Cordillera Bianca - bezaubernd und unvergesslich

Remarque : Cet article est disponible dans une langue uniquement. Auparavant, les bulletins annuels n'étaient pas traduits.

Ermes und Amalia Borioli, Locamo

Hinzu kommt, dass diese Schule auch hinführen sollte zu einem echten christlichen Selbstverständnis, indem sie das Bedürfnis nach dem Unendlichen weckt, indem sie die Augen öffnet für die Grosse und Allmacht Gottes. » ( Worte des Papstes, gerichtet an die italienischen Teilnehmer der Everest-Expedition; aus dem Osservatore Romano vom 28. Juni 1973. ) Die Leute, die am Morgen des 27. Mai 1973 im internationalen Flughafen von Rio de Janeiro eben mit den Zollformalitäten beschäftigt sind, können eine Gruppe von seltsamen Individuen beobachten. Diese zeigen den Zollbeamten gewichtige, farbige Rucksäcke vor, tragen schwere Schuhe und kuriose Kleider: Es ist der « Gru po de Alpinismo Suizo », der sich aufmacht, auf Initiative von Max Eiselin die Anden zu erobern; ihr erfahrener Führer ist Eugen Steiger.

Wir haben eben eine allzu kurze Besichtigung der schönsten Stadt der Welt hinter uns. In der Zollkontrolle, die auch mit Hilfe von Radiologie vonstatten geht, haben wir einige Mühe, die Beamten von der Ungefährlichkeit unserer Ausrüstungsgegenstände zu überzeugen. Die Eispickel allerdings werden uns trotzdem abgenommen und dem Kommandanten des Flugzeuges, das uns nach Lima bringen soll, persönlich zur Verwahrung anvertraut. In Lima gönnen wir uns etwas Schlaf, genau jene sechs Stunden nämlich, die wir durch den Flug auf die Schweizer Zeit gewonnen haben.

Doch bereits am nächsten Morgen sind wir mit- ten drin in der Expedition. Schon jetzt müssen wir für den Rückflug buchen, müssen das Transportmittel reservieren, das uns nach Monterrey bringen wird, dem Ausgangspunkt unserer Abenteuer. Zudem gilt es den Bedarf an Lebensmittel und Utensilien genau zu kalkulieren. Jeder hilft nach seinen Kenntnissen und Fähigkeiten dabei mit.

Am 29. beginnen wir mit dem Auskundschaften des südlichen Landesteils. Das trifft sich ausgezeichnet mit unseren Plänen: Einmal halten wir uns dabei dauernd auf einer Durchschnittshöhe von 3000 Metern auf ( die Hochebene der südlichen Cordilleren ), zum andern ist uns der Kontakt mit der Kultur der Inka ganz besonders wertvoll, weil sie gerade den Berg in unschätzbaren Kunstwerken verherrlicht hat.

Per Flug erreichen wir Arequipa, ein hübsches Städtchen am Fusse des Misti-Vulkans ( 5847 mseine Gassen und seine schneeweissen Häuser erinnern an andalusische Dörfer.

Von dort geht 's weiter mit der Eisenbahn nach Puno, auf 4800 Meter Höhe. In Puno legen die Schiffe ab, welche zu den künstlichen Inseln des Titicacasees fahren. Dort leben noch Eingeborene, die sich zur Hauptsache von getrocknetem Fisch ernähren und ihre Pirogen aus Binsen selbst bauen.

Weiter geht 's mit dem Zug über die Sierra; nur da und dort noch sehen wir Weiler oder Bauernhöfe. Auf den mageren Weiden erkennt man alle Arten von Haustieren. Aus allenstechen die eleganten Silhouetten des Lamas, der Alpakas und der Vicuniashervor. Diese graziösen Tiere sind Säuger und haben für die Landbevölkerung eine ähnliche Bedeutung wie das Rentier für den Eskimo.

Auf dem Hauptplatz von Cusco ( aus « osco » -der Nabel ), der alten Hauptstadt des Inkareiches, singt ein kleines Mädchen Lieder in der melodiö- 1 Der italienische Originaltext erscheint in der französischen Ausgabe « Les Alpes ».

sen Sprache der Gegend ( « quechua » ), und wir betrachten dabei seltsam bewegt das Kreuz des Südens, das am klaren Firmament steht.

In engen Kehren, die den Skifahrer sofort an Spitzkehren erinnern, windet sich die Bahn weiter und erreicht schliesslich die Hochebene Pampa de Anta, fährt von dort hinunter ins Tal des Urubamba, der seine Wasser, nachdem sie in unzähligen Schlingen den Urwald durchquert haben, dem Amazonas übergibt. Unsere Aufmerksamkeit wird hier pausenlos in Anspruch genommen: links die Stadt Chilqua, Sitz eines Klosters, von dem aus Jesuiten die Ruinen von Machu Picchu entdeckten, welche nun auch unser Ziel sind. Rechts steht hoch der Gipfel Veronica, die majestätische Perle der Sierra Quillabamba. Schliesslich, nach einer stürmischen Fahrt in kleinen Lieferwagen, steht Machu Picchu, jenes Wunderwerk der Architektur, vor uns. Auf einem fünf Quadratkilometer grossen Gelände stehen hier Gebäude, die sich aufs harmonischste an den Antica-Gipfel anschmiegen. Die traditionelle Bauweise - polierte Steine minuziös aufeinander gelegt - erzählt noch heute von der grossartigen Kultur.

Nach einwöchigem Touristenleben ist unsere Gruppe nun darauf aus, die Kräfte an einem Berg zu erproben. goo Meter steilen Anstieg bietet uns der Huaina Picchu ( junger Gipfel ). Man verspürt nur eine intensive Hitze, welche diese Spätherbstsonne in der von Feuchtigkeit gesättigten Luft verbreitet.

Sonntags ruhen wir uns in Lima aus, dann müssen wir die Vorbereitungsarbeiten abschliessen, damit wir die Reise nach Monterrey antreten können.

Die Kameradschaft ist in diesen letzten Tagen der Zerstreuung noch gewachsen, und so ist eine wichtige Voraussetzung zum Gelingen unseres Unternehmens erfüllt. Obwohl wir 14 Personen ganz verschiedener Herkunft und Bildung sind, haben wir doch alle das gleiche Ideal.

Dienstag, 5.Juni. Um 5 Uhr früh stehen wir alle bereit zum Abmarsch, wie eine Ehrengarde.

Der alte Wagen, der ein wenig an die Pionierzeiten des Wilden Westens erinnert und der zugleich als Visitenkarte des offiziellen Reisebüros gilt, hat plumpe, weiche Pneus. Start ist so gegen 8 Uhr. Mit unseren Windjacken verstopfen wir schlecht und recht die Löcher der kleinen Fenster.

Vorerst bleiben wir auf der Panamericana, die längs der Pazifikküste auf Tausenden von Kilometern die verschiedenen Hauptstädte miteinander verbindet. Beim 25. Kilometer unterziehen wir uns der ersten von sechs Polizeikontrollen ( auf einer Gesamtstrecke von etwa 400 km ): Die Beamten bekunden einige Mühe beim Notieren unserer ungewohnten Namen ( Britschgi, Knuchel ).

In den Augen der Eingeborenen, denen die Berge hier einen heiligen Schauer einjagen, sind wir verrückte Millionäre.Verrückte, die es wagen, die heiligen Gipfel zu entweihen. Millionäre deshalb, weil das, was wir in unsere Ausrüstung investieren, für sie ein paar Jahre zum Leben reichen würde.

Lima liegt im Winter fast immer im Nebel, den wir nun endlich verlassen können. Die Asphaltpiste ist rechter und linker Hand von unendlichen, wüstenartigen Landschaften gesäumt.

Plötzlich verspüren wir einen harten Stoss. Der Wagen bremst scharf und hält am Strassenrand. Es erfolgt die zweite der sechs Durchsuchungen.

Ein Peruaner verliert die Geduld auch dann nicht, wenn ihm die Benzinpumpe aus dem Motor in den Staub fällt und funktionsuntüchtig wird. Mit einem Gummischlauch, den er dem Werkzeugkasten entnimmt, saugt er etwas Benzin aus dem Tank ( so wie das bei uns die Winzer mit ihrem Wein tun ). Mit dem Benzin säubert er dann peinlich genau jeden einzelnen Bestandteil.

Bei Sonnenaufgang erreichen wir Monterrey, eine grüne, blühende Oase inmitten der Steppe. Nicht umsonst nennt man sie die « peruanische Schweiz ». Im Schwimmbad erholen sich unsere strapazierten Glieder. Das Wasser stammt aus einer schwefelhaltigen Naturquelle, die 5Ogrädi-ges Wasser liefert.

Unverzüglich schliessen wir die Verträge mit den Trägern ab, die uns auf unserer Expedition begleiten werden, sowie mit den Maultierhänd-lern, die uns 20 Esel für den Transport des Materials bis hinauf zum Basiscamp aussuchen sollen.

Wir gestatten uns einen kleinen Ausflug auf die Cordillera Negra, von wo aus wir eine begeisternde Rundsicht auf die andern Gipfel haben: Nevado Huascarân, 6768 Meter; Chopiqualqui, 6400 Meter; Tocllaraju, 6037 Meter, und « unser » Nevado Ranrapalca, 6 i 62 Meter.

Am Freitag, dem 8., verlassen wir endgültig die sogenannte zivilisierte Welt in einem schweren Lastwagen mit langer Ladebrücke, der normalerweise dem Transport von Tieren dient, und zwar in Richtung Collon auf 3300 Meter Höhe im Ishinca-Tal. Wir holen bald die Eselkarawane ein, die von drei mit dem traditionellen Poncho bekleideten Reitern angeführt wird. Das alles sind nun bereits Bilder, die wir bisher nur im Kino gesehen haben. Nachdem wir die Saumtiere beladen haben, geht der Marsch der farbenprächtigen Karawane weiter durchs grüne Tal. In sechs Stunden erreichen wir das Basislager auf 4370 Meter ( etwa auf derselben Höhe wie die Vallothütte ), wo wir nun für die kommenden 12 Tage bleiben werden.

Die Zelte werden aufgestellt: Einer und Zweier sowie ein Kollektivzelt, wo wir uns jeweils am Abend versammeln werden.

Die Träger machen Feuer. Einer von ihnen entfernt sich mit dem Gewehr und kehrt auch bald mit zwei wilden Hasen zurück. Robby ist das erste Opfer der aussergewöhnlichen Höhe: In jugendlichem Enthusiasmus hat er sich zuviel zugemutet, wenn er nach jedem Halt die Karawane neu zusammenstellte und ordnete.

Nun bemerken plötzlich auch alle andern den Flüssigkeitsmangel, und es werden ungeheure Mengen Schwarz- und Kamillentee getrunken. Das Wasser kochen wir allerdings sorgsam aus. Quellen sind hier rar, und das Oberflächenwasser ist ständig der Gefahr der Verunreinigung durch Mensch und Tier ausgesetzt, die bis zur untersten Grenze des ewigen Schnees ( etwa 5000 m ) nomadisieren.

Die erste Nacht überstehen wir in unseren Schlafsäcken einigermassen gut. Die Aussentemperatur sinkt bis auf minus io Grad, und der Reif macht alles weiss; im Zeltinnern herrschen Temperaturen zwischen plus 1 und 3 Grad. Jedoch sofort nach Sonnenaufgang steigt das Thermometer rapide an; unsere Skala, die bis 40 Grad geht, wird oft überschritten.

Auf einem bequemen Pfad erreichen wir 4600 Meter. Es gilt nun langsam, aber regelmässig voranzukommen; sonst zwingt uns das immer stärker werdende Herzklopfen zum Halt.

Der Aufstieg zum Gipfel beginnt bei einer langen Eiswand, zu deren Füssen wir uns anseilen und die Steigeisen montieren. Dann folgt ein normaler Gletscher, von vielen Spalten zerklüftet und mit einer klebrigen Schneeschicht bedeckt, die Klumpen an unseren Schuhen bildet, schliesslich ein Grat im Granitmassiv, mit schönen Griffen, den man in einer angenehmen Kletterei überwinden kann. Es umgibt uns eine imposante Krone von Bergspitzen, ein majestätisches Bauwerk.

Pfingstsonntag wird zum Ruhetag erklärt. Man erwacht beim ersten Sonnenstrahl, erhebt sich dann so gegen 9 Uhr, um an einem ausgiebigen Frühstück teilzuhaben, das demjenigen im Hotel keineswegs nachsteht. Es folgen Aufräumearbeiten: Einer wäscht irgendein Kleidungsstück im blaugrauen Wasser, das dem riesigen Eisbruch entströmt, der vor uns steht; andere putzen die Schuhe, legen die Seile zum Trocknen aus. Dann schwärmen wir aus: Einer photographiert, andere suchen besonders schöne Blumen, die da und dort zwischen den Moränenblöcken hervorlugen, wieder andere legen sich ganz einfach an die Sonne. Aber aufgepasst! In ein paar Minuten kann diese erbarmungslose Sonne die ganze Epidermis verbrennen, wenn sie nicht durch ausgesuchte Cremen geschützt ist; verschwindet sie andererseits hinter einer Wolke, so kann die Temperatur augenblicklich auf etwa plus 15 Grad sin- 1Tocllaraju 2Chimchey, vom Jshinca aus 3Nevado Ranrapalca Photos Ermes Borioli, Locarno ken, so dass wir gezwungen sind, uns ein wärmeres Kleidungsstück überzuziehen.

11 .Juni. Während wir uns wie die Katzen am Fluss waschen, bescheint die Sonne den Gipfel, der uns erwartet. Der Urus, 5500 Meter hoch, erhebt sich stolz westlich unseres Lagers. Die Westwand des Tacllaraju hingegen sonnt sich sanft im Widerschein des Palcaraju.

In zweieinhalb Stunden schaffen wir, entlang der steilen Moräne, die 700 Meter Höhendifferenz, die uns vom Gletscher trennen. In diesen Gegenden bzw. Höhen stellt dies eine aussergewöhnliche Leistung dar. Über ein Schneefeld, das von einer Eiswand durchbrochen ist, die uns beim Aufstieg keine besondere Mühe macht - um so mehr dann später bei der Rückkehr -, erreichen wir den Schlussabschnitt, der nun, alpinistisch gesehen, äusserst interessant ist: Eine bewegende Passage unter einer Kuppel durch, von der gigantische Eiszapfen herunterhangen, ein kurzes Stück Fels, und schliesslich der letzte Felskopf, der von weitem wie eine gefährliche Haube aussieht und gleich über einer schwindelerregenden Wand sitzt. Geni meint, wir sollten einer nach dem andern da hinaufklettern, gut gesichert vor bösen Überraschungen. Aber in Anbetracht des Gewichtes von Amalia ( 47 kg ) und meinen 63 gestatten wir uns doch eine Familienphoto als Erinnerung an unseren zweiten Fünftausender. Wir fühlen uns in bester physischer Kondition. Unser Herzschlag erreicht kaum jenes Niveau ( 75-80 Schläge pro Minute ), das unser Arzt vergeblich durch Leibesübungen zu provozieren versuchte -damals, anschliessend an die Röntgenkontrolle.

Das Programm geht weiter: Nach einem Ruhetag wollen wir höher hinauf. Der Berg ist wohl eine harte Schule des Willens, der Konzentration und des Erduldens, aber auch der Spender von Gesundheit und unvergesslichen Freuden. Wenn man die unvermeidlichen Momente der Angst und der Müdigkeit überwinden muss, braucht man tiefe innere Kräfte, die einen starken Charakter formen, dazu einen klaren Willen, eine Haltung, die schwierige Momente in Ruhe und Bedachtsamkeit zu überstehen weiss, wenn solche sich uns in den Weg stellen.

Zurück beim Basislager ist die Spannung vorbei. Himmlische Melodien erfreuen unsern Geist, wir laben uns an den schönsten Bergliedern, die es gibt, unter Tausenden von Sternen, die rund um das Kreuz des Südens am Himmel blinken.

Während der Ruhetage wird der Appetit beinahe übermütig. Heute zum Beispiel hat uns Bruno ein wahres Festbankett serviert.

14.Juni. Wir starten zur letzten Exkursion. Da sie eine Traverse von mehreren Stunden umfasst, mit zwei Aufstiegen, wovon der eine ziemliche Anforderungen stellt, wechseln wir ins Hochlager ( 4950 m ) in der Nähe der Lagune, einem künstlichen regulierten Wasserbecken. Wir schlagen dort unsere Biwakzelte auf und bereiten uns auf die kommende Nacht vor: Schlafsäcke, Jacken, Schuhwerk, Handschuhe und wollene lange Unterhosen. Dann legen wir uns aufs Ohr; der Himmel ist ganz klar; hinter der Silhouette des Gipfels, die einem Papageienschnabel ähnelt, erscheint der volle Mond. Um 4 Uhr in der Früh'kriechen wir aus unseren hartgefrorenen Zelten hervor. Mit dem Finger wischen wir den Reif vom Thermometer und stellen fest, dass es minus 14 Grad zeigt. Die zuverlässigen Träger haben schon den Benzinkocher entzündet, der hie und da seinen Flammenschein auswirft. Nach einigen Minuten gibt 's bereits siedendes Wasser. Mit Hilfe einer Taschenlampe ( der Mond ist inzwischen wieder untergegangen ) entnehmen wir der Speisekammer, die ihren Platz zwischen zwei grossen Felsen gefunden hat, etwas Ovomaltine, Milchpulver und einige Biskuits. Dann geht 's los. Um uns ein bisschen die Beine vertreten zu können, laufen wir in der ersten Stunde ziemlich unregelmässig durch den Moränenschutt. Als wir den Gletscher erreichen, ist es schon Tag, und die nördlich exponierten Wände im oberen Teil der Massive stehen bereits im vollen Sonnenlicht.

Beim Südkamm des Gipfels angelangt, stehen wir plötzlich vor der berühmten Nordostwand des in seiner ganzen Majestät erscheinenden 1 In der Nordwand des Triolet Photos Jean-Pierre Loetscher, Court ( i ) und Bernard Steulet ( 2 ) Nevado Ranrapalca. Der untere, ganz vereiste Teil stürzt sich hinunter in die endlosen Eisbrüche. Dann folgt das Mittelstück mit einer Steigung von 50 bis 70 Grad, schliesslich darüber eine Art drohendes Dach, auf dessen ganzer Länge sich eine riesige Schneebank gelöst hat und eine stumme Bedrohung darstellt. Wir verstehen nun nur zu gut, warum Geni auf diese Kletterei verzichtet hat, die unter normalen Bedingungen ( also Eis und eine kompakte Schneedecke ) für gut vorbereitete Alpinisten durchaus im Bereich des Möglichen gelegen hätte.

Wir klettern weiter: Rechts von uns taucht am Horizont der Chimchey mit seinen 6222 Metern auf; er wirkt wie eine einzelne Pyramide und erinnert uns ans Matterhorn.

Ein letzter Anlauf- und wir sind auf dem Gipfel. Fredy, der sympathische Kamerad aus Samedan, schiesst eine Photo von der Tessiner Fahne, die wir stolz in den Schnee des Gipfels gesteckt und an einem Ginsterast festgebunden haben.

Wir nehmen den Aufstieg auf den zweiten Gipfel in Angriff Die Sonne steht jetzt hoch am Himmel und brennt hart auf das Eis. Unsere Kräfte sind wegen des ersten Aufstiegs schon etwas reduziert. Trotzdem geht 's weiter: Der Blick auf die Cordillera ist atemberaubend schön. Jetzt prägen sich Bilder ein, die wir nie mehr vergessen werden. Wenn wir trotzdem einige Aufnahmen machen, so deshalb, weil wir glauben, dass auch Leute, die keine Gelegenheit zum Genuss solcher Naturschönheiten haben, später davon zehren werden. Aber doch scheint es uns, als würden wir die Natur verletzen, so etwa, wie wenn wir ein Edelweiss pflückten, um es einem Kranken zu schenken.

Nun beginnt der letzte Akt. Sogleich verspüren wir eine Art Melancholie, wie wenn ein schöner Traum vorübergeht. Besonders auch deshalb, weil wir nach dem langen Aufenthalt und ausdauernden Training nun auch wirklich in der Lage wären, noch anspruchsvollere Touren zu unternehmen. Aber alles muss einmal ein Ende haben, und wir sind froh, dass das ganze Pro- gramm planmässig angelaufen ist, dank dem schönen Wetter und einem Klima herzlicher Freundschaft. Auch ist während des ganzen Unternehmens nicht das Geringste passiert. Und schliesslich dürfen wir auch nicht unsere Familien zu Hause vergessen, die sich auf unsere Heimkehr freuen.

In Monterrey sind schon wieder neue Bergsteiger, kühne junge Leute, angekommen und bereiten weitere Expeditionen vor. Sie sind es auch, die uns mitteilen, dass drei deutsche Alpinisten tragischerweise verschwunden sind: Die schönsten Erfolge sind eben immer auch durch Trauer und Verlust - neben den Lorbeeren - gekennzeichnet. r 8 Franken bezahlen wir dem Chauffeur, der uns in einer zwölfstündigen, holperigen Fahrt über den 4100 Meter hohen Conococha-Pass nach Lima fährt. Dort verkünden die Zeitungen in grossen Schlagzeilen, dass der berühmte Fussballer Cubilla für 2 Millionen Schweizer Franken vom FC Basel verpflichtet wurde. Das sind eben die Kontraste in einem Land, das man « hermoso, noble y generoso » nennt, das ungeheure Bodenschätze birgt ( Gold, Silber, Wismut, Blei, Quecksilber, Zink, Kupfer ) und viele andere Produkte hervorbringt ( Zucker, Kaffee, Korn, Früchte, Kartoffeln ), auch Meeresfrüchte - und das sich selbst ganz bescheiden so definiert: « Ein Bettler, der auf einem Haufen Edelsteinen sitzt ».

Als wir uns in die DC-8 der KLM setzen, sind wir überzeugt, nun wieder in die monotone Alltäglichkeit Europas zurückzukehren. Aber weit gefehlt.

Nachdem wir den Chimborazo, den letzten Ausläufer der nördlichen Anden, überflogen haben, wechseln wir im Flughafen von Panama das Flugzeug. Das Startmanöver wird abgebrochen, und man meldet uns einen Schaden an einem der Motoren. Das bedeutet für uns eine Woche zusätzlicher Ferien im Schlaraffenland!

Ein Vergleich zwischen diesen bezaubernden Ferientagen und jenen Tagen des Kampfes mit dem Berg liegt nahe. Dort oben, nur auf uns selbst gestellt, den Elementen ausgeliefert, haben uns, Ausdauer und Zähigkeit geholfen, die Müdigkeit zu besiegen; unsere Geschicklichkeit erlaubte es uns, alle Hindernisse zu überwinden, und gross war die Genugtuung, als wir endlich am Ziel unserer Wünsche waren. Zwischendurch war es auch die Vorsicht gewesen, die uns mahnte, auf dies oder jenes Wagnis zu verzichten. Nun kehren wir wieder zurück in den Zwang der Ereignisse, denen wir unweigerlich zu folgen haben.

Nach Hause zurückgekehrt, finden wir auf dem Tisch Formulare vor - wir unterschreiben sie sofort. Damit stellen wir uns dem Schweizerischen Kata,strophenkorps zur Verfügung und lösen damit auch ein stummes Versprechen ein. Der schreckliche Anblick von Yungai, der einst üppigen und jetzt total verwüsteten Stadt, gab uns den heimlichen Anlass dazu. Damals, an jenem infernalischen Sonntag im Mai i 970, waren 25 Millionen Tonnen Wasser, Lehm und Schutt mit einer Geschwindigkeit von 380 Stundenkilometern vom Huascaran herabgestürzt und hatten erbarmungslos die Stadt mit ihren 40000 Einwohnern unter sich begraben.

( Aus dem Italienischen übertragen von Alfred Lüscher )

Feedback