Das Goldloch in der Arni bei Engelberg

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Von Plazidus Hartmann.

Nach Golde drängt, am Golde hängt doch alles. Ach, wir Armen!

Margarethens Seufzer in Goethes Faust ist Wahlspruch geworden für ungezählte Glücksucher, die gruben und graben und oft wenig mehr finden als Enttäuschung, Elend und Untergang. Als Abenteurer zogen sie aus, und ihre Hoffnung erstarrte im mörderischen Frost am oberen Jukon, oder der heisse Glutwind Westaustraliens bettete ihre Glieder in den Sand. Aber was richten wir unseren Blick auf die Goldfelder ferner Kontinente, belehrt uns doch die Geschichte unserer engeren Heimat, dass es auch in den Bergen der Schweiz an Goldsuchern nicht mangelte.Verschiedene Tatsachen mochten hierfür Grund und Veranlassung geboten haben. Der Goldgehalt der Alpenflüsse wies darauf hin, dass kostbares Erz im Innern der Berge sich finden müsse; ergab doch das Waschgold, das vorzüglich der Emme und der Reuss entnommen wurde, dem Stande Luzern in den Jahren 1710—20 ein Gewicht von 3200 Gramm. Das Vorhandensein von Pyrit oder Eisenkies, eines glänzenden goldähnlichen Minerals, das fast überall, aber nie in grosser Menge auftritt, mochte ebenfalls Unkundige locken. Dazu kam, dass im Mittelalter erfahrene und bergtüchtige ausländische Erzknappen unsere Berge absuchten. Da es den Einheimischen nie gelingen wollte, in die Geheimnisse dieser oft als « Venediger » bezeichneten Bergleute einzudringen, wob die Sage bald ein buntes Kleid abergläubischer Vorstellungen um ihre Person. Die Phantasie stattete sie mit einem « Bergspiegel » aus, mit dem sich die Felsen und Berge durchschauen liessen. Sie arbeiten nur im Dunkel der Nacht. Die gefundene Beute können sie auf zauberische Art plötzlich verschwinden lassen. Nur ihnen gelingt es, aus den Goldsteinen das Edelmetall auszuscheiden. Es mag wohl kaum einen wirklichen oder vermeintlichen Fundort von Gold geben, wo die Sage nicht die Venediger ihren Teufelsspuk mit den armen Goldsuchern treiben lässt, wie sie denn auch in den Berichten über das Arniloch nicht fehlen.

Die älteste Erwähnung dieser Höhle fand ich in dem berühmten Werke Mundus subterraneus, die unterirdische Welt, des Jesuiten Athanasius Kircher, Amsterdam 1678, einem dickleibigen Folianten, dessen phantastische Anschauungen ein ganzes Jahrhundert hindurch nicht nur den Volksglauben, sondern auch die wissenschaftliche Welt beherrschten. Anhangsweise wird ein Bericht wiedergegeben, den ein gewisser Elias Georgius Loretus, der sich artium scientiarumque eximius cultor nennt, im Jahre 1667 von Rom aus an den Verfasser schrieb. Darin lesen wir:

« Wie es mir am 6. Mai 1667 ergangen, als ich den Arniberg in Unterwaiden, nahe bei Engelberg erstieg. Nachdem ich nämlich unter grösster Lebensgefahr drei Stunden lang mich abgemüht, auf Händen und Füssen über den schroffen und fast senkrecht aufsteigenden Berg zur Goldgrotte mich durchzuklettern, hörte ich, schon in nächster Nähe der Höhle, ich weiss nicht was für einen Lärm und menschliche Stimmen, obwohl es unmöglich war, dass zu dieser Zeit auf mehrere germanische Meilen hin jemand dort hätte wohnen können. Und es fielen von den überhängenden Felsen ob mir so viele Eiszapfen, durch die Kraft der Winde und die Glut der Sonne davon losgelöst, hernieder, und überdies stürzten Lawinen, von der Höhe her alles mit sich zu Tale reissend, mit solcher Wucht auf mich herein, dass ich sicherlich in ixionischem Fluge mir selbst nachjagend über die schauderhaften Abgründe des Berges hinunter ins anliegende Tal geflohen wäre, hätte ich nicht meinen Kopf und den ganzen Leib tiefer in den Schnee eingeduckt und auf gut Glück an einem unterm Schnee befindlichen Felsblock mich gehalten, während auf diese Weise die Schneeschuttmassen über meinen Rücken dahinfuhren. » Loretus betrat also nach diesem Bericht die ersehnte Goldgrotte nicht. Es ist überhaupt auffällig, dass er bei seinen häufigen Höhlen-reisen fast immer unmittelbar vor dem Eingang zur Umkehr gezwungen wird. Die Schilderung des Aufstieges, im Original lateinisch, ist im überschwänglichen Stil der Zeit gehalten und wohl nicht frei von masslosen Übertreibungen. Dass der Forscher am 6. Mai von einer Lawine überrascht werden konnte, liegt freilich im Bereiche grösster Wahrscheinlichkeit. Loretus erwähnt nichts von einem Begleiter oder Führer. Da aber der Höhleneingang weder von unten noch im Anstieg irgendwo sichtbar ist, darf man wohl schliessen, dass er unter ortskundiger Führung ging. Jedenfalls muss er in Engelberg oder schon in seinem Standquartier Luzern auf die « Goldgrotte » auf merksam gemacht worden sein. Das verbürgt uns, dass sie sicher um die Mitte des 17. Jahrhunderts bekannt war.

Eine weitere Erwähnung entnehmen wir dem Nidwaldner Archiv, Ungebundene Prozessakten 1680: Ignaz Hermann bekannte vor Obrigkeit: dass Wilhelm Schoch innert 14 Tagen zwei- oder dreimal zu ihm nach Engelberg gekommen sei. Da hätten sie ihm Erz, das sie im « Grassen » eine gute Stunde hinter Engelberg gefunden haben, vorgezeigt, welches sie geschmiedet. Es finde sich dabei etwas Gold; doch der grössere Theil sei Kupfer und Silber. Sein Vater habe ihm dann befohlen, demselben, dem er von dem Erze gegeben, den Ranzen zu tragen. Schoch habe gesagt, er wolle das Erz scheiden oder dem Münzmeister oder den Drahtziehern verkaufen. « Er seye », fuhr Hermann fort, « auch im Arniloch öffter gesein, aber alda kein Ertz gefunden, er hat aber gehört Reden, es seyen, fenediger ', welche alda wol mitel erfinden unnd thür solches hernach verblenden dermassen dass ein einfältiger zuo dem rechten gespor nit khommen noch solche mitel sechen möge. » Wir sehen aus dieser Äusserung, dass der Volksglaube hier wie anderswo die « Venediger » dafür verantwortlich macht, wenn den Goldsuchern kein Erfolg winkt.

Ignaz Hermann bekennt ferner: « Dass er in dem Arniloch biss in vier rechte Mentschen Todten-Beyner krützweiss uff der rechten sithen an der fluo ligent angetroffen habe, darbey 3. Todtenschidelen wahren, deren er 2. sambt den Beineren darfürgetragen, und vor ussen gelegt, nachgentz sich wieder in sei- biges Ohrt verfliegt unnd vermeinte, guote mitel zu finden, hab aber nichts aussgericht, sondern gangen, die Haubtschüdelen und Beyner an ihr vorige Ohrt getragen unnd sich fortgemacht. » Der Fund von Totenschädeln und Knochen scheint erklärlich unter der Annahme, sie seien aus irgendeinem Beinhaus, wohl von Engelberg, in die Höhle hinaufgetragen worden, um als Beschwörungsmittel gegen den Zauber der « Venediger » dienlich zu sein.

Hermann sagt ferner aus: « Ess seie ein alter man von 70 oder 80 Jahren, der sich auch zuo dem Ami-Loch öffter begeben, der komme zuo Zeiten wie ein Pauer, wie ein Waldbruoder, unnd den mehren Theil wie ein Bättlerman gekleidet, welcher ihme angezeigt, es sey zuo Arny ein gantze fluo gold, dan er hab in dem Arniloch ein Stein bey einem Pfundt schwär genommen, von welchem er ein fierling Gold bekhommen » usw.

Auch Wilhelm Schoch bekennt vor Obrigkeit: « Dass er zweimal innert 14 Tagen sich nach Engelberg verfügt und sich bei dem Michel Hermann aufgehalten habe, welcher ihm Erz, das er aus den Bergen des Gnädigen Herrn von Engelberg genommen, vorgewiesen, welches er probiert und dabei gefunden, dass es etwas wenig Gold und Silber, den grössten Theil aber Kupfer enthalte; dasselbe wolle er noch ferner probieren oder einem Münzer oder Drahtzieh er verkaufen. » Johann Baschi Jacober bekennt den 18. Novembris 1680: « dass er mit 4 gespanen in dem arni Loch gewesen und habe etwan 3 Claffter in der fluo uff der Rechten handt obsich und haben alda darin baumnuss, haselnuss grossi oder noch kleiner Zepfli ganz gelb angetroffen, von welchem sie etwan schier ein halbe Rantzen voll genommen, welches gut goldt gewesen und dem Joss Judt zuo Langnauw verchaufft und ein Namhafftes erlöst, sich darus bekleidt unnd sich damit erhalten, und ihr Zehrung bezalt, ess seie etwan 5 Jahr sither. Er seye noch allzeit dess willens gewesen, sich widerumben dahin zuo verfüegen, und versichere, dass er noch die ville des obgemeldten golds in Arni Loch bekhommen wolte, man könne ihmme Geist- oder Weltliche zuogeben. Item seye er ein frauwfasten Kindt unnd seche alle geister tags und nachts, dass er aber solche beschweren könne er gar nichts damit umbgehen, dann er seie vill zuo ungeschickt darzuo. Er und andere haben auch noch ein mahl nacher Arny wollen in voriger meinung, allein hab sie die ville des schnees abgetrieben. Im Übrigen wüsse er nüt dass er wass Ungebührliches weder hier noch anderswo angehebt, sondern Gott und die hohe Oberkeit jeder Zeit ge-förchtet unnd respektiert habe. Ess seye auch war, dass der Judt Joss ihnen ein huotgupfen vollen silber und goldtsorten gegeben habe an dasjenige sie ihmme überbracht haben. » Die « nussgrossen gelben Zepfli » verraten klar, dass es sich bei dem vermeintlichen Gold um die häufigen Pyritknollen in Kalk handelt. Johann Baschi Jacober, nach seiner Mutter oft auch Epp genannt, gibt an, dass er aus dem Meiental sei und allzeit in Uri gewohnt; bekennt aber auch, dass er vom Rat von Obwalden ausgewiesen worden, so dass ein Zusammenhang mit der Obwaldner Ärztefamilie nicht ausgeschlossen wäre.

Laut Wochenrats-Protokoll XX, 141 b, vom 14. Februar 1695 soll « ein gewisser Man, so aus dem Arny-Loch khommen durch den Landtsleuffer auffen dass rathhauss in verhafft genommen undt erstlichen examiniert werden, der von dannen gefundenen und genommenen ertztes halber sollen ihm auch alle bey sich habende materialia abgenommen werden. » Im « Obwaldner Volksfreund » 1883 spendete Alois Küchler von Sarnen einen Beitrag über « Die fahrenden Schüler im Arniloch. ( Nach den Verhörakten ). » Den 29. Juni 1711 wurde Hans Joseph Heimann von Alpnach, seines Alters im 18. Jahr, gefänglich eingezogen und den 1. Juli gütlich examiniert. Befragt, was Ursachen er hier sei, vermeint er, wahrscheinlich weil er mit dem « faretten schueler » in Verkehr gestanden. Ich erwähne lediglich die Aussagen, welche das Arniloch betreffen und die glänzend belegen, welche Wundermären der Aberglaube schon zu Beginn des 18. Jahrhunderts um unsere Örtlichkeit gesponnen. Am Auffahrtstage sollen im Stanserried 21 « Gesellen », darunter Heimann, sowie 101 « fahrende Schüler » versammelt gewesen sein. Da « nahmen zwei fahrende Schüler Heimann auf die Seite und versprachen ihm, sie werden ihm nun heute etwas zeigen, dergleichen er noch nie gsehen; sie führten ihn zu einem Hag und Messen ihn aufsitzen. Heimann bemerkte, dass das Ding, worauf er sich setzte, einem grossen Wurm glich und jedenfalls einem Drachen angehörte; die beiden Schüler sassen vor ihm und befahlen ihm, die Augen zu schliessen, den Kopf an seinen Vormann anzulehnen und sich an demselben zu halten. Während des Rittes entschloss sich Heimann, aufzuschauen, allein sie waren bereits beim Arniloch angekommen, woselbst sich noch viel Schnee und Wasser befand, so dass man bis an die Knie im Wasser waten musste. Die fahrenden Schüler schlugen Feuer und zündeten eine Kerze an, dann gingen alle drei vorwärts bis zu einer eisernen Türe. Der Meister nahm den über derselben verborgenen Schlüssel und öffnete. Sie kamen nun in ein weites Gemach; da lagen viele ,Bleger-bey'am Boden zerstreut umher und an Ketten hingen Rossköpfe. Auf einem eisernen Kasten sass eine Jungfrau, die einem Manne ,lusete '. Nachdem nun die Jungfrau vom Kasten weggegangen, enthob der Meister demselben eine Menge Silbergeld, den Wochensold für die 101 fahrenden Schüler, jedem sieben Achteinhalbbätzler. Die fahrenden Schüler Messen nun Heimann einen Rosskopf ,auflüpfen '; der Kopf war für ihn aber zu schwer, denn diese Köpfe enthalten Gold, welches die'Venetianer'auszuscheiden im Stande sind. Der Meister machte ihn auch auf ein über der Thüre befindliches Schwert aufmerksam und bemerkte, dass wenn künftig er oder irgend Jemand hier Geld nehmen wolle, so müsse er zuerst mit demselben dem Manne, welcher der Teufel sei, den Kopf abschlagen. Sie traten nun den Rückweg an. Vor der Höhle sassen sie wieder auf, und in einer kurzen Viertelstunde waren sie an den Ort ihrer Abfahrt zurückgekehrt. » Heimann hatte durch diese Aussagen die Neugierde der Verhörrichter aufs höchste gespannt und sah sich nun ausserstande, ihren Erwartungen weiter zu entsprechen; so kam es, dass seine Erzählung bald angezweifelt wurde, und das zweite Verhör vom 1. Juli schloss mit der misstrauischen Frage: Ob er beten könne? « Da bättete er das Vater unser, Ave Maria und den Glauben nit rächt, hat auch in anderen Gebätten falliert. » Zu Ende des folgenden gütlichen Verhörs vom 3. Juli gestand Heimann, alles dasjenige, was er in den bisherigen Examen ausgesagt, sei Unwahrheit « und absolute alles erlogen, Er hab die gsellen nur zu dem Züll und End uffgedungen, damit er Geld von ihnen kriegen könne ». Am 4. Juli erklärte er, auf welche Weise er aus den landläufig kursierenden Sagen seine Erzählung zusammengesetzt habe. Am 6. und 13. Juli wurde Heimann unter Anwendung des Daumeneisens peinlich verhört, blieb aber dabei, dass seine ersten Angaben von ihm erfunden seien; nach Vorweisung der Folter gab er jedoch einen Verkehr mit den fahrenden Schülern wieder zu. Die Schlussfrage des Verhörs lautete: « Warum Er einmahl das einte und bald daruff das widerspill sage? » Antwort: « Er hab sich am morgen resolviert die Wahrheit zu sagen, mit verhoffen, man werde ihn alsdann nicht martern; hernach hab er gedacht, er wolle lügen, man werde ihn alsdann auch nit martern, und man glaub ihm nicht, wenn er die Wahrheit sagen thue. » Endgültig bekennt er, das erste sei alles Unwahrheit gewesen, « uff dass Er nochmahlen uffgezogen, und beständig verblieben, peinlich und güthecklich ».

Einen interessanten Beschluss vermittelt uns sodann das Landrats-protokoll von Nidwaiden VII. 52 zum 2. Juni 1738: « Uff respectuoses ansuochen Hrn. Doctor Diliers allss möchten Mgdhh. ihmme dass arniloch läbenslang für eigenthumblich anvertrauwen, umb damit ville abergleiben zu brauchen möchten verhindert werden etc. worüber erkhent worden, das solches Petitum in ansechung ess allem anschyn nach auss einem guotten absechen gereiche, ihme hrn. Doctor Dillier mit aller Jurisdiction solle zugesagt und ledigklich uff sein Kopf hin läbenslang das Arniloch übergeben worden. » Es mag sich lohnen, bei der Person des Petenten ein wenig zu verweilen. Dr. Johann Baptist Dillier von Wolfenschiessen gehörte einige Jahre der Gesellschaft Jesu an. Ein körperliches Übel, das immer mehr zunahm, veranlasste ihn, aus dem Orden auszutreten. 1709 kam er von Luzern nach Sarnen, wo er ein Seminar gründete, aus dem sich später das heute blühende Kollegium entwickelte. Er war ein Mann voll Unternehmungslust und Tatkraft. Aber für seine hochfliegenden Pläne fehlten oft die finanziellen Mittel und, um solche zu beschaffen, wandelte er häufig ganz ausserordentliche Wege. Er gehört mit hinein in den Ideenkreis eines Elias Montan, eines Sittener Domherrn Mathias von Wil, eines Ittinger Priors P. Karl Fanger, besonders aber seines Sarner Freundes Dr. Johann Kaspar Jakob, der « als guter Chymicus und Med. practicus » 1747 starb. Sie alle vertraten die Meinung, man könne in der Erde ganze Haufen Gold finden, wenn man nur wüsste, wo es wäre, und wenn man die bösen Geister, die darauf hocken, vertreiben könnte. Der Letztgenannte gab im Jahre 1726 eine Schrift heraus über das Aufsuchen unterirdischer Schätze. Dr. Dillier suchte die Regierung von Obwalden in einem Memorial vom Jahre 1713 zu überzeugen, dass im Lande sich viel Eisen, Blei und anders Erz befinde; bei Alpnach liege ein grosses Salzlager. Nach letzterem wurde gegraben, aber ohne Erfolg. Kaum erspriesslicher mochte das Graben nach Erzen sein, macht sich doch sein eigener Bruder, Landammann Melchior Dillier von Nidwaiden, über ihn lustig, wenn er ihm ein lateinisches Büchlein mit verschiedenen Segensformeln schenkt, das die bezeichnende Widmung trägt:

Wer stets nach Mineralien schnappt, Und doch gar selten was ertappt, Der findt vielleicht ein Segen hier, Zu beschwören alle Teufelstier.

Nach dem Gesagten erscheint es höchst fraglich, ob Dillier nur deshalb das Arniloch eigentümlich erwarb, um dem Aberglauben zu steuern.

Im Wochenratsprotokoll 29/407 vom 29. Oktober 1753 endlich findet sich eine Verordnung, die das Arniloch betrifft: « Es soll in unserem Landt publiziert werden, das wan mehr Einer, seis fremd oder heimisch ins Arniloch gehen und todt bleiben sollte, man Einen solchen vermessenen und abergläubischen Menschen nicht vergraben, sondern an dem ohrt, wo ein solcher gefunden wurde, verlochen werde, welches Ihre Hochw. Gnaden nacher Engelberg kann participiert werden. » Über die Veranlassung zu diesem Beschluss gibt uns das Totenbuch der Pfarrei Engelberg erwünschte Auskunft. Am 23. Februar 1753 drang nämlich ein goldsuchender Nidwaldner ins Arniloch ein. Nach Verlassen der Höhle verirrte er sich im dichten Nebel und wurde tags darauf von einem Engelberger im Schnee sterbend aufgefunden.

Leider vermissen wir schriftliche Nachrichten über die Erfolge des kur-kölnischen Bergdirektors, des erzbischöflichen Hofkammerrats Frantz Jakob Julius, der am 29. September 1774 von Abt Leodegar Salzmann von Engelberg die Konzession erhielt, alle im äbtischen Hoheitsgebiet sich vorfindenden Erze und Mineralien nachzusuchen, zu graben und zu verarbeiten. Nach Businger, Gemälde der Schweiz, Band VII, Unterwaiden, S. 146, fanden einige fremde Schatzgräber auf « Bocki », gemeint ist wohl Bockti nördlich vom Arniloch, das, was sie verdienten, nämlich — nichts.

Anhangsweise sei noch erwähnt, dass nach zwei Briefen von Abt Benedikt Sigrist vom 8. Oktober und 26. November 1612 ( Cista Gg im Stiftsarchiv Engelberg ) schon in diesem Jahre ein « Erzknab » beauftragt wurde, « in unseren gräntzen und gebürgen Ertz zu erfünden ».

Fassen wir die Ergebnisse aus diesen Aufzeichnungen zusammen, so gelangen wir zur sicheren Überzeugung, dass im Arniloch wohl eifrig nach Gold gesucht, aber nie eine Spur davon gefunden wurde.

Die Anregung zu einer näheren Erkundung des Arniloches geht auf den leider viel zu früh verblichenen Naturfreund und Kunstmaler Willy Amrhein zurück, der als Obmann der Sektion Engelberg des S.A.C. seine Clubgenossen aneiferte, neben den sportlichen Interessen sich auch den Fragen des Natur-und Heimatschutzes, vor allem der Heimatforschung zu widmen.

Zur Sommerszeit ist die Höhle leicht zugänglich, und sie wird wegen der lohnenden Wanderung auch ziemlich oft besucht. Von Arni-Wang wendet man sich westwärts zum sogenannten Stierendossen, einem knorrigen Klotz aus liasischem Sandkalk, der tektonisch zur Urirotstock-Axendecke zählt. Eine Wegspur führt von hier hinauf zum Arniband, wo bereits die Valangienmergel der Drusbergdecke anstehen, die im unteren Teile aber von Gehängeschutt bedeckt sind. Der Pfad führt empor bis an den Fuss der jähen Fluh aus Malmkalk. Ihm folgend, steht man in einer Viertelstunde nach einem letzten steilen Anstieg im seitlichen Eingang zum Goldloch, das heisst die Höhle er- streckt sich von hier parallel mit dem Arniband sowohl aufwärts als abwärts. Es liegt ziemlich genau 1620 m über Meer. Die Höhle zeigt hier gewölbe-artige Weitung mit Spuren intensiver mechanischer Bearbeitung durch fliessendes Wasser. Die Breite beträgt hier 9,4 m, die Höhe zirka 5 m. Die Neigung des Höhlenbodens, der aus Schwemmsand, Schlamm und Gesteinsblöcken besteht, ist hier, wie durchschnittlich im Verlauf der gesamten Erstreckung, ungefähr 35°. Nach oben erniedrigt und verengt sich der Gang. Aber wer sich etwas bücken und kriechen gelernt und nicht allzu empfindlich ist gegenüber schmutzigen Kleidern, gelangt nach 48 Metern auf ein kleines, sonniges Band, das wir ein grüner Altan an der senkrechten Wand klebt und mit einer reichen Fern- und Tiefsicht lohnt. Höhlenabwärts gelangt man schon nach 22 Metern zu einem Wasserspiegel, der im Sommer konstant bleibt, da eine seitliche Spalte als tiberlauf dient, von wo sich die Wasser auf das Band und in einem kleinen Fall über die untere Wandstufe ergiessen.

Ein weiteres Vordringen kann nur im Winter von Erfolg gekrönt sein. Schon im Jahre 1919 benützten Willy Amrhein, A. Odermatt und ich einen günstigen Spätherbsttag unmittelbar vor dem winterlichen Einschneien, und es gelang uns, ungefähr 50 m weiter ein zudringen bis zu einer grossen kuppelartigen Erweiterung. Aber hier gebot der Wasserspiegel wieder unerbittlich Halt.

Am 15. Dezember 1921 wiederholten wir den Versuch. Es war ein schöner, windstiller Tag von eisiger Kälte; der Schnee durchwegs hart gefroren, so dass jede Lawinen- und Eisschlaggefahr gebannt war. Der Höhleneingang war noch nicht von einem Schneewall blockiert, wie er im Spätwinter und Frühling den Zutritt erschwert. 26,7 m vom Eingang stiessen wir auf einen Steinklotz in der Grösse eines Kubikmeters, in dessen nach unten gerichteter Seite ein Kreuz und die Jahrzahl 1741 ( also aus der Besitzzeit Dr. Dilliers stammend ) eingemeisselt sind. 3,5 m weiter trägt ein ähnlicher Block die Zahl 1878. Nach weiteren 2 bis 3 Metern zweigt ein Quergang genau nach Nordosten ab, verengert sich zu einer Spalte, die nach Norden umbiegt. Seine Gesamtlänge beträgt zirka 15 m. Am Boden tritt man auf Holzbretter verschiedener Grösse.Von hier an wird die Höhle niedriger, bis sie nach 16 m kaum noch 1 m an Höhe misst. Darauf wird sie wieder weiter und höher und erreicht nach 25,2 m ihre grösste, kuppeiförmige Ausdehnung. Hier ragt eine massive, einholmige Leiter aus dem Schlamm, die 11 Sprossen im Abstand von 25 cm trägt. Eine ungefähr 6 m lange Latte reicht in eine lochartige Weitung des Gewölbes hinauf, wo überall intensive Hammerspuren sich zeigen. 5 m weiter abwärts stecken zwei schwere, zweiholmige Heuleitern im Schlamm, wie sie von den Sennen auf den Alpen gebraucht werden. Hier biegt der Gang, der vom Eingang her in nordwestlicher Richtung verläuft, nach West-Süd-West um, wird wieder enger und endigt in einem Wassertümpel von 1 bis 1,5 m Tiefe. Ich vermute, dass die Aushöhlung des Hochgebirgskalkes hier noch nicht ihr Ende erreicht; aber die eintretende Enge hat die Massen der häufig erfolgten Schlammbrüche hier so stark angehäuft, dass ein ziemlich wasserundurchlässiger Grund entstand, auf dem die Füllung mit Wasser zu Beginn der Lenzschneeschmelze einsetzt. Im unteren Teil der Höhle treten im Malmkalk häufig Kieselknollen auf, die durchwegs die Spuren emsiger Bearbeitung mit Hammer und Meissel aufweisen. Die Schatzgräber waren also wohl unterrichtet, dass das Berggold nicht im Kalk, sondern in Quarz zu vermuten und zu suchen sei.

Es blieb abzuwarten, ob eine Begehung der Höhle im Spätwinter oder Frühjahr neue Aufschlüsse böte. Eine Exkursion einiger Clubfreunde im April des folgenden Jahres unter W. Amrheins Führung ergab aber genau das oben geschilderte Bild.

Die Höhle, ein Produkt chemischer und mechanischer Erosion, misst vom seitlichen Eingang bis zum unteren Ende 99 m, bis zum oberen Ausgang 48 m, hat also eine Gesamtlänge von 147 m. Sie befindet sich völlig im Malmkalk der Drusbergdecke, aber in nächster Nähe der Mergel des Valangien. Die Proben des anstehenden Gesteins zeigen weder makroskopisch noch mikroskopisch irgendwelche Besonderheiten. Der unermessliche Schlamm des Grundes könnte wohl kleine Geheimnisse bergen, aber ein Suchen danach wäre ziemlich aussichtslos. Er lässt sich gut formen; so erzielte W. Amrhein daraus schöne kleinere Plastiken. Getrocknet wird er zum feinsten Schreib-sand und erhält gebrannt eine schöne braunrote Farbe. Nirgends zeigte sich eine Spur von Erz, geschweige denn von Gold.

Ob die « Venediger » auch uns so verblendeten, dass wir nicht nur kein Gold sahen, sondern auch unserer Verblendung nicht einmal inne wurden? Unsere nüchterne Zeit heischt in solchen Fragen auch eine nüchterne Überlegung. Und wenn die Prüfung der Aufzeichnungen über das Arniloch uns den Schluss nahe legte, dass dorten in der Vergangenheit nie Gold gefunden wurde, so mag seine Erkundung ergeben, dass dort auch in der Zukunft nie Gold gefunden wird. Wollen wir damit dem schönen Arniloch seinen goldenen Namen rauben? Mit nichten! Es verdient ihn mit eben so viel oder wenig Recht wie mancher biedere Eidgenosse seinen hohen Titel.

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