Beobachtungen an Schneebrett-Lawinen

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Mit 3 Bildtafeln ( 159—171 ) und 1 Skizze.Von R. U. Winterhalter.

Jedes Jahr gehen viele Hunderte von Schneebrett-Lawinen nieder, aber nur selten ist es möglich, den Vorgang des Abgleitens in allen Teilen zu beobachten. Da der Niedergang häufig während Schneefall erfolgt, ist die- Sicht schlecht, meistens bemerkt man erst die Endphase des Absturzes und nicht schon die ersten, speziell aufschlussreichen Anfänge, auch das Schreckmoment wirkt sich natürlich in diesem Sinne ungünstig aus. Gute Beobachtungsmöglichkeiten bieten sich hingegen bei der künstlichen Lösung von Lawinen durch Sprengung oder Beschuss. Der Beobachter kann sich an einem geeigneten Ort bereitstellen, er weiss, wo die Loslösung erfolgen soll und, wenn die Lichtverhältnisse gut sind, gelingt es sogar, einzelne Phasen des Abgleitens im Bilde festzuhalten.

So wurden anfangs Januar 1943 an der Strelahalde im Parsenngebiet Lawinen mittels Wurfgranaten gelöst, und es gelang damals, die Abbildungen 1—4 der Tafel I und 1—3 der Tafel II aufzunehmen. Anhand dieser Aufnahmen soll versucht werden, die Entwicklung einer Schneebrett-Lawine festzuhalten.

Sofort auf den Einschlag und die praktisch gleichzeitige Detonation der Wurfgranate erfolgte die Loslösung der Schneebrett-Lawine ( Abb. 1 ). Der Anriss ist typisch zackig mit grosser Breitenentwicklung. Die am Anriss gelöste Schneemasse schiebt sich vorerst als zusammenhängendes Brett talwärts, das an seinem untern und zum Teil auch an seinem seitlichen Saum die Schncemassen zusammenstaucht. Es entsteht ein sogenannter Stauchwall. Der durch das gleitende Schneebrett auf die talwärtigen oder seitlich anliegenden Schneeschichten ausgeübte Druck führt oft zur Bildung sekundärer Schneebretter, die ebenfalls wieder einen Stauchwall bilden. Ein solch sekundärer Stauchwall ist auch in Abbildung 1 schwach erkennbar. Am Stauch- Die Alpen - 1943 - Jjs Alpes.30 wall tritt dann eine Abscherung zwischen dem gleitenden Schneebrett und dem talwärtigen ruhenden Schnee ein, das Schneebrett schiebt sich auf den ruhenden Schnee ( Abb. 2 ). Hat dieser eine genügend harte Oberfläche, so gleitet das Brett auf ihr weiter, ohne sie wesentlich zu zerstören. In den meisten Fällen aber wird die gleitende Schneemasse Teile des ruhenden Schnees mitreissen.

Zwischen Anriss und StauchwalHst bei Schneebrett-Lawinen stets eine ausgeprägte Gleitfläche zu erkennen. Unterhalb des Stauchwalles erfolgt die Bewegung nicht mehr oder wenigstens nicht mehr ausschliesslich auf einer solchen schichtartigen Gleitfläche.

Die brettig gelöste Schneemasse zerbricht nach kurzem Gleiten in Quader, die zum Teil schon oberhalb des Stauchwalles, bei stark geneigten Hängen zur Hauptsache jedoch unterhalb zur Ablagerung kommen, zu einem Zeitpunkt, da die untersten Schneemassen, die aus Schneequadern und aufgewühltem, oberflächennahem Schnee bestehen, noch in Bewegung sind ( Abb. 3 und 4 ). Am talwärts brandenden Schneewall entsteht oft, besonders bei steilem Gehänge und der dadurch verursachten raschen Fortbewegung, eine mehr oder minder starke Staubentwicklung ( 4 ), was die Veranlassung zur Bezeichnung « Staublawine » gibt.

Diese Bezeichnung « Staublawine » sagt nichts aus über die Entstehungsart der Lawine, sondern lediglich über ihre Entwicklung während des Sturzes. Schneebrett- und Staublawine schliessen sich nicht aus, es sind Bezeichnungen, die nebeneinander, aber nicht füreinander verwendet werden dürfen.

Durch die Detonation des Schusses, der zur Lösung des in Tafel I dargestellten Schneebrettes führte, wurde ca. 400 m entfernt ein weiteres Schneebrett zum Absturz gebracht ( Tafel II ). Die Schneeverhältnisse waren damals ( anfangs Januar 1943 ) so, dass Detonationen sehr häufig solche Fernauslösungen zur Folge hatten. Der Vorgang der Fernauslösung ist noch nicht völlig geklärt. Es scheint, dass die Loslösung durch die in der Luft und nicht durch die in der Schneedecke verlaufenden Schallwellen erfolgt.

Die Bilder der Tafel II schliessen links an jene der Tafel I an; Beziehungs-punkte beider Bildserien lassen sich leicht finden. Die bereits oben beschriebenen Erscheinungen an einem Schneebrett finden sich auch bei den Bildern der Tafel II. Abb. 2 lässt besonders deutlich den sekundären Stauchwall erkennen. Infolge der zu wenig steilen und zu kurzen Sturzbahn kam es bei diesem Schneebrett nicht zu einer Staubentwicklung.

Die oben beschriebene Entwicklung eines Schneebrettes vollzieht sich aber nicht nur bei trockenem Schnee im Hochwinter, sondern in ganz ähnlicher Form auch beim nassen Frühlingsschnee. Eine solche nasse Schneebrett-Lawine zeigen die Abbildungen der Tafel III. Das dargestellte Schneebrett löste sich am 16. April 1943 kurz nach 14 Uhr an den obersten Hängen des Tälchens zwischen Schiahorn und Grünturm im Parsenngebiet ( ca. Kote 2500 ) und bewegte sich relativ langsam in einem schmalen Zug bis ins Dorftäli ( Kote 1940 ). Form, Neigung und Ausdehnung der Lawine sind aus Fig. 1 ersichtlich. Verfolgen wir nun anhand der Abbildungen von Tafel III die Entwicklung dieser fast 1,6 km langen Lawine:

BEOBACHTUNGEN AN SCHNEEBRETT-LAWINEN.

Abbildung 1 zeigt das südlichste Ende des Schneebrettes. Der Anriss erfolgte in der Zone der grössten Zugspannung, im vorliegenden Falle also in den untersten Felsen, am Übergang vom Fels in den gleichförmig geneigten Schutthang. Deutlich lässt sich der zackige Anriss ( Abb. 1 a ), die Gleitfläche ( 1 b ) und der Stauchwall ( 1 c ) erkennen, und mit ausgezeichneter Prägnanz ist an dieser Abbildung ersichtlich, dass die eigentliche brettartig losgelöste Schicht ( oder Schichtgruppe ) sich am Stauchwall auf den Schiahpn Anriss Ablagerung des Schneebreites Behördl. bewilligt am 21. X. 43 gemäss BRB vom 3. X. 39.

Foto. Standort- u-Aufnahmerichhing Höhenkurve g 100 200 3Ç0 ruhenden Schnee auf- und überschoben hat. Dieser ruhende Schnee war in der ganzen Mächtigkeit feucht, die Oberfläche nasser Sulz, der sich von darunterliegenden etwas härteren Schichten leicht abwischen liess. Das unterhalb des Stauchwalles auf dem ruhenden Schnee gleitende Schneebrett hat sich nur sehr wenig in den nassen Sulzschnee eingegraben ( etwa 5 cm ). Man kann dies am linken Rand der Lawine erkennen ( 1 d ), der nur eine schwache Einkerbung zeigt. Die Schneequader des Schneebrettes kamen nach kurzem Sturz in der Sohle des Tälchens zur Ablagerung ( 1 e ), und nur die durch das Schneebrett aufgeschürften Massen des Sulzschnees an der Stirne der Lawine blieben weiter in Bewegung. Dabei schürften sie ihrerseits wieder nassen, kohäsionslosen Schnee auf, gaben diesen neu in Bewegung gesetzten Massen ihren Impuls ab und blieben auf der Gleitbahn liegen, BEOBACHTUNGEN AN SCHNEEBRETT-LAWINEN.

während die neu bewegten Teile den Vorgang wiederholten. So entstund eine ganz schmale Lawinenbahn, die genau dem Talstrich folgte. Ob diese Bahn im wesentlichen durch das Schweregesetz bedingt ist oder durch die intensivste Durchnässung in der Talmitte, also vom Zustande des Schnees abhängig ist, entzieht sich unserer Kenntnis.

Die sich bewegenden Schneemassen haben seitwärts die Sturzbahn überbordet und auf deren ganzen Länge einen meist schmalen Schneeschuttwall erzeugt ( 2 f, 5 k ), der nur auf der konvexen Bahnseite zum Teil mächtiger angeschwollen ist ( 3 h, 5 / ). Die seitwärts aus der Bahn geworfenen Schuttmassen blieben liegen; die in die Sturzbahn hineinragenden Knollen wurden von den nachfolgenden Gleitmassen abgeschert ( 6 m ).

Sowohl die Sohle als auch der Seitenrand der Gleitbahn sind geschrammt ( 2 g, 3 h, 3 i, 4 ) und die einzelnen Gleitbahnen spiegelglatt poliert. Offenbar hat das im Schnee kapillar festgehaltene Wasser die Gleitung erleichtert, und man findet lange Schrammbahnen, die nun völlig vereist sind ( 3 i ). Diese Eisstreifen könnten auch durch Druckverflüssigung des ohnehin schon auf Schmelztemperatur erwärmten Schnees erklärt werden. Dem ist jedoch entgegenzuhalten, dass die Eisstreifen immer in der flachsten Gleitbahn auftreten, auf den Buckeln aber fehlen. Dort, wo die Mächtigkeit der Schneedecke sehr gering war, wurde der Schnee bis auf den Boden aufgeschürft ( 2 g ), was besonders im unteren Teil der Lawinenbahn häufig der Fall ist. Da im Frühjahr auch die Humusdecke durchnässt ist und die Erdpartikel in diesem wassergetränkten Zustand keinen grossen Zusammenhalt zeigen, wird durch Lawinen oft die Grasnarbe abgeschürft.

Solche Lawinen werden als Grundlawinen bezeichnet, wobei dieser Ausdruck ebenfalls keine Auskunft über die Entstehungsart der Lawine zu geben vermag, sondern nur über ihre Entwicklung während des Sturzes. Sowohl ein Schneebrett als auch eine Lockerschnee-La'vine kann sich zur Grundlawine entwickeln.

Der oben beschriebenen nassen Frühjahrslawine haftet noch eine Besonderheit an. Sie wurde durch ein Schneebrett ausgelöst, das zwar nach relativ kurzem Sturze zur Ruhe kam, durch sein Abgleiten aber weitere, völlig kohäsionslose Schneemassen in Bewegung setzte, und die sich daraus entwickelnde Lawine zeigt alle Merkmale einer nassen Lockerschnee-Lawine. Es sind also an dieser Lawine zwei mechanisch grundsätzlich verschiedene Typen beteiligt.

Erklärung zu nebenstehender Tafel III:

a zackiger Anriss.

& Gleitfläche.

c Stauchwall.

d leichte Abschürfung des Sulzschnees.

e Ablagerung des Schneebrettes, Schneeblöcke.

/ Schneeschuttwall.

gGleitbahn, bis auf den Boden abgeschürft.

h Schneeschuttwall abgeschert und geschrammt.

i geschrammte Gleitbahn, vereist.

k randlicher Schneeschuttwall.

l randlicher Schneeschuttwall.

m Schneeschuht, abgeschert und geschrammt.

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