Bergsteigen und Naturgefühl

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Von Jakob Wgrsch.

Die grossen Scharen, die allsonntäglich vereinsweise, rudelweise oder auch als Einzelgänger, teils aus eigenen Stücken und teils verlockt durch die Annehmlichkeiten von « Sportzügen », Autobussen, Turistenbilletten und andern Wochenendinstitutionen, bis in den Kern der Alpenlandschaft hineinfahren, um sich dann in den Richtungen der Windrose über Wege, Matten, Wälder, Felsen und Gletscher laut und lärmend zu ergiessen, bis sie einen oder zwei Tage später von allen Seiten in den Bahnhöfchen unserer Bergbahnen wieder zusammensickern und durch die Täler ins ebene Land zurückströmen — diese übergrossen Scharen könnten vielleicht den einen oder andern Naturfreund nachdenklich stimmen. Gewiss müssen wir dankbar anerkennen, wieviel Gesundes und Gutes darin liegt, dass alle diese naturentwöhnten Städter und Beinahe-Städter einen Sonntag lang Ellenbogen- und Atemfreiheit erhalten, sich auslaufen und austoben können und bei dieser Gelegenheit ihre überschüssige Muskelmotilität wieder loswerden, die sie unter dem Zwang unserer arbeit- und mühesparenden Maschinen und Bequemlichkeiten sechs Tage lang in sich aufstauen mussten. Auch das ist eigentlich noch kein Grund zur Besorgnis, dass nun durch diese Masseneinwanderung die Berge ihre « Weihe » und « Einsamkeit » verlören und zum Tummelplatz von allerlei Ausgelassenheit und nicht hierher gehöriger Allotria würden; « entheiligt » sind die Berge ja schon längst, und über Platzmangel kann sich höchstens der arme Passwanderer beklagen, der in den Staubwolken der Automobile von einer Strassenseite zur andern irrt; in den Zwischenräumen des weitmaschigen Strassennetzes aber ist noch für viele Tausende von Einsamkeitslüsternen genügend Platz.

Bedenklich ist vielmehr die blosse Tatsache einer so beispiellos allgemeinen bergsteigerischen Betätigung, die jeden Volkskreis und jeden Stand umfasst. Was nämlich so massenweise geschieht, ist erfahrungsgemäss in Gefahr, aus einem Erlebnis zu einem Automatismus, aus einer Angelegenheit des Herzens zu einer dürren Gewohnheit und Mode zu entarten, die sich etwa von dem maschinenmässigen sonntäglichen Kaffeejass und Familienspaziergang unserer Väter nur mehr rein äusserlich unterscheidet. Mehr noch: wenn wir die Gewohnheiten und das Benehmen dieser Wanderermassen etwas schärfer ins Auge fassen und abhorchen, werden wir unschwer erkennen, dass man hier nicht von blosser Gefahr sprechen kann, sondern dass die Automatisierung bereits in gewissen Kreisen eingetreten ist und sich, wie die Eisbildung im Wasser, von dort aus immer weiter ausbreitet. Man braucht nur an die Berge zu denken, die « gemacht » werden einzig aus dem Grunde, um droben gewesen zu sein. Oder — da soeben ein einschlägiges Wort genannt wurde — an den Bergsteigerjargon, dieses vielerorts beliebte Kauderwelsch von geschwollenen termini technici, welche über die Erlebnislosigkeit, mit der solche Leute in den Bergen herumkraxeln, hinwegtäuschen soll. Auch dass die rein sportliche Einstellung immer mehr überwiegt, ist in gewissem Sinne ein solches Zeichen; sie überwiegt oft so sehr, dass man sich fragen kann, warum der oder jener Bergsteiger noch ins Bergell oder in die Dauphiné reist, da er doch als Fassadenkletterer sowohl qualitativ wie quantitativ so ziemlich die gleichen Erlebnisse in nächster Nähe haben könnte. Wir wollen gewiss dem Sport keine Ehren hinterhalten, die ihm gebühren, allein was einst die sogenannten Pioniere des Alpinismus auf die Berge getrieben hat, war doch mehr als nur sportliches Interesse, ja, es war nicht nur mehr, sondern es war etwas qualitativ ganz Verschiedenes. Inwiefern es mehr war und wesensmässig anders war, lässt sich erst ersehen, wenn wir die Erscheinung des Bergsteigens in weitere Zusammenhänge stellen.

Bevor dies geschieht, sei aber noch einmal festgehalten: was uns an der heutigen scheinbaren « Blüte » des Bergsteigens nachdenklich stimmt, ist die Vermassung, in der wir den Verfall einer freien, beseelten Tätigkeit wittern, die die Ältern vielleicht noch selbst beglückend erfahren haben, während viele Jüngere sie nur aus Büchern kennenlernen.

Es wäre aber kurzsichtig, diese Vermassung auch als Ursache des drohenden Verfalls anzuklagen und nun gar irgendeine Art von numerus clausus ertrotzen zu wollen, der ja doch niemals zustande käme. Auch diese Vermassung selbst ist ja nur wieder unselbständige Oberflächenerscheinung, ist nur das zugeordnete Symptom zu Veränderungen und Umschichtungen seelisch-geistiger Art, die tiefer liegen. Äussere Bedingungen, wie etwa Nachahmung, Beispiel, Beklame, Verkehrserleichterung, Gewährung von Ferien, erhöhtes Einkommen und viele andere, mit deren Aufzählung wir uns nicht langweilen wollen, mögen zu dieser Massenbegeisterung beigetragen haben. Auch die « Schönheit » des Gebirges mag den einen oder andern verlockt haben, trotzdem diese Schönheit ja nicht so ganz unbestritten ist und trotzdem es, selbst wenn sie unbestritten wäre, nicht so recht folgerichtig sein würde, diese schönen Berge nun unbedingt zu besteigen, anstatt sie von unten zu bewundern.

Aber das alles waren nur Hilfsmittel und Begleitumstände, die eigentliche Vorbedingung für den raschen Eintritt der Massen-Bergbegeisterung ist etwas anderes, ist eine Umlagerung des Verhältnisses zwischen Mensch und Natur und besteht darin, dass die Natur uns etwas Fremdes geworden ist.

Dieser Satz wird zuerst wohl überaus unsinnig und sonderbar erscheinen, denn wir rühmen uns ja mit Recht, dass keine Zeit so viele Kenntnisse über die Natur gesammelt hatte wie gerade die unserige, dass die Naturerscheinungen noch in keinem Kulturkreis so durchforscht und beherrschbar waren wie in unserer europäisch-amerikanischen Zivilisation, dass die « Naturkräfte » noch nie in diesem Masse ausgenutzt werden konnten, wie dies unsere Ingenieure und Techniker so wohl verstehen. Aber das ist es gerade: dass wir die Natur so gut kennen oder zu kennen vermeinen, beweist, wie fremd sie uns geworden ist. Diese gekannte Natur ist nämlich nicht, wie wir immer wieder prüfungslos zu glauben geneigt sind, das gleiche wie die erlebte Natur. Zum Erkennen braucht es bereits Distanz, und diese Distanz schaffen wir uns, wenn wir jene « zweite Natur », nämlich das wissenschaftliche Naturbild, zwischen uns und die erlebte Natur gleichsam hineinschieben. Wir erhalten so ein « Objekt » für unser Erkennen, also etwas uns Entgegenstehendes, wie der Name bereits sagt, etwas, an das wir unsere erprobten mathematisch-historischen Massstäbe anlegen können und das sich darum berechnen und beherrschen lässt. Die Natur als « Objekt, wie sie sich im Laufe einiger Jahrhunderte herausgebildet hat, gibt uns auch die Wahl, uns nach Lust und Laune verschieden zu ihr einzustellen: begeistert oder kühl, forschend oder nutzbegierig oder bloss bewundernd, aber wie es schon J. J. Rousseau geschah, so wird sie auch uns die « Rückkehr zur Natur » für immer verunmöglichen, denn dieser sehnsuchtsvolle Ausdruck ist ja selbst schon ein Beweis für die vollzogene Abstraktion.

Es gibt aber nun noch ein anderes Verhalten der « Natur » gegenüber. Das Wort Einstellung, das soeben noch so kennzeichnend war, lässt sich hier allerdings nicht anwenden, denn gerade die Unmöglichkeit einer Einstellung zur Natur ist hier das Wesentliche: man steht der Natur nicht gegenüber, sondern man lebt in ihr. Ein Leben im Rhythmus der Tages- und Jahreszeiten, abhängig von Sonne, Wind und Wetter, sich anpassend an den Boden und die Elemente, ein Leben, das nicht von unserer mathematisch-pedantischen Zeit, sondern von der Natur selbst geregelt ist, ein Leben, das nicht ein « Kampf gegen die Natur » ist, wie man es so gerne glauben machen will, sondern vielmehr ein elastisches Sicheinfügen in die Natur. Es ist jene Erdverbundenheit — um sich die Sache etwas gewaltsam in einem Wort festzuhalten —, die jahrtausendelang vorherrschend war, die wir auch heute noch in entlegenen Gegenden etwa beobachten können und nach der wir uns gelegentlich sehnen oder uns zu sehnen vermeinen, welche Sehnsucht allerdings meist über Kniehosen, Jodlerquartette und « auf der Alm, da gibt 's kei Sünd' » nicht hinausgelangt.

Wer in dieser Erdverbundenheit lebt, für den gibt es keine Naturwissenschaft, weil es für ihn ja nicht einmal das gibt, was wir mit dem Begriff Natur meinen. Für ihn gibt es einen Umkreis, eine Heimat, in die er verflochten ist mit tausend Banden, für ihn gibt es diese konkrete Landschaft, jenes konkrete Tal, dem er zugehört, an dem er teilnimmt, ja von der er selbst ein Stück ist, nicht aber kennt er die abstrakte Natur als Inbegriff der ausser-menschlichen, sinnlich wahrnehmbaren Erscheinungen. Wenn also dieser erdgebundene Mensch in den vielen Jahrhunderten seiner Existenz nicht zu einer Naturwissenschaft gelangte, so geschah es wahrlich nicht darum, weil er zu wenig « fortgeschritten » dafür war — es lässt sich unschwer ersehen, dass die formale Intelligenz des homo sapiens seit einigen Jahrtausenden keine « Fortschritte » gemacht hat —, sondern weil der künstliche Standpunkt « ausserhalb der Natur », den die Wissenschaft nun einmal erfordert, so lange unzugänglich ist, als man selbst ein Stück Natur bleibt. Das gleiche liesse sich von der ästhetischen Bewunderung der Natur sagen.

Was im Leben dieser Menschen die Natur zu bedeuten hat, das zeigt z.B. um hier gleich etwas « Alpines » anzuführen — in glänzender Weise Ch. F. Ra-muz'« La grande peur dans la montagne »: die Berge sind hier dunkel-unheim-liche Gewalten, die ganz unmittelbar ins Leben dieser Bauern eingreifen, die mit ihnen irgendwie eine Einheit bilden und die weder bekämpft noch bewundert, noch bestiegen, sondern als Heimat mit der gleichen Selbstverständlichkeit hingenommen werden, mit der man seinen Körper hinnehmen muss. Es ist nun ganz besonders bemerkenswert, dass gerade dieses Buch, dem doch alles das abgeht, was sonst zum Preis und zur Verherrlichung der Berge immer wieder hergesagt wird, dennoch für den Leser das Gebirge in einer Weise lebendig macht, wie es von der alpinen Literatur wohl nur selten erreicht worden ist. Ist also vielleicht im Grausig-Erhabenen auch für uns Natur-entwöhnte viel eher das Wesentliche der Berge ausgedrückt als in ihrer gepriesenen Schönheit?

Diese Naturverbundenheit mutet beinahe mythisch an. Die Sagen aus unsern Alpen sind denn auch sehr oft anekdotische Ansätze zu umfassendern Mythen, und es würde sich wohl der Mühe lohnen, zu untersuchen, wieviel an ihnen von späten Sammlern und Weitererzählern im Sinne der jeweiligen Zeit etwa rationalisiert und verkleinlicht wurde, bis die artigen moralischen Lehrstücke oder Symbolisierung von « Naturkräften » entstanden sind, als die sich die eine und andere uns heute vorstellt.

Wenn wir das mythische, geschichtlose Ineinanderleben von Mensch und Natur und das kühl-sachliche, beherrschende Gegenüberstehen, wie es sich etwa in unsern naturfernen grossen Städten am augenfälligsten zeigt, nebeneinander halten, so scheint vorerst ein Übergang aus dem ersten zum zweiten fast ausserhalb der Möglichkeit. Und doch ist eines aus dem andern im Laufe der Jahrhunderte entstanden und entsteht sogar vor unsern Augen im Laufe weniger Generationen immer wieder neu, wenn etwa ein entlegenes Tal « dem Verkehr erschlossen » wird; anders gesagt, wenn jene bis anhin mühselig oder stumpf-zufrieden dahinlebenden Bewohner durch unsere Technik es bewiesen bekommen, dass die Natur überwindbar und entbehrlich ist. Sobald sich zwischen Menschenhand und Erde das Werkzeug einschiebt, das soviel mehr « Nutzeffekt » hat, aber auch Distanz zur Natur schafft, dann beginnt die Erdverbundenheit sich zu lösen. Der Übergang von der ersten zur zweiten Verhaltensweise aber ist die historische und individuelle Stelle, wo das Naturgefühl ersteht, aufblüht und abwelkt. Mehr noch: der Übergang wird durch das Naturgefühl möglich gemacht, durch jenen vielflächigen, seelischen Akt, der so Gegensätzliches, wie interesselose Liebe, Drang zur Erkenntnis und Lust an Beherrschung, unter seinem Namen zusammenfasst und der auch der Keim für alle jene Bestrebungen ist, die uns in die Berge hinein- und hinaufführten.

Unter dem Aspekt der Liebe tritt das Naturgefühl zuerst in die Geschichte ein. Wie aber jeder seelische Akt eine Intention, eine Richtung schon mitenthält, so haben wir auch hier keine Liebe schlechthin, sondern eine Liebe zu etwas. Der Ausdruck: Liebe zur Natur bedeutet also, dass die Natur als etwas Ausser-uns-Seiendes bereits gefühlt, wenn auch noch nicht erkannt wird, etwas ausser uns, das noch irgendwie mit uns zusammenhängt und das wir doch nicht preisgeben möchten. Solange wir also die Natur nur in der Form von Heimat und Landschaft erfahren, gibt es auch kein Naturgefühl, weshalb denn unsere Alpenbewohner — ein bekanntes Lustspielmotiv — sich anfänglich mit Recht über die Begeisterung und Schwärmerei der zugereisten « Sommerfrischler » lustig machen.

Dass nun die Natur als etwas Ausser-uns-Seiendes am Ende des Mittelalters entdeckt wurde, anders gesagt, dass damals unser moderner Natur-begriff entstehen konnte, daran trägt der Zerfall jener gewaltigen hierarchischen Ordnung die Schuld, welche die Verworfenen — die Unterwelt —, die unerlöste Kreatur — unsere heutige « Natur » und die « unvollkommene Menschennatur » — und die Erlösten — die Seligen — alle in konzentrischem Ringen um den das Gleichgewicht haltenden Mittelpunkt: die Idee Gottes, kreisen liess. Als jenes System — um die Analogie mit unserm Planetensystem beizubehalten — zerfiel und die einzelnen Teile, nicht mehr von einem Mittelpunkt gehalten, für sich zu kreisen begannen, als in der Renaissance die « Persönlichkeit » und die Humanität bewusst wurden, da trat auch die Natur, wie wir sie heute sehen, Natur nicht als Umkreis und Heimat und auch nicht als sündiger Teil des menschlichen Wesens, sondern die Natur als selbständiges Reich vor die Augen des verselbständigten Menschen und ward seiner Liebe zugänglich.

Was in diesen wenigen Sätzen stichwortartig gesagt wurde, wird ein historisches Bild anschaulich machen: Petrarca, der erste oder wenigstens der erste berühmte Bergsteiger auf dem Gipfel des Mont Ventoux sitzend, auf seinen Knien aufgeschlagen jenes Buch, das ebenfalls als erstes in unserm abendländischen Sinne psychologisch genannt werden kann, die « Bekenntnisse » des heiligen Augustinus, und jenen bedeutungsvollen Satz lesend: « Da gehen die Menschen hin und bewundern die Gipfel der Berge, die gewaltigen Fluten des Meeres, die Flüsse, die in breitem Strom sich ergiessen, die Weiten des Ozeans und den Umlauf der Gestirne, vernachlässigen aber sich selbst. » Dieses Bild deutet aber auch noch an, warum nun jene Zeit mit solch anteilnehmender, ja leidenschaftlicher Liebe auf die Natur stürzte: das auf sich selbst gestellte, bezuglose, das « einsame » Individuum sucht in der Aus- einandersetzung mit der Grosse und Unendlichkeit der Natur seine Einzigkeit und seine Einsamkeit zu überwinden. Es würde viel zu weit führen, die verschiedenen Formen dieser Versuche zu beschreiben, die im Laufe der Jahrhunderte angestrengt wurden, theoretisch von der Naturphilosophie, die zweimal, in der Renaissance und wieder in der Romantik, ganz mächtig und vielgestaltig sich erhoben hatte, und praktisch in vielen Spielarten von den halb rührsamen, halb wurmstichigen Schäferszenen des 18. Jahrhunderts über die bürgerlich-nüchternen Robinsonaden bis zur überstürzten, leidenschaftlichen Flucht vor der Kultur in die Wildnis, wie sie etwa Lenau und andere unternommen haben. Allein es sei wenigstens darauf hingewiesen, dass wir gleichwertige Erscheinungen heute noch in bescheidenerm! Rahmen beobachten können: in der Zeit, wo die Jugend den sorgfältigen Bindungen von Familie und Kindheit entwachsen ist und den Übergang zum stabilen und leider meist sehr zweckhaften Weltbild der berufstätigen Erwachsenen noch nicht gefunden hat, gleitet sie öfters mit ihrem Liebesdrang in eine schwärmerische Hingabe an die Natur hinein, sie will sich wortwörtlich in die Natur verlieren. An dieses Verhalten könnte z.B. die psychoanalytische Erklärungsweise angelegt werden, die seinerzeit in der alten « Alpina » auf das Bergsteigen im allgemeinen angewandt wurde, sehr zum Ärger vieler Clubgenossen.

Aber wie schon bei dieser Jugend sich zur Liebe schon bald einmal der Trieb nach Erkenntnis hinzugesellt — man denke an die Herbarien, die Schmetterlingssammlungen und so vieles andere —, so geschah es auch in vergangenen Zeiten: der Naturliebende musste zum Philosophen und schliesslich zum Naturforscher werden; musste, denn die Rückkehr zur Natur, das Sichverlieren in der Natur war ja ein Unterfangen, das nie zum Ziele führen konnte; sich in die Natur einzuordnen, war unmöglich; so blieb nichts anderes übrig, als umgekehrt die Natur an sich anzuordnen und sie beherrschbar zu machen. Das ist der Weg der Wissenschaft; zuerst noch einer liebevollen Wissenschaft, wobei der Forscher wie ein Pan oder Puck oder anderer Elementargeist mit Botanisiertrommel und Geologenhammer durch Feld und Flur sich tummelt; dann je mehr die Naturbeherrschung möglich wurde, eine immer kühlere, sachlichere Wissenschaft, die sich mehr in Laboratorien und Versuchsstationen abspielt, und zuletzt überhaupt keine Wissenschaft mehr, sondern nur noch nackte Nutzanwendung, die Technik. In ihr hat sich das Schwergewicht in der Struktur des Naturgefühls endgültig verschoben von der hingebenden Liebe zur Freude am Beherrschen. Wenn wir die Kinder in unsern öffentlichen Gärten früher mit Schmetterlingsfängern sich vergnügen sahen, während sie heute bereits in kindisch-kindlichen Autos dort herum-schiessen, so ist dies nur ein Abklatsch der Entwicklung, welche die Erwachsenen vorgemacht haben.

Dass nun das Gebirge — nächst dem Meer die gewaltigste Naturerscheinung — zwar spät, aber dann mit unvergleichlicher Heftigkeit vom Naturgefühl umfasst wurde, hat seine ganz besondern Gründe. Sicherlich ist es nicht in der « Schönheit » der Berge begründet, die Schönheit des Gebirges ist eine ganz eigene ästhetische Kategorie, die erst nachträglich hineingesehen wurde. Wir können dies sofort erfahren, wenn wir etwa an berühmte Land- schaftsbilder aus den Bergen die gleichen Massstäbe anzulegen versuchen, die wir an Kunstwerke anzulegen gewohnt und berechtigt sind. Es wird wenige Bilder geben, die standhalten, bei den meisten aber werden wir im Aufbau, in den Farben oder Formen Elemente entdecken, die wir bei einem Kunstwerk als Fehler bezeichnen müssten.

Die Schönheit des Gebirgs ist eben nicht im Statischen zu finden, sondern im Dynamischen. Selbst unsere beliebtesten Veduten mit Seevordergrund, Wald- und Felskulissen und Gletscherhintergrund wirken doch recht kleinlich neben der epischen Grosslinigkeit und Weite des Meers oder einer unbebauten Ebene. Wenn wir diese letztgenannten ewig-unveränderlichen, zeitlosen Landschaftsbilder in ein Tätigkeitswort übersetzen müssten, würde uns sicherlich das Wort: Ruhen zuerst einfallen, und zwar nicht ein faules, schwächliches, sondern ein waches Ruhen im Bewusstsein seiner Kraft. Die Übersetzung des Gebirges ins Tätige aber hiesse wohl: Streben und Sichverändern. Im Dynamischen erst werden die Berge « schön », im ungeordneten Wechsel zwischen Weitblick und Eingeschlossensein, zwischen Hart und Weich, Farbe und Ein-farbig-Grau, Masse und Leichtigkeit, Dunkel und Licht, Leben und Erstarrung. Diesen dramatischen Widerstreit zwischen dem Entgegengesetzten, diese Landschaft, die in sich selber uneins und ruhelos scheint, fanden wir aber nur darum schön, weil sie die unserm Naturgefühl gemässe Landschaft ist. Sie ist ein Spiegelbild des ebenfalls ruhelosen und mit sich im Unfrieden lebenden Menschen der letzten paar Jahrhunderte.

. Aus dem gleichen Grund blieb man auch nicht beim Bewundern von unten, vom « Kurort », sondern man schritt selbst auch zur Dynamik fort, zur Besteigung. Nicht nur die Berge sind Strebende, sondern auch ihre Liebhaber sind es: in diesen gewaltsam bewegten Landschaftsformen muss das Erlebnis erwandert und erstiegen werden. Wenn man sich vor etwas Sche-matik nicht scheut, kann man die Liebhaber des Gebirgs in zwei grosse Kreise einteilen: vorerst der ältere Kreis der Wanderer, die von Tal zu Tal ziehen, durch das Wirrnis der Wälder und Karrenfelder sich emporringen, auf verlassenen Passwegen Einsamkeit und auf den Alpen und Maiensässen das erd-verwachsene Beisammensein von Mensch und Natur erfahren, dem Zufall Und den Ereignissen der Wanderschaft weitgehend preisgegeben und gehorchend. Wanderung ist ein altes äusseres Symbol der Sagen und Dichter für innere Wandlung, und wenn auch unsere Bergwanderer nichts von Gilgamesch, Parzival, Dantes Höllen- und Himmelfahrt und ihren vielen andern berühmten Vorgängern wissen sollten, sie erwarten in einem kleinern Masse doch das wesentlich gleiche, was jene erfahren haben, nämlich innere Ordnung und Aufschwung. Und wenn sie bei der Rückkehr in die Ebene rühmen, sie seien wieder wie neugeboren, sie kämen wie aus einem Jungbad, und was solcher Redensarten mehr sind, so weiss man, dass ihre Erwartung wenigstens für eine Zeitlang wieder gestillt ist.

Der andere Kreis der Bergliebenden aber, die Steiger, suchen, vielleicht in Anpassung an unsere kurzlebige Zeit, ihre Erhebung und Läuterung in der kurzen, zielstrebigen Einmaligkeit, in der Arbeit und den Gefahren des Aufstiegs, im Vorwärtsstreben, in der Erkletterung des Horizonts, der als Grat ob ihnen steht, in der Erringung des Gipfels, dieser Stelle des erhabenen Für-sich- Seins, die keinVorwärts und kein Höher mehr kennt, wo das unruhvolle Streben zwangsmässig zur Ruhe und Klärung kommen muss. Darin besteht wohl das ursprüngliche Erlebnis einer Bergbesteigung: es wird ein gesetztes Ziel vollständig erreicht, etwas, was im Leben ja sonst nicht so oft vorkommt.

Dieses Streben nach Wandlung und Läuterung ist wohl der tiefste, aber auch der mächtigste Antrieb, der die so breite und allgemeine Bewegung des Bergsteigens auslösen und tragen konnte, ja auch die beiden mehr am Tage liegenden Interessen der Alpinisten, die Forschung und die Eroberung, gehen letzten Endes auf ihn zurück. Er wirkte auch in jenen gewissenhaften Erstbesteigern um die Mitte des vorigen Jahrhunderts, die jeweils, auf dem ersehnten Gipfel angelangt, nicht vergassen, die Siedetemperatur des Wassers abzulesen, bevor sie sich eine Erquickung gönnten. Und auch unsere kühlsten und sach-lichsten « Eroberer » fühlen sich auf dem Gipfel sehr oft noch von irgendeinem Schauder umfasst, und sie vermeinen, in die leere Unendlichkeit zu blicken, während sie doch wissen sollten, dass sie nur etwa 200 km, also knappe drei Schnellzugsstunden weit sehen und dass diese schaudernd gefühlte Leere über den Abgründen ja nur ein Gemisch von Sauerstoff, Wasserstoff, Stickstoff und Wasserdampf ist.

Mit diesem letzten Satz ist die Stelle, an der wir heute stehen, wiederum bezeichnet: seitdem die Natur gemessen, verbucht und beherrscht ist, sind alle möglichen Auswirkungen des Naturgefühls abgewandelt; der Gehalt und die Energie, die es enthielt und immer wieder spendete, gehen scheinbar zur Neige; die Bewegungen, die es als Triebkraft auslöste, erhalten von ihm keinen neuen Schwung mehr, sondern laufen leer und gewohnheitsmässig weiter. Man täte gewiss vielen Hunderten von echten Bergsteigern unrecht, wenn man sie mit diesem Betrieb, wie er eingangs dieser Ausführungen kurz gekennzeichnet ward, verwechseln würde. Allein dieser Betrieb ist eben nicht nur auch da, sondern er und nicht das andere ist die Signatur der Zeit: eine ungeheure, leer laufende, klappernde Maschinerie, es wird gewandert und bestiegen, weil man es so gewohnt ist, weil es freie Samstagnachmittage und Sonntagsbillette gibt, weil die Natur angeblich schön ist, weil die andern auch wandern und bergsteigen.

Wird es gelingen, neuen Inhalt und Gefühl in die blosse Gewohnheit zu giessen? Das Mechanische wieder organisch zu machen? Ist jemand am Werk, der für kommende Generationen dies Neue vorbereitet, wie dies Petrarca für die Alpinisten des 19. Jahrhunderts tat? Zeigt es sich vielleicht schon im endgültigen Durchschlag des sogenannten Sportgeistes? Das.hiesse allerdings das Erlebnis des Bergsteigens ganz in die körperliche Leistung verlegen; also die Berge als sachliche Gelegenheit für Leistungen und nicht mehr als Gegenstand von Liebe, Forschung und Eroberung. Oder wird doch das Ganze zum blossen sogenannten Vergnügen, also einer Tätigkeit, bei der erfahrungsgemäss die Gewohnheit der grösste und das wirkliche Vergnügen der kleinste Teil ist?

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