Aus den Wäggitaler Bergen

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Von Jacob Hess.

Die Fluhberggruppe.

Droht das Wetter umzuschlagen, dann zeichnet sich schärfer als gewöhnlich des Fluhberges schöne Dreizackenkrone von den schneeigen Glarner Bergriesen ab. Diethelm, Turner und Wändlispitz heissen die drei so edel vereinigten Zacken. Aus einer Überschubdeckenstirne, einem groben Klotz, hat die Bildnerin Zeit die harmonische Bergform herausgeschlagen. Auch jetzt noch schafft sie geduldig daran; doch unmenschlich langsam bewegt sie Hammer und Meissel.

Wieder umflutet mich Bergnachtzauber, mit all seinen Sternen, mit seiner Kühle und mit dem Flüstern der schwarzen Wälder. Ich schreite wie in einem Riesendom, darin der Menschenlärm ehrfürchtig schweigt.

Wandre ich einsam im Dunkel talein, dann folgt mir stets ein Rattenschwanz bunter Gedanken. Die Stunden stürmen mir voraus. Vorbei an Gehöften, Gasthäusern und Tannen gelange ich unvermutet rasch ins Innertal zum Wäggitaler Bad.

Da beginnt der Schweinalpweg. Holprig und steinig, wie er ist, vermag er dem Träumer die schönsten Gedanken aus den Gehirnschubfächern zu rütteln, und schärfer befassen sich Blick und Geist mit der rauher gewordenen Aussenwelt.

Bei der Säge hinten geht 's über die Aa, und oben beim Bauernhaus in der « Au » überschreitet mein Weg noch den Fläschlibach.

Eine Sumpfwiese quatscht. Der Hochwald erhebt dahinter seine düstre Stirne. Des Laternchens Flackerschein zeigt mir den Steig. Er zieht am Südrand des Tobeis bergan, umschattet von uralten Wettertannen. Grau-flechten hängen gleich wirren Bärten herab vom Astwerk der Waldesriesen.

Ein geheimer Schauer weicht von mir, als ich nahe beim Alpeli ( 1121 m ) des Steilforstes Finsternis entsteige. Doch meine Freude ist verfrüht. Ein Alpsumpf, mit dem « Katzenrücken » drüben im Trebsengebiet wetteifernd, umfängt mich glucksend und bleibt mir treu bis hinauf zu den Hütten der Fläschlialp ( 1230 m ).

Auf der Diele über dem Stalle krieche ich ins mollige Heu. Unter mir trippeln die erschreckten Geissen noch lange durcheinander.

Als der Morgen durch die Ritzen schielt, verfüg'ich mich, reichlich schlaftrunken, ins Freie. Die Heuhalme rupfe ich aus den Haaren, entsetzt mein Äusseres betrachtend. Schön ist anders. Sogar dem Quellwasser weicht der zähe Sumpfschlamm nicht. Etwas missmutig stolpre ich über Gras und durch Gestrüpp hangauf zum Pfad. Vom Fläschlijoch ( 1372 m ) kommend, quert dieser den Schutt einer ausgedehnten Kalkgeröllhalde. Dann geht 's dahin an jähem Stutz. Immer klarer entfaltet sich die Ausschau.

Ein Frühstrahl trifft die Fluhbergwand. Auf glüht sie wie ein Feuerzeichen, hoch ob den wallenden Nebeln der Tiefe. Auch mich überflutet das Morgenlicht und zaubert die Wanderfreude wieder ins unlustkränkelnde Gemüt. Im Sonnenglanze der Höhen badet meine sorgenverstaubte Seele sich rein. Wer so recht aus Schmutz und Nacht sich aufschwingt, den packt es da droben wie ein seliger Rausch.

Bald steht die Fluhbrighütte vor mir ( 1586 m ). Ziegen meckern. Rings duftet der Mist. Aber herrlich mundet mir trotzdem das eiskalte Wasser des nebenan plätschernden Brünnleins.

Einen Wegbogen kürzend, durchklettre ich den Steilhang gerade ob der Alp. Alle guten Geister! Die Schrofen trügen! Abwärts gestreift und hart gefroren, gewährt ihr Gras fast keinen Halt. Nur die Eisaxt hilft mir über die Teufelsrutschbahn.

Schwitzend turne ich zuletzt über einen Drahtzaun zum Weglein hinauf. In Zickzacks steig'ich zuerst südwesthin; dann biegt die Spur hinüber zur Fluhberg. Von Hohfläschalp.

Mulde im Osten eines schroffen Felsgrates ( Punkt 2020 m ). Riesenblöcke, scheinbar zugehauen, umfrieden da eine kleine Schafhürde. Emporwandernd über Geröll und Matten, zuletzt auf schmutzigen Altschneeflecken, gewinne ich ohne grosse Mühe die Gratlücke zwischen Turner und Diethelm.

Auf blumigem Rasenpolster rastend, bewundre ich die benachbarten Gipfel. Resonders am Wändlispitz hängt mein Rlick. Ein Prachtkerl ist er! Pralle Kalkmauern umgürten den schlanken Gipfelkegel. Wie ein Riesenfinger droht er herüber. Dennoch haben schon kühne Klettrer der Südostkante glatte Wandstufen bezwungen. Noch leichter, wenn auch nur mit Vorsicht, lassen die Grasplanken am Nordwestgrat sich bis zur luftigen Spitze begehen ( 1973 m ).

Aber heute gilt 's dem nähern Diethelm. Einen Grasschuss quere ich nach Westen. Reim « weissen Rössli », einem Holzpfahl, setzt der Gipfelabbruch an.

Aufgepasst! Die Griffe sind spärlich, und bröcklig zeigt sich der helle Kalk. Doch schlüpf'ich durch wie eine Katze. Ein Grasrücken folgt; dann nochmals ein Abbruch, niedrig zwar, aber ausgesetzt. Zum Schlusse erstürm ' ich die Rasenfirst des Gipfels und grüsse weiter vorne froh den Steinmann der Diethelmspitze ( 2095 m ).

Goldig flimmern die Tiefennebel, kornblumenblau die Himmelsglocke. Zwischendrein sonnt sich ein glückliches Menschlein, umflutet von reiner Höhenluft.

Zwei Stunden lang bin ich ganz « Gefühl ». Dann aber streckt der Forscher in mir seine Fühlhörner wieder nach allen Seiten.

Hier liegt der ganze Fluhbergstock dem suchenden Blicke aufgeschlossen. Ausser den drei schon erwähnten Hauptzacken lassen sich noch zwei weitere Glieder in der geschlossenen Gruppe erkennen: Zwischen Wändlispitz und Turner steht bescheiden ein hübscher Dreikanter ( Punkt 1971 m ). Sein abgeplattetes Spitzchen lässt sich von allen Seiten her leicht erreichen. Schärfer gemeisselt tritt im Nordosten die letzte Fluhberghöhe hervor ( Punkt 2020 m ). Dieser zerborstene Zacken wird oft vom Tal aus mit dem Diethelm verwechselt. Der ganze Fluhberg mit seinen fünf von Frost und Wasser zerfressenen Spitzen gemahnt mich an einen Riesenstockzahn, dessen Krone aus-gefault ist.

Das Nebelmeer unter mir fängt an zu wogen. Schaumflocken kräuseln seine Oberfläche. Dem Dünstespiel folgend, gedenk'ich gerne früherer Besuche auf diesem Gipfel. Der Diethelm war ja meine erste Liebe. An einer Ostern, vor vielen Jahren, erklomm ich ihn bei grimmiger Bise.Verwächtet drohte mir sein Grat. Schneepolster trug noch der Eutalboden. Erst hinter der Einsiedler Ebene begann des jungen Lenzes grünes Reich. Im Blaudunst verschwimmend, winkte von fern der Uetliberg, Zürichs Wahrzeichen, herüber. Damals blickte ich leise schaudernd über die Fluhbergnordwand hinunter, ängstlich lauschend, als, von der Wärme gelöst, die Steinlawinen krachten.

Zwei tiefere Rinnen nur durchreissen die Schrattenkalkplatten der glatten Nordwand. Die « grosse Siene » zieht sich breit zur Lücke zwischen Wändlispitz und Diethelm hinauf. Die « kleine Siene », eine Reihe von Kaminen, mündet aus in die Scharte zwischen Diethelm und der Höhe 2020 m. Die kleine Siene besitzt ihre Mücken; die grosse dagegen ist ziemlich harmlos. Klettern muss man auf beiden Wegen.

Von Nordwesten her lässt sich die Diethelmspitze über leichte Rasenstufen gewinnen. Bequemen Gemütsmenschen sei dieser Anstieg empfohlen!

Da der Turner mich lockt, so kehr'ich wieder gratüber zum « weissen Ross » zurück. Südosthin wandernd, folg'ich dem Rasenkamme. Bald schärft er sich zu, bald wird er breiter, jedoch die Spitze nähert sich kaum. So überschreite ich Zäcklein um Zäcklein, eine Schichtkopfreihe, mit Abbruch nach Süden und sanfterem Einfall gegen Norden. Endlich, nach vielem Auf und Nieder, steh'ich auf dem Turnergipfel ( 2071 m ), dem stolzen Ostpfeiler der Fluhberggruppe. Er droht wie eine erhobene Faust ins Leere hinaus; seine Westwand schiesst als nackte Mauer in neblige Tiefen. Etwas vom Trotze dieser Urwelt erfasst auch den sie bewundernden Menschen. Sein Pulsschlag hämmert, sein Wille bäumt sich über das Altgewohnte empor, so wie die Felsenhäupter kühn das glatte Wolkenmeer durchstossen...

Doch, Menschenkind, überhebe dich nicht! So hoch du auch schwebst, hinunter musst du wieder! Unwillig schlendre ich hinab in die Lücke zwischen First und Turner. Der knieermüdende Grashaldentrott verwandelt den Himmelstürmer rasch in einen knurrenden Erdenbürger.

Noch schlimmer wird 's, als ich versuche, vom Sattel westwärts abzusteigen. Felsplatten durchsetzen den ekligen Grasschuss. Da sie abwärts geneigt sind, muss ich sorgfältig Schritt für Schritt hinunterpirschen. Schliesslich erlaubt mir ein Geröllhang, stückweise stehend abzufahren. Die Schärm-hütte ( 1581 m ) winkt. Den Bach überspringend, erreiche ich wieder gebahnten Weg.

Beim Waldhüttli ( 1415 m ) unten rast'ich im Schatten eines würdigen Fichtengreises. Fein ruht es sich im schwellenden Gras. Die Mittagswärme folgt dem entflohenen Morgen. Durch die tanzenden Nebel erschau'ich im Grunde das Silberband der jungen Sihl. Vernehmlich summt sie das ewige Lied vom Wandern.

Über die vordem Sihltalberge.

Abseitige Höhen möcht'ich euch nennenIhr hörtet wohl von den Einödbauern. Fremden weisen sie gern den Knüttel. Verschlossen bleiben sie ihr Lebtag, weder Sturm noch Teufel fürchtend. Nur wenn sie einen überlisten, dann zuckt ihr Mund von hämischem Lachen. Solch Einsamen ähnlich, nur finsterkühner, ragen zwischen Fluhberg und Saasjoch die vordern Sihltalberge auf.

Nur der Fläschberg, gutmütiger als seine Brüder, empfängt des öftern Menschenbesuch. Sonst aber verirrt sich selten ein Bergfreund auf diese Schneiden — und das ist gut! Aus dem Sihltal sind zwar die einzelnen Spitzen bei genügender Vorsicht unschwer erreichbar; Kieselkalkrücken, steil und begrast, erleichtern es, hier anzusteigen. Die Ostflanken aber sind tückisch und brüchig, die Gratschneiden glatt und ausgesetzt. Grausiges wüssten die jähen Ostwände von Sturz und Bergtod zu erzählen...

Mit den « vordem Sihltalern » wurde ich flüchtig nach einem Fluhberg-besuche bekannt. Es lockte mich damals, aus der Lücke südlich vom Turner den First anzugehen. Als Gipfelvorbau entsteigen dem Sattel zwei schlank-getürmte Felsenschneiden. Äusserst sorgsam drang ich aufwärts. Bald keilte der Rasenrücken aus. Die Graspolster wichen dem bleichen Fels. Griff- und trittlos wurde die Kante. Rittlings, wie auf einer Gartenmauer, schob ich mich langsam höher und höher. Wandfluchten drohten links und rechts. Es zwang mich fast, dort hinunter zu schauen. Die Tiefe zog mich an wie mit Geisterhänden. Müd' war ich auch, und die Vormittagstunden entflohen... Da ward ich unsicher. Sollt'ich es zwingen? Gespenstig trat der letzte Absturz hier am First vor mein inneres Auge. Auch jener Verunglückte klomm allein... Zurück! Ich drehte mich vorsichtig um und kroch hinab zur rast-verheissenden Lücke...

Wer immer hier sicher gehen will, der schreite am Seil mit erprobten Gefährten rasch und aufrecht über die Grätchen. Allein ist 's gefährlich, auch für Geübte, denn allzugern bröckeln Griff und Tritt.

Versuchen wir also, in guter Gesellschaft die kitzliche Reise fortzusetzen. Hinter uns liegt die erste Schneide, und zaudernd stehen wir vor dem zweiten Zacken. Seine feingeschnittene Kante bäumt sich übermütig auf; während die beiderseitigen Flanken glatt und grifflos niederschiessen. Jetzt vorwärts mit Ruhe und voller Sorgfalt. Mann für Mann bewege sich langsam über die steile Himmelsbrücke. Erleichtert atmet man drüben auf. Eine Scharte, dann geht es harmloser weiter. Als steiler Hausgiebel erhebt sich der Gipfel. Wir erklimmen sein südöstliches Ende auf immer noch schmalem Rasenkamm. Der First ( 1917 m ) verdient seinen kühnen Namen. Tief unter der Ostwand trifft der Blick auf das Schattenloch der Aabernalp. Uns überhöhend, thronen Turner und Diethelm auf ihrem gemeinsamen Sockel, dessen Mauergürtel anmutig die Matten umgrenzen.

Wer unsern Gipfel geradewegs durch die Westflanke, also vom Eutal, ersteigt, der braucht seine teuren Knochen nicht zu gefährden. Zwischen den Westausläufern des First und der Ganthöhe liegt eine kleine Hochmulde, das Älplein Oberklein ( 1747 m ) eingebettet. Von dort aus führen Rasenplanken steil aber leicht zu den Gipfelgräten.

Unschwer gelangen wir von der Spitze zum Rasensattel im Süden des First. Vor uns ragt nun die Ganthöhe auf, ein seltsam anmutendes Berg-trapez. Wie beim First verteidigt den Zugang ein vorbauartiger Felsenzacken. Über die Kante wird er gestürmt. Den eigentlichen Gipfelaufbau zerlegen zwei Kerben in mehrere Einzelstufen. Eigentümlich genug sieht das aus. Man vermeint, ein Fabelriese hätte sein scharfes Hackmesser da oben geprüft.

Luftig klettert sich 's über die Gratabschnitte.Von der niedrigen Nordecke des Trapezes ( Punkt 1936 m ) steigen wir auf seiner Kante schwach zum höchsten Punkt der Ganthöhe an ( 1971 m ).

Die Wännialphütten erspähn wir drunten an einem Absatz des West-gehänges. Daneben blitzt der Wännibach, dessen Quellgeäder die Rasenhänge zu unsern Füssen hell durchsprudelt. Ungefährdet kämen wir über den Westkamm der Ganthöhe dort hinab.

Wir wählen indessen die scharfe Südkante. Sie bringt uns rasch in einen weitern Sattel ( 1824 m ). Von Osten grüsst die Schleckmatt am Schweinalppass, eine langweilige Mulde, zu uns herauf. Grasschüsse, Wändchen und lose Schutthalden führen wohl mühsam dort hinunter.

Weder schwierig noch formenschön ist der nun folgende Bergstock ( Punkt 2002 m ). Wännischild nennen ihn die Älpler. Mässig ansteigend über Rasen, Geröll und Schrofen gewinnen wir den nahezu ebenen Doppelrücken.

Hinter einem Schärtchen wird der Kamm wieder plötzlich ungeberdig. Das Kleine Blasse.li weist uns höhnisch seinen prallen Nordabsturz. Der Böse traue diesen Lotterwändchen. Rechts herum! Den Kerl umgangen! Lachend trampeln wir ihm auf den Felsenbuckel ( 2034 m ).

Der Mittag brennt. Wir müssen eilen! Das kühne Spitzchen verlassend, gehn wir den Fläschberg, unser Endziel, an. Gerne opfern wir dem letzten Aufschwung einige Tropfen Schweiss; winkt uns doch frohe Gipfelrast auf der prächtig gebauten Vierkantspitze ( 2074 m ).

Da der Fläschberg ( oder Fläschenspitz, wie ihn treffender die Sennen bezeichnen ) unschwierig ist und hübschen Ausblick bietet, darf er auch dem, der vorsichtig allein geht, unbedenklich empfohlen werden.

So walzte auch ich einst gefährtenlos von Westen her diesem Gipfel zu. Beim alten Sihlalpsenn hatte ich einen urgemütlichen Tag verlebt. Frühmorgens überschritt ich auf wackelndem Steg den Schluchteinriss der jungen Sihl. Dann bog ich weit nach Norden aus, den Blumenmatten der obern Sihlalp entgegen ( 1643 m ).

Vor mir erhob sich unvermittelt die breite Südwestflanke des Fläsch-bergs. Vorerst galt es, eine flache Alpenwanne zu überwinden. Geröll und Alpenrosenbüsche vereinen sich dort zu lieblicher Wildnis. Der schwach-gegliederte Berghang richtet sich mächtig und steil dahinter auf. Langgrasige Rasenteppiche decken die südwestlich einfallenden Kieselkalkplatten. Doch locker sitzt der Pflanzenfilz den wetterzermürbten Felsschichten auf. Ingrimmig raufte ich mich herum mit den losen Grasschöpfen dieses Steilhangs.

Kaum bemerkte ich im Eifer, wie die Steile plötzlich abnahm. Unver-sehns stand ich auf dem Südgrat, verwundert ob des schnellen Erfolges. Schön gebogen schwingt sich der Schlusskamm auf zum Gipfelsteinmann des Fläschbergs.

Ganz feierlich ward mir droben zumut. Rings herauf klangen Herdenglocken, wunderzart wie Elfenstimmchen. Märchenhaft klar erschien mir Nahes und Fernes.

Im Norden drohten die Fluhbergzacken. Zwischen ihnen und mir erhoben sich seltsam schöne Gipfeltrapeze. First und Ganthöhe, der Wännischild und Blasseli-Fläschberg zeigten die gleichen regelmässigen Kammumrisse. Weil Gesteinsart und Schichtbau übereinstimmen, wiederholen sich hier die Gipfelformen.

Ganz anders bei der Rädertenkette im Nordosten! Sie umfasst die verschiedensten Berggestalten. Der Ochsenkopfhelm, der Muttristock, der Zindlenkegel, der Rossälplivierkant und auch die Scheinbergkuppel verkünden, wie sehr ungleicher Faltenwurf ein Gebirgsantlitz bereichern kann.

Gegen Südosten hin prunken vor mir die Gipfel im Einzugsgebiete der Sihl. Der Drusberg ist ihr Feldmarschall. Er ruht, wie ein ungeheurer Schiffsrumpf, den weiten Käsernalpen auf. Ein kühner Halbbogen grätiger Recken verbindet ihn mit meinem Standort. Unglaublich verbogene Felsenschichten enthüllt die Twäribergwand im Westen.

Aber nicht allein die Spitzenheerschau, nein, auch der Einblick in reizvolle Täler macht mir den Fläschberg lieb und wert. Durchs Wäggital spähte ich hinaus; das Eutal mit dem wilden Sihlbach verlor sich zwischen walddunklen Lehnen, und aus der Riesenspalte im Osten glänzte smaragdgrün der Klöntalersee.

Über den Südgrat stieg ich ab. Wo er schärfer wurde, wich ich aus, den Geröllhang am Westfuss des Berges querend. Südhin, auf undeutlich sichtbarer Wegspur, ward der rundliche Saasberg umgangen. Vor mir öffnete sich ein Kessel. Das Sihlseeli lachte verträumt darin, den Himmel und die schroffen Höhen spiegelnd.

Ein Holzkreuz auf grünem Hügel bezeichnet dem Wandersmann die Saaspasshöhe. An seinem Fusse ruhte ich aus. Unsagbar schön und einsam war 's da droben. Noch heute zehr'ich vom Glanz jener sonnigen Stunden.

Wannenstöcke und Ochsenkopf.

Geheimnisvoll sind die Quellen der Flüsse; denn sie dringen aus rätsel-dunklen Tiefen. Manch ein Born war unsern Ahnen heilig. Wassernixen und Elfen belebten seinen grünen Zauberkreis. Sogar den Neuzeitbürger schauert 's, betritt er den Ursprung eines Gewässers, und frühe schon hat die Menschen-neugier nach den Quellen der Ströme geforscht.

Selbst im Kleinen betätigt sich dieser Trieb. So drängt 's auch mich, das Gebiet zu besuchen, wo die Aa, der Fluss meines Wäggitales, das warme Sonnenlicht begrüsst. Zur Nachtzeit streb'ich diesem Ziel, dem vielbegangenen Schweinalpjoch, entgegen...

Hinter dem Bade biegen wir wieder in den bekannten Holperweg ein. Das Rauschen der nebenan fliessenden Aa verschlingt den Klang unsres Wanderschrittes. Buschwirrnis umsäumt das wilde Gewässer; links und rechts aber duften die Matten.

Im Hochwald steigt der schwach schimmernde Pfad; dann quert er den Bach, zickzackt ein wenig, zieht sich am Schluchtensteilhang hinauf und in alle Seitenrunsen hinein, um zuletzt, den Talgrund wieder gewinnend, in der Aabernalpmulde sich zu verlieren ( 1088 m ).

An den Hütten stolpern wir müde vorbei. Rasten heisst rosten. Wenige Kehren bringen uns vom obersten Gaden wieder ins Bergwalddunkel zurück. Bergnebel umschleichen die hohe Lehne; doch funkelt hin und wieder ein Stern. Rinnen voll Schutt durchreissen den Tann. Wohl verklammern die Fichten sich zäh am Hang, wohl schützen sie einander wie Geschwister. Stürzt aber der Fels oder rutscht die Erde, dann kracht der Tod in die stolzen Wipfel. Auch dort, wo nur leichtere Steingeschosse dem Bergwald drohen, blutet er täglich. Stämme zersplittern, Kronen brechen, Baumkrüppel ducken sich oder recken verwachsene Arme wild gen Himmel. Ein rauhes Trutzlied von Kampf und Sterben rauscht in des Lebens Grenzgebiet.

Schwarz steht eine Talstufe über uns. Toll hüpft die Aa daran hinunter. Steil aufwärtsdringend gelangen wir zu des Berggubels ( 1364 m ) stillem Fichtenhügel. Zum östlichen Talhang hinüber wechselnd, vermeiden wir steinschlaggefährdete Lehnen.

Bald endet der Hochwald. Weide umfängt uns. Ein Hochtal, geschlossen und einfach umrissen, träumt im zitternden Sternenlicht. Zwischen Blöcken schäumt ein Quellbach der Aa. Links ziehen sich Mattenwellen hinauf, in trümmergrauem Hochkar endend. Rechts aber entsteigen Riesenwände den hochgetürmten Kegeln von Schutt. Himmelhoch drohen Zackenungeheuer; aber im Hintergrund grüsst ein Bergjoch, sanft gewölbt und mit bleichen Schneeflecken verziert.

Langweilig ist 's, diese Altschneehalden zu queren. Wir freuen uns deshalb, als unvermutet ein schlichtes Holzkreuz vor uns auftaucht, wissen wir doch: es krönt die Schweinalppasshöhe ( 1572 m ). Da rinnt die höchste Quell-ader der Aa lautlos aus tauendem Winterschnee...

Sehnsüchtig, wie Stromer, die Unterkunft heischen, durchspähn wir das Dunkel nach einer Wegspur zur abseits gelegenen Brüschalp. Hügelauf und -ab, durch Sumpf und Gräben, stolpern wir ans erträumte Ziel. Auf üppigem Heulager duseln wir dann dem nahen Sonntagmorgen entgegen. Vernebelt dämmert er herauf. Eintönig, fast schwermütig tauchen die Wellen der Weidehügel ins trübe Grau.

Wenig erhoffend, traben wir nordosthin einen Rücken hinan. Zahllose Kuhtritte zerteilen den Hang. Betrüblich wär 's, wenn nicht die Blumen hier wunderhold und üppig blühten. Blauenziane, rote Primeln und zarte Alpenglöcklein sticken des Alpenfrühsommers köstlichen Farbenteppich. Sogar durch die Nebeldünste schimmert herzerfrischend die Blütenpracht.

Wir werden nicht satt, den Faltern gleich von einer Blume zur andern zu schweifen. Fast unvermerkt rücken wir höher und höher. Mit einem Male dringt ein Lichtstrahl, ein Himmelsgruss, durchs Nebelgrau. Die feuchten Schleier werden dünner. Als blasse Scheibe lässt die Sonne sich sehen, und jubelnd dringen wir vollends bergan ins warme Höhenlicht, das golden über bereifte Matten flutet.

Doch wie in einem Hexenkessel brodelt drunten der weissliche Dampf. Unruhig wallt er über den tropfenden Wäldern.

Der Sattel vor uns scheidet den Stumpfkegel des Brüschbüchels ( 1818 m ) von der Krauterkuppe ( 1881 m ), deren Schrattenkalkoberfläche bleich zu uns herüber schimmert. Kuhberge sind 's! Der Schneeschuhläufer befährt im Winter gefahrlos ihre gemütlichen Flanken.

Wir erklimmen des Krauters kahlen Schädel. Potz Blitz! Sein Karrenfeld ärgert uns tüchtig. Zwischen Löchern, Rissen und Messerrücken winden und schlängeln wir uns durch.

Mühelos schlendern wir darnach gratüber den Wannenstöcken entgegen. Wir stehen bald auf dem westlichen der beiden schärfer gebauten Gipfel ( 1980 m ). Hörner sind es, deren Rasenscheitei in Wänden nach Norden und Süden abbrechen. Von der Ostspitze trennt uns ein tieferer Einriss. Wir turnen an einem Absatz hinab; dann führt uns ein Bändchen zum felsigen Grunde der Scharte. Jenseits geht es leicht zur Höhe. Ein schmales Rasenplätzchen dient uns als willkommene Ruhebank.

Liebevoll äugeln wir hinüber zum greifbar nahen Ochsenkopf ( 2181 m ). Ein Mordskerl fürwahr! Hochmütig und grimmig entstrebt er der Riesen-senke des Klöntals. Er verdient seinen Namen. Wie ein Vorzeitunhold reckt er den plattgedrückten Schädel. Senkrechte Riesenrinnen durchfurchen den Plattenpanzer seiner Südwestwand.

Unsichtbar träumt, unterm Nebel verborgen, der Klöntalersee vom Himmelsblau. Kein Wellchen kräuselt jetzt seinen stahlgrauen Spiegel.

Im Norden enthüllt sich uns eine Wüste. Zwischen Muttristock und Ochsenkopf sinkt eine Hochebene voller Karrenfelder langsam gegen Westen ein. Trostlos starrt sie, als wäre sie verflucht. Nur der Muttriplätze Inselgrün lacht aus dem Kalkgrau, und mitten aus der Wildnis ragen die Schwalben-köpfe ( 1927 m und 1766 m ) wie stumpfe Nasen.

Weit im Westen, wo der Drusberg, einem Schiffsrumpf ähnlich, gleichsam einherrauscht, begegnet die wildeinsame Gruppe der hintern Sihltalberge dem Blick. Prächtig klettert sich 's dort drüben, sei 's nun am Hund oder auf der Miesern, am Schwarzstock oder am Lauiberg. Wer kühn jene schmalen Firste betritt oder frei an den brüchigen Flanken herumsteigt, den lohnen Stunden reuelosen Glückes...

Noch sitzen wir aber auf dem Wannenstock und fragen uns, ob sich sein Ostabsturz wohl ungefährdet durchklettern lasse. Wir spähen zwar an der Gratkante hinunter, welche zu den « Durchgängen » abbricht, doch selbst mit Stielaugen liesse sich der Weg nicht völlig sicherstellen.

Versuchen wir 's trotzdem! Gemächlich turnen wir über die oberste Felsenstufe, begünstigt von guten Halt- und Trittstellen. Nun aufgemerkt! Ein Grasschuss folgt, dessen Rasenschöpfe bedenklich lottern. Darunter droht ein lotrechter Absturz. Was jetzt? Ein schwach begraster Sporn scheint geraden Weges hinabzuführen. Der Böse trau'ihm! Wir biegen lieber nordhin in die Grasrinne ein. Ein Überhang schliesst sie zwar unten ab; jedoch an seinem Fusse setzt die von uns ersehnte Schneehalde an. Wir kleben, wie Fliegen am Fenster, am Gras und äugeln zum rettenden Schnee hinunter. Nach links hin kämen wir bald auf Schutt. Mordsteil aber ist die verfängliche Ecke, zu abschüssig für den breitgeschwollenen Rucksack. « Den muss ich vor allem los sein! » denk'ich. Vorsichtig streif'ich den Dicken vom Buckel, ziele scharf auf die tiefe Randkluft und, heidi, schiesst mein Liebling im Bogen — darüber hinaus und am Schneehang hinab. Er hüpft, wie ein Böcklein, besinnt sich manchmal, um dann mit um so tollern Sprüngen lustig weiter talwärts zu stürmen. Zum Pünktlein geworden, ruht er schliesslich, ermüdet nach wohlgelungener Flucht. Seufzend denke ich: « Einer wäre drunten! » Nun verankere ich den Pickel in einem währschaft aussehenden Grasschopf. So nur kann ich mich unangefochten um die brüchige Felskanzel drücken. Von mir unterstützt erreicht die Gefährtin ebenfalls den sichern Schutt. Jetzt fahnde ich nach dem entsprungenen Rucksack. In zwanzig Minuten hab'ich ihn wieder. Nichts ist zerbrochen, im Gegenteil kittet der ausgeronnene Honig kräftig meine Siebensachen zusammen.

Noch tiefer ins Loch hinab müssen wir. Geradenwegs rutschen wir hinunter über hohe und niedere Absätze. In den « Durchgängen » stossen wir wieder auf Karren. Teufel! Da heisst es sorgsam tänzeln. Zwischen messerscharfen Kalkrippen wuchern dichte Alpenrosenbüsche. Altschnee, weich und oft unterhöhlt, erfüllt die tückischen Karrenlöcher. Wir danken den Göttern, als die Schutthalde am Bergfuss uns freundliche Rast gewährt.

Der Ochsenkopf lockt uns. Verführerisch wirkt die Wegspur vom Rasenbande der Südwand. Wir folgen diesem Freiluftpfad. Eine Steilrinne unterbricht ihn plötzlich. « Habt acht! » so mahnt sie. « Bezwingt den Schwindel! » Fehlt es auch nicht an Griffen und Tritten, so droht, besonders bei nassen Felsen, an dieser Stelle doch Gefahr. Das schwach ansteigende Grasband bringt uns weit hinaus in die Plattenwand. Endlich biegen wir um nach oben und schlängeln uns einer mächtigen Kluft entgegen. Sie scheint in den Himmel auszumünden. Halb kletternd, dringen wir hinauf. Recht geborgen fühlt man sich in dem Loche, viel sicherer als auf dem luftigen Band. Schliesslich entschlüpfen wir der Spalte und stehn verblüfft auf dem Rasendreieck, dessen spitzer Winkel den Gipfel berührt. Buntfarbig prangt diese Wildheuplanke. Kein Herdentier nascht hier die würzigen Kräuter; nur die Gemse durchklettert die Bänder der Nordwand.

Unbemerkt im Eifer des Steigens ist inzwischen die Hochnebeldecke zu unsern Füssen aufgebrochen. Wolkenfetzchen schweben nun aufwärts, die freien Bergesspitzen umklammernd. Haben sie sich dort festgesogen, so quellen sie auf zu grossen Pilzen, die Sonne verhüllend und jegliche Fernschau verhindernd. Auch auf unsre Bergeszinne rückt solch ein Wolkenunhold los. Mit feuchten Armen umschlingt er sie. Rauchschwaden gleich qualmen die grauen Nebel durch Klüfte und Rinnen; ein kühler Hauch, wie Grabes-brodem, macht uns erschauern.

So lasst uns eilen! Vergebliche Mühe! Vom Ochsenkopf schaun wir ins graue Nichts. Enttäuscht verlassen wir seinen einsamen Steinmann.

Schleunigst steigen wir dorthin zurück, wo die Felsenkluft in den Grashang ausmündet. Freunde von mir, die der Nebel überraschte, suchten einst lange nach dieser Stelle; denn mehrere ähnliche Rinnen durchfurchen die Riesenplatten der jähen Südwand. Immer wieder standen sie ob schaurigen Schlünden, die sich in dunkler Tiefe verloren. Sie kehrten schliesslich zur Spitze zurück und stiegen über die Nordwand hinunter.

Sobald wir im richtigen Mauseloch stecken, klimmen wir langsam und vorsichtig weiter, bis uns die harmlose Schuttflur aufnimmt. Dort bricht von neuem das Licht durchs Gewölk, als wollt'es der ängstlichen Menschlein spotten.

Am Ausgang der « Durchgänge » lagern wir uns auf einem sonnigen Weide-vorsprung. Zwei andre Wandrer stossen zu uns. Sie haben erfolglos den Ochsenkopf von seiner Nordseite aus bestürmt. Sie hätten die schief aufsteigenden Planken in der Nordwandmitte benutzen sollen. Statt dessen hielten sie sich westlich, wo sich ihnen der Gratabbruch dann unbarmherzig entgegenstellte.

Blütenkissen in Gelb und Blau verschönern unsern Ruheort. Wundersam leuchten die tiefen Kelchglocken der lieben Enziane auf. Goldtupfengleich glänzt die Felsenaurikel, das « Flüehblüemli », nieder vom grauen Fels.

Unter uns winkt auf grünem Absatz, dem Ochsenfeld, eine kleine Sennte. Über eine ausgedehnte Grashalde hüpfen wir dort hinab. Doch immer wieder schauen wir zurück und hinauf zum kühnen Ochsenkopf. Je mehr wir uns der Tiefe nähern, desto drohender reckt sich sein Felsenhaupt. Silbrig flimmert sein Plattenpanzer im Glanz des grellen Mittaglichts.

Gen Südost aber stürmen die Glärnischwände mit gewaltigen Mauerfluchten zum Himmel. Schwerfällig türmen sich ihre Stockwerke, die dunkel-farbnen, übereinander. Schnee- und Lawinenreste des Winters bleichen in ungeheuren Nischen. Dahinter funkelt der Bächifirn, und die grüne Eis-schlange des Gletschers blitzt aus der Schattenmulde im Herzen des mächtigen Stockes.

Ein Weglein führt uns rechts hinab über Weidehänge zum kühlen Wald. Den vielen Kehren getreulich folgend und vom Rauschen eines Wildbaches begleitet, gelangen wir zu den bewohnten Hütten der schönen Maiensässe « Ralli » ( 1208 m ). Köstliche Milch erfrischt uns da, und frohgestimmt pilgern wir weiter talzu.

Üppige Wiesen umduften uns. Wettertannen, wahre Einsiedler, hausen hier, fern vom geschlossenen Forst. Ein Kalkfelsen, haushoch den Gräsern entragend, ernährt ein Tännlein, einen Krüppelahorn, einen wilden Kirschbaum und wirres Gesträuch. Die verschiedenartigen Bewohner hausen lustig auf engem Raum. Ihre Wurzeln greifen tief in den Felsklotz, ihn sprengend und zugleich zusammenhaltend.

Auf dem Mäuerchen des Richisauer Strässleins rasten wir nochmals ein Viertelstündchen. Kaum fasst unser Blick die Farbenfülle der Matten. Wo der Schlangenknöterich wuchert, da schimmern ganze Wiesen lila. Dazwischen gleissen gelbe Streifen, vom blühenden Löwenzahn gefärbt. Zart-blauer Dunst liegt auf den Wäldern, darüber braun die Felsenmauern leuchten. Silbern, wie Schuppen unzähliger Fischlein, flimmert der Bergseespiegel im Grunde. Ferner Steinschlag nur unterbricht zeitweilig der Bergwelt hehres Schweigen.

Spätwinter am Muttristock.

Der Muttristock thront als einsamer Herrscher im Hintergrunde des Wäggitales. Vor allzu reichem Besuche schützt ihn der rauhe Ring seiner Karrenfelder. Inmitten einer grauen Wüste erhebt sich trotzig sein Felsenleib, herausgeschält aus einem Deckengewölbe und in vier Gipfelklötze gegliedert durch das Rückwärtseinschneiden karartiger Nischen.

Auf der schiefen Rädertenhochfläche sitzt der Gebirgsstock wie ein riesiges « T »; sein Längsstück bildet der Felsenrücken vom Muttriberg zum Muttrikopf; das Querstück aber gipfelt im Räderten und Torberg. Da der Schnee in den Karen sich lange hält, ja in kühlen Jahren sogar übersommert, zeigt die Berggruppe ein ernstes und rauhes Antlitz...

Im Winterschlaf ruht noch die Aabernalp. Die Hütten tragen dicke Schneemützen, und auch die Tannen rings prunken mit Silberpelzen. Fast lautlos durchschreiten wir den träumenden Talgrund. Ein Viehweg entführt zu offenen Weiden, deren Schneekleid der Sonnenschein durchlöchert hat. Dem Waldgürtel links vom Talbach ausweichend, landen wir zwischen Mattenhügeln bei den stattlichen Sennten der Rinderweid ( 1309 m ).

Ein Schneewall versperrt noch den Hütteneingang. Wie Erdarbeiter müssen wir schuften, bis die Türe endlich frei liegt. Mitternacht ist längst vorüber. Wir verfeuern etliche Tannenknüppel und vertreiben so die Kellerluft aus dem ungemütlichen Hütteninnern.

Doch wo nun schlafen? Wir finden Laubsäcke; sie scheinen indessen « lebendig » zu sein. Mit nächtlichen Hüpfern und Blutsaugern aber wollen wir uns die paar noch übrigen Ruhestunden nicht verekeln. So lagen wir oben auf dem Dachboden auf etwas zusammengekratztem Heu und freuten uns, als die Morgenhelle durch die Ritzen der Wände schimmerte.

Der Hüttenumkreis eignet sich kaum für geruchempfindliche Tiefland-kinder; doch muhenden oder grunzenden Wesen behagt wohl der quatschende Düngersumpf. Die grünen Alpenhügel freilich, benachbart dem dunkel anbrandenden Wald, gewähren dem Ruheverlangenden liebliche Plätzchen. Da mag er träumerisch zur Tiefe schauen, in Tannendickichte, zum Schluchten-grund oder im Osten die Felsenburg des Muttribergausläufers bestaunen. Die sanften Mattenwellen beherrschend, droht dieser mit wuchtig vorspringenden Kanzeln und rohgefügten Riesenpfeilern.

Weissgrau glänzen heute die Felsen, vom Morgenstrahle wachgeküsst. Gierig verschluckt die Höhenluft emporgedrungene Tiefendünste.

Die Tatenlust packt mich! Erwacht, Gefährten! Hinaus!

An steilem Schneehang stürmen wir von der Alp aus zum Muttriberg-westfuss hinan. Potz Blitz, das fördert! Geht das so weiter, dann... Au, meine Knochen! Ein tückisch verschneites Karrenloch hat meinen Fuss verschlungen. « Verfluchte Fallen, diese Schrattenkalkrillen! » Im Sommer prangt hier die Alpenrose, mit glänzendem Blattgrün und Purpurblust die grauen Steinfurchen überspinnend. Legföhren und Zwergwachholder wetteifern mit Weidenbüschen und Steinbeerranken, den Wandersmann zurückzuschrecken. Diese Fussangelwirrnis deckt nun der Schnee, und verzweifelt kämpfen wir uns höher, die ärmliche Lufthütte ( 1430 m ) seitlich liegen lassend. Am'Wandfuss ( Punkt 1571 m ) endet unsere Not. « Links oder rechts? » ist nun die Frage. Wir wählen « rechts » und wandern rüstig dem Südhang des Muttriberges entlang.

Vorteilhaft benutzen wir den harten Lawinenschnee unter den Felsen. Sonst führt ein Schaf- oder Gemsensteig etwas mehr von der Wand entfernt empor über Kalkgeröll und Magermatten. Rasch dringen wir vor; doch der Abhang scheint endlos; zum Gähnen eintönig erhebt sich vor uns Stufe um Stufe, Welle um Welle.

Endlich — wir fühlen uns alle erleichtert — blicken wir hinter einer Bergnase unvermittelt ins Südkar hinein. Lawinenschnee deckt den Grund des Kessels, den graue Felsenstufen umrahmen. Ernst, Öde und Kälte umschauern uns hier. Im Hintergrund mühen wir uns aufwärts. Eine firnharte Schnee-steile zieht sich hinauf zu den Schrofen und Schratten am Rande des Kares.

Eine Karrenhochebene empfängt uns. Wie ein artiges Miststöcklein sitzt darauf der eigentliche Muttrikopfgipfel.

Zwischen verschneiten Felsenlöchern tasten wir uns zum Schuttgrat hinüber. An Kalkriffen turnen wir in die Höhe — da steht vor uns der Gipfelsteinmann, und frohgestimmt betreten wir des Wäggitales höchste Warte ( 2295 m ).

Fernes und Nahes erscheint uns heute ungewöhnlich nahe gerückt; gerade, als ob kein Luftmeer die Falten und Kämme der Erdoberfläche umspülte.

Der sonst so wuchtige Ochsenkopf im Süden hat sich niedergeduckt. Wie ein Buckelzwerg hockt er auf seinem Sockel. Hinter ihm gleisst die weisse Silbern; ein flachgewölbter Reckenschild. Daneben winken die Muotatal-berge: der Wasserberghalbmond, der Älplertorspitz, die Schächentaler Wind-gällenzinken; dann überm Kinzigjoch der Blumberg, der Kaiserstockdreikant, der Faulenkegel, der Rossstock und der schöne Diepen.

Zarter getönt, weil entfernter, schimmern Urirotstock, Scherhörner und Grosse Windgälle. Einer Traumgestalt gleich überragt das Felshaupt des Finsteraarhorns die Urnerriesen.

Überm sanften Längeneggjoch im Südosten prunkt der Glärnisch. « Ich bin gewaltig, und ihr seid klein! » so spottet unser seine Nordwand. Im Netzwerk von Bändern, senkrechten Rinnen und Strebepfeilern verirrt sich der Blick, bis er sich endlich am Ruchen festklammert, der ob Wänden von zwanzigmal Kirchturmhöhe wie eine Urzeitfeste thront.

Der Scheyen-Wiggiskamm verkriecht sich einem solchen Prachtbau gegenüber. Die Scheye, sein Westgipfel, ragt uns am nächsten. Ihr schliesst sich die Gumenstockzacke an. Dann folgt der Wiggis, dessen Klippen so wild ins Grosstal niederdrohen. Sein Zwillingsbruder, der Rautispitz, kehrt uns die rasenbedeckte Rückseite zu.

Vom Glarner Hinterland spähen nur die Sägezähne der Tschingelhörner und der Sardona Eishaupt herüber. Scesaplana und Sulzfluh blauen im Osten und erzählen von sonnigen Bündnertagen.

Zwischen den Wäldern, welche den Fuss der verwitterten Mürtschen-türme umsäumen, blinkt saphirblau ein Stücklein vom Walenseespiegel.

Des « In-die-Ferne-Schauens » müde, durchmustern wir gerne wieder die Nachbarschaft. Senkrecht scheinbar setzt die Nordwand des Muttri ins steinige Hochkar ab. Jenseits schiesst ein zerborstener Felsklotz, wagrecht geschichtet und plattig, empor. Der Räderten ist es, ein rechter Dolomitturm. Schnee verkrustet noch seine Rinnen und Bänder. Drum gehn wir ihn später an, den Rauhgesellen.

Vom Muttrikopf auch trennen wir uns. Vom Gipfelkrönchen schlendern wir über Blöcke hinab in den kleinen Sattel, hinter dem der Muttriberg beginnt. Ein Stück weit steigt man am Nordhang hinunter, quert aber bald, einer Felsplatte wegen, auf einem Schuttband rechts hinüber. Von dort weg fahren wir ab am Schneehang, bis die kleine Karmulde endet. Im Sommer da aufzusteigen, verlohnt sich wohl kaum. Heilloses Geröll bedeckt dann die lange Halde.

Aus dem Kesselchen treten wir hinaus auf die « Matt », wo später im Jahr ein lockerer Rasen die wüsten Steinschlagtrümmer umgrünt. Über offnes Gelände dringen wir talwärts. Die dicken Felsbänke des Muttriberges blinken hell zur linken Seite. Zu der Ecke bei Punkt 1571 m gelangen wir erst nach ermüdendem Stampfen im butterweichen Frühjahrschnee.

Drunten aber locken die Rädertenalpen, und schon zur Mittagszeit sonnen wir uns auf dem schneefreien Dach der Rinderweidhütte.

Wohlig dehnen wir die erschlafften Glieder. Es bedünkt uns, die Muttri-wände drohten nicht mehr so abweisend wie am Morgen. Vertraulich fast schimmern sie hernieder. « Die da träumen, sind rauhe Kerle wie wir! » so überlegen sie wohl im Stillen.

Sommer am Lachen- und Rädertenstock.

Vom Hauch der Frühe erfrischt, betreten wir den Blumenrasen des Zindlensattels. Im Süden schieben sich Schrattenkalkköpfe, osthin abbrechend, übereinander. Auf einer oftmals aussetzenden Wegspur übersteigen oder umgehn wir die Riffe; denn auf die mässig geneigte Westflanke lässt es sich jederzeit leicht ausweichen. Dieses Darüber und Drumherum unterhält uns sehr, nicht weniger aber die duftenden Sommerblüten der Wildmahd.

Auf Punkt 2028 m, dem eigentlichen Lachenstockgipfel, schauen wir uns erstmals gemütlich um. Unser Grat, gegen zweieinhalb Kilometer lang, enthält eine Reihe von Katzenbuckeln. An den Ostabstürzen niederspähend, gewahren wir zwischen Wäldern und Matten ein blaugrünes Auge, den Obersee.

Am Zindlenspitz drüben wimmelt 's von Menschlein, indessen wir uns einer wahrhaft gottgesegneten Ruhe erfreuen. Hei, wie sie krabbeln, Männlein und Weiblein! Wie sie sich drängen auf schmaler Spitze, schwitzend, prustend, bewundernd und gröhlend. Ja, was ein rechter Hammel ist, der fühlt sich wohl im Schutz der grossen Herde.

Wir klimmen nun in die tiefe Scharte südlich vom Lachenstockhaupte hinab. Karrenzüge hindern uns hin und wieder. Jenseits wird ein neuer Aufschwung gestürmt. So geht 's weiter, hinauf und hinunter, die Wandflucht im Osten, von Runsen gegliedert, welche am Grat als scharfe Hohlkehlen münden.

Westhin überblicken wir die sanft absinkende Rädertenfläche, von Karren zerpflügt, trostlos und feindlich. Man möchte an einen Gletscher denken, wenn dort nicht alles lebte und flösse, stürzte und donnerte, blitzte und gleisste! Die Karren jedoch blicken starr, unsinnig zerrissen, einförmig und grau, brütend heiss in der Mittagsonne, unheimlich, wenn Nebel darüber geistern. Beängstigendes Schweigen herrscht hier, nur selten gestört vom Krächzen des Raben, der eine verendete Gemse wittert.

Anmutig schlängelt sich unsre Wegspur an der mässig geneigten Westflanke hin. Mindere Gipfelchen schneidet sie ab, im ganzen immer höher steigend. Schärfer und kühner richtet sich vor uns der Felsenstumpfkegel des Räderten auf. Auf Punkt 2169 m, einem Gratbuckel, stehn wir ihm gegenüber.

Unser Gratbummel endet. Wir verlassen ungern den vereinsamten Kamm und überlegen, ob wir ihn einmal im Winter auf flinken Schneeschuhen heimsuchen wollen. Prächtig wär 's, von der freien Höhe an den Halden der « Matt » talab zu sausen. Auf dem Winterweg zur Aabern würden kaum Lawinen zu fürchten sein.

Doch fort mit den Träumen! Ich mustere scharf die uns zugekehrte Rädertennordwand. Wer dort hinauf will, braucht all seine Sinne.

In der Rädertenscharte rasten wir. Wir hetzen nicht mit hängender Zunge, wie tolle Hunde, von Berg zu Berg.

Einem Firnlager zapfen wir Schmelzwasser ab. Eisig durchrieselt es unsre trockenen Kehlen.

Dann klimmen wir frisch und ausgeruht an einer Rasenrippe höher. Doch zwischen uns und den luftigen Nordgrat schieben sich brüchige Felsenstufen.

Holla, da harzt es! Sollen wir rückwärts? Doch nein, ein Grasband führt in die Ostwand. Hip hip hurra! Da schlüpfen wir durch!

Aber schlottern darf keiner bei diesem Quergang, denn hart am Fusse dämmert der Abgrund. Tief, tief unten grünen die Alpen, mit zwergenhaften Tannen und Hütten.

Einer Schuttrinne folgen bröcklige Schrofen, auf denen lose Graspolster sitzen. Zum Schlusse droht ein Felsenschlot. Wir bezwingen ihn und finden uns auf der Rasenplanke am Gipfelfuss. Wenige Schritte bringen uns völlig zur Steindaube auf der Rädertenspitze ( 2214 m ).

Aus dem Gipfelstumpfkegel — vom Lachenstock gesehen — hat sich ein schmaler First entwickelt, vergleichbar etwa der rohen Schneide eines Steinbeiles der Höhlenbewohner.

Hier lässt es sich turnen nach Herzenslust. Ich stosse fürwitzig südhin vor, indessen mein hungriger Fahrtgenosse emsig sein mageres Ränzel durchstöbert. An schlanken Zacken streich'ich hin; aber hehlings gähnt vor mir eine Spalte. Abenteuerliche Türmchen verlocken mich, hinüber zu huschen.

Ein andermal! Heute fangt ihr mich nicht. Ich schwinge mich eilig zurück zum Gipfel. Dort saugt mein Gefährte an saftigen Birnen. Vielleicht erwisch'ich davon noch ein Stück!

Eine gute Weile lassen wir uns von der Augustsonne braten und bräunen. Jauchzer hallen hin und wieder vom nahen Muttrikopf herüber, der heute ausnahmsweise belebt ist.

Sorglich begehen wir beim Rückzug die ausgesetzten Stellen der Ostwand. Endlich betreten wir sicheres Gelände. Da lassen wir unsere Beine ausgreifen und stürmen einer Quelle entgegen. Wir lechzen. Innen und aussen brennt 's!

Tief unten, am Fusse des rauhen Kares, sprudelt ein Bächlein mit köstlichem Nass. Weiche Graspolster lehnen daneben. Die Bergwand hüllt uns in bläuliche Schatten. Kein blöder Gaffer stört uns hier.

Des Räderten Felsenkrone leuchtet sonnvergoldet und einsam hernieder.

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