Combin de Corbassière

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Erste Ersteigung am 14. August 1851. Von Gottlieb Studer.

Ein herrlicher, wolkenloser Morgen brach Mittwoch, den 13. August, an. In schneller, lustiger Fahrt brachte uns der nette Wagen nach Martigny. Die uns umgebende, grossartige Natur war so frisch, so reich geschmückt, so herrlich. Wie glänzendes Gold leuchteten die kühn gebauten Felskämme. Ein saftiges Grün bekleidete die Wiesen und Berghänge. In der Richtung unseres Weges trat die schöne Pyramide des Catogne hervor. Zur Linken desselben war ein gewaltiges Schneegebirge aufgetürmt, bei dessen Anblick das Herz freudig pochte, weil seine Gipfel der Masse des Combin angehörten und zunächst dem Ziel meines geheimen Wunsches standen. Wie ich mich später überzeugte, sind es die Gipfel des Combin de Corbassière und der File de Follat. Sie sind gerade bei dem herrlichen Fall der Pissevache sichtbar und stehen im Hintergrunde des Gletschers von Corbassière zwischen dem Entremonttal und dem Tal von Bagnes.

Der Weg von Martigny nach Sembrancher glich einem schönen Spaziergange, weil in des Morgens Klarheit die ganze Natur die Fülle ihrer Pracht entfaltete. Angesichts der hohen Felsgebirge von Bagnes wurde der bekannte Weg nach Chables zurückgelegt, daselbst in der mir befreundeten Herberge gerastet und dann weiter gewandert über Champsec nach dem hochgelegenen Lourtier.

In der Wohnung des Gemsjägers Bernard Trolliet klopfte ich an. Aber mir ward von dessen altem Vater der wenig tröstliche Bescheid, sein Sohn befinde sich 6 Stunden weit hinten im Tal auf der Alp Vingthuit als Käser. Da bot mir dessen Schwager Joseph Benjamin Felin seine Begleitung an nach den Eisregionen des Combin. Lust und Liebe zu kühnen Unternehmungen leuchtete aus den Augen dieses jungen, wackeren Mannes, den ich als einen sichern, diensteifrigen und sorgfältigen Führer kennen lernte. Nun ging es ans Werk. Ein Seil und eine leichte Axt wurden zur Hand genommen, Wein und Brot eingepackt, dann noch ein Abschiedstrunk, und fort ging ich in freudigem Mute talaufwärts. Dann über die wilde Dranse und an steiler, begraster Berghalde empor, die Becca de Corbassière umgehend, bis wir bei Anmerkung. Diese unbekannte, aber wertvolle Schilderung ist dem 18 Handschriften-Bände umfassenden Nachlass Gottlieb Studers ( 1804—1890 ) entnommen, und zwar aus Band 8, Seiten 153—160. Die Handschrift befindet sich im Besitz der C. Sektion Bern und ist ein Dokument ersten Ranges für die Pionierzeit des Alpinismus. Es sollen noch andere unbekannte Abschnitte in « Die Alpen » veröffentlicht werden, was der grosse Meister schon längst verdient hätte. In diesen Tagen ist erschienen: GoUlieb Studer, Über Gletscher und Gipfel, mit 28 Zeichnungen des Verfassers. Die 447 Druckseiten umfassen eine Sammlung von Aufsätzen Studers bis zum Jahr 1866 und sollen die Gegenwart einladen zu prüfen, was sie selbst wert ist, wenn sie sich in die Vergangenheit in Gestalt Gottlieb Studers vertieft.E. J.

einbrechender Nacht die einsam und wild an der Westseite jenes Berges in einem hochgelegenen Gletschertal gelegene Alphütte von Corbassière erreichten, nach herzlicher Begrüssung durch ihre Bewohner uns bald auf das feuchte Lager hinstreckten und unter den kärglich schützenden Ziegenfellen von den Erlebnissen des folgenden Tages träumten.

Donnerstag, den 14. August. Von Corbassière aus gewahrt man gegen Südwesten hinter dem hohen Damm des Corbassièregletschers den blendendweissen Gipfel eines Schneegebirges, den die Leute den Grand Combin nennen. Ich will ihn zum Unterschiede von dem echten, mehr südwärts hegenden Combin, der hier namenlos ist, den Combin de Corbassière nennen.

Gegen 5 Uhr morgens brachen wir drei bei heiterem Himmel auf und stiegen über begraste Halden in einer Stunde nach dem mächtigen Gletscher empor, den wir nun, fast eben fortgehend, taleinwärts verfolgten. Wie ich es geahnt, trat bald im Hintergrunde des in endlose Firnen sich verlaufenden Gletschertales der echte Mont Combin hervor, der steilen Gehänge und der gewaltigen Schneemassen wegen, die ihn bedeckten, scheinbar unersteiglich.

Zwei Verzweigungen laufen von ihm gegen Norden aus: die eine führt über die Pointe de Graffeneire nach der Bec de Corbassière die andere über eine schmale Einsattelung auf den Schneekegel des Combin de Corbassière und die File de Follatx ). Zwischen diesen beiden Verzweigungen liegt das stundenlange Tal des Corbassière- oder Sérygletschers. Von der File de Follat erstreckt sich der östliche Ausläufer nach der Bec de Séry, der westliche Zweig scheidet das Bagnestal vom Val d' Entremont. Da der heutige Tag einer Entdeckungsreise in diese unbekannten Regionen gewidmet werden sollte, um bei günstigen Aussichten unmittelbar am Fusse des Grand Combin ein Nachtlager zu beziehen, um sodann tags darauf die Erklimmung seines Gipfels zu versuchen, so entschlossen wir uns, die Besteigung des Combin de Corbassière zu unternehmen, den wahrscheinlich noch kein menschlicher Fuss betreten hat.

Wir überschritten den mächtigen Corbassièregletscher in seiner ganzen Breite. Die Schrunde boten kein grosses Hindernis dar. Jenseits stiegen wir über steile Firnfelder und an schmalen Felsrippen empor. Das Ziel hatte so nahe geschienen und doch wollte das mühsame Klettern kein Ende nehmen. Unter einigen Malen wurde gerastet und ein Trunk stärkenden Weines belebte die erschöpften Glieder. Bekümmert erblickte das Auge die sich mehrenden Nebel, die finster dräuend die umliegenden, allmählich unter uns sich beugenden Gebirge umzogen. Endlich war es nur noch um das Erklimmen einer Schneewand zu tun. Und nach einer anhaltenden Steigung von acht Stunden, den Übergang über den Gletscher abgerechnet, standen wir auf dem schmalen, durchaus mit weichem Schnee bedeckten Gipfel, dessen Höhe ich auf 12,000 Fuss ü.M. schätzen zu dürfen glaube. Die Aussicht wurde leider durch ringsum aufgestiegenes Föhngewölke vollständig vereitelt. Nur zuweilen hob uns gegenüber der stolze Combin sein beeistes Haupt über die Wolken empor und zeigte uns, dass wir noch um etwa 1000 Fuss tiefer standen als die Spitze dieses Kolosses.Gerade heute vor neun Jahren befand ich mich auf der Zinne der Jungfrau.

Der Abstieg war ebenso beschwerlich wie der Aufstieg. Wir wählten eine andere schneereichere Seite, kamen glücklich, mehr in der Nähe des Grand Combin, auf die Ebene des Corbassièregletschers und erreichten bei Anbruch der Nacht die gastliche Alphütte wieder, wo Ströme von Milch unseren brennenden Durst kaum zu löschen vermochten. Das scharfe Auge der Hirten hatte uns entdeckt, als wir die Schneespitze des Combin betraten; gleich Krähen kamen ihnen unsere Gestalten auf dem weissen Teppich vor. Zum zweitenmal streckten wir unsere müden Glieder auf dem feuchten, steinharten Lager hin und hörten kaum das Getöse des Regens, der des Morgens früh prasselnd auf das Dach der Hütte fiel.

Freitag, den 15. August. Erst gegen 9 Uhr verliessen wir die einsame Alphütte von Corbassière, den gastlichen Hirten für das Genossene freundlich dankend. Der Himmel war trüb und regnerisch, jedoch waren die Gebirge frei von Nebel. Wir stiegen über begraste Halden und Gestein in zwei Stunden auf den rauhen Gebirgsgrat, der sich von der Bec de Corbassière über die Audanes de Corbassière x ) gegen die Pointe de Graffeneire hinzieht. Wir mochten auf einer Höhe von 8000 Fuss stehen.

Auf einem nach Osten tief und schroff abgeschnittenen Felsen wurde die imposante Aussicht bewundert. Da war uns gegenüber die wilde, wenig bekannte Gebirgskette entfaltet, die das Bagnestal von den Tälern von Nendaz und Hérémence scheidet. Die Gipfel folgten sich vom Mont Gelé über die Becca des Rousses2 ), den Mont Fort, die Felsen von Crêt3 ) bis auf die Riesenmasse des Mont Pleureur. Unterhalb der aus weiten Schneewüsten emporstarrenden Felsklippen waren die grünen Becken der Alpen von Louvie, Sevreu, du Crêt und Vasevay zu schauen, und man sah die Gletscherbäche wie Silberfäden an dem zahmen, aber steilen Berggehänge gegen das Haupttal niederflattern. Im tiefen Grunde, am Fuss des Pleureur, war die Dranse sichtbar.

Man erkannte die Brücke von Mauvoisin und den Saumweg, der über die Alp Mazériaz nach dem Giétroz hinaufsteigt. Oberhalb dem Mont Pleureur zeigte sich, das hohe Felsenpostament belastend, die Eiswüste des berühmten Giétrozgletschers, und hinter einer schneebedeckten Kuppe standen die eisbepanzerten Gebilde des Seiion und der Ruinette. Mehr gegen Süden gewahrte man den Kamm des Otemma und die Grenzkette gegen das Val Pellina.

Von diesem Panorama durch die Zacken des Berggrates geschieden, auf dem wir standen, entfaltete sich auf der Abendseite eine andere Welt. Da bäumte sich zu unseren Füssen, wie ein riesiger Wurm, der geborstene Gletscher von Corbassière durch das enge Gebirgstal. Jenseits desselben erhoben sich der Combin de Corbassière und der begletscherte Grat der Follats in ihrer ganzen Majestät. Hinter den Avouions* ) und der Bec de Séry traten wieder andere Gipfel hervor, während im Norden finsterer Nebel die fernen Gebirge umhüllte und bereits durch die Tiefe des Tales gegen uns hervordrang.

Wir gedachten nun, gegen das Haupttal niederzusteigen und sodann den Alpen entlang Chanrion zu erreichen. Der Pass heisst Col des Pauvres. Ein armer Mensch, der den Alpen nachzog, um sich seine Nahrung zu erbetteln, soll einst auf diesem Wege verunglückt sein. Von daher war der Name, den Weissenfluh treffend zur « Bettlerlücke » umwandelte. Auf der Seite von Corbassière bietet die Besteigung des Grates durchaus keine Schwierigkeit dar. Auf der Seite von Bagnes ist die Sache nicht so leicht.

Wir mussten angesichts des gähnenden Abgrundes an einer engen, steilen Kehle niederklettern, wo der Fuss an dem festen Erdgehänge fast keinen Ansatz fand. Es war um wenige Schritte zu tun, dann konnten wir leichter auf rohem Felsgerölle und steilem Rasen fussen. Als wir einige hundert Fuss unterhalb des Grates waren, verfolgten wir die Flanke des Gebirges in Querrichtung talaufwärts. Endlos, bald über moosigen Teppich oder Schafweide, bald über scharfes Steingeröll und Felsklippen fortschreitend, wurden vorspringende Ecken umschritten, Talbuchten durchzogen, brausende Wasser übersprungen. Unter uns senkte sich der Hang der Alp Boccaresse2 ) ins Tal. Über uns gewahrten wir, von finsteren Felszacken umringt, zuerst den Gletscher von Plangolin, dann denjenigen von Boccaresse, die beide nicht in die Region der Alpen niedersteigen. Auf einer frei vorspringenden, begrasten Höhe, die uns bisher die Ansicht des oberen Bagnestales verbarg, machten wir Halt. Diese Höhe wird les Mulets de l' Alliaz3 ) genannt. Der schmalkantige Grat, der sich von ihr emporzieht, scheidet die Alp und den Gletscher von Boccaresse von l' Alliaz, und seine hoch aufragenden Felsenzinnen heissen die Mortais. Wir betraten jetzt das weitschichtige Revier des l' AUiazberges. In einer längs dem überwölbten Raum eines gewaltigen Felsblockes gebauten Hütte ward uns einige Labung zuteil.

Die Hochalpenregion von l' Alliaz ist gegen den Talgrund durch einen steilen Felsabsturz abgeschnitten. Es gelang uns, durch mancherlei Windungen zwischen den Felsbändern durch an der schroffen Bergwand allmählich herunterzuklettern, bis sich in geringer Tiefe und leicht erreichbar das ebene, von dem Geschiebe der Dranse reich überdeckte Tal von Torembé [sprich ungefähr Torämbe 4)] mit seinen Alphütten und dem weidenden Vieh entfaltete.

Dieser Talboden, der gleich oberhalb der Schlucht von Mauvoisin beginnt, war zur Zeit, als die Eismassen des Giétroz das Tal eindämmten, zu einem beträchtlichen See umgewandelt gewesen. Er dehnt sich nahezu eine Stundenlang aus, und an seinem oberen Ende bildet das Tal wieder eine enge, felsige Kluft, eine eigentliche Klamm, durch welche die Dranse tosend und schäumend strömt. Wir erreichten hier endlich das Strässchen, eine Brücke führte uns an das rechte Ufer des Stromes, und wir betraten den Boden der Alp 28. Hier erweitert sich die Talsohle wieder zu einer gandigen Fläche. Zur Rechten des talaufwärts gehenden Wanderers erhebt sich ein steiler Felsenwall, über welchem die Eiszacken des Zessetta-gletschers thronen. Eine mächtige, steile Schneekuppe ragt dahinter himmelhoch empor. Ich hielt sie für eine Gipfelmasse des Grand Combin; von den Talleuten wird sie mit dem vorragenden Schneekamm, der den Gletscher von Zessetta von dem Durandgletscher scheidet, Tour de Boussine genannt.

Wir stiegen jetzt an dem Rasenhang des Berges etwa eine halbe Stunde ziemlich steil empor, bis wir die Sennhütte und das darum lagernde Vieh und die johlenden Hirten erreichten. Bernard Trolliet begrüsste uns freundlich, horchte aber hoch auf und verzog sein Gesicht zu einem etwas eifersüchtigen Lächeln, als er vernahm, dass wir, die ersten, den Combin de Corbassière bezwungen hatten. Trolliet ist ein gewandter Jäger. Er hat über 170 Gemsen erlegt. Noch vor wenigenTagen fiel eine Gemse von seinem Schuss, und ihr junges Fleisch, über das prasselnde Feuer gelegt, diente uns zum Leckerbissen.

Die Nacht war herangerückt. Einige Stunden wurden noch unter fröhlichen Gesprächen zugebracht. Dann leuchtete uns Trolliet mit einem angebrannten Holze, das zur Belebung der Flamme hin- und hergeschwungen werden musste, nach unserer Schlafstätte, die sich in einem etwa 20 Minuten unterhalb des Stafels gelegenen Stallgebäude befand. Die Nacht war durchaus finster, der Weg holprig, und trotz den Anstrengungen unseres Fackel-trägers fehlte es nicht, dass mancher Tritt seitwärts hier auf spitzes Gerolle, dort in ein Sumpfloch geriet. Auf dem Heulager waren bald alle Strapazen des heutigen Tages vergessen.

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