Der Ätna als Erlebnis

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Mit 3 Bildern.Von William Matheson.

In einer wundervollen Frühlingsmondnacht verweilte ich im griechischen Theater zu Taormina. In den alten Kultstätten leben noch die Götter, und an solch geweihter Stätte in abgeschiedenster Einsamkeit kann zu einer sehr seltenen Stunde geschehen, dass unsere innerste Saite in jene Schwingung gerät, die uns erlöst und beglückt. In mystischer Andacht versunken « erwachte » ich erst, als mich ein leiser, kalter Windstoss die harte Nähe der Berge spüren liess. Aber dann gab ich mich restlos der Bewunderung eines der schönsten Ausblicke auf unserem Erdenball hin, dem einzigartigen und von vielen Poeten besungenen Blick zum riesenhaften Feuerberg.

Durch die Lücke des säulengeschmückten Bühnengebäudes des antiken Theaters, in dem der Vollmond sein phantastisches Schattenspiel trieb, schweifte der Blick über die im silbrigen Mondlicht sich badenden Dächer Taorminas zum Ätna, « der Säule des Himmels ». Scheinbar unnahbar erhebt sich der mächtige Vulkan in einem breiten Dreieck aus dunklem Grund, langsam heller und heller werdend, empor zur leuchtendweissen Kraterspitze, menschen-fern, wie eine Verheissung.

Die Nacht war so hell und die Luft so klar, dass der dämonische Berg in seiner ganzen bezaubernden Schönheit zu überblicken war. Eine schmale Rauchfahne segelte in südlicher Richtung davon, sonst war alles ohne Bewegung, alles Ruhe, alles Stille. Stundenlang könnte man das trunkene Auge auf dieses Wunder eingestellt haben und würde des Schauens nicht müde.

Doch wie schaurigschön muss erst der Anblick dieses Ätna sein, wenn Hephaistos, der Schmiedegott, im Innern des Berges aus der heissen Erd-glut sein Feuer anfacht und den Hammer schwingt, während die Zyklopen die Blasebälge bedienen, bis die Erde bebt und aus dem Riesenschlund die Flammen in den Sternenhimmel lodern! Aber wie schmerzlich muss es dann einen berühren, wenn wieder einmal mehr ein heisser Strom gleich einem glutigen Gesteinsbrei, von unergründlicher Macht geschoben, sich zu Tale wälzt, krachend und polternd, flammend und rauchend, alles der Vernichtung weihend: Gärten und Weinberge, Häuser und ganze Ortschaften. Da es nicht ratsam sein soll, eine Ätnabesteigung ohne ortskundige Führung zu unternehmen, setzte ich mich zuvor mit dem seit 25 Jahren in Catania niedergelassenen Schweizer Alpinisten Gustav Zuber in Verbindung. Er ist der eifrigste Ätnagänger und wurde vor zwei Jahren aus Anlass seiner hundertsten Besteigung des « Königs der Berge », als auch in Würdigung seiner Verdienste um den Bergsport in Sizilien im allgemeinen, vom Club Alpino Italiano zu dessen Ehrenmitglied ernannt. Sein siebzehnjähriger Sohn Carlo, der vom Vater schon früh in die Geheimnisse des heiligen Berges eingeweiht wurde, anerbot sich in liebenswürdiger Weise, die Führung zu übernehmen. Der Dritte im Bunde war mein Reisebegleiter Arthur Eiser aus Neuchâtel, der schon bei der Griechenlandfahrt des S.A.C. vom Jahre 1934 mit dabei war.

Die Alpen — 1939 — Les Alpes.19 Bergtüchtig ausgerüstet, bestiegen wir in Catania das Auto, das uns auf der neuen, idealen Autostrasse über Nicolosi zur Casa Cantoniera in 1882 m Höhe hinaufführte. In dreiviertelstündiger Fahrt erreicht man aus der subtropischen Randzone des Meeres die alpine Region. Anfänglich führt die Strasse an prächtigen Gartenanlagen vorbei, aus denen Palmen und Pinien, Oliven und Zypressen und vor allem Blumen in den leuchtendsten Farben grüssen, dann geht es durch fruchte- und blütenbehangene Orangenhaine, goldgelbe Kornfelder, üppige Weingärten, in denen der berühmte « feurige Ätnawein » gedeiht, abwechlungsweise über Lavaströme und immer wieder von riesigen Opuntien und Agaven umwuchert, hinauf in den breiten Waldgürtel der Kastanien und Eichen, Birken, Buchen und riesigen Ginsterbäume. Bei ungefähr 1700 m Höhe beginnt eine dürftige Vegetation mit alpinem Charakter.

Nahe dem Endpunkt der Strasse liegt in 1715 m Höhe das neue, moderne Ätnahotel. Während sich hier in dieser voralpinen Umgebung im Winter die sportlustige Jugend Catanias auf Ski tummelt, fliehen im Sommer die reichen Catanier vor der Mücke und Hitze in diese kühle Berglandschaft hinauf. Wir machten jedoch in dem in der Nähe gelegenen einfachen Turisten-haus « Capanna Azzurra » unsern Halt, wo wir für bescheidenen Preis eine Riesenportion Spaghetti hinunterschlürften.

Nachts halb 10 Uhr verliessen wir das Berggasthaus und marschierten auf der harten Autostrasse zur Casa Cantoniera hinauf, in der sich das Observatorium befindet, das wir in einer halben Stunde erreichten. Der Himmel war wolkenlos, und der Vollmond beleuchtete das wilde, öde Gebirge so hell, dass das Auffinden und Einhalten des Fussweges keine Mühe verursachte. Gleich geht es über einen steilen, arg durchfurchten Hang hinauf, und nach einstündigem, mühsamem Aufstiege hatten wir so ziemlich das steilste Wegstück hinter uns. Auf die ohnehin schon kümmerliche Vegetation folgte nur noch spärlicher Pflanzenwuchs. Als die charakteristischste Pflanze bleibt mir ein in kleinern und grössern Umfangen vorkommendes Rasenpolster mit lilafarbigen Blüten in Erinnerung; denn als meine Hand erstmals nach diesen Blümchen langte, fuhr sie wie von einer Tarantel gestochen zurück. Die nähere Untersuchung mit der Taschenlampe ergab, dass diese Pflanzenpolster igel-gleich mit langen Stacheln geschützt sind.

Schwarz und nackt stürzen die Wände des rechts herabziehenden, wildgezackten Grates in die Talmulde, und schwarz und nackt ziehen auch die Lavafelder voller scharfkantigen und wirr durcheinandergeworfenen Lavablöcke auf dem von uns begangenen breiten Hang talwärts. Nirgends sprudelt eine Quelle, nirgends fliesst ein Bächlein, das Leben in dies tote Gebirge bringen könnte!

Kein Laut war zu vernehmen, weder der Pfiff oder der Flügelschlag eines Vogels noch das Zirpen einer Grille. Und da zudem noch völlige Windstille herrschte, konnte man den Eindruck nicht los werden, in einer Mondlandschaft zu wandern. Ich fühlte mich darob keineswegs bedrückt, im Gegenteil, ich war überglücklich, in dieser feierlichen Stille und in meinem Einsamkeits-trieb bedauerte ich sogar, nicht völlig allein zu sein. 0, endlich einmal eine absolute Stille, endlich einmal fern von jeglichem Lärm, und besonders dem Wohnlärm! Ich bin gewiss kein Gegner der technischen Errungenschaften und auch nicht von Nervosität befallen, aber heutzutage wird einem doch zu oft die Mittagspause gestört und das Paradies des Abendfriedens geraubt. Nun habe ich höchst unerwartet in der Einsamkeit des Ätna die beglückende Stille gefunden, und dies war mein erstes schönes Ätnaerlebnis.

Schweigsam stiegen wir weiter, höher, vorbei an längst erloschenen Nebenkratern. Auch an einem grossen Schneesammelbecken kamen wir vorüber, das im Winter vollends mit Schnee aufgefüllt und im Frühling zum Schutze vor der Sonne zugedeckt wird. Im heissen Sommer bringen dann Krämer « frischen Schnee vom Ätnagipfel » auf Maultieren nach Catania, sehr begehrt von der unter der Hitze leidenden Bevölkerung.

Allmählich kamen wir in die wirkliche Hochregion hinauf, wo die unter der Nachtkühle hart gewordene Schneedecke unseren Anstieg nicht sonderlich behinderte. Um Mitternacht rasteten wir bei einem kleinen Steinhüttchen ca. 2500 m und betraten nach eineinhalb Stunden das Plateau « Piano del Lago », wo auch die schon von weitem sichtbare Schutzhütte, die « Casa Etnea », liegt, die wir um 2 Uhr nachts erreichten.

Diese Schutzhütte, am Südfuss des mächtigen Aschenkegels an scheinbar geschützter Stelle in 2937 m Höhe gelegen, ist ein einstöckiger, breiter Steinbau mit der mächtigen Kuppel des Observatoriums, worin die Instrumente untergebracht sind, die von Zeit zu Zeit kontrolliert und registriert werden. In der einen Hälfte des Hauses hat der Club Alpino Italiano ein Turistenzimmer und einen Schlafraum. Wir konnten aber diese Räume nicht betreten, weil zu grosse Schneemassen die Eingangstüre verrammten, daher mussten wir vor der Hütte rasten. Glücklicherweise herrschte noch immer Windstille, so dass wir unter der uns prophezeiten grossen Kälte nicht zu leiden hatten. Der Vollmond überschüttete nach wie vor die ganze Landschaft mit seinen Silberstrahlen.

Um 3 Uhr machten wir uns an das letzte Teilstück, zum Aufstieg auf den Kraterkegel. Über Schnee, Geröll und Asche, hin und wieder über unheimliche kleine Erdspalten, denen stark schwefelhaltige Dämpfe entwichen, stiegen wir in vielen Zickzacks mühsam zum Kraterrand hinauf.

Ein Blick zurück in die Tiefe zeigte uns nochmals das grosse, funkelnde Lichtermeer über der Stadt Catania. Und wie wir dann langsam an Höhe gewannen, gewahrte ich plötzlich, dass der Mond, der während der ganzen Nacht über dem Altar des Himmels thronte, an Leuchtkraft stark verloren hatte, dass es um mich heller und heller wurde und mit einem Ruck Tag geworden war.

Dumpfe Detonationen im Erdinnern schreckten mich auf. Rufen die Götter? Das Herz begann zu rasen, das Blut zu jagen und mit einer letzten Anstrengung eilte ich wie in einem Sturmangriff zum nahen Kraterrand hinan. In der gleichen Minute, wie ich die höchste Spitze betrat und erwartungsvoll den Blick nach Osten richten wollte, o Wunder, fuhr der Sonnenwagen des Helios aus dem Meere herauf und entzündete mit einem Gold-funken den werdenden Tag. Fiat Lux! Es werde Licht! Es war genau halb 5 Uhr. Also hatte unser Aufstieg von der Cantoniera her volle sieben Stunden in Anspruch genommen.

Rasch vergrösserte sich der Goldpunkt und wurde zu einem riesigen, majestätischen Feuerball. Der Sonnengott muss mit mir höchst zufrieden sein, denn wie ich schon auf dem Olymp, « wo die Götter ewig wohnen », den Einzug des Lichtes in wunderbarer Pracht erlebt hatte, so schenkte mir der Lichtgott auch auf dem Ätna Sonnengold im Überfluss. Und überflutet vom strahlenden Glanz dieses apollinischen Lichtfestes vergass ich Umwelt und Wirklichkeit und erlebte — o Mystik der Gnadenstundewieder einmal mehr Hellas. Das Hellas der Mythen und Sagen, das Hellas der Götter und Helden. Versunken in dieses Erlebnis sah ich Hephaistos sein herrlichstes Kunstwerk schaffen, « den Schild für Achilles ». Ich möchte aber nicht bei einer längeren Schilderung der « innern Schau » verweilen, sondern gleich versuchen, das einzigartige und unvergessliche Panorama mit seinen unendlichen Fernen zu schildern.

Ringsum liegt ganz Sizilien, « Trinakria », wie es im Altertum genannt wurde, eingerahmt von den drei Meeren, dem Tyrrhenischen, dem Ionischen und dem Afrikanischen, aus denen die Liparischen Inseln, die Stiefelspitze Kalabrien und die Insel Malta aufsteigen, während der Horizont ringsum in die Unendlichkeit versinkt. Ob hinter dem lilybäischen Vorgebirge bei Marsala wirklich noch Afrikas Küste gesehen werden kann?

Reliefartig liegt die ganze Insel zu unsern Füssen: Städte, Dörfer und Gärten, Wälder, Äcker und Berge, die in den Farben weiss, braun und grün mit allen Abstufungen heraufleuchten und mit dem Schwarz der Lavamassen des Feuerbergs kontrastieren. Plötzlich gewahrte ich über der ganzen nordwestlichen Insellandschaft ein dunkles, gleichmässiges Riesendreieck, das ich aus der Erinnerung der Literatur denn auch gleich als den berühmten Ätna-schatten erkannte, der kurz nach Sonnenaufgang entsteht und mit dem zunehmenden Sonnenstand wieder vergeht.

In der Rundschau fesselt besonders der Blick auf Taormina und der Küste entlang bis zur Strasse von Messina hinauf und hinüber zu der ganz Kalabrien herabziehenden, riesig langen Bergkette der Neapolitanischen Apenninen. Nordwärts schweift das Auge über die Bergkette der sizilischen Monti Nebrodi zu den aus dem tiefblauen Meer aufsteigenden Liparischen Inseln mit dem dritten italienischen Vulkan, dem Stromboli. Im Süden suchte ich umsonst Catania, denn die mit dem wachsenden Tag immer stärker werdende Rauchwolke aus dem Krater wurde von einem leichten Winde in jene Richtung abgetrieben. Auch das ferne Syrakus verschwand immer mehr hinter zarten und duftigen Schleiern, Syrakus, die einstige Welt- und Millionenstadt, in der die hellenische Kultur ihre tiefsten Wurzeln geschlagen hat. Die Erinnerung an diesen Glanzpunkt des alten Hellas, den ein Pindar besungen, der einen Piaton zu Gaste geladen und einen Archimedes hervorgebracht, versetzt den empfindsamen Wanderer in eine eigenartige Stimmung.

Wenden wir nun das Interesse wieder dem Krater zu, in den sich im 5. Jahrhundert v. Chr. der grosse Naturphilosoph Empedokles gestürzt hat, um sich den Göttern zu opfern. Leider verunmöglichten andauernd aufsteigende, dichte Rauchwolken ein Hinabklettern in den Kratergrund. In Catania ansässigen Schweizer Bergsteigern soll es schon hie und da geglückt sein, an raucharmen Tagen in den etwa 300 m tiefen Kessel hinabzusteigen. Wir konnten an dieses Unterfangen gar nicht denken, weil der Krater so stark rauchte, dass wir nur in seltenen Momenten bei unserem Rundgang auf dem Kraterrand hin und wieder einen Blick auf den Kraterboden, als auch ab und zu hinüber auf den jenseitigen Kraterrand werfen konnten, öfters mussten wir ob den starken Schwefeldämpfen Mund und Nase schliessen und den Atem verhalten. Wiederholt wurden wir durch heftige Detonationen aufgeschreckt, die uns Kunde gaben von den im Innern des Berges noch immer schaffenden Feuerkräften.

Inzwischen hatte unser Gipfelaufenthalt bereits zwei volle Stunden gedauert, und nach dem unvergesslichen Erlebnis auf dem « Heiligen Berg » machten wir uns freudigen Herzens an den Abstieg. Noch ein letzter Blick rund um die Insel, ein froher Jauchzer hinunter in die « Hölle », dann schieden wir. In kaum einer Viertelstunde standen wir schon wieder beim Ätnahaus und schalteten hier eine längere Frühstücksrast ein. Zu unserem Leidwesen machte sich der Ätna als Wolkenmagnet stark bemerkbar, denn schon gegen 8 Uhr war der ganze obere Teil des Berges plötzlich von Wolken verhüllt. Aus diesem Grunde mussten wir auch den beabsichtigten Abstieg ins « Val del Bove » aufgeben und benützten wieder unsern nächtlichen Aufstiegsweg. Müde ob des ungewohnten Gehens auf dem harten Lavaboden, waren wir froh, endlich bei der Casa Cantoniera angekommen zu sein. Das Auto trug uns in gehobener Stimmung nach Catania hinunter.

Am Abend war der Ätna wieder völlig wolkenlos. Traumhaft schön leuchtete die weisse Kraterspitze vor dem tiefblauen Himmel des Ostens. Da hielt es mich trotz der grossen Müdigkeit nicht mehr in der Stadt zurück. Ich liess mich aus dem Häusermeer hinausfahren, um an irgendeinem einsamen Ort nochmals mit dem « Heiligen Berg » Zwiesprache zu halten. Auf Lavaboden, in der Nähe des leise rauschenden Meeres und umhaucht vom fremden Dufte naher Gärten, sass ich unter dem vollen Mondlicht und schaute lange hinauf, dankbar für das einzigartige Bergerlebnis.

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