Besteigung des Creux du Van durch die Falconnaire-Wand

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Maurice Brandt. La Chaux-de-Fonds

« Die grossen Felsen des Creux du Van erheben sich wie ein riesiger Thron für die Regenwolken... Aus dem Unendlichen kommend, setzen sie sich da einen Augenblick nieder, ruhen sie sich da aus von ihrer ewigen Fahrt durch alle Länder der Welt... » Jules Baillods Der Creux du Van ist für den Wanderer eine natürliche Sehenswürdigkeit; für den Bergsteiger stellt er die längste Kletterei des Jura dar. Alle finden die Gegend herrlich. Wie das Tal des Doubs und die Areuse-Schlucht hat auch der Creux du Van eine grosse Zahl treuer Bewunderer. Diese Liebe erwacht vielleicht auf den Schulreisen, die gerne die Ferme Robert in der Mitte des Bergkessels zum Ziel haben. Die einzigartige Flora, Gemse, Murmeltier und Kolkrabe, die Einsamkeit und die gute Luft machen den Ort schätzenswert. Wer es nicht wissen sollte: Der Creux du Van ist ein weiter Felsenkessel südlich von Noiraigue im Val de Travers. Seit dem 20. November 1882 ist er - dank dem Club Jurassien - zum Naturreservat erklärt. Der Bergkessel findet seine grösste Höhe auf Kote 1465; das ist nach dem Neuenburger Gipfel des Chasserai der zweithöchste Punkt des Kantons Neuenburg.

Van gehört zu einer Gruppe sehr bekannter alpiner Namen, begegnen wir doch auf den Karten Namen wie Van, Vanni, Vanel, Vanil, Vanet in der Welschschweiz; in der deutschen Schweiz findet man Wanne, Wannen, Wanni. Diese Wörter bezeichnen Felswände oder Felsspitzen und auch häufig Bergflanken, gewöhnliche Abhänge, steinige oder andere.Van hat also nichts mit dem Wind zu tun, der so viel weniger poetisch ist und mit dem der Wanderer auf dem Creux du Van jetzt gewöhnlich seine Spiele treibt. Man sagt, dass einer, der seinen Hut von der Höhe des Falconnaire hinunterwirft, ihn wieder heraufsteigen und auf die Weide zurückkommen sehe. Diese Erscheinung soll sogar die Aufmerksamkeit Jean-Jacques Rousseaus erregt haben, der sich damals im Champ du Moulin aufhielt. Wer die Sache nachprüfen will, braucht zu seinem Experiment nicht unbedingt einen neuen Hut zu nehmen...

J. Rousseau ist nicht die einzige berühmte Persönlichkeit, die diese Gegend bereist hat. Der Creux du Van war bei den Naturforschern so berühmt, dass zahlreiche Grossen der Wissenschaft ihn aufsuchten; es war bei ihnen üblich geworden, den Namen am Fuss des Falconnaire auf den Felsen zu schreiben, und so trägt denn der Roche aux Noms ( Namenstein ) Inschriften aus dem 16., 17. und 18. Jahrhundert, allerdings aufgefrischt. Die älteste stammt aus dem Jahre 1559. Es stehen da die eigenhändigen Namenszüge berühmter Naturforscher, die herkamen, sowie die Namen jener Gelehrten, die ohne Zweifel den Creux du Van besucht, aber keine Inschrift eingeritzt haben. Wir Alpinisten lesen mit Rührung die Namen illustrer Pioniere der Alpen: Scheuchzer, Venetz, Agassiz, Desor, Dolfuss. Kein Name steht mit grösserer Berechtigung da als der des Geologen Dolomieu ( 1750-18o I ); nach ihm heisst der Dolomit, ein kalkartiges Mineral, das am häufigsten in den Dolomiten vorkommt. Der dolomitische Anblick der Wand des Creux du Van rechtfertigt einen Gedanken an Deodat Guy Sylvain Tancrède Grattet de Dolomieu!

Nach geologischer Bestimmung besteht der Creux du Van aus Jura-Malm; dabei ist die untere Hälfte Sequanien und die obere Kimerid-gien. Der sequanische Unterbau ist teilweise von Geröll zugedeckt, das die ganze Basis der Felswand einnimmt. Unter diesem Geröll liegt ein stets gefrorener Boden; das erklärt die Temperatur der « Fontaine Froide » in der Mitte des Bergkomplexes, die das ganze Jahr zwischen 3 und 5 Grad Celsius schwankt. Auf der Höhe von 1150 bis 1200 Meter wachsen krüppelhafte Tannen, 100-200 Jahre alt und nur zwei Meter hoch, zusammen mit Zwergsträuchern und krautartigen Pflanzen, deren normales Habitat im Gebirge sonst an der alpinen Baumgrenze liegt.

Der Bergsteiger findet da - abgesehen vom Dos d' Ane, der Fortsetzung des Creux du Van zur Ferme Robert hin - keinen Fels vor, der sich für Freikletterei eignet. Gewiss reizt einen die von sehr steilen Grasbändern durchsetzte Felswand nicht; eine Ausnahme macht jedoch die Gegend des Falconnaire, wo die Felsen höher ( 168,6 m ), zum Teil überhängend und ohne Grasflächen sind. Das ist eine imposante Wand von sehr abwechslungsreicher Felsstruktur. Die massive, etwas überhängende und für künstliche Kletterei ( Hakenkletterei ) wenig geeignete Basis hatte schon vor unserer Besteigung einen Versuch abgewiesen. Doch der Falconnaire, der nach alten schriftlichen Quellen die Jagdfalken für die Herren des französischen Hofes geliefert hat, musste eines Tages bezwungen werden. Die höchste Wand des Jura lässt man nicht jüngferlich.

Eine erste Erkundung mit Germain Paratte am Schluss der Saison ( Dezember 1967 ) hatte uns überzeugt, dass ein Besteigungsversuch wenig Sinn habe. Dieses Gefühl war von kurzer Dauer gewesen, und mit zahlreichen guten Gründen dafür, dass die Wand doch nicht so reizlos sei, wie man geglaubt hatte, begann die Unternehmung -geradezu ein Feldzug mit all der Organisation, die es dazu braucht. Die Aufgaben des Materialtransportes und der Verbindungseinrichtungen wurden sämtlich unter uns zweien aufgeteilt. Wir hatten ins Auge gefasst, andere Kletterer für un- ser Vorhaben zu interessieren, aber diesen Gedanken liessen wir bald fallen angesichts der Schwierigkeit, eine Gruppe zusammenzubringen, die sich finanziell für dieses Unternehmen begeistern würde.Von vornherein verzichteten wir auf die Raschheit und waren dafür lieber unabhängig, und für Germain kam dazu die Genugtuung, die ganze Fahrt selber ausgerüstet zu haben. Wir zogen es vor, zu zweien zu sein und vor allem ohne Zuschauer, die leichtsinnig in die Fallirne der Steine laufen, die wir wegschieben, wenn wir den Weg von losem Material freimachen. Am Anfang hatten wir Glück: An den vier ersten Samstagen regnete es so, dass wir allein blieben - und tropfnass. In der Folge wurden wir entdeckt, und die Warntafeln, die wir an den Wegen aufgestellt hatten, enthoben uns nicht gänzlich der Sorge um die Folgen der Steinschläge. Lesen Sie selbst das Tagebuch von jenem Abenteuer, das uns ein ganzes Jahr lang in Atem hielt. Wie viele Abende verbrachten wir damit, mit der Lupe zwei Postkarten zu studieren, auf denen sich der Routenverlauf im Fortschreiten entwickelte! Je mehr das Problem in eine Sackgasse zu geraten schien, desto mehr suchten wir da die Lösungen. Beharrlichkeit und die Gewissheit, dass die Sache möglich sei, beseelten uns das ganze Jahr durch.

Dezember ioßj. Regen, Kälte, Nässe. Die Geröllblöcke sind glitschig. Kein Laut ausser dem kristallenen Klang der Eiszapfen, die von den Überhängen abfallen. Über dem Roche aux Noms zeugt ein Felshaken eher von einer Kletterübung als von einem ernsthaften Versuch. Bei dem an der Basis des Felsens gemalten Schweizerkreuz jedoch zieht sich eine Stufenreihe von Haken hoch, bis sie unter einem leichten Überhang zwanzig Meter über dem Start endet. Wir betrachten sie gleichgültig; denn wir sind überzeugt, dass sich der Creux du Van als Kletterwand nicht eignet. Ein Jahr vergeht. Gelegenheit macht Diebe.

14. September ig68. Wir kehren von den Roches Blanches zurück, wo uns Regengüsse an der ersehnten Besteigung des Pilier de la Dénériaz ge- hindert haben. Wir sind in die Küche des Bauernhofes der Petite Robella geflüchtet und beschliessen da, dem Creux du Van einen Besuch zu machen, dessen überhängende Felsen vielleicht die himmlischen Fluten abhalten würden. Mangels eines Besseren tritt der Creux du Van wieder in unseren Interessenkreis. Eine einsame Gemse auf dem Blockfeld macht uns die Tür zu seinem Reich auf. Wie vorausgesehen, ist der Wandfuss trocken. Körperlicher Tätigkeitsdrang lässt Germain sich an der Spalte rechts vom Kreuz versuchen. Bis zum ersten kleinen Band ist das leicht, aber in der Folge wird es schwieriger. Weil wir zuwenig U-Haken haben, müssen wir nach zwanzig Meter und drei Stunden Anstrengung aufgeben. Da erscheint auf dem Weg des Blockfeldes unser Freund P.H. Girardin, der zufällig von Biel aus zum gleichen Endziel gelangt ist wie wir. Also lässt der Creux du Van doch nicht jeden gleichgültig. Ist das nicht ein Grund, auch gegen seinen Willen dem Ehrgeiz nachzugeben und über die zwanzig Meter hinaus vorzustossen? Eine Woche vergeht.

2i. September ig68. Spät kommen wir auf dem Platz an, entschlossen, die Führe soweit wie möglich voranzutreiben. Es regnet so stark, dass wir nach dreissig Meter unter dem kleinen Überhang auf den Durchstieg verzichten müssen, um so mehr, als der darüber liegende Abschnitt vom Regen bestrichen wird. Blind von den Tropfen und durch und durch nass, steigt Germain ab. Selbst die Gemsen haben sich zurückgezogen, und der Bergkessel ist verlassen. Der Nebel verhüllt die Höhen des Felsrundes, die wir, seit wir uns mit dieser Gegend beschäftigen, noch nie erblickt haben. Im Blockfeld entdecken wir einen versteinerten Seeigel, und das erfreut uns.

2. November ig68. Heftiger Föhn. Zum erstenmal sehen wir die ganze Wand, vor allem auch, weil das Laub zum grössten Teil von den Bäumen abgefallen ist. Schwer bepackt langen wir am Wandfuss an und entdecken, dass zwei Haken verschwunden sind, die beiden untersten, jene, die ein trauriges Subjekt ohne Risiko und Ruhm erreichen kann. Zudem beginnt es zu regnen. Nach 40 Meter setzt Germain den Stand I ( S i ). Wir steigen nach rechts weiter über einen kleinen Felsvorsprung und wenden uns nach links zurück in eine lange Höhle mit Knochenresten. Eine Traverse nach links bringt uns über morschen Fels zu S 2. Diese Variante zwischen S i und S 2 wird später aufgegeben zugunsten einer direkten Route, die wir beim Abstieg herrichten, nachdem wir einen Teil der Terrasse vom Schutt befreit haben. Wir rüsten die Standplätze mit Seil und Ringen aus für das Abseilen. Germain stösst über S 2 hinaus vor und wird aufgehalten durch einen massiven Abschnitt der Wand. Wir werden Bohrhaken brauchen. Der Blick auf die Umgebung ist schön; wir richten ein Materialdepot ein und seilen uns dann ab, voll Überraschung, dass wir mit der Wand nicht in Berührung kommen.

16.November ig68. Temperatur minus 6 Grad; alles ist bereift; dichter Nebel. Niemand, ausser zwei Gemsen, die, überrascht, auf uns zustürzen. Kein Laut; alles ist wie wattiert. Germain klettert ohne Handschuhe. Bei S 2 deponieren wir Material, und Germain stösst über die massive Zone hinaus vor, die er mit Hilfe von zwei Bohrhaken meistert. Wir sehen nicht auf den Grund des Kessels, aus dem wir kommen. Trotz den Daunenjacken frieren wir beim Stand; Seil und Karabiner sind vereist. Zu unserer Überraschung finden wir auf dem Band von S 2 Gemsenlosung. Im Nebel hallt das Krächzen des Raben. Am Hals der Thermosflasche gefriert der Tee. Für den Fall, dass Konkurrenz auftauchen sollte, hinterlegen wir ein Wandbuch bei S 2. In der Ferme Robert beweist uns eine Photo, dass wir erst bei zwei Fünftel der Wandhöhe angelangt sind.

30. November ig68. Wir freuen uns über den makellosen Himmel und auf den Anblick der Wand. Der erste Schnee ist weggeschmolzen, und der Nebel staut sich unterhalb Noiraigue. Die Temperatur ist angenehm. Von der Fontaine Froide aus betrachten wir die Wand; wir sind jedesmal beeindruckt. Die Fortsetzung der vorgesehenen Route von S 3 an wird entdeckt, und wir hoffen, dass der schwarze Wandteil begehbar sein wird. S 2 ist bald erreicht, aber um nach S 3 zu gelangen, müssen wir einen sehr schlechten Abschnitt überwinden, in welchem Haken nur schwer zu plazieren sind, und verlieren Zeit. Transport von Material nach S 3, auf einem schönen, luftigen Band. Wir folgen ihm, nachdem wir ein fixes Seil angebracht haben, nach rechts. Das Material liegt hinter einem für das Band typischen Wacholderbusch. Die ausgekundschaftete schwarze Zone ist auffallend massiv. Wie wir sie angehen, erweist sie sich leicht mit Haken zu bewältigen. Germain kommt bis auf drei Meter an S 3 heran, von wo er ein Band zum Fuss des Cigare vermutet. Doch er erlebt eine unangenehme Überraschung; denn oberhalb des schwarzen Abschnitts scheint alles extrem brüchig. Enttäuscht brechen wir alle Versuche ab und machen uns an den Abstieg. Wir hinterlegen das Wandbuch beim Wacholderband. Für unsere Enttäuschung entschädigt uns die erfreuliche Entdeckung, dass der Rand des Bergkessels allmählich niedriger erscheint. Jede Seillänge ist ein Erlebnis, vor allem die Ankunft auf dem Knochenband, das wir gerade noch am äussersten Rand betreten. Es ist Nacht, wie wir am Fuss der Wand ankommen.

14. Dezember ig68. Wir müssen unbedingt wissen, ob unsere Führe in eine Sackgasse verläuft. Ich leihe mir ein Fernglas und steige allein auf einem vollständig mit Rauhreif bedeckten Weg zur Fontaine Froide. Im Blockfeld betrachte ich erst einmal die Wand als Ganzes. Es ist so eindrücklich, wie es nur sein kann. Die Bänder, nur undeutlich sichtbar, durchbrechen die Senkrechte der Wand nicht. Die Untersuchung der Wand lässt rechts vom Cigare eine vielversprechende Möglichkeit erahnen. Es ist von Nutzen, auch zu sehen, wo die Führe auf der Höhe ausmündet. Ich steige den verschneiten Hang hinan und stöbere zwei friedliche Gemsen auf. Wie ich auf der Höhe anlange, treibt der heftige Wind den Schnee waagrecht dahin. Alles ist verlassen. Einige Fussspuren am Rand des Kessels. Mit Hilfe eines Seiles, das ich am Markstein befestige - er trägt die Jahreszahl 1830 und bezeichnet den Punkt, an dem der Kanton Waadt den Felskessel berührt begebe ich mich, auf die Windstösse gefasst, an den äussersten Rand des Abgrunds. Ich stelle fest, dass das Ende des Cigare einen günstigen Stand bietet und dass die letzte Seillänge kein Problem mehr darstellt. Die Leere ist ausserordentlich, als ich mich, mutterseelenallein, über den Abgrund beuge. Die Tannen unter mir scheinen ganz klein. Mit der Hoffnung auf einen Erfolg im neuen Jahr endet das alte.

14. Juni 196g. Wir sind entschlossen, die Entscheidung herbeizuführen; denn es ist nicht erhebend, jedesmal den gleichen Weg abzuseilen. Wir wollen an ein Ende kommen, und deshalb beschliessen wir, unser Duo zu verstärken, und laden unseren Freund Michel Petermann ein, der sich von Montreux herbegibt und ausser anderen Qualitäten noch die des Bergführers beisteuert. Zu dreien werden die Materialtransporte weniger Zeit kosten. Um 5 Uhr früh brechen wir von La Chaux-de-Fonds auf, überzeugt, die Führe heute zu beenden. Wir beginnen die Arbeit um 6 Uhr. Glücklicherweise ist in den sechs Monaten unserer Abwesenheit kein einziger Haken geklaut worden. Wir klettern im V. Schwierigkeitsgrad und erreichen sehr rasch S 3. Die wenigen fehlenden Meter bis S 4 nehmen wegen der Schwierigkeit, Haken zu setzen, ziemlich viel Zeit in Anspruch. Wir hatten vor, von S q aus horizontal nach rechts zu queren, um eine Höhle zu erreichen und den Cigare von rechts zu nehmen. Der Quergang ist eine wahre Zuckerbüchse, und das Band ist unterbrochen. Angesichts dieses heiklen Problems lässt Germain den zweiten nachkommen, um eine Entscheidung zu treffen. Endlich stehen wir auf dem unbequemen Standort und überzeugen uns, dass wir anderswo zu suchen haben; denn über uns ist der Fels ebenso verwittert. Wir seilen uns ab, immer sehr exponiert, und halten Rat auf dem Wacholderband; darauf verfolgen wir dieses nach rechts bis zu einer Höhle, in der man bequem biwakieren könnte. Wir richten ein allgemeines Materialdepot ein und stärken uns. Das Band setzt sich jenseits fort, und wir erkunden es bis zum Ende. Es ist sehr exponiert, und die Menschen, die uns nun entdeckt haben, werden sich fragen, wie wir uns auf dieser Wand fortbewegen, die von weitem glatt erscheint. Für unseren Geschmack sind es zu viele, die uns beobachten. Während ich in der Höhle einschlafe, machen Germain und Petermann einen Versuch und steigen über dem Band dreissig Meter auf, geraten jedoch in eine neue Sackgasse. Die Stimmung sinkt. Schwere Gewitterwolken steigen vom Kessel auf. Manchmal gehen Regenschauer nieder, doch die Höhle schützt uns. Es wird spät, und wir sind von unserem ersten Plan, hier zu biwakieren, nicht mehr begeistert. Wir entschliessen uns, mit dem ganzen Material den Rückzug anzutreten, sozusagen überzeugt von der Unmöglichkeit, weiter vorzustossen. Wegen der Dunkelheit gilt es sich zu beeilen. Es ist 22 Uhr, und unsere letzte Seillänge legen wir im Finsteren zurück. Petermann, der zum erstenmal hier abseilt, ist überrascht, wie exponiert die Seillängen sind. Wir haben sechzehn Stunden in der Wand verbracht.

Wir sind an diesem Abend sicher, dass es für unser Problem keine Lösung gibt; aber morgen schon werden wir uns für eine neue Erkundung entschliessen. Sollte der oberste Teil der Wand sicheren Fels bieten, so werden wir von S 4 aus direkt das Kamin des Cigare erklimmen. Dort wird es 15 Meter schlechten Gesteins zu überwinden geben.

28. Juni 196g. Von den Œillons steigen Germain und ich schnell zum Rand des Kessels hoch in die Nähe des kantonalen Marksteins. Wir verschwinden im Wäldchen und befestigen ein 40-Meter-Seil. Germain gleitet hinunter und fasst Fuss auf einem Gendarm, der aus der Wand vorspringt. Zwar befindet sich der oberste Punkt des Cigare noch einige Meter unter ihm, aber er kann feststellen, dass der Fels fest und diese letzte Wand begehbar ist. Er befestigt einen Haken auf dem Gendarm als Zeichen für unsere nächste Passage und steigt mit Hilfe von Prussiks auf. 40 Meter trennen uns von S 4 und dem bereits erforschten Teil der Wand. Man gibt eine Führe von i 70 Meter nicht auf, wenn man drei Viertel davon kennt.

30. August 196g. Die Nachteile einer Dreierseilschaft sind offensichtlich. Der Rhythmus ist weniger rasch, und deshalb laden wir unseren Freund Marcel Bindy ein, was uns zwei Zweierseilschaften zu bilden erlauben wird. Wir sind uns diesmal bewusst, dass es keine andere Lösung gibt, als den Durchgang zu erzwingen und dort eine Möglichkeit zu suchen, wo wir abgewiesen worden sind; und so treffen wir uns, von vier verschiedenen Richtungen kommend, in La Chaux-de-Fonds. Alle sind wir hier fasziniert vom magischen Reiz der Wand; zwar mit dem linken Bein aufgestanden, stehen wir dennoch gleich im scherzhaften Kampf gegenseitiger Neckereien.

Es ist 6 Uhr früh, der Himmel wolkenlos, der Nebel des Tals von La Sagne ist uns nicht gefolgt. Die Sonne färbt die Wand rosa, und wiederum finden wir sie schön. Die Strecke, die wir noch zurückzulegen haben, scheint lang. Tatsächlich sind noch gut 70 Meter zu ersteigen. 70 Meter, deren Zugang durch den Engpass bestimmt wird, der uns das letzte Mal zurückgewiesen hat. Jenseits macht uns das Kamin des Cigare Hoffnung auf eine freie Kletterei bis zum Gipfel. Die letzte Seillänge, die wir erkundet haben, kann nur noch ein Triumphmarsch zum höchsten Punkte sein.

Wir ziehen unser Material aus dem Wagen, das bald kunterbunt auf dem Weg herumliegt. Das Bild einer wahren Expedition. Und stellt denn die Weise, wie wir den Angriff führen, nicht eine Art Expedition dar? Der Sieg muss lange Zeit gehätschelt, verdient, begehrt, von Versuch zu Versuch neu erstrebt werden. Das Ungewisse an dem Aufstieg zwingt uns, ein ungeheures, schweres, auf vier Säcke verteiltes Material mitzuschleppen. Die ausgetüftelten Hilfsmittel der amerikanischen Technik für die künstliche Kletterei haben den letzten Rappen aus unseren Portemonnaies gepumpt.

Zum achten Male wandern wir nun diesen Pfad hinan, dringen wir ein in dieses Reservat des Club Jurassien. Wiederum werden wir am Ausgang des Waldes den Kopf heben zum Cigare, werden einen Halt einlegen, bevor wir die verwitterten Blockhalden hinaufsteigen. Mit der gleichen Gebärde der Erleichterung werden wir die Säcke zu Füssen des Kreuzes ablegen. Wir machen uns im gleichen Moment ans Werk, in dem die Sonne, die uns die Wand herunter entgegengekommen ist, genau den Fuss der Führe erreicht. Die Dekoration ist bereit, der Scheinwerfer brennt, die Spieler fangen an. Es fehlt das Publikum, und das ist wohl gut so.

Es ist beschlossen, in zwei Seilschaften zu arbeiten. Die eine, schnelle, wird sich möglichst rasch nach S 4 begeben, um den Engpass zu analysieren. Die Statur macht es Germain möglich, einen bedeutenden Teil der Wand auf einmal zu untersuchen; er wird also den Zug anführen, was er übrigens immer getan hat. Die zweite Seilschaft hat den Auftrag, einige Haken herauszunehmen oder zu ersetzen und so die Führe zu verbessern; doch wird sie ziemlich bald die Steilwand von S 4 erreichen müssen, um die Hakenausrüstung, die sie mitträgt, zur Verfügung zu halten. Um 6.45 Uhr ist der erste Haken der Strecke, der uns die Route öffnet, gesetzt und am zweiten Haken ein langer Steigbügel befestigt. Diesen ersten Haken nehmen wir wieder weg, damit er nicht etwa die Begehrlichkeit eines neidischen Habenichtses errege. Der Weg ist offen; die grosse Raupe, deren Kopf Germain darstellt, setzt sich in Bewegung. Sie ist so lang, dass wir uns sogar zum Sprechen erst nach einem Dutzend Stunden auf der Weide am Ende der Führe wieder zusammenfinden werden. Denn das Unglück will es, dass sich nun ausgerechnet heute eine mechanische Waldsäge und ein Camion, der im Wald unter uns Langholz schleppt, bemerkbar machen. Es gibt im Kessel ein solches Echo, dass alle unsere mündlichen Verständigungsversuche im scharfen Kreischen der Säge oder im dröhnenden Brummen des Camions ertrinken. Dieser Lärm wird uns den ganzen Tag lang belästigen und summiert sich mit der Anspannung des Kletterns. Wieviel haben unsere Wälder von ihrer Stille verloren durch die Mechanisierung des Baumsägens! Flugzeug und Waldsäge werden sich, wenn sie sich ungehemmt entwickeln dürfen, unfehlbar zusammentun, um uns vollends taub zu machen. Denn Flugzeuge, vom ersten schönen Tag seit einem Monat herausgelockt, flogen von Planeyse herbei und werden nun über dem Creux du Van ihre lärmigen Arabesken ziehen. Es ist das erste Mal, dass sich so viele ungünstige Bedingungen gegen uns verbinden. Das schöne Wetter, die ideale Temperatur gleichen diese Nachteile nur teilweise aus.

Germain ist über den ersten Überhängen verschwunden; ein Stein, den er auslöst, beweist uns die Nützlichkeit des Helmes; man fragt sich heute, wie man einst auf dieses Hilfsmittel verzichten konnte. Einer nach dem andern haben nun meine Kameraden die eiserne Treppe der Führe unter die Füsse genommen, und ich bleibe als letzter auf dem Erdboden zurück. Der Rucksack ist schwer; er enthält das Material, das für S 4 bestimmt ist. Die Angriffsorganisation ist dem Zweck wohl angepasst. Die Expedition, zu zweien begonnen, zu dritt versucht und zu viert vollendet, scheint heute reibungslos anzulaufen. Alles trägt an diesem strahlenden Tag zum Erfolg bei; wir wissen, wohin wir gehen; die Beobachtungen, die wir mit dem Feldstecher aus der Ferne machten, haben sich im Gelände noch immer bestätigt. Selbst wenn wir heute wiederum abgewiesen werden sollten, ist es beschlossene Sache, die Route zu eröffnen, und zwar mittels eines fixen Seiles von oben. Es scheint uns unerlässlich, den Durchgang zu erzwingen, mit welchen Mitteln auch immer. Von Zeit zu Zeit erreicht uns das Echo von Stimmen. Die erste Seilschaft tauscht lakonische Bemerkungen mit Bindy, der zum erstenmal dabei ist. Während des ganzen Tages wird jeder nur sehr wenig sprechen. Einige seltene Anweisungen, die Seilhandhabung betreffend, einige Mahnungen zur Vorsicht bei Steinschlag. Das Hinaufhissen der Säcke, das die erste Seilschaft seit S 3 besorgt, löst etliche Stein- Creux du Van: die j. Seillänge der Falconnaire- Wand Photo: Maurice Brandt, La Chaux-de-Fonds geschosse aus, die Petermann als Zielscheibe zu benützen scheinen; der kommentiert nur kurz und bündig:

« Hast du den Mordsstein gesehen? » Wir folgen als Bummler; unsere Aufgabe beschränkt sich im Moment darauf, einige Haken auszuwechseln oder einzusammeln. Auf dem Knochenband machen wir halt, räkeln uns in der Sonne und beobachten aufmerksam zwei Gemsen, welche die Geröllhalde überqueren und die wir dank dem Geräusch der Steine ausmachen konnten. Der Tag fängt also gut an; die neuen ( ganz roten !) Steigbügel, die ich ein-weihe, sind tadellos. Die Plastiksprossen, die jene aus Aluminium ersetzen, gestatten ein lautloses Fortbewegen. Es wird nicht mehr von metallischen Schabgeräuschen begleitet, die auch ein natürlicherweise leichtes Steigen als mühsame Arbeit erscheinen lassen. Als uns die Sonne zu heiss wird, begeben wir uns zum Wacholderband hinauf, wo wir gerade noch Bindy treffen, dessen Seilreserve bald zu Ende ist; Germain hat S 4 hinter sich gelassen und untersucht eben den « Engpass ». Da die 40 Meter beinahe aufgebraucht sind, nehme ich an, dass Germain die brüchige Zone überwunden hat. Das sehen wir auch bestätigt, als er Bindy auffordert, zum S 4 aufzusteigen, während er selbst vorläufig auf Steigbügeln stehenbleibt. Wir kommen gerade recht, um bei den Vorkehrungen zu helfen, welche wegen ihrer Säcke erforderlich sind; sie werden am Schluss am Materialseil die Führe hochgehisst. Die Hakensortimente, die wir mitgebracht haben, sind umgeladen, die zwei Säcke sind einer hinter dem andern an der dünnen Schnur befestigt und werden losgelassen, so dass sie im Leeren elegant hin- und herpendeln, bis sie sich unter einem Überhang verfangen, von wo die klassischen Tricks sie befreien, allerdings nicht ohne dass dem einen die gesamte Kollektion mittlerer Haken entfällt. Glücklicherweise ist es gerade die Sorte Haken, die wir nicht benötigen werden! Im Augenblick gilt es nur sich den Aufschlagspunkt go Meter weiter unten in der Geröllhalde zu merken.

Petermann und ich suchen uns rechts auf dem Band ein schattiges Plätzlein. Es ist bald Mittag; die Sonne nähert sich jedenfalls dem Rand des Kessels und verlässt uns bald. Wir möchten die gemütliche Höhle wiedersehen, wo am i 4.Juni unsere Hoffnungen versanken. Der Ort eignet sich gut zum Mittagessen; wir müssen ohnehin eine Pause einlegen, bevor wir ans Einsammeln der Haken auf der falschen Route des 14.Juni gehen. Doch nach den ersten Bissen treibt uns die Ungeduld zu sehen, wo die Kameraden sind, vorwärts zum Weiteranstieg, und wir verzichten darauf, die Haken über dem Band einzuholen. Die Haken für das Handseil sind alle eingesammelt; eine Feldflasche ( sie ist, sollte sie einer haben wollen, unbrauchbarzeugt von unserem Aufenthalt an diesem Ort.

Wir kommen wieder zum Steilhang des Cigare, und da sehen wir, wie Grasbüschel, Ge-sträuchzweige und Steine unterschiedliche und je nach der Masse des abgeschossenen Gegenstandes mehr oder weniger gestreckte Flugbah-nen beschreiben. Plötzlich wird mir bewusst, dass Pflanzenteile, die herunterfallen, nur von der Höhe des Cigare stammen können, und das heisst doch, dass Germain jenem Punkt schon sehr nahe ist, von dem wir nicht mehr umkehren zu müssen überzeugt waren. So wären also unsere Versuche geglückt? Die Rätsel und Ungewissheiten wären gelöst? Die Führe wäre durchgehend! Für den Augenblick presst uns eine Steinlawine ( später erfahren wir, dass sie von einem Sack ausgelöst wurde ) gegen die Felswand. Wir kommen überein, das Ende dieser zerstörerischen Vorgänge abzuwarten, bevor wir uns in Bewegung setzen. Wie wir weitersteigen, müht sich Germain gerade im Kamin des Cigare ab. Kurz vor S 4 entdeckt mich der « Kaminfeger » Germain und lässt sich herab, mir fröhlich zuzurufen, dass er wenige Meter unterhalb der Spitze des Cigare sei. Und das bestätigt mir die Bewältigung des Abschnittes « Engpass ».

Le glacier et la source de l' Aar Photo: P. E. Schatzmann 2 Mesure des glaciers autrefois. Lithographie reproduisant un dessin de Forbes Jetzt ist es klar, dass uns dieser Creux du Van, um den unsere Gedanken nun seit einem Jahr kreisen, durchlassen wird. Ich hatte geglaubt, ich würde ein stärkeres Gefühl des Jubels empfinden, als es mich jetzt bewegt. Diese Aussicht auf den Sieg sollte mich höchstens einen Karabinerfehler kosten; so bin ich im Augenblick genugsam damit beschäftigt, eine verzwickte Situation wieder gutzumachen. Da stehen wir nun beide auf dem unbequemen S 4, wo man nicht weiss, ob man hocken oder stehen soll. Was sich darüber befindet, ist « Neuland ». Es ist der Engpass; jetzt staffelt sich darin eine Reihe Haken bis zur Nische am Fusse des Cigare-Kamins. Der Fels ist zerklüftet, und sein Anblick, der uns entmutigt hat, beunruhigt uns nun nicht mehr. Er hat sich endgültig als wenig hartnäckig erwiesen. Germain hat mit seiner angeborenen Hakenkunst einen sicheren Weg hinüber gebahnt. Über der Nische von S 5 knickt das anfänglich geradlinige Kamin nach links, um auf den Cigare zu führen. Bindy ist gegenwärtig darin verkeilt und orientiert uns über die Schwierigkeiten, die er überwindet, mit dem Kommentar:

« Es ist schwerer, als es aussieht. » Man klettert dort frei, zuerst im Innern des Kamins, wo ein feiner Erdstaub uns in die Augen kommt, und dann - ganz entgegengesetzt - an der Aussenseite. Der Cigare ist rechts brüchig, während die linke Wand mit ihren schönen Griffen für diese Örtlichkeit erstaunlich massiv ist. Wie herrlich, dass sich hier ein Stück Freikletterei bietet, dass wir wieder einmal die Bewegungen des Kletterers ausführen können, der aus der Sklaverei der künstlichen Methode entlassen ist! Ein solcher Aufstieg, 120 Meter über dem Geröllfeld, erhält einen besonderen Zauber. Endlich der Standort S 6 auf dem Cigare, bequem in einem Gebiet mit Rasen und Büschen. Es lohnt sich, den Helm abzunehmen und es sich gemütlich zu machen.

Wir sehen die erste Seilschaft nicht, doch bald schon meldet Germain, ganz einfach, ohne jede Gemütsbewegung, dass er oben angekommen sei. Es ist halb 6 Uhr abends. Eine kleine Rampe, einige Felstrümmer und eine hübsche kleine Wand führen uns zu jenem Punkt, den Germain bei seiner Rekognoszierung am 28.Juni mit Abseilen erreicht hatte. Da stehen wir auf dem letzten Stand - S 7 - vor dem Gipfelpunkt. Das Wandbuch in seinem Behälter, das wir heute früh aus der Höhle der Enttäuschung hervorgeholt haben, wird aus dem Rucksack genommen und in eine kleine Nische gesteckt. Eine Plakette und ein symbolischer goldfarbener Haken laden die Kletterer ein, ihren Besuch einzutragen. Mögen unter ihnen junge und ältere, grosse und kleine, eingebildete oder bescheidenere sein, wenn sie nur alle dankbar sind, dass sie diese Besteigung machen korinten! Mögen sie auf der Weide des Soliat ankommen mit der Freude im Herzen über einen schönen, harmonisch verlaufenen Aufstieg! Eine letzte feste Felswand, mit Rasen gesprenkelt, teilweise künstlich zu erklettern, trennt uns noch von der Höhe. Die Aussicht hat sich geweitet; das Vallée des Ponts ist jetzt gut sichtbar. Die letzten Wanderer sind verschwunden, und wir beenden den Tag, wie wir ihn begonnen, einsam. Die Waldsäge gönnt uns seit zwei Stunden Ruhe. Ich bin noch allein in der Führe; Petermann ist auf der Weide ausser Sicht. 6 Uhr; ach, könnte ich diesem Augenblick Dauer verleihen, diesen Moment auskosten, der dem Ausgang eines schönen Abenteuers vorausgeht! Eine letzte kleine Verschneidung, mit einer vollkommenen Anordnung der Griffe krönt in freier Kletterei die letzten zwei Meter der Führe. Und dann die Ankunft im heftigen Wind auf der Höhe des Kessels, nahe beim Markstein. Diese originelle Besteigung beginnt im Kanton Neuenburg und endet im Waadtland! Es ist halb 7 Uhr abends. Jetzt sind wir wieder vereint. Ein Händedruck besiegelt das Abenteuer.

Und alle vier nebeneinander durcheilen wir den Rasen bis zur Ferme du Soliat. Nun bleibt uns noch, unsern Ausgangspunkt aufzusuchen durch den Pertuis de Bise und die Geröllhalde nach unseren entflogenen Haken zu durchkämmen. Die Nacht bricht an, wie wir den Kopf unter die Brunnenröhre der Fontaine Froide stecken, während der Ruf des Käuzchens uns den Guten Abend wünscht.

Übersetzung W. Derungs

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