Das Brockengespenst

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Von Heinrich Kuhn.

Es war schon 5 Uhr abends geworden, und wir suchten einen Weg ausserhalb der üblichen Route zum Gipfel der Wilden Frau. Schwere Arbeit im Fels. Knirschend traten die blanken Stahlnägel in die spärlich vorhandenen Ritzen und Bänder; nirgends ein guter Griff für die Hände. Meine Kameraden zweifelten: « Wir kehren um, es wird spät, wir kommen doch nicht mehr hinauf. » Ich aber wollte mich messen mit dem widerspenstigen Berg; denn ich liebe die Erde in allen ihren reichen Formen, weder Eis noch glatte Felswände schrecken mich je ab, ihre Urgestalt zu umarmen. Wie eine Katze presste ich meinen Leib gegen den überhängenden Stein, duckte mich, schnellte mit letzter Sprungkraft nach oben. Ein herrlicher Augenblick zwischen Tod und Leben! Ich fand einen Platz zum Verankern und zog meine Kameraden einen nach dem andern nach. Der Rest war dann leicht gewonnenes Spiel; rasch strebten wir dem nahen Gipfel zu. Ein leichter Nebel hüllte uns Anmerkung. Man nennt so eine optische Erscheinung, die zuerst am Brocken im Harz beobachtet wurde. Unter bestimmten atmosphärischen Verhältnissen, besonders im Gebirge, wird der eigene Schatten manchmal auf grosse Entfernungen hin in gewaltigen Dimensionen auf einen dunkeln Hintergrund, meist dunkle Wolken am Himmel, projiziert.

in durchsichtige Schleier; am Büttlassen drüben hingen schwarze Wolken tief hinab. Die letzten Strahlen der untergehenden Sonne fielen schräg ein und zauberten eine phantastische Beleuchtung.

Da! Alle blieben wie gebannt stehen: Dort oben an der dunkeln Wand! Gleichen Schrittes war es mit uns gegangen, habt ihr 's gesehen? Jetzt steht es still mit uns; ein ungeheurer Schattenriese! « Das Brockengespenst », rief mein Freund Harald aus und klärte uns sogleich über das Phänomen auf in jener sachlichen, weise ordnenden Sprache der Naturwissenschaft. Ihn freute der seltene « Fall »; aber drohend reckte das Gespenst drüben seine Arme und verschwand.

Trotz der Belehrung, aber auch wider unser eigenes aufgeklärtes Wesen, wollte sich doch ein heimliches Grauen einschleichen. Keiner sprach es aus, es waltete über uns, und wir schritten stumm weiter.

Im Abstieg zum Hohtürli hinunter verfehlten wir das Couloir und standen plötzlich vor einem gefährlichen Felsabsturz; es gab kein Vor- noch Rückwärts mehr; in einer Viertelstunde aber würde es Nacht sein. Was tun? Ein Entschluss! Ein kurzer Zuruf an den Seilmann hinter mir, er nickt, und schon klettere ich vorsichtig bergab. Nach einigen tastenden Tritten musste ich sehen, dass der Fels keinen Griff und keine Fussstütze mehr bot. Vergeblich suchte mein Körper sich an den Felsen anzusaugen. Eine wahnsinnige Gedankenflucht tobte gegen die Ohnmacht des Körpers. Hält er? Man sollte sich nie auf andere verlassen müssen! Und das Seil, wird es nicht reissen? Eine stumpfsinnige Gassenhauermelodie schrillt in den Ohren. Tatsachen von lächerlicher Selbstverständlichkeit bedrücken mich: das ist ein Fels, da klebe ich und werde bald nicht mehr halten können. Visionen: meine Eltern beim Nachtessen; verwundert schauen sie mich an... jetzt gleite ich aus, die Finger werden kraftlos: Das Brockengespenst! Aus dem Abgrund grinst es herauf; mich äfft der Berggeist in meiner eigenen Gestalt, verzerrt zu einem ungeheuren Schattenbild. Nur einige Sekunden. Ein Ruck und die. Leine strafft sich, ich schwebe in freier Luft. Die ruhige Besinnung des Bergsteigers wacht wieder. Einige Meter unter mir kann ich einen breiten Vorsprung erkennen. « Gib Seil aus! » und kurze Zeit darauf bin ich in Sicherheit.

Der Abstieg der oben Gebliebenen liess sich nun einfach bewerkstelligen.

Es war stockfinster, als wir bei der Hütte anlangten. Auf dem Lager sagte mir mein Freund, der mich am Seil gehalten, dass ich ihn um ein Haar aus seinem festen Standpunkt in die Tiefe gerissen hätte.

Jahre sind seither vergangen; aber immer wieder erscheint es vor meinen Augen an schönen Juli- und Augusttagen, wenn der Bergtod umgeht im weiten Firnenreich und seine Ernte einbringt. Drohend reckt es die Arme und verschwindet, wie es gekommen, das Brockengespenst.

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