Christian Klucker

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Christian Klucker

Christian Klucker

1853—1928.

Eine biographische Studie.Von Ernst Jenny.

Bergfahrer, kommst du nach Sils Maria im Engadin, so geh in den Kirchhof von Fex hinauf. Dort findest du einen schönen Granitstein mit der romanischen Inschrift:

IN MEMORIA DA NOS CHRISTIAN KLUCKER GUIDA 1853—1928 DA SECZIUN BERN INA DAL C.A.S. ED AMIHS DAL A. C. D' INGHILTERRA Nun weisst du, wenn dir die Geschichte des Alpinismus nur ein wenig vertraut ist: Hier ruht einer der allerbesten Bergführer aller Zeiten. Dann wandre durch das Fextal und trinke seine eigenartige stille Schönheit mit vollen Zügen, vom Wiesengrün und Blumenschmelz bis hinauf zu den weissen Höhen des Chapütschin, des Tremoggia und Fora. Wende dich um! Zu deinen Füssen leuchten die Seen von Sils und Silvaplana, und hoch hinten ragen die Felsburgen des Lagrev und Polaschin. Der Fexbach plaudert neben dir, und in der Tiefe rauscht der Inn am schlanken Kirchturm von Sils Baselgia vorbei. Das ist die Heimat Christian Kluckers, hier ist er aufgewachsen. Keine beengende Landschaft mit unbedeutendem Horizont, im Gegenteil, etwas Beruhendes, Grosszügiges hat sie. Man muss sie lieb bekommen, und man versteht, dass ein Mensch hier nicht mehr weg kann, wenn er einmal Wurzeln gefasst hat, und mag ihn das Leben noch so sehr bedrängen.

Die Jugend Kluckers sagt uns nicht viel, sie war die eines Bergbauern-buben. Immerhin, er war der Jüngste der Familie, aber der Begabteste an Leib und Seele. Dies wurde sein Verhängnis, sein Schicksal. Der Vater erkannte die Gefahr für die Zukunft der geringer veranlagten Geschwister und beging aus Fürsorge eine Gewalttat. Er rief den noch nicht mündigen Christian, der eben in Samaden unten seine Lehrzeit als Wagner beendigt hatte, vorzeitig heim und übertrug ihm Haus und Land. Er ahnte vielleicht einen Anmerkung: Diese Studie ist sowohl für « Die Alpen » wie für das Buch Christian Klucker, Erinnerungen eines Bergführers, 2. Auflage — Eugen Rentsch Verlag, Erlenbach ( Zürich ) 1930 —, geschrieben worden. Als Quellen dienten mir Kluckers Erinnerungen, sein Führerbuch, seine vielen Briefe und was er selbst mir erzählt hatte.

VII1 r frühen Tod und baute vor. Nun trug der unerfahrene Sohn die Last für die ganze Familie. Diese Last war zu schwer und drückte ihn. Er hatte was anderes werden wollen, etwas grösseres, nur nicht ein schuldenbeladenes Kleinbäuerchen und Wagnermeisterlein. Er liebte die Natur so sehr. Sie zu studieren, zu erfahren: darnach verlangte seine Seele. Aber nun war der Weg dazu verschüttet. Was tun? Er verdiente zu wenig und wurde — Bergführer. Das trug etwas Geld ein und war ein Ersatz für das unzugängliche Ideal. Vielleicht glaubte er im stillen, es auf einem schwierigen und langen Umweg doch zu erreichen. Vielleicht, man weiss es nicht und ahnt es doch aus den Klagen des Alters.

Er wusste mehr als seine Kameraden, ging gern allein, erstieg schon hohe Berge und schärfte seine Sinne. Sein mittelgrosser Körper war kräftig und trug einen schönen, intelligenten Kopf mit hellen, klugen Augen. Er gefiel und wusste es wohl auch, aber er bildete sich nichts ein. Die spärlich vorhandenen Führerzeugnisse vor 1887 rühmen seine angenehme Bildung und Umsicht, seine willige Art, er ist ein « pleasant companion » und « good guide », bescheiden, zeichnet sich aus « per la sua massima prudenza e conoscenza di tutte le punte e montagne adiacenti », « er ist heiter und höflich und hat sehr viel gelesen, was ihn zu einem sehr interessanten Gefährten macht », « seine Preise sind im Vergleich mit denen zu Pontresina massig »: So tönt es aus den ältesten Lobsprüchen von Herren und Damen.

Aber diese von ihm geführten Menschen wagten keine grossen und ernsten Ziele. Der erwachende Ehrgeiz und Trotz Kluckers, wenigstens als Bergführer etwas zu gelten, wenn es doch anders nicht möglich war, bekam zu wenig Nahrung. Er blickte nach Pontresina, wo ein Hans Grass ( 1828—1902 ) in voller Blüte stand. Der hatte auch einmal bescheiden angefangen, war von älteren Führern zur Seite geschoben worden und hatte doch seinen Weg zu Ruhm und Ehre gemacht. Mit Paul Güssfeldt von Berlin war il im die erste Ersteigung des Monte di Scerscen und des Bernina über den Biancograt gelungen. Ha, das waren andere Ziele als die Berge von Sils. Hans Grass spasste nur über die Fexergipfel. Das ärgerte den unternehmungslustigen Klucker, der auch wusste, dass der heimatliche Tremoggia keine Bagatelle war, nur nicht so hoch und gefällig hingebaut wie ein Palü. Klucker sehnte sich nach wagemutigen Bergsteigern, die ihn vielleicht auch in fremde Gebirge mitnahmen, wie viele Engländer es taten. Seine Sehnsucht erfüllte sich, aber die Erfüllung war nicht nur Freude und Stolz, sondern auch Enttäuschung und Schmerz.

Der Anteil des Führers in der Geschichte der Erschliessung der Hochalpen ist ohne Zweifel viel grösser, als gemeinhin geglaubt wird. Gar nicht selten in der alpinen Literatur wird der Führer erst in zweiter Linie genannt, auch gar nicht, während der Gefährte, also der Herr, als der Mann gilt, der den Lorbeer des Siegers verdiente. Und doch könnte mitunter auch nachgewiesen werden, wer in Tat und Wahrheit die noch unbetretenen Joche und Grate und Gipfel besser gekannt, wer den ersten Angriff ausgedacht und wer den Angriff durchgeführt hat, nämlich der Führer und nicht der geführte Herr. Mancher Führer bekam die Angaben seiner Herren nicht zu lesen, wusste also gar nicht, was von seinem Anteil am Gelingen geschrieben stand, und konnte daher Ungenaues und Irrtümer nicht korrigieren. Dabei handelt es sich sowohl um die Beschreibung des Weges als um das ureigene Verhalten der Teilnehmer während des Kampfes mit dem Berg.

Das Verhältnis Herr und Führer ist nicht einfach das Verhältnis Arbeitgeber und Arbeitnehmer. Sobald das Seil umgelegt wird, entsteht ein Band, das Herr und Führer auf Leben und Tod verknüpft. Und tritt dann der gar nicht seltene Fall ein, dass der Herr nur mit Hilfe des vorangehenden Führers eine schwierige Stelle überwindet oder dass Schneesturm, Nebel, Lawinen und Steinschlag Herr und Führer bedrohen, der Führer aber den Kopf oben behält, dann ist für einen ehrlichen und feinfühligen Herrn der Augenblick gekommen, den Herrn abzulegen und im Führer den Mann und Freund, ja sogar den Überlegenen zu erkennen.

Christian Klucker hat alles erfahren als Führer. Hier: herablassende Behandlung, Verschweigen oder unrichtige Darstellung seines Benehmens in ernster Lage, Einschätzung als gut Bezahlter, Ausnützung als Kenner und gutmütiger Ratgeber. Dort: Lob seines Charakters, seiner Naturverbundenheit, seines Wissens und Könnens, seiner unfehlbaren Sicherheit, seines einwandfreien Betragens. Glücklicherweise wiegt das Lob den Tadel hundertmal auf. Klucker hatte eine freie männliche Art, die ihm rasch die Herzen gewann. Gelegentlich war er auch kantig und recht deutlich, sogar eigensinnig und mit den Jahren bisweilen empfindlich, aber auch versöhnlich. Vielleicht hat es nie einen Bergführer gegeben, der so viele Freunde unter seinen Herren zählte wie Christian Klucker. Er wusste das auch, es tat ihm im zunehmenden Alter gar wohl und milderte seine häusliche Unbill wesentlich. Ein Gang durch seine hinterlassenen Briefe zeigt deutlich, dass die freundschaftlichen Zuneigungen zu Klucker nicht nur einer spontanen Regung entsprangen und dann langsam wieder entschwanden. Der Engländer Farrar bewahrte ihm seine Freundschaft von 1893 an unentwegt, trotzdem er erst 1925 wieder mit ihm ging. Und wenn Farrar, der über ein ungewöhnliches historisches Wissen in alpinturistischen Angelegenheiten verfügte, Zuverlässiges über Berge wie Meije, Montblanc, Grépon, Badile, Fünffingerspitze usw. vernehmen wollte, dann wandte er sich an Klucker.

Wie jeder Führer im Werden, so war auch Klucker anfänglich froh, überhaupt führen zu können. Die Qualität der Herren spielte noch keine Rolle. Gerade darin lag für ihn eine Gefahr, wie für jeden Führer jener und auch der heutigen Zeit. Denn: hat so ein junger Führer das Glück, einen unternehmenden und ungewöhnlich tüchtigen Herrn zu bekommen und also ausserordentliche Ziele zu erreichen, und gibt dieser Herr in seinen gedruckten Berichten den Namen des Führers bekannt, dann ist die Reklame für den Führer gemacht. Für Klucker hiess dieser Herr: Theodor Curtius, Professor der Chemie an der Universität München und später Heidelberg 1 ). Er merkte das bald. Und da sich die zwei rasch verstanden als Bergsteiger wie als Menschen, so entwickelte sich eine der schönsten alpinen Freundschaften zwischen Herr und Führer, eine Freundschaft, die von 1883 bis zum Tode dauerte. Dutzende von Briefen bezeugen sie. Welch starken Eindruck Curtius von Klucker gleich beim ersten Feldzug im Sommer 1887 bekommen hat, zeigt sein Eintrag in Kluckers Führerbuch: « Die Art, wie er den Zugang zu den Spitzen der Cima del Largo ermittelte, war ebenso ein Meisterstück der Klettertechnik im Fels, wie das Hinabhauen durch den ausserordentlich zerklüfteten Bondascagletscher ohne die Unterstützung eines zweiten Führers eine eminente Leistung auf dem Gebiete der Eistechnik bildete. Obwohl Klucker die Ostwand des Monte Rosa ebensowenig kannte wie ich, stellte er nach kurzer Betrachtung die Diagnose — und zwar entgegen der Ansicht einheimischer Führer —, dass eine Ersteigung des Jägerhorns über die fast 2000 m hohe Felswand ohne Schwierigkeit und Gefahr möglich sei. Und in der Tat trafen wir bei dieser grossartigen Besteigung am nächsten Tage keine einzige wirklich schwierige Stelle. Die Energie und Findigkeit, mit welcher er durch metertiefen frischen Schnee den Abstieg vom Jägerhorn über den Gornerfirn zum Riffelhaus durchführte, bildete ein bewundernswertes Gegenstück zu der Erklimmung der Felswand beim Aufstieg. Dass Klucker nach solchen Leistungen auf dem Matterhorn und Zinalrothorn von vorneherein wie zu Hause war, obwohl er diese Gegenden nie gesehen hatte, ist selbstverständlich. » « Unermüdlich, sich überall zurechtfindend, schneidig und furchtlos in der Hochregion, gemütlich im Quartier, ein eminenter Kletterer, ein Mann von tüchtigen Kenntnissen, gewandt mit dem Pickel wie mit der Feder, ein angenehmer, überall gern gesehener Reisegesellschafter, ebenso brauchbar in der Stadt wie in der Hütte oder im Biwak, stets unverdrossen, fröhlich, treu und von aufopfernder Anhänglichkeit und — was das beste ist — ein Mann, dem die Liebe zu seinem heimatlichen Hochgebirge über alles geht: gilt mir Christian Klucker als das Musterbild eines Bergführers ersten Ranges. » Es besteht kaum ein Zweifel, dass Curtius sich aus Liebe zu Klucker in Sils Maria das Haus Mulin vegl gekauft und ausgebaut hat, und ebenso wahrscheinlich ist es, dass Curtius unter dem Einfluss Kluckers die erste Hütte in den Bergelleralpen errichten Hess — die Fornohütte — und Klucker zu ihrem Verwalter bestellte. Durch die Vermittlung Kluckers schenkte Curtius 1920 seine Hütte dem S.A.C. Sie wurde der Sektion Rorschach übergeben. Und als am 6. September 1924 die Einweihung der umgebauten Hütte stattfand, sah man « Herr und Führer » zum letztenmal beieinander, und wahrlich, man wusste nicht, wer Herr und wer Führer war * ).

Die Bildung Kluckers fiel von Anfang an seinen Begleitern auf. Sehr deutlich spricht sich hierüber der ausgezeichnete englische Bergsteiger — schwedischer Herkunft — Ludwig Norman-Neruda 1889 aus: « Ich will nur sagen, dass ich ihn um seine Kenntnis der Alpenflora beneide und dass ich niemals einen Führer gefunden, der auf einer so hohen Bildungsstufe steht wie Christian Klucker. » Auch dieser Herr fasste schon bald nach der ersten Bekanntschaft das grösste Zutrauen zu seinem Führer. Bald nannte er ihn öffentlich « mein Freund ». Die zwei gingen nur an schwere Berge und zumeist auf neuen Wegen 1 ). Als Norman-Neruda in den « Mitteilungen des Deutschen und österreichischen Alpenvereins»2 ) seine neuen Bergfahrten bekanntgab, schrieb er am Schlüsse: « Bei allen Türen, diejenigen in den Dolomiten ausgenommen, war Christian Klucker mein Führer, und nur bei der Besteigung des Lyskammes hatte ich einen zweiten, Josef Reinstadler. Ich für meine Person kenne keinen Führer, sei es in Österreich, der Schweiz oder in Italien, der sich mit Klucker messen kann 3 ). Seine Kenntnis der Schneeverhältnisse ist so gross wie seine Felskletterei bewunderungswürdig. » Dreimal ging Klucker mit John Percy Farrar, demjenigen Engländer, der als Bergsteiger wie als Mensch eine Zierde des Alpine Club war und an Kenntnis der Geschichte des Alpinismus unter seinen Landsleuten nur von W. A. B. Coolidge übertroffen wurde. Im Sommer 1893 erkletterten sie die südliche Aiguille d' Arves, überschritten die Meije von La Grave nach La Bérarde in einem Tage, den Col de la Temple, bezwangen den Montblanc über die Brenvaflanke — mit der Variante Klucker westlich vom Col Moore bis zu dem berühmten Eisgrätchen 4 ) hinauf —, überkletterten den Grépon und den Grand Dru. In der Zeit vom 9. Juli bis 12. August 1894 gelangen den zwei zu Freunden gewordenen Männern folgende Bergfahrten: Gross Seehorn und Übergang auf den Gross Litzner, Verstanklator, Monte della Disgrazia über Monte Sissone und zurück über den Murettopass, Fuorcla Fex-Scerscen, Überschreitung des Piz Roseg vom Scerscengletscher via Güssfeldtsattel zum Sellagletscher, Crast'Aguzza vom Scerscengletscher über die Westflanke ( neu ), Piz Bernina über den Biancograt und Abstieg durch das Labyrinth, Piz Kesch von Ponte nach Sertig, Tödi von Thierfed ins Maderanertal, Wetterhorn von Grindelwald nach Rosenlaui, Schreckhorn über den Nordwestgrat. 1925, als Klucker 72 und Farrar 67 Jahre alt waren, kletterten sie frohgemut auf den Ago di Sciora und den Piz Badile und hofften, bald wieder miteinander zu Berge ziehen zu können. Es sollte nicht sein. Farrars Urteil über Klucker lautet: « Nach meiner Meinung ist er ein ebenso guter als immerfort grosser Meister. Es hat keinen bessern Bergsteiger gegeben. Er wird in die Geschichte des Alpinismus eingehen, tatsächlich ohne Rivalen hinsichtlich höchster Kenntnis eines Berges, nie fehlender Sorgfalt und um seines bewährten Charakters willen, der ihn zu einem bezaubernden Gefährten machte5 ). » Als Klucker seinem Freunde von seinen Memoiren erzählte, da erwog Farrar die Möglichkeit einer englischen Ausgabe. Auch dazu kam es nicht; denn Klucker starb im Dezember 1928 vor der vollständigen Niederschrift seiner Erinnerungen, und Farrar erlosch im Februar 1929, ehe er Klucker ein Denkmal im « Alpine Journal » setzen konnte.

Im August 1893 kam Christian Klucker in die Gesellschaft des deutschen Bergsteigers Paul Güssfeldt aus Berlin. Dieser hatte unter der Führung von Hans Grass aus Pontresina im Reiche des Bernina einige schöne Ziele erstmals erreicht. Nunmehr widmete er sich eifrig dem Montblanc. Noch hatte niemand den Peutereygrat begangen. Aber man wusste, dass dieser Weg der grossartigste und anspruchvollste aller Wege in den Alpen sein müsse. Darum suchte sich Güssfeldt zwei Führer aus, die den schweren Sieg für ihn schaffen konnten: Emile Rey von Courmayeur und Christian Klucker von Sils im Fextal. Und sie schufen ihm den Sieg, auch der brave Träger César Ollier trug dazu bei. Im Juni vorher hatten sich Rey und Klucker bei der Erstbesteigung des Ago di Sciora kennengelernt, als sie den Russen Rydzewski hinaufbeförderten. Im Wesen waren diese zwei hervorragenden Führer nicht gleich: Rey ein Draufgänger, resolut, bald heftig und laut, bald liebenswürdig und sanft — ein französischer Piemontese; Klucker ein Uberleger und scharfer Beobachter, entschlossen und zäh, am Berg ruhig und heiter und voll Selbstbeherrschung, selten hart, stets hilfebereit — ein Rätoromane mit alemannischem Einschlag. An Ehrgeiz und Sinn für das Grosse fehlte es beiden nicht.

Klucker hatte die Absicht, in seinen Memoiren die Peutereyfahrt auf den Montblanc ausführlich zu schildern; denn er war mit Güssfeldts Darstellung 1 ) nicht ganz zufrieden. Zur Vorübung bestiegen sie am 11. August die Aiguille Noire de Peuterey. Güssfeldt aber schreibt selbstbewusst und irreführend: « Dennoch zog ich am Tage nach der Ankunft ( in Courmayeur ) aus, biwakierte in den Felsen des sogenannten Fauteuil des Allemands, erklomm die absolut schneelosen Felsen der Aiguille Noire und kehrte ermüdet, aber — wie der Erfolg später lehrte — völlig trainiert am Abend zurück. » Er tat also, als ob er ganz allein auf der Noire gewesen und davon völlig trainiert worden wäre! Klucker aber wusste es besser. Jedem in den Hochalpen erfahrenen Leser muss der professorenhafte Feldherrenton auffallen, mit dem der Berliner von der Peuterey-Montblancfahrt spricht. Aus einem Briefe 2 ) Kluckers an Farrar kann man den Schluss ziehen, dass Güssfeldt am Peutereygrat wohl nicht der leitende Kopf war, da er mit sich selbst ziemlich zu schaffen hatte. Er anerkannte die Leistungen seiner Führer, die vom 14. bis 17. August 1893 während 88 Stunden ihr Bestes getan und ihrem Ruhme die Krone aufsetzten. In Kluckers Führerbuch schrieb er: « Da die Expedition aussergewöhnliche Anforderungen an die Kraft, die Ausdauer und den Mut der Führer stellte, so soll hier zur besonderen Ehre Kluckers ausgesprochen werden, dass derselbe die gehegten Erwartungen nicht nur erfüllte, sondern übertraf. Es war für mich eine grosse Freude, einen Mann wie Klucker kennengelernt zu haben; denn mit den Eigenschaften eines Führers ersten Ranges verbindet er die Eigenschaften eines guten, vorwärtsstrebenden Menschen. » Kaum hatte sich Klucker ordentlich ausgeruht, so trat er in den Dienst des Engländers Edward Davidson, den M. Holzmann und Gerald FitzGerald begleiteten. Klucker wollte auch hierüber ein Kapitel schreiben, kam aber über allzu knappe Skizzen nicht hinaus. Es müssen gute Gänger gewesen sein. Am 27. August 1893 standen sie auf der Punta Giordano und Punta Sella ( Les Jumeaux de Val Tournanche ); am 2. September überschritten sie alle fünf Spitzen der Aiguille des Charmoz von Norden nach Süden, am 3. den Grand Dru von Montenvers aus und tags darauf den Petit Dru. 1894 folgten: Trifthorn, Alphubel, Furggjoch, Matterhorn, Signalkuppe, Grépon, Rimpfischhorn vom Adlerpass, Zinalrothorn — alles Überschreitungen. 1895: Dom, Wellenkuppe—Gabelhorn, Furggjoch ( dreimal ), Matterhorn von der Cabane de la Tour nach Riffelalp, Täschhorn—Dom in einem Tage von Saas-Fee nach Randa, Matterhorn über Zmuttgrat nach Breuil1 ), Furggjoch, Schmadrijoch von Trachsellauenen nach Ried, Bietschhorn über Nord- und Westgrat. 1896: Matterhorn ( von der Hörnlihütte über die obere Stufe des Matterhorngletschers auf den Zmuttgrat und über diesen hinauf und wieder hinab auf den Tiefenmattgletscher ), Monte Cristallo, Croda da Lago mit Abstieg auf dem Sinigagliaweg, Sorapis über Müller- und Grohmannweg, Piz Popena vom Cristallopass über die Westwand, Kleine Zinne über die Nordseite, Zwölferkofel von Westen nach Osten, Elferkofel mit Abstieg durch die Ostwand auf die Arzalp, Fermedaturm in der Geislergruppe, Pelmo mit Abstieg über Cenghia di sopra. Über die letzten acht Gipfel ging auch Sepp Innerkofler von Sexten mit.

Auch Davidson wurde Kluckers Freund und stellte ihn als Führer wie als Mann auf den vornehmsten Platz. Kein Wunder, dass er sich 1897 schon wieder von ihm führen Hess und den gewandten Sepp auch mitnahm. Sie begannen im Montblancgebiet, erstiegen Les Périades und am 18. August erstmals Le Cardinal vom Glacier de Talèfre, fuhren dann in die Dolomiten, überkletterten als zweite den Langkofel von Norden, gingen innert acht Tagen viermal auf verschiedenen Wegen über die Fünffingerspitze, wobei sie zwei neue Zugänge zur Daumenscharte entdeckten, durchstiegen auf teilweise neuem Wege die Südwand der Grohmannspitze, bezwangen Wrinkler-turm und Stabeierturm an einem Tage, ebenso den Figlio di Rosetta und die Cima di Cusiglio mit Aufstieg durch den Woodkamin, erkletterten den Delagoturm, überturnten die Santner- und Euringerspitze vom Schiernhaus zum Bad Ratzes. Man hatte bisher wohl geglaubt, die Schweizerführer würden sich nicht eignen für die Dolomiten, Klucker bewies das Gegenteil. Und 1899 bewies er es nochmals mit Davidson. Nachdem die zwei im August vier Monte Rosa-Gipfel, das Zinalrothorn, Strahlhorn—Rimpfischhorn, Hohberghorn— Stecknadelhorn—Nadelhorn—Windjoch überschritten hatten, gingen sie im September auf Cima di Rosetta, Cimone della Pala ( Zechiniweg ), Pala di San Martino, Cima della Madonna ( Winklerkamin ), Grosse Zinne ( 2. Ersteigung über die Ostwand direkt zur Spitze ), Croda Rossa ( von Platzwiesen über die Ostwand ), Tofana di Mezzo ( via inglese)—Tofana di Fuori. Zum guten Schluss überschritten sie am 27. September den Grossglockner von Kais nach Heiligenblut. Davidson betrachtete es als ein grosses Glück, 1899 und 1900 abermals mit seinem « Freund Christian » einige Wochen durch das Hochgebirge ziehen zu können. Wiederum erwiesen sich beide als gewaltige Gänger, die Ermüdung nicht kannten. Hatten sie früher schon in Überschreitungen Ungewöhnliches geleistet, so schienen sie nun alles Bisherige übertreffen zu wollen. Am 11. August 1899 gingen sie vom Diavolezzahaus über Palü— Bellavista—Zupò nach Boval, am 14. von der Mortelhütte ( jetzt Coazhütte ) über Sellapass—Schneehaube des Scerscen—Monte di Scerscen—Piz Ber-nina—Berninascharte—Biancograt nach Tschierva. Dann schritten sie vom Hochjoch auf den Ortler und den Hinterer Grat hinab, begingen die schöne Königsspitze über Nordostgrat—Königsjoch, betraten an einem Tage Gulden-joch—Monte Zebru—Ortlerpass—Thurwieserspitze und stiegen nachTrafoi ab. Dann begaben sie sich in die Brenta-Dolomiten, überkletterten Cima Tosa— Crozzon di Brenta und Presanella, wandten sich plötzlich nach Westen und standen am herrlichen 22. September auf der Barre des Ecrins. Am 14. August 1900 erstiegen sie das Schallihorn erstmals über den Nordgrat, gingen von der Staffelalp auf die Dent d' Hérens, hinab zum Col des Grandes Murailles und am gleichen Tage noch nach Breuil, überschritten am 7. September das Breithorn vom Theodulpass bis zum Schwarztor und stiegen am 21. September von der Wengernalp auf den Mönch und übers Bergli hinab nach Grindelwald. Das ist eine stolze Auslese von den vielen Bergfahrten auf der Liste Klucker-Davidson. Aber sie ist fast einzigartig. Nur ausnahmsweise wurde ein Lokalführer oder Träger mitgenommen, denn Klucker wünschte nicht « geführt » zu werden, es verdarb ihm den Genuss, den Weg selber zu suchen.

Man sollte glauben, dass Herr und Führer sich auch innerlich nahe kommen, wenn sie jahrelang jeden Sommer und Herbst miteinander zu Berge ziehen. Dies namentlich dann, wenn Bildung und Charakter des Führers zugänglich sind und seine alpine Erfahrung und sein alpines Wissen dem Herrn zu ungeahnten Erfolgen helfen. Zu einer solchen Annäherung kam es zwischen Anton von Rydzewski und Klucker nicht, trotzdem die beiden von 1891 bis 1900 immer wieder in die Bergeller Alpen zogen und schönste Siege gewannen. Der russische Baron, der in Dresden wohnte, begann erst spät die Alpen aufzusuchen, zu spät wohl für schwierige Unternehmungen. Es gebrach ihm an der notwendigen Technik im Fels und Eis, und erlernte sie nie recht, da auch die körperlichen Eigenschaften dazu nicht genügten. Gar keine Seltenheit, dass ein Mensch gerade das sein und werden will, was er von Natur nicht ist und nicht werden kann. Man nennt das irregehenden Ehrgeiz. In diesem Zustand beurteilt ein Mensch seine Umgebung sehr oft unrichtig. Er ist gebunden durch seine Schwäche, er weiss, dass er schwach ist, will es aber nicht haben. Er fühlt sich durch die Überlegenheit des andern innerlich gedemütigt und gereizt und spielt infolgedessen zwangsläufig nach aussen die Rolle des Ebenbürtigen oder gar Höherstehenden. Wenn er auch den andern anerkennt, so geschieht es nicht von Herzen, nur aus dem leeren Wissen um Tatsächliches und vielleicht sogar nur aus dem Bedürfnis, zu zeigen, dass man vom Wert einer Sache ebensoviel verstehe als andere, also aus Eitelkeit. Kommt noch das anerzogene Bewusstsein dazu, man sei schon allein hinsichtlich der Abstammung der geborene Herr, der seinem Diener zu befehlen hat, dann ist allerdings von vorneherein jede Brücke zum Verständnis des andern abgebrochen. Dieser « Andere » hiess Klucker und spricht sich darüber in seinen Memoirendeutlich genug aus. Man spürt, wie er gelitten hat unter diesem oft fast unerträglichen Verhältnis zwischen Herr und Führer. Er, der gewohnt war, dass man ihm gut begegnete, dass man in ihm den sichern Begleiter und Freund sah und nicht den bezahlten Führer. Gewiss, zuerst schien es anders zu sein, als Rydzewski ihm in Promontogno ins Führerbuch schrieb: « Er ist ein ganzer Mann und Führer allerersten Ranges. » Aber dies schrieb er wahrscheinlich aus Nachahmung der Worte eines Curtius und Norman-Neruda, die ihm als Bergsteiger und Männer weit überlegen waren, denen er aber als ebenbürtig erscheinen wollte. Der Russe hätte sich glücklich geschätzt, wenn eine unbekannte Bergellerspitze wirklich den Namen « Pizzo Rydzewski » bekommen hätte. Im Führerbuch Kluckers hat er diese zwei Worte doppelt unterstrichen und mit Ausrufzeichen verziert.

Man hat Klucker mit gutem Grund gefragt: « Warum gehst du immer wieder mit einem derartigen Menschen auf derartige Berge? » Er gab darauf folgende Antwort: « Diese Frage habe ich mir selbst sehr oft gestellt. In den zehn Jahren, wo ich mit ihm ging, habe ich dreimal ein Engagement von ihm abgelehnt. Gekündet habe ich ihm auch am 3. Juli 1892 in der Albigna und am 28. Juni 1893 im Franzaina, aber jedesmal brachte er mich mit glatten Worten und Versprechungen herum. Und warum liess ich mich überreden und ging wieder mit ihm? Die treibenden Motive hierzu waren:

1. Bereits in den 80er Jahren, als ich mit meinem lieben Freunde Prof. Dr. Curtius Türen im Bergell ausführte, sagte ich mir angesichts der grossen Zahl unbestiegener Spitzen in dortiger Gegend: Die Erschliessung dieser Gruppe musst du zu deiner Aufgabe machen!

2. Umsonst machte ich Herren wie Norman-Neruda, J. P. Farrar und andere auf dieses Gebiet aufmerksam. Ich ging also mit dem Russen, um mir das Neue in dortiger Gegend nicht wegschnappen zu lassen.

3. Wusste ich auch, dass unsere Nachbarn vom italienischen Alpenklub auf das Bergellergebiet aufmerksam geworden waren, und zwar gerade durch die Publikationen Rydzewskis in der Rivista mensile des CA. I. » Es kränkte Klucker sehr, dass Rydzewski sich in der Literatur als Pionier der Bergelleralpen ein Denkmal setzen wollte, obschon er genau wusste, wem er seine Lokalkenntnisse und die Stellung und Lösung der alpinen Probleme daselbst in erster Linie zu verdanken hatte. Darum schrieb Klucker den Rydzewskiteil der Memoiren ausführlicher als die andern Abschnitte, aber wahrlich nicht aus Freude — zu viele Briefe bezeugen es —, sondern voll inneren Grolls und zugleich mit der Besorgnis, er könnte den Weg restloser Sachlichkeit an gewissen Stellen verlassen.

Es ginge weit über den Rahmen dieser Studie hinaus, all die Männer und Frauen aufzuzählen, die Klucker durch die Hochalpen geführt hat, und all die Gipfel und Joche zu nennen, die er betreten. Nach der Rückkehr aus den kanadischen Rocky Mountains, wohin er 1901 Edward Whymper mit drei andern Führern ohne grossen Erfolg 1 ) begleitet hatte, äusserte er in Freundeskreisen, er habe wohl 2000 Gipfel bestiegen. Nimmt man die von 1902 bis 1928 noch dazu, dann sind es über 3000, wenn man bedenkt, dass er mit 73 und 74 Jahren noch jeden Sommer und Herbst seine 35 Gipfel begangen hat. Er hatte nach seinen eigenen Aufzeichnungen 34 Erstbesteigungen, 28 Erstüberschreitungen mit neuem Auf- oder Abstieg, 11 neue und schwierige Jochübergänge und 65 neue Aufstiege und Varianten ausgeführt. Davon entfallen 21 Erstbesteigungen auf die südlichen Bergelleralpen2 ).

Von den schweizerischen Bergsteigern, mit denen Klucker öfters gewandert ist und mit denen er sich herzlich befreundet hat, trotzdem sie viel jünger waren, seien nur zwei genannt: Rudolf Staub in Zürich und Hans Rütter in Wädenswil. Jener beging als Geologe die Bündneralpen, hatte in Klucker einen ausgezeichneten Geländekenner, Zuhörer und Beobachter. Dieser bearbeitete im Auftrage des S.A.C. den Clubführer « Die südlichen Bergellerberge und Monte Disgrazia » 3 ) und fand gewiss keinen zuverlässigeren Ratgeber und Beherrscher dieses Gebietes als Christian Klucker. Dazu kam noch ihre gemeinsame Sorge um die Albigna- und Sciorahütten. Eine Arbeit zum Wohle des Schweizer Alpenclubs verrichtete Klucker besonders gern.

Man darf wohl glauben: nicht nur die Liebe zu und der Umgang mit den Bergen bewog Klucker zum Eintritt in den Alpenclub, sondern ebensosehr auch der Drang nach Bildung und Wissen. Von Anbeginn betrachtete der S.A.C. die Erschliessung der Alpen nicht als eine nur sportliche, turistische Eroberung von unbestiegenen Gipfeln und Jochen, sondern als ein sinnvolles Erforschen von Land und Leben, als ein leiblich und geistig Bad, wie es sich Conrad Gessner schon im 16. Jahrhundert gewünscht hatte. Der Spiegel dieser Auffassung war das Jahrbuch. Der wissensdurstige Klucker merkte bald, wie wichtig diese Quelle für ihn war und dass sie ihm auch andere erschloss. So lernte er Gottlieb Studers « Eis und Schnee » kennen, ein Werk, das jeder ernsthafte Bergsteiger und Führer jener Zeit kennen musste, wenn er von Topographie und bergsteigerischer Tat etwas wissen und sich selbst neue Aufgaben stellen wollte. Die populär-wissenschaftlichen Abhandlungen im Jahrbuch nährten auch seine Freude an der Pflanzen- und Steinwelt, so dass er später Fachwerke kaufte von Bernhard Studer, Albert Heim und Carl Schröter und sich überhaupt eine gute alpine Bibliothek anlegte. Der Umgang mit dieser Literatur sowie der Verkehr als Führer mit naturwissenschaftlich gebildeten Turisten förderten Kluckers angeborene Gabe der Naturbeobachtung wesentlich.

Er war aber nicht nur ein Lern-, sondern auch ein Lehrtalent. Man darf dies aus seiner spätem Tätigkeit in Führer- und Ubungskursen schliessen. Vielleicht ist an Klucker ein vortrefflicher Lehrer und Naturforscher verloren gegangen.

Auf seine Lehrbegabung wurde man bei sogenannten Clubfahrten aufmerksam. Es war nicht nur praktische Vorführung einer vollendeten Technik, die gefallen musste, « von Klucker strömte eine eigene Kraft, Energie und Zuversicht » aus und übertrug sich auf die Schüler. Darin liegt ja das Geheimnis alles Lehrerfolges und aller Anhänglichkeit, die Meister und Lehrling verbindet. Als von 1895 an das führerlose Gehen im Hochgebirge immer mehr zunahm, aber zugleich auch die Zahl der alpinen Unglücksfälle, da kam man im S.A.C. langsam auf den guten Gedanken, für die jungem Mitglieder alpine Ubungskurse zu veranstalten. Als Leiter kamen in erster Linie bewährte Führer in Betracht, unter diesen keiner mehr als der Vater Klucker. Da er sich um 1900 schon mit dem Schneeschuh befreundet hatte, so begegnen wir ihm 1904 als Lehrer in einem Skikurse, den die C. Sektion Rhätia im Januar auf der Lenzerheide durchführte, wobei als Hauptlehrer die norwegischen Skifürsten T. Heyerdahl und T. Smith und der Schweizer Victor de Beauclair tätig waren. Klucker lockte die drei dann ins Oberengadin, wo die Jugend sie mit Begeisterung empfing, und beging mit ihnen am 28. Januar den Piz Fora. 1907 leitete er einen Skikurs der Sektion Basel auf dem Mont Soleil im Berner Jura und hielt im Bernoullianum zu Basel seinen ersten öffentlichen Vortrag über die « Kanadische Reise mit Whymper ».

Einen förmlichen Aufschwung nahm seine Lehrtätigkeit von 1918 an. Dies hatte auch seine äussere Ursache. Während des Weltkrieges war das Bergsteigen der jungen Schweizer gebremst worden, obschon viele als Soldaten bei der langen Grenzbesetzung im Gebirge Gelegenheiten für skifahren und eine beschränkte alpine Betätigung gefunden hatten. Als nun der Krieg zu Ende war, drängten in wenig Jahren Tausende von Männern in den S.A.C., und das Bedürfnis nach Übungskursen wuchs. Die grosse Sektion Uto in Zürich wählte mit Vorliebe Christian Klucker als Lehrer und Übungsleiter, von 1918 bis 1928 wirkte er in den Gebieten der Medelserhütte, der Albert Heim-Hütte, der Silvretta- und Fornohütte nicht weniger als achtmal. Aber auch andere C. Sektionen suchten den hervorragenden Lehrer zu gewinnen, so Basel, Winterthur, St. Gallen und Rhätia. Hören wir ein Zeugnis: « Bei den Übungen, auf den Türen, nach getaner Arbeit in der Hütte, überall zeigte sich die ganz besondere Eigenart von Klucker als Leiter solcher Lern-kurse. Mit rührender Dankbarkeit folgten alle Teilnehmer seinen auf jahrelangen Erfahrungen beruhenden Belehrungen... Sein Beispiel dient der alpinen Sache in ganz ausserordentlicher Weise 1 ). » Dass Klucker vom Zentralvorstand des S.A.C. auch als Führerkurslehrer herangezogen wurde, ist fast selbstverständlich. Er selbst gibt seine Ansicht über das Führerwesen, besonders in Graubünden, an verschiedenen Stellen der Memoiren kund. Darin wie auch in seinen Briefen betonte er stets mit aller Deutlichkeit, dass es ein Glück sei, wenn der S.A.C. das gesamte Führerwesen in den Schweizeralpen unter seine Obhut nehme, dadurch werde der Führerdilettantismus am wirksamsten bekämpft, ebenso die übertriebenen Forderungen an Führertaxen.

Als Klucker in die 1891 gegründete Sektion Bernina übertrat ( aus der Sektion Rhätia ), war es bald gegeben, ihm das Hüttenwesen anzuvertrauen. Denn auch auf diesem Gebiete besass er Erfahrung. Theodor Curtius, der Stifter der Fornohütte 1889, hatte ihm Bau und Aufsicht übertragen. Gewissenhaft erstattete er alljährlich seine Berichte, bis die Hütte 1920 von Curtius dem S.A.C. geschenkt wurde. Nicht weniger als fünf Hütten — Rascher, Jürg Jenatsch, Boval, Tschierva und Mortel — hatte er eine Zeitlang unter seiner Aufsicht. In den Briefen seufzt er mitunter über die vielen Gänge und Schreibereien, die ihm dieses Amt auferlegte. Als Dr. Marco de Marchi in Mailand auf dem Crast'Agüzza-Sattel eine Hütte bauen liess, übertrug er Klucker die Vorarbeiten für den Bau und die Überwachung der Baustoffbeförderung. 1919 wurde der Vorchlag gemacht, zu Ehren des ersten Berninabesteigers, Johann Coaz, eine Hütte auf dem Sellapass hart an der italienischen Grenze zu bauen. Klucker war dagegen und für den Bau einer Hütte auf der Gemsfreiheit, am Fusse der Bernina. Schliesslich riss man die alte Mortelhütte ab, baute an ihrer Stelle 1925 die Coazhütte und übergab sie der Sektion Rhätia in Chur. Damit war Klucker auch zufrieden, denn der Kreis der Oberengadinerhütten war nun glücklich geschlossen.

Klucker hat dem S.A.C. noch andere wertvolle Dienste geleistet, namentlich als Mitarbeiter bei der Herausgabe des Bergellerführers und als Ratgeber bei der Revision des Topographischen Atlas in seinem Heimatgebiet, dessen Topographie niemand besser kannte als er.

Kaum ein schweizerischer Bergführer, der dem Schweizer Alpenclub so eifrig gedient hat wie Christian Klucker.

Als gesuchter Bergführer war Klucker viel fort. Daher eignete er sich nicht wohl für ein öffentliches Amt, das seine Gegenwart verlangte. Allein sein Sils war keine grosse Gemeinde mit täglich sich drängenden Geschäften, es lag beschaulich im Ausgang des Fextales, nicht weit von Silser- und Silvaplanersee und schien zufrieden zu sein, dass Segantini die Gegend malens-wert gefunden hatte und allmählich auch Sommergäste erschienen, denen es in St. Moritz zu laut oder zu teuer wurde. Die Intelligenz und die Energie Kluckers blieben seinen Mitbürgern nicht verborgen, und sein Führerruhm, der 1901 kulminierte, tat auch der Gemeinde wohl. Er hatte viel gesehen und beobachtet, war weit in der Welt herumgekommen, war gesellschaftlich, hilfebereit, schrieb schöner als mancher Schulmeister und konnte auch rechnen und ohne Furcht den Mund auftun. Der Mann gehörte unbedingt einmal in die Behörde.

Es ist gar nicht so leicht, in einer kleinen Gemeinde Mitglied eines Ausschusses oder des Rates zu sein. Kapital und Grosszug fehlen zumeist. Man wohnt zu nahe beieinander, hat zu sehr dieselben Bedürfnisse, man kennt sich zu gut und hat zu viele Verwandte. Klucker fiel in dieser Hinsicht stark heraus, er war weniger gebunden und hatte ein freieres Urteil. Da er selbst wohl wusste, wo es ihm fehlte, nämlich an einer tieferen Schulbildung, so interessierte ihn gerade das Schulwesen ganz besonders. Als eifriges Mitglied der Schulpflege war er wohl gute zwanzig Jahre tätig und ging nie vom Standpunkt ab: nur der beste Lehrer ist gut genug für die Kinder, aber Gemeinde und Staat haben die Pflicht, ihm gebührenden Lohn zu entrichten. Schüler schlagen oder grob anfahren, war ihm tief zuwider. Da ihm das Geschick keine Familie beschieden hatte, fand er eine Art Ersatz in der Schule. Wie er in den Bergen den jungen Steigern ein Freund und Berater war, so auch den Knaben und Mädchen von Sils. Sie wussten es und liebten ihn. Die Schulpfleger in der Schweiz gehen nicht oft zum Schulbesuch. Klucker aber ging gern. « Ein halber Tag in der Schule bedeutet für mich eine weit grössere und tiefgreifendere Erbauung als ein Kirchgang 1 ). » Ebenso wichtig war seine Stellung im Gemeinderat, namentlich als dessen Präsident um 1907 und später nochmal. Er interessierte sich für alles, was seine Gemeinde und sein Tal betraf: Verbesserung von Brücken, Stegen, Wehren, Wegen, Wald, Weide; Einführung des elektrischen Lichtes, der Kanalisation; Bekämpfung der Trunksucht und ihrer Folgen; vernünftige Besteuerung; Förderung des Fremdenverkehrs usw. Alles Persönliche in Gemeindesachen lehnte er bestimmt ab, auch wenn er sich dadurch Feinde schuf. Begünstigung des wirtschaftlich Kräftigeren duldete er nicht. « Per-sonenkultus treiben wir nicht und erwarten, dass das Persönliche in Gemeindeangelegenheiten unterbleiben möge », schrieb er 1907 einem Bergbauern, der glaubte, mehr Weidrecht beanspruchen zu können.

Er kämpfte auch gegen die Steigerung der Bodenpreise durch die Hotelindustrie. Dadurch leide die Landwirtschaft und die Entwicklung der Gemeinde, da die Zunahme der einheimischen Bevölkerung gefährdet und Handwerk und Gewerbe abgehalten werde. « Ist der Steuerkommissär im Lande, dann sinken urplötzlich die Bodenpreise, ist er fern, dann sind sie hoch 2 ). » Im Gegensatz zu gar vielen Ratsherren der Welt hing er nicht am Amte. Er dankte ab. Aber als die Gemeinde einige Jahre später durch arge Unzukömmlichkeiten in grosse Not geriet, übergab sie ihm vertrauensvoll das Leitseil nochmals. « Ich fuhr den Karren aus dem Dreck, und dann ging ich wieder », sagt er trocken hiervon und hatte doch eine dornenvolle und wichtige Arbeit getan.

Klucker wehrte sich kraftvoll für seine Gemeinde, wenn er sie von aussen her bedroht sah. Als 1907 der nahe Silsersee von einem grossen schweizerischen Unternehmen wassertechnisch erfasst und der Fexbach abgeleitet werden sollte, da kämpfte er namens des Rates unentwegt dagegen. So schrieb er an Ständerat Dr. Calonder 1 ): « Soviel ist ziemlich gewiss, dass freiwillig weder die Bürgergemeinde eine Konzession erteilen noch die politische Gemeinde ruhig zusehen wird, wie unser herrlicher Alpensee zum ordinären Reservoir gestempelt werden soll. Für Geld ist die Schönheit unsrer Umgebung nicht feil. » Oder 1908: « Warum sollen unsre Seen, die Perlen unsrer Berge, der Spekulation ausgeliefert werden? Wir werden uns dagegen wehren. » Christian Klucker hielt die Hand immer wieder schirmend über die Heimat. Verschandelung der Natur zu gewöhnlichen Erwerbszwecken blieb ihm ein Greuel. So kämpfte er von 1919 an jahrelang mit Wort und Schrift2 ) gegen die Ausbeutung des neuerdings bedrohten Silsersees und dann des Albignabaches für elektrische Kraft. Im Dezember 1926 ging er in dieser Sache zu Bundesrat Häberlin nach Bern und legte ihm alle Gründe gegen die angebliche Notwendigkeit solcher Kraftwerke dar. Man beruhigte ihn; er aber bekam bald den Eindruck, das eidgenössische Amt für Wasserwirtschaft « liebäugle » mit dem Konzessionsnehmer. Als am 25. September 1927 ein furchtbares Unwetter über das Oberengadin niederfuhr und im Bergell die Gletscherbäche Ordlegna und Albigna Brücken, Häuser und Poststrasse fortrissen und fruchtbares Land verwüsteten, da fanden die Anhänger der Kraftwerke es für günstig, ihre Gegner im Engadin für diesen Wetterschaden verantwortlich zu machen. « Kaum war das Hochwasser im Tal abgeflossen, » schreibt Klucker einem Freunde, « so prasselten Zeitungsartikel wie Trommelfeuer in die Öffentlichkeit, und alle waren auf das Silserseekraftwerk zugespitzt, um bei der Kantonsregierung Stimmung zu machen. » Auch der schweizerische Heimatschutz trat gegen das Kraftwerk auf und die Alpenclubsektion Bernina schloss sich an. Ein Glück, das Klucker das Jahr 1930 nicht mehr erlebte, sonst hätte er auch noch gegen das Projekt einer Piz Berninabahn kämpfen müssen.

Klucker war kein Gegner des Fremdenverkehrs. Er wusste sehr wohl, was dieser für das Alpenvolk bedeutete und dass er selbst auch kleinen Anteil daran hatte. Aber Klucker hasste die Technik, sobald sie in die Schönheiten der Natur griff und sich mit dreister Wichtigtuerei als Wohltäterin des Menschen gebärdete. « Um der andern willen hat noch keiner sein Geld für ein Kraftwerk hergegeben. » Auch fand er es für unlogisch, die Schönheiten eines Bergtales als Reklame für die Fremdenindustrie auszunützen und hernach einen Teil davon zu zerstören, weil man dadurch noch mehr Geld gewänne. Skeptisch sah er in die Zukunft.

Die Naturverbundenheit Kluckers äusserte sich auch in seiner grossen Liebe zu Pflanzen und Tieren. Wie eine sinnige Hausfrau schmückte er in hohem Alter noch sein Haus mit Blumen und pflegte sie mit eigener Hand.

Ebenso betreute er die kleinen Gärten der ihm befreundeten Gelehrten und Bergsteiger Theodor Curtius in Heidelberg und Rudolf Staub in Zürich, welche bei Sils ihre Sommerhäuser hatten. Schon als junger Führer empfing er von englischen und deutschen Turisten grosses Lob für seine « familiarity with flowers and rocks », für seine « Freude an der Natur und Kenntnis der Pflanzen und Mineralien ».

Als 1908 in der Nähe von Sils Maria ein Alpengarten — « Alpinum » — geschaffen wurde und man einen guten Pfleger suchte, fiel die Wahl auf Klucker 1 ). Wenn er auch die Schönheit des Bergwinters zu würdigen wusste und als Skifahrer schon um 1900 seine Spur durch den schimmernden Pulverschnee zog, so war seine Augenweide an des Frühlings Erwachen doch viel grösser und tiefer. « Das Blumenwunder der Alpen ergreift mich jedes Jahr mit Macht. Nie ist mein Fextal schöner, als wenn Krokus und Soldanelle neben dem weichenden Schnee das Lied der Auferstehung singen. » « Der Flachländer besingt den Winter im Gebirge, weil er denselben in seiner vollen Gewalt und Ausdehnung nicht kennt. Wie drückend wirkt es auf die Seele, wenn tage- und nächtelang der Schneesturm über unsre Hütten braust! » Klucker kannte Lebensweise und Standorte auch seltener Alpenpflanzen ganz genau. Wer das Thema anschlug, machte ihm eine grosse Freude, und gern und eindringlich gab er Auskunft. Er wusste z.B., dass die rote Lichtnelke im Jahre 1920 nur an zwei Stellen im Fextale blühte.Vergeblich suchte er sie später wieder. Die niedliche Glockenblume ( Campanula cenisia ) entdeckte der Siebzigjährige voll Entzücken, als er auf den Piz Materdell stieg, und von der straussblütigen Glockenblume kannte nur er die Standorte in der weiten Umgebung des Silsersees. Als er am 21. Juli 1918 müde und unzufrieden auf dem Passo di Sorreda, 2770 m, stand, entdeckte er « auf engem Raum nicht weniger als 15 Arten. Ich dachte an meinen toten Alpengarten bei Sils Maria und an die Linnaea bei Bourg-St-Pierre und wurde fast traurig. » Im Gegensatz zu grossen Bergführern wie Hans Grass, Christian Almer, Melchior Anderegg und Alexander Burgener war Christian Klucker kein Jäger. In der Jugend begleitete er den Vater auf der Gemsjagd, aber eine Leidenschaft wurde bei ihm nie daraus. Er sah Murmel und Gemse lieber geschützt als gejagt und konnte in heftigen Zorn geraten, wenn italienische Wilderer aus dem Malencotale ins bündnerische Schutzgebiet einschlichen. « Colani hätte besser getan, mehr zu arbeiten und weniger zu töten », sagte Klucker, als ich von diesem sagenhaften Jägerkönig etwas erzählte.

Was für ein zärtliches Verhältnis bestand zwischen dem greisen Klucker und seinem in stillen Tagen oft einzigen Hausgenossen! Fern in der Stadt unten dachte er an sein treues schwarzes Kätzchen. Die Liebe drängte ihn heimzu, denn « es würde aus lauter Heimweh nach mir zugrunde gehen ». Wer Tiere quälte, den knurrte er gehörig an. Wer Tiere schützt, hat auch die Menschen lieb. Klucker führte einen lebhaften Briefverkehr, der mit den Jahren wesentlich zunahm. Schliesslich wurde dieser Verkehr so gross, dass er es von 1907 an für nötig fand, Kopierbücher zu führen. Ungewöhnliche Ordnungsliebe und Gewissenhaftigkeit sprechen daraus zum Leser. In diesen über 2500 Briefen hat nicht etwa der Bergführer, der mit seinen Herren über Türen verhandelt, das erste Wort. Viel öfter redet der bereitwillige alpine Ratgeber, der auf allen Gebieten Bescheid weiss; der Freund, der Trost sucht oder spendet; der Kämpfer für eine gute Idee, für die Heimat oder für die eigene angegriffene Person; der Hauswirt, der für die Angehörigen und die Gemeinde sorgt, usw. Dabei bediente sich Klucker je nachdem der deutschen, ladinischen und italienischen Sprache. Seine Briefe wanderten in die Schweiz, nach Italien, Österreich, Deutschland und England.

Die Muttersprache Kluckers war die romanische, wie man sie im Oberengadin spricht. Die kurze Schulzeit verhinderte eine vollständige Beherrschung der deutschen Schriftsprache. Ladinismen begegnet man daher öfters in seinen deutschen Briefen und in seinen Memoiren.

Klucker kam wohl nicht von selbst auf den Gedanken, seine Erinnerungen zu schreiben. Und doch lag es 1902 schon ganz nah, als er von einer Niederschrift des von ihm jahrelang in den Bergelleralpen geführten Anton v. Rydzewski vernahm und sehen musste, wie wenig der Herr seinen Führer verstand, aber bemüht war, die Pionierkränze auf sein eigenes Haupt zu legen. Allein damals war er noch in dem Alter, wo man lieber Geschichte macht als Geschichte schreibt.

Da Klucker im mündlichen Verkehr ein lebhafter Erzähler war, der Ernst mit Humor und Satire zu paaren wusste und dabei ein vorzügliches Gedächtnis für Beobachtungen und Taten offenbarte, so sollte man meinen, der schriftliche Ausdruck dafür sei ihm nicht schwer gefallen. Dem ist aber gar nicht so. Im November 1919 liess er sich in Basel von Freunden überreden, seine Memoiren als Bergführer aufzuzeichnen. Dabei war die gute Absicht vorhanden, ihm auch finanziell auf die Beine zu helfen, denn seit 1912 hatte er in verstärktem Masse für einen kranken Bruder, eine schwache Schwester und deren kränkliche Tochter zu sorgen. Als er nun an dem Schreibtisch sass, ging es ihm wohl wie Götz von Berlichingen. Nur stand keine liebevolle Elisabeth neben ihm, um ihn zu ermuntern. Jahrelang ächzt und knurrt er in seinen Briefen über die Tortur, Memoiren schreiben zu müssen. Bei der Vorarbeit wollte er sich nicht übereilen. Eine Menge Stoff sollte zuerst gesammelt und gesichtet werden. Dann wollte er anfangen zu skizzieren und schliesslich alles ins reine schreiben. John Percy Farrar, mit dem er so manche stolze und schwere Fahrt unternommen, neckte ihn als den « Un-fehlbaren ». Klucker wollte nicht, dass man ihm eine Unrichtigkeit in seinen Memoiren nachweisen könne. Statt frisch und unbeschwert zu erzählen, auch auf die Gefahr hin, Lichter und Schatten dichterisch zu verwenden, blieb er streng bei den Tatsachen. Und gerade das hemmte den Fluss der Niederschrift und weckte in ihm den Glauben, er habe zuviel übernommen. « Ja, wenn es sich darum handeln würde, eine Cima del Largo, einen Bacone- Nordgrat oder den Ago di Sciora zu besteigen, ja dann würde ich es mit manchem jungen Literaten aufnehmen * ). » Da der Abschnitt über die Bergelleralpen in den Memoiren an Bedeutung und Umfang vorne stand, weil Klucker hier mehr denn anderswo als Pionier tätig gewesen, so wollte er diesen besonders zuverlässig gestalten. Da fiel ein Schreckschuss. Rydzewski, der ihm schon 1902 mit einem Bergellerbuch gedroht hatte, war inzwischen gestorben. Nun suchten seine Erben dieses Buch zu veröffentlichen, und Klucker bekam Einsicht in den Text. Darin standen allerlei Äusserungen über ihn, die mit früher gedruckten keineswegs übereinstimmten und die er als schwere Beleidigung empfinden musste. Er wünschte ein Ehrengericht und die Überprüfung des Textes durch einen Kenner des Bergells, wie Hans Rütter in Wädenswil. Allein der Druck blieb aus, nur ein überarbeiteter Teil erschien im Jahrbuch des S.A.C., 1923. Die gereizte Stimmung Kluckers war den Memoiren nicht günstig. Er zögerte und schob hinaus auf bessere Tage, bald ärgerlich, bald traurig, bald apathisch, so dass er selbst sich als « unbeholfener, energieloser alter Knabe », als « verrosteter Gehirnkasten » und « querköpfiger Griesgram » erschien. Mitunter schwankte auch sein Vertrauen auf « die Qualität der Produktion ».

Auf die Erinnerungen an Theodor Curtius und Ludwig Norman-Neruda sollten als grössere Kapitel folgen: « Mit John Percy Farrar in den Jahren 1893 und 1894 »; « Mit Güssfeldt über den Peutereygrat auf den Montblanc, 1893 »; « Bergfahrten mit W. E. Davidson » und « Meine Winterbesteigungen ». Am 1. Januar 1925 schrieb Klucker einem Freunde, sie seien noch nicht skizziert, aber leicht darzustellen. Am 30. Mai 1926 lagen nach seinen Angaben 300 Seiten im Manuskript vor, und den Abschluss würden weitere 150 Seiten bilden, wovon ein Teil skizziert vorliege 2 ). Leider sind gerade diese wertvollen Abschnitte nicht mehr geschrieben worden.

Der Abbruch der Memoiren hatte aber tiefere Ursachen, als man vielleicht glaubt. Nicht der Tod hat sie abgebrochen, sondern das Leben.

War Christian Klucker auch in den Bergen aufgewachsen, so schien er doch nicht für die Einsamkeit geschaffen. Als der nahezu Siebzigjährige eine Zeitlang ganz allein den Winter 1920/21 erlebte, erdrückte ihn die Monotonie schier, und die trüben Ausblicke in die Abenddämmerung seines Lebens « erdrosselten » ihm bisweilen das Gemüt. « Und doch möchte ich so gern ein junges Herz bewahren », klagte er seinem Freunde Fritz Sulzberger.

Man stelle sich den alternden Klucker nicht als geruhigen Philosophen in der schönen Einsamkeit vor. Er hatte sich mit dem Leben noch nicht abgefunden. Daran änderte auch die Niederschrift seiner Memoiren nichts. Er fühlte sich innerlich hin und her gerissen. Die Fürsorge für andere empfand er bald als zwecklos, bald nur als moralische Pflicht. Man vergesse ) Brief an Prof. Dr. Theodor Curtius in Heidelberg, 10. Dezember 1923.

2 ) Im Nachlass finden sich nur Daten und das « Führerbuch », von 1887 bis 1928 reichend.

VII2 nicht, dieser einst so kräftige und begehrte Mann hatte aus Rücksicht auf seine weniger glücklich geratenen Nächsten nicht geheiratet, trotzdem sein feuriges Herz in Liebe schlug. Nachdem er nun alt geworden und seine Leute aus dem Leben schieden und nur noch ein kranker Familienzwei° übrigblieb, für den er zu sorgen hatte, fühlte er keine Erlösung. Im Geiste bevölkerte er wohl sein Heim mit einer zärtlichen Gattin und blühenden Kindern und Enkeln. Aber wenn er in stürmischer Nacht vom Lager auffuhr, wusste er wieder: du bist allein, du bist andern Magd und Haushälterin gewesen, der Zwang des Geschickes hat es gewollt und dich in diese Einsamkeit gestossen.

Schnell besehen, erscheint uns Kluckers Wesen voller Widersprüche. In Wirklichkeit kreiste sein Innenleben um jenen Naturkern, den man Liebe und Freundschaft nennt. Dafür spricht die fast leidenschaftliche Zärtlichkeit des Greises für wohlgeratene Menschenkinder, denen er « Grossvater » sein wollte, sein Wille, das Fextal zu verlassen, wenn er noch einsamer werden sollte, sein Glaube an des Dichters Wort, der Mensch sei Gottes schönster Gedanke in der Schöpfung. Natürlich litt er unter diesem Glauben, denn es war der Glaube an sich selbst. Und von sich und für sich selbst hatte er mehr erwartet. Begabung und Lebensdrang hatten ihn für ein weites Milieu bestimmt. Doch die auslösende Kraft fand den Weg nicht zu ihm. Wohl wusste und fühlte er öfters, dass er etwas galt in der kleinen Gemeinde, im grossen Tale, im Kreise der Führer vom Tirol bis ins Dauphiné und der besten Alpinisten Europas. Aber eben dieses Wissen und Fühlen berührte nicht das Tiefste in ihm. Es ist ja nicht ganz sicher, dass er an anderm Platze Grösseres und Bleibenderes geleistet hätte, aber wahrscheinlich. Oder ist es ein Irrtum, zu sagen, dass Klucker zwar im Führerberuf, im Umgang mit den Bergen und Menschen sein Glück zu finden hoffte, dadurch aber die Hauptstrasse seines Lebens verfehlte und einen zackigen Nebenweg einschlagen musste? Er selbst deutet es traurig an: « Da die nötigen Vorbedingungen und Unterlagen bei mir fehlten, so war es mir versagt, ein ganzer, ein vollkommener Mann und Mensch zu werden, und ich musste mich daher mit Halbheiten abfinden... Ich habe meine Lebensaufgabe bei weitem nicht erfüllt1 ). » Ehre und Ruhm befriedigen nur den Rand der Menschenseele, die Tiefe aber bleibt unberührt und wartet auf die Nahrung der Liebe. Das Aufgehen Kluckers in Gesellschaft war bloss ein Ersatz dafür. Dabei empfing er nicht nur Frohmut, sondern strömte auch aus. Aber der gleiche fröhliche Mann konnte plötzlich ernst und nachdenklich werden. Nicht aus Laune oder Nervosität, vielmehr aus der grossen Sehnsucht in den Tiefen seiner Seele, die nach einem andern Glücke rief. Das Leben versagte es ihm, er selbst versagte es sich um andrer willen. Aber was man in der Vollkraft seines tätigen Lebens nach aussenhin verbergen kann, bricht im Alter auf wie eine schlecht geheilte Wunde. Nur so kann man seine oft ergreifende Klage um die Zwecklosigkeit seines Lebens verstehen und seine noch ergreifendere Sehnsucht nach lieben und frohen Menschen. Die Briefe des alten Klucker reden eine zu deutliche Sprache, dass eine andere Deutung gestattet wäre.

Dazu kam noch was ebenso Verständliches. Er konnte sich bei seinem bescheidenen Erwerb als Führer und Inhaber der Poststelle Fex keinen Schatz für das Alter schaffen und war von Natur keineswegs ein Hamster. Kleine Ersparnisse schmolzen weg, und mit dem wachsenden Alter ging der Verdienst zurück. Wohl verdiente er etwas mit Vorträgen — er hat über 50 gehalten —, wohl fand er Hilfe in der Not, und tief war sein Dank. Aber ganz tiei innen in seiner Seele tat ihm all das weh. Ein andrer hätte sich mit der netten Versicherung getröstet, diese Hilfe sei ein wohlverdienter Ehrensold. Klucker nicht, er tat nur so. Wohl gibt er in einem Briefe 1921 zu, dass er, im Grunde genommen, ein glücklicher Mensch sei, wenn er Vergleiche machen wolle, denn er sei gesund und erhalte fast jeden Tag Beweise, dass man ihn achte und ehre. Aber diese Äusserung ist mehr höflich als zutreffend und ändert an unserm Bilde nichts. Er selbst täuschte sich zu gern im Glauben, dass der Frohsinn seiner Freunde und Zuhörer ein Jungbrunnen für ihn sei; denn kaum war er weg von Basel, Zürich oder St. Gallen und weilte nur einige Tage daheim, so kam der Schatten der Schwermut wieder über ihn, namentlich im Winter. Zog Frühlingsahnung durch das Fextal, dann regten sich in seiner Brust fröhliche Gefühle, und schon sah er sich im Sommer mit guten Menschen auf hohen Bergen schreiten « als der glücklichste Mann weit und breit ». Dann wurden ihm seine Memoiren sauer oder gar überflüssig.

Des Menschen Seele ist kein wohlgegliedertes philosophisches System, « kein ausgeklügelt Buch », sie ist die Natur selbst: Frühling, Sommer, Herbst und Winter. Eine Fülle von geheimen Kräften bewegte die Seele Kluckers, dass sie bis ins hohe Alter ungewöhnliche Pendelweiten durcheilen konnte. Er selbst glaubte mit 70 Jahren noch an seine « starke Seele », trotzdem Missgeschick und Ungemach seine steten Begleiter seien.

Der Tod reichte ihm freundlich die Hand. Als er am 21. Dezember 1928 sonntäglich gekleidet aus dem Fextal nach Sils-Maria hinunterslieg, um am Weihnachtsbaum mit seinen lieben Schulkindern fröhlich zu sein, da stand sein Herz still.

Farrar hat wohl recht:

Christian Klucker ist in die Geschichte des Alpinismus eingegangen.

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