Bergvögel

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Kolkraben.

Die Schlucht scheidet zwei Welten. Draussen gischtet der Gletscherfluss wohl noch einmal in verhaltener Wut, dann wird er gefügig, brodelt durch den Talboden, ordnet Steine und Sand zu Bänken und sprudelt durch den Erlengrund. Rings hocken die breitgiebligen Häuser behäbig in den Matten. Protzig tronen Hotelkasten jeglichen Stiles am Hang. Das Bähnchen kriecht herzu und leert Gekrimsel in die Asphaltstrassen. Und seit neuestem schleichen Benzingase durch die gezirkelten Parkbäume. Herrlich haben die Menschen den Herrgott korrigiert.

Die Schlucht scheidet zwei Welten. Drohend leckt die Gletscherzunge über die Steilwand an ihrem Ende, geifert in dunkeln Strähnen über die polierten Platten und speit Riesenblöcke in den Abgrund. Splittrige Fetzen spritzen, Eisstaub wallt in Schwaden durch den Felszirkus. Hier ist Menschenmacht zu Ende. Wohl führt hoch über dem Eisbruch ein rauher Pfad taleinwärts, tastet sich glasglatten Wänden nach, irrt durch Blockhalden und endet bei dem schlichten Steinhüttchen am Fuss des zersägten Grates. Doch ihn finden nur schweigsame Schönheitssucher, wie sie bisweilen mit nassen Stirnen und schwerer Last zu Berg steigen, und nach knapper Frist wieder mit leuchtenden Augen in den Alltag schreiten. Wenn sie den dunkeln Gemsbock in der Wand erspähen, so berechnen sie nicht seinen Fleischwert, wenn über ihnen der Adler in den Wolken jauchzt, so sinnen sie nicht an die Wege, ihn vollends auszurotten. Und des Kolkraben tiefer Ruf lässt sie lauschen und spähen, bis sie Allvater Wuotans alten Boten in der lichten Bläue finden.

Seines Bleibens im Tal ist nicht mehr, seit ihm jeder seine Beute miss-gönnt. Nun kreist der alte Rabe mit seinem Weibe hier oben von Hang zu Hang, sieht das Schneehuhn über den Flechtenboden trippeln, erspäht den schwerfälligen Alpenmolch zwischen den Kalksplittern, und der Mauerläufer, der über die Wände geistert, entgeht ihm nicht. Aber das ist alles nichts für ihn. Doch wie der Schneehase, dem ein niedersausender Stein das schneeige Fell zerrissen, gegen die Quellenmulde humpelt, seinen Schmerz zu lindern, rauschen zwei Flügelpaare über ihm, zwei stahlharte Schnäbel hacken auf ihn ein und bald ist er seiner Qualen ledig. Für heute und morgen ist das Paar versorgt.

Dann brandet die Frühsommersonne an die Plattenflucht und zaubert ungeahnte Farben aus dem spärlichen Boden. Schwere Arbeit haben nun die Rabeneltern, denn in der Steilwand, die in die Wolken pfeilt, hocken fünf nimmersatte Sprösslinge im ungeschlachten Knüppelnest und gieren heisshungrig nach Futter. Gleissende Tage steigen über den Grat. Zitterluft bebt über die rauhen Trümmer. An der Südhalde liegt ein mächtiger Porphyr-block. Schimmelfarbene Flechten klettern an ihm empor, formen die absonderlichsten Figuren und lassen zu oberst eine seichte Mulde frei. Hier liegt spiralig aufgerollt eine dunkelfarbene Kreuzotter. Tückisch zickzackt das schwarze Band über den glatten Panzer. Da huscht ein breiter Schatten über ihren Leib, und ehe sie sich dessen versieht, schlägt ein ebenholzfarbener Schnabel eine klaffende Wunde in ihren Rücken. Rasend vor Schmerz bäumt sie sich und sucht ihren Gegner. Doch der ist längst in sicherem Abstand. Dann fegt er wieder über das scheussliche Reptil, trifft hier und dort, während die Schlange vergeblich versucht, ihre Giftzähne zum tödlichen Biss einzuschlagen. Der Kolkrabe kennt das Gesindel gut genug und weiss, wie ihm beizukommen ist. Die Mutter geht inzwischen ruhig nach anderer Beute aus. Sie ist ihres Gatten Sieges zu sicher, als dass sie ihm beistehen müsste. Doch lange geht es, bis die letzten Zuckungen in des Wurmes Leib verheben. Da reisst ihn der blitzende Vogel auf und wuchtet mit hartem Flügelschlag zu seinen Kindern im Felsennest.

Es kommen wohl grimme Tage, aber das Kölkrabenpaar weiss immer Atzung aufzutreiben. Alles irgendwie Verdauliche wird zur Nahrung erkoren, Insekten, Würmer, Schnecken, selbst Aas, ja dieses eigentlich am allerliebsten. Und dann herbergt das Tal jederzeit Gäste, die ihm nicht zur Ehre gereichen. Die nasskalten Sommerwochen haben schleichende Seuchen in ihrem Gefolge. Die jungen Murmeltiere wachsen kümmerlich empor, die kleinen Schneehühner sind nicht alle lebensfähig. Die Schwächlinge, die Kranken beseitigt der Rabe. Es ist seine Aufgabe im grossen Haushalt der Natur. Er hilft mit, die Arten der Bergtiere stark zu erhalten, widerstandsfähig gegen brausende Winterstürme wie eisige Nächte, gewappnet gegen jeden Feind, scharfsinnig gegen jegliche Gefahr.

Wenn die hohen Weiden im Herbstgold brennen und blausilberner Duft die Felsstürze umspielt, dann kreisen die schwarzen Kämpen zwischen den blendenden Gletscherströmen, fegen mit angepressten Schwingen über die Schroffen, umspielen sich stundenlang und setzen sich endlich auf die rauhen Zacken. Sonnenfunken tanzen über das schwarze Gefieder und malen purpurne und smaragdene Lichter drein. Aus den nachtdunkeln Räubern sind herrliche Sonnenvögel geworden. Stolz reckt sich der alte Rabe auf dem mächtigen Granitblock und äugt um sich. Wie aus Erz gehauen wächst er aus dem Fels. Ja, der Berg ist sein eigen — er gehört dem Berg. Einst, als der Wald noch ungehemmt in wildem Kampf der Laue wehrte, als seine meterdicken Stämme im Zwielicht vermoderten, als Bär und Luchs noch im Lande herrschten, da echote des Kolkraben Bass auch in den Wänden der Vorberge. Fern liegt diese Zeit. Die wilden Kämpen des Waldes sind längst nicht mehr. Gezirkelte Pfade durchziehen heute den sorgsam frisierten Wald, geschmückt mit Wegzeigern und Verbottafeln. Einsam ist es um den Kolkraben geworden, seit Menschenwerk immer gieriger in die Berge fingert. Noch hat er letzte Zuflucht im drohenden Felszirkus, durch den die Gletscherstürze brechen. Bald, wenn die Herren der Schöpfung die Welt vollends ver-mastet und verdrahtet haben, wird sein Balg in Museumskasten vermodern, geopfert dem Fortschritt der hohen Kultur.

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