Berge

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Von Oskar Martin.

Herrliche Berge!

Urgestein, von Urgewalten aus dem glutwunden Leib der Mutter Erde geboren! Von Schnee und Firn umsäumt! In Eis und Fels erhärtet! Zu ragenden Zacken getürmt und von schauerlichen Tiefen umfangen! Das seid ihr, meine Berge! Gegensätzlichkeiten sondergleichen!

Was ist es, das uns mit euch verbunden hält?

Ehrfurcht vor der Kraft der Schöpfung, Demut vor der Pracht eurer Schönheit und unsere Sehnsucht nach dem Hohen und Reinen.

Wenn im ansteigenden Gletscher die Schatten der Nacht in die grünblauen Schrunde des ewigen Eises entweichen, wenn hoch über uns der erste Frührotschein die höchsten Zacken in goldene Kronen wandelt, wenn das Leuchten wächst und wächst, wenn dann das volle Licht in verschwenderischer Flut über die gleissenden Flanken der Gipfel und Grate fliesst, dann... dann müssen wir stillestehen, müssen aufblicken in die Verklärung des erwachenden Tages und müssen für Augenblicke in Demut und Andacht verweilen. Ist es der eiskühle Morgenhauch, ist es der überwältigende Anblick, was uns erschauern lässt?

Licht! Licht 1 Es ist der Glaube, der uns bezwingende Glaube an die Macht des Lichts 1Gipfelglück wurzelt nicht im Gefühl der Überlegenheit, denn reine Zielsetzung allein kann unser Inneres nicht bereichern. Berge lassen sich nicht bezwingen. Sie wollen in Hingebung erlebt und errungen sein. Töricht, wer von der Natur geschaffene Pfade zu den herrlichen Gipfelzinnen verächtlich schmäht und in Selbstsucht und Gottversuchung dem Bizarren frönt! Wollen uns Menschen gewaltsam die tiefsten Geheimnisse der Seele entreissen, stossen wir sie von uns ab.

Und die Berge?

Berge sind nicht wesenlos.

Gipfelglück ist der beseligende Ausfluss der tiefsten Dankbarkeit. Dank dafür, dass die Schneebrücke über dem unsichtbaren Gletscherabgrund unsern Schritt ertragen, dass der glühende Fels unsern Herzschlag geduldet hat. Diese Dankbarkeit ist unsere Bereitschaft zum Glücksempfinden. Wortloser Händedruck besiegelt und befestigt unsere seilverbundene Brüderschaft. Nun stehen wir zum Empfangen bereit. Wie erhebend, wie unsagbar Die Alpen — 1936 — Les Alpes.39 erhebend ist der Weitblick von unsern Bergeshöhen! Alles Kleine und Kleinliche entschwindet. Über uns blauender Himmel, um uns kreisende Ketten von ragenden Zacken und Türmen und unter uns eine bestrickende Symphonie von Höhen und Tiefen, von Licht und Schatten, von Farben und Tönen. Befreiendes Wohlgefühl der Harmonie durchrieselt uns. Ewigkeitsnahe Unendlichkeit! Ist es nicht, als stünden wir draussen im Weltraum und emp-fänden die unermessliche Grosse und Herrlichkeit der Schöpfung? Sieghaft strahlend steigt die Sonne zur Höhe des Mittags. Dann wissen wir: Welten können nur in unendlicher Liebe gezeugt und geboren werden. Was da schafft und gebiert, was da waltet und wirkt, ist die alles umfassende, die gottverheissene Allmacht der Liebe I Abendstille im Bereiche der Berge wird uns zum Inbegriff allen Friedens. Weltabgeschiedenheit und Weltverbundenheit sind eins geworden. Nur das schwache Licht der Hüttenfenster gemahnt uns an Menschliches. War der Tag mühsam, dann ist er auch beglückend gewesen. In Willensfreiheit er-tragene Entbehrung stählt. Hartes Brot und hartes Lager machen die Seele empfindsam für das Schöne und Erhabene.

Wenn die Nacht aus den Tälern steigt und die letzte Abendröte von den Gipfeln haucht, wenn die Berge uns näherrücken, wie Hüter über Gut und Böse stumm uns umkreisen, wenn sie im Dämmerschein vollends hinauf in den Himmel sich recken und über ihren Häuptern Stern um Stern zu leuchten beginnt, dann verstummen auch wir, dann scheinen wir allem Leiblichen entrückt und erkennen in voller Tiefe die Unzulänglichkeit von menschlichem Ermessen und Begreifen. Was uns in solcher Dämmerstille in Schweigen und Ruhe umfängt, ist wie ein einziges, grosses, weltgewordenes Gebet.

Solches Erleben gibt uns die tröstliche Gewissheit darüber, dass über allem Menschlichen Übermenschliches steht, dass Fügung und Bestimmung der Machtsphäre des Irdischen enthoben sind und dass aller Endes nicht die Kreatur über Weltentstehung und Weltuntergang entscheidet. Wo die Natur uns besinnlich macht, wird sie zum Zeugnis des Übersinnlichen. Gefühle des Verlorenseins wandeln sich in Hoffnung und Zuversicht. Noch walten gute Kräfte über uns. Noch ist das Schicksal der Welt nicht aus den Händen Gottes gefallen. Darin liegt unser Hoffen, unser grosses, tröstliches und unentwegtes Hoffen!

Herrliche Berge!

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