Bergwanderung in den «Canadian Rockies»

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Anita und Christoph Iseli, Vancouver, Kanada Im Frühling 1966, kurz nach unserer Hochzeit, haben wir uns entschlossen, für einige Jahre nach Kanada zu ziehen, um, wenn auch etwas verspätet, doch noch ein wenig vom Goldrausch zu erleben. Zwölf Monate hatten wir schon in Ontario verbracht. Oft sehnten wir uns nach einer tollen Bergwanderung, aber eben - der ganze Landstrich von Ontario bis hinein nach Mittel-Alberta ist mehr oder weniger Flachland. Im darauffolgenden Frühjahr zogen wir aber dann durch die nördlichen Staaten von Amerika weiter in den kanadischen Westen, nach Calgary. Calgary, die Kuh- und Ölzentrale Kanadas, liegt in den « Foot Hills » der Rockies und ist der geeignete Ausgangspunkt für flotte Bergwanderungen, zum Beispiel ins Gebiet des Mt. Assiniboine, und diesen Weg wollten wir bei nächster Gelegenheit unter die Füsse nehmen.

Es war ein wunderbarer Sommermorgen am I o. August, die Sonne erhob sich eben wie ein feuriger Ball am Horizont, als wir zusammen mit Brigitte und Wolfgang im « Strassenkreuzer » auf dem breiten Highway Richtung Banff flitzten. Alle hatten zwar noch verschlafene Augen, doch die einmalige Stimmung weckte unsere Lebensgeister. Nach 8ominütiger Fahrt bogen wir in Canmore, einer alten Minenstadt, auf eine staubige Kiesstrasse ab. Auf der schmalen « Gravel Road », die sich an einem Stausee vorbei auf einem Felsenband zum Spray Lake windet, war unser « Schiff » nicht mehr sehr geeignet. Der Pfad, der hier dem See entlang führt, wurde immer enger, und wir riskierten kein Morgenbad. Also beluden wir uns mit Ruck- und Schlafsäcken und machten uns frischgelaunt auf den Weg. Der Spray Lake liegt in einem Hochtal und ist ganz von Wald eingerahmt. Die gute Stimmung verging uns aber bald ein bisschen, als wir feststellen mussten, dass sich der See ganz be- trächtlich in die Länge zog. Hätte uns nicht ein gutmütiger Kanadier mit seinem Jeep mitfahren lassen, wären wir wahrscheinlich nie an unser Ziel gelangt. Am Ende des Sees stärkten wir uns zuerst einmal kräftig, bevor wir den eigentlichen Anstieg in Angriff nahmen. Dann wurde die Kuhglocke an den Rucksack geschnallt, und los ging 's. So lustig das tönt, so praktisch ist es. In den kanadi-dischen Wäldern kommen die Braun-, Schwarz-und in höheren Regionen die Grizzlybären noch ziemlich häufig vor. Diese Tiere greifen allerdings nie einen Menschen an, es sei denn, sie werden aufgeschreckt oder, was leider noch oft passiert, von Touristen absichtlich belästigt. Wir haben uns deshalb vorgenommen, die Herren Bären frühzeitig durch unseren Lärm zu warnen. Der Trail führte nun durch einen wunderschönen hochalpinen Nadelwald. Ab und zu pflückten wir einige von den herrlich duftenden Walderdbeeren. Bald gurgelte der Bergbach rechts, bald links von uns, und sein klares, sauberes Wasser diente uns oft als Erfrischung. Die Sonne schien nun in ihrer ganzen Fülle vom tiefblauen Himmel auf uns herab; darum waren wir froh, nach dreistündigem Tippel die Warden-Station, die auf einer offenen Matte steht, zu erblicken. Da es inzwischen schon 2 Uhr mittags geworden war, konnten wir uns keine allzu lange Rast leisten. Also machten wir uns, nachdem wir die einzigartige Umgebung genossen hatten, wieder auf die Socken. Der Weg schlängelte sich nun durch das offene Tal, durch Wald und verlor sich dann endlich im dichten, niedrigen Buschwald. Von weitem erblickten wir ein ganzes « Teepee-Dorf » ( TeepeeIndia-nerzelt ), das natürlich heutzutage nicht mehr von Indianern bewohnt ist, sondern als Gaststätte für Wanderer gebraucht wird. Von hier aus unternimmt der wohlhabende Amerikaner seine Bergausflüge hoch zu Pferd.

« Sieht man wohl vom nächsten Hügel aus den Mt.Assiniboine schon? » fragten wir uns bald ganz verzweifelt, denn das Auf und Ab im Busch wollte kein Ende nehmen. Die Gegend war einmalig schön; doch unsere Beine fingen an zu streiken, waren wir doch schon bald acht Stunden unterwegs und dazu auch ziemlich beladen. Zu unserem grossen Erstaunen trafen wir noch den Parkwarden, der uns die wenig aufheiternde Nachricht brachte, dass in der Umgebung der Mt. Assiniboine Lodge eine Grizzlybären-Fami-lie herumstreiche und die Leute belästige. Er gehe jetzt seine Flinte holen; man könne ja nie wissen. Er riet uns, gut aufzupassen und viel Lärm zu machen. Gesagt, getan. Unsere Glocke bimmelte fröhlich weiter, und wir versuchten, trotz allem auch noch ein paar Töne aus unseren vertrockneten Kehlen zu würgen.

Endlich erreichten wir unser langersehntes Ziel - den Mt. Assiniboine Pass. Nun konnten wir uns überzeugen, weshalb dieser Mt. Assiniboine mit Recht als kanadisches Matterhorn bezeichnet wird. Es ist ein eindrücklicher Berg, und zusammen mit den kristallklaren Bergseen im Vordergrund bot er einen wohltuenden und einmaligen Anblick. Da diese vorerwähnte Lodge nicht ganz für unseren Geldbeutel bestimmt war, zogen wir den billigeren Weg vor und nisteten uns in einer alten, verlotterten, aber sehr romantischen Blockhütte des « Canadian Alpine Club » ein - nachdem wir durchs Fenster eingestiegen waren. Endlich wussten wir uns vor den Bären geschützt und bereiteten eifrig unser Abendbrot. « Wolfgang und ich nehmen noch ein Fussbad », meldeten wir nachher unseren Frauen, und weg waren wir im kühlen Nass... Eine Stunde später wurde an unserem Badeplatz ein vierjähriger Grizzly erschossen!

Trotz eines zünftigen Gewitters, der Löcher im Dach und der Mäuse im Haus verbrachten wir eine herrliche Nacht. Als wir bei ausgiebigem Frühstück sassen, guckte plötzlich der pflichtbe-wusste Warden durch das Fenster und grüsste uns mit einem « Good morning, folks ». Ob uns die Bären nicht gestört hätten, wollte er wissen. Ob- wohl sehr ungern, habe er einen abschiessen müssen, gestand er uns bedauernd. Da es diesen Sommer nicht viel Beeren habe, suchten sich die Tiere das Futter eben woanders. Er wünschte einen angenehmen Tag, gab uns noch einige Ratschläge und machte uns darauf aufmerksam, dass noch zwei Bären in der Landschaft herumstrolchten.

Nachdem wir unsere zum Teil zerschundenen Füsse verpflastert und eingebunden hatten, machten wir uns auf zu den Cabins der Lodge, wo der tote Bär, umringt von « Gwundrigen », im Gras lag. Puh, wie doch so ein Tier die Luft verpesten kann! Und die Zähne — nein, schon lieber keine Begegnung mit solch einem Burschen!

Mit ein wenig gemischten Gefühlen begaben wir uns schliesslich talaufwärts. Noch über eine Stunde führte der Weg über grosse Bergwiesen mit wunderbarer Flora, durch Buschwald -durch richtiges Bären-Country. Natürlich schauten wir uns immer wieder um, ob uns wohl nicht so ein Zotteltier verfolge. Plötzlich entdeckte Anita am gegenüberliegenden Grat etwas Dunkles, etwas sich Bewegendes - einen Grizzly! Vor Schrecken blieb ihr beinahe das Herz stehen. Nach einem kurzen Zögern musste sie uns wohl oder übel einweihen. Doch wir hatten natürlich auch nicht geschlafen. Voller Entsetzen starrten alle vier auf den lebenden Punkt. Mutig, einander gegenseitig aufmunternd, zogen wir weiter. Mit viel Lärm erklommen wir den Grat. Oben angekommen, konnten wir vom Bären natürlich nichts mehr sehen; der war schon über alle Berge. Auf dem Marvel Pass - so heisst der Übergang - schalteten wir eine kurze Verschnaufpause ein, schössen einige Photos, und bald ging 's abwärts. Recht steil führte der Pfad durch lichten Föhrenwald, und schon kam der tiefblaue Marvel Lake in Sicht. Bei brütender Hitze durchquerten wir eine Geröllhalde, und unsere Kehlen sehnten sich nach etwas Nassem. Für unsere geschundenen Füsse war dieser Trail allerdings nicht gerade angenehm. Bald nahm uns jedoch wieder der kühle, mit herrlicher Bergluft gesättigte Wald auf. Nach einem Dreistundentippel erreichten wir mit schlotternden Knien den Talkessel, badeten unsere erhitzten Füsse in einem Bergbach und stillten den Hunger.

Die letzte Etappe wollte und wollte kein Ende nehmen. Petrus liess uns überflüssigerweise auch noch im Stich: Innerhalb kurzer Zeit war der Himmel mit schweren, dunklen Wolken verhangen, und ein hässlicher Sturm kam auf. Nun hiess es sich sputen, denn wir hatten keine grosse Lust, durchnässt zu werden, und glücklich trafen wir denn auch eben bei den ersten Pferdestallungen am Spray Lake ein, als das Gewitter losdonnerte.

Unter dem Vordach der Stallungen diskutierten wir die grosse Preisfrage: Wie kommen wir wieder zu unserem Wagen? Sollen wir die 18 Meilen zu Fuss in Angriff nehmen? Zwei Öster-reich-Kanadier erbarmten sich wenigstens unserer Frauen; Anita und Brigitte durften mit dem « 4-Wheel-Drive » mitfahren und waren demzufolge mehr oder weniger versorgt. Spanische Nüssli essend, sassen Wolfgang und ich nun da und harrten der Dinge, die leider nicht kamen. Nach einer Stunde machten wir uns auf, Meile um Meile... Schon planten wir ein Camp im kanadischen Busch. Doch endlich, nach einem Marsch von sechs Meilen, tuckerte ein Motor in der Ferne, und unsere Hoffnungen stiegen wieder. Gott sei Dank, wir durften einsteigen! Bald kam auch Wolfgangs Wagen in Sicht. Dort angekommen, stellten wir fest, dass sich unsere Frauen schon für ein « romantisches » Übernachten bereit gemacht hatten.

Kurz und gut: wir erreichten Calgary rechtschaffen müde; doch diese eindrückliche, erlebnisreiche Tour werden wir nicht so bald vergessen, lernten wir doch dabei die wilde und wirklich unberührte Natur Kanadas erst richtig kennen und schätzen.

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