Bergfahrten mit Theodor Curtius

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Erinnerungen von Christian Klucker †.

Vorbemerkung: Es war meine Absicht, in diesem Heft eine Biographie Christian Kluckers ( 1853—1928 ) zu bringen. Da verschiedene Briefe mit der Bitte um Zusendung von Stoff und Auskunft noch nicht beantwortet sind, so muss ich mit der Bereinigung des Textes noch ein wenig warten. Klucker selbst ist mit seinen Aufzeichnungen, die ihm sehr schwer fielen, nicht fertig geworden. Der Tod hat ihn vorher ereilt. Obschon mir der Verstorbene vor einigen Jahren auf meine Bitte hin ein Verzeichnis aller seiner neuen Bergfahrten geschickt hat, ist doch noch allerlei unklar geblieben, denn es fehlen darin z.B. sämtliche Daten. Aus seinen Memoiren konnte ich zwar manche Lücke ergänzen, ebenso aus Zeitschriften deutscher, englischer, französischer und italienischer Zunge. Im Nachlass Kluckers, den mir seine Freunde Gian Fümm und G. Gartmann bereitwillig zur Verfügung gestellt haben, fehlt das Führerbuch Kluckers. Alle bisherigen Nachforschungen blieben erfolglos. Offenbar liegt diese wichtige Quelle für eine Biographie und Würdigung in der Hand eines von Klucker geführten Bergsteigers. Ich bitte denselben, wenn er dies liest, mir dieses Führerbuch zu schicken. Hat er es geschenkt bekommen, wird er es wieder erhalten. Ist es nicht sein Eigentum, so möge er es dem rechtmässigen Nachlasswalter zuhanden der Erbin Kluckers zustellen, also Herrn Gian Fümm in Sils-Fex. E. J.

Das Jahr 1883 war für mich und meine Zukunft ein bedeutungsvolles. Es führte mich mit einem Manne zusammen, dem ich für meine Entwicklung als Führer und Mensch sehr viel zu verdanken habe. An den Träger des Namens Theodor Curtius werde ich stets und bis an mein Lebensende mit hoher Verehrung und Liebe denken.

Curtius war es, welcher mich zuerst auch ausserhalb des Engadins und Bergells auf Bergfahrten mitnahm. Mit ihm kam ich ins Walüs, nach dem Berner Oberland, in die Dolomiten. Dabei lernte ich andere Gegenden und Berge, andere Menschen, Bräuche und Sitten kennen. Durch seine Publikationen in den Jahrbüchern des S.A.C. wurden andere Alpinisten nicht bloss auf seinen Führer, sondern — was wichtiger war — auch auf die ungekannten Silser- und Bergellerberge aufmerksam gemacht.

Neben dem Grafen Francesco Lurani, welcher auf der Südseite der Bergellergranitgruppe erschliessend vorging 2 ), war es Curtius, welcher auf der Nordseite des Bergellergrenzkammes den eigentlichen Anfang der Einzel-erschliessung dieser grösstenteils unberührten Granitgruppen machte. Es sei an dieser Stelle erwähnt, dass von den fünfundvierzig bis fünfzig auf Schweizergebiet stehenden Spitzen und Zacken vor 1880 kaum zehn erstiegen waren.

Am Abend des 18. August 1883 und kurz nach der Ankunft dieses seltenen Mannes in Sils-Maria machte ich seine Bekanntschaft. Das schlichte, männ- liehe Auftreten und das offene, freundliche Wesen dieses jungen Gelehrten liessen mich sofort erkennen, dass ich es nicht mit einem gewöhnlichen Durchschnittsmenschen zu tun hatte.

Für die ersten zwei Fahrten, welche er zum Üben unternahm, bestellte er, da ich bereits von dem jungen Frankfurter Bernus angeworben war, meinen jüngern Kollegen Joh. Eggenberger als Führer. Bereits am 21. August trafen Curtius und mein Herr ein Übereinkommen, mit Eggenberger und mir gemeinsam wenigstens eine bessere Fahrt anzugehen. Die Wahl fiel auf eine Besteigung des Piz Bernina von Süden, und schon am 22. August abends erreichten wir für diesen Zweck nach Überschreitung des Fex-Scerscenpasses ( neue Nomenklatur einfach Scerscenpass ) die im Jahre 1880 durch die Sezione Valtellinese des C.A.I. östlich des obern Scerscengletschers erbaute Marinellihütte. Am 23. vollführten wir die Besteigung des Piz Bernina und stiegen, mit Umgehung des Labyrinth und Loch, über die Fortezza ( Festung ) nach Morteratsch ab. Die Heimfahrt nach Sils fand in der Nacht statt. Bei dieser Berninafahrt konnte ich feststellen, dass wir in Curtius einen ausgezeichneten Gänger begleiteten, welcher meinem jungen Frankfurter weit überlegen war.

Nach der prächtigen Berninafahrt wurde von uns alsbald die Möglichkeit besprochen, einer von den vielen noch jungfräulichen Spitzen im Forno-Albignagebiet auf den Leib zu rücken. Für uns kam zunächst die am wenigsten abgelegene Gruppe des Bacone-Largo in Betracht. Mein Vorschlag, in erster Linie den Piz Bacone anzugehen, wurde angenommen, und wir beschlossen, am 27. August sehr früh am Morgen, direkt von Sils-Maria ausgehend, für diese Fahrt aufzubrechen. Die Erstbesteigung dieser prächtigen Granitpyramide gelang an jenem Tage in allen Teilen. Der Aufstieg erfolgte vom Fornogletscher über die Ostflanke und den Ostgrat des Berges, und mit dem Abstieg durch den Südkamin und die Südrinne verbanden wir auch die erste Überschreitung des Bacone. Nachmittags um vier Uhr waren wir wieder in Maloja zurück nach einer Abwesenheit von dreizehn Stunden dreissig Minuten.

Zwei Tage später, am 29. August, morgens sieben Uhr dreissig Minuten, standen Curtius, Eggenberger und ich abermals auf dem Schneesattel des Fex-Scerscenpasses mit der Absicht, den neuen Anstieg auf Piz Glüschaint über den langen Südwestgrat durchzuführen. Auch diese schneidige Fahrt, eine der schönsten im Kreise von Sils, gelang aufs beste, und nie erreichte ich bei späteren Wiederholungen dieser Fahrt die Spitze von Sils-Maria aus in der kurzen Zeit von sieben Stunden, Bast inbegriffen, als wie am 29. August 1883 mit unserem schneidigen Wandergefährten Curtius.

Leider stellte sich in den ersten zwei Tagen des Septembers schlechtes Wetter mit Schneefall ein und verhinderte uns, die noch unerstiegene Cima del Largo im Baconegebiet anzugehen. Curtius schied in der Folge von uns mit dem Versprechen, wiederzukommen.

Im Sommer 1884 musste Curtius seinen geliebten Bergen fernbleiben. Im August-September 1885 jedoch war er zu unserer Freude wieder unser Gast.

Als einziger Führer begleitete ich ihn und einen Freund aus München bei der Überschreitung des Piz Fora vom Fedoztal nach Fex.

Kurz nachher, am 22. August, zogen wir zwei allein direkt von Sils-Maria aus zur Baconegruppe mit der Absicht, den Zugang zur höchsten Largospitze zu erkunden. Um auch die Nordflanke des Berges, welche in steiler Flucht ins Vallone del Largo hinunterzieht, besser überblicken zu können, stiegen wir vom Fornogletscher zur breiten Einsattelung der Forcola del Largo empor. Es stellte sich aber heraus, dass über diese Nordhänge und Wände ein Aufstieg zum höchsten Gipfel nicht zu suchen war, und so wurde vom Sattel direkt zum östlichen Vorgipfel in teilweise schwieriger Kletterei emporgestiegen. Eine Erkundung von hier aus über den Verbindungsgrat zum Gipfelturm der höchsten Largospitze, welche ich allein ausführte, verlief deshalb resultatlos, weil ich ohne genügende Sicherung durch einen Zweiten auf ein weiteres Vordringen verzichtete.

Wir erkletterten daher nur den nahen östlichen Vorgipfel und stiegen unschwierig nach Süden zur Forcola del Bacone ab und von hier direkt wieder zu Tal.

In seiner Fahrtenschilderung aus der Gruppe des Bacone im Jahrbuch des S.A.C. erwähnt Theodor Curtius meinen Hemdkragen, welchen ich bei der Umkehrstelle zurückliess. Als Kuriosum sei an dieser Stelle bemerkt, dass ich dieses für einen Bergführer eigentlich überflüssige Kleidungsstück am 4. Oktober 1921 bei einer Besteigung der Cima del Largo mit meinem jungen Freunde Rico Blattmann aus Wädenswil in einer kleinen Nische der abschüssigen Platte und gerade unterhalb der Ablegestelle unversehrt wiederfand. Also volle sechsunddreissig Jahre lang ist dieser Kragen, unter Schnee begraben und so dem Auge der Besteiger verborgen, am Fusse des Gipfelturms liegen geblieben. Nunmehr ist er in den Besitz meines Freundes Curtius übergegangen!

Nach dieser Largoerkundung vom 22. August, bei welcher nur der ebenfalls noch unbestiegene östliche Vorgipfel erreicht wurde, schalteten wir eine Orientierungsfahrt im Fex-Rosegkamme ein, welche übrigens für den Zweck, zu welchem wir sie unternahmen, ein negatives Ergebnis lieferte.Vom Tremoggiagletscher aus überschritten wir den Chapütschinpass, bestiegen über den kurzen und unschwierigen Südgrat den Piz Chapütschin und wanderten im Abstieg durch das Rosegtal nach Pontresina.

Am 27. August, morgens acht Uhr fünfundzwanzig Minuten, standen Curtius und ich innert sechs Tagen zum zweitenmal auf der Forcola del Bacone. In unserer Absicht lag, von hier aus mit der Überkletterung des Nordgrates dem Piz Bacone einen neuen Anstieg abzugewinnen. Nach einer scharfen, aber sehr schönen Kletterei von etwas mehr als anderthalb Stunden Dauer erreichten wir den Gipfel. Wir konnten unschwer feststellen, dass seit unserer ersten Besteigung vom 27. August 1883 dieser Gipfel unberührt geblieben war. Also die zweite Besteigung auf neuem Wege. Den Abstieg nahmen wir durch den Südkamin nach dem kleinen Casnilegletscher. Nach einer schönen Wanderung durch das Albignatal erreichten wir über Sasso primavera abends etwas nach sechs Uhr Vicosoprano.

Am 1. September überschritten Curtius und ich, von Casaccia ausgehend, zum erstenmal die Forcola del Largo mit Benutzung der oberen Hälfte des Vallone del Largo.

Die schaurige Schlucht und das unsichere Wetter wirkten beklemmend auf uns ein, und wir atmeten erleichtert auf, als wir am Nachmittag um zwei Uhr vierzig Minuten den breiten Sattel der Forcola del Largo betraten. Beinahe fünf Stunden lang hatte unser Aufstieg in dem düstern Vallone gedauert. In Verbindung mit dieser Überschreitung bestiegen wir von der Forcola aus die nahe und noch unerstiegene Spitze der Cima di Splugo. Abends sieben Uhr waren wir wohlbehalten wieder in Maloja.

Für den 3. und 4. September stand nichts Geringeres auf unserem Programm als die Besteigung der Grast'aguzza mit Benützung ihrer Südflanke von der Marinellihütte aus.

Am 3. September, frühmorgens, wanderten wir zum Fex-Scerscenpass hinan. Auf der Passhöhe wurde unser Gepäck abgelegt, und wir bestiegen von dort aus, um einem längst gehegten Wunsch des Curtius nachzukommen, die prächtige und vom Pass leicht erreichbare Dolomitkuppe des Piz Tremoggia. Abends ziemlich früh betraten wir die Marinellihütte. Wir verbrachten an jenem Abend als die einzigen Besucher angenehme Stunden in der Hütte, und nur das zweifelhafte Wetter flösste uns einige Besorgnis ein.

Als wir am 4. September in aller Frühe Ausschau hielten, steckten bereits alle Gipfel in der Runde im Nebel, und in der Höhe heulte der Sturm. Bei Tagesanbruch krochen wir hervor, und da das Wetter sich eher verschlimmert hatte, beratschlagten wir, was zu tun sei. Ausharren bis zum nächsten Morgen hatte wenig Sinn, weil die Felsen der höheren Berge bereits Neuschnee aufwiesen. Also Rückzug! Aber auf welchem Wege? Wir entschieden uns schliesslich für den kürzesten Weg nach dem Fextal, und das war der Fex-Scerscenpass.

Nach dem Genuss — wenn man es für unseren Fall so nennen will — einer überaus pikanten Suppe ( es wurden dazu gut die Hälfte einer Ochsen-zunge und reichlich ein halbes Töpfchen Liebig Fleischextrakt geopfert ) zogen wir ab und dem unteren Scerscengletscher zu. Auf demselben angelangt, wurde ernstlich Kriegsrat gehalten. Mein Wandergefährte äusserte Bedenken, ob wir bei dem herrschenden Nebel und Sturm überhaupt den Fex-Scerscenpass erreichen würden. Mein Selbstvertrauen wankte auch am 4. September 1885 nicht, und wir zogen weiter. Obschon unsere Spuren vom vorhergehenden Tag durch den Sturm verweht und verwischt waren, fand ich meinen Weg, und mein Gefährte folgte mir unverzagt.

Die Spaltenrichtung auf dem Gletscher und die hin und wieder hörbaren Steinschläge in den Felswänden des Sella und Glüschaint, welche unsern Weg im Norden flankierten, obschon wir dieselben wegen dem dichten Nebel fast nie zu Gesicht bekamen, liessen uns nicht fehl gehen. Je näher wir dem Passübergang kamen, desto wütender wurde der Sturm, so dass die letzte Stunde bis zur Jochhöhe und eine halbe Stunde über dieselbe auf der Fexerseite hinunter recht unangenehm waren. Der Sturm peitschte uns die Schnee- und Eisnadeln derart an den Schädel, dass wir im Fextal mit stark aufgedunsenem Gesicht und Hals ankamen. Den Schluss dieser verfehlten Crast'agüzza-Expedition bildete eine Wanderung bei strömendem Regen durch das Fextal nach Sils hinunter. Aber dass wir an jenem Tag dem wütenden Schneesturm über Fex-Scerscenpass so tapferen Widerstand leisteten, hatten wir zweifellos der währschaften Suppe vom Morgen in der Marinellihütte zu verdanken.

Für den ersten schönen Tag nach der soeben geschilderten Fahrt stand die Besteigung des Piz Julier auf unserem Programm. Wohl zogen wir für diesen Zweck eines Morgens über Fratta zur Julierstrasse hinüber. Doch waren wir gezwungen, bei der Wegerhütte, wo die Piz Julierroute die Poststrasse nach rechts verlässt, wegen heftigem Regenschauer uns unter einem grossen Steinblock zu verkriechen. Lange warteten wir auf Besserung und mussten schliesslich doch die Julierbesteigung aufgeben. Um aber unsern Rückzug nicht auf demselben Weg, den wir gekommen, zurücklegen zu müssen, und da das Wetter sich etwas gebessert hatte, so beschlossen wir, den bergsteigerisch noch unbekannten Polaschinpass in der Lagrevgruppe für unseren Übergang nach Sils zu wählen. Dieser Übergang bildete den Abschluss meiner Fahrten mit Curtius im Jahre 1885.

Der Monat August 1887 rückte heran und mit ihm zog auch unser lieber Curtius wieder bei uns ein. Da er Grosses im Schilde führte, machten wir uns alsbald an eine gute Übungsfahrt und überstiegen den Piz Corvatsch über den Westgrat mit Abstieg über den Südkamm gegen Fuorcla Fex und zum Lej Sgrischus hinunter.

Der 12. August sodann galt einer neuen Erkundung der Cima del Largo, und zwar dieses Mal von Westen her, vom kleinen Baconegletscher aus. Mit dieser Absicht standen wir schon acht Uhr fünfzehn Minuten morgens auf der Forcola del Bacone. Nach einer kurzen Rast wurde mit einem Höhenverlust von etwa achtzig Metern nach Westen auf den Baconegletscher abgestiegen, und wir erreichten von da aus, über die Südwestwand emporkletternd, die Scharte zwischen mittlerer und westlicher Largospitze und von da in kurzer Zeit den mittleren Gipfel. Wir standen hier keine dreissig Meter von der Westkante der höchsten Largospitze entfernt und von ihrer Kante durch eine fünfzehn bis zwanzig Meter tiefe Scharte getrennt. Nach genauer Betrachtung dieser luftigen Kante des Hauptgipfels kamen wir zum Schlusse, dass ein Emporklettern an diesem Felsgrate ein Ding der Unmöglichkeit sei. Auch eine Umgehung des Grates nach links oder rechts mit Benützung der Flanken betrachteten wir für ausgeschlossen. Das untere Gratstück, welches etwa zwanzig Meter senkrecht und fast überhängend zur Scharte abfiel, wies weder Tritt noch Griff auf; die linke Flanke, welche dem Vallone del Largo zugewendet ist, schien unnahbar, und die rechte Flanke, welche weniger steil gegen den Baconegletscher abfällt, wies wegen ihrer Glätte und Grifflosigkeit keine Möglichkeit einer Begehung auf. Oberhalb der erwähnten senkrechten Gratspitze beobachtete ich einen Spalt im Fels, welcher beim Überhang auslief und weiter oben vom Grat in die rechte Flanke ( von unserem Standpunkt aus betrachtet ) hinüberzog. Im gleichen Zustande fanden Barbaria und ich diese Gratstelle, als wir am 27. Juni 1891 Anton von Rydzewsky auf die mittlere Largospitze begleiteten. Überdies mit dem Unterschied, dass wir diese Gratstelle von der Scharte selbst untersuchten.

Diese genaue Beschreibung jener Gratstelle finde ich für gegeben, da die Aufsätze und Erklärungen in den Jahrbüchern des S.A.C. sowohl von Curtius als von Rydzewsky nach den erfolgten Überschreitungen des Largo von Osten nach Westen im Jahre 1906 und von Westen nach Osten im Sommer 1909 bekrittelt und belächelt wurden, und ich fand sogar im Fornohütten-buch vom Jahre 1906 eine absprechende Bemerkung über jene Erklärung von Rydzewsky, und zwar durch einen der Beteiligten bei der ersten Überschreitung des Berges 1906.

Dass die Begehung dieser bösen Gratstrecke am Largo vom impossibile ( Ausdruck von Barbaria ) zum possibile wurde, ist der Tatsache zuzuschreiben, dass während des Winters 1903 auf 1904 von diesem Largowestgrat eine grössere Masse auf den Baconegletscher abgestürzt ist. Im Frühjahr 1904 konnte ich das vom Bergeil aus beobachten und weit besser im folgenden Herbst von der Spitze des nahen Bacone. Im Jahre 1910 wurde es mir möglich, in nächster Nähe diese Umwandlung am Largograt feststellen zu können, und ich fand bei diesem Anlass, dass ein grösseres Stück von Grat und Wand und hinauf bis zum erwähnten Spalt verschwunden und damit die Möglichkeit geschaffen war, diese Gratstelle auch im Aufstieg überwinden zu können. Immerhin bleibt diese eine sehr schwierige und ist nicht jedem anzuraten.

Halten wir uns nicht länger bei dieser Largowestkante auf, denn Curtius und sein Führer sitzen immer noch auf der mittleren Spitze und erklären, dass ein weiteres Versuchen zwecklos sei!

Unser Abstiegsweg blieb derselbe wie beim Aufstieg. Von der Scharte zwischen mittlerer und westlicher Largospitze bestiegen wir schnell noch diese selbst, und nach der Erstellung eines kleinen Steinmannes zogen wir vorsichtig hinunter auf den Baconegletscher und standen eine halbe Stunde später auf dem Baconesattel. Zur Zeit der Abendtafel rückten wir wieder wohlbehalten in Sils-Maria ein.

Es war nicht nach meinem Sinn gehandelt, als Curtius nach dieser zweiten Largofahrt mir erklärte, dass er damit seine Durchforschung der Baconegruppe abschliesse. Ich bin überzeugt, dass wir damals mit Unterstützung eines guten zweiten Kollegen die höchste Largospitze von Osten her und an meinem Hemdkragen vorbei doch erreicht hätten. In diesem Falle wäre meine herrenlose erste Besteigung vom 29. Juni 1891 zweifellos unterblieben!

Auf dem Wunschzettel des Curtius stand zunächst die Besteigung des Monte della Disgrazia. Am 15. August, um sieben Uhr morgens, verliessen wir Maloja mit der Absicht, am gleichen Tag abends die kleine Bretterbude, die sogenannte Capanna Maria, auf dem westlichen Vorgipfel des Disgrazia zu erreichen. Es war aber abgemacht, dass wir nur bei ganz sicherem Wetter dort hinaufsteigen würden.

Trotz Besichtigung der Baustelle für die künftige Fornohütte am Westfusse des Monte del Forno standen wir schon um ein Uhr vierzig Minuten auf dem Gipfel des Monte Sissone. Das Wetter aber sah nicht danach aus, um einen Aufstieg auf den Monte della Disgrazia am gleichen Nachmittag zu wagen. Wir verständigten uns daher, in einer der oberen dürftigen Hütten der Piodaalp im oberen Mellotal zu übernachten und, wenn am 16. in der Frühe das Wetter es erlaube, von dort aus die Disgraziabesteigung durchzuführen.

Wir stiegen ab und nächtigten in einer verlassenen, elenden Hütte der Piodaalp, stiegen am nächsten Morgen bei Nebel und Regenschauer nach S. Martino ab und erreichten von dort in dreiviertelstündigem Anstieg die Bäder von Masino.

Am 17. August zogen wir zur neuen, kleinen Badilehütte empor, welche kurze Zeit vorher eingeweiht worden. Am Nachmittag setzte wieder Regenwetter ein, welches die ganze darauffolgende Nacht anhielt und, weil das Hüttendach undicht war, uns keinen angenehmen Aufenthalt bereitete.

Da das Wetter am 18. August in der Frühe sich besserte, beschlossen wir, trotz etwas Neuschnee in den höheren Lagen, den Passo di Bondo zu überschreiten, verbunden mit einer Erkundung der noch unbestiegenen höchsten Scioraspitze. Auf dem Passo di Bondo angelangt, konnten wir unsern Berg, die Sciora di dentro, von nächster Nähe betrachten und beschlossen, nach Überquerung des obersten Bondascafirns den Südgrat des Berges anzugehen. Am Südgrat selbst fanden wir, dass eine weitere Verfolgung desselben infolge stark verschneiter Felsen eine ganz schwierige und auch gefährliche Aufgabe sei, und beschlossen den Rückzug und Abstieg ins Val Bondasca. Überaus schwierig und mühsam gestaltete sich unser Abstieg über den stark zerklüfteten Bondascagletscher, und niemehr traf ich diesen bei späteren Überschreitungen in derart böser Verfassung wie im Sommer 1887. Die Strecke von der Bondopasshöhe bis zur Moräne oberhalb Alp Sciora erfordert je nach Verhältnissen einundein-viertel bis zwei Stunden. An jenem 18. August hingegen brauchten wir vier volle Stunden. Abends fünf Uhr zogen wir im Hotel Bregaglia in Promontogno ein.

Mit dem 20. August 1887 trat bei mir endlich das lang ersehnte Ereignis ein, auch ausserhalb meiner lieben Engadiner- und Bergellerberge als Führer wirken zu dürfen. Volle dreizehn Jahre war ich meinem heimatlichen Gebirge treu geblieben, und im Hinblick dieser langen, stillen Periode hätte ich wohl das Sprüchlein von Gottfried Keller anwenden können, welches lautet: Es ist manchmal doch gut, wenn man nicht so fix und flink ein grosses Tier wird, sondern etwas langsam wächst, wie das Hartholz, das desto länger brennt.

Nach den nötigen Vorbereitungen für unsere Reise ins Wallis verliessen wir, Curtius und ich, Sils und wanderten frohgemut nach Chiavenna, um über Lugano und das Val Anzasca nach Macugnaga zu gelangen.

Infolge der Regengüsse der letzten zwei Tage waren in den höheren Lagen beträchtliche Massen Schnee gefallen, so dass unser Plan, über die Osthänge des Monte Rosa die Dufourspitze zu erreichen und nach Zermatt abzusteigen, uns als ein ziemlich gewagtes Unternehmen vorkam. Diese unsere Bedenken stiegen am 22. Augustmorgen während eines Aufstieges zum Belvedere am Macugnagagletscher sehr stark, indem wir beobachten mussten, dass die Lawinenfälle an der Ostwand des Monte Rosa, ver- ursacht durch das Abschmelzen und Abrutschen von Neuschnee, sehr häufige waren. Das bewog uns, diese schaurige Fahrt, für welche ich mich auch in späteren Jahren nie erwärmen konnte, endgültig aufzugeben und unsere Aufmerksamkeit dem anderen Übergang, nämlich der Überschreitung des Jägerhorns, zuzuwenden. Am Nachmittag desselben Tages erkundeten wir mit bewaffnetem Auge von den Hängen im Nordosten von Macugnaga aus die ganze hohe Wand des Jägerhorns, welche nach Osten zum Macugnagagletscher abfällt, und beschlossen endgültig, diesen Übergang zum Riffelhaus zu wählen.

Am 23. August, nachmittags zwei Uhr fünfundvierzig Minuten, standen wir wirklich auf dem Gipfel des Jägerhorns nach einem Aufstieg von zwölf Stunden fünfundfünfzig Minuten. Die Erkletterung der ungefähr 1800 Meter hohen Felswand erforderte acht Stunden fünfundfünfzig Minuten, Pausen eingeschlossen. Besondere Schwierigkeiten trafen wir keine vor.

Der Abstieg vom Jägerhorn nach Riffelhaus, welchen wir am Nachmittag um vier Uhr antraten, war ein überaus mühevoller und anstrengender. Auf dem Gornerfirn — ein endloses Gletscherfeld — und hinunter fast bis zum Gadmen lag der Neuschnee, mit einer zwei Zentimeter dicken Kruste an der Oberfläche, gut einen halben Meter tief. In der Nacht um elf Uhr fünfundzwanzig Minuten erreichten wir endlich die gastliche Stätte des Riffelhauses. Wir hatten Magugnaga um ein Uhr fünfzig Minuten morgens verlassen und waren folglich zwanzig Stunden und fünfunddreissig Minuten unterwegs.

Das war mein erster Gang nach Zermatt.

Im Laufe des 24. August schlenderten wir gemächlich nach Zermatt hinunter. Am meisten bewunderte ich die Bergriesen, welche das Nikolaital beherrschen — vor allen anderen die stolze und eindrucksvolle Pyramide des Matterhorns.

Und in Zermatt selbst? Ein Gedränge von Bergsteigern und wohl auch von Nichtbergsteigern! Und was für eine Unmasse von Bergführern bewegte sich da auf der Strasse und vor den Hotels ( es war nämlich Sonntag und bis am Nachmittag rückt kein Walliser zu einer Bergfahrt aus ), unter diesen der stämmige Alexander Burgener und Melchior Anderegg, der ingeniöse und zähe Gletschermann aus dem Berner Oberland. Ferner der erste Bezwinger des Matterhorns von Süden, Jean Antoine Carrel, der bewegliche Emile Rey aus Courmajeur und viele andere. Im Vergleich zu dieser Metropole der Bergsteiger — ach, wie bescheiden erschien mir in Gedanken mein Sils im Engadin!

Da in unserer Absicht lag, die Besteigung des Matterhorns durchzuführen, und Curtius für angezeigt hielt, zu diesem Zweck einen Lokalführer mitzunehmen, so wandten wir uns vertrauensvoll an Alexander Burgener. Dieser verschaffte uns bereitwillig einen Mann, mit welchem wir in der Folge sehr zufrieden waren. Über unsere Besteigung selbst kann ich mich kurz fassen, da dieser gewöhnliche Aufstieg auf das Matterhorn schon so oft beschrieben worden ist.

Am 26. August zogen wir über Schwarzsee zur Matterhornhütte am Hörali. Wir fanden dieselbe in sehr schmutzigem und vernachlässigtem Zustand.

Es nahm uns nicht wunder, denn nicht alle Führer, welche darin verkehrten, hatten Sinn für Ordnung und Reinlichkeit. Der nächste Tag führte uns bei normalen Verhältnissen und klarem Himmel auf den Gipfel dieser Riesengestalt von Matterhorn. Eigentliche grosse Schwierigkeiten fand ich während dieser Besteigung keine vor. Die schwierige Stelle oberhalb der Schulter war bereits damals mit Ketten und Seilen versehen und dadurch bedeutend erleichtert.

Abends befanden wir uns wohlbehalten und hochbefriedigt von dieser grossartigen Fahrt unten in Zermatt und planten bereits an der folgenden Fahrt, welche dem Zinalrothorn galt, herum. Am nächsten Abend befanden wir uns für diesen Zweck oben in der Trifthütte. Dieses Mal ohne Lokalführer, was uns besser passte und mehr Freude bereitete. Auf uns unbekannten Wegen stiegen wir am 28. August, die erste Stunde bei dürftigem Laternenlicht, dem Zinalrothorn zu. Wir erreichten ohne Verirrungen die Gabel am Südwestgrat, um von hier über die berüchtigte Platte auf der Westseite des Grates, über welche ein dünnes, morsches Seil herunterhing, die luftige Kanzel zu passieren, und standen kurz hernach auf der höchsten Spitze, hochbefriedigt über unsere heutige Leistung, welche für uns zwei einer Erstbesteigung gleichkam. Der Abstieg brachte nichts Neues, alles lief glatt ab.

Abends nach dem Essen sass ich vor dem Hotel Monte Rosa und rauchte mit mehr oder weniger Genuss eine Walliserzigarre; damals kannte ich meine angeblichen Sargnägel Toscani noch nicht. Da kam Freund Curtius zu mir und erklärte, dass wir am nächsten Tag talauswärts wandern müssen, um nach Ried im Lötschental zu gelangen. Von dort würden wir den Petersgrat nach Lauterbrunnen und Interlaken überschreiten, um am letzteren Ort seine Mutter, die dort weile, zu besuchen, und wenn daraufhin das Wetter günstig bleibe, würden wir miteinander vom Rottal aus die Jungfrau besteigen! Obschon ich sehr gerne noch wenigstens eine bessere Fahrt in der Zermatter Umgebung ausgeführt hätte, konnte ich gegen den Plan meines Wandergefährten selbstverständlich nichts einwenden, wohl auch deshalb, weil ein Berg mit hochklingendem Namen und überdem in einer andern Alpengegend in Aussicht stand.

Am folgenden Abend — es war gegen Ende August — erreichten wir nach einem heissen Marschtag, teils zu Wagen und Eisenbahn, das meiste aber zu Fuss, das Dörfchen Ried im Lötschental und kehrten im kleinen Hotel Nesthorn ein. Hier wurde ein wohlverdienter Rasttag eingeschaltet, und weil ein junger deutscher Geistlicher, welcher dort weilte, für die Überschreitung des Petersgrat Anschluss wünschte, wurde beschlossen, wenigstens bis auf die Höhe des Überganges einen einheimischen Führer mitzunehmen.

Eine Stunde vor Tagesanbruch verliessen wir am 30. August Ried und wanderten unter der Führung des Führers Rubin auf holprigem Pfad und ohne Laternenlicht zum sogenannten Im Telli hinan. Da das Hin- und Hertasten auf schlechtem Fussteig unangenehm war, liess ich die Bemerkung fallen, dass es doch angezeigt gewesen wäre, wenn unser gute Rubin eine Laterne mitgenommen hätte. Ganz lakonisch kam von Curtius die Gegenbemerkung zurück: « Es ist ja gar nicht nötig, wir marschieren dem Geruch des Voranschreitenden nach! » Diese Feststellung stimmte leider, denn die merkwürdige und unangenehme Ausdünstung des Erstmannes verspürte man auf zehn und mehr Schritte.

Nach einem unschweren Aufstieg erreichten wir die Höhe des Petersgrates bei wolkenlosem Himmel. Die prächtigen Gestalten vom Balmhorn im Westen bis zur Jungfrau im Osten erglänzten wunderbar in der Morgensonne. Und erst der Rückblick auf die schöne Gestalt des Bietschhorns! Lange standen wir im Licht und bewunderten all das Grosse...

Da der gute Rubin auf dem Gletscher sich sehr ängstlich benahm, beschlossen wir, uns der mehr hinderlichen als nützlichen Führung zu entledigen, und entliessen unsern Lötschentaler, welcher herzlich froh war, auf festen Felsen und Erdgrund zurückkehren zu können.

Zu dritt wanderten wir über den Kander- und Tschingelfirn zum sogenannten Tschingeltritt und erreichten nach Überwindung dieser glatten Kalkfelsstelle das kleine Wirtshaus der obern Steinbergalp, wo uns eine schmucke junge Älplerin frische Milch kredenzte. Daher fanden wir es begreiflich, dass unser Geistliche seinen Reiseplan änderte und uns erklärte, in der oberen Steinbergalp verbleiben zu wollen!

Curtius und ich zogen allein weiter, stiegen über Trachsellauenen nach Stechelberg hinunter und wanderten auf Lauterbrunnen zu. Vor dem Hotel Adler daselbst standen einige Kollegen von mir und begafften uns neugierig, und ganz besonders wurde mein heller Anzug aus Bündnertuch zu ihrer Zielscheibe. Als Curtius sich ins Hotelinnere begab, um einen Wagen nach Interlaken zu fordern, trat einer dieser Gaffer mit der hämischen Bemerkung auf mich zu: « I ha gmänd, du sigest dä Härr und dä anger dä Führer! » Kurz entschlossen gab ich ihm zurück: « Mein guter Freund, Sie sollten doch wissen, dass das Kleid nicht immer massgebend ist, um einen Menschen zu klassifizieren! Im übrigen geben wir uns des öftern beide als Herren, und oben im Gebirge sind wir manchmal beide brauchbare Führer! » Das genügte, und der Fragesteller entfernte sich mitsamt seinem spöttischen Ausdruck.

In Interlaken zogen wir im Hotel Jungfraublick ein, wo die Mutter von Curtius weilte.Vergeblich warteten wir auf Jungfrauwetter. Dass wir im Jungfraublick sassen, änderte nichts an der Sache! Tag für Tag bewölkter Himmel, Nebel und zwischendurch hässlicher Regenschauer. Überhaupt, die Sache um unsere Jungfraubesteigung stand sehr tief in den Aktien.

Eines Tages schlug Curtius vor, eine Dampfschiffahrt nach Thun zu unternehmen, um eine angenehme Abwechslung einzuflechten. Freudig willigte ich ein, denn bei diesem Anlass konnte ich eine liebe Bekannte aus meiner Militärzeit her begrüssen. In Thun angelangt, machte ich aber die Wahrnehmung, dass ich unter Kontrolle meines Gefährten stand. Also ein Wiedersehen mit Zeugen! Einerlei, denn als Freier war ich ganz gewiss nicht nach Thun gezogen, und überdies galt mein Besuch einer fünfundzwanzigjährigen, verheirateten Frau und ihrem bald sechzigjährigen Herrn Gemahl. Das Thuner Anneli habe ich an jenem Tag wiedergesehen und den gestrengen Herrn Gemahl auch. Es gab eine freudige Begrüssung und am Schlusse einen trüben Abschied! Ich zog von dannen mit dem Bewusstsein, dass der Fatalismus nur allzu oft Menschen zusammenkuppelt, welche gar nicht zueinander gehören! Dieses Thuner Intermezzo und andere geringfügige Seitensprünge, welche ich mir während unseres Zusammenwanderns zuschulden kommen Hess, benutzte mein lieber Wandergefährte dazu, mir später ein Zusatzzeugnis auszustellen, dessen Inhalt ich an dieser Stelle nicht veröffentlichen kann.

Zwei Tage später sass ich wieder in meiner stillen und bescheidenen Bude im Fextal und hatte während den darauffolgenden Winterabenden Gelegenheit, über das Sommererlebnis nachzudenken. Diese meine erste Walliserfahrt mit Berührung des Berner Oberlandes war für mein zukünftiges Wirken in unserer Alpenwelt von grösster Wichtigkeit, und den dadurch ausgelösten Schritt nach aufwärts in meinem Beruf als Bergführer habe ich meinem lieben Wandergefährten Theodor Curtius zu verdanken.

1888 im August, nach der Ankunft von Curtius, wurde als erste bessere Fahrt die Besteigung der Sciora di dentro in Aussicht genommen.

Am 13. August war ich mit seinem Bruder Friedrich Curtius-Brockhoff und dem Lehrer Caviezel von Sils-Maria im Fornotal hinten, um den Bauplatz der Fornohütte genauer zu bestimmen.

Nach Maloja zurückgekehrt, traf ich nach Vereinbarung Curtius, welchem sich in letzter Stunde Musikdirektor Richard Wiesner aus St. Gallen angeschlossen hatte. Gegen diesen Anschluss hatte ich nichts einzuwenden, und zwar schon deshalb, weil ich am Tage vorher bei einem direkten und neuen Aufstieg von Westen auf Piz Corvatsch in Wiesner einen guten Bergsteiger erkannt hatte. Überdies erachtete ich eine Begehung des Bondascagletschers ratsamer zu dritt als bloss durch zwei Personen. Wir verabschiedeten uns von meinem Fornogletscherbegleiter und fuhren das Bergeil hinunter nach Promontogno. Weil wir vorzogen, diese Fahrt gleich vom Tale aus anzugehen, anstatt mit einem dürftigen Nachtlager auf der Scioraalp vorlieb zu nehmen, so wählten wir als unser Nachtquartier das Hotel Bregaglia.

Die Erstbesteigung der Sciora di dentro, welche wir am nächsten Tage glücklich vollbrachten, erforderte im Aufstieg bei einem Höhenunterschied von beiläufig 2400 Metern, Rasten inbegriffen, um elf Stunden. Für die Einzelheiten dieser prächtigen Fahrt verweise ich auf den Aufsatz von Curtius im 24. Jahrbuch des S.A.C.

Das sehr unzuverlässige Wetter der nächsten Tage mit Gewitter, Nebel und sogar mit Schneefall in den höhern Lagen zwang uns zum Nichtstun, und deshalb schlug Curtius vor, einen Abstecher ins Berner Oberland zu unternehmen, um doch wenigstens eine Abwechslung herbeizuführen.

Am 20. August verliessen wir Sils-Maria und erreichten abends nach einer abwechslungsreichen Fahrt über Chiavenna und Menaggio Lugano. Bei Regenwetter fuhren wir am nächsten Tag mit der Gotthardbahn nach Flüelen, wo wir ein Dampfschiff bestiegen, um nach Luzern zu gelangen. Diese wunderbare Vierwaldstätterseefahrt vom 21. August 1888 blieb mir stets in lebendiger Erinnerung. Noch nie in meinem Leben hatte ich eine derart grossartige Beleuchtung gesehen als wie an jenem Abend auf unserer Fahrt von Brunnen nach Luzern. Die das Gewölk durchbrechende Sonne erzeugte dem Seegestade entlang Bilder von bezaubernder Schönheit. Ein Rückblick auf den Rigi, welcher in einem zweifachen, tieffarbigen Regenbogen stand, überbot allen Genuss dieser Reise.

Da wir beide bei dem zweifelhaften Wetter im Gebirge doch nichts versäumten, schalteten wir in Luzern einen Rasttag ein und fuhren erst am 23. August mit der neuen Brünigbahn nach Brienz. Ein lustiges Intermezzo ereignete sich während unserer Überfahrt oberhalb Lungern. Auf einmal stoppte unser Zug, und vergeblich mühte sich die Lokomotive, die drei angehängten Wagen an die Zahnradstange heranzubringen. « Alle Passagiere aussteigen und mithelfen !" Und im Nu und unter Hallo wurde unser Zug wieder flott gemacht. Ich glaube, dass wir auch ohne Lokomotive die drei kleinen Wagen auf die Passhöhe gebracht hätten, denn es waren handfeste Berner und Engländer dabei!

In Brienz bestiegen wir das Dampfschiff für die Seefahrt nach Interlaken. An der Haltestelle Giessbachfälle hörte ich von der Landungsstelle her eine bekannte Damenstimme, welche rief: « Du schau! auf dem Schiffe sind zwei Neger !» Es war die Schwägerin von Curtius, welche mit ihrem Manne auf dem Landungsplatze stand und, als sie uns bemerkt hatte, absichtlich diese Bemerkung in lauter Stimme fallen liess! Es gab ein freudiges Wiedersehen, und wir fuhren alsdann als Neger weiter und nach Interlaken, von wo uns nach kurzer Erfrischung ein Einspännerwägelchen ins Lütschinental und nach Grindelwald brachte.

Solche Reisen machte ich nicht ungern mit, weil sie belehrend und abwechslungsreich sind. Übrigens ermüdeten sie mich stark, weil ich nicht alles erfassen und verdauen konnte, was ich zu sehen bekam. Und dass ich kein Freund war vom Reisen mit dem Notizbuch in der Hand, muss ich heute beim Niederschreiben meiner Lebenserinnerungen bitter erfahren, denn das Gedächtnis lässt mich manchmal im Stich, und wer weiss, ob mir nicht die Dichtung behilflich sein muss, um die sich entgegenstemmenden Klippen zu überwinden!

Eine neue, eigenartige Gebirgswelt tat sich für mich um Grindelwald herum auf. Die gewaltigen Nordwände des Eigers mit der Mittellegi, dem Mettenberg und den Wetterhörnern, welche unvermittelt und in erdrückender Nähe sich aufbauen, konnte ich nicht satt bewundern, und ebenso die wildzerrissenen Eiszungen des untern und obern Grindelwaldgletschers, welche im engen Felsbett sich zu Tal wälzen. Im schmalen Talausschnitt zwischen Mittellegihörnli und Mettenberg blickt der wuchtige Fieschergrat mit der prächtigen Fiescherwand zu Tal, und ganz im Hintergrunde, rechts am Mettenberg vorbei, guckt die höchste Zinne des Finsteraarhorns hervor. Der Hauptgipfel, welcher unsere Grindelwaldreise auslöste, das Grosse Schreckhorn, verbarg sich hingegen hinter dem Mettenberg.

Am 24. August versprach das Wetter eine Wendung zum Bessern, und wir rüsteten uns deshalb für unsere Gross Schreckhorn-Fahrt und zogen am Nachmittag mit einem Träger, welcher uns bis zur Schwarzegghütte begleiten sollte, zur Felsenge der Bäregg empor. Damals führte der Weg zur Hütte über den untern Grindelwaldgletscher hinüber nach Zäsenberg, den Nordhängen des Zäsenberghorns empor zur sogenannten Enge und zum obern Eismeer, welches man in östlicher Richtung zum Kastenstein und zur Hütte überquerte. Jetzt hingegen verlässt man den Gletscher kurz nach der Leiter an der Ortfluh und steigt am rechten Ufer auf markiertem Wege über Rot-gufer zur Schwarzegghütte empor.

Noch bei Tageslicht in der Schwarzegghütte angelangt, benutzte ich diesen Umstand, um die erste Strecke unseres Weges vom nächstfolgenden Morgen, welche ja mit Laternenlicht begangen werden musste, in Augenschein zu nehmen. Ganz besonders dem berüchtigten Schreckhorncouloir galt meine eingehende Betrachtung, in nächster Nähe vorgenommen. Als die einzigen Hütteninsassen verlebten wir einen ruhigen Abend und verliessen am 25. August, morgens zwei Uhr zwanzig Minuten, die Hütte mit dem Vorgefühl, dass uns ein schwerer Arbeitstag bevorstand, hatten wir ja am Abend vorher die Wahrnehmung machen müssen, dass in den höheren Lagen noch Neuschnee lag.

Bei Laternenlicht, stufenhauend und uns möglichst links im Couloir haltend, durchstiegen wir dasselbe unbehelligt und erreichten bei Tagesanbruch den Schreckfirn. Von hier aus konnten wir unschwer unseren weiteren Aufstieg über den Steilhang, welcher zum Sattel zwischen Schreckhorn und Lauteraarhorn emporzieht, in der Hauptsache feststellen. Ohne Schwierigkeiten begingen wir den Bergschrund und stiegen mit der nötigen Vorsicht zu jener Einsattelung empor. Infolge auflagernden Neuschnees und schlechten Gesteins gestaltete sich der oberste kurze Übergang nach links zum Grat äusserst unangenehm.

Obschon das Wetter nichts Gutes versprach, setzten wir den Aufstieg fort, überschritten das sogenannte Elliott-Wängli, über welches 1869 der englische Bergsteiger Elliott zu Tode gestürzt ist, und erreichten über den stark verschneiten und zum Teil vergwächteten Grat um elf Uhr den Gipfel des Schreckhorns.

Nach einer kurzen Stärkung traten wir eiligst den Rückweg an und erreichten die Einsattelung, wo der Abstieg in die Südwestwand beginnt, bei Wind, Nebel und Schneegestöber. Bei solchen Wetterverhältnissen gestaltete sich der weitere Abstieg äusserst schwierig, wir erreichten aber schliesslich wohlbehalten den Schreckfirn und wählten unseren Weg zur Schwarzegg anstatt durch das gefährliche Couloir über das sogenannte Gagg an der Strahlegg und waren abends fünf Uhr fünfunddreissig Minuten in der Hütte.

Man erwartete uns an jenem Abend in Grindelwald, und deshalb mussten wir den Gedanken, eine zweite Nacht in der Hütte zu übernachten und am nächsten Morgen abzusteigen, aufgeben. Nach einer gründlichen Erholung verliessen wir um sechs Uhr dreissig Minuten abends die Hütte. Während unserm Abstieg nach Zäsenberg setzte dichter Nebel und Regen ein, und wir erreichten die Hütte beim Zunachten.

Keine leichte Aufgabe war es, von hier aus bei dunkler Nacht, Nebel und Regen und nur beim schwachen Schein der Taschenlaterne die Richtung zur Leiter an der Ortfluh über dem unteren Eismeer hinaus zu behalten. Aus Zufall oder Instinkt fanden wir die Holzleiter bei der Bäregg ohne Irrwege und trabten ohne Aufenthalt bei wolkenbruchartigem Regen hinunter nach Grindelwald und zum heimeligen Hotel Adler, welches wir, bis auf die Haut durchnässt, um zehn Uhr zwanzig Minuten abends betraten.

Das Gespräch über die vollbrachte Fahrt währte nicht lange. Ich verschwand in meinem Zimmerchen, entledigte mich der triefenden Hülle und schlüpfte — ohne warme Bäder — unter die mollige Bettdecke!

Meine Überraschung war keine geringe, als kaum eine Viertelstunde später die Zimmertüre aufging und unser Adlerwirt persönlich hereintrat, auf einem Servierbrett ein richtiges Nachtessen bringend. Eine derartige Aufmerksamkeit von seiten eines Hotelwirtes wurde mir während meiner Tätigkeit als Führer nie zuteil. So geschehen im Hotel Adler zu Grindelwald am 25. August 1888.

Die zwei nächsten Tage brachten uns nicht das erwartete gute Wetter, um unsere Schlussfahrt in jenem Jahre angehen zu können. Diese galt dem Wetterhorn, d.h. der mittleren Wetterhornspitze, dem sogenannten Mittelhorn, welches die Haslijungfrau um fünf Meter überhöht. Da am 28. eine Besserung zu erwarten war, so zogen wir um drei Uhr nachmittags los und erreichten durch das Milchbachloch den obern Grindelwaldgletscher und von dort über die Ziehbachplatten und die Leiter abends sechs Uhr fünfundvierzig Minuten die Glecksteinhütte. Sonderbarerweise waren wir auch an jenem Abend wie vier Tage vorher in der Schwarzegg die einzigen Besucher der Hütte.

Um zwei Uhr fünfundvierzig Minuten am 29. in der Frühe verliessen wir Gleckstein und zogen dem Krinnefirn und den Südwestwänden der Wetterhörner entgegen. Der Aufstieg vom Krinnefirn zur Einsattelung zwischen der vorderen und mittleren Wetterhornspitze bot uns keine nennenswerten Schwierigkeiten, bloss die an einzelnen Stellen vereisten Felsen erforderten Vorsicht Von der Einsattelung erreichten wir in bequemem Aufstieg den Gipfel des Mittelhorns schon um acht Uhr fünfundvierzig Minuten und verweilten trotz düsterem Himmel eine volle Stunde oben.

Während dem Abstieg über den Firnrücken zum Wettersattel bemerkte ich, dass mein Gefährte, welcher den Vortritt hatte, gar so bedächtig und mit den Füssen tastend sich abwärts bewegte. Das entlockte mir die Bemerkung: « Aber Herr Doktor! Sie haben heute allen Schneid verloren! » Alsbald merkte ich, dass ich meinem Freund mit einem solchen Vorwurf Unrecht tat, denn die Beleuchtung — alles grau in grau — war derart, dass vom Vorausgehenden die Unebenheiten des Firns nicht wahrgenommen werden konnten. Spuren von unserem Aufstieg waren keine sichtbar, weil der Firnschnee hartgefroren war. Bei derlei Beleuchtungsverhältnissen ist das Vorausgehen ohne sichtbare Spur stets unangenehmer als das Nachfolgen. Im übrigen war meinem Gefährten der Schneid nicht abhanden gekommen, denn schon um zwölf Uhr fünfunddreissig Minuten betraten wir die Glecksteinhütte und waren nachmittags um drei Uhr vierzig Minuten wieder bei unserem Adlerwirt in Grindelwald.

Am folgenden Tag nahm ich von meinem treubesorgten Wandergenossen Abschied und fuhr ostwärts dem Engadin zu, welches ich am 31. August wieder erreichte. Mit dankbarem Herzen gedachte ich des Mannes, welcher mir Gelegenheit geboten hatte, ein mir fremdes Gebiet kennen zu lernen.

Das Jahr 1891 führte mich wieder mit Curtius zusammen. Dieses Mal aber ausserhalb unserer Landesmark, und zwar weit im Osten, in den österreichischen Dolomiten.

Nach einer gelungenen Besteigung der Fünffingerspitze auf neuem Wege — meine erste Dolomitenfahrt — mit Normann-Neruda, welchen ich am 7. September in Campitello verlassen hatte, wanderte ich allein über Buchenstein und Falzaregopass nach Cortina d' Ampezzo, wo ich am 8. mit meinem lieben Theodor Curtius und seinem Freund, Freiherr v. Pechmann, zusammentraf.

Als Ubungsfahrt gelang uns ohne Lokalführer am 10. September die Besteigung der Tofana di mezzo, eine wegen der vielen Geröllhänge etwas ermüdende Fahrt.

Weil v. Pechmann sich als schwacher Felskletterer auswies, bestiegen wir am 11. September ohne ihn, aber unter Mitnahme eines Lokalführers, die schöne Turmzacke Croda da Lago, eine anregende, feine Kletterfahrt. Bloss die obersten Stellen und in der Nähe der Gipfelzacke erforderten einige Vorsicht infolge des massenhaft auflagernden feinen Schuttes, welcher durch Blitzschlag wenige Tage vor unserer Besteigung durch die Zertrümmerung der einen Gipfelzacke en standen war.

Nach Einschaltung eines Bummeltages verliessen wir am 13. September Cortina, um über Col Falzarego, Buchenstein und Col Padon die Passhöhe von Fedaja am Nordfusse der Marmolata zu erreichen, woselbst wir in der äusserst unsauberen kleinen Wirtschaft übernachteten. Zu den unreinlichen Räumen fanden wir einen schwer betrunkenen Wirt. Und als meine zwei Herren schlafen wollten, musste der eine von ihnen vorerst ein totes Huhn aus dem Bett entfernen, welches in seiner Sterbestunde eine weiche Stätte aufgesucht hatte.

Froh, die ungemütliche Bude auf Fedajas Höhen verlassen zu können, zogen wir am 14. in der Frühe bei klarem Himmel zum kleinen Marmolata-gletscher empor und erreichten in vier Stunden bequemen Aufstieges um neun Uhr die höchste Erhebung in den Dolomiten, die beinahe 3500 Meter hohe Spitze der Marmolata. Auf diesem zentral gelegenen und überragenden Punkt genossen wir eine grossartige Aussicht.

Der Abstieg führte uns, mit Umgehung unserer Nachtherberge, westwärts und hinaus ins Fassatal nach Campitello, wo wir im Albergo al Molino einkehrten.

Am 15. zogen wir bei schönstem Wetter in genussreicher Wanderung über Col Rodella und Sellajoch am Ostfusse der prächtigen Langkofelgruppe vorbei ins Grödnertal hinüber und nach St. Ulrich hinaus, von wo uns ein Zweispännerwagen nach Waidbruck an der Brennerbahn führte. Nach kurzer Eisenbahnfahrt erreichten wir am gleichen Abend Bozen.

Der 16. September wurde in Bozen verbummelt, und nicht viel mehr wurde am 17. geleistet, indem wir in bequemer Wagenfahrt abends Meran erreichten. Der 18. brachte uns dann nach Trafoi, von wo wir am 19. mit einem Träger zur Pajerhütte aufstiegen, um am darauffolgenden Morgen den Ortler anzugehen.

Da die Bewirtschaftung der Pajerhütte am 15. September eingestellt worden war, so trafen wir dieselbe leer. Im Zwielicht achteten wir beim Betreten der Hüttenräume leider nicht, dass Türen, Fenster und Bänke mit brauner Farbe frisch angestrichen waren, ohne dass irgendwo eine Warnung angebracht wurde. Was geschah? Der ahnungslose Fexer, welcher auch für diese Fahrt ein hellgraues Kleid aus Bündnertuch trug, setzte sich ohne weiteres auf eine Bank am Tische, und die Folge davon war, dass seine schönen Beinkleider am hinteren Teil einen breiten, braunen Querstrich davontrugen. Und da die Farbe sich als haltbar erwies, so war für den Spott in der nächsten Zeit gesorgt.

Noch am gleichen Abend rückten Prof. Sartorius von Waltershausen und Prof. Pott mit zwei Trafoierführern ein. Der Zuerstgenannte, ein fein gebildeter, lieber Mensch und ausgezeichneter Bergsteiger, welchen ich im Jahre 1889 auf mehrere Bergfahrten begleiten durfte. Mit diesen Herren zusammen verlebten wir in der Pajerhütte einen angenehmen und erbaulichen Abend und vermissten in keiner Weise das Fehlen des Hüttenwirtes.

Am 20. September ( am eidgenössischen Bettag ) in der Frühe versprach das Wetter nichts Gutes. Um sechs Uhr herum beschlossen wir, die Besteigung des Ortlers doch zu wagen, und zogen ab und erreichten um neun Uhr den Gipfel. Sturm und Schneegux zwangen uns zu sofortiger Umkehr, und wir waren um zehn Uhr fünfunddreissig Minuten wieder in der Pajerhütte. Den Abstieg nahmen wir nicht nach Trafoi, sondern nach Sulden.

Wohl lag in unserer Absicht, von Sulden aus noch eine schöne Besteigung auszuführen, das böse Wetter aber zog einen dicken Strich durch unsere Pläne, und deshalb beschlossen wir, die Heimreise anzutreten, und wählten dazu die Überschreitung des Stilfserjochs nach Bormio. Meine Wandergefährten mussten eigentlich diesen Übergang wählen, da sie am 18. September in Prad, weil die Stilfserjochpost bereits eingestellt war, ihr Gepäck auf unbekannter Linie für Sondrio aufgegeben hatten.

Am 23. September, von Franzenshöhe ausgehend, überschritten wir diesen hohen Alpenpass bei tiefem Neuschnee, Wind und Gux und erreichten abends stark ermüdet Bormio. Der 24. brachte uns dann in angenehmer Wagenfahrt nach der Provinzstadt Sondrio, wo wir im Hotel Post bei Vitale einkehrten. Nun freuten sich meine zwei Gefährten auf ihr Gepäck! Die Nachfrage im Hotelbureau ergab aber, dass nur ein Regenschirm mit fünfundsiebzig Rappen Zollbelastung angelangt sei. Alles andere fehle, und es sei auch kein Zollavis da! Meine bereits in Prad geäusserten Bedenken über die etwas leichtfertige Annahme und Abfertigung der Gepäckstücke bewahrheiteten sich jetzt. Offenbar waren diese Sachen an der italienischen Grenze als Transitfrachtstücke behandelt und nach dem Sondrio zunächst-gelegenen Stadtzollamt geleitet worden.

Der fatale, breite Querstrich an der Hinterseite meiner Beinkleider büsste an jenem Abend im Hotel de la Poste in Sondrio seine Anziehungskraft ein, denn das Gespräch drehte sich um das fehlende Reisegepäck! Das Lachen war nun auf meiner Seite! Am 25. September überliess ich das Suchen nach dem Gepäck ganz meinen lieben Wandergefährten und zog meinem Fextale zu. So endete unsere genuss- und wechselreiche Wanderung durchs Tirol nach dem Veltlin.

Leider nur für kurze Zeit führte mich der September 1892 wieder mit Curtius zusammen. Von Zermatt kommend traf ich ihn am 3. September in Interlaken. Abermals stand auf unserm Programm die Besteigung der Jungfrau vom Rottal aus, und wir hatten für diesen Zweck den Meiringer Bergführer Kaspar Maurer hierher bestellt. Offenbar waren wir auch dieses Mal beim Wettergott in Ungnade gefallen, denn ein ausgesprochener Landregen hatte eingesetzt, und als wir am 6. September morgens feststellen mussten, dass in den Bergen bis tief herunter frischer Schnee gefallen und eine Besserung des Wetters nicht ersichtlich war, kehrten wir der spröden Jungfrau den Rücken.

Maurer wurde entlassen, Curtius zog für einige Tage nach Italien, und ich reiste heimwärts. Vor unserer Trennung in Interlaken hatten wir vereinbart, sobald das Wetter besser werde, uns im Bergeil zu treffen. Am 12. September abends sassen wir zwei richtig im Hotel Bregaglia in Promontogno und beschlossen, obschon im Gebirge der Neuschnee noch nicht nach Wunsch verschwunden war, für einige Tage ins Fornogebiet zu ziehen.

Am 13. pilgerten wir nach Sils-Maria, verproviantierten uns dort reichlich für sechs Tage und wanderten am 14. mit zwei Trägern zur Fornohütte. Zu photographischen Aufnahmen bestiegen wir zwei allein am 15. September den östlichen Vorgipfel der Cima del Largo, fanden aber in der Höhe noch viel Neuschnee vor.

Am 16. übten wir uns in der Kochkunst, wobei sich herausstellte, dass mein Wandergenosse mir über war! Bloss der Schmarren wollte ihm nicht geraten, und infolgedessen wurde vereinbart, auf das einfache Menu zurückzukommen.

Am 17. bestiegen wir bei gutem Wetter den Monte del Forno und schwelgten oben ein paar Stunden im warmen Sonnenschein. Unser Abstieg dauerte von zwölf Uhr fünf bis zwölf Uhr fünfundfünfzig Minuten. Demnach war doch nicht aller Schneid abhanden gekommen. Für den 18. September stand die Cima di Castello im Plan; wegen dem vielen Neuschnee gaben wir schliesslich die Fahrt auf und zogen nachmittags wieder nach Sils ab. Zwei Tage später aber sass ich mit meinem guten Kameraden auf der prächtigen Aussichtswarte des Piz Julier, und wir bewunderten von neun bis elf Uhr im warmen Sonnenschein die grandiose Aussicht.

Am 22. September verliess mich Theodor Curtius und reiste nordwärts und einer bösen und schweren Krankheit entgegen.

Volle zehn Jahre war es mir nicht mehr vergönnt, mit meinem alten Freund in den Bergen zusammenzutreffen. Meine Verpflichtungen gegenüber andern Bergsteigern hielten mich meistens bis gegen Ende September vom Engadin fern, und wenn ich mein Fextal wieder erreichte, war er schon längst abgereist. 1901 war ich überdies den ganzen Sommer im nordamerikanischen Felsengebirge in Britisch Kolumbien mehr oder weniger tätig.

So kamen wir erst im September 1903 über Fuorcla di Lunghino und Forcellinapass nach Avers und von dort über Bregalga und Duanpass nach Soglio und Promontogno.

Im Jahre 1906 bestiegen wir bei Anlass einer Fornohütteninspektion den Monte del Forno und besuchten einige Tage später die neue Sciorahütte im Bondascatal. Damit verbanden wir den Übergang über den Cengalogletscher und Viale zum Sassfora.

Die Fornohütte, welche im Jahre 1889 erbaut wurde, war das Werk unseres lieben Curtius, denn den grössten Teil der Baukosten hat er in uneigennütziger Weise übernommen. Dieses Bergsteigerasyl lag ihm sehr am Herzen, und jeden Herbst vor seiner Abreise von Sils-Maria statteten wir demselben einen Besuch ab. Diese Privathütte am Fornogletscher war kein gewinn-bringendes Unternehmen für ihn, denn sehr oft musste er den Betriebs-ausfall decken.

Im Jahre 1912 reifte in ihm der Entschluss, die Hütte einer gründlichen Verbesserung mit einem Aufbau zu unterwerfen, um dieselbe sodann unserem S.A.C. als Geschenk zu übergeben. Ein roher Kostenvoranschlag, den ich ein Jahr später aufstellen Hess, lautete auf etwa Fr. 10,000. Trotzdem wäre der Plan zur Durchführung gelangt, wenn nicht der böse Weltkrieg diese philanthropische Idee jählings zerstört hätte! Dass er den Umbau der Hütte nicht auf eigene Kosten vornehmen konnte, tat ihm, dem uneigennützigen, edlen Menschen, sehr weh. Der Name Theodor Curtius wird in der Geschichte der Fornohütte einen würdigen Platz einnehmen.

Die letzte Fahrt, welche ich mit meinem verehrten Wandergenossen ausführte, war eh Gang zur Fornohütte am 17. September 1920 bei Anlass der offiziellen Übergabe dieser von ihm erbauten und dem S.A.C. geschenkten Hütte an die heutige Besitzerin, die Sektion Rorschach.

Ich kann es nicht unterlassen, an dieser Stelle die Worte, welche der mit Leib und Seele an unserer schönen Alpenwelt hangende Theodor Curtius in mein Führerbüchlein eingetragen hat, wiederzugeben:

« Nach fünf Jahren, in denen die Welt sich bekriegte, bin ich im August 1919 zum ersten Male wieder in mein geliebtes Sils und mein Häuschen für ein paar Wochen gekommen, und auch in diesem Herbst 1920 nahm ich nach vier genussreichen Wochen heute wieder von den ruhigen Gefilden Abschied. Da muss ich mich auch von meinem lieben alten Freunde Klucker wieder trennen, und das fällt mir immer schwer. Zwar kann ich ihm nicht mehr in die Kletterwelt des herrlichen Bergells folgen, in der er sich ewige Jugend holt. Bei mir heisst es: Erst gross und mächtig, nun aber geht es weise, geht bedächtig. Trotzdem hat Klucker im vorjährigen Herbst mich noch einmal über den Polaschinpass von Sils zur Julierstrasse, den wir 1883 zuerst bergsteigerisch kreierten, geleitet und gestern auf die Fornohütte, die an dem Tage von der Sektion Rorschach für den S.A.C. übernommen wurde. Wie viele schöne Erinnerungen lebten da wieder auf an köstlichen Bergfreuden, an liebe, treue Menschen! Viel innigen Dank, lieber, treuer Freund Klucker, für all die Freuden, die Sie mir auch diesmal wieder bereitet haben. » Sils-Engadin, 18. September 1920.

In den Jahren 1907 und 1908 liess Theodor Curtius das Häuschen Mulin vegl in Sils-Maria, welches in seinen Besitz übergegangen war, ausbauen. Im Jahre 1908, als er sein neues Heim bezog, widmete er mir folgenden tiefsinnigen Spruch:

Freundestreue im Hochgebirge.

Ein Schrei, ein Sturz, und es riss das Seil. Sie flogen hinunter so steil, so steil — Ein Poltern, Rauschen, Rieseln — Stille — Ringsum der Unendlichkeit tötender Wille.

Doch unten tief auf dem Firneneis, Da klirrt es, stöhnt es, da regt es sich leis — Er schleppt sich zum Freunde, im Herzen den Tod, Und schreibt in den Schnee mit Blut so rot: Hier liegt er, wo ich liege.

Seinem lieben, treuen Freunde Christian Klucker am 25. Jahrestage der ersten Besteigung des Piz Bacone zugeeignet von Süs-Engadin, 27. August 1908.Theodor Curtius.

Damit schliesse ich meine Erinnerungen an einen Mann, an welchen ich stets mit hoher Verehrung, Liebe und Dankbarkeit denken darf.

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