Berg und Kamerad

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Von Ernst Reiss

Mit 1 Bild ( 80Unterbach ) Selbst in den Bergen ist zutreffend, dass nebst dem ethischen Empfinden auch erst nach langem Kampf mit harten Enttäuschungen das ferne, erstrebte Ziel wahrhaft gross geworden ist.

Da steht er, unnahbar, in elementarer Grosse in den blauen Himmel ragend!

Vom Tale aus, vom nahen Gipfel und selbst im Traum kann ich sie sehen, die stolze Wand von unserem grossen Berg. Versöhnend schaut das ernste Antlitz aus Fels und Eis auf uns herab, welches uns über Tage und Nächte mit Sonnenglanz, mit blinkenden Sternen, doch oft auch mit regendurch-tränkten Nebelwogen umgeben hat.

Tatendrang, Sehnsucht, vielleicht auch Leidenschaft, alles ist in mir zu einem Ganzen verstummt, wenn ich zurückblicke — zum Berge hin!

Jetzt, in diesem Bild, sehe ich mit einemmal gross ein Menschengesicht. Nein, es ist jemand, kauernd vor einem kleinen Zelt auf der Moräne, unverwandt in gleiches Schauen vertieft. Weiter wollen meine Gedanken eilen. Doch bei dieser Betrachtung bleiben sie stehen. Jener frohe, initiative Gefährte ist nicht mehr. Im folgenden Winter wurde er an einem andern Berg unter ungeheuren Schneemassen begraben. In den gemeinsamen Erlebnissen lebt er aber weiter — mein Bergkamerad!

Heute weiss ich es nicht mehr, wann mich eigentlich diese gewaltige Bergmauer dort hinten zum erstenmal in ihren Bann zog. Der Entschluss, da hinaufzusteigen, wurde bestärkt, als ich während meines Aufenthaltes im Berner Oberland in Hermann Etter den geeigneten Gefährten gefunden hatte.

Wie ein Schatten hat uns über viele Monate dieser Berg begleitet. Vielleicht hätten wir in andern alpinen Zielen mehr Abwechslung gefunden. Vielleicht aber haben wir durch unsere Hartnäckigkeit viel gelernt und unser Können unter Beweis gestellt.

5. August 1945.

In kurzer Zeit queren wir bei Nacht den Grindelwaldgletscher. Vorzügliche Verhältnisse treffen wir am Fuss unserer Wand an. Soeben ist ein herrlicher, wolkenloser Tag in den Bergen erwacht.

Umsonst! Die Unpässlichkeit einer rasch fortschreitenden Infektion an meinem Nacken zwingen uns schweren Herzens zum langwierigen Abstieg.

1./2. September 1945.

Wir kauern in unserem Biwaksack noch enger zusammen, denn wieder poltern die Eismassen des östlichen Gletscherabbruches vom Kallifirn über uns hinweg. Wie konnten wir uns nur diese « Abkürzung » von Grindelwald zur Berglihütte aufschwatzen lassen ?! Es ist, als möchte uns jetzt die eisige ,i .'VKälte des Felsens selbst in das Innerste der Knochen dringen. Obwohl wir beide schon manche grosse Bergfahrt hinter uns haben, spricht mein Bi-wakgefährte in dieser langen, kalten Nacht einiges über unser Amateurstadium.

In der herbstlichen Kälte zittern die wenigen Sterne am nachtschwarzen Himmelausschnitt. Sehnsüchtig blicken wir auf das tieferliegende, kleine Lichtlein der behaglichen Schäferhütte über der rechten Seite des Grindelwaldgletschers.

8 Uhr ist es, als wir nach schwerem Aufstieg im nassen Fels von der Sonne geblendet das Kalliplateau betreten. Nach dem mühevollen weitern Anmarsch durch den stark zerrissenen Fieschergletscher stehen wir am Sonntag mittag vergebens im Schatten der frisch verschneiten grossen Nordwand!

13./14. Juli 1946.

Strahlegghütte! Kurz vor Mitternacht! Von der Abmachung mit unseren alten Freunden sehen wir ab, da diese auf dem Finsteraarjoch ihr Zelt aufgeschlagen haben. Auch hat uns beim Aufstieg zum Fusse der Berner Oberländer Viertausender erneut « unser » Pfad einladend zugewunken. Nach kaum zwei Stunden unruhigen Schlafes nehmen wir den beschwerlichen Abstieg dorthin. Beim Erwachen des jungen Tages streben wir schon an der sogenannten dritten Wandrippe empor. Zuerst über steiles Eis, dann durch eine braunrote, morsche Gesteinszone in weitgestuftem, grauem Fels weiter. Über die gewaltige Gipfelwand streicht ein kalter Nebelhauch. Sehr steil und ausgesetzt habe ich durch ein Rißsystem eine ganze Seillänge auslaufen lassen.

Heute ist es jedoch mein Kamerad, der zur Rückkehr mahnt, denn das zunehmende düstere Gewölk und die geringe Nachtruhe scheinen unser Vordringen aussichtslos zu machen.

Noch im Abstieg rufen wir zum Berge hin: « Wir kommen wieder! » 26./27. Juli 1946.

Wilde Eisseraks, lehmfarbige Moränenkämme, doch auch rostbrauner Fels mit sprudelnden Silberwasserfällen und kleinen behaarten Alpenrosenstauden umsäumen unseren Biwakplatz am Zäsenberghubel. Auf einer kleinen grünen Rasenterrasse haben wir zwischen einem etwas zerfallenen Steinmauer-ring den Nachtruheplatz für unser Freilager ausgesucht. Das letzte Sonnenrot ist an den Gipfeln vom Schreck- und Lauteraarhorn erloschen. Bis wir unsere Abendmahlzeit eingenommen haben, ist es vollends Nacht. Nässe fährt mir ins Gesicht. Im Erwachen werde ich von dem Kerzenlicht geblendet, mit welchem mein Kamerad umhergeistert. In aller Eile suchen wir unsere Ausrüstungsgegenstände zusammen, denn schon rollt das dröhnende Gewitter mit zerrissenen Wolken über das Eigerjoch. Wie wir die Schäferhütte über der Moräne erreicht haben, ist es beinahe Tag geworden. Wieder ziehen wir an diesem regnerischen Sonntagmorgen talauswärts.

10./11. August 1946.

« Jemand kauert vor einem kleinen Zelt, unverwandt in gleiches Schauen vertieft. » Über die Wand steigen und sinken die Nebel. Zwei versprengte junge Bergschafe schauen neugierig aus der kleinen Hügelmulde auf unser Lager.

Eintönig summt der Benzinvergaser sein einschläferndes Lied. Der Tag geht zu Ende. Ringsum grosse, unendliche Stille. Jetzt — gällt es durch die Nacht und verliert sich dann in dumpfem Grollen. Ein Eisserak ist aus der grossen Wand gefallen. Die starke Föhnlage brachte Niederschläge. Was sollten wir da noch unternehmen?

17.19. August 1946.

Mit letzter Hartnäckigkeit versuchen wir selbst bei aussichtslosen Wetterverhältnissen unsern Berg zu belagern. Nach Regen muss wieder einmal Sonnenschein folgen! Das ist heute unsere Parole.

Sechsunddreissig Stunden, also zwei Nächte und einen Tag, liegen wir in unserem kleinen Zelt. Der Rücken schmerzt von der harten Unterlage, unserer Seile. Der regendurchweichte Boden schlurft bei jeder unserer Bewegungen. Missmutig trete ich zum überhängenden Stein, wo sich unsere Küche befindet, um nochmals eine Büchse Bohnen aufzuwärmen. Etwas wie Sonnenlicht liegt heute morgen in dem dicken Gewölk. Mein Kamerad sitzt versonnen auf der Hügelkrete und schaut dem Treiben der Nebelhexen zu. Es war gleich einer Ruhe vor dem Sturm, denn nachher folgte erneut ein tagelanger Landregen, wie das im Sommer 1946 so oft der Fall war.

11.13. September 1946.

Ein letzter VersuchWieder haben wir unsere schweren Säcke stundenweit über den Moränenschutt auf den Zäsenberghubel hinaufgetragen.

Tausend Sterne glitzern zaghaft am tiefblauen Nachthimmel, welcher die hohen, kalten Berggestalten umschliesst. Wir sind sehr zuversichtlich, wie wir den Zeltsack zuknöpfen.

Nach einem kargen Morgenessen steigen wir an den Fuss der neuschnee-vermauerten Nordwandflucht. Mit dem Erwachen des neuen Tages beginnen wir den Aufstieg an der zweiten Wandrippe. Trotz der Kälte können wir anfangs gut vordringen. Doch bald wird der verschneite Fels ausgesetzt und schwer. Meter um Meter hacke ich in den hartgefrorenen Neuschnee Griffe und Tritte. Die Stunden eilen. Selbst zur Zeit des Zenits vermögen die Sonnenstrahlen nicht mehr in diese Steilwand einzufallen. Rastlos steigen wir immer höher dem herannahenden Nachmittag entgegen. Was aber sind unsere Seillängen gegen diesen ein paar tausend Fuss hohen Nordabsturz? Wohl nähert sich die drohende Gratgwächte, doch der schneebehaftete Fels wird nur noch ausgesetzter. Nur weiter vorwärts, weiter. Fast wehmütig sehen wir den hellen Schein vom Sonnenball im Westen entschwinden. Darf man denn gar nie an eine angenehme Überraschung glauben, die mit einemmal den Pfad ebnet und leichter macht? Nein! Das ist die Antwort der gähnend schattenblauen Wand.

Das Unvermeidliche ist gekommen. Kaum mehr zwei Stunden ist es noch Tag. Wir gedenken zuerst im steilen Fels und nachher quer über eine trügerische Eiskehle nach 80 Metern eine sattelartige Einkerbung zu erreichen. Umsonst, die kalte Septembernacht hat ihren undurchdringlichen Nacht-manteftiber uns geworfen, ehe wir aus diesem hochgestuften Granitbollwerk steigen können. Am Fusse eines leicht überhängenden Felskopfes, an welchem ich meine letzten Haken einschlage, hat man wenigstens das Gefühl, im Trockenen zu sein. Mein nachkommender Kamerad zuckt etwas zusammen, wie er diese exponierte Stelle gewahr wird. Jetzt in nächster Nähe treffen sich unsere Blicke im Dunkel. Werden wir diese eisige Nacht in den nassen Kleidern ohne jeden Schutz überhaupt überstehen? Es gibt aber keinen andern Ausweg! Schon fängt uns die Kälte an zu schütteln. Selbst die Träne, welche uns ob solcher Hoffnungslosigkeit in das Auge hochsteigt, müssen wir unterdrücken.

Das von mir zuletzt noch vermutete Gesimse liegt etwas tiefer. Nach einer vollen Stunde der Vorbereitungen sind wir so weit, dass wir uns auf der abschüssigen, fussbreiten Leiste festgebunden haben. Die Arme halten wir über das Seilgeländer, während die Beine in den kalten Nachthauch hinausbaumeln. Unbewegt stehen die kleinen, fernen Sterne. Uns aber ist der Frost bis in das Innerste gedrungen. Nur gut, dass der Vollmond keinen Eintritt in diese dunkle, steile Wand findet. Es wäre in unserer längsten Nacht ohne Erbarmen kein sehr zuversichtlicher Anblick gewesen...

Mit dem Herannahen des Morgens haben wir wieder Vertrauen zurückgewonnen. Ja, wir wagen nach dem Entwirren der gefrorenen Seile und dem Entfernen der Haken sogar den Aufstieg fortzusetzen. Doch es geht zu langsam. Wir müssen zurück! Mit unserem wenigen technischen Hilf smaterial beginnen wir das Abseilen über mehrere hundert Meter. Nach dem Durchstehen dieser eisigen Nacht braucht es dazu die letzte Aufmerksamkeit, um nicht in Apathie zu verfallen.

Wie wir kurz vor Mittag ungesichert im blanken Eis etwa 100 Meter über der Randspalte stehen, fällt plötzlich von der Gratwächte ausgelöst eine gewaltige Staublawine wie eine Abschiedssalve aus dem obern Wanddrittel. Dicht neben uns faucht das weisse Ungestüm vorbei. Körperlich stark mitgenommen, moralisch geschlagen, so kehren wir vom siebenten Angriff, während zweier Sommer, von der Fiescherhorn-Nordwand zurück.

Der grosse Berg ist geblieben. Kamerad Hermann Etter haben wir verloren.

Mit andern Gefährten durchstieg ich im folgenden Jahr diese stolze Wand.

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