Aus meinem Skizzenbuch: Im Gebiet der Kleinen Zulg ob Thun

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VON RICHARD HOPF, THUN

Mit 1 Federzeichnung und 1 Skizze Wo findet man heute noch ungetrübten Naturgenuss? Eine schöne Gegend nach der andern fällt dem Massentourismus und der Motorisierung zum Opfer. Kann man heute noch eine Bergtour unternehmen, ohne durch Flugzeuge aufgeschreckt zu werden? Kann man eine Wanderung machen, Schallenberg ► Route 1Grosser Wasserfall 2 Mittlerer Abschnitt 3 Unterer Abschnitt O Schwarzenegg ^ Steffisburg w ohne sogar auf engsten Fusswegen durch Mopeds belästigt zu werden? Auch auf unsere Seen wird ganz unnötigerweise die Motorisierung getragen. Ist es nicht so, dass der lautlos dahingleitende Segler oder Ruderer an schönen Tagen in zunehmendem Masse durch stinkende Motorboote verärgert wird?

Um so mehr schätzt es der wahre Naturfreund, sich in Gegenden bewegen zu können, die frei von diesen Störenfrieden sind. Ein solches Refugium ist das Gebiet der Kleinen Zulg. Hier findet er in den ausgedehnten Tannenwäldern, die ein grosses Gebiet von Gräben, Schluchten, Graten und Rippen wie ein Urwald bedecken, vollendeten Naturgenuss. Selbst der Flugzeuglärm ist hier gedämpft oder neben rauschenden Wassern überhaupt nicht zu hören. Auch muss hier niemand befürchten, in eine dicht gedrängte Menschenmenge hineinzugeraten. Es fehlen Sessellifte, Berg- bahnen und Wirtschaften. Man muss aus eigener Kraft vorwärtskommen und unfreiwillige Fuss-oder sogar Vollbäder in Kauf nehmen.

Begeben wir uns also ins Gebiet der Kleinen Zulg! Wir erreichen es von Teuffenthal ob Thun aus ( Postauto ). Eine Wanderung von zehn Minuten auf der kleinen Strasse nach Horrenbach bringt uns zur Brücke über die Kleine Zulg. Diese erhält ihr Wasser von vielen Bächen aus der Gegend der « Blume » und fliesst ziemlich genau nordwärts. Nach Aufnahme des Mettlen- und Pressernbaches, welche fast ebensoviel Wasser führen wie sie, erreicht die Kleine Zulg die Grosse unterhalb des Keistlisteges ( Fusswegverbindung zwischen Schwarzenegg und Horrenbach ) und verliert damit ihre Selbständigkeit.

Der Lauf der Kleinen Zulg lässt sich, dem Landschaftscharakter entsprechend, in drei Abschnitte teilen: in einen oberen, dessen Sehenswürdigkeit in einem etwa 50 Meter hohen Wasserfall besteht, in einen mittleren, in dem sich das Flüsschen ohne grosses Gefälle durch Wiesen und Gehölz windet, und in einen unteren mit starkem Gefälle und einer dichten Folge von Wasserfällen.

Die Begehung des Flusslaufes lässt sich nur von oben nach unten durchführen, da die Querriegel durch Abseilen überwunden werden müssen. Ein Erklettern dieser meist senkrechten Nagelfluh-wände neben den Wasserfällen ist nur selten möglich.

Von der erwähnten Brücke aus wenden wir uns nun zunächst aufwärts. Ein Karrweg bringt uns bis in die Gegend der Abzweigung des Mettlenbaches, und nach Überschreiten einer Brücke führt ein Fussweg auf der Rippe zwischen Mettlenbach und Kleiner Zulg steil in die Höhe bis zu einer kleinen Einsattelung.

Von dort steigen wir ins Bett der Kleinen Zulg hinunter und folgen ihm, zweimal mit Abseilen ( einmal etwa 15 Meter über brüchiges Gestein, einmal etwa 5 Meter über einen kleinen Überhang ), auf das Sprungbrett des grossen Wasserfalles. An diesem wunderschönen Punkt sehen wir besonders gut in die riesigen Tannenwälder hinein und dem hinausschiessenden Wasser entlang in die Tiefe. Das Bassin, in das der Fall mündet, ist wegen eines Überhanges nicht sichtbar, lässt aber die Tiefe mit ihren weit unten liegenden Tannenwipfeln um so eindrücklicher erscheinen.

Damit kann der Abstieg beginnen. ( Wer Angst hat, von hier in die Tiefe zu tauchen, kann über ein brüchiges Band nach Westen hin ausweichen. ) Rechterhand des Falles erlaubt ein von Tannen um-säumtes Podest einen idealen Start. Über Grasbänder und senkrechte Schrofen seilen wir uns etwa 20 Meter auf ein mit Bäumen bewachsenes Band ab und vom unteren Rande desselben neben dem rauschenden Wasserfall weitere 30 Meter über eine Nagelfluhwand, welche unten leicht überhängt. Um ein Bad zu vermeiden, pendeln wir etwas nach aussen an den Rand des Bassins. Noch einmal werfen wir einen Blick zurück auf den imposanten Fall. Er ist auch im Winter sehr attraktiv. Das Wasser schiesst dann unter einem abenteuerlich geformten Eispanzer nach unten. Damit wenden wir dieser interessanten Stelle den Rücken, folgen dem Flüsschen und weiter unten dem erwähnten Karrweg bis zur Brücke, womit wir uns im mittleren Abschnitt befinden. Nach Belieben folgen wir dem Lauf des sich bald in Wiesen, bald im Gehölz sanft dahinwindenden Wassers und geniessen das Sonnenlicht, das in den Schluchten nicht immer den Weg zum Wanderer findet.

Weiter unten folgen einige stille Bassins, in solide Nagelfluh eingebettet und von hohen seitlichen Felsen begrenzt. Unser Lauf wird durch kleine Klettereien etwas gehemmt; um so schneller schiessen muntere Forellen im klaren Wasser umher. Bei der Stelle, wo früher die Brücke des alten Horren-bachsträsschens stand, hat auch dieser Abschnitt ein Ende.

Hier beginnt wieder eine Schlucht mit starkem Gefälle - etwa 70 Meter auf einer Strecke von 300 Metern -, und man sieht das Wasser in einem unerhörten Defilee von Fällen sich nach unten in enge Felsspalten verlieren.

Nun öffnen wir den Rucksack, um uns für die nun folgende Anstrengung zu stärken und um das Seil herauszunehmen, das wir von jetzt an wiederholt benötigen: Etwa siebenmal geht es hinunter, bald über 5 Meter, bald über 20 Meter, meist auf der linken Seite. Um ein Fussbad kommt man selten herum. Trügerischer Sandboden lässt einen gelegentlich tiefer als vermutet einsinken Immer höher türmen sich die Felswände, besonders auf der rechten Seite, während links Schrofen und Grasbänder zwischen den Querriegeln ein Entweichen aus der Schlucht erlauben. Dies kann bei plötzlich und heftig einsetzendem Regen nützlich sein, da dann der Wasserstand schnell steigt und ein weiteres Begehen der Schlucht mühsam oder sogar gefährlich werden kann.

Weiter unten wird es lichter, weil weniger Felsen und Bäume den Himmel verdecken, und nach Überwinden eines letzten schönen Wasserfalles befinden wir uns im Bett der Grossen Zulg. Über die westliche ( linke ) Begrenzungsrippe zwischen Grosser und Kleiner Zulg steigen wir nach Teuffenthal hinauf.

Diese lohnende Schluchtwanderung können wir in einem halben Tag und mit 60 Metern Seil - am vorteilhaftesten aus Kunstfaser, da es immer nass wird - bewältigen, und um uns gegen herabfallende Steine zu wappnen, stülpen wir vorsorglich einen Schutzhelm auf.

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