock Halt. Sollte dies etwa der von uns gesuchte und im Führer 1 ) erwähnte eingeklemmte Block sein? Ich kann es nicht recht glauben; und doch ist es nicht ganz ausgeschlossen, denn der viele Schnee kann das Aussehen des Couloirs bedeutend verändert haben. Links unter dem Block durchkriechend, merke ich bald, dass mit dem Sack nicht durchzukommen ist. Daher steige ich zurück und verwahre denselben weiter unten im Schnee. Block und umliegende Felsen sind mit einer dünnen Eisschicht bedeckt, Griffe finden sich keine. Mit dem Rücken gegen den Fels gestemmt, suche ich mit den Füssen notdürftigen Halt. Langsam rutsche ich halb seitwärts höher, ein sonderbares Klettern. Mit einem Male verliere ich irgendwo den Halt und komme ins Rutschen, kann aber rechtzeitig noch verstemmen. Endlich findet sich ein sicherer Griff und, ganz ausser Atem, erklimme ich den fatalen Block vollends. Erst bedeutend weiter oben finde ich ein Plätzchen zum Sichern, die Säcke werden aufgehisst, und endlich stehen wir wieder vereint nebeneinander. Mein Begleiter hat bei diesem Manöver seine Brille verloren.

Wir queren die Rinne nach links und erreichen sehr ungünstige Felsen, welche bald unter Neuschnee verschwinden. Nochmals folgen einige schlechte Felsstellen und ungemütliche Schneegänge, dann nimmt die Steilheit ab, und wir erreichen über verschneite Felsen und Schroffen etwas nach 4 Uhr den SW-Grat. Wir atmen auf und schauen fröstelnd zurück in den Schlund, dem wir eben glücklich entronnen sind. Jenseits blicken wir senkrecht hinunter über wilde Felswände gegen das Gamchi zu. Doch wir drängen zum Gipfel. Eine nette Kletterei über einige Zacken und Scharten bringt uns zum Signal des Büttlassen, 3197 m.

Einen frohen Jauchzer senden wir zu Tal, dann richten wir uns auf den sonnendurchwärmten Blöcken zu längerer Rast ein. Frohe Siegesfreude erfüllt unsere Herzen. Selten habe ich dieses Gefühl, das höchste Befriedigung verleiht, in solchem Masse empfunden. Ein Blick auf die Uhr zeigt uns, dass es bereits 430 Uhr ist und dass unsere Zeitberechnung ganz bedeutende Fehler aufwies, dachten wir doch, um diese Zeit schon weit unten im Tale zu sein.

Nichts stört unsere Gipfelfreude. Wunschlos überlassen wir uns dem gewaltigen Zauber der Natur. Prachtvoll neigt sich die Sonne zum Untergang. Ein blutroter Himmel flammt auf, wir schauen nie gesehene Schönheiten und füllen unsere durstigen Seelen mit unauslöschlichen Eindrücken. Nie habe ich eine Besteigung gemacht, welche mir solch starke und nachhaltige Natureindrücke geschenkt hat wie unsere Büttlassenfahrt. Langsam sinkt die Nacht zu Tal, schwächer und schwächer wird die blutrote Färbung des Horizontes und geht allmählich in gelbe Tönung über, um dann ganz zu verblassen. Dunkel liegt unter uns das Tal, während wir noch im letzten Dämmerschein des sinkenden Tages stehen.

Ein kalter Wind mahnt zum Abstieg. Nach 5 Uhr verlassen wir den Gipfel und suchen die Rinne, welche gewöhnlich zum Aufstieg benutzt wird. Nach einigem Umherirren in der Dunkelheit finden wir den Einstieg. Auch hier lässt uns der Berg noch nicht in Ruhe und stellt uns in Gestalt von schlechtem Schnee, Eis und überglasten Felsen neue Schwierigkeiten in den Weg. Aber uns macht das wenig Eindruck mehr.

Von unserm Abstieg zum Dürrenberg hinunter will ich nicht viel sagen. Der Schnee lag meterhoch. Drüben am Morgenhorn setzte wieder das Mondlicht ein, um so finsterer gähnte uns das vor uns liegende Loch des Dürrenberg-tälchens entgegen. Es war ein scheussliches Waten in breiweichem Schnee und dann ein verzweifeltes Gestolper über halbverschneite Blöcke, bis wir endlich auf eine halbwegs sichtbare Wegspur trafen. In der Dürrenberg- hütte hätte ich gern Nachtquartier bezogen, aber mein Kamerad zog ein warmes Bett vor, und so gingen wird denn weiter dem Bürgli zu, wären aber unterwegs beinahe eingeschlafen. Als wir endlich in später Nacht auf der Griesalp Einlass verlangten, tat niemand einen Wank, trotzdem Licht brannte. Die Türe blieb verschlossen, unsere Hoffnung auf baldige Ruhe war dahin.

Also weiter, irgendwo wird sich schon eine barmherzige Seele unserer müden Glieder erbarmen. Es mag nachts 12 Uhr gewesen sein, als wir in der Alpenruhe bei Führer Mani anklopften. Hier ward uns aufgetan, und bald lagen wir in tiefem Schlaf.

Blümlisalpstock von Süden.

Eines Samstagabends sitzen wir vor der überfüllten Hohtürlihütte und beobachten besorgten Herzens die Menschen, welche von beiden Seiten der Hütte zustreben. Uns wird angst und bange für die Nacht. Wo nur die Leute alle liegen wollen? Plötzlich taucht auf dem Felszahn oberhalb der Hütte ein Strohhut auf, und darunter erblicken wir ein verdutztes Gesicht, welches hilflos zur Hütte hinunterschaut. Kann man da zur Hütte hinunter? Jawohl, tönt 's hinauf. Kann mir nicht jemand helfen? Der Anblick ist so komisch und wirkt so erheiternd, dass wir in schallendes Gelächter ausbrechen, worauf der Mann vorzieht, schleunigst zu verschwinden.

Am nächsten Morgen ist das Gedränge im Hütteninnern so gross, dass man sich nur mit Mühe einen Durchgang zur Küche erkämpfen kann. Und immer noch rücken neue Menschen an. Das Wetter sieht nicht eben gut aus, schwarze Wolken ziehen heran, und alle Anzeichen deuten auf Regen.

Unter der Schnapsfluh halten wir nochmals ernsthaften Kriegsrat. Einstimmig, wir sind zwar nur zwei und die Einstimmigkeit ist leicht zu erzielen, sprechen wir uns für den Blümlisalpstock aus. Wir wenden daher rechts und ersteigen den Schneehang in sehr schlechtem, nassem Schnee. Als wir den Grat betreten, regnet es ziemlich stark und dazwischen wirbeln Schneeflocken. In wuchtigen Stössen faucht der Wind über den Grat und fasst uns unsanft an. Beim Anblick der vor uns liegenden Südwand unseres Gipfels packt uns mächtig die Kletterlust. Zweimal überspringen wir tiefe Felsspalten, übersteigen einige Gratzacken und stehen dann am Fuss der Wand.

Hier scheint uns eine Rast geboten. An der Weissen Frau drüben streben zwei Seile langsam dem Gipfel zu, alle andern sind umgekehrt. Wir jauchzen ihnen zu, doch sie hören nichts, der Wind ist zu stark. Inzwischen hat der Regen glücklicherweise aufgehört.

Ein Geröllband führt nach links, und überleichte Felsen erreichen wir einen Schneefleck. Eine Rinne vermittelt den Zugang zum obern Geröllband, von wo sich die Schlusswand von zirka 40 m Höhe steil aufschwingt. Nach kurzem Versuch rechts queren wir nach links an den Fuss eines Risses, durch welchen wir in ausgiebiger Stemmarbeit zu einem äusserst luftigen Sättelchen gelangen. Der Tiefblick auf den Blümlisalpgletscher hinunter lässt an Steilheit nichts zu wünschen übrig.

Von hier führt ein kurzes Band zu einem zweiten Riss, welcher recht steil ist und spärliche Griffe aufweist. Ein Überhang gebietet mir Halt. Längst schon hatte ich das Gefühl, nicht auf dem richtigen Weg zu sein, und hier wird das Gefühl zur Gewissheit. Doch ein Rückzug lässt sich nicht mehr bewerkstelligen. Eng an den Fels gepresst, mit Fuss, Hand und Kopf verstemmend, ruhe ich aus. Dann taste ich nochmals nach einem Griff, finde ihn endlich, und langsam geht 's höher, bis ich nach rechts den Riss verlassen kann und auf weniger steilen Felsen den Gipfel erreiche. Diese Variante, welche wir ungewollt einschlugen, ist schwer und empfiehlt sich nicht.

Es war kurz vor 10 Uhr, als wir den Gipfel betraten, 3219 m. Ein kalter, starker Wind fegte daher und trieb schwere Wolkenmassen heran. Unten auf dem Gletscher bummelte die letzte Partie gemütlich der Hütte zu. Die haben 's gut, während uns noch ein Ungewisser Abstieg bevorsteht. Fast möchten wir sie beneiden. Und doch, könnten wir mit ihnen tauschen, nicht um viel hätten wir 's getan.

Die meisten Gipfel waren verdeckt durch Wolken. In den Tälern lag schmutziger Nebel. Es war ein unfreundlicher Tag. Doch in uns war Sonnenschein und Freude, ein Gefühl tiefer Befriedigung, welchem Wetter und Wind nichts anhaben konnten. Einsam standen wir auf der windumbrausten Spitze, tauschten einige wenige anerkennende Worte miteinander und würgten ein paar Bissen hinunter. Der Tee in unsern Feldflaschen war fast gefroren.

Die letzte Eintragung im Gipfelbuch datierte aus dem Jahr 1921. Uns beschlich ein eigenes Gefühl beim Gedanken, dass seither kein menschlicher Fuss den Gipfel betreten hatte. Wir bekamen so eine ganz kleine Ahnung, welche Freude der Bergsteiger empfinden muss, wenn es ihm vergönnt ist, einen nie betretenen Gipfel zu erobern.

Der Abstieg ist mir in schlechter Erinnerung geblieben. An manchen Orten lagen Schnee und Eis, und stete Vorsicht war geboten. Auch kannten wir den genauen Weg nicht, hielten zuviel nach rechts und gelangten erst nach mühseligem Wiederaufstieg und Querung einiger unangenehmer Rinnen auf gangbaren Boden. Als wir den Bergschrund hinter uns wussten und auf dem Gletscher unten stillestanden und zurückschauten, fühlten wir uns geborgen. Gemächlichen Schrittes schlenderten wir zur Hütte hinunter.

Wieder lag eine Fahrt hinter uns, voll mannigfaltiger Erlebnisse. Kein sonniger Tag war uns beschieden gewesen. Wind und Wetter hatten uns hart zu schaffen gemacht. Wie ganz anders ist das Klettern in warmen Felsen, alles erscheint viel leichter, und das Auge erfreut sich an den Schönheiten der Natur. Und doch hat so eine Schlechtwetterfahrt ihre besondern Reize. Die Felsszenerie erscheint düster und drohend, das Gestein ist kalt und abweisend. Fast möchte ich sagen, der seelische Eindruck ist stärker. Ich möchte diesen Tag in der Reihe meiner Bergerlebnisse nicht missen.

Balmhorn über den Gitzigrat.

Zwei Dinge missfallen mir immer, wenn ich das Lötschental betrete. Einmal ist es die neue Strasse, welche allerdings schön breit und in gleich-massiger Steigung gen Ferden führt. Aber viel reizvoller war doch das alte Strässchen jenseits des Baches. Kaum vom Fussgänger gemieden, zerfällt es rasch und ist an gewissen Stellen nicht mehr kenntlich. Das zweite Ärgernis bereitet mir der grosse weisse Kasten in Kippel, ich meine das Hotel. Es verdirbt den ganzen Blick ins Lötschental. Und doch ist es mit wenig gutem Willen und einigem Verständnis nicht schwer, Hotels zu bauen, welche zum Landschaftcharakter passen.

In Ferden gibt es einen Krämerladen, den ich nie unterlasse zu besuchen, wenn mich die Reise dort vorbeiführt. Man kann daselbst so ziemlich alles haben, was das Bergsteigerherz resp. der Bergsteigermagen begehrt, und eine kleine Stärkung vor dem Aufstieg tut immer gut. Auf schattigem Weg steigen wir zur Kummenalp hinauf. Halbwegs holen wir einen alten Lötschentaler ein, welcher uns schon von weitem durch sein eigenartiges Gebaren auffiel. Beim Näherkommen klärt sich die Sache auf, der gute Mann scheint etwas zu tief ins Glas geschaut zu haben. Er steht mit jedem Stein und jeder Unebenheit des Wegleins in fortwährendem Kampf. Gegen die Alp zu wird die Sache so schlimm, dass der arme Kerl sich nur noch auf allen Vieren fortbewegen kann. Der komische Kauz reizt uns zum Lachen, trotzdem seine erbarmungswürdige Figur nicht recht in die prächtige Alplandschaft hineinpassen will.

Bei der Domenika beziehen wir Quartier. Sie ist mir keine Fremde, denn schon im vergangenen Sommer, anlässlich unseres ersten Versuches aufs Balmhorn, haben wir bei ihr genächtigt. Im heimeligen Stübchen haben wir uns bald eingerichtet und fühlen uns heimisch.

Wie schön doch so ein Abend auf den Lötschentaler Alpen ist! Ich habe immer eine besondere Vorliebe für dieses Tal gehabt. Die Sonne neigt sich langsam dem Horizonte zu. Prächtig erglühen die Spitzen, zuletzt leuchtet nur noch der stolze Bietschhorngipfel, bis auch er verblasst. Wir sitzen vor der Hütte und warten auf das Erscheinen des Mondes. Ein gar Eifriger will noch seine Steigeisen anpassen. Bei seinen schüchternen Gehversuchen gerät er unversehens auf ein gewisses Etwas, welches sich vor jeder Lötschentaler Alphütte befindet. Seine Mühe wird schlecht belohnt, und für den Spott braucht er nicht zu sorgen. Doch der Bach ist nah, und die Steigeisen sind bald wieder in würdigem Zustand.

Punkt 2 Uhr des nächsten Morgens erwachte ich. Bald prasselte ein lustiges Feuerchen auf dem Herd, und als die andern Langschläfer endlich geruhen aufzustehen, stand das Morgenessen schon bereit auf dem Tisch.

Beim Laternenschimmer verliessen wir die Alp. Glänzend wölbte sich der Sternenhimmel über uns. Zu solcher Morgenstunde ist das Steigen leicht, wenn man sich auf der richtigen Fährte befindet. Nach einigen Irrfahrten gelangten wir wieder aufs Weglein und verliessen es nicht mehr bis auf den Lötschenpass.

Als wir die Gitzifurgge betraten, ging eben die Sonne auf, und die ersten Strahlen trafen die höchsten Wallisergipfel. Der westliche Horizont war in ein herrliches Blau getaucht, eine Färbung, die gar nicht zu beschreiben und wiederzugeben ist. In den Tälern lag ein feiner Nebel, die Linien der Berggestalten waren weich und zart, kurz ein Bild, wie man es nur im Spätsommer und Herbst erblickt.

Vor uns bäumt sich der Gitzigrat auf, der von uns langersehnte und vielbegehrte. Diesmal verzichten wir nicht sobald. Die Felsen sind noch kalt, es klettert sich so nicht gut. Wir warten daher erst das Höhersteigen der Sonne ab. Bald treffen die ersten Strahlen den Grat und jetzt vorwärts. Gleich das erste Felsbollwerk macht uns zu schaffen. Die schlechte Schichtung gestaltet das Klettern unangenehm, namentlich an Stellen, die von unten ganz einladend aussehen. Schon stehen wir vor dem ersten grossen Grataufschwung, und die Schichtung wird besser. Nach einer Platte und einem schönen Wändchen queren wir nach links, ersteigen zwei Rinnen und stehen auf dem ersten Turm. Ein kurzer harmloser Schneegrat leitet an den Fuss des zweiten grossen Gratabbruches. Hier haben wir das letzte Jahr viel Zeit verloren. Nach einem misslungenen Versuch rechts steigen wir in der linken Flanke über ganz ungemütliches Gestein. Diesmal haben wir mehr Glück und kommen ungeschoren durch. Unversehens erhebt sich vor uns der senkrecht aussehende, dritte Turm. An dieser Stelle hatte uns das letzte Jahr der Schneesturm zur Rückkehr gezwungen. In wirklich befriedigender Kletterei steigen wir an steiler Kante zu einer Plattform hinauf. Ein Riss vermittelt den Zugang zu einem grossen Block, und über ein Wändchen und durch einen zweiten Riss gelangen wir auf den Kamm des Turmes. Sehr erfreut ob der schönen Kletterei legen wir uns zu kurzer Rast nieder. Das Wetter ist glanzvoll, keine Wolke trübt den Himmel. Über uns, noch in weiter Ferne, erblicken wir eine weisse Kuppe. Das muss der Gipfel sein.

Als nächste Hindernisse stellte sich uns eine ganze Reihe zusammenhängender Türme in den Weg. Es musste dies das letzte grosse Felsbollwerk sein, welches von unten gut sichtbar ist. Hier entschlossen wir uns, in die linke Flanke hinaus zu queren. Auf Geröll, Schnee und Eis stiegen wir etwas ab, bogen um eine Felsecke herum und stiegen dann auf leichten Felsen und Geröll an. Nach der schönen Gratkletterei war ich etwas enttäuscht, aber wir rückten hier schneller vorwärts. Immerhin suchten wir so schnell als möglich wieder die Gratkante zu gewinnen, denn das Steigen in der Flanke wirkte sehr ermüdend infolge der vielen losen Steine.

Eine Zeitlang folgten wir dem Grat, bis uns ein neuer grosser Abbruch nochmals in die linke Flanke zwang. Das schiefrige Gestein, welches wir hier stellenweise antrafen, fand nicht unsern Beifall. Auch brannte die Sonne heiss in dieser Flanke, und wir sehnten uns nach dem kühlen Gratwind. Doch wir konnten nicht mehr weit vom Gipfel entfernt sein. Plötzlich tauchten links über uns auf dem kleinen Balmhorn Gestalten auf. Wir sandten ihnen einen Jauchzer zu, sie antworteten, sahen uns aber nicht.

Wieder auf dem Grat, hielten wir uns möglichst an denselben und betraten nur noch einmal die linke Flanke. Namentlich zwei Gratzacken, welche wir ohne Umweg erstiegen, sind mir wegen der schönen Kletterei in guter Erinnerung geblieben. Ich glaube, dass der Aufstieg in der obern Hälfte des Grates zum grössten Teil in der Flanke durchgeführt werden kann. Wer jedoch Freude an flotter Kletterei hat, der halte sich an den Grat.

Mit einem Male lag der Gipfel frei vor uns. Das Balmhorn schien seinen guten Tag zu haben, denn es wimmelte nur so von Leuten beiderlei Geschlechts. Zu den Klängen einer Handharfe stiegen wir auf leichtem Schneegrat vollends hinauf. Es war 1 Uhr, als wir uns hocherfreut auf dem Gipfel, 3711 m, die Hände drückten.

Etwas abseits vom grossen Lagerplatz liessen wir uns nieder und ruhten so lange und so ausgiebig, dass wir zuletzt recht faul waren und nur noch geringe Lust für den Abstieg zeigten.

Der Gitzigrat ist bei einigen Bergsteigern etwas in Verruf, warum weiss ich eigentlich nicht genau. Mir hatte er 's seit Jahren angetan und mich jedenfalls nicht enttäuscht. Er bietet stellenweise sehr genussreiche Kletterei, nur muss man sich, wie bereits gesagt, möglichst an den Grat selbst halten. Wir hatten von der Gitzifurgge zum Gipfel 6 1/2 Stunden gebraucht, doch lässt sich der Aufstieg auch in weniger Zeit bewerkstelligen. Im obern Teil sind wir langsamer gegangen und haben öftere Rasten zum Photographieren eingeschaltet. Doch dies nur nebenbei, es kommt ja beim Bergsteigen gottseidank nicht auf die Schnelligkeit an.

Schluss.

In letzter Zeit ist die Frage der Erforschung fremder Gebirge durch den S.A.C. wohl in allen Sektionen besprochen worden, und es ist auch an der Zeit, dass der S.A.C. zu dieser Frage Stellung nimmt, ist doch diese Angelegenheit in Deutschland im Schosse des D. u. Oe. Alpenvereins bereits eingehend erwogen worden. Es sind viele Stimmen laut geworden, welche sich warm für den Gedanken einsetzten. Ich erwähne nur das Wort von Prof. Paulcke an der 52. ordentlichen Hauptversammlung des D. u. Oe. Alpenvereins zu Würzburg am 18. Juli 1926 1 ): « Aber Aufgabe des Alpenvereins ist es in erster Linie, jetzt den alpinen Gedanken in unserm jungen Nachwuchs zu steigern und zu pflegen. Das scheint uns so wichtig, dass wir bitten, doch nicht immer mit dieser Gegnerschaft gegen die Auslandsunternehmungen zu kommen. Wir müssen grosszügiger sein. Wollen Sie den Engländern die Welt überlassen, nicht nur materiell, sondern auch ideell?... Ausserdem wird der alpine Gedanke dadurch besonders gefördert, weil unsern jungen Bergsteigern, die ein Stipendium in Aussicht bekommen, gezeigt wird, dass sie ihre Tätigkeit vertiefen müssen, dass sie nicht nur sportlich, sondern auch wissenschaftlich und organisatorisch etwas leisten müssen, und das ist ganz besonders wichtig für den Geist der Erziehung unserer alpinen Jugend. Denken Sie immer daran, dass das eine der wichtigsten Aufgaben ist und nicht das Markten um Pfennige für diese oder jene Hütten oder Wege. » Dies gilt gewiss auch für den S.A.C.

Tatsache ist, dass unser Alpenclub viele junge Bergsteiger beherbergt, welche ihren Tatendrang gern hinaustragen möchten in fremde Gebirge, denen aber die Verwirklichung dieses Wunsches aus materiellen Gründen einfach nicht möglich ist, da sie nicht mit genügenden Glücksgütern gesegnet sind. Im Zeitalter der Grossunternehmungen auf flugtechnischem Gebiet, denen die Bevölkerung grösstes Interesse entgegenbringt und welche Schweizer Unternehmungsgeist und Mut in alle Welt hinaustragen und das Schweizertum im Ausland zu Ansehen bringen, dürfte sich auch der S.A.C. in grosszügiger Weise für ein ausländisches Unternehmen auf alpinem Gebiet einsetzen.

Damit soll nicht etwa gesagt sein, dass unsere Alpen dem Bergsteiger nichts mehr zu bieten hätten. Im Gegenteil dürfte aus dem eben Geschilderten ersichtlich sein, dass gerade unsere Berneralpen Gipfel aufweisen, welche auch dem anspruchsvollen Bergsteiger volle Befriedigung verschaffen können. Und solche Fahrten sind es auch, welche dem nach unerforschtem Bergland drängenden Unternehmungsgeist Ersatz bieten, hat doch die selbständige Durchführung einer schweren Bergfahrt bis zu einem gewissen Grade immer wieder den Charakter und den Reiz einer Erstersteigung.

Hans Bracher.

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