Bergfahrer und Lawine

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Von Rudolf Campell.

Es ist leicht zu erkennen, dass sich unsere Aufgabe in zwei Teile gliedert: der erste ist für den Bergsteiger technischer Natur, der zweite betrifft ein medizinisch praktisches Gebiet.

I.

Was muss der Bergfahrer wissen, um sich vor Lawinenverschüttungen zu bewahren?

Bis vor etwa 60 Jahren hat man im Winter die Täler und Spitzen der Alpen nicht aufgesucht, weil man deren winterliche Schönheit nicht erfasste und auch weil man diese Gegenden wegen des tiefen Schnees für kaum begehbar ansah. Nur wer absolut musste, reiste im Winter durchs Gebirge; und nur die ortskundigen Jäger, die Waldarbeiter und Fuhrleute wagten sich hinaus in die verschneite Landschaft, in die Wälder, auf Berge und Pässe. Auch sie kamen ohne Ski nur äusserst mühsam vorwärts und hielten sich meist an bekannte, durch jahrhundeitelangen Gebrauch als möglichst ungefährlich geltende Wege. An diese Wege hat man sich zur Hauptsache wohl auch gehalten, als die Staaten daran gegangen sind, gute Strassen und Bergbahnen für Sommer und Winter zu bauen. Die alten Gebirgsbewohner waren vorsichtig, und heute noch schütteln sie bei uns den Kopf, wenn sie sehen, wie die jüngere Generation allen Gefahren und Warnungen zum Trotz im Sturme die Berge durchzieht. Es wäre töricht, ihre Argumente ungehört in den Wind schallen zu lassen. Warum warteten ganze Saumkolonnen nach einem grösseren Schneefall tage-, ja wochenlang, bis sie über den Pass zogen? Warum marschierten die einzelnen Tiere mit grossen Abständen weit auseinander, wenn Rutschgefahr drohte? Warum fürchtete man diejenigen Geländestriche am meisten, die dem Winde stark ausgesetzt sind? Warum nahm man den Pferden das Geläute weg, wenn Lawinen drohten, und warum lief alles möglichst lautlos und sachte dahin, wenn Lawinenzüge zu queren waren? Das sind Fragen, auf die sich Antwort später ganz von selbst ergibt.

Die Schönheit der Alpen wurde inzwischen bekannt, und immer weitere Volkskreise liessen sich vom Zug in die Berge mitreissen. Als Eis und Fels den Ruhestörern hold blieben, wagte man sich kurz entschlossen auch in die Winterlandschaft hinaus. Vom Norden her erlebte um die Jahrhundertwende der Ski seinen einzigartigen Triumphzug in den Alpen. Er brachte bewegtes Leben in das todähnliche Winterbild unserer Dörfer. Zuerst hatte man Mühe, sich auf den Brettern zurechtzufinden; das zwang zur Vorsicht. Aber in wenigen Jahren war dieses Hindernis beseitigt, und heute kommen wir im Winter ebenso gut fast überall durch wie im Sommer. Ja, der Winter ist daran, dem Sommer den Rang streitig zu machen. Manch eine grosse Bergfahrt bereitet dem Menschen im Winter weniger Mühe als im Sommer: denn man rechnet nur noch mit dem Aufstieg, indem der Abstieg meist keine grosse Plage mehr bedeutet, dafür aber Vergnügen bringt.

Etwas darf aber hier nicht vergessen werden. Der Winter hat ein grosses Gefahrenmoment mehr, das man oft und ganz besonders in schneearmen Wintern vergisst: die Lawinen. Wer im Winter ins Hochgebirge gehen will, ist verpflichtet, sich über diese Tatsache klare Rechenschaft abzulegen, sonst dürfte die fortschreitende Entwicklung der Alpinistik je länger desto mehr eine erschreckende Zunahme der Bergunfälle nach sich ziehen. Der Zweck meiner Ausführungen soll sein, hierin zur Vernunft zu mahnen.

In früheren Zeiten galten die Lawinen vielfach als Naturelemente, denen gegenüber der Mensch machtlos sei. Man hat inzwischen gelernt, Wildbäche einzudämmen, Feuersbrünsten vorzubeugen, Rüfen erfolgreich zu verbauen, und allmählich ist auch die Ansicht durchgedrungen, dass man vielen Lawinen gegenüber nicht wehrlos sei. Denn ganze Landstriche, die seit Jahrhunderten regelmässig von allergefährlichsten Lawinen bedroht waren, sind — wenn auch unter grossen Kosten — gesichert worden. Unsere Forstwirtschaft z.B. hat hierin Grosses geleistet. Der Mensch hat nur die Natur zu beobachten, er soll den Ursachen der Katastrophen nachgehen, und oft wird ihm sein unvoreingenommener Geist den Weg weisen, wie er üble Naturerscheinungen bekämpfen kann.

Treten wir unserem Thema etwas näher und versuchen wir, dem Winterturisten klar zu machen, wie die Lawinen entstehen. Dann wird er ohne Mühe die Schlüsse ziehen können, wie er sich davor zu schützen hat. Ich bin mir bewusst, dass ich bei den meisten meiner Leser die Unterschiede zwischen Schneerutsch, Grund- und Staublawinen etc. voraussetzen könnte. Nur um später Wiederholungen zu vermeiden, rekapituliere ich einiges darüber. Es erscheint mir wichtig, hier kurz davon zu sprechen, welche Art von Lawinen der Winterbergsteiger besonders zu erwarten hat, um gleich auch angeben zu können, wie er sich in jedem Fall zu verhalten hat. Ich erwähne die drei Hauptformen der Lawinen und gebe jeweils kurze Anweisungen über die Selbsthilfe an.

1. Die strömende Lawine ( nasse Lawine, Grundlawine ). Sie entsteht bei nassem Schnee. Sie fliesst wie ein Strom den Hang herunter, zuerst langsam, dann aber durch die zunehmende Last und Fallgeschwindigkeit immer schneller und schneller, alles mit sich reissend, was im Wege steht: Steine fliessen mit, Bäume werden samt den Wurzeln mitgenommen, sogar Grund und Rasenstücke, auch Häuser machen die Fahrt zu Tal mit. Ist diese strömende Lawine kurz, so kann man ihr oft ausweichen, denn man sieht sie kommen. Fliesst sie aber einen ganzen Hang herunter, so hört man sie kommen wie einen gewaltigen Wasserstrom oder eine Rüfe. Weil sich die Grundlawine meist an ihren gewohnten Zug hält, so wird man, sobald ihr Getöse hörbar wird, sich soweit als möglich aus deren Bereich davonmachen. Gerät man aber doch in diesen Strom, so ist alles aufzubieten, um an der Oberfläche zu bleiben und nicht zugedeckt zu werden; Schwimmbewegungen sind von grossem Nutzen, und solange die Lawine im Gange ist, kann man sich nicht selten an der Oberfläche halten. Es gilt zu schwimmen wie im Wasser. Verlangsamt sich der Strom, ohne dass es dem Verschütteten gelungen wäre, an die Oberfläche zu gelangen, so muss er mit aller ihm zur Verfügung stehenden Kraft durch energische Bewegungen versuchen, für seinen Kopf und für die Brust einen freien Raum zu bekommen. Steht dann endlich die nasse Lawine still, so presst sie sich in wenigen Augenblicken so fest zusammen, dass ein in der Tiefe sich befindlicher Mensch seinen Brustkorb nicht mehr ausdehnen kann und, weil er so keine Luft mehr bekommt, rasch zugrunde geht.

2. Die stürzende Lawine ( Trockenlawine, Staublawine ). Nach grossen Schneefällen donnern die gefürchteten Staublawinen nieder; mit rasender Geschwindigkeit stürzen sie die Berge herunter, alles brechend und vernichtend, was im Wege steht. Der Lawine voraus jagt ein enormer Luftdruck, der nicht selten ganze Wälderstreifen abbricht, ohne dass die Lawine selbst diese Stellen nur erreicht Jahrhundertealte Tannen und Lärchen werden abgebrochen wie Zündhölzchen; im Wege stehende Häuser werden förmlich weggeblasen. Und die Menschen? Da hilft das Schwimmen nichts, denn die Schneemassen stürzen förmlich auf die Opfer ein. Die Luft ist erfüllt von einem feinsten Schneestaub, der mit gewaltigem Druck durch Nase und Mund eingepresst wird, und die Atmung ist für eine Weile unmöglich. Die Flucht gelingt einem Menschen bei der Staublawine meist nicht wegen der rasenden Geschwindigkeit, dem Staub und dem Luftdruck. Da gilt es, alles daran zu setzen, mit den Händen Nase und Mund vor dem Eindringen von Schnee und Schneestaub zu schützen und sich womöglich hinter einem sichern Versteck zu ducken. Steht dann die Lawine still, so ist der Schnee zunächst weich und porös und erlaubt einem Menschen oft noch lange freie Atmung, besonders dann, wenn es ihm gelingt, um Mund und Nase und Brust genügend Raum zu bekommen.

3. Die rutschende Lawine ( Schneerutsch ). Man kann diese Form der Lawine weder bei 1 noch bei 2 einreihen; der Schnee fliesst hier nicht, er rutscht eben die Halde herunter. Ein abbrechender Schneerutsch kann je nach Gelände und Schneeverhältnissen der Beginn sein für eine Grundoder für eine Staublawine. Wir sollten ihn hier in seiner Grundform etwas näher betrachten, Während das Niedergehen von grossen Tallawinen, mögen es Grund- oder Staublawinen oder Mischformen beider sein, in der Regel rein durch Gelände und Witterung bestimmt wird, entsteht im Gegensatz dazu der Schneerutsch oft direkt oder indirekt durch denjenigen, den er nachher zu begraben droht. Darum ist diese Lawinenform für unsere Winterturisten von grösster Bedeutung.

Der geübte Berggänger hat gegenüber dem Anfänger den grossen Vorteil, dass er aus Gelände, Witterung und Schneeverhältnissen ungefähr zu ermitteln weiss, an welchen Orten er beim Durchschreiten einen Schneerutsch verursachen kann und welche Halden ohne Gefahr begehbar sind. Wir wollen von der Annahme ausgehen, ein Skiturist sei in Gefahr, von einem niedergehenden Schneerutsch mitgerissen zu werden. Es kommt nun darauf an, ob die Lawine auf der Höhe des Skifahrers abbricht oder ob sie sich oberhalb seines Standortes losreisst und ihn so von obenher bedroht. Im ersteren Falle versucht der Bedrohte, sich nach oben in Sicherheit zu bringen; gelingt es ihm nicht und fährt er mit den Schneemassen in die Tiefe, so hat er den Vorteil, hinten auf der Lawine zu sein. Das ist insofern von beträchtlichem Wert, als es in dieser Situation manchmal möglich ist, sich seitlich aus der Lawine herauszuschaffen oder auf der ungewollten Niederfahrt gegen irgendeinen vorstehenden Punkt hinzustreben.

Es gelang mir einmal, von einem Schneerutsch in dieser Weise mitgerissen, mit Hilfe der Skistöcke mich gegen einen grossen Stein, der 50 m unter mir heraustrat, hinzuarbeiten; ich wurde gegen dieses Hindernis geschleudert und blieb dort hangen, während die Lawine in eine tiefe Schlucht hinunterstürzte.

Anders verhalten sich die Dinge, wenn der Turist von einem über ihm abgebrochenen Schneerutsch ergriffen wird. Mit einer Schussfahrt sich vor Ankunft der Lawine aus dem Staube zu machen, klingt theoretisch ganz schön, wird aber nur ganz ausserordentlich selten gelingen; denn bevor man sich das recht überlegt hat, ist schon die ganze Halde in Bewegung. Man muss froh sein, wenn es noch möglich wird, die Ski schräg abwärts zu kehren und gegen den Rand der Lawine zu leiten. Hat man das Glück, nicht vorher von einem Schneeblock umgeworfen zu werden, so ist dies die empfehlenswerteste Methode. In der Richtung der Lawine oder sogar vor dieser davonfahren zu wollen, bringt die Gefahr mit sich, dass man besonders stark zugedeckt wird und in den Hauptstrom hinein gelangt. Letzteres bringt grössere Gefahren mit sich als die Verschüttung am Rande der Lawine. Ist trotzdem eine Verschüttung erfolgt, so gilt je nach Art des Schnees das unter 1 und 2 Gesagte: Schwimmbewegungen ausführen und für Raum um Kopf und Brust sorgen!

Es war vorn die Rede davon, inwiefern der Mensch beim Entstehen der Lawinen selbst mitbestimmend sei. Wenn auch zuzugeben ist, dass die meisten grossen Lawinen durch Faktoren ausgelöst werden, denen gegenüber wir machtlos sind, so wollen wir einerseits kurz darauf hinweisen, dass es dem Menschen gelungen ist, da und dort die allergefährlichsten Lawinen zu verbauen; anderseits ist es noch zu wenig bekannt, welche Rolle als letzte auslösende Ursache oft ganz kleine, kaum beachtete, manchmal auch vom Menschen abhängige Faktoren spielen. Diese entscheiden wohl nicht, ob an dieser oder jener Stelle eine Lawine niedergehen soll oder nicht; aber oft entscheiden sie, wann das geschehen soll, und dieses Wann allein ist für den Turisten von ausschlaggebender Bedeutung.

Eine der Wärme ausgesetzte Schneehalde pflegt sich dann zu entleeren, wenn die Schneemassen durch Wärme nässer werden und sich der Schwere nach senken. Oder die innere Festigkeit des Schnees wird geringer, seine Kohäsion gibt z.B. durch Faulwerden des Frühlingsschnees nach. Oder die Adhäsion zur Halde wird durch Wärmeausstrahlung vom Boden her geringer. Dann bekommt der Schnee eine fliessende Bewegung und wird weiter unten, wenn ihm kein genügender Widerstand entgegengesetzt wird, zur Grundlawine. Es ist meines Erachtens sehr wichtig, ausdrücklich festzustellen, dass unmittelbar vor dem plötzlichen Niedergehen sich die Schneemassen eine Zeitlang in einer Art von Schwebezustand befinden. Es bedarf nur eines winzigen Ansporns, um diese Last in Bewegung zu bringen, und bleibt dieser aus, so kann entweder die Lawine viel später abrutschen oder durch die Kälte der Nacht wieder fest mit der Halde sich binden. Die Lawine kann somit durch beeinflussbare Faktoren früher oder später niedergehen. Davon kann es aber auch abhängen, ob ein Mensch in dieselbe hineingerät oder nicht. Wer gibt den letzten Anstoss? Ein Vogel kann es sein, der, durch Menschen aufgeschreckt, aus einem Baum auffliegt und dabei ein Schneestück zu Boden wirft; eine Gemse, die auf der Flucht oben die Halde quert; ein Schneeball, der sich oben ablöst und in die Halde hineinrollt; ein plötzlicher Luftzug oder ein lauter Ruf kann die Schneedecke plötzlich brechen — und alles fährt zu Tal. Und wie wird es erst sein, wenn der plumpe Mensch mit seiner ganzen Last, mit seinen Skikanten eine schwache Stelle reizt? Gleich geht die Bewegung los. Wie gross weiter unten die Lawine werden wird, hängt ganz und gar nicht ab von dieser auslösenden Ursache; das wird vielmehr bestimmt von der Länge und Steilheit der Halde, vom Gewicht, von der Beschaffenheit und Höhe der Schneeschicht.

Tatsache ist, dass der Mensch auch Grundlawinen auslösen kann; Tatsache ist, dass er es — besonders im Sommer und Frühjahr — nicht selten auch tut. Dies gilt in noch erhöhtem Masse für den Schneerutsch, aber es hat auch Gültigkeit für gewisse Staublawinen: Wir haben ja bereits ausgeführt, dass je nach Lage und Schneebeschaffenheit der vom Turisten erregte Schneerutsch den Beginn selbst sehr grosser und gefährlicher Staublawinen bedeuten kann.

Eine bisher meist zu Unrecht unterschätzte Begleitursache spielt nach Neuschnee eine bedeutende Rolle: das ist der Wind. Nehmen wir an, es sei eine gute Schicht von 60—80 cm oder mehr Neuschnee gefallen. Ist es Pulverschnee, den der Wind nicht stört, so wird er sich gleichmässig senken und mit der Halde gute Verbindung bekommen. Aber meist hört es in den Bergen nicht auf zu schneien, bevor sich nicht ein mehr oder weniger starker Windzug eingestellt hat. Und dieser Windzug bildet oft in kurzer Zeit auf dem Pulverschnee eine ganz feine, fest zusammenhängende Schicht von Pressschnee. So entstehen auch die gefährlichen Windbretter.

Nach einem grossen Schneefall warte man einige Tage ab, bevor man grössere Fahrten unternimmt. Die spontan abgehenden Lawinen sollen sich inzwischen austoben, und im übrigen Gelände soll sich der Schnee ordentlich setzen. Es ist aber nicht zu vergessen, dass dieser Neuschnee nur dort bessere Kohäsion und bessere Adhäsion bekommen kann, wo durch und durch Pulverschnee liegt. Ist hingegen darüber eine noch so feine Schicht von Windharst, so vollzieht sich das Setzen des Schnees ungleichmässig und unregelmässig. Da die feine Kruste des Pressschnees gut zusammenhängt und sich so nicht frei senken kann, entsteht darunter ein relativer Hohlraum. Die darunterliegende Pulverschneeschicht hat sich ihrem Gewicht entsprechend gelegt; sie hat aber übereinander Schichten von ganz verschiedener Kohäsion, manchmal unmittelbar unter der Kruste sogar eine Höhlenbildung. Und dieser Zustand ist begreiflicherweise gefährlich. Eine kleine Erschütterung von aussen kann die Pressschneeschichten brechen, der Riss nimmt dem Schnee jeden Halt, dieser bricht in Blöcken ab und gleitet den Hang hinunter. Der entstehende Riss kann in wenigen Sekunden Hunderte von Metern lang werden.

Das direkte Abbrechen solcher Schneebretter durch Anschneiden einer Halde ist ein bekannter Vorgang; es ist aber unsere Pflicht, immer wieder darauf hinzuweisen. Weniger bekannt dürfte sein, dass der Bergfahrer auch von der Ebene aus indirekt, und zwar auf Entfernungen von einigen hundert Meter, die Halde zur Abstossung der Schneemassen veranlassen kann. Ich habe selbst einige solche Fälle gesehen, und meine Pontresiner Bergkameraden, unter ihnen besonders der Bergführer Kasper Grass, berichteten mir über ähnliche Erfahrungen. Soweit mir die Literatur zugänglich war, ist bisher nirgends von dieser Erscheinung die Rede gewesen. Wir wollen uns deswegen die Sache etwas betrachten. Sie geht etwa folgendennassen vor sich: Die zusammenhängende Press-schneeschicht, die relativ hohl liegt, bricht unter der Last des auftretenden Menschen ein; sie wird es um so leichter tun, je unvorsichtiger und plumper er auftritt. Der Riss in der Kruste geht von der Einbrechstelle durch Kontinuität weg gegen eine ansteigende Halde, sie pflanzt sich weiter den Hang Direktes Abtreten der Lawine ( Windbrett ) Fernauslösung der Lawine.

hinauf, wo vielleicht die schwache, besonders gefährdete Stelle des Windbrettes liegt, und plötzlich wie ein Blitzstrahl fährt oben eine Spalte quer durch die Halde, und schon stürzt auch die ganze Ladung auf einen los.

Diese Fernauslösung von Lawinen ist sicherlich nicht alltäglich, aber sie kommt zweifellos häufiger vor, als es bisher bekannt war. Sie muss bei bestimmten Schneeverhältnissen ebenso in Erwägung gezogen werden wie das direkte Abtreten von Schneebrettern, das ja schliesslich auf demselben Prinzip beruht. In beiden Fällen spielt der Wind eine sehr grosse Rolle, indem er ein gleichmässiges Sichsetzen des Schnees hindert, damit die Ko- häsion herabsetzt und die Adhäsion zur Halde vermindert. Daher die grösseren Gefahren für den Winteralpinisten.

Wir sprachen bisher nur vom Schneebrett als zu fürchtende Folge des Windes, denn seine Tücken können nicht genügend überschätzt werden. Daneben bringt aber der Wind noch zwei weitere Erscheinungen zustande, die zur Vorsicht mahnen. Dort, wo der Wind nicht hingelangt, im « Windschatten » ( in Mulden, in Geländestellen oben an der Waldgrenze, dann besonders an der vom Wind verschonten Seite eines Berggrates, hinter Schneegwächten und grossen Geländeerhebungen ), gibt es eine Anhäufung von Lockerschnee; man nennt das einen Windschild oder besser einen Schneesack. Die Schneemenge, die sich hier ganz allmählich ansammelt, kann manchmal ganz gewaltig werden. Und wird schliesslich das Gewicht durch andauerndes Zuwehen grösser als die Adhäsionskraft an der Halde, so rutscht er ab. Es braucht keine grosse Phantasie, um zu erkennen, dass ein Turist, wenn er in einen so in der Schwebe gehaltenen Schneesack hineintritt, den Anstoss geben kann zu einer vorzeitigen Lawine, die ihn zugrunde richten kann.

Als dritte Gefahr des Windes erwähne ich die Schneegwächten, die sowohl an Gipfelgräten als Gipfeigwächten als auch auf beliebigen Unebenheiten des Geländes entstehen können. Sie setzen sich zusammen aus hartgefügtem Pressschnee und nehmen nicht selten gewaltige Dimensionen an; man trifft Schneegwächten von 10 und mehr Meter Mächtigkeit an. Oft sind sie überhängend. Wird ihr Gewicht allzugross, so brechen sie ab und können den Anfang von grossen Lawinen bilden. Es geschieht auch sehr häufig, dass Skifahrer die schwebende Schneegwächte anschneiden, sie dadurch ihres inneren Gefüges berauben und von ihr zugedeckt werden, bevor sie die Gefahr nur gemerkt haben.

An dieser Stelle interessiert es die Leser gewiss, einige Zahlen über das annähernde spezifische Gewicht der verschiedenen Schneesorten zu erfahren. Ich entnehme dieselben einer auch sonst sehr wertvollen Arbeit von Forstinspektor E. Hess in Bern, « Die alpinen Gefahren ».

spez. Gewicht Frisch gefallener Schnee0,06—0,1 Wildschnee, bei tiefster Temperatur gefallen 0,01—0,08 Mit Kälterwerden wird der Schnee schwerer:

Gesetzter Schnee0,2—0,3 Firnschnee ( je nässer desto schwerer ) 0,5—0,8 ( Eis0,9 Unter Kohäsion des Schnees versteht man die innere Festigkeit desselben; sie ist am stärksten beim Firnschnee, am schwächsten beim Flaumschnee. Die Adhäsion des Schnees an die Halde bedeutet die Reibung an der Unterfläche, die verhindert, dass der Schnee abrutscht. Je kälter es war, als der Schnee fiel, desto geringer ist seine Kohäsion, desto langsamer setzt er sich auch. Bei diesem Stand ist auch die Adhäsion zur Halde sehr klein; und es braucht oft nur einen ganz kleinen Anstoss, und die Halde wirft ihre Schneelast ab.

Sehr wichtig ist es, stets zu erwägen, wie die Unterlage in dem Moment war, als es darauf schneite. Am besten verbinden sich zwei nasse Schichten. Auch wenn Unterlage oder Neuschnee nass sind, also eine von den beiden sich berührenden Schichten, wird die Bindung fest und sicher. Ganz anders verhält es sich, wenn ein hartgefrorenes Eis- oder Schneefeld von einer kalt geschneiten Pulverschneeschicht bedeckt wird, was besonders beim Einwintern etwa vorkommt. Es bleibt nicht selten für den ganzen Winter ganz besonders lawinengefährlich.

Interessant ist es, das Wild nach hohen Schneefällen zu beobachten, und dafür haben wir im Engadin reichlich Gelegenheit. Dabei fallen besonders die Gemsen und die bei uns wieder eingebürgerten Steinböcke auf. Sie verlassen ihre Schutzstellen unter überhängenden Felsen oder unter Bäumen erst, wenn nach einiger Zeit die grösste Lawinengefahr beseitigt ist, oder sie wählen ihre Gänge über Gräte und vorstehende Felsen. Von ihnen kann jeder Turist lernen, wie er sich in Lawinengefahr zu verhalten hat. Uns Menschen gehen leider viele nützliche Instinkte ab; wir müssen darum den Verstand mehr arbeiten lassen. So werden wir zu unserem grössten Vorteil die goldene Regel nicht vergessen, nach grösserem Schneefall für mindestens 3—4 Tage Bergfahrten zu unterlassen. Und wer diese Regel nicht kennt, der ist gefährdet. Es ist Pflicht der Einsichtigen, diese Ahnungslosen zu warnen. Für solche sind die Warnungstafeln besonders bestimmt, die man z.B. im Oberengadin auf telephonischen Befehl des erfahrenen Rettungsobmannes der Alpenclubsektion in allen Dörfern aushängen lässt: Heute Lawinengefahr besonders gross! Diese Tafeln haben zweifellos schon viel Unglück abgewendet. Andererseits hat man sich über unsere Warnungs-signale auch lustig gemacht, als ob wir damit glauben täten, jede Lawinengefahr zu bannen. Solches ist ja von uns nie behauptet worden. Wir wissen sehr genau, dass eine gewisse Lawinengefahr den Bergsteiger das ganze Jahr bedroht. Wir wollen nur warnen, wenn die Gefahr besonders gross ist, und das lässt sich mit einiger Erfahrung und Bergkenntnis bis zu einem gewissen Grad voraussagen. Die ahnungslosen Bergsteiger zu warnen und zu erziehen, ist sowieso eine Aufgabe der alpinen Vereine.

Es schliessen die aus Erfahrung begründeten Warnungen keineswegs aus, dass auch die Berichte der meteorologischen Institute, die Barometer-kurven und die Wettervoraussagungen im Radio vollständig ausgenützt werden. Nur sind alle diese wissenschaftlichen Prognosen heute noch — wenigstens für unseren Gebirgsstrich — bedeutend unsicherer als die Angaben eines gut beobachtenden Gebirglers; ein solcher muss natürlich der Rettungsobmann sein.

Wie man sich im Gelände vor Lawinengefahr hüten soll, können wir hier nur kurz andeuten. Man wage sich nur vorsichtig auf freie Flächen der Hänge hinaus, man halte sich vielmehr auf Gräten, Felsen, an Baumgruppen und Geländerippen. Konvexe Geländepartien sind weniger gefährlich als konkave Stellen, darum halte man sich womöglich an Geländerücken: Wer im Winter in die Berge gehen will, muss seine Augen ganz besonders offen halten.

II.

Erste Hilfe bei Lawinenverschüttungen 1 ).

Über dieses Thema begnüge ich mich mit einer kurzen Zusammenfassung aus meiner unten angeführten Arbeit und habe nur Weniges beizufügen.

aAls Lawinensondierstangen möchte ich neben den gewöhnlichen, starren Eisenstangen mit Handgriff eine zusammenlegbare Sondiervorrichtimg von Lindenmann in Chur erwähnen; sie ist leicht an Gewicht, wird in einem praktischen Säckchen verpackt und kann mühelos im Rucksack mitgenommen werden. Sie eignet sich speziell, um vom Turisten mitgenommen zu werden oder für Rettungskolonnen, die ausziehen, ohne zu wissen, ob die vermissten Turisten in einer Lawine verschüttet sind. Für systematische Sondierungen von grösseren Lawinenfeldern wird man auch in Zukunft bei den bisherigen einfachen und billigen Eisenstangen verschiedener Länge bleiben.

b ) Was das von mir angegebene Lawinenhörrohr anbelangt, das dazu dienen soll, Geräusche aus der Tiefe der Lawine zu hören oder Gegenstände am Anschlags-ton zu erkennen, ist zu sagen, dass es wohl einem richtigen Gedanken entspringt und für Verschüttungen verschiedener Art eine Rolle spielen könnte, dass es aber in der Praxis noch zu wenig ausprobiert werden konnte, um es allgemein empfehlen zu können. Dem Hörrohr wurde neuerdings ein Mikrophon eingebaut, das die Empfindlichkeit des Apparates wesentlich erhöht und auch dem Laien, der mit ärztlichen Horchinstrumenten nicht umgehen kann, ermöglicht, denselben zu bedienen Die Nebengeräusche durch Wind etc. konnten aber noch nicht genügend ausgeschaltet werden. Die Versuche gehen weiter.

c ) Vor Sondierstangen, die vorn an der Spitze feine Widerhäklein tragen, um durch Drehen Kleiderfetzen etc. abzureissen und dabei zu verraten, ob man auf den Verschütteten gestossen sei oder nicht, möchte ich warnen. Man denke nur, die Sondierstange mit ihren Widerhaken gerate dem Vermissten auf ein Auge, ein Ohr; dann wird man solche Instrumente von selbst ausschalten.

d ) Meine neue Methode der künstlichen Atmung, die ich 1931 in obgenannter Arbeit angegeben hatte, fand in der Medizin vielfach Anerkennung und wurde auch in verschiedenen Spitälern offiziell eingeführt2 ).

Anhang. Über den Luftdruck bei Staublawinen.

Ich benütze die Gelegenheit, um einige Beobachtungen mitzuteilen, die geeignet erscheinen, die bisher kaum recht verständliche Wucht der Staublawinen zu erklären. Man weiss, wenn eine grosse Staublawine — hoch vom Berg herunter — zu Tal stürzt, dass ihr ein Luftdruck vorauseilt, der imstande ist, ganze Wälder zu zerstören, dicke Lärchen wie Zündhölzchen abzubrechen, Häuser mitzunehmen und anderen schweren Schaden zu stiften, selbst an Orten, wo die Lawine gar nicht hinreicht. Man versuchte bisher allgemein, diesen « Luftdruck » durch das Eigengewicht des zu Tal stürzenden Schnees zu erklären. Irgendeine andere Erklärung habe ich bisher weder gehört noch gelesen. Und doch scheint mir diese Auffassung auf schwachen Füssen zu stehen: sie dürfte physikalisch kaum aufrecht zu halten sein. Ich kann mir unmöglich vorstellen, dass die vor einem zu Tal stürzenden Gegenstand ( in unserem Fall von der Lawine ) hegende Luft durch den Fall-vorgang vor dem Gegenstand hergetrieben werden soll. Die Luft wird vielmehr dem fallenden Körper Widerstand entgegensetzen: darum pfeift es in der Luft, wenn man Steinschlag bekommt, darum pfeifen die Kugeln, die den Widerstand der Luft zu durchbrechen haben. Bei der Lawine sollte es nun plötzlich ganz anders sein? Hier würde die vor der Lawine gelagerte Luft den fallenden Schneemassen vorauseilen und einen grossen Luftdruck verursachen? Das erscheint mir wenig wahrscheinlich.

Eigene Beobachtungen und ein klarer Fall meines Bruders, Kreisförster Ed. Campell, scheinen mir hier aufklärend zu wirken. Mein Bruder sah, wie in Gondas bei Zernez ganz hoch oben am Piz Baselgia eine grosse Staublawine abbrach und in der Breite von ca. 200 Meter zu Tal stürzte. Die Schneemassen fielen zuerst mit rasender Geschwindigkeit eine steile, konkave Halde von ca. 300 Meter Höhe herunter; dann trat ein enormer Schneewirbel auf bis turmhoch über dem Hang; eine förmliche Detonation wurde hörbar, als wie von hintenher ein Windzug die Lawine einholte und mit rasender Geschwindigkeit vor der Lawine zu Tal eilte und dieses eine Weile vor den Schneemassen selbst erreichte. Die Luftbewegung war an den frisch verschneiten Bäumen zu beobachten, die teilweise sich bogen und so die Schneelast abwarfen, teilweise aber auch umgerissen wurden.

Was war da eingetreten? Hinter den mit grosser Wucht zu Tal stürzenden Schneemassen entsteht ein Vakuum, das die Luft mit unwiderstehlicher Kraft ansaugt. Bei grosser Fallhöhe wird dieser Luftstrom sehr stark; er holt die nach dem ersten Sturz durch alle möglichen Widerstände in ihrem Sturze verlangsamte Lawine ein, überholt sie und rast ihr voraus, alles Bewegliche und Schwächliche vor sich umwerfend und zerstörend. So lässt es sich erklären, dass vor der Staublawine liegende Waldpartien oft nur strichweise befallen werden, so wohl auch, warum der Luftdruck der Lawine sich weit über den Bereich der Lawine selbst auswirkt. Dort, wo eine Staublawine mehrere Sammeläste aufweist, ist es klar, dass sich der Luftdruck im Sinne des Parallelogramms der Kräfte nach vorn fortpflanzt. Dies erklärt manche Abweichungen der Wirkungsweise des « Luftdrucks », die man oft kaum verstehen konnte.

Es handelt sich hier zweifellos um äusserst interessante Fragen, die einer gründlichen Klärung bedürfen; darum habe ich sie in die Diskussion hineingeworfen. Letzten Endes werden die Physiker zu entscheiden haben, ob die von mir geäusserten Gedanken richtig sind oder nicht. Und sollten diese ihnen nicht beipflichten, so ist der Sache gedient, wenn sie eine plausiblere Erklärung jener recht rätselhaften Erscheinungen bringen.

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