Dauphiné

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Grande Ruine — Bec de l' Homme — Pic Oriental de la Meije.

Von Karl Krall.

Wenn der Winter mit kalten Armen die Erde umfängt, dann ist es heimlich zu Hause. Wohl tragen uns die Skier über verschneite Flächen, auf rauhreifüberzogene Felsen auch führt uns der Weg. Doch gern kehren wir wieder zurück, wenn das Ziel erreicht war. Wenn aber der laue Wind erwacht, heulend die kahlen Äste schüttelt und die Eiszapfen von den Dächern reisst, wenn gar der Frühling dann seine ersten Boten schickt, flieht alle Ruhe von uns. Ziel- und planlos durchwandern wir die nächtlichen Strassen, schauen hinauf zu den eilenden Wolken und den blinkenden Sternen und suchen etwas, wovon wir nicht wissen, ob es auf Erden oder im Himmel wohnt. Tausend Wünsche keimen und wachsen, und in aber tausend Zielen suchen wir Erfüllung dafür. Was Wunder, wenn 's oft ein Irrlicht war, das Glück versprach. Leer und zerschlagen gehen wir dann den Weg zurück, den wir vergeblich gegangen; manchmal wohl gar voll Ekel — und manch einer wird müde und bleibt dort, wohin er gerade gekommen. Aber du durchwanderst all die sehnsuchtsvollen Stunden, schaffst dir ein Ziel für deine Sehnsucht und lässt mählich den Wunsch in dir reifen. Nur einem grossen Wunsch zugleich aber vermag man nachzugehen. Fast muss ich lächeln, dass es wieder Berge sind, welchen mein Wunsch gilt. Können sie denn alles geben? Hätte ich danach gefragt, ich wäre vielleicht andern Weg gegangen; vielleicht wäre ich nicht mehr ruhelos — vielleicht. Vielleicht aber stände ich irgendwo und fände kein Ziel und fände auch keinen Weg mehr zurück zu dem, was mir jetzt Freude ist.

So aber nehme ich all diese Sehnsucht, im Frühlingswehen geboren, und baue mir meinen Traumberg, ein Ziel, das ich erreichen will, eh der Herbstwind das Laub von den Bäumen pflückt. Und in all den Stunden, die mir allein und nicht auch meiner Pflicht gehören, mal' ich mir sein Bild. Das aber ist allein schon eine grosse Freude, wie es mählich farbenfroher, klarer wird wie die Formen schärfer werden, bis es schliesslich als vollendetes Werk vor meiner Seele steht. Auf den heimatnahen Gipfeln sehe ich es und zähle schon die Tage, die noch der Erfüllung Stunde von mir trennen.

Dann rollen die Räder durch Nacht und Tag zur andern Nacht. Die Lichter einer fremden Stadt blitzen auf, fremde Sprache klingt an mein Ohr. Es rattert das Auto, die Stadt bleibt hinter mir. Berge wachsen empor, enger wird das Tal, mächtig rauscht in der Tiefe der Bach. Einsam und wild starren die Grate, Eis hängt in ihren Flanken, fliesst zu ihren Füssen, des Steinschlags schwarze Streifen haben es gemustert. Und Wände ragen steil und hoch. Noch einmal strohgedeckte Hütten, ein kleiner Gasthof:

La Berarde. Dann herrschen nur mehr die Berge. Der Wunsch des Jahres soll Erfüllung finden.

Von Süden her nahten wir der Barre des Ecrins. Vergebliches Suchen in vorgerückter Zeit und mit ihr verbunden der Steinschlag vernichteten den ersten Plan. So empfingen uns die fremden Berge. Acht Tage später, als wir mit anderen Augen und recht viel bescheidener denselben Weg emporstiegen, war uns das Ziel gegönnt. Von andern Fahrten aber, die überreich an Eindrücken waren, will ich versuchen zu berichten.

Der Mond lag noch hinter den Bergen. Wir irrten weit oben im Etançon-tal, schon nahe dem Gletscher, zwischen den Blöcken. Wohl wurde es uns klar, dass die Chatellerethütte tief unter uns liegen musste, allein an diesem Tag verfolgte uns das Unglück. Schon gleich beim Aufbruch hatten wir uns verrannt und waren an der falschen Talseite bergwärts gewandert. Vergebens hatten wir uns gemüht, den Bonne-Bierre-Bach zu überschreiten. Nach einer verlorenen Stunde mussten wir wieder hinab nach La Berarde, und nun waren wir in dunkler Nacht weit über das Ziel hinausgewandert. Und trotz besserer Erkenntnis suchten wir und suchten immer hastiger dort oben nach der ersehnten Hütte. Es ist eben eine menschliche Schwäche, dass man einen gemachten Fehler dadurch besser machen will, dass man weiter wurstelt, statt rücksichtslos gegen sich selber niederzureissen, was schlecht war, und neu zu bauen begänne. Endlich aber kehrten wir doch um. Es war 11 vorbei, als wir hinter einem riesigen Felsblock versteckt den kleinen Steinbau fanden, etliche hundert Meter tiefer als wir gesucht. Ein Strohlager, einige Decken, ein kleiner Herd, etwas Geschirr, eine Bank und ein Tisch am erdigen Boden, so sind die Dauphine-Hütten eingerichtet; und der Bergsteiger ist dankbar und zufrieden. Da gibt es keinen Hüttenschlüssel und keinen Hüttenwirt und auch keine Hüttengebühr. Die Hütten scheinen dort nicht Einnahmsquelle für die verschiedenen Vereine zu sein. Der Bergsteiger ist Herr und Beschützer des kleinen Hauses und auch der einzige Gast; andere gelüstet es nicht, dort Obdach zu suchen.

Zwei Franzosen schliefen in einer Ecke wie Murmeltiere. So leise als nur möglich richteten wir, was gerade nötig war, und legten uns dann still in die andere Ecke zur Ruhe.

Um 2 Uhr rasselt der Wecker. Etwas Tee blieb von gestern, den wärmen wir, nehmen schweigend unser Frühstück und treten dann in die Nacht hinaus. Nur wenig gebahnte Wege kennt das wilde Gebirge, und doppelt freudig begrüsst man es, wenn ein guter Pfad mühelos zur Höhe führt. Wir gehen ein Stück talaus, queren dann die östlichen Hänge und treffen so auf den Steig, der zum Col du Clot des Cavales führt. Eine Weile folgen wir ihm und freuen uns des leichten Weges. Zwischen Wolken durch blickt der Mond. Silberne Lichter gleiten über die Wände der Meije, blau glitzert das Eis zu ihren Füssen. Bäche rauschen in stetem Gleichmass, zu leuchtenden Wolkenschleiern, zu fernen Gipfeln, die kaum das Auge zu erreichen vermag, irren die Blicke, und die Gedanken gleichen der Sehnsucht nach nie geborenen Stunden, unwirkliche Wirklichkeit, wahr gewordene Träume.

— Nun führt der Weg auf einen Rücken hinaus, und wir müssen ihn lassen. Beschwerlich ist aber das Schreiten über gefrorene Erde, über loses Geröll und grobes Blockwerk. Über Schroffen und Rasen und Schuttkämme wandern wir aufwärts zum Eis. Weit über seiner schmutzigen, spaltigen Zunge betreten wir den Gletscher. Hoch über uns ragen die wilden Gipfel der Grande Ruine und tragen unser Ziel auf ihren erhobenen Armen. Seil und Eisen ziehen wir an und steigen weiter. Rastlos ist unser Gehen, doch schwer erkauft jeder Schritt, denn tief bricht der Fuss durch die Harschschicht. Immer wilder wird die Umgebung, immer gewaltiger die Wände vor uns. Schier senkrechte Eisrinnen reissen sich zur Höhe, kühne Grattürme krönen die Mauern, klaffende Spalten gähnen im Eis. Weiter draussen tauchen immer neue Gipfel hinter erst geschauten auf.

Der Grande Ruine-Gletscher ist in seinem mittleren Teil nicht gangbar; nur kurz ist der Bruch, aber haushohe Eiswände hinter riesigen Spalten geben keinen Weg frei. So muss man notgedrungen nach rechts unter die Wände des Pic Bourcet. Wohl ist erst das Licht des Tages über die Gipfel hingewandert, aber schon jetzt hören wir dort die Geschosse summen, die der Berg niederwirft. Ringsum liegen die Trümmer, und das Eis ist von einer Schicht von Steinchen bedeckt. In fieberhafter Eile queren wir kleine Spalten, klettern einen Eisturm hinauf, schlagen die wenigen Griffe und Tritte ins Eis. Ein Alpdruck weicht, wenn man den bösen Gang hinter sich gebracht, und gemächlich wandern wir ins obere Firnbecken. Jetzt springt eisiger Wind von den Bergen herab, Nebelfetzen hängen sich an die Gipfel, und von Tal zu Tal spannt sich grau der Himmel. Wir aber kriechen nach fünf langen Stunden Wanderns unter das schützende Zelt. Wohl ist es auch da noch bitter kalt, aber es lässt sich immerhin noch ertragen. Ohne dasselbe aber wäre eine Rast unmöglich gewesen, und wir wissen wohl, dass wir dann die Bergfahrt hätten aufgeben müssen. Dennoch sinkt unsere Hoffnung auf das Ziel immer tiefer, wie draussen Kälte und Sturm immer grösser werden. Und bloss um wenigstens etwas zu erreichen, beschliessen wir, auf den Col de la Casse deserte hinaufzusteigen. Heulend wirft sich der Wind entgegen. Eine schmale Gasse führt empor zur Höhe. Drückend hoch und steil sind links und rechts die Wände, und unheimlich brausender Sang tönt von den Scharten herab. Hier muss der Sturmwind brüllen, damit man sich als armer Erdenwurm fühlen kann in dieser urweltlichen Wildnis. Jenseits des Sattels, im Osten drüben, ragen die Felsburgen des Pelvoux, des Pic Sans Nom und der Ailefroide, Berge, wie sie Wallis und Mont Blanc nicht kennen, und gerade über uns ragen die Türme des Pic Bourcet. Hier sind Grate und Kanten und Wände, die keines Menschen Fuss betrat, ringsum zum Greifen nahe. Wer wagte es, sich an ihnen zu messen? Stumm stehen wir hinter einem Felsblock geduckt, schauen und staunen. Weit im Westen glänzt ein Berg im Sonnenschein.

Wie wir nach einer Weile wieder die obersten Hänge des Gletschers betreten, da erwacht nun doch wieder die Lust, zu streiten und zu wagen, trotz Kälte und Sturm. Am Fuss der Westwand der Grande Ruine queren wir den steilen Firn bis zum innersten Winkel, wo eine Rinne emporzieht. Aus dem blanken Eis heraus schlagen wir einen grossen Stand. Dort lassen wir die Eisen und gehen die Felsen an. Harte Arbeit leistet mein Freund, bis er einen Stand findet. Frierend bis ins Innerste komme ich nach; auf schmaler Kanzel schlecht verspreizt, sichere ich wieder. Noch schlechter wird der Fels, noch schwerer das Aufwärtsstreben, langsam nur gleitet das Seil durch die erstarrten Hände. Und wie dann die Aufforderung zum Nachfolgen kommt, hätte ich es kaum gemeistert und kann nur dem Gefährten danken, dass er den Weg erzwungen. Weiter oben bricht der Fels auf Schritt und Tritt. Klötze poltern und springen zerberstend hinab zum Eis. Endlich erreichen wir die Höhe des Grates, der zur Wand hinführt. Welche Tiefe droht da mit einemmal von Norden mit ihren Wänden, eisbehangen, wie krachen da die Steine hinab, die der tastende Fuss von der mürben Schneide bricht. Ein kurzer Firngrat setzt an und verliert sich bald in der Westwand. Senkrecht steigt sie vor uns auf in ungreifbarer Glätte. Jenseits des Eises zur Rechten wuchten die Wände des Pic Bourcet, zur Linken Pic Gaspard und die Meije, um nur die zu nennen. Hilflos sucht der Blick nach einem Flecklein milder Erde. Tiefe, Tiefe überall, und haltlos gleitet der Blick zu ihr hinab. Doch hinter einem schmalen Vorbau zieht verborgen eine Rinne entlang der Wand steil hinauf zum Südgrat. Blankes Eis birgt ihr Grund, und so liegt draussen an der Kante unser Weg. Prächtig ist der Fels, und der Weg ist ein förmliches Schweben über der Tiefe. Doch jetzt empfinde ich keine Lust. Im Frost schlagen die Zähne aufeinander, und starre Finger fassen die kalten Griffe. Und immer wieder haltlos rings die steilen Wände, die gleich tief unter mich hinabsinken und gleich hoch über mich emporsteigen und blankes Eis in ihren Ritzen. Da steigt ein Grat zu uns herab, eine Seillänge noch, und endlich ist er erreicht. Hinter dem Zacken in der schmalen Gratscharte heult der Wind, wir aber ducken uns lachend davor, und Sonne, zum erstenmal Sonne am heutigen Tag, bringt mir langsam die Freude zurück. Der Südgrat, über den wir nun schreiten, setzt breiter an, sanfter sind nun zur Rechten die Wände. Und wieder Sonne; wie wohl das tut. Über Platten steigen wir hinauf zum Gipfel der Grande Ruine. Nebelballen lagern ringsum. Doch bisweilen reisst der Wind die Schwaden auseinander. Dort die Ecrins, hier die Meije, Pelvoux, Ailefroide und wie sie sonst noch alle heissen mögen, und weit draussen immer neue prächtige Berge. Unter uns zerrissene Gletscher und tief, tief unten einsame, wilde Täler. Und alle Gipfel starren in Wänden von Fels und Eis, stolze Burgen, zu welchen nur selten Menschen den Weg finden.

Dann klettern wir wieder den gleichen Weg abwärts. Dort wo der Westgrat an die Wand ansetzt, wollen wir eben queren, da sausen Steine.Von hoch oben hören wir sie kommen und sehen sie an den nächsten Felsen splittern. Eine Weile warten wir geduckt und sprungbereit. Doch wie es still bleibt, eilen wir abwärts. Im Abstieg verfolgen wir dann den Grat über eine Reihe von Türmen hinweg, bis die Wände zur Linken niedriger werden. Dort seilen wir uns ab. Inzwischen ist die Sonne stärker geworden und steht schon tief im Westen. Wo am Morgen der Fuss nur Ritzen in den Firn zu kratzen vermochte, hinterlassen wir nun tiefe Stapfen. Wir queren den Grat entlang zum Firnwinkel, wo geruhsam die Eisen unser harren. Wieder kommen surrend Trümmer aus der Wand und aus der Flanke unseres Grates, fliegen im Bogen über uns hinweg oder schlagen dort ein, wo wir eben gewandert. Endlich haben wir die Eisen erreicht, und sitzend fahren wir den steilen Hang hinab und über die Randkluft hinweg. Und nun stehen wir wieder im oberen Firnbecken, hoch, hoch über uns der Gipfel, den wir uns errungen.

In die Wände des PicBourcet gegenüber leuchtet die Sonne, und dauernd fallen Steine zum Gletscher herab. Unheimlich genug war uns der Aufstieg in den steilen Eisflanken unter diesem Berg. Im Abstieg wollen wir uns dieses Stück ersparen. So steigen wir mitten im Gletscher abwärts. Hier und dort versuchen wir es, und dort und hier ist unser Bemühen erfolglos. Gerne wagten wir einen tüchtigen Sprung. Doch zu hoch und zu steil sind die Eiswände, zu breit darunter die Kluft. So heisst es, den Anstiegsweg neuerdings zu durchwandern. Den Blick nach oben, eilig, Fuss vor Fuss gesetzt, so hasten wir über das Eis hinab. Doch kein Stein gefährdet unsern Gang, und nun ist alle Gefahr vorbei. Wir schreiten hastlos unsern Weg hinab ins Tal, und beim nächsten Quell halten wir die erste wirkliche Rast am Tag.

Zwei Tage später heulte der Schneesturm in den Bergen. Da führte uns das Auto talaus nach Le Bourg, und mit viel List und Geduld fanden wir ein anderes, das uns noch am gleichen Tag wieder hineinführte ins Gebirge, nach La Grave.

Tief hängen noch die Wolken über die Gipfel herab; nur bisweilen, wenn der Wind stürmischer wird, reissen sie für kurze Augenblicke auseinander, und dann schimmern die mächtigen Gletscher der Meije und des Râteau hoch über den Tälern. Die rotbraunen Felsen und weit noch herunter die Hänge glitzern im Neuschnee.Verloren wandern wir durch die leeren Gassen von La Grave; die Fremden sitzen hinter den Wänden der Gasthöfe unten an der Strasse. Bisweilen blickt uns das verwunderte Gesicht eines spielenden Kindes nach. Am andern Tag huschen hin und wieder Sonnenflecke über die Hänge. Da wandern wir die Strasse talein, nach Villard d' Arène: ärmliche Häuser, die Kirche von schreienden Andenken an den Krieg verunziert, ein paar schmutzige Gaststuben, ein Kriegerdenkmal am Marktplatz. Gemächlich wandern wir weiter. Bei einer kleinen Kapelle sitzen wir und schauen ins Land hinaus. Der Wind treibt eilig die Wolken oben an den Bergen weiter und zerzaust uns hier unten im Tal die Haare. Fremd sind wir wohl hier, und dennoch dünkt uns alles heimatlich. Die engen Täler, die Felder an den Hängen, die Berge und der schwere, graue Himmel; doch dann sehen wir wieder die breiten Strassen, nun kommt ein Autocar hinter dem anderen, die Dörfer sind anders und die Menschen. Weiter oben treffen wir eine verlassene Ortschaft; ein unendlich trauriges Bild, wie die Dächer faulen, wie die Fenster fehlen und die Türen weit offen stehen und keines Kindes Lachen und keines Menschen Schritt im kleinen Dorf erschallt.

Nur die Kapelle ist fest verschlossen. Eine schwere Stimmung, fast Traurigkeit, kehrt in uns ein, wie wir weiter wandern. Und der trübe Tag ist wie geschaffen für diesen Gang. Über Wiesen zieht ein Weg empor, eine Rasenkuppe ragt ins Tal hinein; dorthin wollen wir. Am Weg blühen tausenderlei Blumen, verschwenderisch ist die Natur mit Farben und Formen. Der Mensch aber, dem sie blühen sollte, er allein fehlt.

Ein breiter Steinmann steht am Gipfel. Wie Spielzeugdörfer liegen an den Hängen die Häuser aus Stein gebaut um das steinerne Kirchlein. Gegenüber ragen abschreckend steil und hoch die Wände der Meije aus dem Eis. Breit liegt im Westen das Plateau de Paris in andächtiger Ruhe. Es ist, als habe dort der Schöpfer gerastet, nachdem er rings die steilen Berge erschaffen. Regenschauer streifen über uns weg, grau hängen die schweren Wolken und verdecken jeden Blick gegen Norden. Eine Weile bleiben wir sitzen dort oben. Still ist es, kein Vogelschrei, kein rauschender Bach, nur der Wind wirft Wellen ins tiefe Gras. Über steile Hänge steigen wir ab. Wieder ist ein verlassener Ort am Hang, verwachsene Steiglein führen hinab nach La Grave.

Nach Mittag des nächsten Tages steigen wir empor gegen das Hüttlein am Rocher de l' Aigle. Im breiten Firnsattel hinter dem Bec de l' Homme steht es an eine Felssäule gelehnt und schaut hinaus in unermessliche Ferne. In übermächtig breiten Strömen fliesst das Eis hernieder. Ein kleines Steiglein leitet am steilen Hang empor. Mählich verstummt des Baches Rauschen. Nun schreiten wir über Wiesen hin, und aus dem Grün leuchten allenthalben die weissen Sterne des Edelweiss. Dann wieder wird der Hang steil und steiler. Zur Linken grenzt ein scharfer Grat, der zum Pic de l' Homme emporzieht, unsere Welt. Rechts ragen abenteuerliche Eistürme und Klötze aus dem Firn. Und jenseits des Tales der Romanche das Land des Friedens, das Plateau de Paris mit seinen grünen Matten und seinen leuchtenden Seeaugen, hoch über dem Tal. Über Trümmer steigen wir mühsam empor und umgehen so die Zunge des Tabuchetgletschers. Wie wir dann am letzten Felsblock sitzen und uns die Eisen anschnallen, brechen drüben an der Zunge Eistürme nieder. Mit dumpfem Krachen stürzen sie über die Wände hinab bis ins Grün der Wiesen. Dort weit unten liegen jetzt die blauschillernden Trümmer. Ein paar Tage, und die Zeichen vom Gehen und Sterben der Gletscher werden zerflossen sein. Weiter wuchert das Grün des Berggrases, und das Schmelzwasser war bloss willkommene Labung. Durch Stunden steigen wir dann noch über den Gletscher empor, umgehen Klüfte, überschreiten andere, eine mühevolle Wanderung am späten Nachmittag. Mit jähen Felsen steigt der Grand Pic aus Nebeln empor; an allen Graten hängen sie, ziehen über uns hin, verschlingen der Gletscher Weiss, täuschen dort Weiten vor, wo Berge ragen, nehmen dort der Unendlichkeit ihre Ferne. Dann wird das Eis flach, weit drüben stehen einzelne Eistürme und scheinen mir im Nebel müde Wanderer, die hier der Erlösung harren. Die Wände links sind klein geworden, und mit ihnen sinkt der Pic und Bec de l' Homme zu uns herab. Am Gletscherrand, an dunkeln Fels gebaut, steht die Hütte. Gleich neben ihr bricht das Eis steil in die Tiefe, Hunderte von Metern unter uns drohen Klüfte und Spalten. Jenseits aber ragen wilde Felsgestalten, rings umgürtet von schwarzen, steilen Wänden. Sie gehören zu den wildesten Bergen, die ich je gesehen. Dort drüben ragen sie in Einsamkeit, kaum betritt je eines Menschen Fuss ihre sturmumbrausten Zinnen. Herzlich willkommen ist uns nach langer Wanderung die Hütte, die uns willig ihre Pforte öffnet. Wir richten das Wenige, was zu richten ist, und kochen unsere bescheidene Mahlzeit. Dann treten wir wieder hinaus. Und jetzt wallen alle Nebel unter uns, und versunken ist das Tal und alle Nichtigkeit. Rot glühen die Nebel im Licht der scheidenden Sonne, rot glänzen die tief verschneiten Felsen der Meije, gegenüber der Pic Gaspard und seine wilden Vasallen, ringsum das Eis mit Blöcken und Türmen. Leuchtend blau über allem der Himmel. Scharf und kalt weht die Luft. Wie die Dämmerung heraufzieht, scheinen mir die Klötze dort drüben Eisbären zu sein, die auf ihrer Scholle sitzen und mit täppischen Gebärden miteinander spielen.

Unter warmen, riesigen Decken, auf weiches Stroh gebettet, ist die kalte Nacht so gut verbracht wie selten im Tal. Wie wir aufbrechen, begleitet die Freude unsern Weg. Klar spannt sich der Himmel über tausend Berge, fern leuchtet schon im Morgensonnenschein der weisse Berg, tritt hoch hinaus über alle anderen. Mit scharfen Klingen steigen uns gerade gegenüber die Aiguilles de Arve empor. Auf hartem Firn steigen wir mühelos aufwärts. Dann kommt die Eiswand, kaum eine Seillänge legt sich Fels in unseren Weg, scharf und schärfer leitet der Eisgrat zur Höhe, ein steiler Rücken und wieder schmaler Grat. Nur selten haut der Pickel zu, und dann fliegen Schnee und Eis hoch hinaus mit dem Morgenwind. Nun stehen wir auf dem Gipfel des Pic Oriental de la Meije. Phantastisch ragt der Pic Central hinaus über die Tiefe, in lockender Schönheit sonnt sich das stolze Hörn des Grand Pic. Doch wie die Berge in der Runde auch alle heissen mögen, so herrlich ihre stolzen Leiber glänzen und gleissen im Gewand des frischen Schnees, das Eindrucksvollste ist doch der Blick hinab nach Süden, der unvermittelt tausend Meter unter uns das Eis des Glacier des Etançons findet. Und wie um menschliche Kleinheit so recht zu zeigen, schreiten dort unten drei Pünktchen — oder sind es ihrer vierund mühen sich langsam, langsam im Eis empor. In Eis und Schnee ragt heute unangreifbar der Berg über ihnen.

Doch jetzt gilt es Abschied nehmen. Schwerer steige ich mit jedem Schritt dem Tale zu. Langsam versinken mir die Bilder. Wie viele werde ich mir bewahren, und Abschied nehmen ist immer traurig, Trennung immer schwer. Schritt um Schritt sinkt in Vergangenheit, Erinnerung mag mir mein Leben lang wieder geben, was mir einst Stunden grosser Freude schufen. Zu Mittag schon stehen wir im Tal. Ein Auto trägt uns zur Stadt. Noch schauen wir zurück zu den reinen, eisigen Höhen, den geborstenen Firnen. Unter uns singt die rauschende Romanche in tiefer Schlucht ein ewiges Danklied. Dörfer fliegen vorbei, nun kommt die Stadt. Am Abend wandern wir durch die Strassen von Grenoble, Menschen unter eiligen Menschen, selber rastlos und dennoch erfüllt vom Licht ewiger Berge.

VII15 Hinaus in weite Ebenen führt uns die Bahn, Kornfelder glänzen, Häuser mit roten Dächern leuchten aus fruchtbarem Grün, und langsam gleiten die Wellen des Flusses. Da tauchen am Horizont neue Berge auf, weiss schimmernd, und die Sehnsucht fliegt uns voraus mit unserem jubelnden Gruss. Und eh der neue Tag zur Neige geht, stehen sie wieder vor uns. Dort hinauf schaut Saussure mit begeistertem Auge. Und neue Freuden schenkten mir auch diese Berge.Vergangen sind die Tage, langsam, manche Stunde, und doch zu schnell, viel zu schnell alle. Und nun?

Von allen Gipfeln blickte ich hinaus, sah hinter Bergen Täler niederziehen, sah sich die Lande dehnen, nur Hügel nenn'ich diese Höhen noch dort draussen weit, und Reben tragen ihre sanften Hänge. Und weiter noch, ich ahnt'es bloss, mein Auge vermocht* nicht mehr zu erreichen, dort spiegelt wohl des Meeres blaue Weite. Und blickt'ich schärfer, fand' tief, tief unter mir wohl kleine Häuser stehen. Nicht so weit drang des Getriebes Lärm herauf; denn Fels und Firn und Berg und Tal lagen zwischen uns.

Wie klein seid ihr dort unten doch, ihr stolzen Bauten, ihr, alle Werke, die des Menschen Hand geschaffen! Den kleinen Gipfel sieh dort, an dem die Ewigkeiten nagen. Wie nichtig ist all unser Bauwerk gegen ihn. Und wie klein erst bist du, Zwerg Mensch, der es erschafft; ich vermag dich nicht an deinem Arbeitsplatz zu schauen, wie du dort deine Hände regst. Und dennoch, all die kleinen Räder, die er dreht, sie laufen und greifen in die grossen ein mit ihren kleinen, scharfen Zähnen und drehen langsam, langsam, schwer und wuchtig des Geschehens grosse Welle. Ich aber stehe nun am grossen Lager Erde, auf dem die Achse läuft, und sehe, wie sie ein Grösserer mit seinen starken Händen hält und wachend sie betreut. So stehe ich stumm und blicke hinab in meine Welt. Und plötzlich fällt mir ein: Dort unten ist dein Platz und ist jetzt leer. Kein blosser Gaffer sollst du sein, sollst mitdrehen auch; ganz klein und unbedeutend ist dein Rad, doch bist du Dreher auch und nicht ein gänzlich zwecklos Ding auf Erden. Und lieber kehre ich wieder heim, zurück, hinab ins Tal und drehe gern das kleine Rad, das mir mein Schicksal zugewiesen. Und kommt dann wieder Feiertag, so will ich wieder feiernd schauen auf die grosse Werkstatt und will mich freuen, dass aus ihr ein Sonnenweg zu hoher Warte führt.

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