Bhutan - unbekannter Himalaya

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VON RUDOLF HÄNNY, LENZBURG

Mit 1 Kartenskizze und 7 Bildern ( 68-74 ) 1. Geographischer Überblick Der Himalaya ist das höchste Gebirge der Erde ü. M. und bildet die nördliche Begrenzung des indischen Subkontinents. Er erstreckt sich als weiter Bogen über 2400 Kilometer, vom Indus-Knie in ESE-Richtung zum Brahmaputra-Knie. Im alpinen Raum würde das etwa der Entfernung Gibraltar—Budapest entsprechen. Seine Ketten gehören zu einem riesigen, geologisch jungen ( tertiären ) Gebirgssystem, das von den Alpen über das persische Hochland in die südostasia-tischen Inselketten zieht.

West- und Zentral-Himalaya gehören politisch zu Pakistan, Indien und dem Königreich Nepal und sind verhältnismässig gut erforscht. In Nepal erheben sich die höchsten Gipfel, so der Mount Everest ( 8848 m ) auf der Grenze gegen Tibet, auf dessen Territorium die ganze Nordabdachung liegt. Dass Tibet seit 1950 und besonders 1959 von Truppen der Volksrepublik China auf brutalste Weise besetzt wurde, ist allgemein bekannt.

Der Kangchendzönga ( 8598 m ) bildet die Grenze Nepals gegen Sikkim, ein kleines Königreich unter indischem Protektorat. Über das Gebiet östlich davon ist bis vor kurzem nur wenig bekannt geworden. Das unabhängige Königreich Bhutan ist erst seit einigen Jahren für Wissenschaftler zugänglich geworden, während die indische NEFA ( North-East Frontier Agency ) aus politischen Gründen für den ausländischen Forscher nach wie vor Neuland bleibt.

Das Himalaya-Gebirge bildet die scharfe Grenze zwischen den Ebenen und Hügellandschaften Indiens und dem steppenähnlichen tibetischen Hochland, das nach Bevölkerung und Landschafts-typ bereits zu Zentralasien gehört. Auch klimatisch trennt der Gebirgskamm Norden und Süden: Er bildet die Schranke für die Monsunwolken, die von Ende Mai bis in den September hinein das südliche Vorland in eine Regenzone verwandeln. Im Ost-Himalaya sind Dauer und Intensität der Niederschläge infolge der Meeresnähe bedeutend grosser als im westlichen Teil. In Assam liegt eines der Regenmaxima der Erde ( Cherrapunji, 11,08 m pro Jahr ). Dementsprechend ist die tropische Vegetation hier üppiger.

Ich hatte die Gelegenheit, zusammen mit Prof. A. Gansser ( ETH Zürich ) auf zwei Expeditionen, im Frühling 1963 und im Spätherbst 1965, während sechs Monaten Bhutan kennenzulernen. Diese Expeditionen wurden ermöglicht durch die Freundlichkeit Seiner Majestät, des Königs von Bhutan. Die Finanzierung wurde vom Schweizerischen Nationalfonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung übernommen. Ziel des Unternehmens war eine übersichtsmässige Erfassung der geologischen Struktur, mit dem Hauptgewicht auf dem nördlichen Landesteil. Die Publikation der wissenschaftlichen Resultate wird später erfolgen. Ich möchte hier versuchen, in kurzen Zügen einen Überblick über dieses wundervolle Gebirgsland zu geben.

Bhutan ist mit 46000 Quadratkilometer etwas grosser als die Schweiz ( 41000 km2 ). Seine Bevölkerung - ungefähr 800000 - entspricht einem Sechstel der schweizerischen. Der morphologische Übergang von der Brahmaputra-Ebene zu den ersten Fusshügeln bildet ziemlich genau die Süd- 11 Die Alpen - 1966 - Us Alpes161 grenze ( siehe Kartenskizze ). Sieben grosse, von Norden nach Süden fliessende Flüsse bestimmen den orographischen Aufbau, wobei Amo Chu, Kuru Chu und Dangme Chu nördlich der Himalaya-Hauptkette, auf tibetischem Territorium, entspringen, während Wang Chu/Paro Chu, Mo Chu, Mangde Chu und Chamkar Chu ganz auf der bhutanesischen Südseite liegen. Alle diese Flüsse bilden tiefeingeschnittene Täler mit zum Teil sehr wilden Schluchten. Wang Chu/Paro Chu, Mo Chu und Chamkar Chu fliessen im mittleren Teil Bhutans auf breiten, ebenen Talböden. Diese Gebiete sind für den Anbau von Reis und Getreide besonders günstig.

Die Luftfeuchtigkeit nimmt ab anfangs April kontinuierlich zu; am Morgen ist das Wetter oft noch sonnig, gegen Abend kommt es meist zu leichten Regenschauern. Ganz klare Tage kommen vereinzelt vor. Immer stärker drängen die Wolken von Süden gegen den Himalaya-Kamm, in ständigem Kampf mit den tibetischen Nordwinden. Ende Mai bis Anfang Juni bricht der Monsun mit voller Intensität los, wobei nach den ersten schweren Regenfällen oft eine Schönwetterperiode von einigen Tagen auftritt, ähnlich wie es vom Everest bekannt ist. Die Hauptregenzeit dauert bis gegen Anfang September, wobei der mittlere und nördliche Teil des Landes bedeutend weniger Niederschläge erhält. Die bis über 4000 Meter hohen Vorberge des südlichen Landesteils vermögen die Monsunwolken teilweise aufzuhalten. Doch ist in der Regel der Himmel bedeckt; sonnige Tage sind selten. Mitte Oktober beginnt die spätherbstliche Schönwetterperiode mit einzigartiger Fernsicht, ungefähr anfangs November durch die ersten Schneefälle unterbrochen, welche die nördlichen Hochpässe oft unpassierbar machen. Ende Dezember setzen die winterlichen Schneefälle intensiv ein und dauern bis Ende Februar. Der März ist verhältnismässig klar, aber sehr kalt.

Das Land lässt sich geographisch in folgende WE-verlaufende Zonen gliedern:

A. Hochhimalaya: die Sechs- und Siebentausender und ihre Vorberge, in den Tälern Yakweiden.

B. Das Gebiet der Höhenurwälder: tiefe, enge Waldschluchten mit steilen, felsdurchsetzten Hängen.

C. Das mittlere Bhutan: Talebenen und weniger steile und dicht bewaldete Hänge. Reis und Getreidebau, Viehwirtschaft. Hier lebt der grösste Teil der Bevölkerung.

D. Das Urwaldgebiet des südlichen Bhutan: die Täler sind wieder eng. Nur wenig Bevölkerung und Bebauung.

E. Fusshügel: tropischer Dschungel. Vorwiegend nepalesische Bevölkerung.

2. Hochhimalaya Die Hochgipfel der Grenzkette sind bisher nur sehr wenig bekannt geworden. Die verfügbaren Karten, basierend auf den Quarter-Inch-Blättern ( 1:253440 ) des Survey of India, zeigen auf bhutanesischem Territorium ungefähr acht Höhenkoten über 23000 feet ( =7010 m ) und ungefähr 16 Höhenkoten über 20000 feet ( =6100 m ). Die topographische Darstellung ist in diesem Gebiet ( wie auch in der Höhenurwaldregion ) meist völlig falsch und beruht wohl vor allem auf den von Bewohnern erhaltenen Angaben. Neue indische Karten, die von einigen Gebieten - vor allem den südlichen Regionen - existieren sollen, sind gegenwärtig streng gesperrt.

Die einzige alpinistische Unternehmung an einem Hochgipfel wurde 1937 von F. Spencer Chapman am Chomolhari ( 7315 m ) durchgeführt. Er überschritt von der tibetischen Phari-Ebene her den Grenzkamm nördlich des Peme La. Die Besteigung erfolgte über die SE-Flanke, ist aber nicht ganz gesichert.

Wir folgen der Grenzkette von Westen nach Osten. Den nordwestlichen Eckpfeiler bildet der heilige Chomolhari ( 7315 m ) mit seinen beiden Trabanten Tserim Kang ( etwa 7000 m, lokal Chumtseringeine der schönsten Gipfelformen - und dem Chum Kang ( etwa 6800 malle mit steilen, eisgepanzerten Wänden sowohl auf der tibetischen wie auch auf der bhutanesischen Seite ( siehe Bild Nr. 68 ).

Das Siedlungsgebiet am Südfuss dieser Berge wird dominiert vom Lingzhi Dzong ( etwa 4200 m ) auf einem Hügelkamm. Die Bewohner des Gebietes wohnen in wenigen kleinen Häusergruppen und leben von Yakwirtschaft und etwas Getreidebau. Die Baumgrenze liegt in Bhutan etwa auf 4100 Meter; auffallend klein ist der Streifen zwischen Wald- und Eisregion. Drei Pässe führen in der Chomolhari-Gruppe nach Tibet: Peme La ( tibetisch Tremo La ) aus dem oberen Paro-Chu-Tal, der Chu La und der Iam La von Lingzhi aus. Die Höhe der bhutanesisch-tibetischen Grenzpässe liegt zwischen 4500 Metern und 5300 Metern. Die Hauptverbindung mit dem mittleren Bhutan ist der Yale La; er verbindet Lingzhi mit dem Königssitz und Hauptort Thimphu.

Nach einer Depression des Hauptkammes folgen weiter östlich der massige Klotz des Kang-chentag ( etwa 7000 m ), mit imposanten Eisflanken, und die wuchtige Pyramide des Masa Kang ( etwa 7200 m ). Zwei grössere Dörfer liegen hier, Laya und Lungu, mit einer interessanten Bevölkerung. In Bhutan tragen Männer und Frauen überall kurzgeschorenes Haar, nur die Laya-Frauen und -Mädchen machen eine Ausnahme ( siehe Bild Nr. 70 ). Auch das kecke Spitzhütchen ( aus Bambus geflochten ) ist typisch für dieses Dorf. Es ist ein fleissiges Völkchen; vom frühen Morgen an wird auf den Getreidefeldern gearbeitet. Kälte und Schneegestöber halten die Arbeit nicht auf. Die Steinhäuser sind im Innern dunkel und meist voll von dichtem Rauch, da Kamine in Bhutan nicht bekannt sind. Tanzen ist sehr beliebt; es sind stets Gruppentänze in einem Kreis, wobei die Tänzer selbst dazu singen. Das gilt übrigens für das ganze Land. Die Tanzrhythmen sind oft recht kompliziert, die Melodien scheinen dem europäischen Ohr anfangs monoton, bis man die originellen Wendungen mancher Lieder entdeckt.

Laya liegt in einem Nebental des obersten Mo Chu, der im Gebiet des Toma La und des Wagye La ( beide um 5000 m ) entspringt. Im Osten folgt eine sehr stark vergletscherte Berggruppe, der Tsenda Kang ( etwa 7000 m ). Das Einzugsgebiet des Pho Chu, der bei Punakha in den Mo Chu mündet, haben wir wegen frühzeitigen Schneefalls nicht erreichen können. Es ist die Region von Lunana, nur über hohe Pässe von Laya, aus dem Mo-Chu-Tal etwas oberhalb Punakha, und von Bumtang her erreichbar. Im Winter ist es völlig isoliert. Es muss ein einzigartiges Gebiet sein; vom Doucho La und Kechu La aus haben wir aus der Ferne einen guten Einblick gewonnen ( vgl. Kartenskizze ), östlich des Tsenda Kang folgt ein stark vergletschertes, breitpyramidenförmiges Massiv, etwas höher als die übrigen Gipfel. Einer unserer Träger - aus Lunana stammend - nannte uns den Namen Kang Chem. Nach einer gletscherbedeckten, tiefen Lücke folgt eine wilde Gruppe mit drei ausgeprägten Zähnen im Gipfelkamm. Steile, eisdurchsetzte Felswände fallen gegen Süden ab, ebenso bei dem anschliessenden wuchtigen Massiv. Gerade daneben erhebt sich eine elegante Eispyramide, und dann folgt wieder etwas östlicher eine eigenartige Berggestalt: ein viele Kilometer langer Tafelberg mit horizontaler Eiskalotte, gegen Süden scharf abstürzend. Ein riesiges Gletscherplateau auf über 7000 Metern! Für die vier letztgenannten Berge waren keine zuverlässigen Namen zu ermitteln. Westlich des Tafelberges scheint ein für Yak ungangbarer Pass nach Tibet zu führen ( Gongto La, tibetisch Lhopda La ?). Zwei britische Ärzte, Dr.Jackson und Dr. Ward, haben im August 1964 vom Laya-Gebiet aus Lunana erreicht. Die beiden haben im Spätherbst 1965 zusammen mit einem weiteren Arzt im gleichen Gebiet medizinische Forschungen durchgeführt, worüber wohl bald Näheres bekannt werden wird. Die Bewohner scheinen sich von den West-Bhutanesen nicht stark zu unterscheiden, auch in der Sprache nicht, im Gegensatz zu Laya, wo ein ausgeprägter Dialekt gesprochen wird. Chozo Dzong ist das Zentrum der Lunana-Region.

Im Osten des Tafelbergs überragt sehr deutlich der Kangkarpünzum als breites Massiv die übrigen Gipfel. Es ist der höchste Berg Bhutans und dürfte alpinistisch von der Südseite her - wie viele der anderen Gipfel auch — etliche Schwierigkeiten bieten ( Bild Nr. 69 ). Die tibetische Seite aller dieser Berge ist unbekannt und heute den Menschen aus dem Westen verschlossen. Noch unklar ist, ob die SW-Flanke im Einzugsgebiet des Mangde Chu liegt oder vom Pho Chu entwässert wird. Der obere Mangde Chu ist schwer zugänglich und völlig unbekanntem NW des Djüle La sind die steilen Talflanken noch von dichtem Dschungel überzogen. Der Kangkarpünzum-Stock beherrscht den nördlichen Teil von Bumtang, dessen Hauptfluss, der Chamkar Chu, am Melakarchung La entspringt. Von diesem Pass hat man eine grossartige Sicht auf den dreigipfligen Künla Khari ( 7554 m ), der ganz auf tibetischem Territorium liegt. Er ist der höchste Berg des Ost-Himalaya zwischen dem Kangchendzönga ( 8598 m ) und dem Namche Barwa ( 7755 m ), dem Wächter am Brahmaputra-Knie. Der Kangkarpünzum ist jedoch nach unserem Ermessen mindestens annähernd so hoch.

Ein westliches Seitental des obersten Chamkar-Chu führt direkt an die schroffen SE-Wände der Kangkarpünzum-Gruppe. Wir nannten den beherrschenden Gipfel des Talabschlusses Melunghi Kang, nach dem Talfluss. In diesem Tal herrscht im Sommer reges Alpleben. Mehrere Alpdörfchen sind dann bewohnt und eine grosse Anzahl Yaks auf den Wiesen.

Mit einigen Eisgipfeln fällt die Grenzkette zum grossen Durchbruchstal des Kuru Chu ab, wo die Urwaldzone bis über die tibetische Grenze reicht. Diese Bresche in der Himalaya-Kette ist nicht die einzige.Verschiedene der grossen, nach Süden fliessenden Flüsse - z.B. Indus, Sutlej, Brahmaputra - haben ihr Quellgebiet auf der tibetischen Seite. Sie haben schon vor dem Hauptakt der Gebirgsbildung den gleichen Weg eingeschlagen und sich mit zunehmender Hebung des Himalaya mehr und mehr eingefressen.

Zwischen Kuru Chu und Dangme Chu liegen die Gipfel etwas tiefer - es sind Sechstausender. Eine breite, vergletscherte Pyramide überragt die übrigen. Gerade westlich davon führt der Bon La von Singhi Dzong nach Tibet. Vom Yangtse-Chu-Tal überquert der Me La den Grenzkamm. Dann folgt das nächste Durchbruchstal des Dangme Chu ( auf tibetischem Gebiet Nyamjang Chu ).

Vom Rodung La aus haben wir im Osten, bereits in der NEFA-Region, ein Massiv mit feinen Eisgraten gesehen, das eine südliche Abzweigung des Hauptkammes bildet und wohl dem Kangdu ( 7090 m ) der existierenden Karten entspricht.

Es gibt eine ganze Reihe sehr lohnender alpinistischer Probleme in Bhutan. Die politische Lage und die wirtschaftliche Situation jedoch erlauben gegenwärtig keine bergsteigerischen Expeditionen.

3. Das Gebiet der Höhenurwälder Ungewöhnlich dicht wird der Wald schon bald unter der Baumgrenze: wilder Dschungel überzieht die steilen, felsigen Talflanken. Die wenigen Pfade der Haupttäler bieten die einzige Möglichkeit, hindurch zu gelangen. Tagelang wandert man durch eine unglaubliche Variation von Grün. Die guten Campplätze liegen weit auseinander.

Bevölkert ist dieses Gebiet wenig. Entlang den grossen Tälern sind hie und da Lichtungen mit Reisterrassen und einigen Häusern eingestreut. Es ist erstaunlich, wie jedes Fleckchen kultivierbares Land bebaut wird. Die Vegetation ist ausserordentlich üppig. Über der Baumgrenze ( etwa 4100 m ) überziehen Teppiche von Rhododendron-Gestrüpp die Nordflanken. Der weiche Schnee, der oft während des ganzen Jahres, geschützt vor der Sonne, am Grund liegt, macht diese Hänge praktisch unpassierbar. Rhododendren bilden auch das Unterholz der tieferen Wälder. Gegen die Monsunzeit beginnen sie sich in ein riesiges Blütenfeld zu verwandeln; überall leuchten aus dem Dickicht rote Punkte - ein einzigartiger Anblick! Wir konnten an die zwanzig verschiedene Arten unterscheiden: rot, lila, violett, gelb, weiss.

Eine Zypressenart bildet auf den Südflanken die höchsten Baumbestände, gegen unten immer mehr von Weisstannen mit hohen, astlosen Stämmen abgelöst ( ab etwa 3900 m ), die auf der Nordseite bis zur Waldgrenze steigen. Auf etwa 3600 Metern bildet neben den Rhododendren dünner, drei bis vier Meter hoher Bambus das Gehölz. Der Bambus wird um 3000 Meter sehr dicht, und der Weg führt hier manchmal durch eigentliche Bambustunnel. Eine Weisstannenart, deren Stamm bis unten Äste trägt, folgt auf etwa 3100 Metern. Verschiedene Buscharten treten auf. Unter 2000 Metern sind grossblättrige Schlingpflanzen häufig, mit komplizierten, symmetrischen Blattformen, ähnlich unserem Philodendron. Gegen die offeneren Regionen erscheint eine Föhrenart, der typische Baum des mittleren Landesteils.

Im ganzen Höhenurwaldbereich sind die Äste von gelbgrünen Bartflechten behängt, was den wilden Aspekt noch verstärkt. In gewissen feuchten Regionen spielen Moosarten die gleiche Rolle. Baumorchideen sind häufig.

Da und dort findet man ein kleines GömpaKloster ) mitten in dieser Wildnis, auf einer Bergspitze oder sehr oft an eine Felswand gelehnt. Berühmt ist das Kloster von Taktshang im oberen Paro-Chu-Tal, mitten in eine senkrechte Wand von kompaktem Gneis gebaut.

In diesen Regionen sollen viele Bären leben, die kleinen, dunklen Himalaya-Bären. Die Bhutanesen fürchten die Begegnung mit diesen Tieren weit mehr als diejenige mit Tigern- die manchmal bis auf 3000 Meter hinaufkommen - und Schneeleoparden, deren Fussspuren wir bis auf 5000 Meter hinauf gefunden haben. Selten trifft man eines der kleinen braungrauen Moschustiere ( eine Gazel-lenart ). An einigen Orten, z.B. östlich Lingzhi, kommen Takins vor, deren systematische Stellung unsicher ist, die jedoch meist zu den Gazellen gezählt werden. Ihr Vorkommen ist beschränkt auf die Höhenurwälder Assams und Burmas.

Zwei Sechstausender des westlichen Bhutan liegen von der Hauptkette nach Süden vorgeschoben: der Chaggye Kang ( etwa 6000 m ) im Norden von Paro und der Kang Bum ( etwa 6500 m ) im WSW von Gasa Dzong.

4. Das mittlere Bhutan Wenn man auf der erst seit wenigen Jahren bestehenden Jeepstrasse von Phuntsholing in der Ebene Bengalens aufwärts gegen Norden fährt, durch den wilden, verhältnismässig wenig bewohnten Urwaldgürtel, ist man überrascht, wie sich das Tal auf etwas über 2000 Meter plötzlich verbreitert zu einer eher sanften, sehr fruchtbaren Landschaft, die mit ihren Formen etwas ans Engadin erinnert. Die Ebene ist bei Paro über 2 Kilometer breit, gemustert mit Reisfeldern; zerstreut am Fuss der Hänge liegen kleine Häusergruppen. Jedes Feld ist von einem knöchelhohen kleinen Damm für die Bewässerung umgeben. Hier - in einer Höhe von 2200 Metern - wird zweimal im Jahr geerntet: das Getreide Ende Mai, der Reis Ende Oktober. Mitten durch den Talboden zieht sich in vielen Schleifen der Paro Chu, etwa so gross wie die Rhone bei Brig. Lockere Föhrenwälder bedecken die Hänge, die bei etwa 3000 Metern in den Höhenurwald übergehen.

Der Dzong von Paro, am linken Talhang, beherrscht die Landschaft: ein wuchtiger, burgähnlicher Steinbau von viereckigem Grundriss. Ein äusserer Ring mit hoher Aussenfassade, weiss getüncht und mit rotbraunem Band in etwa dreiviertel Höhe - die typische Bemalung der religiösen Bauten -, umgibt einen Innenhof, in dessen Mitte sich der Zentralturm erhebt. Der Dzong ist gleichzeitig buddhistisches Kloster und Sitz der weltlichen Verwaltung. Ein grösserer Dzong bildet das Zentrum eines Verwaltungsdistrikts in der Grosse unserer Kantone. Die wichtigsten von Westen nach Osten sind: Ha, Paro, Thimphu, Gasa ( Bild Nr.72 ), Punakha, Wangdiphodang, Tongsa, Bjakar, Lhuntse und Tashigang. Kleinere Dzongs sind ihnen unterstellt. Statthalter des Königs in den einzelnen Distrikten ist der Penlop; sein Finanzminister ist der Njertschen. Der Penlop ist in der Durchführung der Verwaltung ziemlich selbständig und hat auch die richterliche Gewalt inne, ausgenommen für die schweren Fälle, über die der Druk Gyalpo, der König, selbst urteilt.

In jedem Dzong finden alljährlich religiöse Tanzfeste statt, die mehrere Tage dauern. Diese Tänze werden im ganzen Land sehr gepflegt; für die Novizen der Klöster gehören sie zur Schulung. Meistens wird in Masken und Kostümen getanzt: neben Tiertänzen sind Tänze häufig, in denen furchterregende Götter gegen die Feinde der Religion kämpfen. Besonders die Gestalt der Palden Lhamo - zähnefletschend, mit drei Augen und fünf Totenköpfen über der Stirn - tritt oft auf. Sie ist eine der Schutzgöttinnen, die der Buddhismus vom Hinduismus und dem alten, tibetischen Bön-Glauben übernommen hat.

Die Bhutanesen bekennen sich durchwegs zur buddhistischen Religion. Nach der Unterdrückung Tibets ist der Buddhismus in Bhutan wohl in seiner reinsten Form erhalten. Im Herbst 1965 hat die Tibetologin C. Olschak ( Zürich ) zusammen mit der Photographin U. Gansser - gleichzeitig mit unserer geologischen Expedition - die historische Entwicklung des Buddhismus in Bhutan untersucht. Ich möchte auf ihre Publikationen verweisen.

Die ebenen Talböden sind typisch für Paro, Thimphu ( Bild Nr.74 ), Punakha und Bumtang. Bei den Dzongs von Tongsa, Lhuntse und Tashigang bleibt die Talrinne hingegen V-förmig. Flachere Partien der Hänge werden hier angebaut, oft kunstvoll terrassiert. Im Kurtö-Distrikt, um Lhuntse Dzong, fällt besonders auf, wie das kleinste verwendbare Stück Land ausgenützt wird.

Die Bhutanesen sind ein fröhliches Volk und unterscheiden sich durch ihre offene und aktive Art von den indischen Tief landbewohnern. Scharf profilierte Gesichtszüge sind häufig, wobei die Gesichtsform rundlicher ist als bei den Tibetern, von denen eine grosse Anzahl als Flüchtlinge in Bhutan lebt. Die Angehörigen beider Geschlechter tragen die Haare kurz geschnitten. Die Männer kleiden sich in einen mantelartigen Rock, der mit einem Gürtel zusammengehalten wird, so dass die Knie freibleiben und eine Bauchfalte entsteht, in der alle möglichen Gebrauchsgegenstände versorgt werden, z.B. kunstvoll gearbeitete Silberdosen für die Betelnüsse. Diese Frucht wird sehr geschätzt und scheint eine anregende Wirkung zu haben. Sie wird in ein mit Kalkbrei bestrichenes Blatt gewickelt und in den Mund geschoben. Durch das lange Kauen entsteht ein roter Saft, dessen Spuren auf den Zähnen der Leute - und auch auf Steinplatten am Weg - häufig sind.

Die Frauenkleidung besteht aus einem rechteckigen Tuch, das um den Körper geschlungen und auf den Achseln mit zwei silbernen Spangen zusammengehalten wird.

Die Schönheit der Kleiderstoffe fällt beim ersten Kontakt mit diesen Menschen sofort auf. Die Handweberei ist hoch entwickelt. Auf einfachen Webstühlen, die mit einem Rückenband gespannt werden, weben die Frauen etwa 40 Zentimeter breite Streifen. Die Arbeit an einem Kleid dauert mehrere Wochen, und man ist erstaunt, dass die meisten Leute solche Stoffe tragen, die wohl ein Menschenalter überdauern.

Ein besonderes Erlebnis ist es, den Männern beim Bogenschiessen zuzuschauen - dem bhutanesischen Nationalsport. Mit Bambusbogen wird auf eine schmale Holzscheibe in 150 bis 200 Meter Distanz geschossen, mit geradezu unglaublicher Treffsicherheit. Oft stehen sich zwei Gruppen im Wettkampf gegenüber. Der abgeschossene Pfeil wird mit Gebärden und Rufen begleitet, und ebenso -je nach dem Erfolg - quittiert die Gegenpartei. Für uns Europäer war es geradezu beängstigend, wie unmittelbar unter und neben der Schussbahn die Zuschauer sassen, ohne dass Unfälle auftraten.

Auf der Jagd werden Pfeil und Bogen offenbar nur noch im östlichen Bhutan verwendet, wo der Einfluss der wilden Gebirgsstämme von Assam zunehmend stärker wird.

Die Wohnhäuser sind oft mehrstöckige, leicht konische Bauten aus Riegelwerk und Lehm ( Bild Nr.73 ). Die flachen Schindeldächer mit den Steinreihen erinnern stark an alpine Regionen. Die Familie wohnt im ersten Stockwerk. Die Fenster sind mit Schiebeläden von innen verschliessbar; Glasscheiben kennt man trotz häufiger starker Winde nicht. Nie fehlt der Hausaltar mit den Butterlämpchen.

5. Das südliche Bhutan Seit wenigen Jahren verbinden zwei Jeepstrassen Paro-Thimphu und Tashigang mit der Ebene im Süden und verkürzen die einwöchige Reise durch den Dschungel auf einen Tag. Das langsame Erleben des Überganges von der Hochgebirgslandschaft zu den tropischen Ebenen ist allerdings etwas vom Reizvollsten, wenigstens in der trockenen Jahreszeit, wenn die Blutegelplage der tieferen Regionen fehlt. Der Weg zieht sich im Tropenwald den Hängen des Tales entlang, tief unten rauscht der Fluss, der nun schon beträchtlich gewachsen ist. Nur hie und da trifft man ein Dorf. Die Zikaden lärmen schrill in allen Variationen.

Eine Eigenart des Ost-Himalaya ist das plötzliche steile Ansteigen der Vorberge aus der Ebene ohne den vermittelnden Übergang des Urwaldgürtels ( Terai ) des Westens. Die ersten Waldgipfel sind bereits sehr hoch, oft um 4000 Meter.

Der Rand der Ebene und die ersten Abhänge werden von Nepalesen bewohnt, die bhutane-sische Staatsbürger sind und rund zwanzig Prozent der Gesamtbevölkerung ausmachen.

6. Geologischer Überblick Ich möchte auf die geologischen Ergebnisse unserer Expeditionen nur kurz eingehen, da die Auswertung des Beobachtungsmaterials noch einige Zeit in Anspruch nehmen wird. Prof A. Gansser hat die Grundzüge der Resultate von 1963 in « Geology of the Himalayas » ( 1964, Interscience Publishers ) und in « Berge der Welt », Band 15, dargestellt.

Der Hauptteil des Landes besteht aus mehr oder weniger flachliegenden kristallinen Gesteinen, wobei Phyllite, Quarzite und Glimmerschiefer, zum Teil auch Marmore, mehr im Süden auftreten und im Norden von migmatischen Gneisen überlagert werden. Im Tang-Chu-Gebiet, nordöstlich von Wangdiphodang, haben wir ein Sedimentbecken gefunden ( Tonschiefer und Kalke ). Die Fossilien deuten auf paläozoisches Alter hin. Ein weiteres sedimentäres Becken liegt im Gebiet von Lingzhi, in der NW-Ecke des Landes, wobei tonige Gesteine mesozoischen Alters ( Trias, Kreide ) mächtige Kalke und Kalkschiefer überlagern. Das Becken ist isoliert und steht nach Norden nicht im Zusammenhang mit den tibetischen mesozoischen Sedimenten, die in der sogenannten Tethys, dem Urmittelmeer, abgelagert wurden, aus dem weiter im Westen die Alpen aufgefaltet wurden.

Die Hauptmasse des Baumaterials des Himalaya stammt wahrscheinlich aus dem alten kontinentalen Vorland der mesozoischen, OW verlaufenden Geosynklinale, dem Ablagerungsraum der tibetischen Sedimente.

Ob im östlichen Himalaya grossräumige Deckenüberschiebungen wie in den Alpen eine Rolle spielen, ist noch nicht geklärt. Sicher ist, dass für eine komplizierte Deckentektonik, wie sie Dr. T. Hagen für Nepal postuliert hat ( Die Alpen, 1956 ), in Bhutan keine Anhaltspunkte bestehen. Am Südrand gegen die Brahmaputra-Ebene fallen Phyllite und Quarzite steil gegen Norden ein, sind hier gegen Süden verschuppt und stellenweise sogar auf die Sandsteinformationen der Siwaliks aufgeschoben, die wie die alpine Molasse den Abtragungsschutt des werdenden Gebirges darstellen.

Schwierigkeiten für die Anwendung der Deckentheorie bilden schräg zum Gebirgsverlauf streichende, steilstehende Marmorzüge, z.B. im nördlichen Bumtang, und das erstaunlich konstante Auftreten von NS-laufenden Kleinfaltenachsen. Entlang der Grenzkette durchbrechen helle Turmalingranite mit prachtvollen Intrusions- und Kontakterscheinungen die flachliegenden metamorphen Serien.

Unsere Untersuchungen sollen nur eine erste Bestandesaufnahme mit dem Ziel sein, die grossen Probleme aufzudecken, deren Lösung intensiver Detailarbeit bedarf.

Bhutan ist in seiner Ursprünglichkeit ein einzigartiges Gebirgsland, und man möchte nur wünschen, dass seine Entwicklung nicht in dem überstürzten Tempo mancher Beispiele der letzten Zeit mit all den ungünstigen Nebenwirkungen vor sich gehen wird, sondern harmonisch Schritt für Schritt den Anschluss an die moderne Zivilisation findet.

Anmerkung: Die Schreibweise der geographischen Namen stützt sich grösstenteils auf die Angaben von Dr. B. C. Olschak.

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