Bergfahrten im Bergell

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Bergfahrten im Bergell

Bergfahrten im Bergeil.

I.

Erste Überschreitung der Scioragruppe.

Ein wunderbarer Sternenhimmel wölbte sich über uns, als wir am 2. Augustmorgen 1923 um 3 Uhr 45 die Sciorahütte verliessen. Unsere Absicht war die Überschreitung der vier Gipfel der Scioragruppe, welche noch nie ausgeführt, noch nicht einmal probiert worden ist. Immerhin war es Walter Risch schon zweimal gelungen, Ago di Sciora, Pioda di Sciora und Sciora di Fuori an einem Tage zu überschreiten, zuerst mit einem Zürcher Bergfahrer am 29. Juli 1921, sodann am 26. August 1922 mit mir. Wir fühlten uns der gewollten Aufgabe bewusst und gewachsen. Zeiss und Photographenapparat liessen wir zu Hause, an Speise nahmen wir nur das Allernotwendigste mit, an Getränk zwei Deziliter Kognak, an Ausrüstung Risch einen Pickel, ich einen abgesägten Bergstock, dazu zwei Seile zu 35 und 20 Metern.

Von der Sciorahütte schritten wir zunächst über leichte Rasenhänge empor, bis wir zum Bondascagletscher gelangten, der dieses Jahr nur wenige tiefe, breite Spalten aufwies. Wir standen schon ziemlich hoch oben, als der Tag anbrach: es wurde heller und heller, und der anfangs bläuliche Schnee leuchtete bald wie blendendes Silber. Um 6 Uhr 50 hatten wir die mit Schneeflecken durchsetzten Felsen des Südgrates der Sciora di Dentro hinter uns und standen auf dem Gipfel, der mit seinen 3241 m den höchsten Punkt der Gruppe bildet. Wir hatten für den Aufstieg 3 Stunden und 5 Minuten gebraucht.

Weit im Süden streckte der Mont Blanc sein riesiges Haupt in den blauen Äther hinein. Prachtvoll klar standen die Walliser im Morgenglanze, rechts davon türmten sich die Berner Oberländer einer nach dem andern auf, und breit wuchtete der Tödi mit seinen Zentralschweizervasallen, während St. Galler-, Vorarlberger- und Tirolergipfel ein belebtes, buntes Meer von Farben und Formen bildeten. Die nahe Berninagruppe mit ihren Eis- und Felswänden gab den massigen Vordergrund dazu. Der Blick nach Italien wurde durch den Zackengrat von der Zocca bis zur Bondasca verunmöglicht.

Als wir schweigend all diese Herrlichkeit genossen, dröhnte es dumpf aus der Südwand des Berges zu uns herauf: Steinschlag... Um 7 Uhr 20 seilten wir uns zum erstenmal an und kletterten vorsichtig in die Südwand ab, stets etwa dreissig Meter unter dem Grat uns fortbewegend. Eng aufgeschlossen drangen wir in eine steinschlaggefährdete Rinne hinunter, dann in eine zweite, verliessen diese aber wegen loser Steine sofort und landeten über ein luftiges Band auf einem steilen Schneehang. Risch sicherte hier so gut als möglich, ich stapfte, das Gesicht bergwärts, den schon weich gewordenen Schnee hinab und erreichte nach etwa 25 Metern eine grosse Granitplatte. Mein Führer fuhr stehend keck zu mir herunter, und gemeinsam schlüpften wir durch ein von Blöcken gebildetes Loch der wärmenden Sonne entgegen... Auf ziemlich wagrechten, aber abschüssigen Bändern strebten wir der Bochetta del Ago zu, umgingen einen mächtigen Gendarmen auf der Südflanke und näherten uns einem breiten Bande, welches den gewöhnlichen Aufstieg vermittelt. 9 Uhr 15 langten wir dort an, vertauschten die Nagelschuhe mit den Kletterfinken und hielten ein Halbstündlein Rast... Dann griffen wir den Ago di Sciora an. Wir turnten den lotrechten Sturz empor, bis wir auf ein Grätchen in der Wand selbst gelangten, an dem weit auseinanderliegende, knappe Griffe vorwärts helfen. Von einem bequemen Band aus hatten wir zwei Wege zur Verfügung: Entweder kann man nördlich ein wenig absteigen, in einen Tunnel gelangen und in diesem selbst schwer zur eigentlichen Gipfelwand emporklimmen, oder dann schafft man sich in äusserst ausgesetzter Kletterei in einem der zwei zur Verfügung stehenden, schmalen Risse hinauf. Risch erzwang jenes, ich wagte dieses. Bald standen wir beisammen wieder auf der Nordseite. Und nun recht luftig und rittlings über das schmale Gipfelgrätchen hinaus, bis ein hervorspringender Klotz das Weitergehen verhinderte. Gewicht verteilen in weit auseinanderliegenden Griffen oder Trittchen, war jetzt die Losung und Quergang in die Wand hinaus, bis ein jeder mit seiner Rechten gerade unter dem andern Klotz die Gipfelkante wieder erfassen, sich daran mit Kraft und Energie aufziehen und das rechte Bein über die Kante schwingen konnte. Noch einige Meter und der Gipfel des Ago di Sciora war unser... Das Gipfelbuch ward aufgeschlagen. Darin las ich zu meiner Verwunderung: « Walter Risch, erstmalige Überschreitung allein von der Sciorahütte zur Albignahütte, am 1. Juli 1923! » Daneben die lakonische Bemerkung: « Automobileröffnung im Kanton Graubünden »!... Bis halbzwölf Uhr lagen wir seelenvergnügt auf dem nur wenig Raum bietenden Gipfel.

Frisch voran. Durch den eingeschlagenen Eisenring zogen wir das doppelte Seil. Hurtig fuhr ich die glatte Wand zur Scharte hinunter, die den Ost-vom Westgipfel trennt. Dort wartete ich auf Risch. Als er angekommen war, vollzog ich den Abstieg über ein abwärtsziehendes, schiefes Band. Links über mir eine senkrechte Wand, rechts unter mir ein heilloser Absturz, so schlich ich dahin, bis ein grosser, vorspringender Klotz das Band unterbrach. Den packte ich hoch oben, hangelte zur Fortsetzung des Bandes hinüber, tastete behutsam wie eine Katze zu dem von uns letztes Jahr eingeschlagenen Eisenstift hin und erwartete daselbst, gesichert und zusammengekauert, Risch. Er kam schnell nach, fluchte aber ziemlich laut über das unliebsame Verkehrshindernis. Über die folgende steile Wand seilten wir dreimal ab und standen bald in der Fuorcla di Sciora.

Ohne langes Säumen stiegen wir in die Südwand der Pioda di Sciora ein und hielten am gleichen Ort wie letztes Jahr eine köstliche Mittagsrast... Um 2 Uhr 35 erreichten wir nach erst leichter, dann schwerer Kletterei den Gipfel, die Pioda di Sciora. Schon nach fünf Minuten brachen wir wieder auf. Der Gang über das Pioda-Kirchendach hin gehört unstreitig zum Schönsten, das ich je in den Alpen erlebt habe. Die Füsse wurden in kleine Risse gestellt, und aufrecht wandelnd zogen wir darüber hinweg. Etwa zwanzig Meter unter diesen kleinen Rissen und Ritzen bricht die Platte ins scheinbar Unendliche ab. Mir kam es vor, als schwebte ich in einem grossen Schiff lang- sam durch das Blaue... Plötzlich hörte das Kirchendach auf. In nördlicher Richtung gewannen wir die tiefe Einsattelung zwischen der Pioda und der Sciora di Fuori und stiegen ein kleines Geröllband auf der Westseite hinunter, bis wir direkt unterhalb des Gipfels der Sciora di Fuori anhielten und ver-atmeten. Dann über griffarme Platten schwer hinauf, und 3 Uhr 30 nachmittags jubelten wir den andern drei Gipfeln der überwundenen Scioragruppe zu, freuten uns des Erreichten und wandten den Fuss erst 4 Uhr 15 dem Abstieg zum Colle della Scioretta zu. Dieser ist eigentlich gegeben, da ein schmaler Riss die ganze Wand durchquert. Wie auf einer Leiter absteigend, die Hände links an den Felsen, erledigt man dieses Stück. Über die Schlussplatte rutschten wir frei auf die tiefste Einsattelung hinab. Hier vertauschten wir die Kletterfinken mit den Nagelschuhen... Ein eigentümliches Gefühl beschlich uns, als wir, nur mit einem Pickel bewaffnet, den Abstieg durch die anfänglich mit hartem Schnee ausgepanzerte Eisrinne begannen. Risch sicherte mich oben und ich stampfte unentwegt abwärts bis das Klopfen mit den Genagelten dem harten Eis keinen Eindruck mehr machte. Risch folgte nach. Mit seinem Pickel schlug ich einige Stufen ins blanke Eis und stieg vorsichtig weiter ab. Risch zog den Pickel an einer Schnur wieder nach oben. Mit diesem Verfahren erreichten wir endlich wieder sichern Fels, aber fünfzig luftige Meter weiter unten nötigte uns ein senkrechter Felssturz, wieder in die Eisrinne zurückzusteigen. Risch ging jetzt voran und hackte zu dem anderseitigen Fels der Rinne hinüber und sicherte dort auf schmalem Eisgrätchen, das von dem Fels durch die Sonne und tropfendes Wasser losgetrennt war. Langsam schritt ich, den abgesägten Bergstock als Stütze brauchend, zu ihm hinüber. Wieder ging ich voraus und wieder in hartem Schnee. Ich stampfte mutig drauflos... Plötzlich jagt 's mich aus einer breitgetretenen Stufe in eine steilabfallende Schnee- und Eisrinne hinein; durch die Wucht des Sturzes reisse ich Risch mit mir... in teuflischem Tempo die Rinne hinunter... Aber mit aller Geistesgegenwart bremse ich mit Händen, Ellenbogen, Rücken und Füssen, auch Risch arbeitet mit Volldampf rückwärts, und das langsam straffer werdende Seil mindert allgemach die hurtige Fahrt... Zwanzig Meter vor dem steilen Eisschuss, wo ein Flug weit über die Wand hinaus winkt, kommen wir zur Ruhe. Ich kratze mir, so gut es gerade geht, einen sichern Tritt in den rutschenden Schnee und lache fast froh und heiter Risch zu, der sich, ins Seil verwickelt, mit rotem Gesicht und blonden Haaren vergnügt aus dem Schnee herausschält. « Dieses Mal wäre es beinahe zu schnell gegangen », meinte er trocken. Er hatte unterdessen ziemlich guten Stand gewonnen. Vom Seil gesichert, stieg ich einige Meter empor, bis wir zusammen rechts hinüber schwenken und von dort aus auf bedeutend leichteres Gelände gelangen konnten. Aber das schwerste Stück des ganzen Abstieges war doch durch die unfreiwillige Abfahrt vollzogen worden. Wiederholen möcht'ich's nicht gerade gerne.

Gemächlich fuhren wir nun die Rinne hinaus und eilten auf langgedehnten Schneefeldern dem kleinen Gletscherseelein zu, das wir schon am Fuori droben erblickt hatten. Um 8 Uhr abends zogen wir nach l6½stündiger, schwerster Felskletterei — wer will 's uns verwehren, wer mag 's uns nicht gönnen freudestrahlend in der Sciorahütte ein. Die erstmalige gänzlich durchgeführte Überkletterung der ganzen Scioragruppe war uns beim schönsten Wetter gelungen.

Als der Tag zur Neige ging und ein Stern nach dem andern aufblitzte, sassen wir stumm bewegt vor der Hütte, Lichtlein grüssten traulich von Soglio herüber und von Promontogno herauf. Ein Liedlein ums andere stieg zu den kahlen Felswänden empor... « Sternli, liebs Sternli, guet Nacht! »

II.

Piz Badile. Erste Besteigung über die Nordkante.

Als wir an einem Septembertage nach Soglio hinauf wanderten, zerriss für wenige Minuten die Sonne das düstere Gewölk. Vor uns stand, von treibenden Wolken eingerahmt, die furchtbar steile Nordkante des Badile. Der Entschluss zum Angriff übte einen solchen Einfluss auf uns aus, dass wir während eines ganzen Jahres alles taten, um unserm Vorhaben Erfolg zu sichern. Man mag uns vorwerfen, dass wir in leichtsinniger Weise unser Leben auf das Spiel setzten. Man wird uns vielleicht auch entgegenhalten, dass es unverantwortlich sei, sich in ein solches Wagnis einzulassen. Aber Leuten, die den gewaltigen Drang nicht begreifen noch unsere wilde Bergleidenschaft verstehen können, würden tausend Gründe und Erklärungen nicht über ihr Vorurteil hinweghelfen.

Als Risch und ich miteinander im Herbst 1922 durch die Boulevards von Paris wanderten, miteinander Londons undurchdringlichen Nebel schluckten, war all das Geflimmer, all der Glanz, all das Hasten und Treiben nichts für uns, sondern immer wieder dachten, sprachen und träumten wir von unserm Berge. In Briefen selbst war nur von ihm die Rede. Während voller zehn Monate entsagte ich dem Rauchen, trank drei Monate vor dieser Bergfahrt keinen Tropfen Alkohol, übte regelrecht und regelmässig jeden Abend vorgeschriebene Turnübungen und unternahm in keiner Beziehung etwas, was die physischen Kräfte in irgendeiner Art und Weise nachteilig beeinflussen konnte... Durch unsere vielen, gemeinschaftlich ausgeführten Klettereien waren Risch und ich so aneinander gewöhnt, wie es nur möglich sein kann. Wir kletterten unter schwierigsten Verhältnissen, ohne auch nur einen Stein unbedachter- oder ungewollterweise ins Rollen zu bringen. Dadurch waren unsere Muskeln wie zu Stahldrähten geworden. Selbst die Nerven hatten wir unter solcher Kontrolle, dass auch unvermeidliche seelische Eindrücke uns kaum in Gefahr bringen konnten. Kurz und gut, wir beide standen in der Vollkraft unserer Jahre und hatten durch ganz gewissenhafte Vorbereitung an Körper und Seele das Höchste zu erreichen versucht.

Von Mitte Juli bis August 1923 gelangen uns im Bergell einige neue, sehr schwere Erstbesteigungen. Noch am 2. August führten wir die erstmalige Überschreitung der ganzen Scioragruppe in einem Tage aus. Nach all diesem konnten wir uns wohl zutrauen, die Erkletterung des Badile über die Nordkante versuchen zu dürfen.

BERGFAHRTEN IM BERGELL.

Am 4. August 1923 verliessen wir 4 Uhr 45 morgens die Sciorahütte, eilten über steile Halden zum untersten Teil des Bondascagletschers hinab, standen bald auf dem Cengalogletscher und strebten in den von Risch am Vortage geschlagenen Eistrit-ten dem Orte zu, wo wir mit dem eigentlichen Klettern beginnen wollten. Wir erreichten denselben um 6 Uhr 35, nahmen einen kleinen Imbiss ein und legten unsere Schuhe und Eispickel unter einen Stein. Dem Träger Rizoli gaben wir die nötigen Wegweisungen, wie er zu der Sass Fora-Hütte abzusteigen und von dort aus wieder die Sciorahütte zu erreichen habe. Sollten wir bis spätestens Sonntag nachmittags 3 Uhr nicht in der Sciorahütte sein, so müsste er nach Promontogno hinunter und von dort aus eine Hilfsexpedition zu den Abstürzen links oder rechts der Kante veranlassen.

Wir packten unsere Rucksäcke so, dass Risch als erster zwölf Stifte, das Beil und Notproviant trug, während ich den gewöhnlichen Lebensmittel-bedarf, das zweite Seil und die andern Eisenhaken und -spiralen mir aufbürdete. Gleich im Anfang querten wir in die Nordostflanke hinaus, die sich zwischen der nördlichen Eisrinne des Cengalo und dem gewaltigen Nordgrat befindet... Im Sommer 1920 waren von einer italienischen Filmgesellschaft nervenkitzelnde Aufnahmen an dieser Wand gemacht worden. Man hatte zu unserm grossen Nutzen ein doppelt genommenes Seil von 25 Metern in unserer Flanke hängen lassen. Wir zogen uns teilweise daran empor und gewannen den Grat. Wir verfolgten die Kante längere Zeit, sahen aber ein, dass wir unser 35-Meter-Seil durch das 25 Meter lange verlängern mussten, um so eine Seillänge von 60 Metern, die in diesem äusserst schweren, luftigen Gelände nicht zu lang ist, zu erhalten.

Wir wurden rechts in eine teilweise mit schwarzem Eis gefüllte, morsche Rinne gedrängt. Dieselbe ist wohl 100 Meter lang und endet an einer glatten Platte, die zur Kante selbst hinaufzieht. Krachend schlug das Beil den ersten Stift in die harte Wand. Ein heller Ton erklang. Wir wussten, dass derselbe seine Pflicht tun werde. Risch stand mit dem rechten Bein darauf, das linke presste er fest an den glasigen Granit und wieder schlug er Eisen auf Eisen, während ich ihm unten voll Hoffnung zusah, wie er sich endlich zur Kante BERGFAHRTEN IM BERGELL.

hinaufzog. Die eingeschlagenen Meissel als einzige Tritte und Griffe benützend, folgte ich ihm rasch nach. Wir fanden da oben eine verwitterte Abseilschlinge, die unzweifelhaft vom ersten Aufstiegsversuch Anno 1892 durch Christian Klucker herstammte. Eine kurze Zeit blieben wir, schwerste Arbeit verrichtend, auf der Kante, bis wir rechts in die schauerliche Westwand hineingedrängt wurden. Über lose Trümmer gelangten wir nur äusserst sorgfältig wieder zurück auf die Kante. Dort entdeckten wir einen kleinen Steinmann, wo wir die Karten der drei Italiener Gaetano Scotti, Angelo und Romano Calegari vorfanden, die im Jahre 1911 die Kante bis in Zweidrittelhöhe erreicht und dann den Versuch aufgegeben hatten.

Wir verfolgten die Kante nur wenige Meter, um abermals links vom Grat in eine eisdurchsetzte Rinne abgedrängt zu werden. Hier schlug Risch mit der Haue des Beiles kleine Stufen für unsere Kletterschuhe. Meter um Meter wurde in schwerster Kletterei erobert. So landeten wir in einer schief anstrebenden Ritze, die nur für das linke Bein und beide Arme Platz bot, während das rechte Bein über dem Abgrund baumelte... Mächtige Blöcke wurden überklettert, glatte Platten umgangen. Durch eine zehn Meter lange Spalte, die jeden Augenblick zusammenstürzen konnte, krochen wir in die Westwand hinaus, die hier senkrecht abfällt. Krampfhaft zogen wir uns durch eine steile Rinne wieder zur Kante hinauf. Nach ununterbrochen schwerster Kletterei erreichten wir um 1 Uhr 30 nachmittags eine ganz kleine Kanzel, wo wir zum ersten Male sitzen und nun die erste wohlverdiente Rast von einer halben Stunde halten konnten.

Um 2 Uhr mittags machen wir uns zum schwersten Gange unseres Lebens auf. Ein Erosionsband führt direkt in den grausigen Nordostabsturz hinaus. Manchmal ist es halbmeterbreit, manchmal nur wenige Zentimeter, dann zieht es sich nur als kleiner Riss in dieser Wand fort. Wir kletterten, das Gesicht der Wand zugekehrt, langsam, aber stetig vorwärts. Eine beidseitige Sicherung war vollständig ausgeschlossen. Im Spreizschritt tasteten die Fussspitzen nach kleinen Halten in winzigen Rissen, während wir, mit Ärmeln und flachen Händen Reibung suchten — denn Griffe gibt es keine —, der Wand entlang schlichen, ja manchmal sogar das Kinn an kleine Unebenheiten pressten, um jede Art von Adhäsion möglichst auszunützen. Stiess ich den Oberkörper nur wenige Zoll von der Wand weg, so sah ich 800 Meter unter mir den leuchtenden, zerrissenen Cengalogletscher. Es war furchtbar. Eine ungeheure Granitplatte schiesst steil ohne Unterbruch, ohne Band hinunter und verliert sich am Ende im Überhang. Selbst Risch ertrug den steten Tiefblick nicht. Wir bohrten unsern Blick starr in die Felsen und gelangten auf diesem Quergang, der unzweifelhaft zu den bedenklichsten gehört, in eine ganz schwach ausgeprägte Rinne.Von dieser aus führt das Band weiter. Risch war der Überzeugung, dass wir über dieses Band vielleicht zum Gipfel gelangen könnten. Wohl 150 Meter waren wir auf diese Weise vorwärtsgekommen, als zu unserer grössten Besorgnis das Band aufhörte und sich im glattpolierten Granit verlor. Welchen niederschmetternden seelischen Eindruck diese Tatsache auf unser Gemüt ausübte, kann ich nicht sagen. Den gleichen unheimlichen Weg also wieder zurück?... Nach ungefähr fünfzig 9 Metern gelangten wir in die vorhin erwähnte Rinne zurück. Vielleicht darf ich es mir zuschreiben, Risch auf eine Variante aufmerksam gemacht zu haben, die unbedingt den Schlüssel zur Vollführung des Aufstieges bildete. Acht Meter beinahe senkrecht über mir zog ein ganz enger Kamin herunter. Gelang es uns, in diesen Kamin zu gelangen, so war eine Erreichung des eigentlichen Grates vielleicht denkbar. Risch kam zu mir herüber, studierte genau meinen Vorschlag und entnahm bedächtig seinen Taschen die nötigen Stifte. Kräftig schlug er einen Stift nach dem andern in harte, winzige Granitrisslein. Ich selbst band mich an eingeschlagenen Ringen fest und liess ihm alle denkbare Unterstützung zukommen. In dieser entsetzlichen Wand standen wir jetzt nur noch auf eingetriebenen Stiften. Wir kamen nach Aufwendung aller geistigen und physischen Kräfte ernst und wortlos ins kleine Kamin hinein, drückten uns, Rücken an die eine, Füsse an die andere Seite, das Stemmkamin hinauf, bis wir an eine kleine Anstufung in dieser Rinne selbst gelangten. Zwei Meter über uns versperrten drei aufeinandergetürmte, grosse Klötze den Weiterweg... Wir trauten diesen losen Rlöcken nicht. Fest stand ich da und fasste Posten, langsam kletterte Risch ohne Rucksack auf die rechte Flanke hinaus und stellt sich vorsichtig auf meine Schultern. Es reichte noch nicht. Mit dem linken Bein stiess er sich langsam von meinem eingezogenen Kopf ab und hing an winzigen, allerkleinsten Dachziegelgriffen an furchtbarer Platte.

Die Worte: « Es geht nicht », waren eine grenzenlose Enttäuschung für mich. Das erstemal, dass ich von Risch dergleichen hörte. Ruhig Blut!... Langsam, Zentimeter um Zentimeter kam er zurück. Die linke Hand presste ich in eine kleine Spalte und ballte in derselben zur Sicherung eine Faust, mit der rechten Hand hielt ich hoch oben den linken Fuss von Risch und führte ihn langsam auf meinen Kopf zurück. Er stieg zu mir nieder und stand keuchend und angegriffen und todernst neben mir... Es gibt keine andere Wahl, als entweder den Aufstieg abzubrechen oder über die drei schief aufgestellten, drohenden Blöcke hinwegzuklettern Wir wagten den Angriff. Nochmals Schulterstand. Klopfend prüft die schwere Faust den Ton der losen Steine. Risch fasst an, und siehe da, sie halten. Verankert steht er droben. Er zieht mich selbst am Seil hinauf. Weiter oben nochmals ein Schulterstand, und um 5 Uhr 15 stehen wir tiefergriffen wieder auf der Kante.

Mehr als drei Stunden hatten wir für die ungefähr 110 Meter hohe Platte gebraucht. Es war meiner Ansicht nach unzweifelhaft das Schwerste, was Risch unter Hingabe aller seiner Kräfte ausgeführt hat, um diese unheimliche Stelle zu überwinden. Nur das gegenseitige, volle Vertrauen und das aufmerk-samste Zusammenwirken auch bei den kleinsten Bewegungen liess uns das Schauderhafte glücklich überwinden. Aber noch war das Spiel nicht ganz gewonnen. Noch drohten wilde Zacken mit Abstürzen links und rechts. Jeder musste mit froher Kraft und hoffnungsvoller Zuversicht überwunden werden. Durch Schulterstand wurde noch manche böse Stelle erledigt. Oftmals sind die in das Leere hängenden Granitblöcke mit ausgetrocknetem Moose überwachsen. Es mussten also zuerst Griffe geschabt werden, um weiterklettern zu können. Über einen zwei Meter hohen Absatz sprangen wir lachend hinunter. Rittlings sass ich auf messerscharfem Grat. Risch erschwang über meinem Rücken den nächsten Gratabsatz und stand auf einem hohen Turme. Wir grüssten den im bläulichen Dunst liegenden Comersee im Süden. Als wir uns allmählich dem Ziele näherten, flogen drei Adler in wunderbaren, ruhigen Kreisen, in Sonne gebadet, durch den Äther dem Badile zu. Wie das uns freute und rührte! Wir klommen weiter, Zug um Zug, Ruck um Ruck. Ein mächtiges Siegesgefühl schwellte die Brust.

Um 6 Uhr 50 abends stand Risch neben dem zusammengefallenen Steinmann des Piz Badile. Sein Gesicht war gegen den Cengalo hin gerichtet. Aufrecht stand er da: ein Mann, ein Fels, mein Ideal, mein Freund... Langsam nahm ich Schlaufe um Schlaufe vom lockern Seil in meine Rechte und schritt bewegtesten Herzens zu Risch hinüber. Unsere blutenden Finger fassten sich in ernstem Griff und klammerten gerade so stark ineinander, wie drunten an der Platte, wo es um Tod und Leben ging. « Ich danke Ihnen, Risch » — « Ich danke Ihnen, Herr Zürcher », war das einzige, was wir in unserer Ergriffenheit auf goldbestrahltem Gipfel mit zitternder Stimme uns sagen konnten. Das Hoffen und Bangen eines ganzen Jahres hatte in diesem Moment seine Erlösung gefunden. Der eine grosse Plan war ausgeführt. Man wird deshalb die grosse seelische Erschütterung verstehen können, die uns beide dort oben mit Gewalt überkam. 11 Stunden und 40 Minuten dauerte vom Einstieg an der ununterbrochen schwerste, erstmalige direkte Aufstieg über die Nordkante des Badile, dreiviertel Stunden dürfen als Rast abgerechnet werden.

Wir wollten etwas essen, aber es gärte und kochte viel zu stark in unserm Innern, wir brachten nur wenige Bissen hinunter... Um 7 Uhr 15 abends begannen wir mit dem Südabstieg zur Badilehütte. Ich voran, Risch als Sichernder hinterdrein. Wir kletterten selbstverständlich zur gleichen Zeit, bis wir uns um halb neun regelrecht verrannt hatten. Bei einbrechender Nacht standen wir oberhalb einer dunklen Rinne. All die Monate lange aufgespeicherte Energie schien hier ihr Ende genommen zu haben. « Wir biwakieren in der Wand, » sagte ich zu Risch, « was nützt es, in dieser Dunkelheit abzusteigen! »... Aber mit bewunderungswürdiger Energie reizte er mein Ehrgefühl: « Wie können Sie nach all dem, was Sie geleistet, plötzlich so zusammenklappen !»... Ich bekenne, er ist mir über, er ist mein Meister.

Also seilten wir uns im dunklen Couloir etwa 80 Meter auf eine jähe Eiszunge ab, kratzten dort mit Beil und Eisenstiften winzige Stufen, standen bald drunten am ebenen Gletscher, durchmassen ihn leichten Fusses, gelangten auf grobe Klötze, turnten über sie hinweg, sahen von tiefunten her einen leuchtenden Punkt und stürmten dem Lichtschein in dunkler Nacht unentwegt entgegen... Um 10 Uhr 30 erreichten wir die Badilehütte. Wir waren also im ganzen 17 Stunden 45 Minuten, wovon 1 Stunde und 35 Minuten als Rast abgehen, ununterbrochen geklettert und hatten unser Allerbestes beiderseits zum Gelingen dieser kecken Bergfahrt hergegeben. Als wir unsere Tat bekannten, wurde uns in der bewirtschafteten Hütte aufgetischt, was der Hüttenwart um diese Abendstunde noch hervorzaubern konnte. Nach einem Stündlein legten wir uns zur Ruhe. Aber der Schmerz in allen Muskeln, besonders im Rist, war bei uns so gross, dass wir nur schlechte Ruhe fanden und schon morgens 4 Uhr wieder beim Frühstück sassen. Dann flickten wir unsere durchgelaufenen Kletterschuhe und eilten im Sturmschritt dem Val Masino zu, mieteten dort einen Wagen und fuhren in brennender italienischer Sonne durch ein wahres Paradies der Bahnstation Arbenno-Masino zu, die wir gegen 10 Uhr vormittags erreichten. Der elektrische Zug trug uns durch ein Zauberland Collico entgegen. Hier rasteten wir unter schattenden Kastanienbäumen und fuhren hernach Chiavenna zu. Dort mieteten wir einen Zweispänner und gelangten verwildert, zerrissen, zerschunden, zerlumpt, aber freudestrahlend um die fünfte Nachmittagstunde des 5. August vor das Hotel Bregaglia in Promontogno. Hier wurden wir vom besorgten Träger Rizoli mit Tränen, vom Herrn Direktor mit grossen Bücklingen empfangen. Als Risch und ich nach Tisch Arm in Arm vor der Treppe des Gasthofes standen, da flogen unsere Blicke dem Süden zu. Aus dunklen, düstern Tannen-gipfeln ragte ein mondbeschienener silbergrauer Grat in die sternbesäte Unendlichkeit hinein:

Es ist die Nordkante des Piz Badile.Alfred Zürcher.

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