Aus dem Avers

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A. Wäber ( Section Bern ).

Aus dem Avers Von Von den vier grossen Thälern, deren obere Stufen dem Excursionsgebiete von 1878 und 1879 angehören, ist unstreitig das Avers das am wenigsten besuchte und bekannte. Dem Oberengadin führen die Gletscherpracht seiner Berge, seine blauschimmernden Seespiegel und die heilkräftigen Quellen von St. Moriz jeden Sommer eine kleine Völkerwanderung von Touristen und Kuranten aus aller Herren Ländern zu, und fünf gute Poststrassen vermitteln den von Jahr zu Jahr wachsenden Verkehr. Durch das Bergell geht der Touristenzug der Malojastrasse vom Engadin zu den italienischen Seen und die wilden Granithörner und Klippen, die mächtigen Eisströme des Thales und die Vereinigung von alpinem und südlichem Charakter, welches seine untere Stufe bietet, haben angefangen, ihm auch um seiner selbst willen Besucher zuzuführen. Aehnlich ist es mit dem Oberhalbstein, durch welches die Julierstrasse als Hauptroute für das Engadin hinansteigt.

Das Thal des Averser Rheines wird von keiner Poststrasse durchzogen. Wohl führt ein leidlicher Fahrweg von den Kehren der Rofna oberhalb Andeer durch den schmalen Hals der unteren Stufe, des Ferrera-thales, hinauf, aber schon bei der verlassenen Schmelze ( 1250 m ), wo die Aua granda dem Averserbach zufliesst, hört der Weg auf und seine Fortsetzung thalaufwärts bildet ein rauher, steiniger Fusspfad, der bald hoch über dem weissschäumenden Flusse, bald dicht dem Ufer folgend, meist durch Wald und Felswildnisse, mühsam die höhere und offenere Thalstufe des Avers gewinnt. Der Weg ist so rauh, dass die Avner schwere Gegenstände lieber über den 2584 m hohen Stallerberg in ihre Dörfer tragen, als auf dem Thalwege. Berge und Gletscher hat auch das Avers aufzuweisen, aber seine Berge halten weder an Höhe noch Schönheit der Formen einen Vergleich mit den Bergriesen des Engadin aus und stehen auch hinter den grossartig schroffen Zacken des Bergell weit zurück. Es sind meist bis hoch hinauf beweidete, langgestreckte Rücken ohne scharf ausgeprägte Gipfelformen, an den Flanken von Bachrunsen tief eingeschnitten, oder plumpe Kalk-und Serpentinstöcke mit steilen Wänden, oben tafelartig abgeschnitten. Nur der Hintergrund der obersten Zweigthäler hat kühnere und schärfere Gipfelbildungen aufzuweisen.

An Gletschern ist das eigentliche Avers arm. Einzig vom Piz Piott ( 3040 m ), vom Gletscherhorn ( 3106 m ) und seinen Nachbarn und von der Höhe des Duana-passes ( circa 2800 m ) senken sich kleine Firn- und Eiszungen gegen das Jufer- und das Bregalgathal herab.

Der Piz Platta, der mit seineu 3386 Meter auch die höchsten Avner Berge um etwa 300 Meter überragt, hat für das Avers nur eine einzige kleine Firnterrasse übrig, die sich gegen das « Thäli » zwischen ihm und dem Averser Weissberg ( 2933 m)hinabzieht; die Gletscher seiner Nord- und Ostflanke entsenden ihre Gewässer durch den Fallerbach zum Oberhalbsteiner Rhein. Etwas reicher ist das bei Crot ( 1720 m ) in das Hauptthal mündende Madriserthal, dessen Rhein vom Marcio ( 2906 m ) und Gallegione ( 3110 m ), von der Cima di Lago ( 3015 m ), der Sovrana ( 3060 m ) und dem Blesehorn ( 3048 m ) Gletscherbäche empfängt.

Einförmig wie der Bergcharakter ist auch der Vegetationscharakter. Wald fehlt der oberen Thalstufe des Avers fast ganz. Er soll einem längst verschollenen Bergwerke im Bregalgathal zum Opfer gefallen sein. Jetzt liegt die Waldgrenze gegenüber dem Pfarrdorfe Cresta ( 1949 m ) auf der linken Thalseite bei nahezu 2100 Meter, auf der rechten hört der Wald schon oberhalb Crot bei 1950 Meter auf. In den oberen Geländen des Thales deuten nur vereinzelte, verwetterte Arven, die den Bachrunsen nach hoch über die Waldgrenze hinaufsteigen, auf die einstige Bewaldung hin. Im Uebrigen ist das Thal oberhalb Cresta ein baum-loses, grünes Wiesenthal ohne Feldbau, aber mit üppigem Graswuchs und reichem Alpenflor.

Das Avers ist also ein abgelegener Erdenwinkel, ein einsames Hochthal, auf drei Seiten von gegen 3000 Meter hohen Felsmauern umschlossen, von der vierten nur auf rauhem Pfade zugänglich. Gletscher und kühne Berggestalten hat es nur in beschränktem Maasse aufzuweisen; und doch ist das Thal eines Besuches wohl werth und verdient namentlich als Durch-igangsroute zum Engadin und Bergell allen denen -empfohlen zu werden, welche einen Bergpfad selbst der schönsten Landstrasse, die Fusswanderung der bequemsten Postfahrt vorziehen. Der Contrast zwischen der felsigen und waldigen Thalschlucht von Ferrera, die nur hie und da sich zu kleinen Wiesenkesseln ausweitet, und der grünen offenen Oberstufe des Avers, die zahlreichen Wasserfälle des Averser Rheines und seiner Zuflüsse, die grossartigen Aussichten, welche besonders die Gipfel und Joche der südlichen Wasserscheide bieten, der hochalpine Charakter der Flora und die Mannigfaltigkeit der Felsarten, die sich in den verschiedenen Thalstufen scharf ausprägt, die Spuren alten Bergbaus und endlich die Eigenartigkeit des im Avers hausenden Völkleins* ), das, rings von den Romanen des Ferrerathales und des Oberhalbsteins, den Italienern des Bergell und der Valle di Lei umgeben, seit Jahrhunderten die Stammeseigenthümlich-ieiten seiner deutschen Vorfahren in Sprache und Sitte treu bewahrt hat, alles dies vereinigt sich, um eine Wanderung durch Ferrera und Avers lohnend und interessant zu machen. Nur nach einer romantischen Staffage, die sonst den Bündnerlandschaften selten fehlt,wird man sich vergebens umsehen: das Avers besitzt kein altes sagenumwobenes Burggemäuer, kein mit Thurm und Erker geschmücktes Herrenhaus; denn die Avner rühmen sich, von jeher frei und keinem Herrn unterthan gewesen zu sein, und es mag auch wohl das rauhe, schwer zugängliche Thal mit seiner trotzigen deutschen Bevölkerung keinen günstigen Boden für die Entwickelung adliger Herrenrechte geboten haben. Weder für die Kirche noch für die Dynasten des. Landes gab es hier viel zu holen.

Ich kannte das Avers schon von 1868 her, wo ich vom Bergell über den Duanapass in das Thal gelangt war und dasselbe der ganzen Länge nach durchwandert hatte. Die herrliche Aussicht auf die Bergeller Berge, welche die Passhöhe gewährt, stand mir in bester Erinnerung. Nun, da das Avers oder wenigstens seine oberste Stufe Clubgebiet geworden, gedachte ich auf anderem Wege, vom Oberhalbstein aus, meine Bekanntschaft mit demselben zu erneuern. Leider waren die ersten Wochen des Juli 1879 ihres unbeständigen Wetters wegen für Bergfahrten nicht günstig; der Plan musste vertagt und wieder vertagt werden, bis es zu seiner Ausführung für mich beinahe zu spät war. Endlich schien sich das Wetter bessern zu wollen und am Nachmittag des 21. trafen mein Bruder E. und ich in Ems bei Chur ein, wo uns Freund Löhnert erwartete, um mit uns statt auf dem directen Wege über die Lenzerhaide durch Domleschg und Schyn in 's Oberhalbstein zu wandern, ein Umweg, den man sich nicht reuen zu lassen braucht. Um von Ems in 's Domleschg zu kommen, schlugen wir den Weg durch den Vogelsang auf dem rechten Ufer des Hinterrheins ein; derselbe ist kaum kürzer, als die Poststrasse über Reichenau und Rhäzüns; aber er bietet öfters prächtige Ausblicke gegen die Berge von Trins und Flims und höchst malerische Ansichten der uralten St. Georgen-kapelle und des mächtigen Schlossbau's von Rhäzüns, die sich über dem in tiefem Tobel dahinschiessenden schwarzgrauen Rhein stolz auf steilen Schieferfelsen erheben. Der Pfad durch den Wald ist ein rauher Fussweg; an einer Stelle, wo er einer lockeren Felswand entlang führt, soll er nach heftigem Regen Steinschlägen ausgesetzt sein. Bei Ravetsch am Ende des Waldes macht der Fussweg einem leidlichen Fahrsträsschen Platz, welches über Rothenbrunnen, Paspels, Rotels und Fürstenau zur Zollbrücke und an Sils vorbei, im Rheinkies allmälig verlaufend, zur Rheinbrücke bei Thusis führt. An all den Burgruinen und Schlössern, die man von der Poststrasse aus in der Ferne erblickt, kommt man nahe vorbei: an den trotzigen Gemäuern von Nieder- und Ober-Juvalta, an dem stolzen Herrensitze Ortenstein, an Altsins, Canova, Rietberg, Hasensprung und an den Schlössern von Fürstenau.

Es ist historischer Boden, auf dem wir wandern; dort in dem hochragenden Schlosse Rietberg fiel 1621 Pompejus Planta unter den Axthieben der wilden Prädikanten Jenatsch, Alexander, Toutsch und ihrer Genossen, und drüben in Scharans war es, wo der bedeutendste jener drei, Georg Jenatsch, der nachmals so berühmte Kriegs- und Staatsmann, der Wallenstein Graubündens, als schlichter Pfarrherr seine Laufbahn begann.

Spät Abends langten wir in Thusis an. Der folgende Morgen wurde dem Besuche der Viamala gewidmet; über Mittag wanderten wir durch den Schyn nach Tiefen-Kastels und Nachmittags durch das Oberhalbstein nach Mühlen hinauf, dessen treffliches Haus zum Löwen ein in jeder Beziehung günstiges Hauptquartier für Bergfahrten in den Ketten des Piz d' Err und des Piz Platta bietet. Der 23. Juli war trüb lind regnerisch; wir verwendeten ihn zu einem Ausflug nach den Juliersäulen. Gegen Abend hellte sich das Wetter auf, und wir beschlossen, den folgenden Tag zum Uebergang in 's Avers zu benutzen. Einen Führer wollten wir nicht; der " Weg in 's Avers durch Val da Faller war an der Hand der Karte nicht zu verfehlen.

Es war bald 6 Uhr, als wir am 24. Juli dem gastlichen Löwen Valet sagten. Der Morgen war frisch; die Sonne war des Nebels noch nicht ganz Herr geworden. Von der mächtigen im Osten sich erhebenden Kette des Piz d' Err blickte nur hie und da ein Schnee-liaupt oder eine Felszacke neugierig einige Augenblicke aus dem Schleier hervor. Unser Weg führte uns in entgegengesetzter Richtung dem Fallerbach nach, der bei Mühlen ( 1461 m ) aus der engen Thalpforte der Julia zueilt. Dieser Eingang in das Val da Faller ist ungemein malerisch; von beiden Seiten treten die bewaldeten Thalwände, aus grünem Schiefer und Serpentin gebildet, nahe zusammen und schliessen zwischen sich eine enge Schlucht, auf deren Grund der weissschäumende, tosende Bach in wilden Sprüngen über mächtige schwarzgrüne Serpentinblöcke herabstürzt. Etwa ri2 Stunde oberhalb Mühlen, bei 1680 Meter, setzt der gut gehaltene Alpweg auf das rechte Ufer über und zieht sich durch prächtigen Wald nach dem Ideinen Alpkessel « igl Plaz » ( 1769 m ), wo er wieder das Ufer wechselt, um ziemlich steil ansteigend, zuletzt " wieder sich etwas senkend den Wiesengrund der Alp Faller ( 1933 m ) zu erreichen. Beim Heraustreten aus dem Walde, der auf der linken Thalseite bei circa 1900 Meter seine obere Grenze erreicht, öffnet sich ein überraschender Blick auf den stolzen Felsbau des Piz Platta ( 3380 m ), der jenseits des grünen Kessels zwischen den Zweigthälern Val Gronda und Val Bercla sich mit mächtigen, jähen Wänden über Schutthalden und Schneefeldern zur kühn geformten Spitze aufschwingt. Links von ihm im Hintergrunde von Val Bercla ragen die zerrissenen, dunkeln, von Schnee-ltehlen weiss durchfurchten Wände und Zacken des Jupperhorns ( 3151 m ) und des Mazzerspitz ( 3161 Meter, Fopperhorn, Duf .) über dem zum Lai Neer absteigenden Gletscher hervor. In späterer Jahreszeit mag diese ganze Partie noch wilder und felsiger erscheinen; jetzt liangen sogar am Piz Platta noch zahlreiche Schneedecken und die Vorstufen sind von circa 2300 Meter an mit dichtem weissem Mantel bedeckt.

Zwei Wege führen von Faller in 's Avers: der eine rechts durch Val Gronda und über das Joch ( 2802™ ) zwischen La Crappa und dem « Thäli » ( ich habe diesen Pass im Avers mit dem Namen « Grimsel » bezeichnen gehört ), der andere links durch Val Bercla und entweder vom Lai Neer ( circa 2490 m ) westlich steil aufsteigend über das Joch 2912 Meter zwischen dem südlichen Vorsprung des Piz Platta und dem Jupperhorn oder südlich über das breite Plateau des Faller-joches ( circa 2770 m ) zwischen dem südlichen Gipfel des Scalotta ( 3082 m ) und dem Mazzerspitz* ). Wir wählten, den Weg durch Val Bercla und behielten uns die Entscheidung zwischen dessen beiden Varianten noch vor-Bei der Hüttengruppe Tga, die mit ihrer winzigen Kapelle am nordöstlichen Ende des Fallerbodens liegt,. überschritten wir, ohne den Umweg über. das etwa 1k Stunde entfernte Haupt- und Kirchdörfchen « igl Plang » zu machen, den Bach und stiegen auf ordentlichem Alppfade durch Val Bercla hinauf. Die rechto-Thalseite, welcher wir folgten, ist eine magere Alpweider mit Schiefer- und Serpentintrümmern übersäet, überragt von der schroffen Felsmauer der Montagnas dils Laiets. Der Schnee schien den Boden noch nicht lange verlassen zu haben, denn überall auf dem nassen, braunen Käsen blühten noch die Soldanellen. Von der Verminderung der Murmelthiere, die der lange Winter 1878/79 in manchen Thälern Bündens verursacht zu haben scheint, war in Val Bercla ebenso wenig etwas zu merken, wie Tags darauf in Val Bregalga. Wieder und wieder hörten wir den schrillen Pfiff der Thiere und öfters sahen wir sie zwischen den Steinen hin-und herhuschen. Scheu waren sie nicht besonders und hatten auch wohl in dem einsamen Thale wenig Ursache,, es zu sein. Es war noch kein Vieh aufgetrieben, und Menschen trafen wir auf dem ganzen Wege von Mühlen bis Juf nicht an. Auch ein Schneehuhn, halb noch im weissen Winterkleide, flog schwerfällig vor uns.

auf und verlor sich zwischen den Feistrümmera. Die Schneeflecken wurden häufiger, je höher wir stiegen,der Schnee weicher und weicher. Beim Zusammenfluss der vom Lai Neer und vom Mazzerspitz kommenden Bäche am Fusse des Hügels 2502™ machten wir unseren Frühstückhalt; es war 9 Uhr. Hier galt es nun, sich zu entscheiden, ob wir südlich über das Fallerjoch, oder westlich über das Joch 2912™ gehen ^wollten. Wir entschieden uns, der schlechten Beschaffen-ïieit des Schnee's wegen, für den weniger beschwerlichen Weg. Der obere Theil des Thales bildete eine vollständig schneebedeckte Mulde, nur hie und da von dunkeln Blöcken und Trümmerhaufen durchsetzt. Der Anstieg, zuerst auf der rechten Seite, zuletzt fast durch die Mitte der Mulde, war nicht steil, aber mühsam. Der Vordermann brach fast bei jedem Schritte durch die dünne harte Kruste der Oberfläche bis zu den Knieen in den pulverigen Schnee ein. Eine Bodenwelle folgte der andern und bei jeder glaubte man die Höhe erreicht zu haben, bis sich hinter derselben eine neue zeigte. Da endlich taucht am südlichen Horizont ein hoher Gipfel auf, ihm folgt ein zweiter, ein dritter, um gleich wieder hinter einem Schneekamm zu versinken, noch ein paar Schritte und wir haben -das Joch und mit ihm die volle Aussicht erreicht. Vor uns lag, jenseits der verschneiten Terrasse der Flühseen und der Thalspalte von Juf der Gipfelkranz des oberen Avers vom Tscheischhorn ( 3014 m ) zwischen Madris und Bregalga bis zu dem den Stallerberg beherrschenden breiten Felsstock « auf den Flühen » {2755 m ). Die Berge sind alle nicht hoch; nur wenige überschreiten 3000 Meter; aber ihre steilen Flankent auf denen das frische Grün das Braun des Herbstrasens noch nicht verdrängt hat, die trotzigen Felswände der höchsten Gipfel und die tief herabreichende Schneebekleidung verleihen ihnen einen ernsten hochalpinen Character, der sich freilich später im Jahr oder in einem wärmeren Sommer wesentlich modificiren wird. In direct südlicher Richtung steigen wir von der Jochhöhe durch den tiefen Schnee zum Eande der Terrasse hinab. Von den Flühseen ist nicht viel zu sehen; sie sind unter Eis und Schnee noch fast ganz verborgen. Am Muttenbache, der dem westlichen See entströmt und mit einem hohen Fall in 's Juferthal hinabstürzt, machen wir Halt. Es ist erst 11 Uhr; nach Cresta kommen wir immer noch zeitig genug. Hier ist gut sein; die Schiefertrümmer oberhalb des Absturzes sind schneefrei, von der Sonne erwärmt. Hie und da leuchtet aus den Steinen das prächtige Blau des Eritrichium nanum, das zarte Rosenroth der Androsace glacialis. Der Bach bietet Wasser für unsere Berg-küche, die Bruder E. mit Sachkenntniss zwischen ein paar Platten aufstellt. Zu unseren Fussen liegt das Juferthal, dessen Rhein sich da und dort noch unter überwölbendem Lawinenschnee seinen Weg suchen muss. Das Avers mit seinen braunen Häusergruppen überblicken wir bis gegen Juppa. Was weiter unten liegt, wird durch das Fopperhorn ( 2715 m ) verdeckt, das die Vorstufe zu den wilden, schwarzen Zacken des Mazzerspitz bildet* ). Uns gerade gegenüber erhebt sich das Wängahorn ( 2846 m ) mit weisser Schneehaube und braunen Rasenhängen, und dort im Hintergrunde des Juferthales reckt der Piz Piott seinen Felskopf aus dem glänzenden Eis und Schneemantel empor.

Um 2 Uhr brachen wir auf. Der Abstieg direct von unserem Rastorte schien uns nicht rathsam. Wohl zogen sich mehrere Kehlen hinunter, und der Fels, grüner, braun angewitterter Schiefer, war gut kletterbar; aber bei keiner der Kehlen konnten wir mehr als die obersten Stufen überblicken, und wie sie weiter unten sich gestalteten, wussten wir nicht. Wir überschritten deshalb den Hügel ( 2679 m ), und statt über das Plateau zum Stallerwege zu gehen, wählten wir zum Abstieg die unmittelbar östlich von jenem Hügel sich niedersenkende breitere Kehle, durch welche wir leicht, anfangs über Schnee und Fels, dann über steile Weiden hinuntergelangten. Von Juf ( 2133 m ), dem obersten Winterdörfchen Europa's, wandten wir uns thalabwärts nach Podestats Haus, das von einem Peter Strub, dereinst irgendwo in Veltlin oder Cleven Podestat der Bünde, erbaut und nach ihm benannt worden sein soll. Es ist dies das einzige Gebäude im Avers, welches in Bauart und Ausschmückung einst den Namen eines Herrenhauses einigermassen beanspruchen konnte. Denn obwohl auch die anderen Dörfchen Juppa, Am Bach, Pürt, an denen wir auf unserem Wege nach Cresta Namen noch Quote, das Fopperhorn die Quote 2715 m. Das Jupperhorn gilt im Avers für jungfräulich. Der Mazzerspitz dagegen wurde im September 1879 von Hrn. Pfarrer Caveng in Cresta von den Flühseen aus auf steilem Kletterwege erstiegen.

vorbeikamen, zum Theil ganz stattliche Häuser aufzuweisen haben, so tragen dieselben doch mit den selten über 1 Quadratfuss messenden Fenstern in den dicken Mauern und den ungemein niedrigen Stockwerken deutlich den Character des bäurischen Hauses. Aus manchem Fenster winkt ein reicher Flor blühender Nelken und giebt den geschwärzten Häuserfronten ein freundliches Anselin; aber was sind das für curiose Mauern, die an den Häusern aufgeschichtet sich bis zu den Fenstern hin ziehen? Fast sieht es aus wie Torf, und wie Torf wird es auch verwendet: es ist Dünger, der in dem holzarmen Avers so gut wie in den Steppen Turans und im Nedsched Arabiens als Brennmaterial benutzt wird. Der Weg ist ein angenehmer Wiesenpfad und folgt der rechten Seite des Thales, das eigentlich nur hier etwas, was einer Sohle ähnlich sieht, aufzuweisen hat; fast beständig hat man die weisse Kirche von Cresta vor Augen, die etwa 250 Schritt vom Dorfe sich frei und malerisch auf einem Felskopfe erhebt. Circa 700 Meter vor derselben bildet der Mahleckbach, etwas rechts vom Wege, einen sehenswerthen Wasserfall, und an den Wänden seiner Schlucht blüht, wie auch an dem Felskopfe der Kirche, von Touristen nicht gesucht, von den Thalleuten nicht beachtet, das vielberühmte Edelweiss, wahrscheinlich durch die Bäche von den Kalkwänden des Averser Weissberges auf den grauen Bündnerschiefer der Thalsohle verpflanzt* ).

* ) An der Brücke über den Mahleckbach fand sich das Polemonium rhsetieum in schönen Exemplaren.

Es war 4 J/s Uhr, als wir in Cresta anlangten; wir hatten also mit Einschluss sehr ausgiebiger Ruhepausen 10 Va Stunden für den Uebergang gebraucht. Rechnet man alle Halte ab, so ergiebt sich ein Zeitaufwand von 7 Stunden, wovon 4 1k auf den Aufstieg von Mühlen zur Passhöhe, 1 1k auf den Abstieg nach Juf und ebenso viel auf den Thalweg fallen. Im Spätsommer, wenn der Pass schneefrei ist, wird sich der Weg wohl leicht in 6 Stunden machen lassen.

In Cresta bezogen wir Quartier in dem gastlichen Pfarrhaus, dessen Zimmer uns der junge Pfarrherr in zuvorkommendster Weise zur Verfügung stellte; für die Verpflegung dagegen sollte, da der Pfarrer neu aufgezogen und mit Vorräthen noch nicht versehen war, der Wirth des anstossenden, mehr als bescheidenen Wirthsbäuschens sorgen. Für den folgenden Tag wurde « in Ausflug auf das Gletscherhorn und den Passo della Duana in Aussicht genommen. Der Wirth Wolf, ein junger rüstiger Mann, bot sich uns als Träger an; auf den Namen Führer konnte er nicht wohl Anspruch machen, da er den Weg noch nie gemacht hatte und überhaupt von der Topographie seines Thales und seiner Berge nur sehr nebelhafte Vorstellungen hatte. Das Gletscherhorn z.B. kannte er gar nicht und hielt bald den Marcio, bald irgend eine andere weisse Spitze für dasselbe; vom Piz Piatta behauptete er steif und fest, der Name sei auf der Karte am unrechten Ort, denn der Gipfel liege nördlich von Cresta, oberhalb der Plattnerberge, wo allerdings auch ein Plattenhorn steht. Der Gedanke, dass es neben diesem auch noch einen Piz Piatta geben könne, war ihm durchaus fremd 11 und für die markanteste Bergform des Thales wusste-er keinen Namen. Auch mit der Verwendung von Pickel und Seil war er durchaus nicht vertraut; doch bewies-er sich in der Folge als willig und diensteifrig, sodass wir mit seiner Leistung als Träger zufrieden sein konnten.

Um 5 Uhr brachen wir am folgenden Tage auf. Hr. Pfarrer Caveng hatte sich uns als willkommener Begleiter angeschlossen, dagegen musste Bruder E.r der sich gestern beim Herausarbeiten aus einem Schneeloche verletzt hatte, in Cresta zurückbleiben. Der Morgen war kalt; dichter Reif lag auf den Wiesen,, das " Wasser in den Tümpeln war überfroren, am 25. Juli! Das Klima des Avers musste überhaupt ia diesem Jahre ein ungewöhnlich rauhes sein, denn noch am 15. Juni hatte der Pfarrer über alten Schnee vom Dorfe zur Kirche gehen müssen. Wir schritten auf dem gestrigen Wege wieder thalaufwärts; bei Juppar wo sich ein schöner Blick auf das Gletscherhorn, den Marcio und den Weissberg2980 m ) öffnet, überschritten wir den Ehein und wandten uns in 's Val Bregalga, dessen vordere Stufe noch gutentheils von Lawinenschnee bedeckt war. Um 7 Uhr erreichten wir die hintere Alp; beim Grossbach, der etwa 1 Kilometer südlich der Hütten mit einer tiefen Schlucht die rechte- Thalseite durchfurcht, wird der Weg steiler, und von etwa 2400 m an herrscht der Schnee; an der Gabel der vom Duanafirn und dem kleinen Gletscher oberhalb Preda rossa ( bei 3050 m ) herabfliessenden Bäche trennt sich unser Weg von dem Duanapfade; dieser steigt durch die hügligen Weiden « auf den Buhlen » hinauf; wir wenden uns zwischen den Bächen nach Südost dem Felsabsturz des oben erwähnten Gletscherchens nach. Die Karte, die sich auch hier wieder als der beste Führer erweist, lässt über den einzuschlagenden Weg keinen Zweifel übrig. Wir haben nichts zu thun, als über den trefflichen Schnee, immer jenen Felssturz zur Linken, stetig in südsüdöstlicher Richtung zum Sattel zwischen dem Gletscherhorn und der Felszacke 3077 anzusteigen. Anfangs sind nur die Mulden und Vertiefungen ganz von Schnee bedeckt und manche abere Böschung bietet noch einen bescheidenen Flor von Silène acaulis, Azalea procumbens, Primula viscosa, Soldanella pusilla, Eritrichium nanum und Salix reticulata. Weiter oben ist alles einförmige Schneemulde, nur selten von einem dunkeln Block oder Grätchen unterbrochen.

Was liegt aber da Weisses auf jenem Felskopfe rechts? Wir lassen uns die paar Schritte nicht reuen und steigen hinab. Es ist weisse Wolle in grossen Flocken. Noch ein paar Schritte weiter und vor uns liegt, vom ausgefressenen Vliesse lose umgeben, das Skelett eines. Schafes, von Meister Petz vor höchstens 2-3 Tagen mit unverkennbarer Sachkenntniss und Liebe sauber präparirt. Einzelne Knochen der Extremitäten liegen über den Schutt zerstreut, der Schädel etwas abseits mit eingeschlagener Hirnschale. Meister Petz war offenbar ein Liebhaber von frischem Schaf-hirn. Wo er wohl jetzt stecken mag? Vielleicht drüben im Bel Giardin oder an den steilen Weiden des Wängahornes, wo die Schafe der Avner ohne Hut und Hirt herumklettern.

Um 10 Uhr haben wir den Sattel erreicht; ohne uns lang aufzuhalten steigen wir südwestlich im Zickzack zum nördlichen Gipfelgrat empor und über diesen zur Spitze, die wir um 10 Uhr 15 Minuten gewinnen. In anderer Jahreszeit mag dieser letzte Anstieg vielleicht einiges Hacken erfordern; jetzt war keine einzige Stufe nothwendig. Der Gipfel bildet eine kleine abgerundete Kuppe, fast schneefrei, von Schiefertrümmern übersät. Als Grenze der Kreise Avers und Bergeil trägt er ein Steinmännchen. Die Aussicht, von keiner Wolke getrübt, übertraf weit unsere Erwartung. So undankbar es ist, durch eine Aufzählung der einzelnen Punkte eine Fernsicht charakterisiren zu wollen, so kann ich mich doch nicht enthalten, wenigstens die Hauptzüge des Bildes durch ein paar Worte anzudeuten. Ueber den Ausblick nach Süden kann ich mich kurz fassen; er gleicht demjenigen vom Fusse des Marcio, von dem dieses Jahrbuch eine Ansicht nach einer Skizze unseres Altmeisters Studer enthält: mächtig und wild ragen die Bergeller Berge empor und den schimmernden Eisstrom der Bondasca übersehen wir der ganzen Länge nach. Einzig die Partie östlich vom Albignagletscher, die Kette der Cima di Castello und des Monte Sissone ist theilweise vom Piz Duana ( 3133 m ) verdeckt, der uns gerade gegenüber mit Aus dem Avers.1G5 schwarzen Wänden und weissen Eis- und Schneefeldern aus der Tiefe des verschneiten Val Duana aufsteigt. Im Osten erblicken wir jenseits von Val Duana und Val Marozzo die Passhöhe des Maloja, zu der die weisse Strasse sich in vielen Windungen durch den dunkeln Tannenwald emporzieht, und dahinter blinkt der freundliche Spiegel des Silsersees, überragt von den hier in eigenthümlicher Verschiebung sich darstellenden Schnee-und Felshäuptern der Berninagruppe. Dieser Ausblick nach Osten, links und rechts von den finstern Felswänden des Piz Piott, des Msedero, des Lunghino, des Lizzone und den Ausläufern der Margna eingerahmt, macht allein schon das Gletscherhorn eines Besuches werth. Gegen Nordosten schweift der Blick über den Felsthurm des Piz Julier zu der gletscherschimmernden Kette des Piz d' Err, neben welcher die wilden Zacken des Piz d' Aela und des Tinzenhorns aufragen. Im Norden überragt der gewaltige Piz Platta den langgezogenen Grat des Wängahornes, an dessen Fuss sich der grüne Thalgrund von Avers mit den Weilern Juppa, Am Bach und Loretzhaus anschmiegt. Cresta liegt hinter den Tscheischhörnern verborgen, aber der hellschimmernde Kalkstock des Weissberges blickt herüber, neben ihm der Piz Grisch und hinter demselben der breite Rücken des Beverin. Im Nordwesten steigt über dem Berggewirr des Bündner Oberlandes die Tödigruppe auf; jenseits der langen noch tief verschneiten Ketten, welche Madris, Val di Lei und Val d' Emet von einander scheiden, ragen die Surettahörner auf; das Tambohorn wird vom Piz Timun verdeckt, aber links von diesem blinken die Gletscherspitzen der Adula, und was da neben ihnen sich in duftigen Contouren am Horizonte zeigt, müssen die Gipfel der Finsteraarhorngruppe sein, an welche sich fern im Südwest, kaum noch erkennbar, die Häupter des Monte Rosa-Gebirges anreihen. Der Niederblick in 's Bergeil und nach Cleven wird uns durch die runde Eiskuppe des Marcio entzogen. Bis 11 Uhr gaben wir uns dem Genüsse und dem Studium der Fernsicht hin; dann brachen wir auf. Den Abstieg suchten wir auf dem Südabsturz unseres Homes, der, im Gegensatz zu den grünen Schiefern und der Serpentinkeile der Nordseite, aus hellgrauem Thonglimmerschiefer besteht. Direct nach Val Duana hinunterzusteigen, verwehrte uns die Steilheit der Felsen; wir folgten deshalb zuerst der vom Gipfel nach Osten verlaufenden Kante bis zu dem aus dem Thälchen am Süd-Fusse von 3050 kommenden Bache, wandten uns dann nach Süden und erreichten, durch ein paar Rutschpartien auf den steilen Schneehängen gefördert, die Sohle von Val Duana, dessen Seen noch fast ganz zugefroren und vom Schnee verdeckt waren. An einer aberen Stelle blühte Ranunculus pyrenseus in Menge. Der rechten Thalseite folgend, dann am oberen Ende nach Süden abschwenkend erreichten wir um I2V2 Uhr das Trümmermeer am Fusse des Marcio oberhalb des steilen Absturzes nach dem Bergell und stiegen, um einen freieren Ausblick in 's Thal zu gewinnen, noch etwas hinunter, bis uns eine durch die Gneissblöcke rieselnde Quelle zur Mittagsrast einlud. Die Aussicht hier war, wenn auch weniger ausgedehnt als vom Gipfel des Gletscherhornes, doch nicht viel weniger lohnend; namentlich machen « die jäh aus der Tiefe des Bergell aufsteigenden Zacken nnä Felsschaufeln, vom Badile bis zur Cima di Castello, durch schluchtartige wilde Thäler von einander geschieden, einen noch fast gewaltigeren Eindruck. Um 2 Uhr sagten wir unserer Quelle Valet und stiegen durch Schnee Und Felstrümmer zum Passo della Duana hinüber. Vom Passwege war nur hart am Abstürze ein kleines gepflastertes Stück zu sehen, das unser Träger « nd Wirth kurzweg für eine Römerstrasse erklärte; denn die Bergeller, meinte er, seien viel zu faul, so etwas zu machen; es sind das so kleine Nachbars-liebenswürdigkeiten, an denen es übrigens auch Bergeller und Oberhalbsteiner den Avnern gegenüber nicht fehlen lassen. Von den kleinen Tümpeln, welche die Excursionskarte am Ostfusse des Marcio verzeichnet, und von dem Mazzagletscher, der dessen Nordabhang bedeckt,war nicht viel mehr zu bemerken als vom Wege. Ueberall dehnte sich dasselbe einförmige Schneefeld aus, hie und da durch schwarze Felsgräte unterbrochen. Die Passhöhe ist ein ziemlich flacher Sattel, ca. 2790 Meter hoch, zwischen dem Gletscherhorn und dem Punkt 2848. Etwas südlich von derselben zweigt links ein Pfad durch Val di Roda nach Madris ab; wir wählten den kürzeren Weg nach Norden durch Val Bregalga, gelangten um 31k Uhr wieder zu der hinteren Alp, und, nach langer Rast in der gastlichen Hütte, um € Uhr nach Cresta zurück. Für den ganzen Weg liatten wir 13 Stunden, abzüglich der Rasten Qak Stunden gebraucht: 2 Stunden hintere Bregalga-Alp, 23/4 Stunden Gletscherhorn, lVa Stunden Abstieg bis zum Rande des Duana-Plateau's, 31k Stunden Rückweg bis Cresta. Bei weniger Schnee lässt sich der Zeitaufwand wohl erheblich verringern, obwohl in dem Falle wahrscheinlich einige Hackarbeit am Horne-erforderlich sein wird. Mit dem Uebergang über den. Duanapass nach Soglio lässt sich die Besteigung des-Hornes in bequemster Weise verbinden. Vom Rande-des Plateau's bis Soglio braucht ein mittlerer Fussgänger etwa 2 Va Stunden. Schwierigkeiten bietet der ganze Weg nicht, und wer nur um dieser willen in den Bergen wandert, der findet hier seine Rechnung-nicht; wem es aber auch um den Einblick in eine-wenig bekannte Bergwelt und um eine herrliche Rundsicht zu thun ist, dem kann ich unseren Weg um so-eher empfehlen, als er ja zu den Wildnissen der südlichen Bergeller Berge den directesten Zugang bildet. Fast zu derselben Zeit, wie wir, traf auch E„ wieder in Cresta ein, der es im Thale nicht lange ausgehalten und trotz seines lahmen Beines mit dem. Knechte des Wirthes den Weissberg bestiegen hatte. Er schilderte die Besteigung als mühsam und an einer Stelle nicht unschwierig, aber lohnend* ). Am folgenden Tage wollte er, von Geschäften heimgerufen, durch 's Thal hinaus, und ich entschloss mich, ihn zu begleiten, während Freund Löhnert, durch die Schilderung des Weissberges lüstern gemacht, noch einen Tag daran wenden wollte. Am 26. also wanderten wir thalauswärts; als Träger unseres Gepäckes begleitete uns niemand Geringeres, als der Herr Kreispräsident von Avers, der im Madris seinen Wohnsitz hat, wo er auch ein kleines Bergwirthshäuschen einzurichten gedenkt. Ein Luxus ist das nicht, denn für Ausflüge in der wenig bekannten Bergwelt des Madris, sowie für den Uebergang über die Forcella di Prassignola und die Forcella di Lago sind Cresta und Canicül zu weit entlegen, ganz abgesehen davon, dass das Wirthshaus von Cresta für einen längeren Aufenthalt doch gar zu dürftig, ja ohne die Gastfreundlichkeit des Pfarrhauses fast unmöglich ist. Hr. Pfarrer Caveng und Freund Löhnert gaben uns das Geleite. Zwei Wege führen von Cresta thalabwärts; der eine steigt unweit des Dorfes in das Tobel des Avnerrheines hinab, dessen schmale Rinne oft im Winter von Schnee vollständig zugedeckt und dann als Holzweg benutzt wird; der andere bleibt auf der Terrasse und senkt sich erst bei Crot ziemlich steil durch dünnen Lärchenwald zum Hauptweg hinab. Wir wählten den letzteren, der uns manch schönen Ausblick auf den Hintergrund des Thales und in 's Madris bot. Da wo der Pfad zur Tiefe abbiegt, nehmen bis an den Berg l'/a St., bis auf den Gipfel 1 St. Aussicht: Südost Jupperhorn, Ost Piz Piatta, Nord Ausläufer desselben und darüber ganz herrlich Piz Forbisch.

wir mit herzlichem Danke für die Gastfreuudlichkeit des Pfarrherrn Abschied von unseren Begleitern. Von Campsut ( 1676 m ) an, wo der Weg den Rhein überschreitet, wird das Thal wilder und wilder; der Rhein fliesst schäumend und tosend durch die finstere, schmale Schlucht. Der graue Schiefer der oberen Stufe hat einem Kalkstein Platz gemacht, der stellenweise in schönen, weissen Marmor umgewandelt ist. Links öffnet sich das Val di Lei, welches, obwohl seiner Lage nach entschieden zur Schweiz gehörig, doch weil es einst unter der Gerichtsbarkeit von Plurs gestanden, einen Bestandtheil des italienischen Königreichs ausmacht und im Sommer von italienischen Hirten befahren wird. Der Grenzstein, der zugleich die Grenze zwischen Avers und Ferrera bezeichnet, steht hart an der Brücke über den Leibach. Gegenüber, da wo rechts Val Starlera einmündet, entspringt im wilden Tobel eine Therme, die wohl ebenso wenig benutzt werden wird, wie der Eisensäuerling, der bei Juf zu Tage tritt.

Diese Partie von Campsut bis Canicül ( 1426 m ) ist die wildeste des Thales, die rauheste des Weges, der sich meist hoch auf der linken Thalseite hinzieht und nur beim Eingang in 's Val di Lei dem Flussufer folgt. Bei Canicül ( 1480 m ) senkt sich der Pfad wieder und setzt auf das rechte Ufer über, dem er bis kurz vor der Mündung des Avnerrheines treu bleibt. Die Brücke war neu; eine mächtige Lawine, die noch nicht weggeschmolzen war, hatte die alte zerstört. Der Gegensatz zwischen den deutschen Avnern und den romanischen Leuten von Ferrera spricht sich, wie in der Verschiedenheit der Haar- und Gesichtsfarbe, der Statur, kurz des ganzen Habitus, auch in der Bauart der Dörfer aus. Im Avers hausen die Bewohner auf vereinzelten Höfen oder in kleinen Weilern; neben den durch den Holzmangel bedingten vorherrschenden Steinbauten gibt es auch manche stattliche Blockhäuser von dem Typus des Hauses der Urkantone, mit steinernem Unterbau und braunem hölzernem Oberbau. Im engen Ferrerathale dagegen concentrirt sich die Bevölkerung auf die Dörfer Canicül und Ausser-Ferrera, und beide sind dicht zusammengedrängte Steinklumpen. Der Weg führt nun meist dicht dem Flusse nach, dessen hellgrünes Wasser in schönen Fällen über die Kalk-und Gneissblöcke des Bettes herabschäumt. Verfallene Hochöfen und Pochwerke auf dem linken Ufer weisen auf den einstigen Bergbau des Thales hin, dessen Eisengruben, hoch oben am Fusse des Piz Starlera und des Piz Mazza gelegen, ihrer Unzugänglichkeit und des Mangels an Brennmaterial wegen längst nicht mehr die Concurrenz haben aushalten können, ebenso wenig wie auf der linken Thalseite die Gruben auf silberhaltiges Fahlerz und Kupferkies, deren Erze früher, etwa 20 Minuten unterhalb Ausser-Ferrera, in der Schmelze an der Aua granda verarbeitet wurden. Als ich 1868 hier durchkam, standen die Gruben noch im Betrieb; jetzt waren wohl noch grosse Haufen grün und blau angewitterten Erzes da, aber die Werke waren verlassen, wenn auch noch nicht verfallen. Gegenwärtig soll übrigens von Wiederaufnahme des Bergbaus die Rede sein. Von der Schmelze abwärts führt, wie schon Eingangs bemerkt, ein leidliches Fahrsträsschen durch das Thal, dem Flusse nach, der kurz vor seiner Mündung ein paar prächtige Fälle bildet. Warum haben die Bewohner der oberen Thalstufen es sich nicht angelegen sein lassen, das Strässchen fortzusetzen? Le mieux est l' ennemi du bien, heisst es auch hier. Unser Herr Präsident erklärte uns, ein Strässchen, wie dieses, hätten sie vom Cantone längst erhalten können, aber ein solches wollten sie nicht, sondern eine rechte Poststrasse. Etwas viel verlangt für ein Thal mit kaum 500 Einwohnern, Avers und Ferrera zusammengerechnet! Ein Spatz in der Hand ist bekanntlich besser, als eine Taube auf dem Dach. Es steht zu befürchten, dass die Avner über der gewünschten Taube am Ende nicht einmal den Spatz erwischen. Um 1 Uhr trafen wir nach sechsstündiger Wanderung in Andeer ein und damit hatte unsere Bergwanderung ein Ende; Post und Eisenbahn führten uns in den nächsten Tagen nach Hause.

IL Freie Fahrten.

Von August Stadler ( Section Uto ).

( Vortrag, gehalten in der Section Uto des S.A.C. den 28. November 1879. ) Neue Gipfel oder neue Wege kann ich Ihnen nicht schildern; mein Bergsteigen verfolgt nicht diese grössern Zwecke. Auch bin ich zu meinem Bedauern ausser Stande, Sie durch wissenschaftliche Notizen zu entschädigen. Ich gestehe, über die Felsen geklettert zu sein, unbekümmert, welcher Gesteinart sie angehörten, und die Blumen hatten für mich Form und Duft und Farbe, nur leider keine Namen. Aber welches Berufs wir übrigens auch sein mögen, Eines verstehen und suchen wir Alle in unsern Bergen: die Erholung im Genuss ihrer Schönheit. Der Erscheinung des Naturschönen in immer neuer Form zu begegnen, üben wir das Spiel des Wanderns, und in dieser freien Thätigkeit von Körper und Geist sammelt sich unser Dasein von der einseitigen Anstrengung des Alltagslebens zum Vollbesitz seiner mannigfaltigen Kräfte. Kehrt Einer von der Reise zurück, und ist ihm diese Wohlthat geworden, so möchte er Freunde zum gleichen Genuss aufmuntern. Keinen andern Zweck will die heutige Plauderei erreichen.

Es verhält sich mit Zermatt wie mit Pontresina. Wer so glücklich ist, an einem dieser herrlichen Orte das Standquartier aufschlagen zu können, wird sich von Allem belohnt finden, er mag Grosses oder Kleines unternehmen. Ich war diesen Sommer in Zermatt von so anhaltend gutem Wetter begünstigt, dass ich in verhältnissmässig kurzer Frist Vieles sehen konnte. Ich weiss kaum, was ich herausheben, was ich als Schönstes empfehlen soll.

Es ist unnöthig, den Monte Rosa zu preisen, er hat sich längst einen Namen gemacht. Ganze Schaaren wallfahrten jetzt alljährlich auf seine Höhen. An dem Morgen, da ich ihn bestieg, waren fünf von einander unabhängige Partien aufgebrochen. Seine Schneefelder erschienen betreten, wie Pfade, die zu menschlichen Wohnungen führen, und unter den zahllosen Fussspuren, welche der Wind geschont hatte, fanden sich neben den Abdrücken derber Führerschuhe auch die so zierlich genagelter Stiefelchen, dass man sich die reizendsten Bergsteigerinnen hineindenken musste. Die Anziehungskraft des Monte Rosa beruht theils auf dem umfassenden Reichthum seiner Fernsicht, theils auf der Grossartigkeit der ihn unmittelbar umgebenden Firnwelt, die man wie von keinem andern Punkte aus überschaut. Und ist das Auge von dieser Felspracht und dem Eisglanze ermüdet, so findet es auf der grünen Thalsohle von Anzasca liebliche Ruhepunkte. Auch bin ich noch auf keinem Berge so klar zum Bewusstsein der überwundenen Höhe gekommen, wie auf der Dufourspitze. Es mag dies einerseits daher rühren, dass man fast senkrecht und beinahe 3000 m tief auf die zerstreuten Häuser von Macugnaga hinuntersieht. Andererseits ist freilich der Weg sehr geeignet, uns erkennen zu lassen, dass wir den höchsten Gipfel der Schweizer Alpen erklimmen. Haben wir doch vom Riffelberge wieder hinunterzusteigen, und wenn wir dann den ebenen Gornergletscher überschreiten, so richtet sich das Auge unwillkürlich und immer wieder nach Westen auf das freistehende Matterhorn, dessen Spitze in den besternten Himmel hineinzuragen scheint. Sind wir endlich an den Fuss des Monte Rosa gelangt, so müssen wir den Kopf ganz rückwärts senken, um zu den Riesen emporzublicken, die der erwachende Tag rings um uns her beleuchtet. Vor uns erheben sich die schneeumhüllten Häupter der Zwillinge, rechts davon steigen die Wände des Breithorns senkrecht in die Höhe, und links baut sich jäh der eisbedeckte Wall des Lyskamms auf. Indem unser Marsch uns an diesen Colossen vorbeiführt und uns nöthigt, sie aus der Tiefe zu messen, lernen wir 12 empfinden, was Monte Rosa bedeutet, der sie beherrscht. Denn haben wir seinen Gipfel erreicht, so lagern sich Matterhorn und Lyskamm, so lagern sich alle diese mehr als 4000 m hohen Berge zu unsern Füssen. Nur die nördlich gegenüberliegende Mischabelgruppe zwingt unsern Blick noch in fast horizontale Richtung, und von Westen her schaut unbesiegt der Montblanc auf uns nieder. Diese Wirkung ist so überwältigend, dass-man die gemachte Anstrengung darüber vergisät.

Der Dom ist noch nicht so berühmt, dass er, wie Monte Rosa, ein Lob verschmähen dürfte. Es ist mir aufgefallen, dass die Mischabelhörner verhältnissmässig selten erklommen werden. Ob sie der modernen Kühnheit zu leicht erscheinen, ob sie von den grossen Mittelpunkten Zermatt und Riffel zu weit abliegen, oder ob ihr Name, der mit Mistgabel identisch sein soll( ?), sie in unpoetischen Geruch bringt, weiss ich nicht. Sicher ist, dass der Dom, wenn nicht den Vorzug, doch jedenfalls nicht die Zurücksetzung im Vergleich mit Monte Rosa verdient. Sein Panorama ist ganz eigenartig schön. Ich möchte die Aussicht vom Monte Rosa eine Aussicht der Gipfel nennen, die vom Dom eine Aussicht der Ketten. Dort starrt ein unermessliches Gewirr von Spitzen, hier überblicken wir ganze Gebirgszüge in ihrem gewaltigen Aufbau vom Fuss bis zum Scheitel, in ihrem Verlauf und in ihrer gegenseitigen Stellung. Dort lösen sich die Massen in ihre Glieder auf, deren Formenreichthum unsere Sinne bezaubert, hier treten die Glieder zu ihren Gruppen-einheiten zusammen, welche zugleich auch unsere Einsicht erfreuen. Auf dem Monte Rosa muss man die Ortsbeschreibung kennen, um die Aussicht zu deuten; auf dem Dom lernt man aus der Aussicht selbst die Gestaltung des Landes verstehen. Dieser Unterschied beruht wesentlich darauf, dass sich dem Monte Rosa die Hauptthäler verschliessen und die wichtigsten Kämme in Verkürzung darstellen, während wir vom Dom aus die Thalsohlen der beiden Vispbäche aus der Vogelschau und vier mächtige Ketten in gerader Ansicht erblicken. Wir befinden uns auf der höchsten Zinke des vergletscherten Saasgrates, dessen gewaltige Fortsetzungen wir nach Süden und Norden verfolgen können. Längs dem westlichen Abhänge sehen wir in schwindelnder Tiefe das Nicolaithal sich ausbreiten, an seinem Ende, winzig klein, aber deutlich, die Kirche und die Häuser von Zermatt. An der steil abfallenden östlichen Wand schauen aus dem grünen Alpen-grunde, der fast 3000m unter uns liegt, die Hütten von Fee zu uns empor. Jenseits des Saasthales erhebt sich, dieses vom Laquinthal und vom Simplon trennend, parallel unserm Grate ein mächtiger Gebirgszug, dessen grösste Höhe die glänzende Schneekuppe des Weissmies bildet. Herrlicher noch ist die dritte Parallelkette, die im Westen aufsteigt und deren Fuss durch hübsche Lärchenwaldungen geschmückt ist. Sie scheidet das Nicolaithal vom Einfischthal; ich will von ihren Riesen nur das zerklüftete, einem Gletscherschooss entsteigende Gabelhorn und die Pyramiden der Dent Blanche und des Weisshorns nennen. Und nun schiebt sich im Norden senkrecht vor diese drei Ketten der Gebirgswall der Berner Alpen, für welche der Dom ein ganz vorzüglicher Aussichtspunkt ist. Gegenüber im Süden aber erblicken wir den firnbedeckten Kamm, der östlich von der Felsenfeste des Monte Rosa, westlich von dem mächtigen Gebirgspfeiler des Matterhorns gedeckt wird, ein Grenzwall, wie ihn erhabener und formenschöner die Natur wohl keinem Berglande geschaffen hat. So wird in diesem Bilde die Fülle der Eindrücke durch Ordnung, ich möchte fast sagen durch Maass und Verhältniss veredelt, und in der Aussicht herrscht die Einheit, die wir im Genuss eines Kunstwerks empfinden. Es ist kaum nöthig, hinzuzufügen, dass beide Besteigungen zwar anstrengend, doch unter gewöhnlichen Verhältnissen gefahrlos sind. Ich hatte einen vorzüglichen Führer, Johann Petrus aus Stalden, einen lustigen Gesellen, der nachher zum ersten Mal das Matterhorn von der Zmuttseite aus bestieg. Als zweiter Mann fungirte der junge, aber ebenfalls tüchtige Aloys Imseng von Saas-Fee, der mich auf allen meinen Touren begleitet hat.

Nicht so harmlos ist das Rimpfischhorn, das ich nun bei Liebhabern einer guten Kletterpartie in Gunst setzen möchte. Es lässt sich nicht leugnen, dass die Wege auf den Dom und den Monte Rosa empfindliche Längen aufweisen. Auf so ausgedehnten Touren sehnt man sich nach einem Wechsel in der Gangart; man wünscht sich aus dem ewigen Schnee'in ordentliche Felsen, oder hofft, dass der endlose Trott durch ein gesundes Stufenschlagen unterbrochen werde. Ueberhaupt ist es merkwürdig, wie rasch das Gefühl der Ermüdung schwindet, sobald der Weg die Aufmerksamkeit voll in Anspruch nimmt. Jene Besteigungen sind überreich an mühseligem Schneestampfen. Beim Monte Rosa bietet nur die letzte Stunde, beim Dom die mittlere Partie genügende Abwechslung. Dem Rimpfischhorn gebührt in dieser Hinsicht der Vorzug: da sind die anstrengenden Stellen spannend und die langweiligen nicht mühsam.

Das Rimpfischhorn ist die vorletzte südliche Erhebung des so mächtig gegliederten Saasgrates. Es erreicht eine Höhe von 42O3 m und ist von seinen etwas niedrigem Nachbarn durch zwei mit Recht berühmte Gletscherpässe getrennt, nördlich vom Allalinhorn durch den Allalinpass, südlich von dem leicht zugänglichen Strahlhorn durch den Adlerpass. Seine Felsmassen bilden einen gegen Norden offenen Bogen, dessen mit Schneefeldern bekleidete Innenseite sich steil in den Längenfluh- und den Hubelgletscher versenkt. Die südliche, convexe Seite entsteigt schroff und kahl dem Adler- und dem Allalingletscher. Auf der Mitte dieses Felsenbogens baut sich die verwitterte Pyramide der höchsten Spitze auf; gegen Süden wendet sie eine fast senkrechte, von Runsen durchfurchte Felswand; gegen Norden sendet sie einen Grat aus, welcher theils felsig, theils firnbedeckt gegen den Allalinpass abstürzt. Der Führer, mit dem ich später den Alphubel überschritt, sagte mir, er habe das Rimpfischhorn einmal auf diesem Grat erklommen, was ein hartes und schwieriges Stück Arbeit gewesen sei. Die Südseite, von welcher, so viel ich weiss, das Rimpfischhorn neuerdings ausschliesslich in Angriff genommen worden ist, sieht übrigens viel imposanter aus. Wer auf der Cima di Jazzi gewesen, welchem Aussichtspunkt sich diese Südseite besonders grossartig dar- stellt, wird das Rimpfischhorn nicht mehr vergessen. Dort fesselt die Aufmerksamkeit vor allen andern Formen diese mächtige Gebirgsruine mit ihrem thurmartigen, zackengekrönten Aufbau, um dessen Grundfeste sich steile Gletscher schliessen. Trotz dieses Reizes, der schon in seiner äussern Erscheinung liegt, wird das Rimpfischhorn nicht eben häufig bestiegen. Der Vorschlag dazu wird kaum von den Führern ausgehen; sie halten die Taxe von Fr. 35 für verhältnissmässig niedrig und kennen lohnenderes Tagewerk. Den Reisenden mag die Entfernung für einen wenig bekannten Berg etwas gross dünken. Wir sind um halb 3 Uhr Morgens aufgebrochen und haben die Spitze um 1 Uhr erreicht. Dabei haben wir allerdings einen unfreiwilligen Umweg gemacht, jedoch nur 1 Stunde 10 Minuten für Halte verwendet.

Es war eine ordentliche Karawane, die in der Frühe des 23. August das Hotel Monte Rosa verliess. Ich hatte die Ehre, mich so bewährten Bergsteigern wie Herrn Dr. Güssfeldt, Dr. Haller und Rev. Watson anschliessen zu dürfen. Herr Dr. Güssfeldt hatte das Rimpfischhorn schon 10 Tage vorher besucht, war aber freundlich genug, sich trotzdem an dieser Fa-milienbesteigung, wie er sie nannte, zu betheiligen. Wir fühlten uns unter seiner Leitung von vornherein so geborgen, dass wir unsere vier Führer nicht einmal fragten, ob sie schon oben gewesen seien. Doch hatte mir mein Mann Imseng unaufgefordert mitgetheilt, dass er das Rimpfischhorn nicht kenne, worauf ich ihn als blossen Träger mitnahm. Der klare Himmel und die frische Luft versprachen einen schönen Tag, und wir marschirten im Scheine dreier Laternen wohlgemuth den Weg nach Findelen.

Die Laterne wird bei der Grösse der Touren in dieser Gegend zu einer wahren Freundin, deren Werth man erst ganz erkennt, wenn man sie einmal entbehren muss; auch ist sie in der nächtlichen Unwirthlichkeit des Gebirges manchmal der einzige behagliche Eindruck. Als wir bei der Monte Rosa-Besteigung oberhalb des Riffeis noch einmal zurückschauten, erblickten wir westlich gegenüber hoch oben am Triftgletscher zwei Lichtchen, das eine gegen das Gabelhorn, das andere gegen das Rothhorn hin blitzend, wie zwei auf die Erde gefallene Sternlein, die den Weg zum Himmel wieder suchen. Und etwas später, am Rande des Riffelberges angelangt, sahen -wir tief unter uns drei Feuerchen über den Gornergletscher kriechen, welche nun ihrerseits den Eindruck machten von drei vergnügten Leuchtwürmern, die sich, der Mode der Zeit gemäss, zu einer Bergpartie zu- sammengethan. Noch ein hübscheres Laternenspiel habe ich bei Mattmark beobachtet. Als ich dort am 21. August Morgens 2 Uhr vor das Hotel trat, reisefertig für das Weissthor, sah ich draussen ein wohl-gewachsenes Mädchen stehen, das mit einem Bergstock und einer Laterne bewaffnet war.

« Das ist jetzt die Jungfrau mit der Laterne », sagte der Führer. « So », antwortete ich, « guten Tag! Was will die Jungfrau mit der Laterne?»Sie will uns ein wenig begleiten. » — « Das freut mich. Freund Aloys Imseng würde sich gewiss durch eine noch schwärzere Nacht, als die heutige ist, zurecht- finden, wenn ihm nebst einer Laterne zwei solche Augen voranleuchten. > Es wollte mir fast scheinen,, als sei die Feueramazone die Braut meines jungem Führers und wolle den Geliebten nicht ohne gehöriges Geleit einen so gefährlichen Pfad ziehen lassen. Aber der ältere Imseng, sein Vater, erläuterte weiter: « Wir gehen halt über einen Pass und können die Laterne nicht mehr zurückbringen, und sie gehört nicht uns,, und darum muss die Jungfrau mit. » Diese realistische Deutung des jungfräulichen My-steriums mahnte zum Aufbruch. Der Führer ergriff die Leuchte und reichte dem weiblichen Berggeist das. Gletscherbeil, das ihr ein noch kühneres Ansehen gab_ Es war trotz der Laterne nicht leicht, über die zahllosen und breiten Rinnsale des Gletscherbaches di& Uebergänge zu finden; manch unfreiwilliges nächtliches Bad soll schon in ihnen genommen worden sein. Dann begann eine rasche Steigung gegen den Schwarzberg hinan. Aber alle Terrainschwierigkeiten hinderten meinen Jüngling und die Jungfrau nicht, sich in dem traulichen Laternenschein einem ununterbrochenen Gespräche hinzugeben, von dem ich leider nichts verstand, von dem ich übrigens auch nichts verrathen würde. Nach l^stündigem Aufstieg glaubten wir die Laternenbegleitung entbehren zu können. Die Jungfrau empfing ihren Lohn, nahm Abschied und eilte leichtfüssig wie eine Gemse bergab. Bald konnten wir nur noch ihr Licht erkennen; in lustigen Sprüngen tanzte es über den Schnee und das Geröll hinweg,, und je mehr es sich in das Dunkel des Thales vertiefte, um so heller schien es zu funkeln, als wollt » es uns verlocken, doch wieder herabzukommen. Bald schien es erloschen, dann glitzerte es auf einmal wieder auf, und dieser Irrlichtspuk in der traurigen Einöde der Mattmarklandsehaft hatte etwas so Fesselndes, dass wir uns immer wieder nach ihm umwenden mussten. Erst als er dauernd verschwunden war, nahm unser Marsch eine gleichförmige Bewegung an. So dringt künstliches Licht selbst in die Gletscherwelt hinein, und die Rastlosigkeit des modernen Lebens wandelt auch im Gebirge die Nacht zum Tage.

Während dieser Laternenerinnerungen ist nun unsere Rimpfischhornpartie ein erhebliches Stück vorwärts gekommen. Das ist eben das Schöne beim Wandern hinter der Laterne, dass man noch ein wenig träumen und den Process des Erwachens mit Behagen vollenden kann. Ich zähle die Marschstunden erst von der Zeit an, da die Laterne gelöscht wird. Der Process des Erwachens hatte uns aber nicht verhindert, von Zeit zu Zeit zurückzublicken, um das allmähliche Hellwerden des Matterhorns zu verfolgen. Dieser Anblick ist um so lohnender, als es der einzige Berg ist, der von hier aus im Westen erscheint, und daher Alles ringsumher noch in tiefem Schatten bleibt, während an ihm die ersten Sonnenstrahlen sich ankündigen. Wir schritten noch in nächtlichem Dunkel, als sein Firn schon in einem Hauch von Rosa zitterte, und wie wir bei den letzten Hütten von Findelen die Laternen löschten, da war es von der Vollglut der aufgestiegenen Sonne übergössen. Es gibt keinen schönern Standpunkt für das Matterhorn, als diese Abhänge der Findelenalp. Es erscheint hier schlanker, gerader auf- steigend, ich möchte sagen edler in der Form, als von Zermatt. Von Zermatt aus erregt mir sein Bild, ich weiss nicht, ob nur durch die Association mit den Unglücksfällen, die Vorstellung des Tückischen: seine Spitze ist etwas abgeplattet und neigt sich gegen Südosten, als wolle sie zur Besteigung laden, um sich dann plötzlich aufzurichten und die Opfer in den Abgrund zu schleudern.

Ueber die Fortsetzung unseres Weges kann ich kurz sein, da ich Sie nur auf die Abwechslung, die er bietet, aufmerksam machen möchte. Zunächst über bequeme Triften, dann über eine alte, zum Theil mit Gras bewachsene Moräne des Findelengletschers, weiter eine Geröllhalde hinauf, die mit prächtigen Felstrümmern überschüttet ist. Jetzt sind wir auf der obenerwähnten Grundmauer unseres Berges angelangt, welche auf der Karte Rimpfischwänge heisst. Nun am Seil über sanfte, dann steilere Schneefelder bis an den Fuss der eigentlichen Festung. Von hier genossen wir einen wundervollen Rückblick auf das stattliche, schroff aufsteigende Breithorn und die prächtig aufgethürmte, schneeumhüllte Nordspitze des Monte Rosa. Nun bringt uns eine lustige halbstündige Felskletterei auf eine Art von Terrasse des Rimpfischhorns; deren Boden ist wieder mit Schnee bedeckt und wird in einer Viertelstunde überschritten. Nun stehen wir vor unserer letzten Aufgabe, dem doppelzackigen Horn selbst. Seinen Fuss umgürtet ein ziemlich steiler Eishang, der sich an einer Stelle in einem breiten Couloir zwischen den Felsen hinaufzieht. Wir ersteigen ihn langsam, vorsichtig, indem wir tüchtige Stufen schlagen. Es entsteht ein Halt. Der Führer des Engländers, ein Berner, der an.der Spitze geht, überlegt, in welcher Richtung man das Couloir zu passiren und wo man von ~ dem Eise auf den Felsen überzutreten habe. Dr. Güssfeldt heisst ihn zunächst der links von uns aufragenden Wand entlang gehen und zeigt ihm an derselben den richtigen Angriffspunkt. Der Führer dagegen will sich in der Mitte des Couloirs halten und die Felsen erst später und zwar nicht links, sondern rechts wendend gewinnen. Er beharrt eigensinnig, so kräftig ihm Dr. Güssfeldt auch vorzustellen sucht, dass er sich des Weges sehr genau erinnere. Die Andern schweigen weislich still. Wir folgen dem Führer in die falsche Richtung, um den Zusammenhang der « Familie » nicht aufzulösen. Nun beginnt eine in der That nicht leichte Kletterei, aber zugleich muss hier meine Schilderung aufhören. Denn meine Aufmerksamkeit ist hier so vollständig durch die Einzelheiten der Bewegung in Anspruch genommen worden, dass ich von ihrem Schauplatz nichts mehr weiss. So viel ist mir geblieben, dass ich ungefähr alle Stellungen annehmen musste, welche der menschlichen Gliederpuppe möglich sind, und dass nicht nur mit Händen und Füssen, sondern ebenso sehr mit Knie und Arm gearbeitet wurde. Die Schwierigkeiten lagen hauptsächlich in den Platten, welche fast gar keinen, und dann wieder in dem verwitterten Fels, der sehr unsichern Halt gewährte. Da wir, acht Personen an drei Seilen, sehr steil über einander kletterten, konnte man schon der losen Steine wegen nur äusserst langsam vorrücken. Als wir eben einmal ohne ordentlichen Halt am Fels hafteten, hörte ich plötzlich einen Warnungsschrei von oben und sah einen grossen Stein auf uns herabstürzen; im gleichen Moment hatten sich auch schon Alle, so gut es eben ging, auf die Seite geworfen. Dr. Güssfeldt, der den Stein ablenken wollte, wurde am Arm, glücklicherweise nicht gefährlich, verwundet. Der erste Führer, unter dessen Füssen der Block gewichen war, betheuerte, ihn vorher auf seine Festigkeit geprüft zu haben. Interessant an dem Vorfall ist mir einmal die Blitzesschnelle, mit welcher sich Alle instinctiv in die thunlich beste Lage retteten, dann aber, dass in dem kurzen Zeitraum zwischen dem Erblicken des Steins und dem Moment, da die Gefahr vorüber war, eine Menge von Gedanken, wie ich glaube, durch mein Bewusstsein jagten. Ich sage « wie ich glaube », denn in diesen Dingen ist selbstverständlich die wirkliche Beobachtung ausgeschlossen, und die unsichere Erinnerung verlegt nur zu leicht Gedanken, welche erst nachher hinzugekommen sind, in die psychischen Erlebnisse jener paar Augenblicke hinein. Aber wenn auch nur ein Theil jener Vorstellungen thatsächlich in diesem Zeitraum gegeben war, so muss das Gehirn in solchen Fällen plötzlicher und grosser Erregung mit ungemein gesteigerter Geschwindigkeit functioniren. Noch bemerkte ich, dass mich, als das Auge dem in den Abgrund donnernden Steine unwillkürlich folgen musste, eine leichte Anwandlung von Schwindel befiel. Etwas Aehnliches empfand ich beim Abstieg über den Grat des Monte Rosa, als einem Engländer, der müde hinter mir kletterte, der Bergstock entglitt und hart am Kopfe meines Führers vorbei in die Tiefe Schoss.

Auch Andere haben mir mitgetheilt, dass sie das Fallensehen von Gegenständen zum Schwindel dispo-Tiire. Ob dabei die Störung auf Associationen mit der Vorstellung des Fallens oder auf einer rein sinnlich-optischen Wirkung oder auf beidem beruht, weiss ich nicht.

Wir gelangten ohne weitern Zwischenfall auf den Gipfel. Die ganze Kletterei hatte 2 Stunden 10 Minuten in Anspruch genommen. Die übrigens sehr tüchtigen Führer bekamen nun einige kräftige Dinge zu hören; der Berner, weil er sich, des Weges unkundig, die Oberleitung angemasst, die Walliser, weil sie sich von einem Fremden in die Irre führen liessen. Ich war überzeugt, dass keiner der Herren je vorher auf dem guten Rimpfischhorn gewesen war, und freute mich, dass mein Mann Imseng wenigstens davon Erklärung abgegeben hatte. Doch wurde nun bei Wein und Händeschütteln Versöhnung gefeiert und Amnestie gewährt.

Der Vorfall gab mir später noch Gelegenheit, zu erfahren, was für ein unheilvoller Fatalismus sich im Bewusstsein der durch ihre Frömmigkeit berühmten Walliser entwickeln kann. Als unten einmal in Anwesenheit einiger Führer von dem Steinfall gesprochen wurde, bemerkte Einer, das sei nur passirt, weil ein St. Niklauser dabei gewesen ( damit war mein erster Mann gemeint, der mit dem Stein nicht das Mindeste zu schaffen hatte ), die hätten immer Unglück, und ihm sei immer Angst, wenn er mit einem gehen müsse. Als ich frug, ob denn die St. Niklauser dem lieben Gott etwas zu Leide gethan, dass sie so schwer gestraft würden, hiess es nur, das sei nun einmal so, die hätten immer Unglück. Die Volksinduction hatte eben durch den Fall Brantschen eine neue und gewichtige Stütze erhalten, und es war ganz erfolglos, die Leute auf das Unsinnige und Sträfliche einer solchen Verallgemeinerung aufmerksam zu machen.

Die Aussicht war vollständig klar; sie gleicht der vom Dom.

Der Abstieg ging auf dem bessern Wege in 11fe Stunden von Statten, doch möchte ich ihn auch so nicht ohne Weiteres als leicht bezeichnen. Auf welche Weise ich z.B. ihn bewerkstelligen musste, mögen Sie aus dem Umstand ersehen, dass sich der Alles überblickende Meister hinter mir jeden Augenblick zu dem Zuruf genöthigt sah: « Aufrecht gehn, nicht sitzen! » Zu letzterer Bethätigung hatte ich freilich weniger Ursache, als der treffliche Reverend vor mir, der sich den dazu nöthigen Theil der Kleidung mit Leder hatte besetzen lassen. Von diesem Leder schien auchfreilich nur in den Ruhepausen — ausgiebiger Gebrauch gemacht worden zu sein; denn ursprünglich braun, war es durch zahllose Gravirungen silberfarben geworden, so dass es beim Aufstieg wie ein Mond auf uns hera.bgeleuchtet hatte. Als wir an den Eishang gelangten, fanden wir so prächtige Stufen, dass es hinunterging wie auf einer Treppe. Es hatte nämlich beim Aufstieg jeder von den hintern sieben Männern an den Stufen, die der erste schlug, ein wenig nachgebessert, so dass sie schliesslich zu ordentlichen kleinen Lehnsesseln wurden.

Am Abend wieder auf der Moräne des Findelen- gletschers angelangt, lockerten wir die Bande unserer Familie, weil ihre Mitglieder unabhängig, ein Jedes auf seine Weise, den Rest des Weges zurücklegen wollten. Das Geheimniss meiner Art, nach Hause zu gehen, beruht auf ausserordentlicher Langsamkeit. Zunächst muss irgend ein freundlicher Bach oder See ein Bad gewähren; dann wird mit aller nur möglichen Gemächlichkeit bergab geschlendert. Das ist übrigens leichter gesagt als gethan. Wenn das Hauptwerk des Tages vorüber ist, verfallen die Führer gern in einen geschäftsmässig beschleunigten Schritt, und ich bin früher manchmal, ein willenloses Schaf, unmuthig hintennach getrabt. Unschön an der neuern Entwicklung der Bergsteigern ist überhaupt das Schablonen-hafte, das sie annimmt; man « macht » die Gipfel nur zu oft nach Recepten: « Hier gehe langsam, da schnell, dort frühstücke, an jenem Punkt ruhe wieder, da betrachte die Aussicht und hier achte auf deinen Weg. Nimm das und das mit. Brich pünktlich um 2 Uhr auf, bleibe nicht länger als eine halbe Stunde oben, und sei zur table d' hôte um 6 Uhr zurück. » Ich habe mir erlaubt, solche Verschreibungen gelegentlich in aller Sanftmuth zu zerreissen. Sobald wir auf dem Heimweg in einen wirklichen Pfad gelangen, dämpfe ich zunächst den Bewegungstrieb der Führer durch ein paar Cigarren, bitte sie, auf grosse Entfernung hinter mir zurückzubleiben, sich gemüthlich mit einander zu unterhalten und sich im Uebrigen nicht mehr um mich zu kümmern. Ich ruhe mich nicht besser aus, als wenn ich allein und langsam durch die Abendlandschaft wandere; alle Anstrengung schwindet, und doch nimmt die Thätigkeit der aufgeregten Sinne einen erquicklichen Fortgang, kann sich allmählich vermindern; die Gluth des versengten Gesichtes kühlt sich, die Blutbewegung wird massiger — Alles bereitet uns auf einen gesunden Schlaf, den der hastige Gänger nachher viel schwerer findet. Und wie wohlthuend erschien mir an jenem Abend die Rückkehr aus der erhabenen Firnwelt in das lieblichere Reich der Pflanzen! Wenn wir von Neuem auf den weichen Wiesen schreiten, den würzigen Heuduft trinken und das Auge an der Farbenpracht der Blumen erholen; wenn der Lärchenwald uns umfängt, dann wieder die Abendwolken durch das dunklere Grün der Arven funkeln; wenn steile Kartoffelfelder uns an den menschlichen Fleiss erinnern und überhangende Roggenhalme die Stirne streifen, wenn das Gesumme und Gezirpe des kleinen Thier-lebens das Ohr wieder freundlich trifft — so schwebt uns die Frage durch die Seele, ob wir die glänzenden Schneegipfel nur geschaut, um die Anmuth des Thales noch schöner zu finden. Auch scheint es mir einen eigenthümlichen Reiz zu gewähren, die Gegend, die man am Morgen durchschritt, als sie zum Licht erwachte, am Abend in ihre dunkle Ruhe zurücksinken zu sehen. Indem sich der Kreislauf des Tages vor unsern Blicken vollendet, ist es dem geistigen Auge, als ob die in dieser Frist empfangenen Eindrücke in einen Rahmen träten, um sich uns geordneter und dauernder zu erhalten.

Wem es auf dem Rimpfischhorn gut ergangen, der mag sich nun auch am Rothhorn von Zinal versuchen. So dachte ich freilich nicht, bevor ich auf letztem wirklich gewesen war. Schon die Taxe von Fr. 80 hatte mir vor jenem Berge eine heilsame Scheu eingeflösst. Ich war daher höchlich erstaunt, als an dem schönen Morgen des 2. September ein Freund von mir, der seine Kräfte vorher nur an dem leichten Breithorn erprobt hatte, erklärte, er werde Nachmittags für das Rothhorn ausziehen. Ich rieth ihm ab, allein die Aussicht auf die so lohnende Tour entwickelte in seinen Führern eine Beredtsamkeit, der ich nicht Stand halten konnte. So brachen sie denn nach dem Essen auf, um ihr Bivouac im sogenannten Triftje zu erreichen; sie waren mit Ueberröcken, Decken und Kochgeschirr ausgerüstet, als ob sie eine meteorologische Gebirgsstation für den Winter hätten beziehen wollen. Ich gab ihnen meinen Segen mit einem Gefühl, das aus Neid und Bewunderung gemischt war. Das Nächtigen im Freien war mit ein Grund, der mich gegen das Rothhorn einnahm; denn ich hatte in dem Freilager unter den Felsen des Dom nicht eben ermuthigende Erfahrungen gemacht. Da sie aber doch nicht reizlos sind, will ich sie mit einem Worte berühren.

Wir übernachteten bei der Dombesteigung nicht an der Stelle, welche Tschudi angibt und die sich etwa 2 V2 Stunden oberhalb Randa befindet. Es liegen dort auf einer Trift ein paar Felsblöcke, deren überragender First einigen Schutz gewährt. Wir sahen darunter Matratzen von Tannenreis ausgebreitet. « Die sind gut », bemerkte Führer Petrus, « und werden jedes Frühjahr gewendet. » Allein wir wollten einen grössere Weg hinter uns wissen und stiegen zwei Stunden höher 13 zu den kahlen, schroffen Wänden der Festi. Vielleicht 1200 m über Randa zeigt sich, in den Fels gesprengt, ein natürliches Schlaf gemach, dem nur die westliche Mauer fehlt. Schmal wie eine Koje, kann es der Tiefe nach nur Einen aufnehmen, und auch der darf nicht zu unruhig schlummern, denn der grüne Teppich, auf welchen er fallen könnte, liegt in schwindelnder Tiefe. Während des ganzen Marsches hatte Südwestwind geweht, und als wir hier oben anlangten, war der beste Theil des Horizonts durch Wolken verhängt. Und doch musste der freie Ausblick von unserm Lager entzückend sein, denn ihm gegenüber, nur durch das Nicolaithal von ihm getrennt, erhebt sich der obenerwähnte gewaltige Gebirgszug, hinter welchem das Einfischthal gelegen ist. Unsere Kochkunst und die Witze von Joh. Petrus kürzten uns die Zeit bis zum Dunkelwerden; dann hüllte ich mich in die Decken, Mitten in langen Versuchen, den Schlaf zu erzwingen, schien es mir, als ob es plötzlich hell werde. Die Augen gingen auf, und ich sah, dass der Mond aus den Wolken getreten war und die wilde Jagd der Nebel beleuchtete, welche an unserer Felswand vor-beitrieben. Mit einem Male zertheilten sich diese Nebel und ich sah — auf dem rechten Ohre liegend — alle jene Gipfel vom Gabelhorn bis zum Brunegghorn mit ihren mächtigen, zum Thal abstürzenden Gletschern im vollen Mondschein erglänzen. Ueber dem Nicolaithal wogte tief unter mir eine dichte Nebelschicht. Die Wirkung dieses Schauspiels war um so lebhafter, als die Augen sich im Dunkel erholt hatten und ausserdem das Bild, meiner Ruhelage wegen, auf ungewohnte Theile der Netzhaut fiel. Nun war es mit dem Schlafe vorbei. Zwar wallte der Nebel bald wieder auf, aber der Blick blieb an den weissen Vorhang gefesselt und wartete, bis er sich von Neuem zertheile. Wieder entstand ein Riss — aber jetzt leuchtete nur das Weisshorn heraus, dessen breite Schneepyramide von Silberglanz übergössen war. Und nun trieb der Nebel ein wundersames Spiel. Bald zog er einen dünnen Schleier vor das Weisshorn, durch den es kaum wahrnehmbar hindurchschimmerte, bald liess er es in ungetrübtem Mondschein auffunkeln; dann entzog er es dem Blicke gänzlich, um es im nächsten Augenblicke in dem zitternden Dufte neu entstehen zu lassen. Der geisterhafte Berg schien bald gegen mich heranzu-rücken, dann wieder in die Ferne zurückzutreten; bald schien er sich zu Riesengrösse auszudehnen, dann schwand er wieder zu einer kleinen Spitze zusammen. Und die ganze Nacht bekam ich keinen andern Gipfel zu sehen. So fiel ich zuletzt in einen Traum mit offenen Augen, in welchem dieser Sinneseindruck die einzige Rolle spielte. Am Morgen aber war ich so müde, dass ich mich kaum auf den Gipfel des Dom hinaufschleppen konnte.

An diese Nacht wurde ich lebhaft erinnert, als ich meinem Freunde für sein Bivouac guten Schlaf wünschte. Kaum waren sie fort, so trat die Versuchung in Gestalt von Aloys Imseng an mich heran.

« Ihr könnt bei diesem schönen Wetter nicht zu Hause bleiben », meinte er, « es gibt dann wieder genug Regen. Franz Joseph Andermatten will mit uns auf das Rothhorn gehen; er ist ein guter Führer, und wenn ihr nicht gern in den Felsen schlaft, so gehen wir morgen etwas zeitiger von Zermatt weg. » Letzterer Punkt wirkte mehr als die Macht der übrigen Rede; ich willigte ein und ging früh zu Bette, was Einem in Zermatt nicht schwer wird. Der Ort hat in dieser Hinsicht bedenkliche Aehnlichkeit mit Karlsbad. In Zermatt, diesem Mittelpunkt alpiner Arbeit, wo man nichts sinnt und nichts verhandelt, als Fels und Eis, wo nur Gattinnen und Mütter, und auch diese nicht immer, im Thale bleiben, wird der Schlaf zur Pflicht. Am Abend hat Jedermann von einer Leistung auszuruhen oder für eine solche Kräfte zu sammeln, und der müssige Zecher findet keine Genossen. Wer keine Unternehmung hinter sich und keine vor sich hat, der muss sich in diesem Treiben verlorner vorkommen, als wenn er geschäftlos durch die City von London schlendert.

Die drei Stunden im Bette waren besser, als eine Nacht in den Felsen, und ich machte mich in der Frühe des 3. September um halb 2 Uhr in vorzüglichster Stimmung auf den Weg. Da es in der Schweiz, so viel ich weiss, 12 und im Wallis allein 7 Rothhörner gibt, so muss das zu besteigende mit einem Worte gekennzeichnet werden. Der Besuch galt dem Zinal-Rothhorn, welches auch Moming heisst. Es liegt in jener Kette zwischen Einfisch- und Nicolaithal und erreicht eine Höhe von 4223 m. Gegen Norden ist es vom Schalihorn durch den Momingpass getrennt, auf welchem der Hohlicht- und der Mominggletscher sich vereinigen. Südlich hängt es durch einen Felsgrat mit dem niedrigem Trifthorn zusammen. Gegen Osten und Süden wendet seine Pyramide stotzige Felsabstürze, deren Fuss sie in den Hohlicht- und den Rothhorngletscher versenkt. Auf der westlichen, der Zinalseite dagegen ziehen sich steile Firnhänge bis zum Gipfel hinauf.

Der Weg zum Rothhorn ist noch reicher an Abwechslung als derjenige aufs Rimpfischhorn. Schon dadurch bietet er Neues, dass er uns an die westliche Wand des Zermatter Thales führt.

Wir stiegen in hellem Mondlicht die nordwestlich von Zermatt sich erhebenden Felshänge und Grashalden hinauf und massen unsern langsamen Fortschritt an dem allmählichen Sinken des gegenüberliegenden Riffelhauses. Dieser Rückblick zeigte uns, wie nach und nach die Gipfel des Breithorns, des Lyskamms, des Monte Rosa jenseits des Riffel hervortraten, und es war überraschend, die bekannten Häupter, welche ich früher nur hinter Gletschern erblickt hatte, nunmehr über einen grünen Vorberg herunterschauen zu sehen. Dass in Zermatt selbst der Blick so beengt ist, erhöht den Genuss des Steigens; man kann schon von Anfang an eine Entwicklung der Aussicht beobachten, und ich habe an dieser Entwicklung von jeher mehr Freude gehabt, als an der vollendeten Rundschau des Gipfels. Mehr als der Wanderer im Thale sieht der Bergsteiger die Landschaft sich stetig verändern und bereichern. Nach jedem Fortgang tritt etwas Neues in das Bild hinein und wird der Zusammenhang des Alten klarer. Und während er wandert, eilt die Sonne ihren schnellere Lauf. Die Schatten verschieben sich, die Farben wechseln, die gleichen Gestalten erscheinen in immer neuer Beleuchtung, und diese auf einander folgenden Bilder fliessen ihm zu einem Gesammteindruck zusammen, der ihn das Wunderwerk mehr und mehr in seiner vollen Körperlichkeit erfassen lässt.

Aber all das kann man nur geniessen, wenn man langsam marschirt. Allein mein rüstiger Führer Franz Joseph war immer weit voran. « Nicht so hässig rief ihm Imseng oftmals nach.

« Ich kann nicht langsam gehen, wenn ich der Erste bin, » antwortete er und hiess den Imseng schliesslich an die Spitze treten. Fast alle Führer, mit denen ich zusammengekommen bin, waren mir zu schnell. Ich fing daher an, vor einer Besteigung zu fragen: « Wie viel rechnet man da hinauf? » « Sieben Stunden, Herr, » war vielleicht die Antwort.

« Gut, wenn wir weniger als neun gebrauchen, so gibt 's kein Trinkgeld. » — Ich glaube, dass die Uebereilung zu den Ursachen der sogenannten Bergkrankheit zählt. Auf der Dufourspitze hatte ich ein förmliches Lazareth gefunden; ein Engländer, ein französischer Schweizer und ein Oesterreicher lagen unwohl. Ich hatte die Letztern beim Aufstieg beobachten können, und der Führer theilte meine Ansicht, dass sie viel zu hastig gingen. Johann Petrus, der den Monte Rosa sehr häufig bestiegen hat, machte mich sogar auf eine Stelle aufmerksam, die nach seiner Erfahrung besonders verhängnissvoll sei. * Jetzt legt Euch einfach in 's Seil, ich werde Euch eine Zeit lang nachziehen; hier werden Viele krank. » Da diese Stelle ein zwar steiles, aber keineswegs Schwindel erregendes Schneefeld ist, so scheint hauptsächlich die Ueberanstrengung zu wirken, und es könnte somit die Krankheit durch gemächliches Gehen vermieden werden. Eine eigenthümliche Eitelkeit scheint Manchen abzuhalten, das seinem Behagen entsprechende Tempo zu bestimmen.

Inzwischen waren wir im Triftje bei dem verlassenen Schlafgewölbe meines Freundes angekommen. Vor uns öffnete sich ein Gletschercircus, vom Trifthorn, dem Triftjoch und vom Gabelhorn begrenzt, dessen wilde, im Morgenlicht roth glänzende Zacken sich vom Blau des Himmels prächtig abhoben. « Bis dahin weiden Kühe », sagte der Führer, « aber weiter gehen nur noch die Schafe.Viel Weide haben sie gewonnen, seit die Gletscher so zurückgegangen sind. » Bald kamen wir zu einem grossen zertrümmerten Felsblock.

« Das ist der frühere Schlafplatz gewesen », erklärte Franz Joseph; « Jedermann hat diesen Felsen für die sicherste Zuflucht gehalten. Da ist vor drei Jahren ein grosser Stein heruntergekommen und hat den Felsen in diese Stücke zerschlagen. » Einmal hätten hier, so erzählte der Führer weiter, zwei Partien übernachtet. Am Morgen wollte keiner der Führer zuerst aufbrechen, sondern jeder den andern vorausgehen lassen. Zuletzt stellte sich heraus, dass Keiner von ihnen auf dem Rothhorn gewesen war und Jeder sich auf die Wegkenntniss des Andern verlassen hatte. Da beschlossen sie, den Weg gemeinsam zu suchen und kamen glücklich hinauf.

Der Grat einer beidseitig steil abfallenden Moräne führte uns zum Triftgletscher.

« Gehen hier auch noch Schafe? » fragte ich Freund Andermatten.

« Nein, Herr, hier gehen meistenteils nur nocb Eeisende. » Wir waren erstaunt, den Gletscher mit Hagelkörnern übersäet zu finden; wir hatten unten nichts von einem Sturm verspürt. Den Weg zum Triftjoch links lassend, traten wir auf den Rothhorngletscher über und schritten längs einer steilen ( auf der Karte verzeichneten ) Felswand, welche vom Gletscher durch einen breiten Schrund getrennt war. Die Sonne warf unsere Bilder senkrecht auf den rothen Felsen, und so kühn, so leicht schwebten die drei Schatten an dem Abgrunde dahin, dass ihre Originale sie um ihre Sicherheit beneideten. Wo der Schrund sich fast schliesst, muss auf die Felsen hinübergesprungen werden. Dort lag auf einem kleinen Vorsprung ein schöner Winterüberzieher und erzählte, dass mein Freund sich von seinem kühlen Nachtlager erholt habe. Nun wurde ich an 's Seil « geheftet p, wie die Führer sagen, und wir kletterten an der fast senkrechten Wand hinauf. Um 7 Uhr 15 Minuten hatten wir das obere Stockwerk des Rothhorngletschers erreicht.

Während wir nun, die Stufen der Vorgänger nach-bessernd, den steilen, mit einer dünnen Schneekruste überzogenen Gletscher hinansteigen, möchte ich Ihnen meinen ersten Führer vorstellen. Franz Joseph Andermatten ist ein Mann vom alten, seltenen Schlage. Er liebt nicht nur den Tarif, sondern auch die Berge.

Wohl freut er sich, dass in Saas die Früchte 14 Tage früher reifen, als vor 20 Jahren; aber er fand es doch schöner, als die Gletscheralp noch von Eis umgürtet war. und der Gornergletscher sein prächtiges Heer von blauen Zacken trug. Wie ich ihn nach dem Führerbuche fragte, lachte er: « Ich bin zu alt für ein Buch; wer mich nicht kennt und mir nicht traut, soll einen Andern nehmen. » Er beobachtet gut, erzählt freundlich und nimmt an Allem Theil, was man ihm berichtet. Den Sport versteht er nicht, die Berge in Sturm und Nebel zu zwingen; er wandert gern, wenn es schön ist, kehrt lieber um, wenn 's schlecht wird. So sehr ihm das Matterhorn gefällt, nicht um tausend Franken würde er auf der italienischen Seite hinuntersteigen; dem fremden Seil, welches das Unwetter oder irgend ein Schuft zerstören kann, vertraut er sich nicht an. Als ich ihn für das Rothhorn angeworben hatte, sagte er zu meinem Erstaunen, für ihn brauche ich keinen Proviant mitzunehmen. Ich that es natürlich doch. Allein ich konnte ihn in der That kaum bewegen, ein Glas Wein oder einen Bissen Fleisch zu nehmen. « Viele meinen, sie kommen schon auf die Berge, wenn sie nur recht fressen und saufen; mir ist am wohlsten so. » Dafür sah ich ihn dann am nächsten Tage, wo er sich doch auf eigene Kosten zu nähren hatte, einen so gewaltigen Hunger entwickeln, dass er die Ess-stunde kaum erwarten konnte.

Das Verhältniss zwischen Herr und Führer ist so eigenthümlich, dass es wohl in der Mannigfaltigkeit der geselligen Beziehungen, welche das Leben bietet, einzig dasteht. Ich nehme den Führer in Dienst und dieser wird mein Meister. Wir wählen aus Dutzenden einen schlichten Mann und stellen moralische Anforderungen an ihn, wie sie in der Welt überhaupt nicht allzu häufig erfüllt werden. Oft kennen wir ihn kaum und anvertrauen ihm unser Leben, und der Führer muss mit dem Fremden gehen, den er zum ersten Mal sieht und der ihn durch einen Fehltritt in 's Verderben reissen kann. Und Beide sind oft tagelang zusammen, der Mann ohne sogenannte Bildung und sein cultivirter Herr. Sie theilen die Arbeit, die Mahlzeit, die Ruhe mit einander, sie sind in der Unterhaltung auf einander angewiesen. So geartet ist dieses Verhältniss, dass es im einzelnen Fall entweder höchst unerquicklich oder geradezu freundschaftlich werden muss. Und wo sich dieser Verkehr nicht gut gestaltet, da leidet nicht nur die Form, sondern auch der Inhalt der Reise. Der Führer ist das Organ, durch welches der Geist einer Gegend zu uns spricht. Wenn wir es verstehen, dieser Stimme zu lauschen, so wird uns die Landschaft, die wir durchwandern, zu einem Schauplatz menschlichen Daseins. Würde solchen Erfahrungen eine ebenso allgemeine Aufmerksamkeit geschenkt, wie etwa dem Pfeifen der Murmelthiere oder dem Springen der Gletscherflöhe, so dürfte die Einsicht verbreiteter sein, dass in dem Stillleben der Alp und des Gebirgsthales, wenn auch in einfacherer Form, dieselben geistigen Kräfte wirksam sind, die unsere eigene grössere Welt störend und fördernd bewegen. Mittlerweile waren wir auf den Grat übergetreten, der sich vom Rothhorn nach Südosten zieht und welcher den Hohlicht- vom Rothhorngletscher scheidet. Seine Höhe wurde um 8 Uhr erreicht. Von hier aus erblickten wir zum ersten Mal unser Ziel, die jäh aufragende, furchtbar gesprengte Pyramide des Rothhorns, an deren Fuss wir über unsern Grat hin gelangen mussten. Dieser Grat war zunächst felsig und bot dem Fuss überall festen Stand. Nachher ging er in einen schmalen Firnkamm über mit durchscheinenden Ueberhängen, die aber vermieden werden konnten. Links und rechts steile Abfälle nach den Gletschern. Um 9 Uhr 20 Minuten standen wir am Fuss der Pyramide. Der angelehnte Bergstock meines Freundes bedeutete uns, dass nun der Hände Werk beginne. Schräg in die Höhe kletternd gelangten wir an ein firnbedecktes Couloir von etwa 60° Neigung. Bei günstigen Schneeverhältnissen mag es der beste Weg nach oben sein. Da wir aber unter der dünnen Schneedecke blankes Eis vorfanden, traversirten wir es in horizontaler Richtung und kletterten an der jenseitigen Felswand weiter. Das Gestein war fest, und da das Seil genügende Länge hatte, fand immer Einer von uns Dreien guten Halt; nur einige Platten machten Schwierigkeiten. Um 10 Uhr traten wir auf einen Sattel, der uns mit einem Male die schwindelnde Aussicht nach Zinal eröffnete; zugleich wurde zur Rechten die ungemein steile Fortsetzung unseres Kletterweges sichtbar. Hoch oben klebte mein Freund mit seinen Führern und bewegte sich langsam, langsam herab. Wir arbeiteten uns vorsichtig in die Höhe und kreuzten mit dem Freund an einer Stelle, die zu ungemüthlich war, als dass eine längere Unterhaltung sich hätte entspinnen mögen. Als ich bei einer Abdachung des Grates die höchste Erhebung erreicht zu haben glaubte, stieg plötzlich noch einmal ein schroffer Zacken auf, der die ganze Breite des Grates einnahm. Da dieser Zacken noch nicht die höchste Spitze war, musste er überklettert oder, sei es links, sei es rechts, umgangen werden. Wir wählten trotz des Zurufs der andern uns beobachtenden Führer die linke Seite, vor welcher ich jeden Nachfolger warnen möchte; wir fanden beim Abstieg die andere viel leichter. Imseng, der sich auf dem ganzen Wege als sehr tüchtiger Kletterer erwiesen, ging voran und rief, als sein Seil abgewickelt war, ich solle nur ruhig nachkommen. Als ich die ersten schwierigen Schritte an der Wand hinuntergestiegen war, merkte ich, dass sie überhange. Ich klammerte mich mit beiden Händen an, der Oberkörper musste sich nach rückwärts überbeugen und der Fuss seinen Halt ertasten. Jeder weitere Schritt kostete mich minutenlanges Probiren, und ich war froh, dass ich am Hinterkopf keine Augen besass, denn ich hätte in einen erschreckenden Abgrund blicken müssen. Uebrigens war die Sache nur unbehaglich, nicht gefährlich, da beide Führer sichere Posten innehielten.

Die Spitze wurde 12 Uhr 40 Minuten erreicht. Wir hatten die von mir gewünschten zehn Stunden gebraucht, und davon mag eine auf Ruhepausen entfallen.

Die Aussicht fand ich grossartig und neu; das Rothhorn bietet, seiner Lage gemäss, eine treffliche Ergänzung zu dem bisher Erwähnten. Vor Allem staunte ich über die Dent d' Hérens und die Dent Blanche, die ich noch nie so nah, so gewaltig gesehen. Die Savoyer Berge erscheinen bedeutend, die Berner sind fast ganz durch das breite Weisshorn verdeckt. Im Osten glänzte in unvergleichlicher Majestät und Schönheit der Dom.

Mit Mühe konnte ich einen Aufenthalt von 40 Minuten erlisten; das schien mir nach zehnstündigem Aufstieg und in der windstillen Sonnenwärme eine ärmliche Frist. Auf Monte Rosa war ich 7 M Stunden, ausserdem am- Sattel noch eine Stunde, auf dem Dom 1 Va Stunden geblieben, zur Verwunderung der Führer. Aber diesmal hatten meine Leute Recht, wenn sie drängten, denn beim Hinabklettern vom Rothhorn lässt sich keine Zeit gewinnen.

Ich stellte nun die strenge Forderung, dass immer nur Einer sich bewege, was beim Aufstieg nicht genau genug beobachtet worden war, und that keinen Schritt, bevor ich sah, dass die Andern sich ruhig hielten.

« Auch wünsche ich gemächlich zu klettern, Franz Joseph, » sagte ich, « und will nicht wie ein Mehlsack am Seil hinuntergelassen werden. » Die Mehlsack-methode wird häufiger verwerthet, als mancher begeisterte Zuhörer sich träumen lässt. Ich verdiente mir denn auch vom alten Führer ein Lob für mein « Seilen », wie er es nannte. Ich halte es für die Pflicht des in der Mitte Gehenden, dass er das Seil in Ordnung hält; er kann dadurch den Führern die schwere Arbeit erleichtern und wesentlich zur Sicherheit des Ganzen beitragen.

Nach vier Stunden befanden wir uns glücklich auf jenem Grat über dem Rothhorngletscher, und ich war von der Tüchtigkeit meiner Leute höchlich befriedigt. Der obere Theil des Gletschers musste umgangen werden, da er inzwischen von glattem Eis überfroren worden war und wir bis in die Nacht hinein grosse Stufen hätten schlagen müssen.

Als wir in der Dämmerung am Anfang der grossen Moräne anlangten, wurden wir von einem lustigen Feuer begrüsst. Daneben war ein Zelt aufgeschlagen. Vor dem Zelt sass eine Engländerin, um das Feuer standen drei Führer. Wieder ein eigenthümliches Verhältniss, das zwischen Herrin und Führer. Sie bivouakirte für das Rothhorn. Wir sagten ihr auf Befragen, dass der Berg in gutem Zustande sei.

Es wurde dunkel. Bald sahen wir vom Schlafplatz im Triftje ein noch helleres Feuer herüberstrahlen. Dort fand ich meinen Freund und einen seiner getreuen Führer, die selbstgekochte Chocolade geniessend. Vom Rothhorn ermüdet, hatte er beschlossen, eine zweite Nacht zu Felde zu liegen und die nöthige Ruhe in den Felsen zu suchen.

Wir steckten eine Kerze in eine Flasche und suchten unsern Weg durch die Finsterniss. Aber die Felsen und Halden, die wir im frühen Mondschein so leicht erklommen, wurden in dem tiefen Schatten schwierig, und noch einmal mussten wir das Seil anlegen.

Um 10 Uhr langten wir in Zermatt an und wurden von unserm Hotel Monte Rosa mit gewohnter Freundlichkeit empfangen. Ich kann nicht umhin, der Liebenswürdigkeit und Zuvorkommenheit, durch welche die Familie Seiler ihre Gäste, und nicht am wenigsten ihre Landsleute, erfreut, mich an dieser Stelle dankbar zu erinnern.

Indem meine flüchtige Skizze zu dieser genussreichen Besteigung auffordert, möchte sie nicht eine Unterschätzung des Rothhorns verschulden. Wenn man diesen Sommer eine recht tüchtige Tour gemacht zu haben glaubte, so erfuhr man nachher von Kennern in Zermatt, das sei wegen der aberen Felsen ein Kinderspiel gewesen. Ich kann somit nicht urtheilen. Das Rothhorn möchte, wenn eine Eiskruste die Felsen überzieht, gefährlich, wo nicht unzugänglich werden. Unter allen Umständen setzt es eine gewisse Uebung voraus, ohne welche man auf der Zermatter Hochschule überhaupt nicht zu einem vollen Geniessen gelangen dürfte. Wer vom Uetliberg direct nach Zermatt fährt und dann von einer sonnenverbrannten Tischnachbarin gefragt wird, wann er das Matterhorn zu besteigen gedenke, den wandelt ein leises Grauen an. Für das nöthige Maass von « training » scheint mir kein Ort geeigneter zu sein, als das Saasthal. Dort verwirrt den Anfänger kein Fremden- und Führergewühl, und bescheidene und entzückende Berge, wie Monte Moro, Joderhorn, Stellihorn, ermöglichen eine allmähliche Erziehung der Kräfte. Hat man ein paar Tage in Saas oder in dem schauerlich einsamen, aber guten Hause von Mattmark verweilt, so bietet das neue Weissthor den herrlichsten Uebergang zum Schauplatz grösserer Thaten. Auf seiner Passhöhe eröffnet sich mit einem Male das Gebiet des Gornergletschers in wunderbarer Schönheit.

Will man Zermatt, wie man es begrüsst, mit einem grossen Eindruck verlassen, so wüsste ich keinen schönern Heimweg als den Alphubel. Dieses schneebedeckte, 3800 m hohe Joch liegt schmal zwischen einer firnbehangenen Wand des Alphubelhorns und einem Ausläufer des Allalinhorns, der ebenfalls vergletschert ist. Sieht man scheidend nach Zermatt zurück, so geniesst man ein weissumrahmtes, abgeschlossenes Bild. Vom Matterhorn bis zum Weisshorn treten jene Berge der westlichen Gruppe, mit der ich mich zuletzt und am meisten befreundete, zu einer gestaltenreichen, leuchtenden Reihe zusammen. Als ich mich von diesem Bilde trennen musste, ging ich das sanfte Schneefeld rückwärts schreitend hinab. Langsam hob sich vor mir das weisse Joch wie ein dem Boden entsteigender Vorhang. Eine Bergspitze nach der andern wurde dem Blicke verhüllt. Zuerst versank das Rothhorn, später die gewaltige Dent Blanche. Lange glänzte der Montblanc über den weissen Saum, dann strahlte noch der Gipfel des Matterhorns seinen Gruss herüber. Als auch von ihm das höchste Pünktchen im Schnee erloschen war, zeichnete sich die Passhöhe heller schimmernd vom dunkeln Blau des Himmels ab.

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