Cocuy

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Erste Besteigung. Von Walter Röthlisberger.

Wohl die meisten Leser werden sich von ihrer Schulzeit her erinnern, dass in der Republik Ecuador, direkt unter der äquatorialen Sonne, einer der höchsten Schneeberge der Erde zum Himmel wächst. Es ist der Chimborazo mit seinen 6310 Metern. Dass aber im Lande des nördlichen Nachbars, in der Republik Kolumbien, die auch noch zu den heissen Tropenländern zählt, Bergriesen mit ewigem Schnee stehen, dürfte weniger bekannt sein. Bevor ich an die eigentliche Schilderung meiner Erstbesteigung gehe, muss ich daher noch einige allgemeine Erläuterungen einflechten.

Wie in Ecuador, so sind auch in Kolumbien die Schneeberge vulkanischen Ursprungs. Wir finden sie in der Ost- und Zentralkordillere, während die Westkordillere sich nicht zu Höhen des ewigen Schnees emporschwingt. In der Zentralkordillere haben wir die stolze, überwältigende Einzelerscheinung des Huila, den ich als den höchsten Eisriesen Kolumbiens ansehe. Er liegt unter dem 3. nördlichen Breitengrad. Weiter nördlich stossen wir dann auf die wunderbare Gruppe Tolima-Santa Isabel-Herveo-Ruiz. Wenn auch der erste in ähnlicher Form wie der berühmte Fusijama als freier Kegel ins Blaue steigt, so liegen doch die andern Gipfel in seinem Bereich. Es trennen sie nur Distanzen von 1—2 Tagen. Hunderte von Kilometern davon entfernt, stossen wir dann in der Ostkordillere auf die Gruppe des Nevado del Cocuy oder Chita, die, wie wir sehen werden, viel gewaltiger und ausgedehnter ist, als wir es nach den kolumbianischen Karten annehmen durften. Von allen genannten Bergriesen und Kordillerenzügen völlig abgetrennt und in « splendid isolation » den Wächter Kolumbiens an der Nordküste zum atlantischen Ozean bildend, erhebt sich endlich das gewaltige Massiv der Sierra Nevada de Santa Marta, das in wahrhaft königlichem Aufbau gen Himmel strebt und an klaren Morgen den Meerfahrer aus weitesten Fernen her begrüsst, ihn mit Staunen und Ehrfurcht erfüllend.

Galten nun meine Forschungswünsche dem Cocuy gebiet, so kam dies nicht von ungefähr. Am Tolima war ich schon 1922 und 1926 infolge ganz widerlicher Wetterumschläge fruchtlos herumgeklettert und hatte eine Art Abneigung gegen ihn gefasst. Den Huila hatte ich schon von nahem gesehen, als ich den Indianerstamm der Tierra adentro besuchte, und war genügend aufgeklärt, um zu wissen, dass bei knapper Zeit an eine Besteigung gar nicht zu denken ist. Es blieb also nur der Cocuy, den ich mit einigem Glück in fünf Tagen von Bogotà aus besteigen konnte. Ihm galten daher die Vorbereitungen, die ich seit Anfang Juli 1928 im stillen traf.

Und wiederum muss ich den Leser bitten, sich Vorbereitungs- und An-marschschwierigkeiten einer Gebirgsexpedition in Kolumbien zu Gemüte zu führen, denn ohne sie zu kennen, wird hier jede Leistung unterschätzt.

Möge er sich vergegenwärtigen, dass Kolumbien etwa dreissigmal grösser als die Schweiz ist und dass bis vor etwa fünf Jahren nur Saumwege die Orte im Innern der Republik miteinander verbanden; dann wird er auch begreifen, dass das Gepäck auf das Notwendigste beschränkt werden muss.

Da das Reisen so schwierig und auch so teuer ist, mag dies als Erklärung dafür gelten, dass die Kolumbianer in der Regel ihr Land nicht kennen oder wenigstens den Sinn für Forschungsreisen gänzlich vermissen lassen. Sie beschränken sich auf die einträglichen Geschäftsreisen oder auf solche, die durch Familienvorkommnisse gerechtfertigt werden. Und wenn der gebildete Kolumbianer für die Erschliessung der Naturschönheiten seines Landes so wenig Interesse zeigt, wie sollte man es da erwarten, dass der einfache Mann dafür Zeit und Energie opfere? Dass aber die Schule sündigt, indem sie der Jugend keine Liebe zur Natur beizubringen weiss, ist unbestreitbar, denn Mühseligkeiten und Gefahren locken die Jugend, wenn man es versteht, ihr den Preis des Selbsterkämpften im richtigen Licht zu zeigen.

So kam es denn, dass uns kein Mensch in Bogotà irgendwelche bestimmte Auskunft über die Gegend des Cocuy geben konnte. Die offizielle Karte des Departementes Boyacà hat uns sogar eher geschadet als genützt, denn der Anmarsch erschien auf ihr kurz und bequem, kostete uns aber dann statt der vorgesehenen 1 1/2 nicht weniger als 3 vollgerüttelte Tage vom Endpunkt der Automobilstrasse aus.

Bei der Organisierung meines Streifzuges kamen mir meine vielen Kreuz-und Querreisen durch Kolumbien, sowie meine Besteigungsversuche am Tolima sehr zu statten. Hätte ich diese Erfahrungen nicht gehabt, so wäre mir auch diesmal kein Erfolg beschieden gewesen. Daher durfte ich denn auch mit gutem Gewissen den gerade in Bogotà anwesenden Hans Weber aus Genf, Sohn des bekannten Alpinisten Albert Weber, zur weiten Bergfahrt einladen, womit ich mir den für Gletscherwanderungen unentbehrlichen Kameraden sicherte. Aus der Schweiz hatte ich Pickel, Steigeisen, Gletscherbrille und Bergschuhe mitgebracht und konnte auch Weber die gleiche Ausrüstung leihen, denn alle diese Sachen sind in Kolumbien nicht erhältlich. Auch einen Thermometer und Höhenbarometer besass ich und erhielt vom befreundeten Chef des topographischen Amtes einen feinen Höhenbarometer zur Kontrolle geliehen. Beide in Europa verfertigten Instrumente schienen mir aber bei der ausserordentlich dünnen Luft des Äquators in den hohen Lagen nicht mehr recht zu schaffen, und daher muss ich leider zu der ermittelten Höhe von 4960 m ein grosses Fragezeichen machen. Ich gestehe dabei, dass ich gerne auf einem Fünftausender gestanden hätte und dass ich die innere Überzeugung habe, der Cocuy überschreite die so begehrte Grenze; ich darf aber aus Wahrheitsliebe nicht verhehlen, dass der Barometer sie nicht erreichte. Dass aber die offizielle Karte, welche die drei Schneevulkane Tolima mit 5600, Huila mit 5700 und Cocuy mit 5583 m angibt, zu hoch greift, möchte ich doch annehmen. Obschon eine neue, trigonometrische Bestimmung leicht zu machen sein sollte und damit die Angaben der Gelehrten Caldas, Humboldt und anderer neuerer Forscher nachgeprüft werden könnten, muss offenbar das Interesse für so wichtige Sachen erst noch ge- weckt werden. Wenn ich aber die Höhe dieser Berge um die 5200 m einschätze, so leitet mich hierbei die Tatsache, dass wir die Schneegrenze besonders am Cocuy viel tiefer angetroffen haben, als gewöhnlich angenommen wird. An geschützten Stellen reichte der Schnee oder vielmehr das Eis — denn hier verwandelt die Tropensonne jeden Schneefall bald in Wasser oder Eis — bis auf 4350 m hinunter, und der Eisgürtel war um 4600 m sozusagen ununterbrochen. In Büchern wird dagegen meistens von 4800—5000 m als Schneegrenze gesprochen. Ferner haben einige Deutsche, die den Tolima bei Nebel bestiegen und auf den Gipfel gelangt sein sollen, dort nur 5090 m Höhe gemessen. Entweder ist also ihre und unsere Messung falsch, und Huila, Tolima und Cocuy liegen wirklich um die 5600, oder aber sind die Berge niedriger als bisher angenommen wurde.

Nach dieser Abschweifung sei nur noch erwähnt, dass mir der Direktor der Militärschule in sehr zuvorkommender Weise ein Offizierszelt zur Verfügung gestellt hat und dass meine zwei eidgenössischen Offizierskoffer zur Ver-stauung des Proviantes und der Wäsche ausgezeichnete Dienste leisteten, denn bei der Beladung eines Maultieres geben sie eine idealsitzende Last ab, während Zelt und Rucksäcke zu einer tadellosen Oberlast kombiniert werden konnten.

Am Dienstag, den 17. Juli 1928, hatte ich meinen Schreibgehilfen mit einem Teil der Bagage vorausgeschickt, und zwar an den 350 km von Bogotà entfernten Endpunkt der Autostrasse. Sein Auftrag bestand darin, das Hotelzimmer, in dem wir die Nacht zubringen sollten, zu reinigen und gute Reit- und Lasttiere zu besorgen. So tadellos sich mein 19jähriger Junge, ein Mischling zwischen Spaniern und Indianern, sonst bewährt hat, mit den Tieren und ihrem Treiber sollte es ihm diesmal nicht glücken.

Wir selbst verliessen Bogotà am 19. Juli um 7 Uhr morgens, um dem Nationalfest vom 20. Juli zu entgehen. Dazu benützten wir die grossen Autocars der Compania de Transportes terrestres, die seit etwa drei Jahren diesen Dienst eingerichtet hat.

Auf guten Wegen eilten wir auf der Nordstrasse über Tunja, 2850 m, Hauptstadt des Departementes Boyacà, nach Belén, wo die Strasse in sehr guter Anlage auf einen 3400 m hohen Pass steigt. Nach dessen Überwindung brachte uns ein ebenso steiler Abstieg in grossartiger Landschaft und mit gewaltigem Ausblick auf die Gebirgsketten der Provinz Santander gegen 7 Uhr abends in den Ort Soatà, der nur noch bei 2045 m im gemässigten Klima liegt. Ohne Fahrerwechsel hatten wir rund 350 km auf zum Teil schwieriger Strasse zurückgelegt. Der Zwölfstundentag ist selbst bei so ermüdenden Berufen in Kolumbien keine Seltenheit.

Marco erwartete uns mit der unerwünschten Nachricht, dass unser Gepäck irgendwo liegen geblieben sei, und dass wir daher nicht, wie vorgesehen, am nächsten Morgen früh abreiten könnten. Aufregung, Lärm schlagen, telegraphieren gehören hier zu den unvermeidlichen Reisebegleit-erscheinungen. Unsere Koffer trafen erst am andern Tage um 3 Uhr ein und wurden uns lächelnd, wie wenn nichts geschehen wäre, übergeben. Unser Führer, ein grosser und stämmiger Kerl, war aber schon in National-feststimmung und erklärte, ein Wegreiten sei zu dieser Stunde ausgeschlossen, da das nächste Dorf sechs Stunden weit entfernt liege. Die Zeit war mir zu kostbar, um einen ganzen Tag zu verlieren, und ich erklärte dem Burschen in richtiger Hosenlupf Stimmung: ich sei hier der Meister; entweder solle er sofort gehorchen oder sich zum Teufel scheren. Der Mensch war der einzige Tiervermieter des Ortes, glaubte mich in der Hand zu haben und wurde frech. Ich ging kurz entschlossen auf den Marktplatz und konnte nach langwierigen Verhandlungen ein Lasttier von nach Cocuy zurückkehrenden Indianern mieten. Und schon um 4 Uhr zogen wir mit unserer wohl-gebasteten Last am verblüfften Publikum vorbei, dem die Energie der fremden « Misters », sich den eigenen Füssen anzuvertrauen, alle Fassung raubte. Noch nie habe ich in Kolumbien einen militärisch pünktlichen Abmarsch durchführen können. Mit Schreien bringt man die Peone nicht in Bewegung. Verantwortungsgefühl oder Bewertung der Zeit kennen sie nicht. Unser kleines Erlebnis habe ich deshalb so ausführlich erzählt, weil es für die Unzuverlässigkeit des arbeitenden Volkes leider nur zu typisch ist. Reisen ist hier eine Kunst und noch kein Vergnügen!

Der fünfstündige Marsch führte uns zuerst 550 m in ein tief eingeschnittenes Tal hinunter, bei 1400 m über den Fluss Chicamocha und dann auf schlechten Pfaden wieder 700 m hinauf ins Dorf Boavita, 2200 m. Nach eingebrochener, pechschwarzer Nacht konnten wir uns auf ein hartes Lager werfen. Aber auch der folgende Tag sollte ausserordentlich mühsam werden, denn wir marschierten von 6 Uhr morgens bis 5 Uhr abends mit zwei kurzen Unterbrechungen unaufhörlich. Pausen waren auch deshalb unnötig, da wir nur an einem einzigen Orte mit Mühe je zwei rohe Eier kriegten. Das Ermüdende in Kolumbien sind die steinigen Saumwege mit ihrem ewigen Hinauf und Hinunter. Die Spanier folgten seinerzeit immer den Höhenzügen, um Überfälle feindlicher Indianer leichter zu entdecken, und die Kolumbianer haben diese schauerlichen Wege gedankenlos weiterbenützt. So mussten wir denn an diesem Tage von 2200 auf 4050 m hinauf und wieder auf 2750 m hinunter, die unzähligen Zwischensteigungen gar nicht zu erwähnen. Ich sah dies als gutes Vortraining an, aber Weber kletterte schliesslich müde und ergeben auf ein leeres Lasttier hinauf. In Cocuy angekommen, mussten wir uns nach dieser Anstrengung in einer fürchterlich schmutzigen Spelunke einquartieren.

Der Eigentümer unseres Lasttieres hatte sich als ein ganz gutmütiger Indianer entpuppt, der den Anmarsch zum Cocuymassiv zu kennen behauptete. Ich schlug ihm daher vor, die Last auf zwei Tiere zu verteilen, um rascher vorwärts zu kommen, bei ihm ausserdem zwei Reittiere zu mieten und ihn in Taglohn mitzunehmen. Nachdem er mir noch einen ältern Bruder auf-geschwatzt und sich damit ein niegesehenes Familieneinkommen gesichert hatte ( 2 Goldpesos pro Mann und Tier, in unserm Fall also Fr. 60 pro Tag, plus Verpflegung ), konnte ich ihn mit unendlicher Mühe überzeugen, uns am Sonntagnachmittag aus dem « Hotel » nach seinem Rancho zu entführen, der etwa 1 1/2 Stunden steil bergwärts gelegen war. Wie ich es richtig vermutet hatte, war er Besitzer einer sauberen Hütte und eines hübschen Stück Landes. Auf dem festgetretenen Erdboden seines Wigwams schlugen wir unser Schlaf- zeit auf und verbrachten dort eine weit bessere Nacht als im unsauberen Gasthof zu Cocuy.

Am Montag, den 23. Juli, brachen wir früh auf und stiegen über gut bebaute Berglehnen ostwärts unserm Ziele zu. Die lieblichen Hänge wurden bald durch ein kahles Hochtal abgelöst, das in der Eiszeit die Zunge des grossen Cocuygletschers aufgenommen haben muss. Schon hoch oben öffnet sich gegen Abend hinter einer Art Klus das Tal, und wir sahen rechts und links deutlich die gewaltigen Spuren zweier riesig ausholender Seitenmoränen, die zum Aufbau des uns noch verborgenen Massivs hinleiten. Von allen Seiten strömten Wasser herunter, und uns entgegen rauschte ein schon tiefer, reissender Bach, den wir mit den Pferden nicht ohne Gefahr hätten überschreiten können. Wir beschlossen daher, das Lager an diesem 3835 m liegenden Orte aufzuschlagen, obschon ich es gerne noch höher hinauf verlegt hätte.

Bald war unser Zelt aufgestellt, und während das Abendessen zubereitet wurde, hatten wir Zeit, die Gegend im Abendglanze zu betrachten. Wir waren am Rande der Vegetation. Alles höher Ragende starrte grau und leblos in den Himmel. Die Natur ist hier so anders als in unsern Bergen an den Ausgängen der Gletscherwasser. In den Alpen herrscht im Sommer das geschäftigste Insektenleben, Bergdohlen ziehen durch die klare Luft, und der Blumenflor, der in den hohen Talböden oder gar in den Moränen spriesst, sucht seinesgleichen an Farbentiefe und Lieblichkeit der Formen. Hier aber lebt kein Vogel. Den vom Dichter so oft genannten Kondor habe ich auf meinen Streifzügen nie gesehen. Insekten scheinen in der dünnen Luft keinen angenehmen Wohnort zu finden. Selbst die Fliege fehlt. Armselige Riedgräser wachsen zwischen den Steinen, von unsern schönen Alpenblumen keine Spur. Nur der für die Kordillerenlandschaft so typische Frailejón war in gewaltigen, bis drei Meter hohen Stücken vertreten und gab der Landschaft das melancholische Gepräge büssender, bergwärts ziehender Kapuziner-scharen 1 ). Und wenn wir in der Schweiz von irgendeiner Voralpenhütte zu unsern Füssen liebliche Triften und grüne Hänge erschauen, so ist hier der Ausblick ins Tal unermesslich, aber kalt und farblos. Die uns schützende Felswand mahnte mich in ihrer Höhe und Schroffheit an die Wände des Lauterbrunnentals. Alles stieg ins Kolossale, und auch die uns belagernde Stille war beklemmend. Es wurde Nacht. Unheimlich hell glitzernde Sterne tauchten auf, von westwärts gepeitschten Wolkenfetzen fortwährend verhüllt, beim Wiedererscheinen uns aber stetsfort durch ihre fabelhafte Lichtkraft neu entzückend. Wir sahen die Pflöcke nach, denn der aufsteigende Sturm rüttelte schauerlich an unserm Zelt. Dann legten wir uns nieder. Infolge des Windes war es nachts frisch. Der Thermometer zeigte aber draussen immer noch plus 3 Grad Celsius.

Der erwachende Tag sollte der Erkundung des Geländes dienen, die wir aber je nach dem Wetter möglichst weit vortreiben wollten; denn hier kennt man andauernd schöne Tage nicht, der Bergsteiger muss daher bereit sein, sofort zuzugreifen. Die Pferde hatten wir etwa 500 m talab ge- trieben und auf einer kargen Weide ihrem Schicksal überlassen. Zelt und Proviant liessen wir offen, es kam doch niemand bis hierher. Dann stiegen wir zu fünft auf der Hauptmoräne an. Wir brauchten etwa drei Stunden, bis wir bei 4350 m zu den ersten Schneeflecken kamen. Marco kontrollierte jeden Augenblick die Höhe, und sein Entzücken beim ersten Berühren des Schnees war herzerfrischend. Über Nacht war Neuschnee gefallen, und das Wetter war nicht gut. Stündlich nahm die Wucht des Sturmes zu. Unsere Indianer machten halb erfroren kehrt, und der gute Marco hatte beinahe Tränen in den Augen, als er mir die Hand gab.

Wir wollten bei einem Gletscherbruch von Süden auf den Hauptgletscher gelangen. Bei jedem Schritt versanken wir bis über die Knie in dem flotschigen Schnee. Ein orkanartiger Wind blies uns spitze Eiskörner ins Gesicht. Wir mussten uns jeweils zum Atemschöpfen umkehren. In dichten Nebel eingehüllt, sahen wir nach einer Stunde das Nutzlose unseres Vorhabens ein und gaben schweren Herzens auf. Im geschützten Kamp waren wir schnell trocken und halfen uns mit kondensierter Nestlé und Ovomaltine rasch wieder auf die Beine.

Am nächsten Tage griffen wir abermals an. Weber kämpfte vergebens mit der Bergkrankheit. Nach zwei Stunden musste er zu meinem Leidwesen aufgeben. Ich stieg allein weiter, um den Einstieg an der Nordflanke auszukundschaften. Bald gelangte ich auf ein Moränenfeld, wie ich es an Ausdehnung und Grösse der Blöcke noch nie gesehen habe. Ich kletterte weiter und weiter und gelangte bei 4600 m an den Rand des kompakt einsetzenden Eises, in welches eine Felsrippe aus hartem, schön gebrochenem Gestein ( Andesit ?) den Einstieg vermittelte. Eine kleine Kletterei, und ich sass auf einer Felsgabel und staunte in einen Abgrund, in den noch kein Menschenauge gesehen und dessen Tiefe mir die von den Llanos heranstürmenden Nebel verbargen. Meine Nervenspannung gab nach. Mir wurde plötzlich beklommen zumute.

Es war schon 1 Uhr nachmittags. Ich musste schleunigst zurück und dabei gewaltig aufpassen, die Richtung nicht zu verfehlen und mir den Weg für einen neuen Versuch genau zu merken. Nirgends kann man leichter einen Fuss verstauchen oder ein Bein brechen, als wenn man im wirren Moränen-labyrinth über Blockflächen und -kanten hüpfen muss. Sollte ich ausglitschen und einen Fuss verdrehen, so würde ich hier oben elend verhungern, denn keiner der Gefährten hatte eine Ahnung, wohin ich gestiegen war. Spät am Nachmittag stand ich wieder im Lager. Weber war seit einiger Zeit zurück und befand sich besser. Ich erklärte ihm den idealen Einstieg, den ich gefunden hatte. Dann begann ich alle Vorbereitungen zum dritten und letzten Versuch.

Am 26. Juli war um 3 Uhr Tagwacht, und gegen 4 Uhr übersprangen wir beim dürftigen Schein einer Stallaterne unter einigem Herzklopfen glücklich den reissenden Bach. Das Wetter hatte sich gebessert. Der Wind dauerte an, aber die Nacht war sternenklar. Trotzdem war im Kamp das Thermometer nicht unter Null gesunken. Da wir unsere Seitenmoräne nun schon gut kannten, stiegen wir in der Kühle unglaublich rasch an. Grosse Genugtuung erfüllte mich, denn ich merkte, dass das Herz sich nach den drei Tagen schon gut der Höhe anpasste. Gegen halb 6 Uhr begann sich der Himmel langsam zu färben, und wir genossen das immer wieder neu ergreifende Schauspiel des Rötens der Firne. Schon um 7 Uhr langten wir bei unserer Einsteig-stelle an, 4600 m. Leider war der Thermometer unten geblieben. Unsere Hände waren ganz erstarrt, und wir schätzten 4° unter Null. Nachdem wir gesehen, dass uns der Firnschnee leicht trug und wir also genug Zeit zur Verfügung hatten, gab es eine stärkende Rast.

Frisch und mutig seilten wir uns an und begannen gegen 8 Uhr den Einstieg. Die erste steile Wand wurde mit Zickzackstufen genommen. Nachher ging es leichter. Doch die dünne Luft zwang uns, keuchend Atem zu nehmen und Pausen einzuschalten. Wir folgten dem Firngrat, uns vor wahrscheinlichen Gwächten sichernd. Alles ging tadellos, und etwas nach 10 Uhr, nachdem wir das letzte steile Stück leichter als erwartet bezwungen hatten, standen wir auf dem Gipfel des Cocuy, uns siegesfroh die Hände reichend. Wir waren die Ersten! Hier oben hatte noch niemand gestanden und diese überwältigende Aussicht genossen, diese unermesslichen Fernen mit den Augen abgetastet, dies Allgewaltige der Natur auf diesem Berge verspürt!

Das erste Siegesgefühl war vorbei, doch das Staunen ob des nie erwarteten, grossartigen Ausblickes wuchs. Im Aufstieg hatte unser Berg den Blick auf ein halbes Dutzend oder mehr Gipfel verdeckt, die wohl alle die 5000 m erreichen, falls wir selbst auf einem Fünftausender standen, wie es die Karte besagte. Der Nevado del Cocuy erstreckt sich auf einer schätzungsweisen Länge von mindestens 15 km von Süd nach Nord, auf der äussersten Ostflanke der Ostkordillere, und doch ist er den meisten Kolumbianern völlig unbekannt. Seine Lage und Schönheit ist deshalb so ergreifend, weil sich die Ostwand schroff wohl über 1000 Meter ins heisse Land hinabstürzt. Eine genauere Schätzung war infolge der andauernd wie ein wildes Heer herauf-fegenden Nebelfetzen unmöglich. Hie und da sahen wir aber schwarzen Urwald im gähnenden Schlund auftauchen. Südöstlich vor uns senkt sich der Firngrat, um weit weg zu einem neuen, womöglich noch höhern Berge anzusteigen, der in spitzem Dreieck ein Bollwerk in die Llanos hinaustreibt. Diese äusserste Schildwacht das nächste Mal in Angriff zu nehmen, war unser sehnlichster Wunsch. Ihr folgt südlich eine gewaltige Wand, die mich ans Breithorn bei Zermatt erinnerte. Dann folgte ein anderer Riese und zurückweichend der wunderschöne Pulpito mit seinem granitenen, wie auf das Eis gestellten königlichen « Taufstein ». Nördlich von uns gähnt der grausigste Abgrund. Mit einem Blick ihn überbrückend sehen wir uns gegenüber einen andern gewaltigen Berg, der jedenfalls leicht zu besteigen ist. Das gleiche dürfte aber von einer schroffen Eispyramide, die wir zur Unterscheidung das « Matterhorn der Andern nennen wollen, nicht gesagt werden, denn dieser Berg sieht aus der Ferne von allen Seiten sehr schwierig aus. Ihm folgen flachere Formen, die sich langsam verlieren, bis sie sich mit dem Nebel nordwärts vereinigen.

Nach Westen der fabelhafteste Fernblick, den mir die Natur bis jetzt vergönnt hat. Nichts hemmte die Schau. Tief zu unsern Füssen lagen die Moränen und die Eisschliffe des gewaltigen Eingangfelsentores. Weiter weg gliederte sich langsam Bergkette an Berglehne, Täler bildend, Klusen brechend. Und darüber die Ruhe eines unendlichen Wolkenmeeres, aus dem sich, o Wonne des Erschauens, nach Hunderten von Kilometern schaumhaft, zart, unwirklich schön die welliggeformten Kuppen der Zentralkordillere abhoben. Südwestlich und südlich verlor sich aber jedes Ermessen in einem ununterbrochenen Ozean von Wolken. Unseres Bleibens war nicht länger. Die Vorsicht erheischte rasche Rückkehr... Auge, trinke, was die Wimper hält! Seele, bereite dich zum Abschied vor! Gedächtnis, präge dir diese Pracht unauslöschbar ein! Geist, danke dem Schöpfer, der dir dieses Erlebnis vermittelte!

Die Rückkehr verlief gut. Man muss in Kolumbien die unvermeidlichen Reiseüberraschungen ruhig mit in den Kauf nehmen, auch wenn dabei ein ganzer Tag verloren geht.

Ich möchte mit dieser Schilderung meinen Alpenclubfreunden in der Schweiz gezeigt haben, wie verschieden sich eine Besteigung im fernen, tropischen Übersee gestaltet. Hier ist ein gutes Vortraining fast noch wichtiger als bei uns, denn die sauerstoffarme Luft stellt ausserordentliche Anforderungen an Herz und Lunge. Ferner muss man Land und Leute genau kennen, um den Anmarsch richtig organisieren zu können. Dann muss man über sehr viel Zeit verfügen, um einen schönen Tag aus der Kette des unbeständigen Wetters herausgreifen zu können. Jeder Hüttenbasis bar, muss man Proviant, Kleider und Decken in Menge mitschleppen; denn einmal nass, trocknen nur Zeit und Wind, da in jenen Höhen kein Holz aufzutreiben ist. Pferde und Lasten rauben einem die Beweglichkeit, und man kann sich nicht so hoch an den zu bezwingenden Berg heranpirschen wie bei uns. Die Kälte dagegen scheint mir auch auf dem Eise viel geringer als bei uns zu sein und ein Biwak weniger beschwerlich. Die zu durchlaufenden Strecken sind grösser. Die Schönheiten sind grossartiger, die Natur dagegen verschlossener, trauriger. Was sich aber gleich bleibt, ist die Liebe, die erschütternd starke, die der Berg in uns weckt.

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