Das Kleine Scheerhorn

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Die herrlichen Gipfel des Maderanerthals sind längst keine unbekannten Größen mehr; empfangen doch die meisten alljährlich ihre regelmäßigen Besuche. Nur klein ist deshalb die Anzahl jener, welche, weil etwas abseits liegend, noch nicht in die Mode gekommen und mehr dem Namen nach bekannt sind; zu ihnen darf in erster Linie das Kleine Scheerhorn gezählt werden.

Die erste Besteigung desselben fiel ins Jahr 1865 und wurde von Ratsherr Fininger von Basel ausgeführt, welcher den Berg von Norden her angriff, indem er vom Hüfifirn zur Kammlilücke anstieg, von wo er die Einsattlung zwischen Groß- und Klein-Scheerhorn und den Gipfel des letzteren selbst gewann. Der zweite Besteiger, Herr Viktor Haller von Basel, faßte den Berg im Jahre 1868 von der entgegengesetzten, südlichen Seite an, er überschritt den Hüfigletscher bei der Hüfialp, stieg die Höhen des Bocktschingel hinan, gewann so den Hälsigrat und über denselben wegkletternd die Spitze. Den Abstieg nahm er auf der Nordseite, ungefähr auf gleichem Wege wie sein Vorgänger. Andere Zugänge dürften wohl nicht im Bereich der Möglichkeit liegen, und so mußte ich mich zu einem dieser zwei entschließen. Um aber doch einigermaßen etwas Neues zu unternehmen, nahm ich die Traversierung von Nord nach Süd in Aussicht, indem ich mir eine kleine Variante offen ließ, nämlich den Versuch der Ersteigung des Großen Scheerhorns von der Scheerhornlücke aus.

Mit diesem Plane wanderte ich am 14. Juni 1893 mit Führer Tresch dem „ Weißen " zur herrlich gelegenen Ilüfialphütte. Ein in der Ferne auftauchendes Gewitter machte uns lange Beine, allein trotz aller Eile wurden wir kaum eine Viertelstunde vor der Hütte vom Regen eingeholt, und nun ergoß sich das an andern Orten so sehnlichst erwartete Naß mit solcher Vehemenz über uns, daß wir in wenigen Minuten vollständig durchnäßt waren. In der Hütte selbst war es durchaus nicht gemütlich; sie war erst kurz vorher geöffnet und mit den Decken versehen worden. Als erste Sommergäste trafen wir eine Luft, welche mit der reinen Alpenluft nichts mehr gemein hatte; das alte und feuchte Heu verbreitete einen intensiven Modergeruch; das durchnäßte Holz wollte anfangs nicht brennen, schließlich verbreitete es in der Hütte einen so dichten Qualm, daß man hinaustreten und sich nochmals eine Dusche geben lassen mußte. Auch mit den Wetteraussichten sah es böse aus; immer schwerere und dichtere Nebel wälzten sich vom Thale herauf und ließen für den folgenden Tag das Schlimmste befürchten; doch war ich entschlossen, nicht zu frühe den Rückzug anzutreten, sondern alles aufzubieten, um mein Ziel zu erreichen. Um mich nicht vom Mißmut ergreifen zu lassen, nahm ich meine Zuflucht zum Hüttenbuch. Dort steht ja mancher eingeschrieben, der seine verfehlte Partie teils mit trockenen Worten, teils mit gesundem Humor der Nachwelt überliefert hat. Ich traf darin manche Bekannte und ergötzte mich an ihren subjektiven Randglossen. Eine Einschreibung fiel mir besonders auf; es war die letzte des verflossenen Jahres. Es wird dabei bemerkt, es sei die Hütte verschlossen gewesen, man habe Laden und Fenster aufbrechen müssen, um eintreten zu können. Das vorzeitige Schließen wird mit Recht getadelt und ich meinerseits möchte noch etwas weiter gehen und das Schließen überhaupt absprechen. Denn abgesehen davon, daß man in den Fall kommen kann, die Hütten auch während des Winters zu benützen, so sehe ich in dem Verschließen keinen praktischen Nutzen. Wenn jemand gewisse Absichten hat, so wartet er gewiß nicht, bis er nur unter großen Schwierigkeiten zum Ort seines säubern Handwerks gelangen kann, viel eher müßten die Hütten während der guten Jahreszeit geschlossen werden. Da die Wolldecken im Hotel S.A.C. in sicheren Verwahrsam genommen werden, so dürfte überhaupt nicht viel zu holen sein.

Wie wir nach leidlich verbrachter Nacht um halb 2 Uhr Wetter-ausschau hielten, konnten wir etwelche Besserung konstatieren; zwischen dunkeln Wolkenstreifen lugten einige Sterne neugierig hervor. „ Also vorwärts, Tresch, und nicht gezaudert; giebt es Regen, so ist er auf dem Gletscher nicht nässer wie unten. " Um 2','4 Uhr marschierten wir ab; Laterne brauchten wir keine, da es bald zu tagen anfing. Die Luft war warm und kein Windlein erfrischte uns. Wir stiegen die gut gangbaren Abhänge des Oberhüfi hinan; wie wir die Höhe gewonnen hatten, trafen wir, wie wir auch erwartet hatten, durchweichten Schnee, der uns, ich will es gleich jetzt beifügen, für den ganzen Tag treu blieb. Das Gewitter hatte auch in der Höhe getobt, und da die Nacht keine merkliche Abkühlung brachte, so konnte sich der Schnee nicht erhärten. Wir betraten den Gletscher an der üblichen Stelle, nachdem wir das Seil angelegt hatten. Vorher hatte ich aber mit Tresch ein kleines Wortgefecht auszuhalten. Tresch hatte nämlich, wie alle Urner Führer, kurz vorher an dem Führerkurs in Altdorf, der von unserm Centralpräsidenten geleitet wurde, teilgenommen. Beiläufig gesagt, sprach er sich über den Kurs recht befriedigt aus und rühmte sehr das Wissen des Herrn „ Pfarrer ", der ein sehr gescheiter Mann sei. Was Tresch aber gelernt hatte, konnte ich nicht genau erfahren; während unserer Wanderung über den Hüfifirn sprach er von allerlei, aus dem ich ersehen konnte, daß es nicht immer gut ist, einen alten Praktikus in die Schule zu schicken. Er vermochte jedenfalls das Gehörte nicht recht zu verdauen und verwechselte die erhaltenen Lehren; wollte er doch das Seil, welches für cirka fünf Personen berechnet ist, vollständig abwickeln. Wir wären dann cirka 20 Meter auseinander gewesen. Er behauptete steif und fest, das habe ihm der Herr Präsident gesagt und der wisse es. „ Seid doch kein Narr*, sagte ich endlich, als alle Vorstellungen nichts nützten, „ oder ich binde mich los und gehe allein. " Dies half, „ aber der Herr Präsident habe doch recht ", meinte er.

Die Spalten waren noch recht gut überbrückt, so daß wir den großen Bogen, den man gewöhnlich auf dem Hüfifirn nehmen muß, etwas abkürzen konnten. Auf dem obern Firnfeld, östlich der Wand des Großen Scheerhorns, machten wir nm 5 Uhr einen 20 Minuten langen Halt; hatten wir bis jetzt nicht groß ans Wetter gedacht, so war nun diese Frage auf einmal akut geworden. Schwarz und schwer zogen die Wolkenschichten, die Gipfel verhüllend, von Süden her über uns hin, von leichtem Föhn getrieben; die Luft war völlig ruhig und dumpf, als ob sie sich zu neuem Anstürme sammeln wollte. Die Hoffnung auf etwelche Aussicht hatte ich längst schon aufgegeben und fing an, an der Erreichung unseres Zieles ganz bedenkliche Zweifel zu hegen. Bei so sehr ungünstigen Aussichten eine Besteigung durchzusetzen, welche eigentlich nur unter durchweg günstigen Verhältnissen gewagt werden darf, ist sonst nicht mein Prinzip; diesmal war ich aber entschlossen, gegen meine Gewohnheit auch einmal einen Gipfel nicht der Aussicht halber, sondern weil er auf meinem Programm stand, zu besteigen.

Der Marsch über den schwach geneigten Firn in tiefem Schnee war ermüdend, wir sanken beständig bis zu den Knieen ein. Zum Glück war ich trainiert, aber das größere Glück war unstreitig, daß ich hintendrein gehen konnte. Tresch machte hier seine Sache ganz gut und ermüdete nicht; bloß waren mir seine Schritte zu kurz. Je weiter wir vorrücken, um so näher treten die Berge zusammen; links schiebt das Große Scheerhorn seinen östlichen Eckpfeiler etwas keck vor, währenddem zur rechten Hand die Felswände des Kammlistockes den Blick fesseln. Zwischen beiden erhebt sich die Kammlilücke, welche nordwärts auf den Griesgletscher und ins Schächenthal führt. Bei dieser Lücke war uns eine, wenn auch beschränkte, Fernsicht beschieden, insbesondere auf die ganze Kette des Kaiserstocks, vom idyllischen Rophaien weg bis zur Schächenthaler Windgelle. Das Große Scheerhorn läßt sich auch von da aus besteigen, indem man den Grat, der sich in einem Halbkreis zuerst südwärts, sodann westwärts hinaufzieht, erklimmt und schließlich auf dem üblichen Wege nordwestwärts den Gipfel gewinnt. Dieser halbmondförmige Grat bildet in seinem innern Teil eine gewaltige Firnmulde, an deren Fuß wir uns sorgfältig beobachtend hinzogen; denn daß man daselbst großer Lawinengefahr ausgesetzt ist, braucht man einem nicht lange vorzudemonstrieren. Etwas absteigend erreichten wir den Fuß des nördlichen Ausläufers des Großen Scheerhorns und damit auch die Stelle, wo es mit dem Bummeln aufhörte und die ernste Arbeit begann. Ein Blick aufwärts sagte genug: in Abweichung von der Siegfriedkarte ( Blatt Altdorf ), wo die Kurven gleichmäßig auseinanderstehen und somit eine gleichmäßige Steigung anzeigen, ist jetzt der untere Teil der Firnwand ausgebettet und also wenig geneigt; um so steiler ist sie aber in ihrem obern Teil, den wir aber des herniederhangenden Nebels wegen nicht übersehen konnten. Es ist die gleiche Firnwand, welche so wundervoll in die Nordschweiz hinausleuchtet. Auf der Siegfriedkarte ist es jener eng schraffierte Absturz, in welchem die Anfangsbuchstaben Kl des Wortes Klein-Scheerhorn eingezeichnet sind.

Wir beginnen den Aufstieg in einer Höhe von cirka 2850™. Tresch voran, ich in kurzer Entfernung nach. Ein Bergschrund, der sich quer hinüberzog, war mit Lawinenschnee überdeckt und somit leicht zu überwinden. Bald nahm die Steigung zu; lautlos traten wir wie auf einer Treppe hinan, etwas links gegen die Berglehne hinhaltend und zu unserer Rechten den Pickel tief eingrabend und ihn zur kräftigen Unterstützung der Gehwerkzeuge benutzend. Der Schnee war weich, hielt aber gut, da er auf dem darunter liegenden Eise fest auflag. Bei wenig tiefem und lockeren Schnee läge die Gefahr nahe, ihn loszutreten und mit ihm, inmitten einer gewaltigen Lawine, abzufahren. Wir trafen nun allerdings auch Stellen, wo der Schnee weniger dicht auflag und wo der Pickel in geringerer Tiefe aufs Eis stiean solchen Stellen ließen wir es an der nötigen Vorsicht nicht fehlen und schoben uns langsam aufwärts unter Zuhülfenahme der linken Hand als Stütze. Nachdem wir etwa eine schwache halbe Stunde lang gestiegen waren, hüllte uns der Nebel ein und nun wurde die Sache noch viel monotoner. Wir klebten, umgeben von einem dichten, undurchdringlichen Schleier, an einer gewaltig aufstrebenden Firnwand, die sich endlos aufzutürmen schien, je weiter wir vorrückten. Tresch besitzt eine ausgezeichnete Lunge 5 er stieg tapfer voran und zeigte sich als ausdauernder, kniefester Führer. Eigentliche Halte machten wir gar keine und so versäumten wir auch sehr wenig Zeit. Leider vergaß ich unterhalb der Wand nach der Uhr zu sehen, doch glaube ich mich nicht zu irren, wenn ich für jenen Anstieg eine starke Stunde rechne. Während dieser Zeit stiegen wir cirka 350 Meter an; es ist dies allerdings eine relativ nicht beträchtliche Höhe, allein unter Berücksichtigung der Verhältnisse gewinnt sie bedeutend und man ist gewiß froh, wenn man die Einsattlung zwischen Groß- und Klein-Scheerhorn gewonnen hat. Des dichten Nebels wegen sah ich weder zur Tiefe noch zur Höhe; der Grat, der zum Großen Scheerhorn hinanführt, zieht sich anfangs nicht sehr steil aufwärts und ist zu begehen; wie er aber in seinen obern Partien ist, konnte ich nicht ersehen. Den von Tresch für unmöglich gehaltenen Aufstieg zu wagen, wäre Leichtsinn gewesen, und deshalb wandten wir uns rechter Hand direkt zum Gipfel des Kleinen Scheerhorns. Bei hellem Wetter muß dies eine wundervolle Luftwanderung sein, denn zu beiden Seiten fallen die Wände ungemein steil ab, nordwärts ins Schächenthal, südwärts zum Hüfigletscher. Der Grat selbst bildet einen ordentlich breiten, sanft ansteigenden Schneerücken, der erst in der Nähe des Gipfels in einen kaum fußbreiten Schneegrat übergeht. Dieser Grat dürfte cirka 20 Meter lang sein, und befindet sich die höchste Erhebung etwa in der Mitte. Jenseits derselben verengt sich die Firnschneide auf Schuhbreite und endet in einem Vorgipfel, der zu allen Seiten steil abfällt und etwa einen* halben Meter niedriger sein dürfte.Von einem Steinmannli war keine Spur zu entdecken; es ragten aus dem Schnee nur einige wenige Platten hervor, welche uns zum Niedersitzen einluden. Die Uhr zeigte auf 7 Uhr 25 Min. Wir suchten vergebens nach den Wahrzeichen unserer beiden Vorgänger; nicht einmal Flaschenscherben fanden sich vor. Da wir nur eine Flasche Wein bei uns hatten und einen Rest derselben für den Rückweg sparen wollten, so konnte ich meiner Karte nicht den üblichen Platz anweisen; ich wickelte sie in ein Zeitungspapier und legte 5 oder 6 Steinplatten darauf. Unter den obersten Stein deponierte Tresch sodann noch ein weiteres Stück Zeitungs- papier; damit, meinte er vorsichtig, wenn man seiner Besteigung etwa keinen Glauben schenke, man sich an Ort und Stelle davon überzeugen könne.

Unser Aufenthalt dauerte bloß 25 Minuten. Wir blieben fast die ganze Zeit im Nebel eingehüllt, konnten somit unsere ganze Aufmerksamkeit auf das möglichst korrekte Verzehren unseres Proviantes konzentrieren. Die Luft war ganz ruhig; nur hie und da zerriß der Nebelschleier und ließ einige kurze Blicke auf das tief zu Füßen liegende Gletschergebiet durchschlüpfen. Ein Witterungsumschlag war bei der Föhnströmung nicht denkbar, wenigstens nicht zum Bessern; wir machten uns im Gegenteil darauf gefaßt, recht tüchtig verwaschen zu werden. Mit großem Bedauern mußte ich meinen Plan, nach Süden zum Hälsifirn niederzusteigen, aufgeben; die Schwierigkeiten daselbst sind schon bei günstigem Wetter recht bedeutende, und wer wollte es wagen, bei solch dichtem Nebel und bei den schlechten Schneeverhältnissen einen sozusagen gänzlich unbekannten Gletscher zu betreten und über schwierige Felsen abzuklettern? Froh durften wir sein, an unserer Aufstiegstrace einen sicheren Weg zu haben; benützen wir sie also und seien wir zufrieden, unser Ziel erreicht zu haben!

Um 7 Uhr 50 Min. marschierten wir ab zur Scheerhornlücke.Ver-lockend winkten die Felsen des Großen Scheerhorns — aber nein, der Gescheitere giebt nach, heißt es ja — und wir gaben nach. Eine Partie, welche als unausführbar angesehen wird, darf nur dann in Angriff genommen werden, wenn die Chancen dem Gelingen günstig sind. Als unausführbar galt ja schon manches, das heute längst überwunden ist, und so wird es wohl fortgehen, solange unsere Berge bestehen. Ich tröstete mich deshalb mit dem Gedanken, daß ein Anderer nach mir ausführen werde, was mir jetzt nicht beschieden. Glückauf dazu!

Vor uns, oder besser gesagt, unter uns lag nun die lange und ermüdende Schneewand, in dichtem Nebel eingehüllt. Man glaubt sich auf der Höhe eines erstarrten Wasserfalles zu befinden und sieht noch die oberste Wölbung, bis sie sich tiefer niedersenkt, um sich vollends dem Gesichtspunkte zu entziehen. Einen Vorteil besitzt unstreitig der böse Nebel; er läßt kein Schwindelgefühl, oder nur in beschränktem Maße aufkommen. Wüßte man nicht, daß man sich zu oberst an einer über 300 m hohen Wand befände, so könnte man glauben, es gehe nur über ein kleines Mäuerchen hinab. Der Schnee war seit unserm Aufstieg allerdings noch weicher geworden, doch hielt er, und kamen wir nicht ein einziges Mal ins Rutschen. Nichtsdestoweniger ließen wir die nötige Vorsicht nicht außer acht, besonders bei der Stelle, wo die Schneeschicht dünn wurde und ein Losrutschen des Schnees auf der Eisunterlage vermieden werden mußte. Nach Passieren dieser Stelle ging 's wieder im gewohnten Tempo vorwärts, langsam aber sicher, mit den Absätzen fest einhackend. Wie die Steigung abnahm, so wurde auch der Schnee schlechter und schlechter; dies war hauptsächlich der Fall, als wir endlich den Fuß der Wand erreicht hatten und auf dem ebenen Firn zur Kammlilücke hinknorzen mußten. Da ich voranging, so bekam ich dies- mal den Löwenanteil des Schneestampfens; es war nicht gerade die geringste meiner Tagesleistungen. Währenddem mir frühmorgens die kurzen Schritte Treschs nicht recht paßten, waren nun meine etwas längeren nicht nach dem Geschmacke des Führers; allein es half eben nichts, er mußte sich diesmal nach mir richten.

Über unsern Rückweg zur Hütte habe ich nichts beizufügen; es vollzog sich alles nach Wunsch, nicht einmal sollte es sein, daß einer von uns einer kleinen Spalte seinen Tribut zollte: so leicht taxierte uns der sonst nicht so harmlose Hüfi. Nach halbstündigem Aufenthalt in der Clubhütte kehrte ich nach dem Hotel S.A.C. und bald darauf nach Amsteg zurück. Kurz vor letztem Orte brach das Unwetter, das schon den ganzen Tag gedroht hatte, los und nötigte mich zu einem Dauer-laufe, dem würdigen Abschluß meiner unter ungünstigen Auspizien begonnenen und doch glücklich durchgeführten Tagestour.

Die Marschleistung war folgende:

Ich benötigte zum Aufstieg von der Hütte weg.. 4 Std. 50 Min. dazu Haltezeit— « 20 „ Total 5 Std. 10 Min. Halt auf dem Gipfel 25 „ Abstieg bis zur Hütte2 „ 50 „ Halt unterwegs— « 25 „ Halt in der Hütte30 „ Hütte bis Hotel 1 „ 30 „ Total 10 Std. 50 Min.

wovon 9 Std. 10 Min. Marsch und 1 Std. 40 Min. Halt, wozu freilich noch die 2 Std. vom Hotel bis nach Amsteg dazukommen.

Es sei mir nun noch gestattet, zwischen den zwei ersten Besteigungen und der meinigen eine kurze Parallele zu ziehen. Die Schnee- und Gletscherverhältnisse, welche Fininger traf, mögen so ziemlich die gleichen gewesen sein, wie ich sie vorfand. Beide Besteigungen fanden zu gleicher Jahreszeit, ja fast am gleichen Tage ( 13. und 15. Juni ) statt, währenddem Hallers Besteigung in den Hochsommer fiel ( 9. Aug. ). Da nun der Vorsommer 1865 mit dem von 1893 große Ähnlichkeit hatte, so dürfte auch die Beschaffenheit der steilen Firnwand große Übereinstimmung aufweisen. Trotzdem brauchte Fininger zum Erklimmen derselben beinahe doppelt so viel Zeit wie ich. Ich erkläre mir dies daraus, daß laut seiner Beschreibung die Temperatur eine sehr niedrige war, so daß längeres Stufen-I.iuen im Firn notwendig wurde. Die Nacht, welche meiner Besteigung voranging, war aber warm und kam der Firn nur teilweise oder gar nicht zum Gefrieren, so daß das Stufenhauen vermieden wurde. Im Hochsommer muß die Firnwand große Schwierigkeiten bieten, denn es kommt alsdann von unten bis oben das blanke Eis zum Vorschein, und was es heißt, 350 m hoch Doppelstufen im Eise hacken, weiß jeder, der Ähnliches schon mitgemacht hat. Fininger schreibt darüber, daß, wenn an jener Halde der Schnee habe weichen müssen, eine Besteigung, wenn nicht unmöglich, so doch außerordentlich schwer sei. Haller muß dies teilweise beim Abstieg erfahren haben; er knüpfte die Seile zu einer Länge von cirka 50 "'zusammen und seilte sich dreimal ab, bis er besseren Boden und tieferen Schnee fand. Ich nehme an, daß seiner Besteigung Schneefall voranging, sonst hätte er an der ganzen Wand Eis getroffen. Auch Finingers Partie seilte sich ab und benötigte dazu IV2 Stunde, wogegen ich das Abseilen nicht für nötig fand, so daß wir in der kurzen Zeit von 45 Minuten unterhalb der Firnwand standen. Immerhin befürchtete ich Lawinengefahr; bei dem lockeren Schnee und der warmen Temperatur sind Lawinen an jenen steilen Halden wohl zu gewärtigen. Von Steinschlag habe ich dagegen nichts wahrgenommen. Erwähnenswert ist auch Finingers Beschreibung dieser Firnhalde, „ welche alle, die er schon betreten habe, an Steilheit weit übertreffe ". Auch ich muß gestehen, daß ich kaum schon eine so stotzige und zugleich so hohe Wand getroffen habe.

Ob nun der Nordhang oder Hallers Weg auf der Südseite der bessere sei, kommt ganz auf die Verhältnisse und die Jahreszeit an. Im Frühsommer dürfte sich die schneereiche Nordseite besser eignen, im Hochsommer dagegen die südlichen Felspartien. Ich würde anraten, den Vorsommer zu wählen und den Berg von Norden nach Süden zu traversieren, was bei gutem Wetter und nicht allzuschlechten Schneeverhältnissen ein großer Genuli sein muß. Ein Modeberg wird aus dem Kleinen Scheerhorn nie werden, dazu fehlt ihm der sichere und nicht allzusehr anstrengende Aufstieg, auch würde sein bedeutenderer Zwillingsbruder sein Aufkommen schwerlich dulden. Für einen Alpenfreund jedoch, der seine besonderen Wege gehen kann und will, wird das Kleine Scheerhorn von hohem Genüsse sein; es ist ein Gipfel, der quasi erkämpft werden muß und auf dessen Besiegung man mit wahrhafter Freude zurückblicken darf.

R. Kummer-Krayer ( Sektion Basel ).

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