Berg-Safari zum Kilimandscharo

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VON FRITZ LÖRTSCHER, BERN

Mit 2 Bildern ( 153, 154 ) Am 25. Februar 1960 startete auf dem Flugplatz Kloten voll Erwarten eine SAC-Bergsteiger-gruppe nach Ostafrika, mit dem Ziel, den 6010 m hohen Kilimandscharo zu besteigen. Die Flugreise erfolgte mit einer gecharterten Vickers Viking der BALAIR über Brindisi, Kairo, Luxor, Khartum, Juba nach Nairobi. Organisiert wurde die Berg-Safari durch die Sektion Bachtel. Leiter war Bernhard Wörner aus Wald/ZH.

In Nairobi wurde die Gesellschaft in drei Gruppen zu je sieben Bergsteiger aufgeteilt, welche nun in vorbestimmten Abständen dem Ausgangspunkt der Besteigung, dem 1550 m hohen Marangu, auf der Südseite des Kilimandscharo, zustrebten. Gruppe I und II, welche sich ausschliesslich aus Mitgliedern der Zürcher Sektionen rekrutierten, machten sich unverzüglich auf den über 400 km langen Weg durch Steppe und Busch. Die Fahrt erfolgte mit zwei geländegängigen Chevrolets, vorerst über die ausgewaschene, mit dickem rotem Staub gepolsterte Naturstrasse, über Namanga nach Longido ( Grenzposten Kenya-Tanganyika ), dann auf guter Asphaltstrasse über Arusha, Moshi, Himo nach der Unterkunft in Marangu.

Unsere dritte Gruppe bestand aus drei ostschweizerischen Teilnehmern: D. Schönenberger, M. Pfeiffer, E. Rohner, und den Bernern Dr. D. Bodmer, Karl Schnyder, F. Wüthrich und F.Lört-scher.

Nachdem wir uns in Nairobi von den Strapazen der bisherigen unendlich langen Flugreise ( ca. 6500 km ) etwas erholt hatten, fuhren wir mit einem gemieteten Mercedeswagen, welcher speziell für die Safari in die Wildreservate hergestellt worden ist - er ist wie ein Zebra schwarz-weiss angestrichen -, vorerst durch Nairobis Nationalpark. Bereits auf dem Weg vom Flugplatz zum Hotel in Nairobi, der Hauptstadt Kenyas, sahen wir schon verschiedene Gazellen und Antilopen, auch Zebras und Strausse.

Mit unserem schwarzen Driver fuhren wir nur wenige Meilen vor die Stadt, wo wir unsere ersten Löwen in der Freiheit zu Gesicht bekamen. Simba zeigte sich indessen von seiner faulsten Seite und benahm sich nicht sehr königlich. In seiner Nähe hielten sich auch Giraffen, Kongonis, Gnus, Warzenschweine und manche Antilopenarten auf. Hier erlebten wir auch unser erstes Tropengewitter, das sich urplötzlich mit grosser Wucht und unheimlichen Regengüssen über uns entlud.

Zeltlager inmitten von Löwen und Schakalen Mit dem wendigen « Zebrawagen » ging es am nächsten Tag über Kjiado nach Namanga, auf einer relativ breiten, mit rotem Lateritstaub bedeckten Naturstrasse. Hinter unserem Wagen blieb eine über 200 m lange Staubfahne zurück. Entsprechend verstaubt, mit entzündeten Augen und vertrocknetem Gaumen, gelangten wir gerädert in diese erste Touristenstation, dem River Hotel Namanga. Hier verbrachten wir in Bungalows zu je zwei Schlafstellen unsere erste Nacht unter dem Moskitonetz. Als wir am Morgen stundenlang durch die unendliche, flache Steppenlandschaft rollten, begegneten wir anhaltend den uns bereits bekannten Grant-, Duiker- und Thompsons-Gazellen, nebst Impalas, Zebras, halbwilden Masai-Eseln, Straussen und Gnus. Mitten in diesem Wildparadies hüteten die Masai, bewaffnet mit Speeren, ihre grossen Rinderherden.

Auf der langen Fahrt wechselten die eigenartigen und ungemein reizvollen Vegetationsbilder in bunter Folge, fast saharaartige Wüsteneien, wie reife Getreidefelder anmutende, goldgelbe Savannen, lichte, hellgrüne Akazienhaine und, bei den allerdings seltenen und nur zeitweise wasserführenden Flussläufen, üppigste Galeriewälder.

Bei Namanga sahen wir am Abend erstmals « unseren Berg » mit eigenen Augen. Als nach einem kurzen Gewitter die Wolken sich plötzlich teilten und die Nebel in Auflösung begriffen waren, leuchtete uns die orangerosafarbige Eiskuppe des Kilimandscharo, wie losgelöst von der Erde, unvorstellbar hoch entgegen. Dabei waren wir noch rund 300 km von der Basis entfernt!

Wie in den grenzenlosen Sandwüsten der Sahara entstanden auch hier überall am Horizont die Trugbilder der Luftspiegelung, der Fata Morgana. Immer glaubten wir den Rand des Amboselisees erreicht zu haben, der auf unserer Karte gross eingezeichnet war, aber bei unserer Durchreise vollständig ausgetrocknet lag. Sogar Dachakazien, Zebras, Gazellen und Antilopen spiegelten sich am Rande der Fata Morgana. Auf der Weiterfahrt lösten sich die Trugbilder plötzlich in nichts auf. Meilenweit ging die Fahrt durch diesen ausgetrockneten Salzsee.

Immer gegen den Abend setzte der glutheisse Südwestwind ein. Überall türmte er den aufgewirbelten Steppensand zu hohen Windhosen, die bald als wirbelnde Säulen, bald lockerer und nebel-gleich mit grosser Schnelligkeit enteilten. Bis zu einem Dutzend der sonderbaren Windgebilde waren oft zu gleicher Zeit zu sehen.

Unvergessliche Eindrücke hatten wir in unserem Zeltlager in Ol Tukay, mitten im Wildparadies des Amboselireservates, anschliessend an den Ngorongorokrater und die Serengetisteppe. Die tropischen Nächte, mit den vielen Leuchtkäferchen, den wilden Tieren, die um die Zelte strichen, waren äusserst interessant, oft aber auch aufregend, und wir haben nicht viel geschlafen. Das nahe Gebrüll der Löwen, Hyänen und Schakale war für uns ein erstmaliges Erlebnis. Eines Morgens hörten wir, ganz in unserer Nähe, den durchdringenden letzten Schrei eines gerissenen Tieres. Später sassen dort die unheimlichen Gestalten der Geier auf einer Sykomore und warteten auf ihre Mahlzeit. Unendlich wie die Steppe war nachts auch der unabsehbare Sternenhimmel mit dem Kreuz des Südens. Neben unserem Zeltlager wurden die ganze Nacht zwei grosse Feuer unterhalten, zudem brannte vor jedem Zelteingang ständig eine grosse Petrollampe, um die wilden Tiere abzuhalten.

Noch ehe das Gold des Morgens über die unendliche Weite der Steppe hinflutete, befanden wir uns schon wieder unterwegs. Überall war Wild zu sehen. Giraffenhälse ragten zwischen den Wipfeln der Sirisakazien empor. Hier hatten wir noch das seltene Glück, eine Rhinozeroskuh mit ihrem Jungen zu sehen. Erstmals sahen wir auch eine Herde von zwölf Elefanten. Wie wir mit unserem Geländewagen um einen grossen Busch fuhren, lag friedlich eine sechsköpfige Löwenfa-milie am Boden und hielt Siesta. Nur zu bald war die herrliche Safari, die uns so viele unvergessliche Eindrücke beschert hatte, vorbei.

Dann folgte der zweite Teil der Reise, dem wir als passionierte Alpinisten selbstverständlich jeden Moment im geheimen unsere Gedanken widmeten: stets richteten wir den Blick nach unserem eigentlichen Ziel, dem für uns allen höchste Gipfel, dem wuchtigen Eisdom des Kibo.

Über Arusha, Moshi, Himo, erreichten wir, nachdem wir nun schon eine Woche im heissen Erdteil weilten, unsere Unterkunft in Marangu. Dieser Ort liegt auf 1550 m Höhe und besteht aus unzähligen Kaffee- und Bananenplantagen. Daneben wachsen Mais, Gemüse und Sisal. Dazwischen liegen versteckt die strohbedeckten Hütten der Schwarzen.

Für die Besteigung wurden der zur Zeit bekannteste Führer, Johanna Rauffi, sein Assistent Japhet sowie 13 Träger gedungen. Die Verpflegung und unser Material wurden in hölzerne Kisten verteilt. Wir hatten auch die gewohnten und erprobten Nahrungsmittel aus der Schweiz mitgebracht, insbesondere für die letzten Mahlzeiten vor dem Aufstieg. Durch den bisherigen Klima- und Kostwechsel hatten schon verschiedene Teilnehmer mit Verdauungsstörungen zu kämpfen. Bei den Trägern handelte es sich um hagere, nur in Lumpen gekleidete, barfuss gehende Wadjaggas, die ihre Lasten auf dem Kopf tragen.

Beim Aufbruch bestaunten die herbeigeeilten Schwarzen, insbesondere die vielen Buben der dortigen lutheranischen Missionsschule, das ungewohnte Schauspiel dieser kleinen Expedition mit rollenden Augen, und noch lange tönte uns das « jambo bwana », gute Reise, nach.

Der Weg führte uns vorerst durch zum Teil bebautes Kulturland, dann durch lockeren, allmählich dichter werdenden Busch. Anschliessend kam ein breiter, mit Kraterbergen und Tuffkegeln besetzter Waldrücken. Nebst dem erregten Geschnatter der Träger störte kein Laut die in der fast unerträglichen Hitze eines äquatorialen Mittags schlummernde Natur. Nur allzuoft hockten die schweisstriefenden Träger im spärlichen Schatten des Gestrüpps nieder.

Dem Berg entgegen Schon hatten wir die erste Steilstufe des Bergriesen hinter uns. Wir durchquerten den Gürtelwald des Kilimandscharo, der sich in der ungefähren Höhe zwischen 1800 m bis 3000 m lückenlos um das riesige Basisgebirge legt. Er verdankt seine Existenz den in diesen Höhenlagen waltenden klimatischen Verhältnissen, die der Vegetation ihren ganz eigenartigen Stempel aufdrücken: die Zone der fast andauernden Nebel und Wolken, die hier während des grössten Teils des Jahres den Berg ringförmig umschliessen. Es kann vorkommen, dass die weite Reise umsonst unternommen wird und dass ihr Ziel, die Gipfelpyramide des Kibo, aller Ausdauer zum Trotz, über grauen, von Stürmen durchbrausten Wolkenbänken unerreicht bleibt. Mit erstaunlicher Regelmässigkeit hüllt sich der Kilimandscharo in den Abend- und den späteren Morgenstunden in dichte, wallende Nebel, wie sie allgemein in den tropischen Gegenden aus der Ebene hochragenden Gebirgen, wie dem Mount Kenya, Ruwenzori usw., eigen sind.

Bei 2000 m Höhe begann der Wald lichter zu werden. In vielen Krümmungen wand sich der Pfad steil aufwärts, wurde aber immer trockener und besser gangbar. Der Schweiss floss in Strömen, und das durchnässte Hemd klebte an der Haut. Die Kolonne verlängerte sich zusehends. Wir kamen in die Waldwiesenregion und dann in die Hochsavanne. Der Adlerfarn war mannshoch. Vor einer Mauer flechtenbehangenen Hochwaldes stand in 2750 m Höhe unsere erste Unterkunft, die Bis-marck-Blechhütte. Kaum waren wir unter Dach, ergoss sich ein tropisches Gewitter über uns, welches fast die ganze Nacht anhielt. Auf harter Holzunterlage schliefen wir in unseren Schlafsäcken. Steil und schlüpfrig war am andern Morgen der Anstieg durch den düsteren Hagenienwald. Die obere Grenze des Waldes liegt bei 3000 m. Von hier geht es stundenlang durch das monotone Grün-gelb der Hochsavanne, ständig auf und ab durch die zweite Flachstufe. Nur noch spärliche Agaurien mit greisenhaften Flechtenbärten vermögen den hier oft tobenden Unwettern standzuhalten. Vor uns hatten wir nun die verwitterte Steilpyramide des 5355 m hohen Mawenzi, und im Westen, halb verdeckt durch Vorberge, winkte das immer noch ferne Reiseziel, das eisgekrönte Haupt des Kibo.

Mit einer unglaublichen Schnelligkeit wallten plötzlich graue Nebelmassen die weiten Hänge empor und breiteten alsbald eine dunkle Wolkendecke über uns aus. Unvermittelt fiel die Temperatur. Zitternd verhüllten sich die fröstelnden Träger so gut sie konnten in ihre durchlöcherten Kleider. Die klimatischen Verhältnisse sind hier aussergewöhnlich; dauernde Bewegung von Nebel und Wolken, die in immer neuen Schwaden aus den Talgründen emporwallen, um ebenso schnell wieder im hellen Azur des wunderbaren Tropenhimmels zu zerfliessen.

Nachdem wir den ganzen Tag auf dem schmalen Pfad, den die Wadjaggas im Laufe der Jahre durch das Steppengras bahnten, marschierten, erreichten wir die kleine Wellblechhütte auf 3700 m, benannt nach dem Kibobesteiger Dr. Peters. In einer niedrigen aus Lavenblöcken aufgeschichteten Nebenhütte schliefen die Träger. Unversehens war es Nacht. Über uns erstrahlte das Kreuz des Südens. Tief unter uns dehnten sich des Djaggalandes unendliche Flächen bis hinaus zu der Masaisteppe.

Aus Tropenhitze in die Region ewigen Schnees Wir hatten uns an das Höhenklima gewöhnt und kamen erstaunlich gut vorwärts. Beim Abmarsch von der Petershütte grüsste uns des Kibo hoch erhabenes, wolkenloses Eishaupt. Wir durchschritten das Reich der Lobelien und Riesensenecionen. Die gewaltigen Hänge wurden steiler. Wieder war der Kibo hinter neuen Rücken verschwunden, die sich in nicht enden wollender Folge türmten. Nach verschiedenen Tuffrücken und Geländestufen erreichten wir endlich das Sattelplateau, wo wir plötzlich das gewaltige Massiv des Kilimandscharo frei vor uns sahen.

Das Gipfelmassiv besteht aus zwei Erhebungen. Links von einem weiteren Sattel erblickt der Bergsteiger die wuchtigen Eisdome des Kibo, rechts davon erhebt sich in ca. 10 km Distanz der bergsteigerisch schwierige 5355 m hohe Mawenzi, mit den Twin Peaks, Latham und der höchsten Erhebung, der Hans-Meyer-Spitze, benannt nach seinem Erstbesteiger. Der Berg gleicht den « Dames Anglaises » im Mont-Blanc-Massiv.

Der Weg über das Sattelplateau wollte kein Ende nehmen. Eine trostlose Hochwüste. Längst war die letzte Vegetation, kleine Flechten, hinter uns geblieben, als wir bei unserem letzten Lager auf 4750 m, einer kleinen sechsplätzigen Blechhütte, anlangten. Es war windstill, die Temperatur bei null Grad. Während unser schwarzer Boy das noch in der Petershütte gekochte Eintopfgericht aufwärmte, turnten wir in den umliegenden Lavafelsen herum und besprachen die letzten Vorbereitungen vor dem Gipfelanstieg. Unvermittelt waren wir von Wolken umgeben, die Graupeln fielen dicht. Die unübersehbaren Schutthalden waren innert kurzer Zeit weiss. Unsere Träger blieben hier zurück. Die Furcht vor dem bösen Geist des « Njaro » hält die Wadjaggas vor der Besteigung des Kraters zurück. Es war eine unruhige, kurze Nacht; keiner konnte recht schlafen. Wir waren von einer gewissen inneren Unruhe befallen. Jeder war froh, als wir morgens kurz vor 02.00 Uhr den ersten, endlosen Steilhang aus Verwitterungsschutt unter die Füsse nahmen. Es war sternenklar, und auf dem gefrorenen Neuschnee kamen wir gut vorwärts. Bei der Hans-Meyer-Höhle ( die Erstbesteiger, Prof. Dr. Hans Meyer und der Turnlehrer Purtscheller, haben hier 1889 biwakiert ) machten wir eine kurze Rast. Erst hier begannen die bergsteigerischen Schwierigkeiten, die nicht etwa in schwierigen Klettereien, sondern in der Sauerstoffarmut der Luft bestanden. Diese hatten zur Folge, dass jede stärkere Anstrengung sofort von einer psychischen und physischen Ermattung hohen Grades gefolgt war. Zudem erhob sich ein Wind, und von etwa 5900 m an litten wir ständig unter einer alles durchdringenden Kälte. In der Dämmerung erschauten wir vor und über uns einen unerhörten Steilhang, neben bastionenartigen Felsmauern. Das Emporstapfen in dem ständig rutschenden Geröll, auf welchem man alle paar Schritte wieder ein Stück des mühsam eroberten Weges zurücksank, erforderte viel Mühe, und dies in stundenlanger Dauer in einer immer sauer- stoffärmeren Luft. Gegenüber stand als schwarze Silhouette die Gipfelkrone des Mawenzi. Schon zeigte sich der erste zarte Purpurschein im Osten. Dann flammende Glut, gelbe Flammengarben und der mächtige dunkelglühende Ball der Sonne!

Als wir um 06.00 den Gilmans Point, auf 5890 m, schon etwas über dem Kraterrand, erreichten, bot sich uns ein überwältigender Anblick. Trotz der Müdigkeit erfasste uns eine helle Begeisterung. Vor uns erhob sich der Eiswall des Ratzelgletschers. In einer einzigen Mauer blendend weissen Firns und Eises fällt der Gletscher stufenförmig ab. Im Krater, der einen Durchmesser von 2 ½ km aufweist, liegen zahlreiche Gletscherreste, die sich in mannigfach geformten Klötzen, Burgen und Eisdomen auftürmen. Die früher zusammenhängende Gletscherbedeckung ist knapp zu erkennen. Ganz eigenartig wirkte der Farbenkontrast der weissen Firndecken mit den tiefschwarzen Lava-unterlagen. Am Südhang steht eine regelrechte Burg aus Gletschereis. Wer sollte beim Anblick dieses grandiosen Bildes einer in Eis und Firn erstarrten, toten Felswelt glauben, im Lande einer sengenden Tropensonne in nächster Nähe des Äquators zu weilen!

Ein unsagbarer Zauber liegt in diesen stillen, weltabgeschiedenen Eispalästen.

Die düstere Südwand der Kraterumwallung ist felsig, eine einzige lotrechte Mauer von etwa 200 m Höhe. In dieser Richtung gingen wir über die zackigen Bismarcktürme ( 5900 m ), Stella Point ( 5950 m ), Hans-Meyer-Spitze ( 6005 m ) zu der in der Mitte des Grates, in Form einer nur wenig ausgeprägten Zacke sich erhebenden Kaiser-Wilhelm-Spitze ( 6010 m ), der höchsten Erhebung des Kibo und damit des schwarzen Erdteils überhaupt. Jäh stürzte die Innenwand vor uns ab. Felsrippen und bastionartige Lavaquadern standen vor uns. Bei den Firnfeldern zeigte sich überall der Zacken-oder Büsserschnee, der tropischen Eisregionen eigen ist.

Kurze Gipfelrast in der dünnen Luft Von geradezu idealen klimatischen Verhältnissen begünstigt, durften wir das Ziel erreichen. Überwältigend war der Ausblick vom Gipfel aus in die unter uns liegende Kraterlandschaft. Tief unten lagen zwei Wolkenschichten, aus denen einzig der Meru und weiter entfernt der Mount Kenya hervorschauten. Zwischen den Wolkenschichten hatte wir auf grosse Strecken hin freie Sicht, unendlich weit in die flachen Steppengebiete hinaus.

Die grössten Schwierigkeiten begegneten uns erst, als wir vom Hauptgipfel durch den Krater und bei der Johannes-Scharte wieder zum Kraterrand hinaufstiegen. Durch den langen Aufenthalt in dieser Höhe mit der sauerstoffarmen Luft waren wir so kraftlos und erschöpft, dass wir in den dortigen Felspartien manchmal bloss drei Tritte steigen konnten und uns wieder minutenlang erholen mussten, ehe wir weitergehen konnten. Als wir endlich nach vielen Mühen den Kraterrand erreichten, waren wir so müde, dass wir auf der Stelle eingeschlafen wären. Mit letzter Energie stiegen wir indessen gleich rund 200 m in die dortige Geröllhalde hinunter. Von da an fühlten wir uns bald bei jedem Meter besser. Nach einer kurzen Rast gingen wir sogar in einem leichten Laufschritt die unendliche Schutthalde hinunter. Da wo wir am Morgen mühsam Schritt um Schritt den lockeren Schutt emporgestiegen waren, liefen wir nun in schnellem Tempo, bis uns fast der Atem ausging, leichtfüssig bergab.

Für den Aufstieg von der Kibohütte bis zum Kraterrand resp. bis zur Gilmans Point benötigten wir knapp vier Stunden. Für den Abstieg in der Fallirne durch das Schuttkar brauchten wir genau eine Stunde.

Nach einer ausgiebigen Mahlzeit erholten wir uns auf unserem Lagerplatz, bei 4750 m Höhe, erstaunlich rasch und stiegen anschliessend direkt zur Petershütte ab. Den unendlich scheinenden Weg zurück legten wir in zwei Tagesmärschen zurück; es waren rund 55 Kilometer Marsch.

Bei der Bismarckhütte wurden die Kibobesteiger noch feierlich mit einem Kranz der dort wachsenden weiss-roten Strohblümchen ( Helychrisum ) bekränzt. Als wir kurz vor Marangu wieder in die bewohnte Gegend kamen, sprach es sich mit Windeseile herum, dass eine siebenköpfige Schwei-zergruppe den Kibo erstiegen hatte, und überall stunden die Leute an unserem Wege und grüssten freundlich « jambo bwana ».

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