Bericht der ersten Matterhornersteigung von der italienischen Seite

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16. und 17. Juli 1865.Von Abbé Amé Gorret.

Übertragen von Alfred Graber.

Die Vorliebe für Fahrten und Besteigungen datiert in meinem Lande von noch nicht lange her; obwohl von prächtigen Bergen umgeben, kannten wir sie kaum. Einzig die Gemsjäger kannten die Pässe, und die Turisten wurden bei ihrem Kommen wie Wundertiere angestaunt. Das Matterhorn, dieser so stolze und schöne Berg, den wir alle Tage sehen konnten, dieses Matterhorn, bei dessen Anblick die Fremden von Bewunderung überwältigt wurden, dieses Matterhorn sagte uns nichts. Es war so unbekannt, dass ich mich daran erinnere, zu verschiedenen Malen gehört zu haben, dass das, was wir den Col du Lion nennen ( zwischen der Tête du Lion und der Pyramide des Matterhorns ), der Übergang von Hérens sei und dass dahinter Hérens oder etwas Ähnliches liege. Während des Sommers im Jahr 1857, als schon die Turisten — die Engländer vor allem — das Val Tournanche in viel grösserer Anzahl als zuvor durchwanderten, sprach jemand von der Besteigung des Matterhorns. Ich war damals in meinen Ferien, die ich als Seminarist hatte; und diese Idee einer Besteigung, über die jeder mitleidig lächelte und die man als einen Wahnsinn betrachtete, diese Idee gefiel mir, wie auch Jean-Antoine und Jean-Jacques Carrel. Ohne das Ziel unseres Unternehmens genauer angeben zu wagen, brachen wir eines Tages vom Chalet d' Avouil auf, mit einer kleinen Axt, um Stufen im Eis zu schlagen, mit einem Stück Schwarzbrot in der Tasche und etwas Schnaps. Wir kletterten durch den Cou du Monthabert und gelangten auf die Tête du Lion. Hérens war nur das Zmuttal, der Pass ein ungangbares Couloir, das fast überhängend war. Wir unterhielten uns einige Stunden damit, Steine in die Abgründe, die uns umgaben, zu rollen, und, ohne selbst die Pyramide des Matterhorns zu berühren, stiegen wir auf dem gleichen Wege ab, den man seither zum Aufstieg benutzt.

Von diesem Tage an wurde die Besteigung des Matterhorns für uns zur fixen Idee. Carrel hatte sein Matterhorn im Kopf, ich dachte an den Berg während des Tages, ich träumte von ihm in der Nacht, für mich war er ein Albdruck. Jedes Jahr brachte neue Versuche, jeder Versuch endete mit einer neuen Niederlage, jede Niederlage war eine neue Herausforderung. Die Geldmittel fehlten, und anstatt auf Ermutigung traf man nur auf Spott. Während einiger Jahre konnte ich nicht an diesen Versuchen teilnehmen, weil ich nicht über meine Zeit verfügte. Im Jahre 1862 brachten Tyndall und Whymper mehr denn je Leben in dieses Besteigungsproblem, sie rechtfertigten diese Versuche in den Augen des Volkes dadurch, dass es Verdienst und Tagelohn gab. Tyndall auferlegte der Schulter seinen Namen und pflanzte dort eine Fahne auf, wie um die Grenze des Möglichen zu bezeichnen. Whymper setzte sein Leben aufs Spiel und verlor den Mut nicht; seine kühnen und steten Versuche brachten ihm den Erfolg, er hatte ihn wohlverdient.

Endlich im Jahre 1865 bekam ich den Juli zu meinem Ferienmonat. Sofort eilte ich nach Valtournanche. Angekommen sprach ich mit den Carrel, um einen Besteigungsversuch zu organisieren; inzwischen ging ich meinen Vater besuchen, der auf dem Theodulpass weilte. Als ich vom Pass herunterkam, hatten sich die Carrel eben an Whymper verpflichtet für die Besteigung des Matterhorns am 9. und 10. Juli bei schönem Wetter. Der Versuch sollte von der Schweizerseite her stattfinden. Am vorangehenden Tag, am 8. Juli, traf von Turin her Ingenieur Giordano ein, der Carrel, den Bersagliere, seit einem Jahr in Dienst hatte. Grosse Verlegenheit für Carrel. Giordano hätte niemals gewollt, dass Carrel seine Verpflichtungen gegenüber Whymper nicht erfülle. Carrel aber konnte und wollte Giordano nicht verlassen; dennoch, er war ja gebunden. Schliesslich löste das Wetter diese Frage — es wurde schlecht.

Giordano war nach Valtournanche gekommen, um eine vernünftige und entscheidende Erforschung des Matterhorns in die Wege zu leiten, das er studieren und besteigen wollte, um entweder diesem berühmten Gipfel seinen Ruf als unersteiglichen Berg zu bestätigen oder um ihm seinen Nimbus zu rauben. Bis jetzt hielten sich die Wahrscheinlichkeiten des Möglichen oder Unmöglichen die Waage. Auch war der Ingenieur mit allem nötigen Gerät versehen für das Ziel, das er sich gesetzt hatte: Seile, Eisen, Steigeisen, Zelte usw. Sofort organisierte sich eine Expedition, eine Gruppe von Führern unter der Leitung von Carrel, dem Bersagliere, um den einzuschlagenden Weg zu prüfen und dem Ingenieur darüber Bericht zu erstatten. Zwei Mann sollten täglich die notwendigen Vorräte von den Alphütten bis zum Zelt tragen; das Zelt sollte am Fusse der Pyramide aufgeschlagen werden, so hoch oben als möglich. Vier Führer, an ihrer Spitze der Bersagliere, hätten die Route zu studieren. Da die Führer die gleichen waren, die mit mir die früheren Versuche unternommen hatten, stellte ich mich Herrn Giordano vor, der mich freundlich aufnahm und mich in seiner Begleitung zurückhalten wollte bis zum Bericht des Stosstrupps. Die Gruppe brach am Morgen des 11. auf, voll Schwung und Mut, alles liess auf einen Erfolg hoffen. Während dieser Zeit unternahm Herr Giordano mit mir die Besteigung des Theodulhorns, um das Matterhorn im Gesamtanblick seiner majestätischen Pyramide zu studieren. Mit Ferngläsern suchten wir die Führer längs des Grates, als wir am Nachmittag des 14. gegen 2 Uhr plötzlich Leute auf der höchsten Spitze sahen. Welch eine Freude. Schnell die Vorbereitungen zum Empfang. Wir steigen ab, wir werden die Fahne aufziehen. Das Matterhorn ist besiegt, es ist uns unterlegen, es gehört uns!

Am Morgen des 15. hat sich alles geändert. Die Kundschafter sind zurück, traurig, abgeschlagen, verwirrt, enttäuscht, entmutigt. Sie waren erst auf der Schulter, einige Schritte diesseits des Pic Tyndall, als Whymper und seine Leute ihnen mit Geschrei vom Gipfel der Pyramide her zuriefen. Was für Eindrücke müssen in diesem Augenblick die Führer von Valtournanche gehabt haben? Das kann sich wohl jeder selber denken. Sie werden sich schweigend angeschaut haben, dann werden sie die Augen gesenkt und den Rückweg ebenso schweigsam angetreten haben. Hatten sie etwa bisher zu viel geredet und gejubelt?

Herr Giordano machte ihnen keinen einzigen Vorwurf, er versuchte sie sogar von ihrer Niedergeschlagenheit zu befreien. Er äusserte nur die Bemerkung, dass sie wenigstens die Frage hätten lösen sollen, ob eine Besteigung über die italienische Seite möglich sei. Mit dieser Frage war man immer noch am selben Punkt wie vor dieser Erkundung. Das Problem schien mir zu einer negativen Lösung hinzuneigen. Der Ingenieur sagte zu den Führern: « Bis jetzt habe ich mich für die Ehre eingesetzt, die Besteigung als Erster zu vollführen, das Schicksal war gegen mich, man kam mir zuvor! Wenn ich jetzt noch einige Opfer bringe, dann ist es für euch, für eure Ehre und euer Interesse. Wollt ihr wieder aufbrechen, um die Frage zu entscheiden? Dass man sich wenigstens über diesen Punkt keine Illusionen mehr macht! » Die Antworten waren unzusammenhängend, verlegen, unüberlegt und entmutigend. Whymper hatte gesagt, als er das Hotel von Giomein bei seiner Abreise nach der Schweiz verliess: Ihr werdet nie etwas mit den Führern von Valtournanche erreichen, sie arbeiten nicht um der Ehre willen, sie suchen nur den Taglohn. Was mir zuerst nur eine ärgerliche Laune schien, das konnte jetzt als Wahrheit erscheinen. Giordano machte um meines Landes willen Angebote, wie sie niemals mehr gemacht werden würden. Mein Land war in seiner Ehre gekränkt, es hatte ein Kleinod verloren. Ich litt.

« Ihr verzichtet also auf das Matterhorn, ihr wollt nicht mehr aufbrechen? Ich werde gehen, wer folgt mir? » Carrel der Bersagliere: « Ich für meinen Teil habe nicht verzichtet; wenn Ihr geht oder wenn die andern wieder gehen wollen, dann komme ich sofort mit. » — Nun sind wir also schon zwei, wer kommt nochIch nicht I — Ich auch nicht. Und wenn man mir tausend Franken gibt, würde ich 's nicht mehr versuchen. Dann werden wir eben nur zwei sein, aber wir werden gehen. So stellte sich die Partie wieder zusammen. Das war am 15. gegen Mittag. Der Rest des Tages verging in Vorbereitungen für den Abmarsch, der auf den Vormittag des 16. Juli festgesetzt wurde. Abends fanden wir noch zwei neue Begleiter, Jean-Baptiste Bich, genannt Bardolet, und Jean-Augustin Meynet, beide Hausknechte bei Herrn Favre, dem Hotelbesitzer von Giomein.

Herr Giordano wollte uns begleiten, aber die Unsicherheit der Route, die Schwierigkeiten, die sich uns im unerforschten Teile, vor dem man stets zurückgewichen war, begegnen konnten, und die Unsicherheit des Wetters zwangen uns, ihn zurückzuweisen. Carrel erklärte kategorisch, dass er sich nicht sicher genug fühlte, jetzt einen Turisten dort hinauf zu führen.

Ich stellte der Expedition eine Bedingung. Der Ingenieur, obwohl er der Freude beraubt war, die Besteigung selbst auszuführen, lieferte uns alles Nötige. Es durfte also keiner von uns im Taglohn oder gegen sonstige Bezahlung arbeiten, wir gingen freiwillig für die Ehre unseres Landes, es war eine Expedition nationaler Rache; ich verlangte sogar, dass auch die Vorräte uns nur während des ersten Tages getragen wurden, um so von niemandem mehr abhängig zu sein bis zur Rückkehr und um selbst nicht irgend- welche Ablenkung durch Neuigkeiten zu haben. Man musste das Meer überqueren und das Schiff verbrennen! Meine Bedingungen wurden angenommen. Ich verbrachte die Nacht in Avouil mit meinen Begleitern, um die Vorbereitungen zu beenden.

Am 16. Juli, 4 Uhr morgens sind wir auf den Beinen. Nach einem Halt bei der Kapelle von Breuil bekleidet und bewaffnet sich jeder nach seinem Belieben. Ich für meinen Teil ziehe einen Jägeranzug an, stopfe den untern Teil der Hosen in die Strümpfe, um beim Marsche weniger behindert zu sein, nehme meinen geliebten mit Eisen beschlagenen Stock, und um halb 7 Uhr beginnen wir die Besteigung.

Ein Maultier trug unsere Vorräte bis oberhalb von Mont de l' Eura, am Fuss der Tête du Lion, in zwei Stunden Entfernung von Giomein. Nach einem sehr frugalen Frühstück verteilten wir die Vorräte unter uns, da wir sie nun selber tragen mussten. Ich hatte die Seile, Carrel seinen Militärtornister, die vier andern ( wir hatten zwei Träger mit bis zu dem Punkte, wo das Zelt aufgestellt werden sollte !) nahmen den Rest der Vorräte in Säcke, die sie so hergerichtet hatten, dass sie sie auf dem Rücken tragen konnten, um im Marsche nicht gehindert zu sein und um die Hände frei zu haben, falls sie sich an die Felsen klammern mussten. Diese Art, die Säcke zu tragen, belustigte uns sehr durch den malerischen Anblick, den dies der Karawane gab.

Wir begannen den Col du Lion gegen 9 Uhr zu erklettern, um 10 Uhr waren wir auf der Höhe des Couloir Whymper, wo der in grossen Flocken niedergehende Schnee uns letztes Jahr aufgehalten hatte. Wir hatten dort etwas Wildheu in einer Felsspalte verborgen; Bich füllte jetzt damit seine Bluse und vermehrte seine Traglast durch diese Zutat. Die Rinnen, die man längs des Col du Lion traversieren muss, sind oft sehr gefährlich, wenn es viel Schnee hat. Ich liebe diese Querungen über Abgründen nicht, ich klettere viel lieber. Dieses Jahr aber waren die Couloirs leicht, der Schnee war weg, und man musste nur etwas aufpassen, dass man seine Füsse solid aufsetzte. Dennoch hielten wir es für klüger, uns durch ein langes Seil in einigen Meter Abstand voneinander zu verbinden. Ich wurde dadurch stark entlastet.

Endlich überqueren wir die Senkung des Col du Lion und berühren die Pyramide des Matterhorns. Das Matterhorn stand also jetzt vor mir, wir werden es angreifen mit einer letzten und äussersten Anstrengung. Ich war stark beeindruckt und meine Begleiter mit mir. Mein Herz schlug heftig, ich konnte meine Eindrücke nicht mehr zergliedern, ich hatte Herzklopfen. Ich hätte dieses Matterhorn umarmen mögen!...

Die erste Strecke längs der Pyramide des Matterhorns ist ziemlich leicht, man klettert während einer halben Stunde über diese beweglichen Steintrümmer, denen man auf allen Bergen begegnet. Wir verfolgten den Grat und vermieden auf diese Weise die durch die Couloirs rollenden Steine, aber am Ende dieser Strecke muss man eine Felsspalte passieren, die drei bis vier Meter lang ist. Dort klettert man wie die Kaminfeger, man hilft sich mit den Ellbogen, den Knien, den Füssen und den Händen. Wir nannten diesen Ort lo Ciarfou ( das Kamin ).

Um 1 Uhr nachmittags gelangten wir an die Stelle, wo man bei der vorhergehenden Expedition das Zelt aufgeschlagen hatte. Da es noch sehr früh am Tage war und wir vom Wunsch, den Gipfel zu erreichen, verzehrt waren, wollten wir das Zelt höher oben aufstellen bei der Cravate oder beim Collier de la Vierge. Carrel glaubte aber nicht, dies machen zu dürfen, er kannte ja den Berg auch besser als wir. Hier war der schönste und bequemste Platz. Auf jeden Fall würde am folgenden Tage jeder von uns seine Decke mitnehmen, wenn wir etwa nicht bis zu diesem vorzüglichen Zelt zurückkehren könnten und gar weiter oben schlafen müssten.

Jeder legt seine Last nieder. Wir seilen uns los und machen uns an die Arbeit des Zeltaufstellens. Im Augenblick ist es aufgerichtet. Ist der Koch bereit? Und trinken?... Hol dir zu trinken, aber was Gutes!...

Wir seilen uns wiederum an und steigen längs der Felsen an, um in einem Blecheimer einen kleinen Wasserstrahl aufzufangen, der vom Schneeschmelzen herstammt. Wasser, das Felsen entlang fliesst, ist kaum gut. Es ist fad und schmeckt nach Fels. Man muss es trinkbarer machen entweder durch Vermischen mit Wein, Zucker oder Zitronensaft.

Nach der Mahlzeit steigen unsere beiden Träger wieder ab, und wir betrachten den Fels über uns. Es ist ein ungeheurer, fast senkrechter Turm, zu beiden Seiten liegt das Leere, der Abgrund.

« Aber wo gehen wir morgen durch ?» fragt Bich. « Das dürfte doch klar sein, da wir bergauf müssen, rauf über diesen Fels. » « Da muss man ja Affe oder Eichhörnchen sein? » « Wir werden es schon versuchen. » Den Rest des Tages über betrachteten wir das ungeheure Panorama, das sich vor unseren Augen entrollte, es war ein Gefolge von Bergen, Gletschern, Gipfeln, Felsen, die sich voneinander durch etwas Dunstiges, Unbestimmtes trennten, dass wir sie nicht auseinanderhalten konnten.

Abends, obwohl wir auf Fels und in so grosser Höhe lagen, litten wir keineswegs unter der Kälte. Unser Zelt war sehr klein, und wir konnten uns alle vier nur drin aufhalten, wenn je zwei auf einer Seite lagen. Das Thermometer zeigte im Zelt 6°, in der freien Luft 1,5°. Wenn das Wetter schön ist, dann sind die Abende am Matterhorn herrlich, man sieht die Dunkelheit langsam ansteigen und die Täler überschwemmen, und wenn dann der Mond erscheint, dann erblickt man ganz verschwommen dieselben Täler, aber in einer grossen Tiefe und sehr fern. Und dann ahnt man plötzlich, wie hoch oben man ist.

Am Morgen des 17. nahmen wir den Kaffee, nachdem wir einige Eisstücke durch unseren Spirituskocher zum Schmelzen gebracht hatten. Dann seilten wir uns am Eingang des Zeltes wieder an, steckten nur das Allernotwendigste an Vorräten zu uns und begannen den Anstieg. Der Tag war schön. Die erste Strecke, die Erkletterung des Turmes, war schwierig: das Wasser, das in der Sonne den Felsen entlang herunterfloss, war gefroren während der Nacht. Wir wussten nicht, wie wir uns anklammern sollten, die Knie wollten sogar rutschen, und die Finger waren steif vor Kälte. Selbst die Sonne schien auf ein bisschen Wärme zu warten, bevor sie sich hervor-wagte. Es bewegte sich stets nur einer von uns, die andern standen still und legten das Seil um irgendeine Felsspitze, um Unfällen vorzubeugen. Wir befolgten dieses System auch den Rest des Tages; es hat den Vorteil, dass der, der marschiert, drei hat, die ihn überwachen und sich dafür interessieren, dass er seine Füsse solide anbringt, dass er mit seinen Händen feste Steine umklammert, denn wenn jemand einen Griff verfehlt, dann wäre die kleinste Unaufmerksamkeit nicht wieder gutzumachen. Die andern, die sonst den Stoss nicht aufzuhalten vermöchten, selbst wenn sie gut stehen, können jetzt nur einen Gegenzug tun; das ist schnell getan auch an den gefährlichsten Orten, über Abgründen ohne Ende wie die, die uns umgaben.

Nach der Ersteigung des Turmes verlässt man den Grat, um durch ein schlechtes und sehr gefährliches Couloir die Seite von Valtournanche wiederzugewinnen. Es ist wie ein Trichter. Von dort traversiert man ein kleines, mit sehr hartem Schnee bedecktes Plateau, dann gelangt man nach einigen Minuten zum Seil. Tyndall hatte hier bei einem Ersteigungsversuch ein Seil zurückgelassen. Die vier Kundschafter von Valtournanche hatten es in gutem Zustand vorgefunden, trotzdem es ganz gebleicht geworden war. Dennoch wagten sie nicht, sich gänzlich darauf zu verlassen. Sie ersetzten es durch ein stärkeres Seil, beim Abstieg aber liessen sie nur eine Schnur zurück. Wir mussten also zuerst wieder ein schmaleres Seil durchziehen, dann das doppelt genommene Kabel. Dann banden wir uns, immer nur je einer, am äussersten Ende des Kabels fest und zogen das andere Ende gegen uns. Auf diese Weise kletterten wir mehr als zwanzig Meter senkrecht aufwärts. Auf der Höhe des Seiles liegt ein Felsenfenster, wo der Wind immer sehr heftig weht, daneben der sogenannte Hahnenkamm. Von dort bis zur Pyramide an der Schulter ist dann die Strecke leicht, man befindet sich wieder auf dem Grat.

Um 9 Uhr waren wir bei der Pyramide der Schulter. Von dort bis zum Pic Tyndall ist der Weg ziemlich schwer für einen, der sich nicht schwindelfrei fühlt. Man marschiert horizontal auf einer Schneide mit den Abgründen zu beiden Seiten, und man ist alle Augenblicke gezwungen, hinunterzuschauen.

Um 10 Uhr hatten wir den Pic Tyndall hinter uns. Wir nahmen Tyndalls Stock mit, um unsere Fahne daran zu befestigen. Wir ruhten uns einen Moment aus auf einem Fels neben dem trennenden Einschnitt zwischen der Schulter und dem Gipfel. Nun werden wir auf unbekanntes Gebiet vordringen. Keiner von uns war je weitergegangen.

Es schien mir das Gegebene, die Besteigung so gut wie immer möglich über den Grat fortzusetzen, aber Carrel wurde durch einige etwas rötlicher schimmernde Felsschichtungen angezogen, er glaubte, diesen Weg wählen zu müssen, um auf die Schweizerseite zu gelangen. Nachdem wir auf unserem felsigen Rastplatz alle Vorräte zurückgelassen hatten ausser zwei Seilen ( an das eine waren wir gebunden, und das andere war für unvorhergesehene Zwischenfälle ), brachen wir wiederum auf. Die Überschreitung der Schulter-scharte ist sehr schwierig. Man muss sie überqueren, indem man von einem Fels zum andern, der mehr als einen Meter höher liegt, langt. So bildet man eine Brücke über dem Abgrund, auch ist der Fels nicht immer fest.

Wir krochen an den Fels geschmiegt, und wir waren schon fast in der Hälfte der Flanke des Matterhorns, die in das Zmuttal niederblickt, als Eisschollen und Felsstücke, die aus der Richtung des Gipfels kamen, uns erschreckten. Dann sahen wir auch keinen Ausweg mehr. Wir klommen also wieder aufwärts durch den senkrechten Fels. Auf dieser Strecke opferten wir am meisten Zeit und Mühe. Endlich gelangten wir an den Fuss des letzten Kopfes, der ein wenig überhängend ist. Wir sahen die Eisstücke über unsere Köpfe fliegen, ohne dass sie uns erreichen konnten; wir sahen auch, wie sie auf dem Teil der Felsen zerschellten, die wir eben durchklommen hatten. Obwohl diese Stelle nicht breiter als zwei Meter ist und eine Neigung von 75 Prozent besitzt, benannten wir sie doch mit allerhand schmeichelhaften Namen, wie Korridor, Galerie, Eisenbahn usw. Wir klammerten die Hände an die obere Felspartie und schlichen dieser Galerie entlang. « Nichts zu machen », schrie Carrel an der Spitze der Bande. « Um so besser », antwortete Meynet, der am Ende ging. Er hatte verstanden « ausser Gefahr ». Ein bisher ungesehenes, einige Meter breites Couloir trennte uns vom Grate, von wo aus der Weg leicht und gefahrlos war. Wir prüften die Stelle genau und sahen, dass man sieben oder acht Meter weiter unten den Grat und das Ziel erreichen konnte. « Seilen wir ab! » Ja, aber wo? Wir hatten nicht einmal Zeit, einen Eisenring im Fels anzubringen. Sonst aber kommen wir hier nicht weiter, und doch sind es nur noch einige Schritte. Das ist das letzte Hindernis. Wir beratschlagen. Ich war der schwerste und stärkste, wenn man mich mit Gold aufgewogen hätte, so würde ich nicht nachgegeben haben, aber hier handelte es sich um ein Opfer, und ich brachte es. Ich verstemmte meine Absätze über dem Abgrund, lehnte den Rücken an den Fels und presste die Hände über der Brust zusammen, so seilte ich zwei meiner Gefährten ab. Der dritte wollte bei mir bleiben, ich war glücklich.

Einige Minuten später waren meine Begleiter ausser Gefahr, auf einem leichten Weg. Sie rannten. Mein Opfer lastete auf mir. Rittlings sass ich auf dem Grat, schaute ihnen zu und ermutigte sie. Mit den Absätzen schlug ich auf das Matterhorn ein, wie um es fühlen zu lassen, dass es besiegt sei: Jetzt haben wir dich. Ich versuchte, ein Mittel zu finden, mich durch dieses Couloir abzuseilen und es den Turisten zugänglich zu machen, als die andern auch schon wieder zurückkehrten. Ich zog sie am Seil hinauf, sie drückten mir die Hand. Nach ein paar Glückwünschen nahm ich meinen Platz am Seil wieder ein, und wir begannen den Abstieg.

Wir folgten unserem Korridor und kamen auf den Grat zurück, von dem aus man Valtournanche sieht und den wir schon im Aufstieg hätten benützen sollen. Von dort zur Schulter ist es nicht weit und dazu gefahrlos. Nachdem wir unsere Vorräte auf unserem Fels wieder zu uns genommen hatten ( wir hatten nicht einmal Zeit zu essen, es war zu spät ), erblickten wir eine Erscheinung, die uns Freude machte. Es war klar in der Schweiz, und wir sahen uns inmitten eines Kreises in Regenbogenfarben. Diese Fata Morgana umgab uns alle mit einem Kranz, in dessen Mitte wir unseren Schatten sahen. Wir liessen das Seil an seinem Platz für die zukünftigen Besteigungen. Bei hereinbrechender Nacht waren wir am Trichter. Wir seilten uns über den Turm ab, als es schon Nacht war, und gelangten um 9 Uhr abends zu unserem Zelt. Da wir keine Wassertropfen mehr sammeln konnten, liessen wir ein Stück Eis schmelzen und mischten dies mit dem Rest unseres Weins. Wir assen mit grossem Appetit, und nachdem wir alles Nötige getan hatten, legten wir uns um Mitternacht schlafen.

Der Schlaf nach einem solchen Tagewerk tut gut, und ich schlief sehr tief. Am Morgen spürte ich etwas Kaltes am Kopf, das mich mit einem eisigen Gewicht bedrückte. Ich sagte zu Carrel: « Was hast du mir auch nur auf den Kopf gelegt? » « Aber nichts! » Ich berührte den Kopf und merkte, dass mindestens ein Fuss tief Hagelkörner lagen. Ein Sturm war ausgebrochen über Nacht, unser Zelt war fast zugedeckt. Der ganze Berg war weiss, und das Wetter nicht schön.

Wir verloren zwei Stunden damit, um Hagelkörner für unser Frühstück zu schmelzen. Ich hätte nie gedacht, dass Hagelkörner so schwer zum Schmelzen zu bringen seien und so wenig Wasser ergäben. Nach einem erbärmlichen Frühstück banden wir uns wieder ans Seil und marschierten ab. Die Vorräte liessen wir im Zelt, das wir gut verschlossen. Ohne Carrel, der diesen Teil des Berges auswendig kannte, wären wir für diesmal wohl kaum heruntergekommen. Wir erblickten weder, wo wir die Füsse aufstellen konnten noch wo wir uns mit den Händen festklammern sollten. Alles war vereist.

Vom Col du Lion aus sahen wir eine Fahne über Giomein flattern, dann zwei, dann drei... Die Müdigkeit verschwand wieder, wir waren ausser Gefahr, und man hatte uns gesehen. Wir wurden von einer grossen Freude erfasst, als wir die Füsse wieder auf Gras stellen konnten. Wir fanden die Sprache wieder. Wir hatten fast nichts gesprochen während all der Zeit ausser: Mut, Vorsicht, behutsam, Achtung! Ich bekannte meinen Gefährten, dass ich nie gewagt hatte, mich vom Gedanken einer Umkehr überfallen zu lassen. Ihre Eindrücke waren die gleichen gewesen.

Man kam uns entgegen. Unsere Ankunft war ein Triumph. Um Mittag des 18. Juli zogen wir in Giomein ein. Da erst erfuhren wir das Unglück, das den Engländern, die uns zuvorkamen, zugestossen war.

Die Besteigung des Matterhorns wird immer eine Unternehmung grossen Stiles sein, aber mit einiger Vorbereitung ist sie dem wohl möglich, der den Instinkt und die Gewohnheit der Berge besitzt. An mehreren Stellen müsste man Eisenringe in den Fels einschlagen und ein Seil durch sie hindurchziehen, an dem man sich sicherheitshalber halten könnte. Ich höre mit Vergnügen, dass der Turiner Alpenclub sich ernsthaft mit dem Vorschlag des Stiftsherrn Carrel befasst, eine Höhle in den Fels einzugraben, entweder bei der Cravate oder beim Collier de la Vierge. Diese Hütte würde einen sicheren Unterschlupf bieten und die Möglichkeit, sich bei schlechtem Wetter darin aufzuhalten. Dies aber würde eine Besteigung nicht nur möglich machen, sondern ich möchte sagen fast leicht gestalten.

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