Das hintere Sustenhorn

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ie Leser des Jahrbuches wissen, mit welch rastlosem Eifer einige Mitglieder der Sektion Uto, allen voran Herr Seelig, seit einigen Jahren die gründliche Erforschung der nähern und fernem Umgebung der Gescheneralp an die Hand genommen haben. Mir war das Gebiet bis zum Jahr 1891 ganz fremd geblieben; für meine Sonntagsstreifereien suchte ich mir mit Vorliebe die Umgebungen des Walensees aus, und die Sommerferien führten mich teils in entferntere Gebirge, teils in mein Speeialgebiet: die Ringelspitzgruppe. Die Gipfeljäger haben es übrigens ungefähr wie die andern Jäger: wenn ein zusagender Jagdgrund gefunden ist, so sind sie etwas eifersüchtig und betrachten unberufene Eindringlinge mit scheelen Augen.

Auch der Sommer des Jahres 1891 würde mich kaum in den Urnerbergen gesehen haben, wenn nicht zwei Umstände zusammengewirkt hätten. Schlechtes Wetter hatte mich früher als geplant aus den österreichischen Alpen nach Hause getrieben; noch mehr als eine Woche Ferien lagen vor mir, und da vor wenigen Tagen die Clubhütte im Voralpthale eröffnet worden war, die ich doch auch einmal ansehen mußte, so war mein Plan bald gefaßt, als das Wetter wieder gut zu werden schien. Am 3. August telegraphierte ich an den Führer Gamma, ob er frei sei, und als bejahende Antwort einlief, verfügte ich mich gleichen Tages noch nach Gesehenen. Über meine Pläne ließ ich Gamma vorläufig noch im Dunkeln, ich sagte ihm zunächst nur, daß ich morgen auf den Salbitschyn wolle, und dann zur Voralphütte. Es möge mir erlaubt sein, wenn auch der Titel dieser Mitteilung davon nichts verrät, mit einigen Worten auf den Verlauf dieser Tour, bei der auch noch der Kühplankenstock, mitgenommen wurde, einzugehen.

Wir hatten uns auf frühzeitigen Aufbruch eingerichtet, allein während der Nacht trat Regen ein, so daß ich ruhig liegen geblieben wäre, wenn nicht Gamma, bei dem ich Quartier genommen hatte, bald nach 4 Uhr zum Frühstück gerufen hätte. Die Aussichten sind nicht gar tröstlich, aber so schnell geben wir das Spiel nicht verloren. Gegen 6 Uhr hört wenigstens der Regen auf, und nun wird sofort die Wanderung angetreten, über die ich mich, soweit sie die Besteigung des Salbitschyns anbetrifft, kurz fassen kann, da Herr Emil Huber bereits im 25. Band dieses Jahrbuches eine ausführliche Schilderung gegeben hat. Nach zweistündigem raschem Steigen erreichten wir die Salbitalp ( 2072 m ), freilich ohne bis dahin von unserem Ziele etwas gesehen zu haben. Wir stiegen noch während 20 Minuten bergan und hielten dann eine halbstündige Rast. Bis jetzt sind wir meist im Nebel gewesen, nun bricht aber gelegentlich die Sonne durch, und so können wir hoffen, daß uns doch noch einige Aussicht zu teil werde. Ziemlich steil, doch unschwierig, gehts in 50 Minuten zum Salbitgletscherchen hinan, dann folgt eine halbstündige Wanderung über Schnee an den Fuß der letzten Felsen, über die in weniger als einer Viertelstunde der Gipfel ( 2989 m ) erreicht wird. Der höchste Punkt, der, wie schon Herr Huberbemerkt, von Hand nicht zu machen ist, ist etwa 6 m über dei " sonst zu erreichenden, etwas östlicher liegenden, höchsten Stelle. Mit der Aussicht sind wir bald fertig, denn nur die nächste Umgebung ist'sichtbar. Punkt 11 Uhr steigen wir, auf dem gleichen Weg, den wir gekommen sind, zum Gletscher ab und betreten eine halbe Stunde später den Rohrfirn, der einige Spalten aufweist und uns bei dem frischen Schnee veranlaßt, das Seil anzulegen. Und wieder nach einer halben Stunde erreichen wir den Rücken zwischen Rohrfirn und Kartigelfirn, und über die Felsen am Nordfuße des Küh-plankenstockes ansteigend, langen wir um halb 1 Uhr auf dem Grat zwischen Punkt 3196 und dem eben genannten Gipfel an, cirka 3160 m.

Da wir so nahe am Kühplankenstock sind, wäre es thöricht, nicht schnell hinauf zu gehen. Der Anstieg, der ganze sieben Minuten erfordert, ist durchaus leicht und erfordert nur einige Aufmerksamkeit wegen der losen Felsen. Wir fügen dem Zettel des Herrn Seelig, der mit allerlei Abenteuern allein die erste Besteigung ausführte, unsere Karte bei und steigen wieder in die Tiefe. Durch die Kühplankenkehle, in der wir große Strecken weit rutschen können, gelangen wir schnell hinunter und betreten um 2 Uhr 45 Min. die prächtig gelegene und recht wohnliche Clubhütte.

Über die Höhe der Hütte über Meer existieren meines Wissens keine genauem Angaben ich teile daher mit, daß ich mit Hülfe des im Jahrbuche schon wiederholt erwähnten Horizontalglases von dem direkt unterhalb liegenden Punkt 2082 aus zweimal bis zur Hütte nivellierte und das eine Mal eine Differenz von 52,4 m, das andere Mal eine solche von 52,8 m fand. Es wird also die Hütte ziemlich genau 2135™ hoch sein. Für kritische Leser füge ich noch bei, daß die Bestimmungen mittelst des genannten Instrumentes natürlich keine sehr präcisen sind, daß man aber, wie ich aus manchen Versuchen weiß, mit sehr geringer Mühe Ergebnisse erhält, die weit besser sind, als solche von barometrischen Beobachtungen.

Wir sind vom Wetter gar nicht begünstigt; auch in dieser Nacht fällt Regen und am Morgen sogar reichlicher Schnee. Zum Glück können wir warten, und Lebensmittel sind für einen Tag auch noch zur Verfügung. Überdies begiebt sich Gamma im Laufe des Nachmittags nach der Alp Bödmen hinaus, um Brot zu holen und Kartoffeln, die von der Einweihung her übrig geblieben sind.

Die Zahl der noch unbesuchten Gipfel unseres Gebietes ist allmählich eine sehr geringe geworden, immerhin sind in der Kette des Sustenhorns noch ein paar Spitzen nicht bestiegen, darunter namentlich das hintere Sustenhorn. Gamma ist etwas überrascht, als ich mit meiner Absicht herausrücke, diesem Gipfel auf den Leib zu gehen, und ich merke ihm wohl an, daß er mit Rücksicht auf Clubisten, die schon häufiger hier gewesen sind, nicht gerade gerne geht. Aber nein sagen kann er halt doch nicht. Die Aussichten auf Gelingen sind übrigens am Morgen des 6. August keine gar großen; das Wetter ist noch nichts weniger als gut und die höhern Regionen sind mit reichlichem Neuschnee bedeckt. Um 5 Uhr 20 Min. brechen wir auf, betreten 20 Minuten später den Wallenbühlfirn und wandern während etwa einer Stunde auf ihm hinan, bis wir an den Fuß der Felsen gelangen, die sich südlich des hintern Sustenhorns zum Gletscher hinab senken. Die Waterei während der letzten halben Stunde war schon recht mühsam gewesen, und freudig vertauschten wir den Gletscher mit den zunächst noch meist schneefreien Felsen. Nachdem wir unschwierig eine beträchtliche Höhe gewonnen hatten, galt es, schräg aufwärts den von unzähligen Lawinengräben durchfurchten Gletscher zu überschreiten. Dem Schifflein auf bewegter See gleich zogen wir dahin; kaum waren wir aus einer Furche herausgekommen, so galt es, in eine folgende hinab zu steigen. Langsam nur rückten wir so den obersten Felsen entgegen, über die wir dann mit einiger Schwierigkeit um 9 Uhr den Grat unmittelbar südlich des Sustenhorns erreichten, etwa 3280 m hoch. Bis jetzt war der Gipfel meist frei gewesen, nun aber hüllte er sich in Nebel ein, und als wir ihn zehn Minuten später betraten, war es mit aller Aussicht vorbei. Spuren früherer Besuche waren nicht vorhanden, es ist auch wohl kein Zweifel darüber, daß unsere Besteigung wenigstens touristisch die erste ist. Ob schon Jäger oben waren, mag dahingestellt bleiben; ein Führer von Stein hat später behauptet, auf der Jagd hinaufgekommen zu sein, indessen scheint mir eine Verwechslung mit dem Sustenspitz nicht ausgeschlossen zu sein. Während des Aufstieges erwogen wir auch die Möglichkeit, über den Grat vom Sustenjoch her den Anstieg zu erzwingen, kamen aber zum Ergebnis, daß die Sache jedenfalls sehr schwierig sein müsse. Ein Absatz in halber Höhe würde wohl ein unüberwindliches Hindernis bieten.

Nach kurzem, der Errichtung eines Steinmannes gewidmetem Aufenthalte traten wir den Rückweg an, der über Erwarten gut vor sich ging und uns in einer Stunde und 35 Minuten zur Clubhütte brachte. Mein Plan war gewesen, nun nach der Gescheneralp zu gehen und von dort aus den Bergfrevel noch etwas weiter zu betreiben, aber die Aussichten auf gutes Wetter waren so gering, daß ich meine bösen Absichten aufgab und noch im Laufe des Nachmittags nach Zürich reiste. Zum Schlüsse habe ich nur noch zu sagen, daß ich in Gamma einen guten Führer und augenehmen Gesellschafter kennen gelernt habe.

Dr. W. Gröbli ( Sektion Uto ).

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