Aus dem Leben der Gesteine

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Mit 4 Bildern ( 227—230Von Heinrich Buchmann

( Basel ) Wir zählen die Gesteine, und ganz besonders den Granit, zum widerstandsfähigsten Stoff, den unsere Erde aufzuweisen vermag. Betrachtet man die Kletterwände auf Bild 1, so wird man unwillkürlich an die Goethe-Worte erinnert, die er, auf einem nackten Gipfel sitzend, ausgesprochen hat. Er sagt dort vom Granit:

« Hier ruhst du unmittelbar auf einem Grunde, der bis zu den tiefsten Orten der Erde hinreicht, keine neue Schicht, keine aufgehäuften, zusammen-geschwemmten Trümmer haben sich zwischen dich und den festen Boden der Urwelt gelegt, du gehst nicht wie in jenen fruchtbaren, schönen Tälern über ein anhaltendes Grab, diese Gipfel haben nichts Lebendiges erzeugt und nichts Lebendiges verschlungen, sie sind vor allem Leben und über allem Leben. » Damals dachte man vom Granit, dass er das Ur- oder Grundgebirge, das erste feste Gerüst des Erdballs darstelle und somit zum ältesten Bestand unserer Erdkruste gehöre.

Heute, nachdem die Untersuchungen der Petrographen sehr umfangreich geworden sind, hat man einsehen müssen, dass es neben sehr alten Blick von einem östlich gelegenen Vorgipfel auf denBild 1 Pzo. di Rodi ( 2700 m ), der zwischen dem obersten Valle Maggia und dem Val Peccia liegt. Die Gipfelpartie ist aus einem widerstandsfähigen, fast massigen Granit aufgebaut, der nach links ( SO ) in verschieferte Partien übergeht. Der Pzo. di Rodi ist einer der wenig bekannten Kletterberge der Nordtessiner-alpen, die von Locamo aus über Bignasco ( Schmalspurbahn ) und Fusio ( Postauto ) erreichbar sind.

227 - Aufnahme Heinrich Buchmann, Basel Art. Institut Grell Füssli A.G. Zürich Bild 3 Stark verfaltete Lagen in den während der Alpenfaltung durchbewegten und von granitischer Substanz durchtränkten Paragesteinen des oberen Maggiagebietes ( Nordtessin ). Die abgebildete Stelle befindet sich etwas nördlich oberhalb der Ortschaft Peccia.

12 blätterungserscheinungen an den Paragesteinen des iren Maggiagebietes ( Nordtessin ) durch jüngere Gra-i. Man beachte die Fliess- und Knüllfiguren, die teil-se zur „ Augenbüdung " geführt haben. Es ist dies 3 Fixierung in „ steinerner " Form von Gleitbe-jungen und Eindringen plastischer Massen auf resp. ichwach plastischen Schichten. Die abgebildete Stelle indet sich am Bergbach des Val Pertusio.

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V ( ìr'1*TWBild 4 Schollen eines älteren ( dunkleren ) Granits, die in einem jüngeren ( helleren ) schwimmen. Die Schollen können zur Hauptsache ohne Lücken zusammengefügt gedacht werden. Nur stellenweise scheint Material des älteren Granits assimiliert worden zu sein. Die abgebildete Stelle befindet sich im Nebental Pertusio des Valle Maggia ( Nordtessin ).

228/229/230 - Aufnahmen Heinrich Buchmann. Basel Art. Institut Orell Füssli A.G. Zürich AUS DEM LEBEN DER GESTEINE auch sehr junge, Berge aufbauende Granite gibt, die verschiedene Bildungs-geschichten besitzen können. So ist z.B. der dem Kletterer bekannte Bergeller Granit ein während der letzten Faltungsphasen der Alpen aufgedrungener Granitstock. Dieser hat in der Valle Maggia ( Tessin ) Verwandte. Die hier reproduzierten Bilder stammen aus diesem Gebiet. Diese Felswände sprechen eine für den Naturbeobachter schwer verständliche, jedoch interessante Sprache, auf die wir hier etwas eingehen wollen.

Für uns, am Zeitmaßstab der Natur gemessen, kurzlebige Menschen — was bedeutet schon die Zeitdauer einiger Menschengenerationen neben dem Alter unseres Planetenscheint es auf den ersten Blick kaum möglich, dass die starre Erdkruste sich faltet, teilweise überschiebt und gelegentlich von schmelzflüssigen Gesteinsschmelzen durchbrochen oder aufgeblättert und dabei umgewandelt ( metamorphosiert ) wird. Wohl vernehmen wir hie und da von der Tätigkeit eines Vulkans und den meist damit verbundenen Gross-beben, doch sind derartige Erscheinungen für den von uns bewohnten Teil der Erdkruste unbekannte Dinge.

Versuchen wir anhand der Bilder, uns Klarheit über Vorgänge im Leben der Gesteine zu verschaffen. Wenn schon geologische Ereignisse über Gebiete unserer Erdkruste hinweggegangen sind, so müssen sie sich zum mindesten teilweise daran abgebildet haben.

Bild 2 zeigt eine schlierige Gesteinsoberfläche, die aus dunklen und hellen Anteilen besteht. Die hellen Lagen sind Granit, der zur Hauptsache aus den hellen Mineralien Feldspat, Quarz und dem dunklen Glimmer ( Magnesium-Eisen-Glimmer = Biotit ) und untergeordnet auch noch aus einigen andern, nur mikroskopisch erkennbaren Gemengteilen ( Muskowit, Epidot, Zoisit, Orthit, Titanit und Apatit ) zusammengesetzt ist. Die dunklen Linsen und Lagen sind sehr reich an Biotit und teilweise auch an dunkelgrüner Hornblende ( Kalzium-Magnesium-Eisen-Aluminium-Silikat ). Will man diese Beobachtung deuten, so kann aus den geschilderten Verbandsverhältnissen geschlossen werden, dass die dunklen Partien gemäss ihrem Chemismus, ihrer Schichtlingsabbildung und andern Argumenten Reste von zu Schiefer und Gneisen umgewandelten mergelig-tonigen Gesteinen sind, sogenannten Sedimentgesteinen, wie sie heute auf dem Meeresgrund noch abgelagert werden. Der Fachausdruck lautet für derartige metamorphe Gesteine: Paraschiefer resp. Paragneise. Ihr wichtigstes Merkmal ist, dass sie nicht aus einer Gesteinsschmelze ( sogenanntes Magma oder Migma ) entstanden sind. Die abgebildeten Paragneise wurden durch eine schmelzflüssige oder gasförmige granitische Substanz aufgeblättert, teilweise aufgezehrt und verfaltet.

Bild 3 zeigt ähnliche Verhältnisse, jedoch mit stärkeren Faltungs- und Stauchungserscheinungen. Während des Eindringens der granitischen ( hellen ) Substanz müssen demnach starke Bewegungsvorgänge stattgefunden haben, die die älteren dunklen Anteile teilweise noch als zusammenhängende Lagen übriggelassen oder zu stark gequälten Linsen ausgequetscht haben.

Bild 4 zeigt etwas Neues. Glimmerreiche Schollen eines älteren Granits sind umflossen worden von einem glimmerärmeren, helleren Granit. Letzterer ist der gleiche wie auf Bild 2 und vermutlich auch wie auf Bild 3. Die AUS DEM LEBEN DER GESTEINT scharfen Kontaktlinien zwischen Scholle und Umgebung deuten darauf hin, dass das Schollenmaterial in festem Zustand aufgerissen wurde. ( Ein langsames Plastischwerden hätte zu verschwommenen Übergängen geführt. ) Es ist demnach einerseits aus den beobachteten Durchdringungsbildern zwischen den Paragneisen und den Granitlagern des Maggia-Gebiete s und andererseits aus ihrer heutigen Lage im Alpenkörper ungefähr folgende Bildungsgeschichte herauszulesen:

1. Vor dem Erscheinen der Granite gab es in diesem Teil der Erdkruste Sedimentgesteine, die als verfestigter Meeresschlamm ( von den Flüssen aus voralpinen ehemaligen Gebirgen als Flusstrübe in Meeresbecken transportierte, zu kleinsten Teilchen verarbeitete Gemengteile anstehender Gesteine ) aufgefasst werden müssen.

2. Diese Gesteine wurden überdeckt und gelangten so in grosse Erd. tiefen, wo Druck und Wärme sie zu Paragneisen und -schiefern umwandelten.

3. Nach dieser Belastungsmetamorphose müssen gebirgsbildende Bewegungsvorgänge diese Schichten zum Alpengebirge geformt haben. Dabei wandelte sich das Gestein von neuem um, weil es unter die Bedingungen einer Dislokationsmetamorphose gelangt ist. Während dieser Zeit sind die erwähnten dunklen Granite in diesen Schichtenkomplex eingedrungen und haben nach ihrer Erstarrung diesen Teil des Alpengebäudes verfestigt.

4. Weitere Bewegungsvorgänge ( letzte Faltungsphasen ) haben diesen starren Körper teilweise wieder aufgesprengt, und jüngere Granite ( helle ) sind nachgedrungen und füllen die entstandenen Klüfte und Spalten aus.

5. Diese aus der Tiefe stammenden Gesteine gelangten allmählich durch Abtragung des Darüberliegenden unter die Bedingungen der Erdoberfläche, wo sie durch Kräfte physikalischer und chemischer Art der Verwitterung anheimfallen. Ihre aus dem ursprünglichen Zusammenhang gelösten Bestandteile werden durch die Gletscher und Flüsse abtransportiert, dabei weiter zerkleinert und zur Hauptsache in grossen Ablagerungströgen, den Meeresteilen, sedimentiert.

Aus diesen fünf Punkten ergibt sich die Einsicht in einen Kreislauf, dem die anorganischen Stoffe unserer Erdkruste nach ewigen Gesetzen unterliegen. Es zeigt mit aller Deutlichkeit, dass die eingangs erwähnte Vorstellung Goethes von der Ursprünglichkeit aller Granite durch die moderne Naturwissenschaft widerlegt wurde und dass bei genauerer Betrachtung der Einzelheiten in unseren Kletterbergen dem Bergfreund nicht nur herrliche Gipfelrundsichten, sondern auch vielsagende Einsichten in die Lebensäusserungen der Gesteinswelt erwachsen. Möge durch diese Zeilen in manchem Leser die Anregung hiezu entstehen.

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