Col de Valpelline

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Laut hallten unsere Tritte in der stillen Dorfstrasse von Zermatt. Fünf Uhr morgens. Nach verregneten Tagen mit wenigem Turenerfolg wollen wir jetzt hinüber zum Mont Blanc, um dort noch einmal das Wetterglück zu versuchen. Strömender Regen hat uns zögern lassen, der Neuschnee reicht an den Bergen schon weit herab. Heute müssen wir hinüber, oder alle schönen Pläne sind gescheitert.

Ein trüber Himmel, schwere Wolken um die Gipfel. Schweigend folgen wir dem Waldweg nach Zmutt. 40 Pfund Gepäck drücken auch die Stimmung, nicht nur die Schultern. Wenn das Wetter nur heute noch hält, bis zur Capanna Aosta! Sind wir erst drüben, so mag es wieder zwei Tage regnen, während des Talweges bis zum Col du Géant.

Die niedern Häuser und Stadel von Zmutt triefen von Wasser. Der Weg ein Sumpf, die Wiesen durchweicht. Staffelalp taucht links vorn auf, steigt jenseits des Baches querab, verschwindet hinter den letzten Bäumen. Neben dem schuttbedeckten Zmuttgletscher windet sich der Weg empor in endlosen Krümmungen. Da zeigt der Rückblick ein grandioses Bild: Über der Mischabel steht eine schwarze Wolkenwand, vom Weisshorn zum Monte Rosa das Tal überspannend. Sie lastet mit ihrer schweren Wucht dicht über den Gipfeln. Ein scharfer, gerader Strich trennt sie unten vom leuchtend weissen Himmel. Ihr entgegen ragt das scharfe Profil der Berge, schwarz und regenklar, in der Mitte der zackige Schuppengrat des Rimpfischhorns. Leicht und klein erscheinen die Riesen gegen den drohenden, nachtschwarzen Koloss, der sich langsam, unaufhaltsam gegen ihre Gipfel senkt...

9 Uhr auf Schönbühl. Die Stube ist voll und rauchig. Keine Partie unterwegs, die meisten rüsten zum Abzug ins Tal. Das Barometer fällt. Es regnet draussen, erst leise, dann immer stärker. Das Wetter scheint schlechter zu werden als je. Das Matterhorn jenseits des Gletschers ist bis zum Eisgrat verhüllt. Grau in grau, zwischen ziehenden Wolkenfetzen, ragen die Steilrippen der Dent d' Hérens aus dem Gletscherkessel. Über Tiefenmattenjoch und Col de Valpelline rinnen und wallen von Süden die Nebel herein in endlosem Zug.

Wir beraten vor der Hütte. Umkehr: völlige Aufgabe aller Pläne. Weitergehen: Rest einer Hoffnung für später, wenn wir heute noch hinüberkommen. Ja wenn! Mehr als 2000 m Steigung von Zermatt, dazu schweres Gepäck, Neuschnee, Sturm. Vor allem aber mit Sicherheit dichter Nebel auf unbekannten Gletschern, in drüben sehr verwickeltem Gelände. Die Aufgabe reizt mich in höchstem Masse. Aber der Entschluss, die Verantwortung ist schwer, denn ich weiss genau: sobald wir erst einmal die Hütte verlassen, gibt es vor der Capanna Aosta keine Umkehr mehr, komme was wolle.

Um 11 Uhr brechen wir auf, bei kurzer Regenpause. Aber noch vor der Moräne rinnt wieder das Wasser vom grauen Himmel und setzt nicht mehr aus. Wir überspringen die Spalten im aperen Eis, erreichen die Felsinsel jenseits bei den Trümmern der alten Hütte. Nach zwei Stunden Aufstieg stehen wir am Signal des Stockje, wo der Pfad sich im Gletscher verläuft. Der gleichmässig strömende Regen hat uns bis auf die Haut durchnässt; von der Windjacke bis zu den Stiefeln ist alles bis zum Ausringen nass. Jetzt kommt die Kälte! Aus dem Regen ist plötzlich Schnee geworden, scharfer Wind lässt die Kleidung erstarren. Gleichzeitig hüllt auch der Nebel uns ein und verdeckt die Sicht auf wenige Meter.

Wir queren bis zur Mitte des Gletschers, um die linken Brüche zu vermeiden, und nehmen die Kartenrichtung auf den Col. In rasendem Wirbel fällt jetzt der Schnee, wie ein Wolkenbruch von dichten, schweren Flocken. Ich habe kaum jemals, auch im Winter, in den Bergen einen so heftigen Schneefall erlebt. Eine undeutliche Spur, wohl von der Bertolhütte kommend, wird immer schwächer; in kurzer Zeit ist sie verschwunden. Nach kaum 30 Minuten waten wir schon fusstief in der weichen Masse. Die Kleider erstarren. Der Vordermann am Seil erscheint in schwachem Umriss unter dem Rucksack als tiefverschneiter, unförmiger Klumpen.

Zwischen einzelnen Riesenspalten winden wir uns empor, weichen weit aus nach links, dann wieder nach rechts. In kurzen Pausen wechseln wir, zu viert, den Vortritt. Bis zum Col kenne ich vom Winter her den Weg, aber alles scheint heute verändert. Riesige Klüfte, wo wir mit Skiern ohne Hindernis gefahren, tiefe Mulden und Kessel, unbekannte Steilhänge. Gespenstisch im Nebel verzerrt, unheimlich vergrössert oder verschleiert, erscheint jede Einzelheit erst dicht vor dem tastenden Fuss. Vergeblich, fast schmerzhaft bemüht sich das Auge, den Schleier zu durchdringen, Gewissheit zu bekommen.

Der Höhenmesser steigt immer langsamer. Bis zu den Knien wühlt der Erste im Schnee, muss nach kaum 20 Meter immer wieder rasten. Die Flocken jagen vorbei im zunehmenden Sturm. Die Felsen rechts vom Gletscher, am Col d' Hérens, die uns noch zeitweise die Richtung gegeben, verschwinden ganz. Einen endlosen Bergschrund, weithin ohne Brücke, umgehen wir endlich in Zickzacks zu flacherem Gelände. 3480 m, nur noch 80 m zum Sattel! Aber wo ist er in dieser kilometerweiten Schneefläche, die gleichmässig flach nach links bis zur Tête de Valpelline hinaufzieht? In wildem Tanz jagt der Sturm die Flocken über die Hochfläche, verschmilzt Boden und Himmel zu einem wirbelnden Grau. Das Gelände fällt wieder langsam unter dem tastenden Fuss.

Plötzlich taucht ein schwarzer Schatten aus dem Nebel, verschwindet wieder im nächsten Augenblick. Quergestreifter Fels, also die Ostflanke der Tête Blanche. Aber sie steht ja links rückwärts, statt rechts voraus! Wir haben auf der Hochfläche zwischen den Klüften einen Kreis geschlagen, stehen wieder in Richtung auf Schönbühl! Jetzt erst ziehe ich den Bézard und peile mir mit ihm die Richtung zum Joch; es liegt gerade hinter uns.

Wir wühlen uns dorthin durch den Schnee, in gerader Linie, mit schwacher Steigung. Wieder zehn Minuten, zwanzig Minuten. Plötzlich steht wieder der dunkle Schatten rechts über uns. 3560 m. Die Fläche wird eben. Dann noch einige Schritte, und wir stehen auf einer weichen Neuschneewächte quer über den ganzen Hang. Vorn und unten ein trübes, gleichmässiges Grau, in das die Flocken hinunterjagen: der Absturz nach Italien, zum Valpelline.

Hier erst beginnt der Ernst des Durchfindens. 900 m tiefer liegt irgendwo die Hütte. Aber nur ein einziger, ganz bestimmter Durchstieg führt hinab zu ihr und ins Tal. Keiner von uns hat diese Seite je gesehen. Die Kartentasche zwischen den erstarrten Fingern, überdenke ich nochmals den Weg, spähe vergeblich hinunter in das einförmige Grau nach einem Überblick. Zunächst also hier steil hinab über den Glacier de Za-de-Zan, dessen verwehte, grünliche Spalten schwach heraufschimmern. Doch er führt nicht zu Tal, denn weit unten, unter 3000 m, sperrt ein riesiger Eiskatarakt ungangbar seine ganze Breite. Zwar zieht er trügerisch noch weit nach rechts, flach und spaltenlos. Aber riesige Steilwände oben und unten verhindern dort jedes Durchkommen. Auch links überall Gletscherbrüche, Steilabstürze, unbegehbare Plattenwände. Nur an einer einzigen Stelle führt ein schmaler Durchstieg über diese Begrenzungsrippe hinüber in ein Seitental und umgeht dort den sperrenden Katarakt des Gletschers. Diese Schneezunge, irgendwo dort unten zwischen den Brüchen am Gletscherrand, müssen wir finden. Im tiefen Neuschnee, mit unserm Gepäck, gibt es keinesfalls irgendeinen andern Ausweg mehr aus diesem brodelnden Kessel. Wir müssen sie mit unbedingter Sicherheit, müssen sie im ersten Anlauf finden. Es ist später Nachmittag. Verliere ich als Führender erst den richtigen Weg, trotz aller Hilfsmittel, so kann weiteres Umherirren nichts mehr helfen. Wenn je, so liegt im Nebel das Schicksal aller in der Hand des Führers. Wird er erst unsicher, kennt er einmal auf der Karte den eigenen Standort nicht mehr, so werden die anderen nachträglich kaum mehr etwas gutmachen können.

Nochmals die schwere Frage: Bin ich unbedingt sicher, den Durchstieg zu finden? Ein Biwak ist unmöglich. Durch den anfänglichen Regen bis auf die Haut durchnässt, würden wir die Nacht kaum überstehen. Die Kälte der nassen Kleider, beim Gehen kaum bemerkt, macht selbst eine längere Rast unmöglich. Und der Rückweg ist in Minuten verweht. Sobald wir erst absteigen, können wir auch Schönbühl, den einzigen Rückzug, vor Abend nicht mehr erreichen.

Die Verantwortung liegt auf mir allein. Die drei Freunde sind hier fremd, zum erstenmal im Wallis. Ihr Vertrauen scheint grösser als mein eigenes.

Die Verantwortung für fremdes Leben reisst gewaltig an den Nerven des Führenden, mehr als Kälte und Sturm. Gerade im Nebel, wo die Geführten blindlings, hilflos folgen müssen. Die quälende Ungewissheit, die Sorge um den Ausgang, die dauernde höchste Anspannung aller Sinne strengen mehr an als stundenlanges Spuren, gerade weil der Führer nichts davon merken lassen darf. Denn bei aller eigenen Sicherheit: Kann nicht der Höhenmesser versagen? Kann nicht die Karte falsch gezeichnet sein, hier auf ausländischem Gebiet? Der Gletscher selbst seine Oberfläche geändert haben?

Wieder der Gedanke an Umkehr. Der Abstieg ist ja zwecklos geworden. Dieser Wettersturz macht alle Pläne unmöglich, wir werden gar nicht erst nach Courmayeur gehen. In zwei, höchstens drei Stunden wären wir sicher wieder unten auf der Hütte...

Und heute Abend wieder im « Mont Cervini " zu Zermatt sitzen, unter den Kameraden, von denen wir uns gestern erst verabschiedet haben? « Nicht einmal über ein Joch sind sie gekommen, kaum so hoch wie die Blümlisalp, weil es hier ein bisschen geregnet hat! » Wie heisst doch die alpine Theorie: « Im Wettersturz kehre um, solange es noch Zeit ist! Lieber zehnmal zu früh als einmal zu spät! Auch gegen alle persönlichen Rücksichten! Es darf keinen Ehrgeiz geben im Alpinismus! » — Zum Teufel mit der Theorie! Er mag uns alle holen, samt der Bergerfahrung, wenn ich die Hütte nicht finde da unten im wallenden Nebel!

Mit beiden Füssen springe ich hinab über die Wächte.

Auf dem Firn liegt schon mehr als ein halber Meter frischgefallener Schnee. Spalten sind kaum mehr zu erkennen. Hier oben im Firngebiet haben auch riesige Spalten oft nur schmale Öffnungen, die der lockere Schnee trügerisch verweht. Nebel und diffuses Licht täuschen das Auge, machen uns fast blind. Jeder Schritt abwärts muss sondiert werden, aber oft genug bricht trotzdem der Erste mit dem Fusse durch. Unter dem ausgebrochenen Tritt erscheint dann das Dunkel einer riesigen Kluft, von welcher der Neuschnee nichts vermuten liess.

Der Höhenmesser fällt. Wir halten uns in der Mitte des Gletschers. Rechts tauchen wieder Felsen aus dem Nebel, geben für einen Augenblick die Richtung nach unten. Immer wieder strebe ich nach links, um dort am Gletscherrand Fühlung zu halten. Aber grosse Eisblöcke, kreuz und quer zerklüftet, weisen uns immer wieder zurück auf die rechte flachere Seite. Die Steilwände zur Linken, in denen irgendwo doch jener einzige Übergang liegen soll, bleiben uns unsichtbar, unerreichbar.

Das zögernde Prüfen mit dem Pickel hält zu lange auf. Wir müssen rascher vorwärts kommen. « Alle Schlingen aus! Beide Partien auf volle Seillänge, 20 m! Seile gespannt! Schärfste Achtung! » Der Erste geht ohne Sondieren, setzt gleichmässig langsam Schritt vor Schritt. Immer wieder tritt er durch, ein kurzer Ruck am Seil, einige Schritte zur Seite, weiter. Hier können nur Querspalten sein, senkrecht zur Gehrichtung. Das Seil muss also halten, ein tiefer Einbruch ist nicht wahrscheinlich.

Noch immer Eisbrüche links. Keine Möglichkeit eines Durchkommens. Der treue Höhenmesser ist unsere einzige Hilfe; ohne ihn wäre jeder Versuch eines Durchfindens sinnlos. Schon zeigt er die Höhe jenes ersehnten Ausstiegs, aber wir können ja nicht hinüber zum linken Gletscherrand! In die Brüche dürfen wir uns in diesem Wetter nicht wagen; wir wären in der Lage eines Blinden im Drahtverhau, würden sofort Richtung und eigenen Standort verlieren. Aber die Karte zeigt doch überhaupt gar keinen Bruch! Alles erscheint plötzlich anders als erwartet. Schon sind wir 20, 30, 50 m zu tief. Schmerzend bohren sich die Augen zur Linken in das Grau: Eistürme und Nadeln, aber keine Spur der erwarteten Felsen.

Ein furchtbarer Verdacht taucht auf: Sollten wir, seit dem Stockje ohne jede Sicht, auf irgendwelche Art doch in ein falsches Gletschertal geraten sein? Gegen das Tiefenmattenjoch? Gegen Bertol? Bin ich wirklich meiner Sache sicher? Aber es kann, es darf ja nicht sein. Eher muss der Gletscher sich geändert haben.

Da setzt plötzlich der Bruch nach unten mit einer Eiswand ab. Fast eben können wir unter ihr nach links queren. Flache Schneehänge folgen, mühsam zu durchstapfen. Viel zu lang für unsere Ungeduld. Dann plötzlich Fels. Wir stehen am Gletscherrand, in einer Senke der Seitenrippe, vor einem Felsabsturz nach Osten.

Aber wieder bleibt der Zweifel. Wir sind nicht ganz sicher, an dem erstrebten Übergang zu stehen. 20 m tiefer als die Karte angibt, manche Einzelheiten anders. Aber links wie rechts ist sonst ein Übergang unmöglich.

Also hinab. Statt des erwarteten Schneehangs durch eine steile Felsrinne. Plattiges Gestein, vereist, tief verschneit. Ich gleite am Seil hinab, mit aller nur zulässigen Technik. Der Zweite folgt in den Stufen. Die scharfen Tragösser-Eisen klirren schmerzend am Fels. Wir können sie nicht wechseln, selbst wenn die erstarrten Riemen sich lösen liessen von den frostharten Stiefeln. Harter Firn und Wassereis in der Rinne lassen sie nicht entbehren.

Endlich erreichen wir das steile Schneefeld am Fuss der Rinne. Ich springe aus ihr hinunter in den weichen Schnee — und liege auf dem Rücken, vom Seil gehalten! Die knietiefe, frische Lage, auf hartem Firn aufliegend, gleitet als typische, nasse Neuschneelawine unter mir davon. Wir folgen ihr, schräg über die leichten Schneehänge hinab. Aber statt raschen Laufschritts muss stets der eine sichern, mit dem Pickel im Firn; unter dem Ersten gleitet immer wieder, knollig sich zusammenballend, die schwere Masse zu Tal.

Der Schnee wird nässer, nähert sich der Regengrenze. Nochmals sind glatte Platten zu queren, von Bächen überrennen. An einer steilen Bergflanke tasten wir abwärts, wieder dem Haupttal entgegen, dem Glacier de Za-de-Zan, den wir unterhalb des sperrenden Eiskatarakts wieder erreichen sollen. Erst dann sind wir des richtigen Weges sicher. Und im erwarteten Augenblick taucht die Moräne aus dem Grau; an ihr, etwas tiefer noch, muss die ersehnte Hütte liegen!

Die Eisen mahlen knirschend durch den groben Schutt des Gerölls. Wir sind durch, das Tal liegt uns offen. Da lässt plötzlich die angestrengte Spannung nach. Wir fühlen wieder die Nässe, die Müdigkeit, den Hunger. Seit Schönbühl keine Pause, bei 40 Pfund auf dem Rücken. Noch eine letzte Kontrolle, sicher, fast gleichgültig, mit müden, halbgeschlossenen Augen: « 90 m tiefer liegt die Hütte. Achtgeben. » Da, im gleichen Augenblick, steht vor uns ein Steinmann, und 10 m seitlich, neben der Moräne halb versteckt, liegt der graue Steinbau der kleinen Capanna Aosta. Eine letzte Überraschung: ihre Höhe war falsch gegeben.

Noch immer fiel der Schnee in dichten Flocken, lautlos, unaufhaltsam; schob sich immer tiefer in das Tal. Es begann zu dämmern.

Ein Händedruck, dann traten wir in das geschlossene Haus, seit langem die einzigen Gäste.Walter Hofmeier.

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