Beim Blick von der Rigi auf die Seen

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Mit 3 Bildern.Von Albert Heim f.

Wir wandern über die Gipfel und Kanten der Rigi. Tief unter uns liegt in zauberhafter Gestalt der schönste See der Erde, der Vierwaldstättersee. Wie eine Verlängerung seiner Arme reihen sich an: Zugersee und Lowerzersee, Sarnersee, Sempachersee, Baldegger- und Hallwilersee, Rootsee. Teils liegen die Seen in den Alpentälern, teils im Molassevorlande. Der Vierwaldstättersee selbst greift aus den tiefen, steilen Alpentälern in ungestörter, ununterbrochener Wasserfläche weit über den Alpenrand hinaus ins Mittelland ( Molasseland ). Es sind grosse Talseen, die « Randseen der Alpen », die den Fuss der Rigi umfluten. Der Rigiberg selbst verbindet in seinem Grate die überschie-benden Kalkdeckfalten der eigentlichen Alpen mit dem mächtigen vorgelagerten Nagelfluhgebirge des Molasselandes, dem die Rigi in ihrer Hauptmasse angehört. Die Rigihochfluh ist ein Stück der Brandungswelle der Kalkalpen am Nagelfluhklotz von Rigi-Scheidegg und Kulm, welcher seinerseits das gewaltige emporgepresste Delta eines mitteltertiären alpinen Urstromes darstellt.

Ergänzen wir die Ruinen unserer Berge zu den Falten der Erdrinde, als welche sie hier aufgestaut, « aufgefaltet » worden sind, so kommen wir 2000 bis 4000 m höher hinauf. Der grössere Teil des ursprünglich Aufgestauten ist abgewittert, abgetragen, abgespühlt, und nur noch Ruinen sind geblieben. Ein anderer Teil der gefalteten Gesteinsrinde liegt eingedrückt unter der Oberfläche verborgen, tief hinab in die Erdrinde eingesunken, eingefaltet oder « hinabgefaltet ». Hundertmal wechselnde Oberflächengestalt hatte innerhalb der jetzt verschwundenen Gesteinsmasse Platz und hat sich im Laufe der Zeiten eingegraben in den ursprünglichen Faltenklotz der Gebirgsmasse, bis die heutige Gestalt sich ergeben konnte. Sie ist ein Erbe wechselvoller, stets umformender Modellierung während für uns unfassbar langer Zeiträume. Berge und Täler und Seen haben sich gebildet, wieder verschoben, verloren und erneuert und stetig umgestaltet in wechselnden Epochen wechselnder Tendenzen. Jetzt scheint Ruhe und Friede in der Umformung eingetreten zu sein, weil wir zu kurzlebig sind, um mehr als nur kleine unbedeutende Veränderungen zu erleben. Die Landschaft liegt wie ein endgültiges, unveränderliches Kunstwerk des Schöpfers vor uns in ihrer unbeschreiblichen Harmonie der Formen und Farben.

Niemals wird es uns gelingen, die ganze Geschichte ihres Werdeganges lückenlos aufzudecken. Wohl können wir manche Epoche desselben lesen, manchen langen Abschnitt in seinen Folgen erkennen, aber aus dem Ge-schichtsbuche sind manche Seiten herausgerissen, andere zur Unleserlichkeit vergilbt. Wir füllen die Lücken mit begründeten Vermutungen aus. Die grossen Züge der langen Kette von Vorgängen lassen sich durchschauen.

Ob wir auf dem Salvatore oder Monte Generoso, dem Pilatus, der Rigi oder dem Rocher de Naye stehen — die Seen fesseln unser Auge am Die Alpen — 1937 — Les Alpes.30 andauerndsten. Welch majestätische Ruhe spricht aus der scheinbar mathematisch ebenen Niveaufläche, im Gegensatz zu der bewegten Gestalt seiner scharf gezeichneten Ufer und seiner umgebenden Berge! Das sind die heutigen Seen, denn Hunderte anders gestalteter Seen mögen ihnen zeitweise vorangegangen sein. Sollten wir darüber unwillig werden, dass uns bei jeder Bewunderung stets die Frage vor den Geist tritt: Wie ist das entstanden? Wir freuen uns dessen und sind auf diese Eigentümlichkeit unseres Sinnes stolz. Diejenige Bewunderung, die versteht, ist viel höher und macht viel glücklicher als das verständnislose Anstaunen. Also: Wie sind diese heutigen Seen entstanden?

Die alpinen Talseen sind wassergefüllte, unter das mögliche Ablauf-niveau reichende Übertiefungen in den Talwegen. Sie sind taleinwärts und oft auch talabwärts umlagert von mit Kies, Sand und Schlamm aufgefüllten ähnlichen Talstücken. Die Oberfläche der Aufschüttungen ist fast so flach wie diejenige der Seen, und ihre Tiefe ist ähnlich den Seetiefen. Sie waren einst auch See. Gletscher, Flüsse und Bäche haben hier einzelne Seestücke ausgefüllt. Denken wir uns diese Zuschüttungen alle ausgeräumt, so erhalten wir erst die ursprünglich angeborene Gestalt der Seen. Der Vierwaldstättersee beginnt dann als schmaler Fjord bei Amsteg oben, er erfüllt den Talboden von Brunnen-Schwyz und hängt mit dem Lowerzersee zusammen, der nahe an Goldau reicht. Statt der an den Bach- und Flussmündungen angeschwemmten Vorsprünge flachen Bodens greift er nun in Buchten bis an die Steilhänge ( z.B. bei Sisikon, Gersau, Vitznau ) und verbindet sich von Buochs über Stans mit dem Becken Stansstad-Hergiswil und dem Alpnachersee. Der Bürgenstock bildet eine ganz umflutete Insel, der Alpnacherarm reicht in den Sarnersee und mit demselben noch weiter hinauf. Das Becken von Hergiswil verlängert sich bei Winkel über Horw nach Luzern; auch die Biregg war eine Insel. Der Küsnachterarm des Vierwaldstättersees, die Moräne bei Station Immensee weggenommen, bildet eine Verbindung mit dem Zugersee, der sich nun weiter ausbuchtet, bis an die Reuss hinab ausdehnt und oben bis an die schmale Nagelfluhschwelle von Goldau. Diese letztere einzig trennt ihn vom nahe östlich folgenden Lowerzersee und bildet die einzige schmale Landbrücke zu der wasserumfluteten Rigigruppe.

Diese Seen sind jetzt noch bis zu 215 m « übertiefte » Stücke von Talläufen. Unter den jetzigen Umständen könnten sie nicht von Flüssen ausgekolkt werden; das Gefälle fehlt, das Wasser steht tief, gestaut, annähernd still. Oben treten die Flüsse trüb, Geschiebe spühlend, in die Seen. Die Seen sind Klärbecken. Der Absatz von Eingeschwemmtem füllt sie langsam auf. Sie schwinden im Laufe der Zeiten zusammen. In etwa 20,000 Jahren kann der ganze Vierwaldstättersee aufgefüllt sein. Gereinigt und klar treten die Flüsse aus den Seen. Die Frage nach der Entstehung der Seen ist die Frage nach der Ursache der Übertiefung im Talwege geworden.

Es gibt im Gebirge noch unzählige kleine Seen in Nebentälern, in Hochtälern, auf Passflächen. Sie sind nicht zu verwechseln mit den Haupttalseen in den Randzonen des Gebirges. Sie sind sehr mannigfaltiger Entstehungsart.

Moränen, Bergstürze aller Art, Schuttkegel der Seitentälchen, Bewegungen des Felsgrundes, Abspühlung durch Spalten im Felsgrund und noch viele andere Ursachen können sie gebildet haben. Wir lassen in dieser Betrachtung diese Bergseen, als etwas ganz anderes, ausser acht und beschäftigen uns nur mit den grossen Talseen in den Randzonen der Alpen.

Übertiefung im Talwege! Man dachte an lokale Austiefung durch Auflösung des Untergrundgesteines durch das Wasser. Es gibt Tümpel und kleine Seen in Gips- und Kalkgebirgen, die so entstanden sind. Aber unsere grossen randalpinen Talseen greifen einheitlich und unabhängig vom Gesteinsgrunde durch altkristalline Silikatgesteine und durch Sedimentgesteine wechselnder Art hindurch. Innerhalb vieler Kilometer Länge wechselt die Löslichkeit des Gesteins vielfach, aber der See, seine Tiefe, seine Form bleibt davon unbeeinflusst, und der Untergrund ist mit sich stets häufenden undurchlässigen Tonschichten ausgepicht. Man dachte an Bewegungen in der Erdrinde, welche zwischen einem Spaltenpaar einen Streifen versenkt hätten ( « Ver-werfungsgräben » ). Allein die Anzeichen solcher Brüche sind wohl beiderseits des Rheintales zwischen Vogesen und Schwarzwald, am Roten und am Toten Meer und manchen afrikanischen Grosseen, aber nicht an den alpinen Randseen zu finden. Man hielt sogar viele der steilwandigen Seentäler, im besondern auch den Urnersee ( oberer Teil des Vierwaldstättersees ) und viele Täler der Alpen überhaupt für ungeheure klaffende Spalten, unmittelbar aufgerissen durch die gebirgsbildenden Bewegungen der Erdrinde. Allein alle Untersuchungen haben nur zur Widerlegung solcher Phantasien geführt. Ein für unser Erfassen « spaltenförmiges » Tal ist noch keineswegs eine Spalte. Die eine Talseite setzt ohne nachweisbare Bruchverstellung ihrer Gesteinslager in der andern fort, und wo einmal eine Beobachtung möglich ist, zeigt sich im Gesteine unter der Aufschüttung im Talgrunde der unverletzte, ungebrochene Zusammenhang beider Talseiten; der Fels geht in der Sohle durch. Die Modellierung der Seeufer mit ihren Vorsprüngen und Buchten stimmt wohl mit der Verwitterung und Abspühlung an einem Talgehänge, aber nicht mit den Formen grosser Absenkungsspalten überein. Auch Rück-stauung des Wassers durch Schuttanhäufungen im untern Teil der Täler reicht bei den alpinen Randseen nicht zu ihrer Erklärung aus, denn sie sind 50 bis 100 oder mehrere hundert Meter tiefer als die niedrigste Stelle der Felsschwelle, über welche talauswärts ihr Wasser fliesst. Die Übertiefung hat also wirkliche Felsbecken, Aushöhlung im Fels ergeben. Ihre Becken sind durch Wegräumen von Gesteinsmasse aus dem früher volleren Gebirgskörper entstanden.

Nun folgte eine Entdeckung, welche die Lösung des Rätsels der See-austiefung zu bringen schien. Der Fluss, der in den Alpen jetzt der gewaltige Kolker und Austiefer der Talwege ist, kann nichts tun, wo das Gefälle für kräftige Bewegung fehlt. Allein der Gletscher ist eine mächtige, langsam fliessende, mit Schleifsand an ihrem Grunde und mit hohem Druck arbeitende Feile, die auch mit rückläufigem Gefälle an ihrem Grunde noch ausschleifen kann, wenn nur das Gefälle für die Schwerpunktslinie der Gletscher-Quer-schnitte bleibt, das ein Fliessen erzeugt. « Die Gletscher, deren Schleif arbeit ja genau beobachtet werden kann, waren wohl der Hobel, der die Talwege während der Eiszeiten übertieft und bei seinem Rückgang als Seen übrig gelassen hat? » Der englische Forscher A. C. Ramsay behauptete zuerst ( 1862 ), die alpinen Randseen seien durch Gletscher übertiefte Talstücke. Der englische Physiker Tyndall, in Italien Gastaldi, Omboni und andere mehr schlössen sich an. Murchison, John Ball, Lyell, Bonney, Studer, A. Favre, Arnold Escher, L. Rütimeyer, F. A. Forel und andere zeigten die Unhaltbarkeit dieser Meinung. Dann schwieg die Frage lange, bis sie im letzten Viertel des vorigen Jahrhunderts in Deutschland durch Albrecht Penck neu aufgeweckt wurde und mächtig Schule machte. In Amerika war W. Davis der Vertreter derselben. Ein grosses, achtunggebietendes Beobachtungsmaterial wurde neu geschaffen. Unsere Gletscher- und Eiszeitkenntnis wurde mächtig gemehrt und gefördert. Vieles davon wird bleibendes Gut der Wissenschaft sein. Die Schüler und Schülersschüler des Genannten verbreiteten sich lehrend über die Erde und drangen in zahlreiche Geographie-Lehrkanzeln ein. Bald war es so weit, dass man in der Frage der Talbildung und Seebildung durch den Gletscher sich gewissermassen selbst hypnotisch festgelegt hatte. Der « glaziale Formenschatz » wurde aufgestellt, eine ganze Anzahl der Gletscherarbeit zugeschriebene Gestaltungen wurden mit besondern Worten begrifflich fixiert. Sogar in Schulbüchern wurde kurzweg im Tatsachenton mitgeteilt: « Wir verdanken den eiszeitlichen Gletschern das Ausschleifen unserer Seebecken. » Die Schüler übertrumpften ihre Meister. Ein begeisterter Anhänger der ultra-glazialistischen Schule verkündete sogar: « Das Becken von Stuttgart ist vom alpinen Eise ausgehöhlt », während ein anderer sich sogar durch « Vergletscherung von Pol zu Pol » die Kontinente durch Gletscher zurechtgefeilt und die Ozeanbecken ausgehöhlt dachte. Es versteht sich von selbst, dass die Schöpfer der « Glazialschule » solche Auswüchse nicht billigten. Sie sind aber die Folgen einer allgemeinen Erscheinung des Menschengeistes: es hat immer grosse Mühe, in einem als gut erfundenen Geleise Mass zu halten; immer eiliger läuft er in der eingeschlagenen Richtung weiter, bis er weit jenseits des guten Zieles in den Abgrund des Irrtums stürzt.

Indessen, bleiben wir bei den bedeutenden ernsten Forschern, die die Glazialerosion der Seebecken lehrten. Der eine derselben schätzte die Wasserarbeit in der Ausbildung der randalpinen Täler auf etwa 4/i, ihre Gletscher-austiefung auf 1/5 — der extremste wollte über 9/io der alpinen Talbildung der Gletschererosion zuschreiben!

Die Geographen standen eine Zeitlang in grosser Mehrheit auf der Seite der Schule Penck-Brückner-Davis, die Geologen in Mehrheit auf der Seite Studer-Escher. Der Verfasser dieser Zeilen hatte sich in diesem Kampf um die Erkenntnis der Wahrheit stets kräftig beteiligt. Bei aller Anerkennung und Hochachtung vor den Forschungsresultaten seiner Freunde Penck und Brückner hat sich ihm seine ursprüngliche Ansicht durch weitere Untersuchungen stets befestigt: Wohl schleifen die Gletscher die Felsvorsprünge in ihrem Bette an, sie runden sie auf der Angriffsseite zu, sie schleifen glatt, sie polieren sogar spiegelglänzend und versehen die Schlifflächen mit Furchen und Schrammen in der Bewegungsrichtung des Eises. Aber dies bleibt Kleinarbeit von wenigen Meter. Man findet überall die Felsköpfe und Felsecken nur angeschliffen, aber nicht weggeschliffen. Mitten in den Gletscherbetten sind « Inselberge » stehen geblieben. Hätte der Gletscher die Talwege daneben um Hunderte von Metern vertiefen können, so hätte er noch vorher das Haupthemmnis mitten in seinem Stromstrich als den eigentlichen « Stein des Anstosses » weggeräumt. Die Schleifarbeit von Gletscher und Fluss haben entgegengesetzte Tendenzen. Der Gletscher strengt sich am meisten an, das Vorragende zu Gletscherschliffbuckeln abzuschleifen, und verteilt seine Arbeit über seinen ganzen breiten Untergrund. Die Flusserosion wirft sich in die Vertiefungen und konzentriert ihre Arbeit auf das Ausschleifen einer aus Wassererosionskesseln gebildeten schmalen Rinne; der Gletscher schützt seinen Untergrund gegen Verwitterung, der Fluss hingegen überlässt die Abschrägung des entblössten Gehängs und ihre Ausweitung zum Tale der Verwitterung. Der Gletscher ist ein viel plumperes, steiferes Kolkwerkzeug als der Fluss. Er wendet sich schwerer, er sucht das Tal in die Form einer ausgeglichenen, möglichst einfachen, geradlinigen, glattwandigen Trogform überzuführen. Der Fluss hingegen ist einige tausendmal beweglicher. Ein kleines Hindernis wirft ihn von der einen Seite auf die andere; er weicht Vorsprüngen und Höckern aus; er sucht die tiefsten Wege zu vertiefen, oft an Stellen, wo der Gletscher gar nicht einzudringen vermag. Der Fluss vertieft die Tiefen, der Gletscher verflacht die Vorsprünge. Der Fluss kann Felsgrund nicht direkt in grosse Trümmer ausbrechen, aber er schafft der Verwitterung hierfür den Angriff. Dass der Gletscher den Fels unmittelbar in Blöcken auszu-pflügen vermöge, ist vielfach behauptet und geglaubt, aber niemals gesehen oder bewiesen worden 1 ). Wenn es vorkommt, so ist es eine seltene Ausnahme. Der Fluss macht grosse Arbeit auf kleine Fläche konzentriert, der Gletscher Kleinarbeit auf grosser Fläche.

Doch wir stehen in Gedanken auf Rigi oder Pilatus, und wir betrachten die grossen Talseen von hier oben.

Der Talweg des Vierwaldstättersees ist ungefähr in seiner Mitte scharf eingeengt und zugleich geknickt durch die gegeneinander gerichteten Vorsprünge: « Obere Nase » und « Untere Nase », welche der nördlichsten Bran-dungskette der helvetischen Kalkalpen angehören, die er hier durchqueren muss. Mit konvexen Rückenlinien sinken hier die beidseitigen Berggräte ins Wasser hinab. Es lässt sich in der ganzen Gestaltung nirgends eine dem Abschleifen durch die Gletscher der Eiszeiten entsprechende Form erkennen, die auch nur mit einigen Meter sich bemessen liesse innerhalb dieser grossartigen Landschaft, wo es sich um Kilometer in den Weiten, um Hunderte bis zu 2000 m in den Höhen handelt. Die Eiszeitgletscher fluteten um die Rigigruppe herum auf 1000 bis 1400 m Meereshöhe hinauf, das ist 550 bis 950 m über das Seeniveau. Die Gletscher arbeiteten deshalb nicht nur am Seegrunde, sondern auch die Seeufer und die Berggehänge und im äusseren Teile die ganzen Berge standen unter Eis und empfanden dessen Wirkungen.

Hätte der Gletscher den Seegrund um 200 bis 300 m ausgetieft, so hätte er auch entsprechende Wirkungen auf die Uferregion und die umliegenden Gehänge bis noch hoch hinauf ausüben müssen. Wir müssten seine Gestaltungstendenz über der Uferlinie so gut wie unter Wasser im Gebiete der Übertiefung wahrnehmen können. Der gleiche Gletscher, der in den gleichen und noch festeren Gesteinen von Flüelen bis Brunnen auf 10 km Länge einen Seegrund von über 200 m Tiefe und 2 km mittlere Breite ausgetieft haben soll, hätte nicht vermocht, den viel zu schmalen Engpass zwischen den Nasen auch nur merklich zu erweitern und an seinen beidseitig vorspringenden, scharf geformten Pfosten sichtlich konkav auszuschleifen!

Unmittelbar vor die Stossrichtung des eiszeitlichen Gletschers aus dem Engelbergertal stellt sich quer die Felsrippe des Bürgenstocks. Westlich folgt wieder ein Engpass bei Stansstad und dann die Fortsetzung der Kreidekette im Lopperberg und Pilatus. Sicher hat die Gletscherflut der Eiszeit hier mehrere 100 m über den Bürgenstock gereicht und diesen hoch mit Eis überfahren, während der Pilatus etwa 1000 m über den Gletscher emporragte. Man vergleiche Bürgenstock und Pilatus in ihren Profilansichten z.B. von der Wissifluh ob Vitznau aus. Der Formcharakter ist genau der gleiche, entsprechend dem inneren Gesteinsbau und der Abwitterung. Die Schichten fallen steil nach Südsüdost. Der Gletscher vermochte nicht so viel am überfluteten Bürgenstock zu ändern, dass ein deutlicher Unterschied daraus im landschaftlichen Bilde entstanden wäre, den man in den « glazialen Formenschatz » einreihen könnte. Nur im feineren Einzelnen sind die Pilatusformen etwas schärfer gegliedert, was der in jener Höhe grösseren Frostwirkung und geringeren Vegetationsbedeckung entspricht.

Quer vor den Talweg des Gletscherstromes, der über den Brünig aus dem Haslital und Unterwaiden kam, stellt sich der Lopperberg ( Pilatusausläufer ). Der Engpassdurchbruch des Seeweges ist stark östlich verschoben. Der Gletscher soll nun die Schwellenrippe des Lopperberges da verschont haben, wo sie ihm unmittelbar im Wege stand, dagegen rechts verschoben den schmalen Engpass für den See ausgerieben haben in einer Gestalt, die einem « Gletschertrog » gar nicht entspricht.

Man betrachte von den hohen Gipfeln aus die Umrissformen der Seen und der flachen Talauf schüttungen I Es ist ein reicher Wechsel von bald kleinen, bald grossen Vorsprüngen mit Buchten, voll überraschender Wendungen. Wie oft bin ich im Kahne diesen Ufern dicht entlang gerudert; wie oft haben sie mich erfreut und entzückt. Wie ganz anders, wie einförmig und langweilig müsste diese Landschaft ausgefallen sein, wenn der plumpe, träge Gletscherhobel den seinen Tendenzen entsprechenden glatten Taltrog den Seetälern aufzuprägen vermocht hätte!

Alle die scharfen Vorsprünge und Buchten im Molassegebiete ( Meggen-horn, St. Niklausen, Hertenstein, am Zugersee Kiemen, Risch u.a. m .), wie die zum Teil noch viel kräftigeren in den Kalkfelszonen, verdanken wir dem Herausschälen der Anatomie des Gebirges durch Verwitterung mit Abspühlung und Flusserosion samt dem Überleben der Eiszeit. Sie sind erhalten geblieben, weil der darüber gehende Gletscher nicht genügende Ero- sionskraft besass, um diese Kleinformen oder Grossformen zum Verschwinden wegzuhobeln.

Blicken wir gegen das offene Molasseland nach Nordwesten hinaus, so sehen wir wiederum die auffallendsten Widersprüche in Tal- und Seegestaltung mit dem, was man dem Gletscher zuschreiben müsste oder wollte: der alte Stromstrich Stans-Hergiswil-Horw ist zwischen Kriens und Luzern durch den Sonnenberg abgesperrt. Warum hat ihn der Gletscher, der in jener Richtung noch 35 km weiter bis Seon floss, nicht dorthin fortgesetzt?

Der Hauptstromstrich des Eises ging einst vom Vierwaldstättersee-Kreuztrichter über Luzern-Sursee nach Aarau. So floss die stärkste Gletscherzunge. Ein zweiter Hauptstromstrich des Gletschers führte von Luzern über Baldeggersee-Hallwilersee gegen Lenzburg. Auf diesen Wegen hat der Gletscher der letzten Vergletscherung sogar in den weichen Molassesandsteinen und Mergeln nicht vertieft. Diese Talwege sind 70 bis 140 m in der Austiefung zurückgeblieben gegenüber der Reuss, die, dem Streichen der Molasse nach-tastend, sich einen tieferen Weg quer zu den Gletscherstromrichtungen gegen Nordost schuf. Die Moränen stauten das Wasser in den von den alpinen Zuflüssen verlassenen alten Tälern zu Seen auf. Wenn das Eis den Vierwaldstättersee ausgepflügt hätte, warum hat es ihn nicht in seinen Hauptstrom-strichen konsequent dort hinaus verlängert? Selbst in dem weichen Molassefels war das mächtige Eis nicht imstande, in der Vertiefung dem fliessenden Wasser nachzukommen oder Schritt zu halten. Die Gletscherstromstriche sind als alte tote Hochtäler in der Austiefung zurückgeblieben von dem Momente an, als das arbeitsamere, lebhaftere Wasser andere Wege zu finden vermochte oder auf solche gewiesen wurde. Die höher gebliebenen Abflusstalläufe nach Nordwest wurden im Gebiet der steilen Molasse in Südost-Richtung durchschnitten, sie ergaben sich in die Reuss.

Der Haupteisstrom aus dem oberen Reusstale floss über Goldau. Die schon vorher aufgestaute hindernde Rippe der Zinggelenegg bei Seewen, die Nagelfluhschwelle von Goldau hat er belassen, ohne erkennbare Beeinflussung ihrer Formen. Dann aber, gleich nordwestlich von Arth, fegt er ein 300 m tiefes Becken im gleichen Gestein unter die Schwelle hinab aus und weicht gleich nachher der viel weicheren Rippe des Kiemen aus, indem seine Bett-sohle von 3 km Breite auf 1 km sich einengen lässt, obschon das Eis den Kiemen hoch überflutet. Dergleichen Widersinnigkeiten verübt der « Tal — und See — bildende Gletscher » allüberall — wie hier um die Rigi herum, so auch im Gebiete des Zürichsees, der Berneroberländerseen, des Lemansees und der Seen am Südfuss der Alpen. Eine Masse Inkonsequenzen und wechselnde Launen müssten wir dem Gletscher vorwerfen, wenn er bei der Austiefung der Täler und Seen ein bedeutender Mitarbeiter gewesen wäre. Je sorgfältiger wir das Grosse oder das Kleine prüfen, desto deutlicher wird es uns: die austiefende Gletscherarbeit kann nur ganz untergeordneter Art gewesen sein. Überall schmiegt und fügt sich der Gletscher den schon vorhandenen und ihm oft gar nicht passenden Formen willig an, nirgends beherrscht er die Gestaltung. Unsere Seenlandschaften zeigen uns eine viel individualisiertere feinere Modellierung über und unter Wasser und am deut- lichsten gezeichnet in der Umrissform der Seen, als Gletschererosion sie je hätte schaffen oder belassen können. Der Gletscher kann die seenbildende Übertiefung nicht erzeugt haben.

Bilden wir ein Stück Gebirge im Relief nach und versenken wir dies Relief langsam teilweise ins Wasser, dann erhalten wir Umrisse der Wasserflächen im Relief, die den Charakter unserer Seen und Kiesaufschüttungen nachbilden. Eine über Wasser gebildete Modellierung ist dabei versenkt worden.

Betrachte ich die Seen von den Höhen der Rigi, so bemächtigt sich meiner Vorstellung mit Gewalt folgender Eindruck:

Eingraben der Flüsse im Bunde mit der Verwitterung und in vielfacher Wechselwirkung mit gebirgstürmenden Bewegungen des Felsgrundes haben diese Durchtalung und diese bewegte Gestaltung geschaffen. Das früher höher als jetzt stehende Gebirge ist in einer letzten Phase als Ganzes um 200 bis 300 m zwischen seinen Vorländern eingesunken. Dadurch sind seine tiefsten Talstücke in ihrem Unterlauf übertieft und unter ihr eigenes Wasser getaucht und zu Seen geworden. Alle Formen, alle die Gliederungen der Ufer wie der grosse Verlauf der Talwege, die Umbiegungen der Seen, die Seetiefen und Untiefen, die Schwellen und Trennungen, die einstigen und die jetzigen Inselberge fügen sich harmonisch und notwendig in diese Vorstellung ein. Die Übertiefung ist durch regionale Einsenkung der durchtalten Gebirgs-zonen entstanden.

Wenn dies so ist, so müssen die Spuren einer solchen regionalen Einsenkung sich auch noch in andern Erscheinungen zeigen. Dies ist tatsächlich der Fall 1 ). Die von den Uralpen abgespühlten, nach Nordwest fallend geschichteten Molassegesteine ( Nagelfluh, Sandsteine, Mergel usw. ) sind in ihrer Randzone entlang der alpinen Auffaltung alpeneinwärts hinabgebogen, so dass sie gegen die Alpen absinken. Die ältesten Gletscherbachablagerungen ( Deckenschotter ), die eine von den Alpen bis über einen Teil des Jura hinausgehende, gegen Nordwest abfallende Kiesdecke bildeten, da die Hauptdurch-talung des Mittellandes noch nicht ausgebildet war, sind noch jetzt in ihren Resten im äusseren Teil ( von Uetliberg und Kohlfirst bis Basel ) von den Alpen abfallend gelagert, dagegen fallen sie bei Annäherung an die Alpen ( Albishorn, Baarburg, Sihlsprung, Lorzetobel ) rückwärts gegen die Alpen hinein bis an ihre ursprünglichen ersten Ansatzstellen. Flusserosionsterrassen an den Talgehängen der Molasse, die sonst normal talauswärts ( nach Nordwest ) geneigt sind, biegen ebenfalls oberhalb der Linie Horgen-Männedorf ( Au, Horgen, Sempach ) zu widersinnigem Fallen gegen die Alpen hin ab. In zahlreichen Talgebieten des Molasselandes, deren Entwässerung normal nach Nordwest gerichtet und deren Schichtung sanft gegen Nordwest geneigt ist, sind mit Gletscherschutt verschiedener Art gefüllte alte Abflussrinnen 20 bis 70 m oder gar 130 m tiefer als die heutigen gefunden worden. An dieselben schliesst sich alpeneinwärts die Wasser- und Schuttauffüllung in den Seetälern an. Die Aufschüttung in den Haupttalböden reicht bis tief in die BEIM BLICK VON DER RIGI AUF DIE SEEN.369 Alpen hinein. Keiner der aus den Alpen kommenden und das Molasseland durchströmenden Flüsse kann diese zugeschütteten Rinnen wieder aus-spühlen. Sie müssen aus einer Zeit stammen, da die Alpen noch höher standen und die von ihnen ausgehenden Flüsse noch viel mehr Gefälle hatten als heute. Ganz entsprechende Erscheinungen finden sich an der Südseite der Alpen, während innerhalb des Alpenkörpers die höheren Erosionsterrassen nur selten und wenig verstellt sind. Trägt man alle diese Beobachtungen, die hier nur angedeutet sind, zusammen, so folgt daraus, dass tatsächlich der schon durchtalte Alpenkörper als Ganzes in der Diluvialzeit nach der Haupttalbildung und vor den letzten Vergletscherungen unter Rückwärtseinbiegen der Randregionen um einige hundert Meter gegenüber den Vorlanden eingesunken ist.

Als Conrad Gessner 1555 auf dem damals noch sagenumdüsterten Pilatus stand, fragte er sich, wie es möglich sei, dass diese mächtigen Berge nicht durch ihre eigene Last in die Erdrinde versunken seien. Heute können wir diesen Gedanken würdigen. Die Berge, das ganze Alpengebirge, ist schon eingesunken — in der letzten für die Seebildung in Frage kommenden diluvialen Phase um etwa 1/10 seiner Gipfelhöhen. Dadurch sind seine grossen Talseen entstanden. Es ist versunken durch sein Gewicht. Seine jetzige Höhenlage ist ein Schwimmen. Die zusammengestaute, übereinandergetürmte Faltenschar hat den Untergrund eingedrückt, hat dort spezifisch schwerere Substanz verdrängt, bis sie vom Auftrieb wieder getragen werden konnte. Der volle Beweis für die Richtigkeit dieser Auffassung hat sich durch die Schweremessungen mittelst Pendelbeobachtungen ergeben. Die Alpen zeigen, auf Meerhöhe bezogen, einen Massendefekt in der Erdrinde, eine Schwimmkraft. Er entspricht dem aus leichteren äusseren Rindenteilen bestehenden Faltentiefgang, und er ist gleich dem Gewichte der das Meerniveau überragenden Berge. Einsenkung und Massendefekt tragen die Berge in ihrer heutigen Höhe, und Einsenkung hat die Talseen gebildet! Die Seen, wenn sie aushalten, bedeuten eine Epoche des Ausruhens von Aufstauung und Talausfurchung, sie bezeichnen einen Sonntag in der Geschichte des Gebirges.

Anmerkung: Als Mitte Juli an Prof. Dr. Albert Heim die Einladung erging, er möchte die 1922 verfasste Abhandlung nochmals durchsehen für « Die Alpen », war der 88jährige Altmeister der Alpengeologie sofort bereit dazu und hoch erfreut, dass seine verborgen gebliebene Arbeit auch der grossen S.A.C. Gemeinde dargeboten werde. Den Wunsch, eine Zeichnung beizufügen, konnte er nicht mehr erfüllen, denn er lag sehr krank darnieder und schrieb mir mit zitteriger Schrift: « Der Aufsatz ist nicht ganz leicht zu geniessen, er ist etwas schwer. Ich kann 's nicht mehr leichter machen. Mich nimmt nur wunder, ob meine Glazialgegner stille bleiben. Gefährlich wird 's nicht mehr, und dieser Streit ist nicht giftig. Die Hauptgegner waren immer gute Freunde. Was ich vielleicht noch machen könnte, ist ein geologisches Querprofil. Aber ich weiss nicht, ob es mein Zitter noch zulässt! » — Das schrieb er vom Bett aus, wenige Tage vor seinem Tode in der letzten Augustnacht. Und so hat dieser grosse Forscher, Lehrer und Menschenfreund dem S.A.C. selbstlos gedient wohl an die 70 Jahre seines arbeitsreichen Lebens und noch in letzter Stunde. Es ist zum Jubeln und Weinen.E. J.

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