Balmhorn-Gitzigrat-Altels

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3Von Emil Meier f

( Wetzikon ) Wenn wir an einem sonnigen Tag aus dem fruchtbaren schweizerischen Mittelland dem Lötschberg entgegenrollen, locken uns kurz nach Bern die gleissenden Eisriesen des Berner Oberlandes ans Wagenfenster, jene unnahbaren « Schneeberge », von denen die Talbewohner nur mit Scheu sprechen. Weiter gegen Frutigen fesseln die Blümlisalpgruppe und das Balmhorn unsere Blicke. Wir bewundern die meisterhafte Leistung der Ingenieure, Unternehmer und Arbeiter sowie die Grosszügigkeit der Bahngesellschaft, welche vor ca. 40 Jahren ein Bauwerk schufen, das sogar den heutigen, enorm angestiegenen Eisenbahnverkehr zu bewältigen vermag.

Die Bremsen kreischen — Kandersteg. Unser Reiseziel! Wir stehen, unsere Freunde, meine Frau und ich, mitten in den Bergen, während der Schnellzug im Lötschbergtunnel verschwindet. Die mondäne Welt des Kurortes hat der Herbstwind weggeblasen. Nur vereinzelt ist das Geklapper der « Genagelten » einiger Unverwüstlicher oder verspäteter Feriengäste zu vernehmen.

Die Berge um Kandersteg eignen sich vorzüglich für Herbstfahrten. Sie erreichen die 4000er-Grenze nicht mehr und sind meist leicht bis mittelschwer zu ersteigen. Nur wenige Routen verdienen das Prädikat « schwierig » bis « sehr schwierig».Vor wenigen Tagen ist auf den Hochgipfeln Schnee gefallen, und nach einer kurzen Aufhellung verschlechtert sich das Wetter wiederum zusehends. Trotzdem entschliessen wir uns, einen Familienbummel über den Lötschenpass zu unternehmen. Für eine allfällig neue Aufhellung nehmen wir jedoch die gesamte Bergausrüstung mit, um für einen Seitensprung gewappnet zu sein.

Schon am Dorfausgang empfängt uns der obligate Kandersteger Regen. In der Nähe des prächtigen « Rüedihauses » müssen wir Schutz suchen. Beim Nachlassen des Regens marschieren wir der jungen Kander entlang rüstig weiter. Vor einigen Wochen hat sie sich wieder einmal tüchtig ausgetobt und stellenweise den Fahrweg zu einem Bachbett verwandelt. Vor Seiden ist das Ufer samt Strasse weggerissen, so dass wir uns bereits in Kletterkünsten üben können. In der starken Steigung zur Gfällalp führt der Weg über Weiden und durch Niederholz, welches angenehmerweise von fruchtbeladenen Jo-hannisbeersträuchern durchsetzt ist, an welchen wir unseren brennenden Durst löschen und die schweren Säcke vergessen können. Eiligen Schrittes retten wir uns ins heimelige Gasthaus Gfällalp, als der Himmel erneut seine Schleusen öffnet.

Welch ein Wunder! Über Nacht hat sich das Wetter überraschend gebessert, und als wir um 4 Uhr die Gfällalp verlassen, ist der Himmel voller Sterne. Unsere Frauen folgen später, um über das Hockenhorn und den Lötschenpass ins Lötschental zu bummeln.

Frischer Gletscherwind und ein guter Saumweg verschärfen unser Tempo stetig, so dass wir nach Querung des Lötschengletschers im Zwielicht des erwachenden Morgens beinahe den Römerweg verpasst hätten. Kurz nach 6 Uhr stehen wir am Lötschenpass, als soeben — um mit Purtscheller zu sprechen — die Sonne die Walliser Hochgipfel küsst. Ein erhabenes Schauspiel! Besonders leuchtend sticht das frisch verschneite Weisshorn hervor. Daneben hält in scharfem Gegensatz die nahe, stolze Pyramide des Bietschhorns drohend Wache. Dass der Lötschenpass heute noch ein beliebter Übergang ist, beweisen die hohen Sommerfrequenzziffern der Gaststätten auf beiden Paßseiten.

Der Lötschenpass ist auch in geologischer Hinsicht höchst interessant. Hier ist der parautochthone Sedimentmantel des Aaremassivs bis auf das Urgestein, den Gasterngranit, erodiert. In wenigen Minuten steigen wir über Gesteine aus verschiedenen geologischen Zeitaltern hinweg: vom Zentralmassiv über Karbon ( Karbonschiefer ), Perm ( Verrukano ) und Trias zum Jura. Die zentralmassivische Mulde des Ferdenrothornes reicht im Gneis bis in den Lötschbergtunnel hinab, welcher ca. 1500 m unter uns durchführt. An ihr erkennen wir die herzynische Gebirgsbildung, während an den Jurafalten in der Balmhornostwand die spätere, alpine Gebirgsbildung zum Ausdruck kommt.

Doch weiter! Der Grat, welcher uns wartet, ist noch lang. Auf dem Gletscher, welcher sich zur Gitzifurgge hinaufzieht, treffen uns die wärmenden Sonnenstrahlen und rings um uns erglänzen plötzlich Milliarden von kleinen Eiskristallen. Über die erwähnte Furgge erreichen wir um 7 Uhr den eigentlichen Grat und lassen uns zur Rast nieder, um den Körper auf die kommenden Strapazen zu stärken, denn die ersten Grattürme machen einen imposanten Eindruck. Zuerst erleichtern eine eiserne Leiter und Drahtseile den Aufstieg an den Fuss des Turmes I, welche zugleich als Zugang zu der dortigen Kaverne dienen. Schräg links querend gelangen wir in eine schwach ausgeprägte Rinne, welche wenige Meter links des Turmes I auf die Gratschulter führt. Hier lernen wir auch die Eigenschaften des Gesteines kennen: ein brüchiger Schubladenfels, jeder Griff und Tritt ist zu prüfen. Man muss « auf Druck » klettern! Bei Zuggriffen hält man meist die Schublade « in der Luft ». Das folgende, sonst meist mit Schnee bedeckte Gratstück, ist infolge des heissen Sommers vollständig ausgeapert. Über Schutt und Platten geht es weiter an den Turm II, welcher wieder hart links der Kante überwunden wird. Bis meine Kameraden folgen, habe ich Zeit, die umfassende Aussicht zu bewundern. Aus einer Scharte erklimmen wir die Kante des Turmes III. Die steilen Felsen sind gutgriffig, da die Schichten einwärts fallen. Im oberen Teil bäumt sich der Turmkopf senkrecht auf. Dort ist ein Durchkommen unmöglich, weil man sich nicht auf die Griffe verlassen kann; selbst grosse Blöcke im Grat wackeln. Ca. 8 m in die Ostflanke ausweichend gelangen wir unter einem überhängenden Block durch nach links an das Gipfel-wändchen des Turmes III, welches durch einen kleinen Riss direkt erstiegen wird.

Auf dem Turm III geniessen wir bei einer kurzen Rast das Schauspiel der Nebelmeerauflösung über dem Rhonetal. Die geschlossene Nebeldecke gerät unter dem Einfluss der Sonnenbestrahlung in Bewegung und löst sich auf. Die einzelnen Wolkenballen werden vom Aufwind erfasst und gegen die Gipfel abgesogen. Schon wird das Dalatal frei. Inmitten grüner Weiden können wir das malerische Leuk erkennen.

Über die Fortsetzung der Kletterei sind wir uns trotz mehrmaligem Lesen des Führers nicht ganz klar. Der nächste Aufschwung ist wenig einladend: steiler, brüchiger Fels. Es scheint auch möglich zu sein, die folgenden Türme in der Südflanke auf Schutterrassen umgehen zu können. Wir wählen daher den goldenen Mittelweg und traversieren von Turm III nach links, ca. 30 m unterhalb des Aufschwunges. Schwierig erklettern wir ein kleines Wändchen und gelangen, ein breites Couloir gipfelwärts querend, wieder auf den Grat. Es folgen eine Reihe Gratzacken, die wir teils überschreiten, teils wenige Meter links des Grates umgehen. Oft greifen wir zum Klubführer; denn wir sind uns über die Anzahl der tra versierten Türme nicht mehr einig. Einer zählt schon deren sieben! Erst als wir beim grossen Grataufschwung anlangen, finden wir den Anschluss an die Routenbeschreibung wieder. Wir konstatieren dabei, dass diese zusammenhängenden Gratzacken auch etwa 50-100 m tiefer in der Südflanke über leichte Felsen und Geröll rascher umgangen werden können. Die Kletterei am Grat ist jedoch viel abwechslungsreicher und bietet grossartige landschaftliche Ausblicke. Besonders der Bück in die nahen Blümlisalp- und Jungfraugruppen erinnert uns an die Erlebnisse vergangener Fahrten.

Unterdessen haben sich Gewitterwolken gebildet, die hartnäckig am Balmhorn kleben. Nur hie und da taucht ein ferner Gratzacken auf, der durch den Nebel einen grossen Turm vortäuscht und uns den Grat noch länger erscheinen lässt. Wir können uns nicht entschliessen, den grossen Abbruch in der Westflanke zu umgehen, sondern packen ihn direkt an, da die guten Felsen eine schöne Kletterei erwarten lassen. Aus der Scharte zieht eine stumpfe Verschneidung zu einem Couloir hinauf, welches den oberen Teil des Abbruches in zwei Grate trennt. Zunächst traversieren wir ca. 8 m nach links in die Verschneidung und gewinnen dann rechts wieder den Grat mit gutem Stand. Ca. 30 m über der Scharte ist ein kleiner Überhang zu erklimmen. Aus der darnach folgenden kleinen Nische gelangen wir wieder leichter nach links in das erwähnte Couloir und in einer Seillänge zur Grathöhe. In hübscher Kletterei werden nochmals zwei kleinere Grattürme überschritten. Dann haben wir den Firngrat erreicht. Stürmisch stampfen wir gipfelwärts, denn die Nachmittagswolken, welche die Aussicht nur lücken-weise freigeben, künden ein baldiges Gewitter an. Um 12.30 Uhr drücken wir uns auf dem Balmhorn freudig die Hand zum Dank für den gut gelungenen Aufstieg.

Die wenigen Kratzspuren am Fels beweisen, dass der Gitzigrat selten begangen wird, doch möchte ich ihn den anderen Balmhornrouten vorziehen. Die Überschreitung zum Altels bietet wohl eine der schönsten kombinierten Fahrten des westlichen Berner Oberlandes.

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