Das künstliche Tschingelochtighorn

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Mit 4 Bildern.Von K. Bretsdier.

« Die Sumerer, die dem Süden ( von Mesopotamien ) ihren Namen aufgeprägt haben, sind ein Volk, das nicht im Lande ansässig gewesen war als Urbewohner; sie sind aus einer gebirgigen, vermutlich östlich gelegenen Heimat erst in Mesopotamien eingewandert, haben Städte gegründet bis hinauf an den mittleren Euphrat und im Verlaufe des 4. Jahrtausends hier ihre Kultur geschaffen und im Wettstreit untereinander vergrössert. » Dieser Satz, der in Ungers Schrift über « Sumerische und Akkadische Kunst » zu finden ist, bildet einen der ziemlich häufigen Hinweise auf die Herkunft des sumerischen Volkes aus einem bis heute unbekannten Gebirgsland. Es sind wohl auch « wirtschaftliche » Gründe gewesen, welche das Gebirgsvolk seinerzeit bewogen haben, das mesopotamische Flachland aufzusuchen und dabei wohl oder übel eine Anzahl angestammter und mit dem Bergleben zusammenhängender Gewohnheiten aufzugeben. Solche Änderungen mussten in Kauf genommen werden. Eine ihrer grundlegenden religiösen Anschauungen aber, wonach die sumerischen Götter auf den Bergen gewohnt haben, wurde nicht geopfert. Ihr zufolge baute der Sumerer des 4. Jahrtausends v. Chr. in jeder seiner zahlreichen Städte des topfebenen Zweistromlandes einen künstlichen Berg, Ziggurat genannt, und stellte den Wohntempel seines Gottes darauf. Dort oben wohnte und schlief der Gott oder die Göttin, und ihre Bilder wurden für die Kulthandlungen in feierlicher Prozession über die grossen Treppen in die Ebene, in die Stadt herunter und nach erfolgter Zeremonie wieder hinaufgetragen. Der besterhaltene von diesen Tempelbergen ist derjenige von Uγ, von wo nach der Bibel der jüdische Stammvater Abraham hergekommen sein soll. Nur nebenbei sei in diesem Zusammenhang der Turm zu Babylon der biblischen Geschichte erwähnt als Schulbeispiel des erfolglosen Menschen-strebens nach dem Allzuhohen. Ein mit dem Grundwasser des nahen Euphrat gefüllter Graben in rechteckiger Form deutet heute — sogar in negativer Form — den Platz an, wo das unglückselige Bauwerk aus der Zeit Nebu-kadnezars gestanden haben soll.

Das für den schweizerischen Berggänger verblüffendste Beispiel eines künstlichen Berges findet sich aber in Borsippa, einige 100 km südlich von den Ruinen von Babylon. Dort steht, noch immer mitten in der sandigen Ebene, ein wohl 50 Meter hoher, kegelförmiger Schutthügel, gekrönt von Tempel-resten, die täuschend den Eindruck des Tschingelochtighorns vermitteln, das dem Engstligengrat entragt. Wie die dünnen Kalksteinschichten des Adelbodener Felsgestelles nehmen sich die Lagen aus gebrannten Ziegeln aus, die genügend Widerstandsfähigkeit gezeigt haben, um den stehengebliebenen Zahn von Borsippa zu bilden. Steht man davor, so fühlt man sich versucht, zum Riss emporzuklettern, der wie beim gewöhnlichen Kletterweg am Tschingelochtighorn den Anstieg vermitteln würde. Sicher könnte man auch im Kamin des « Borsippahorns » den Rücken gegen die eine Wand stemmen und — beinahe wie auf einer Leiter — über die Ziegelstufen der andern Wand emporklimmen. Und nach kurzer Kletterei oben angelangt, würde man sich niedersetzen, um die Augen zu den Bergen, zur umfassenden Hochgebirgs-aussicht hinüberzuwenden. Aber hier versagt der Vergleich. Enttäuscht würden die Blicke in die Ebene hinausschweifen und vergeblich Anhaltspunkte, andere Berge suchen, und wenn es auch nur ein paar künstliche wären. Die Bergruinen anderer Sumererstädte sind zu klein und zu weit entfernt, um den fernen Horizont der unendlichen, nur kümmerlich bewachsenen Steppe zu überragen. Nur die zusammengebrochenen übrigen Tempelreste von Borsippa und weiter drüben in mehr oder weniger ausgeglichenen Erdwellen die Trümmer der dazugehörigen Stadt, die vor mehr als 5000 Jahren einer ansehnlichen Bevölkerungszahl Heimat war, bieten dem suchenden Auge etwas Interessantes. Heute ist die Stätte menschenleer; das Land gehört den Arabern, die hier nomadisieren und mit ihren Herden nur selten angetroffen werden. Einzig ein Mausoleum, das Grabmal irgendeines Beduinen-scheichs, zeugt in Form einer bescheidenen mohammedanischen Kapelle von Spuren « modernerer » Menschen.

Die Araber kamen nicht « von den Bergen her » wie die Sumerer. Sie bauen keine Tempelhügel. Sie empfinden kein Bedürfnis, ihre Götter mit den Bergen in Zusammenhang zu bringen. Um so eigentümlicher berührt an dieser Stätte die Einsicht, dass der Sumerer, der Gebirgler, schon vor vielen Jahrtausenden im Flachland nicht recht zu Hause gewesen sein muss. Wenn sein Drang nach der Höhe sich wenigstens in seinen Religionsformen kundtat, so versteht dies wohl niemand besser als der leidenschaftliche Berggänger, den bekanntlich der Gang auf seine geliebten Berge unwillkürlich in die Weihe-stimmung versetzt, welche den Gefühlen bei einem tief empfundenen Gottesdienst nahe kommt.

Und warum sollten sich übereinstimmende Züge unter Gebirgsvölkern nicht durch Jahrtausende hindurch fortgepflanzt haben? Auch wir Gebirgler bauen unsere Kirchen gerne auf Anhöhen, obschon wir nicht so weit gehen, in unseren wenigen Flachlanddörfern besondere Kirchhügel aufzutürmen. Auch bei uns, den Bewohnern eines ausgesprochenen Berglandes, zeigen sich ja noch in mancher Hinsicht deutliche Spuren einstiger indogermanischer Herkunft, und zwar nicht nur in den sprachlichen Bezeichnungen gewisser Gebirgsformen und Lokalitäten. Zum Beispiel soll das Alphorn, dessen Ableitung vom Stierhorn — dem Harsthorn der kriegerischen Urschweizer — unverkennbar ist, in hindostanischen Bergländern ebenfalls vorkommen ( s. Karl Nef: Geschichte unserer Musikinstrumente ). Noch frappanter weist ein Fund, der bei Forschungsarbeiten in der einstigen Stadt Ur ausgegraben wurde und jetzt im historischen Museum in Bagdad zu sehen ist, auf gewisse alte, längst abgerissene Beziehungen zwischen europäischen und asiatischen Bergvölkern hin, zu welch letzteren eben auch die Sumerer zu zählen waren. Es ist eine gut erhaltene, spannenhohe Broncestatue, welche zwei Männer in echter Schwingerstellung zeigt. Nach fachmännischem Turner-urteil lässt der Zugriff der beiden Burschen, die sich gegenseitig, genau wie unsere Älpler, an den Schwinghosen fassen, an Korrektheit nichts zu wünschen übrig. Es ist ein typisches Beispiel, wie Gewohnheiten von Berglern Jahrtausende überbrücken können und sich nicht einmal bei der Ausbreitung über Kontinente hinaus wesentlich verändern.

So weckt der Anblick des « künstlichen Tschingelochtighorns » und anderer Dinge schon im Laien eigentümliche Ahnungen von fernen Zusammenhängen. Was würde ein Besuch der chaldäischen Tiefebene wohl erst dem bergkundigen Wissenschaftler bieten?

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